Evidenzbasierte Medizin und Homöopathie (II) -Den Horizont erweitern

Wir haben im ersten Teil dieses Beitrags gesehen, wie sehr die Pseudomedizin davon profitiert, dass sich die evidenzbasierte Medizin weithin auf den reinen empirischen Outcome konzentriert – und dass dies zwar eine unter vielen Aspekten hervorragende Idee ist, aber eben keine Beurteilung einer Evidenz in einer wissenschaftlichen Gesamtschau leistet. Sie ist eine notwendige, aber nach Ansicht vieler keine zwingend hinreichende Bedingung für die Begründung von Evidenz. „Evidenzbasierte Medizin und Homöopathie (II) -Den Horizont erweitern“ weiterlesen

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Was macht die Homöopathie zum großen Problem?

Der Drache des confirmation bias vor der Höhle der rationalen Erkenntnis

Vor kurzem postete das Informationsnetzwerk Homöopathie in den Sozialen Medien:

“Homöopathiekritik ist weder Hass noch Hetze.
Es ist einfach eine rationale Kritik an einer irrationalen Methode”.

Besser und kürzer kann man viele Aspekte des Umgangs mit der Homöopathie gleichzeitig wohl kaum auf den Punkt bringen. Und in der Tat braucht man es eigentlich auch gar nicht.

Die Homöopathie selbst wird fortexistieren, ein Aspekt, den jeder ernsthafte Homöopathiekritiker nicht bestreiten, ja, als Selbstverständlichkeit akzeptieren wird. Es wäre von daher seinerseits irrational, etwa ihre “Abschaffung” oder gar ein “Verbot” zu fordern und ein solches unsinniges Ziel gar mit “Hass” und “Hetze” zu verfolgen. Solches wird man deshalb in den Stellungnahmen von ernstzunehmenden, auf wissenschaftlichem Fundament stehenden Kritikern nirgends finden. Diese zielen auf die verzerrte Wahrnehmung und die ungerechtfertigte Rolle der Homöopathie in der Gegenwart ab, insbesondere auf ihre Position innerhalb von Medizin und Gesundheitswesen und den falschen Wissenschaftlichkeitsanspruch. „Was macht die Homöopathie zum großen Problem?“ weiterlesen

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Gibt es “mehrere Medizinen”? Alternativ, komplementär, integrativ…

Was soll das ganze Gerede von alternativer, komplementärer und auch integrativer Medizin eigentlich? Gibt es mehrere Medizinen? Oder soll hier verschleiert, verunklart, sollen Begriffe in- und übereinandergeschoben werden, um Grenzziehungen zu verwischen? Grenzziehungen zwischen Medizin und Nicht-Medizin?

Setzen wir die Definiton von “Medizin” im heutigen Sinne vornean: Medizin ist das, was nachweislich (belegbar) spezifisch wirkt und was wegen der Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit der Wirksamkeit und des Auftretens von unerwünschten Wirkungen zuverlässig abschätzen zu können, auch verantwortlich beim individuellen Patienten zur Behandlung eingesetzt werden kann. Was ziemlich genau den Kerngedanken der evidenzbasierten Medizin entspricht.

Und das Wort  “Alternativmedizin”?  Was soll denn zu der gegebenen Definition von “Medizin” eigentlich “alternativ” sein? Gibt es eine “Alternative” zu Mitteln und Methoden, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ein positives Verhältnis zwischen spezifischem Nutzen und Risiken aufweisen und hinreichend wahrscheinlich  vorhersehbare Wirkungen erzielt werden können? Ersichtlich doch nicht! Bleibt nur die Deutung, dass “Alternative Medizin” der Gegenpol zum Medizinbegriff sein soll, also etwas, das eben nicht nachweislich wirkt? Das doch wohl auch nicht. Damit ist der Begriff der Alternativmedizin schon als sinnloser Leerbegriff, als manipulatives Wortgeklingel, entlarvt. (Prof. Edzard Ernst hat folgerichtig sein letztes Buch mit “SCAM – So called Alternative Medicine” betitelt.

