Geht’s noch? Mal wieder Katastrophen der Woche

DCF 1.0
Oh Mann…

Ehrlich gesagt, ich weiß kaum, wo ich anfangen soll bei all dem irrealen Zeug, das derzeit so auf einen einprasselt. Deshalb heute mal wieder ein Überblick mit den Linkhits des Tages – zum Lesen und Staunen.

 

Krankenkassen zur Homöopathie

Man könnte glauben, die Krankenkassen würden anfangen, sich bezüglich ungehemmter Werbung für und Falschinformationen zur Homöopathie absprechen. Um nicht gleich wieder eine ganze Handvoll von Links anzubieten, hier ein Beitrag des geschätzten Joseph Kuhn bei den scienceblogs, der sich mit den aktuellen Unfassbarkeiten bei der DAK beschäftigt. Weiter unten dort mein Kommentar, der das Thema noch ein wenig weiter ausdehnt.

 

Homöopathie im Kuhstall

Der BR leistet sich mal wieder einen redaktionellen Beitrag, der sich ausgerechnet des unsäglichen Themas der Tierhomöopathie im Nutztierbereich annimmt. Dazu habe ich mich ja früher schon klar positioniert. Bitte festhalten beim Lesen, die Kommentare darunter machen allerdings auch wieder ein wenig Mut.

 

Impfen ist pöhse und gefehrlich

Wer den Knaller hier noch nicht kennt, der kann mal zur Kenntnis nehmen, dass es die Toggenburger Zeitung gibt. Perlen des Lokaljournalismus.

Alles, was dazu zu sagen ist, hat der immer wieder beliebte Prof. Beda Stadler in diesem Interview kurz und knapp zusammengefasst.

 

Alternative Notfallmedizin: Wie man einen Herzinfarktpatienten noch vor Eintreffen des Rettungsdienstes umbringt

Ja. Vielleicht der Knaller des Tages überhaupt. Ich stieß auf diesen wahnwitzigen Beitrag auf der bekannt schrägen Seite „Bewusst vegan froh“ und kommentierte bei FB dazu:

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Ich hätte das „sorry“ mal weglassen sollen. Warum, ratet mal, habe ich wohl hier statt eines Links ein Bild gepostet? Richtig. Weil sowohl mein Kommentar (nicht nur meiner) gelöscht ist als auch ich auf der Seite gesperrt wurde. Nicht nur ich. Alle anderen kritischen Kommentare sind auch verschwunden.

Wenn jemand Lust hat… Bei FB einfach nach „Bewusst vegan froh“ suchen. Übrigens bin ich gespannt, die Seite wurde wegen Verbreitens von (gemeingefährlichen) Falschaussagen gemeldet.

Noch einer?

 

Heilpraktiker in Brüggen-Bracht (wir erinnern uns – Todesfälle)

Die Staatsanwaltschaft und die Polizei stehen auf dem Schlauch bei den Ermittlungen. Und warum? Ganz einfach. Weil sie merken, dass sie einer Situation gegenüber stehen, die nach dem Motto „erlaubt ist, was nicht verboten ist“ beurteilt werden muss.
Jeder approbierte Mediziner wäre längst aus dem Verkehr gezogen und stünde vermutlich vor Gericht, wenn er -wie der HP hier- eigenmächtig ein Mittel verwendet hätte, das nicht nur nicht zugelassen ist, sondern noch nicht einmal die B-Phase der Testung durchlaufen hat. Die Kausalität zum Tod der PatientInnen wäre da erstmal nachrangig.

Und die Politik kapiert es einfach nicht. Es geht nicht in die Köpfe. Man kann es immer wieder erklären, man kann im Einzelfall mal aufgerissene Augen und ungläubiges Staunen über die Fakten zum Heilpraktikerwesen sehen – aber politisch bewegt sich gar nichts und der Stand dieses Blogbeitrages ist so aktuell wie je zuvor.

 

Und aktuell:

Kennedys und de Niros 100.000-Dollar-Schwachsinn

Das Forbes-Magazin benennt Kennedy schon Anwärter für die Auslobung. Mit den Erfahrungen von Dr. David Bardens im Lanka-Fall bin ich persönlich eher der Meinung, mal sollte ihnen erklären, warum ihre Auslobung bescheuert ist und es dabei belassen. Die warten doch -genau wie Lanka- nur auf die Möglichkeit, ein Feuerwerk zu entfachen, sofern jemand auf sie ernsthaft eingeht. Deshalb habe ich dort kommentiert:

„Kennedy and de Niro will have their own definition of „safe“. I guess, they would not accept medical statistics.