Nehmen wir die “komplementäre Medizin”. Hier kommt es auf einen anderen Punkt an. Niemand wird bestreiten, dass es viele evidenzbasierte Begleitbehandlungen gibt, die nicht der primären Therapie dienen, sondern etwa der Linderung von Therapiebeschwerden, der Schmerzbekämpfung, der Wundheilung und was es an sekundären, den Patienten quälenden Begleiterscheinungen von Krankheit und Behandlung sonst noch so gibt. Dafür wäre aber eher der Terminus “komplementäre Behandlung” sinnvoll. Es geht auch bei den evidenzbasierten komplementären Behandlungen um den oben ausgeführten Kernbegriff der “Medizin”. Diesen Rahmen hat Prof. Edzard Ernst in seinem Buch “Praxis Naturheilverfahren: Evidenzbasierte Komplementärmedizin” abgesteckt.

Leider zeigt die Erfahrung aber, dass der Begriff der “komplementären Medizin” in aller Regel vielmehr dazu dient, eben nicht evidenzbasierte Dinge in den Kontext der evidenzbasierten Medizin einzuschmuggeln – nach dem Motto, kann ja nicht schaden – und wenn es dem Patienten nachher besser geht, machen wir eine “Versorgungs- oder Beobachtungsstudie” und schreiben uns die Besserung auf unsere Fahnen. Wobei häufig durchaus nicht stört, dass ohne Vergleichsgruppe niemand auf der Welt sagen kann, ob die Mittelchen der alternativen Fraktion auch nur ein Jota zu Besserung beigetragen haben, wenn sie “komplementär” zur wissenschaftsbasierten Standardbehandlung verabreicht wurden. Wobei das auch mit der Vergleichsgruppe in Beobachtungsstudien immer so eine Sache ist, bei unvergleichbaren Gruppen,  aufgrund rein subjektiver Befindenseinschätzung und was dergleichen mehr Faktoren sind, Beispiel siehe hier. Beobachtungs- bzw. Verlaufsstudien sind eben keine Wirksamkeitsstudien, per definitionem nicht. Wieder nur ein Mäntelchen aus Begriffen und Worten, in diesem Falle auch noch mit dem Ziel, von Trittbrettfahrerei zu profitieren? In hohem Maße: Ja. Wenn eine Methode nicht außerhalb ihrer “komplementären” Anwendung ihre wissenschaftliche Validität belegt hat, steht sie stark im Verdacht, per Trittbrettfahrerei profitieren zu wollen.

Und “integrative Medizin”? Offenbar, obwohl schon immer gängig, das neue Mode-Buzzword der pseudomedizinischen Fraktion. Ganz offensichtlich aber ein Leerbegriff, der das Problem sogar noch weiter steigert. Die “alternativ-komplementäre” Szene hat realisiert, dass sowohl  “alternativ” als auch “komplementär” irgendwie inzwischen als Begriffe “verbrannt” sind, zudem das Odium in sich tragen, keine “wirkliche” Medizin zu sein. Das eine ist “anders”, das andere “nur zusätzlich”. Damit will man sich nicht zufrieden geben. Und so wärmt man mit dem so freundlich-entgegenkommend klingenden Begriff des “Integrativen” wieder die überholte These vom “Besten aus beiden Welten” auf, das von der Evidenzbasierten Medizin in den Bereich des pseudo-epistemologischen Wortgeklingels verwiesen worden ist. Solche Umbenennungsstrategien der Szene gibt es seit jeher.

Jedoch: Medizin ist Medizin, sie ist pragmatisch und “integriert” alles, was nach strenger Prüfung der Behandlung von kranken Menschen dient, in ihren Kanon. Es ist ihr dabei  völlig gleichgültig, woher oder von wem das Mittel oder die Methode stammt. Sicher die Hälfte der heutigen Pharmazeutika hat ihren Ursprung in Natur- und Pflanzenheilkunde. Manche Methoden der Medizin sind aus früherer Zeit überkommen, wurden aber geprüft, für geeignet befunden und weiter verbessert. (Ein Beispiel: William Withering, 1741 – 1799, sah die Anwendung von Digitalis als herzentlastendes Mittel tatsächlich bei einer “kräuterkundigen” alten Frau. Er beobachtete und forschte dazu ganze zwanzig Jahre lang, bevor er sich sicher genug fühlte, seine Erkenntnisse zu veröffentlichen. Auf dieser Entdeckung beruhen heute noch Grundtherapien in der Kardiologie – nachdem sich die Richtigkeit von Witherings Thesen bestätigt hatte, wurden sie in den Kanon der Medizin “integriert”.)  Andere Mittel und Methoden wurden geprüft und als ungeeignet verworfen. Die Medizin “integriert” ständig, das ist der Kern medizinischen Fortschritts und jeder Wissenschaft, die diesen Namen verdient. Welchen Inhalt soll angesichts dessen ein besonderer Begriff “integrative Medizin” haben? Offen sein für Beliebigkeit und Try-and-Error-Medizin? Zudem am Rockzipfel der wissenschaftlichen Medizin?

Sicherlich könnte man diese drei Begriffe durchaus sinnvoll definieren, voneinander abgrenzen und in sinnvoller Bedeutung nutzen. Allein, das geschieht ja nicht – und das geht wohl auch nicht mehr. Längst haben sie ihre bewusst verunklarende Bedeutungszuschreibung. All diese viel gebrauchten Begriffe sind vielfach nur gefälschte Eintrittskarten für das Gebiet der anerkannt wissenschaftsbasierten Medizin. Sie dienen der unklaren Grenzziehung zwischen Medizin und Nicht-Medizin, letztlich zwischen Wissenschaft und Nicht- oder Pseudowissenschaft. Sie sind leere Worthülsen, die gleichwohl ihren Dienst im täglichen Sprachgebrauch tun. Man sollte sich nicht täuschen lassen und für eine klare Grenzziehung eintreten.

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„Es wird übrigens für die Wissenschaften eine immer massivere Herausforderung, überzeugend die Grenze zu Nichtwissenschaft oder auch zu Pseudowissenschaft zu ziehen. Diese Frage gehört zu denjenigen, die mich am allermeisten interessieren.“ – Prof. Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, im WELT-Interview am 16.03.2014.

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Ein Musterbeispiel dafür, wie mit dem Etikett der “integrativen Medizin” Schindluder getrieben wird, ist auf dem Blog von Prof. Edzard Ernst zu finden. Die Originalstudie findet sich hier.  Bezeichnend, dass gleich die Studie selbst im Titel mit “complementary and integrative” protzt, ohne im Verlaufe der Arbeit irgendwie deutlich zu machen, wo man die Grenzziehung sieht oder ob nun doch eigentlich das Gleiche (was?) gemeint ist.

Zudem bringt mich der Beschluss der Landesregierung Baden-Württemberg, an der medizinischen Fakultät in Tübingen einen “Lehrstuhl für Naturheilkunde und integrative Medizin” einzurichten, zusätzlich ins Grübeln. Die Stimmen der üblichen Verdächtigen aus der alternativkomplementärintegrativen Szene jedenfalls haben sich natürlich sofort wieder einigermaßen lautstark bemerkbar gemacht und reklamieren ihr Interesse… und nutzen die fehlende Grenzziehung zwischen den Begriffen.


Nachtrag, 31.10.2020:

Nach anfänglichem Trubel um den Tübinger Lehrstuhl hört man – fast zwei Jahre später – praktisch nichts mehr davon.

Auch Bayern ist längst auf den “integrativen” Zug aufgesprungen, eigentlich schon 2018, als der Landtag einen Grundsatzbeschluss zur Verankerung von “Naturheilkunde” in der Hochschullandschaft gefasst hatte. Zufällig kurz nach dem Beschluss der Landesregierung BW. Dass es nicht lange dauern würde, bis dieser stets falsch gebrauchte Begriff der Naturheilkunde mit “integrativ” und “komplementär” konnotiert wurde, war völlig klar. Und so wird – in gewisser Weise folgerichtig – derzeit im bayerischen Gesundheitsministerium an der Einrichtung einer Abteilung für „Gesundheitsnetzwerke, medizinische Rehabilitation, Kur- und Heilbäder und Integrative Medizin“ gewerkelt. Dass in diesem Zusammenhang auch die Homöopathie wieder auftaucht, wird nur denjenigen wundern, der sich mit dem Konglomerat von Lobbyismus, politischer Naivität und Geschäftsinteressen auf dem Gebiet dessen, was gern mit “integrativer Medizin” so wohltönend umschrieben wird, nicht auskennt.


Nachtrag, Februar 2021:

Die neue Fachabteilung im Bayerischen Gesundheitsministerium ist natürlich inzwischen installiert. Natürlich. Außerdem auch gleich ein neuer Gesundheitsminister. Herr Holetschek ist nicht gerade als Feind der Homöopathie bekannt, schon aber als jemand, dem der Unterschied zwischen Naturheilkunde und Homöopathie nicht klar zu sein scheint.