Otherwise, a look at Cochrane reviews would suffice, for example:
Cochrane (http://www.cochrane.org/…/ARI_using-combined-vaccine…) writes:
„Results from two very large case series studies involving about 1,500,000 children who were given the MMR vaccine containing Urabe or Leningrad-Zagreb strains show this vaccine to be associated with aseptic meningitis; whereas administration of the vaccine containing Moraten, Jeryl Lynn, Wistar RA, RIT 4385 strains is associated with febrile convulsion in children aged below five years (one person-time cohort study, 537,171 participants; two self controlled case series studies, 1001 participants). The MMR vaccine could also be associated with idiopathic thrombocytopaenic purpura (two case-controls, 2450 participants, one self controlled case series, 63 participants).
We could assess no significant association between MMR immunisation and the following conditions: autism, asthma, leukaemia, hay fever, type 1 diabetes, gait disturbance, Crohn’s disease, demyelinating diseases, or bacterial or viral infections.“ …

Best to handle Kennedys and de Niros offer: Don’t feed the troll.“

Kennedy und die evidenzbasierte Forschung

Für Kennedy zählt nicht zur Wissenschaft, was das CDC (Center for Disease Control and Prevention) und das NIH (National Institutes of Health) sagen, sondern nur, was auf PubMed steht. Auch nicht, was der Doktor sagt. Aha.

Nun, erstens steht auf PubMed nicht alles, was es so gibt, denn PubMed ist schlicht nicht die einzige Forschungsdatenbank. Zweitens dient PubMed der Veröffentlichung wissenschaftlicher Ergebnisse, die dann zur Falsifizierung und ggf. für Metastudien oder zusammenfassende Reviews zur Verfügung stehen und ihre Evidenz erst einmal genau dadurch beweisen müssen. Da gerät auch Zweifelhaftes dazwischen. Es gibt so einige Schrottstudien auf PubMed, die mit Verachtung gestraft werden (mir fällt da gerade so eine Homöopathen-Studie über Nanopartikel in Hochpotenzen ein, die deshalb drin sind, weil sie sich bei den Potenzierungen alle an der Oberfläche sammeln und sich aneinander festhalten).

Merke: PubMed ist nicht das gesammelte und gesicherte medizinische Wissen der Welt, was Mr Kennedy fest zu glauben scheint.

Und was Mr Kennedy völlig übersieht: Bei PubMed erscheinen die CDC 55.000 mal und das NIH 115.000 mal. Wie sollte es auch anders sein. Beide Institutionen veröffentlichen jede Menge ihrer Studien und Reviews auf PubMed.

Tja, Mr Kennedy. Von einem amerikanischen Staranwalt hätte ich nun doch nicht erwartet, dass er sich eine derartige Blöße gibt. Und von der Cochrane Collaboration hat er noch nie was gehört, nehme ich an.

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Jetzt lassen wir es mal gut sein für heute. Es liegt noch genug an.

Bildnachweise:

1 – Eigenes Bild

2 – Facebook: Bewusst-vegan-froh

3 – Facebook: Refutation to Anti-Vaccine Memes

 

Och nee… Schon wieder Heilpraktiker(reformen)…

jonglieren
Fröhliches Paragrafenjonglieren

Neues von der Heilpraktikerreformfront. Wie das Ärzteblatt berichtet, ist man in Berlin offenbar dabei, einen gewaltigen Anlauf zu einer grundlegenden Reform des Heilpraktikerwesens zu nehmen (zum Thema in diesem Blog siehe hier, hier und auch noch hier.

Worauf dürfen sich nun Skeptiker und Kritiker freuen, die in den letzten Wochen vielfach fundierte Kritik am Heilpraktikerwesen, diesem Wurmfortsatz am öffentlichen Gesundheitswesen, geäußert haben? Nun, ich zitiere das Ärzteblatt

„Die Gesundheitsämter können die Erlaubnis versagen, „wenn sich aus einer Überprü­fung der Kenntnisse und Fähigkeiten des Antragstellers ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für die Volksgesundheit bedeuten wür­de“, heißt es in den Leitlinien. Gemäß Änderungsanträgen von Union und SPD soll künf­tig eine Erlaubnis auch dann versagt werden können, wenn die Überprüfung ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für jeden einzelnen Pa­tienten bedeuten würde.“

Aha. Soso. Darum geht’s. Ich erlaube mir mal, das als belangloses Wortgeklingel abzutun. Doch halt: Der juristische Instinkt in mir spürt: Hier stimmt doch was nicht…

Rein sprachlogisch: Wie soll denn festgestellt werden, dass jemand für jeden einzelnen Patienten, den er in Zukunft haben wird, eine Gefahr darstellt? Das ist doch kompletter Unsinn. Ungefähr der umgekehrte Fall des alten Problems, wie man feststellt, warum eine bestimmte Einrichtung einen gewaltigen Besucherschwund aufweist: Gar nicht, denn die Leute, die weg sind, kann man ja nicht mehr fragen. Und: Es liegt ja auf der Hand, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Wohlfühl-Patienten erscheinen werden, die entweder gar keine oder eine selbstlimitierende, harmlose Erkrankung haben und denen ein paar Globuli oder eine Pendelsitzung, meinetwegen auch eine anthroposophische Kräutermischung, sicher nicht gefährlich werden. Damit könnte dieser Ausschlussgrund niemals wirklich zum Tragen kommen.

Damit ist die geplante „Neuregelung“ schon mal eine unnötige und unwirksame Leerformel. Vermutlich schielt der Bund mit einem Auge darauf, dass die Länder per Durchführungsbestimmung dieses schöne Produkt intensiven gesetzgeberischen Nachdenkens schon noch irgendwie mit Inhalt füllen werden. Nur: Siehe den vorhergehenden Absatz. Der Unterschied zwischen Leerlauf und Stillstand besteht lediglich im Energieverbrauch, für die Fortbewegung ist er unwesentlich.

Wie soll vor einem solchen Hintergrund eine rechtssichere, einem verwaltungsgerichtlichen Verfahren standhaltende „Prüfung“ stattfinden? Eine derart unsinnig-verquaste Regelung wird eher dazu führen, dass die Prüfenden, da ihnen die Kriterien entgleiten, mit Aussicht auf unfruchtbare Widerspruchs- und Rechtsmittelverfahren eher mal Fünfe gerade sein lassen als bisher. Und das wäre schlimm, sehr schlimm.

Fazit: Ich gehe mal -in dubio pro legislator- davon aus, dass das nicht alles sein kann, was den Fraktionen zur „Reform“ des Heilpraktikerwesens einfällt. Das hier ist allerdings schon mal eine klassische Nullnummer.

Ich stelle fest: Keinen Schritt vor, einen halben zur Seite.

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Den Begleitchor zu den aktuellen „Reformbestrebungen“ gibt unter anderem der Verband klassischer Homöopathen Deutschlands e.V. (VKHD), der übrigens unter dem Motto „ganz Homöopathie – ganz Heilpraktiker“ steht und damit einmal mehr beweist, dass Homöopathie und Heilpraktiker symbiotisch zusammen gehören. Klar, ist doch die Homöopathie schon deshalb im Schatzkästlein der Heilpraktiker und als Aushängeschild unverzichtbar, weil sie -zu Unrecht- vergleichsweise am Wenigsten im Ruf einer halbseidenen esoterischen Methode steht.

Die aktuelle Pressemitteilung des VKHD ist betitelt mit „Viele Gesetze regeln den Heilpraktikerberuf  – Heilpraktiker bereichern das Gesundheitswesen und unterliegen strengen gesetzlichen Regelungen“. Klar, man möchte der letztlich doch beunruhigenden Erkenntnis entgegenwirken, dass der Heilpraktikerstand mehr oder weniger ungeregelt vor sich hinwerkelt. Was finden wir hier außer den üblichen Beteuerungen zur Wichtigkeit, ja Unverzichtbarkeit und Seriosität des Heilpraktikerstandes?

„Das Behandlungsspektrum von Heilpraktikern wird zum Beispiel durch den sogenannten Arztvorbehalt eingeschränkt, wie es u.a. im Infektionsschutz-,  Arzneimittel-,  Zahnheilkunde- und Betäubungsmittelgesetz geregelt ist. So darf ein Heilpraktiker beispielsweise weder Zahnheilkunde ausüben noch bestimmte übertragbare Erkrankungen behandeln oder rezeptpflichtige Arzneien verordnen.

Heilpraktiker müssen sich auch an die Vorgaben des Patientenrechtegesetzes, des Medizinprodukterechts und Arzneimittel- sowie des Infektionsschutz- und Heilmittelwerbegesetzes halten. Der öffentliche Auftritt eines Heilpraktikers wird darüber hinaus noch durch das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) geregelt. Zudem gelten auch für sie dieselben Haftungs-, Sorgfalts-, Aufklärungs-, Dokumentations- und Fortbildungspflichten wie für Ärzte. Neben der Schweigepflicht müssen Heilpraktiker auch die berufsgenossenschaftlichen Vorschriften, die gängigen Anforderungen an Hygiene (RKI-Hygienerichtlinie) und an Biologische Arbeitsstoffe (TRBA 250) einhalten.“