Zum Weiterlesen:

David Gorski schreibt bei Sciencebasedmedicine ausführlich zum Thema.

Ein ausgezeichneter, ganz aktueller Beitrag (Oktober 2020) findet sich auf der Webseite “Office for Science and Society” der kanadischen McGill-University: “Beware the Trojan Horse of Integrative Medicine“.

Zum Thema auch auf diesem Blog: Dissonanzen



Bildnachweis:  Eigenes Bild

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Hightech-Medizin und homöopathische Sandkastenspiele – 1

Ausdrücklich einmal eine Lanze für die “moderne, seelenlose Medizin”!

Ein Team um den Mitbegründer der Immuntherapie bei Krebs, Steven Rosenberg, hat einen großen Durchbruch bei Tumorerkrankungen erzielt, die bislang nicht gut durch Immuntherapie erreicht werden könnten. Dabei entnimmt man im Tumor bereits aktiv “arbeitende” T-Lymphozyten und vermehrt sie in der Annahme, dass es Sinn macht, eine größere Menge dieser bereits auf den Tumor “trainierten” T-Zellen wieder per Infusion zuzuführen.

„Hightech-Medizin und homöopathische Sandkastenspiele – 1“ weiterlesen

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Gedanken über IGeL

Ich find Wortspiele dooooof…

Wer ist ihnen nicht schon einmal begegnet, den IGeL-Angeboten in der Arztpraxis, den „individuellen Gesundheitsleistungen“, deren augenfälligster Aspekt erst einmal ist, dass man sie aus eigener Tasche bezahlen darf?

Zu diesem Thema überraschte kürzlich der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) mit einer sehr deutlichen Pressemitteilung [1] zu seinem „IGeL-Report 2018“. Dort heißt es u.a.:

„Jeder Zweite bekommt beim Arztbesuch Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) angeboten, die privat zu bezahlen sind. Der IGeL-Monitor hat in einer repräsentativen Umfrage erstmals die Top 10 der meistverkauften IGeL ermittelt. Fazit: In den Praxen werden häufig Früherkennungsuntersuchungen wie Ultraschall, Augeninnendruckmessung und Ähnliches verkauft. Viele der Topseller widersprechen Empfehlungen medizinischer Fachverbände, weil ihr Schaden den Nutzen überwiegt.“

„Gedanken über IGeL“ weiterlesen

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Münsteraner Memorandum Homöopathie – und ein Echo.

Evidenzbasierte Medizin

Ein überfälliges Thema für die Ärzteschaft

Am 9. März 2018 hat der “Münsteraner Kreis” sein zweites Grundsatzpapier, das “Münsteraner Memorandum Homöopathie” , veröffentlicht. Es stellt einen Appell an den im Mai d.J. stattfindenden 121. Deutschen Ärztetag dar, im Rahmen der dort anstehenden Diskussion über die Weiterbildungsregelungen der Ärzteschaft zu einer ersatzlosen Streichung der “Zusatzbezeichnung Homöopathie” zu kommen.

Ein wohlüberlegter Schritt, will mir scheinen. Da es ja -entgegen dem voraussehbaren “Verständnis” mancher – nicht um eine Abschaffung, ein Verbot der Homöopathie oder um eine “Einschränkung von Therapiefreiheit und Patientenautonomie” geht und von der Politik jedenfalls ein kurzfristiges Handeln nicht zu erwarten ist, sollte zumindest die der wissenschaftlichen Medizin verpflichtete Ärzteschaft endlich einsehen, dass ihr Selbstverständnis mit dem Festhalten an einer unwirksamen Scheintherapie längst nicht mehr vereinbar ist. Ganz sicher nicht auch noch mit der Privilegierung durch eine “ärztliche Zusatzbezeichnung”, die dem Patienten ja nicht nur eine besondere Qualifikation der Ärztin / des Arztes vermittelt, sondern auch die Validität und Seriosität der Methode mehr als suggeriert.

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Wichtige Erinnerung! Dann: Ende der Debatte!

Zentralgebäude der Russischen Akademie – das “Goldene Hirn”

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mir liegt etwas sehr am Herzen, an das ich heute dringend erinnern möchte. Etwas, dessen enorme Bedeutung für die Homöopathiediskussion mir viel zu sehr untergegangen scheint, obwohl durchaus einschlägig darüber berichtet wurde.  Ich spreche von dem Verdikt, das Anfang des Jahres von der Russischen Akademie der Wissenschaften über die Homöopathie gefällt worden ist.

Der Kernsatz hier noch einmal zum Hinter-die-Ohren-Schreiben:

“Dieses Memorandum stellt fest, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft Homöopathie heute als Pseudowissenschaft betrachtet. Ihre Verwendung in der Medizin steht im Gegensatz zu den grundlegenden Zielen der nationalen Gesundheitspolitik, daher sollte ihr öffentlicher Widerstand entgegengesetzt werden.” „Wichtige Erinnerung! Dann: Ende der Debatte!“ weiterlesen

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Es gibt keine wissenschaftliche Kontroverse über die Homöopathie!

DCF 1.0
Homöopathie? Wird da immer noch drüber diskutiert?

Die Ereignisse der letzten Tage und ihr Medienecho haben mich nochmals darüber nachdenken lassen, warum zum Kuckuck immer wieder der Eindruck einer “wissenschaftlichen Kontroverse” zwischen Homöopathie und sogenannter “Schulmedizin” aufrechterhalten wird, speziell in Bezug auf Medienberichterstattung. Ein wunderbares Beispiel ist der Beitrag von spiegel.tv-wissen vom 15.11.2016, der sich vom Titel her -“Hömöopathie – Heilung oder Humbug?”- aufklärerisch gab, aber Lichtjahre davon entfernt war, den Fakten gerecht zu werden (Zuschauerbrief hier). Selbst die gute Berichterstattung des BR (Kontrovers am 16.11.2016) über die Auswirkungen des Offenen Briefs von INH und GWUP-Wissenschaftsrat ließ Äußerungen von Protagonisten nachklingen, die dem nicht näher informierten Zuschauer suggerieren könnten, es sei wohl doch “irgendwie was dran”.

Nein. Es ist nichts dran. Überhaupt nichts.  Deshalb gibt es auch keine wissenschaftliche Kontroverse. Es kann auch keine geben, denn die Homöopathie bietet keine Grundlage für die Führung einer Diskussion auf wissenschaftlicher Ebene. Da hat Dr. Christian Weymayr durchaus völlig recht, wenn er in seinem Buch “Die Homöopathie-Lüge” die Ansicht vertritt, der Ruf nach “mehr Forschung” und generell die Auseinandersetzung mit “Forschungsergebnissen” und “Studien” der homöopathischen Szene seien völlig fruchtlos, da der Homöopathie die “Scientabilität” fehle, die Art von wissenschaftlicher Grundplausibilität, die sinnvolle Ergebnisse überhaupt erst erwarten lässt.

  • Ich habe schon in meinem dreiteiligen Beitrag “El Cid und die Homöopathie” aufgezeigt, dass Hahnemanns Gedankengebäude spätestens Mitte des 19. Jh. mit der Etablierung der Zellularpathologie und der modernen Ätiologie die Grundlagen entzogen waren. Hahnemanns Vorstellung vom Körper als einer zwar differenzierten, aber amorphen Masse, die nur durch eine “geistige Lebenskraft” als Organismus existiere, war dahin. Und damit der zentrale Ansatzpunkt seines Gedankenmodells, die Einwirkung auf diese “geistige Lebenskraft”. Insofern bräuchte man sich in der Tat über die vitalistisch-esoterischen Begleitannahmen wie das Simile-Prinzip gar nicht mehr zu streiten.
  • Die Leugnung des Vorhandenseins von gleichförmig auftretenden Krankheiten, die Weigerung Hahnemanns, “Krankheiten” überhaupt nur zu benennen, die These von der ausschließlich durch individuelle Symptome in Erscheinung tretenden “Verstimmung der geistigen Lebenskraft” , wobei deren Ursache uninteressant war, konnte nicht mehr aufrechterhalten werden. Damit war auch der Ansatz für eine individuell-symptombezogene Behandlung ohne Krankheitsbegriff dahin. Die neue Ätiologie erklärte nicht nur die Krankheit des Körpers aus Fehlfunktionen der zellulären Bausteine und deren Ursachen, sondern konnte die Krankheiten auch klassifizieren und dadurch identifizierbar machen. Und war damit überwältigend erfolgreich, bis zum heutigen Tag.
  • Mit der Entdeckung der atomaren und molekularen Struktur der Materie wurden Hahnemanns Vorstellungen über eine prinzipiell unendliche, nicht völlig gegen Null gehende Verdünnungsmöglichkeit von Substanzen ad absurdum geführt; der Gehalt von Potenzen an Restursubstanz konnte exakt berechnet werden. Die moderne Pharmakologie widerlegte Hahnemanns “umgekehrte” Dosis-Wirkungs-Beziehung, wonach Hochpotenzen auch hoch wirksam sein sollten, schlagend – ganz abgesehen, dass die “potenzierte Wirkung” einer der Faktoren ist, die gegen naturgesetzliche Gegebenheiten verstoßen.
  • Dinge wie die Signaturlehre, aus der das Simileprinzip hervorgegangen war, wurden eindeutig als vorwissenschaftliche Vorstellungen entlarvt, die mangels wirklicher Forschungsmöglichkeiten auf symbolisch-mystische Inhalte, auf Analogien zurückgriffen. Die Berufung auf medizinische “Autoritäten” wie Hippokrates und Paracelsus, deren Werk zum großen Teil auf derartigen Vorstellungen beruhte,  konnte damit nicht mehr ernstlich aufrechterhalten werden. Viele, zum Teil der Homöopathie gedanklich recht nahestehende Methoden der damaligen Zeit, die ebenso den vorwissenschaftlichen Gedanken verhaftet waren, haben heute nur noch einen Platz im medizinhistorischen Museum.
  • Und insbesondere, aber wenig überraschend: Schon zu Hahnemanns Lebzeiten, bis heute, konnte kein evident positiver Nachweis für eine spezifische arzneiliche Wirkung der Homöopathie erbracht werden. Belege dafür findet man allein in diesem Blog genug. Die wirklich großen Untersuchungen zur Homöopathie, die Untersuchungsreihen des Reichsgesundheitsamtes (1936 – 1939), die umfassenden Untersuchungen von Martini zur Arzneimittelprüfung an Gesunden (zwischen 1939 und 1955) und die große Vergleichsstudie der Austalischen Gesundheitsbehörde (2015), fielen für die Homöopathie vernichtend aus. Seltsamerweise werden die gigantischen Erfolge, die aus der Weiterentwicklung der modernen Medizin seit Mitte des 19. Jh. resultieren, vom homöopathiegeneigten Publikum offenbar nicht als der überwältigende Gegenpol wahrgenommen, die sie sind.
  • Alles ganz abgesehen davon, dass Hahnemanns Grundannahmen gegen naturgesetzliche Gegebenheiten verstoßen. Alle Versuche, einerseits Hahnemanns Lehre und andererseits die Naturgesetze so hinzubiegen, dass sie sich zumindest annähern, endeten im Desaster. Dies wird gelegentlich auch als “homöopathische Grundlagenforschung” bezeichnet. Was auch soll man von einer Methode halten, für die nach 200 Jahren immer noch gierig nach jeden Strohhalm in Form von neuen wissenschaftlichen Ergebnissen gegriffen wird, um sie mit einer modern klingenden Begründung zu unterfüttern? Wenn die Milch sauer ist, ist sie sauer.
  • Die “Systematik” des Hahnemannschen Gedankengebäudes, die seinerzeit so verführerisch auf die Mediziner wirkte, die mit ihren wenigen, kaum erfolgreichen “Methoden” im Dunklen tappten, hat sich längst gegen die Homöopathie gewendet. Zur Aufrechterhaltung der Lehre werden seit 200 Jahren ständig neue Zusatzannahmen und Parameter eingeführt. Siehe allein die durch immer neue “Arzneimittelprüfungen” immer dicker werdenden, zu einem sehr großen Prozentsatz aus Redundanzien bestehenden Materia medicae und Repertorien, die die Beliebigkeit der Methode widerspiegeln. Eine wissenschaftliche Todsünde, die ein schwerwiegender Beleg gegen die Gültigkeit einer Hypothese ist (Ockhams Rasiermesser).
  • Geradezu selbstzerstörerisch statt beweiskräftig ist die völlige Zerfaserung von Hahnemanns Lehre durch die immer wieder in den Ring geworfenen “Forschungsergebnisse” der Homöopathie-Gemeinde, die mit aller Gewalt naturwissenschaftlich haltbare Ergebnisse hervorbringen wollen und dabei Hahnemanns Grundannahmen selbst umstoßen (beispielsweise wenn man sich nicht entscheiden kann, ob man nun in Hoch- und Höchstpotenzen arzneilich wirksame Reststoffe, Nanopartikel, hormonähnliche Substanzen oder elektromagnetische Schwingungsmuster nachweisen will). Hierzu gehören auch die nachgerade lächerlichen Bemühungen, Postulate der modernen Teilchenphysik (Quantenmechanik) in Verbindung mit dem angeblichen homöopathischen Wirkprinzip zu bringen. Es sind keine Physiker vom Fach zu finden, die diesen Bemühungen eine Stütze geben würden, im Gegenteil werden sie sich dagegen verwahren.

Ist das denn so schwer zu verstehen? Oder hängt man der in der Weltgeschichte vielfach widerlegten These an, dass so viele Anhänger sich doch nicht irren können?

Natürlich gibt es eine beträchtliche Zahl von Proponenten der Homöopathie, natürlich hat sie “Rückhalt” in der Bevölkerung. Die Homöopathie-Lobby hat es nun mal geschafft, ein positives Image so breit im Bewusstsein der Menschen zu verankern, dass sie zur Scheinwahrheit geworden ist. Das ist aber kein Grund, der Homöopathie wohlwollend zu begegnen und sie ständig in den Adelsstand einer diskutablen Theorie zu erheben. Genau das geschieht aber andauernd, wofür der eingangs erwähnte Bericht auf spiegel.tv-wissen nur ein Beispiel ist (ein recht subtiles, denn hier wirkt das Gesamtbild des Beitrages tendenziös, zu einer wirklichen Konfrontation von Sachargumenten kommt es gar nicht).

 

Nochmals in aller Deutlichkeit: Evidenzbasierte Medizin und Homöopathie sind keine zwei irgendwie gleich diskutable Methoden. Die eine bewährt sich unter der strengen Qualitätskontrolle der Falsifikation und Reproduktion ihrer Annahmen jeden Tag aufs Neue und erzeugt dabei echte Innovation. Die andere ist ein 200 Jahre altes, auf vitalistisch-esoterischen Grundgedanken beruhendes Gedankengebäude, dass bis heute keinen falsifizierbaren und reproduzierbaren Wirkungsnachweis erbracht hat. Einen solchen kann man wegen der Unverträglichkeiten mit Naturgesetzen auch nicht erwarten.

Insofern hat Christian Weymayr schon recht, die weitere Auseinandersetzung lohnt unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten nicht. Die Methode ist längst obsolet, nicht aber ihre gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Implikationen. Nicht der Einfluss ihrer Befürworter und ihrer Lobbyorganisationen. Nicht die Durchdringung der Politik durch diese Lobby. Nicht das unheilvolle Vertrauen, das sehr viele Menschen inzwischen -fehlgeleitet durch Lobbyismus, womöglich zu ihrem persönlichen Schaden- der Homöopathie entgegenbringen. Und das sind die Gründe, weshalb sich einige Leute so entschieden gegen diese Implikationen stellen und immer aufs Neue die Geduld aufbringen, gegen die vorgeblichen Argumente und “Beweise” zugunsten der Homöopathie anzugehen, um ihr nicht noch mehr das publizistisch-öffentliche Feld und auch das Feld der Gesundheitspolitik zu überlassen.

Außerdem stehen diese Leute auch gegen die unhaltbare Propaganda, die die Homöopathie “adeln” soll und die uns nach wie vor ständig begegnet. Es wäre sehr hilfreich, wenn vor allem der Journalismus einmal zur Kenntnis nehmen würde, dass eine “ausgewogene Berichterstattung” mit “Schulmedizin” rechts und “Homöopathie” links der Sache nicht gerecht wird. Parität und Pluralität kann es sinnvollerweise nur zwischen faktenbasierten Standpunkten geben, ansonsten wären beide schlicht Einfallstore für Unsinn. Es muss auch seitens der Medien endlich einmal erkannt und deutlich gemacht werden, dass es sich beim Ansehen der Homöopathie in weiten Kreisen der Bevölkerung um eine massive Fehlentwicklung handelt, der entschieden entgegen zu treten ist. Genau dazu möchte ich auch die Hochschulen in Deutschland aufrufen, die die Homöopathie als “komplementärmedizinische Methode” im Programm haben.

 

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