Ah ja. Wie mir scheint, eher eine quantitative Aufzählung. Dazu sei die Bemerkung erlaubt, dass sich Otto Normalstaatsbürger noch einer weitaus größeren Menge an zu beachtenden Regelungen gegenübersieht, vom Strafgesetzbuch bis zur örtlichen Lärmschutzregelung. Auch der Bäckermeister, der Kfz-Mechaniker, der Maurerpolier sehen sich einer vergleichbaren Regelungsfülle gegenüber. Aber: All das sind Rahmen- und Ordnungsregeln. Nicht mehr. Wo aber finde ich hier das Gebot, dass die Heilpraktiker ausschließlich im Rahmen wissenschaftlicher Standards „behandeln“ dürfen? Wo finde ich eine Positiv- oder Negativliste zugelassener bzw. ausgeschlossener Mittel und Methoden? Wo finde ich etwas zum „Heilen“ oder zur „Praxis“? Zudem wage ich zu bezweifeln, ob all diese aufgezählten Einzelaspekte tatsächlich praktische Bedeutung für den Heilpraktiker entfalten. Gerade der Aspekt der Haftungs-, Sorgfalts-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten würde für sich einer eingehenden Betrachtung bedürfen. Und Fortbildungspflicht? Es gibt ja nicht einmal eine Ausbildungspflicht, geschweige denn Ausbildungsinhalte, an die eine Fortbildung anknüpfen könnte! Die Beliebigkeitsfortbildung, wie sie die Heilpraktikerschulen anbieten, soll doch wohl nicht mit der Pflichtfortbildung der Ärzteschaft gleichgesetzt werden…

Potemkinsche Dörfer. Kulisse, die das Eigentliche verdeckt, nämlich die unter dem Begriff der „Therapiefreiheit“ weitestgehende Beliebigkeit bei der Ausübung der „Heilkunde“ durch nicht wissenschaftlich ausgebildete Menschen.

 

Bildnachweis:  dreamstime_xs_35303352

Ein lauter Aufschrei: Gegen postfaktische Gesundheitspolitik!

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Immer eintreten in die schöne postfaktische Welt!

Dem Bemühen um sachliche Aufklärung, um Patientenschutz und um die sinnvolle Nutzung der Ressourcen des Gesundheitssystems, wie es das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) pflegt, ist ein ordentlicher Tritt versetzt worden. Nein, nicht von der üblichen Homöopathielobby. Sondern genau von der Stelle, deren Aufgabe das Bemühen um sachliche Aufklärung, um Patientenschutz und um die sinnvolle Nutzung der Ressourcen des Gesundheitssystems ist: Dem Bundesgesundheitsministerium.

Man wird sich erinnern: Das Informationsnetzwerk Homöopathie hatte sich bereits zwei Mal an den Bundesgesundheitsminister „in Sachen Homöopathie“ gewandt. Die Kernforderung darin war keineswegs die Abschaffung der Homöopathie. Minister Gröhe wurde lediglich aufgefordert, endlich an die Homöopathie die gleichen Maßstäbe anzulegen, wie sie für die evidenzbasierte Medizin gelten. Aus Anlass des Readers, den die Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie (WissHom), einem Teil der Lobbyistenverflechtung der Homöopathen, mit dem Anspruch wissenschaftlicher Beweisführung im Sommer vorgelegt hatte (und der außerhalb der Homöopathieszene zerrissen worden war), wäre es naheliegend gewesen, die Homöopathen endlich beim Wort zu nehmen. Der Vorschlag des INH ging deshalb dahin, dass Minister Gröhe eine unabhängige Einrichtung mit der objektiven Bewertung des WissHom-Papiers betrauen möge. Eine ebenso berechtigte wie bescheidene Forderung.

Nach nunmehr neun Wochen liegt die Antwort -nein, nicht des Ministers, eines seiner Referatsleiter, vor. Bevor ich damit ins Gericht gehe,  hier der dazu heute vom INH veröffentlichte Text eines erneuten offenen Briefes dazu:

Neun Wochen benötigte der Bundesgesundheitsminister, um durch einen Referatsleiter einen Brief des Informationsnetzwerks Homöopathie (INH) beantworten zu lassen. Das INH hatte am 19. Juli 2016 den Minister aufgefordert, ein Gutachten zur Aussagekraft des Forschungsreaders der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie (WissHom) bei einem neutralen wissenschaftlichen Institut in Auftrag zu geben. Zu dieser Forderung nimmt Gröhe keine Stellung. Stattdessen werden drei Argumente ins Feld geführt:

 – Homöopathie sei als besondere Therapierichtung im Sozialgesetzbuch ‚nicht ausgeschlossen‘. Das ist keine neue Information.

 – Die Bewertung von Behandlungsmethoden ‚in einem durch Freiberuflichkeit, Selbstverwaltung und Pluralität geprägten Gesundheitswesen‘ liege nicht in der Zuständigkeit des Ministeriums, sondern bei den dieses Gesundheitswesen repräsentierenden Institutionen und Einrichtungen.
Es mag ja sein, dass die Aufgabe selbst von einer der dem BMG nachgeordneten Behörden wahrgenommen wird, es darf aber bezweifelt werden, dass diese ohne Anstoß des Ministeriums von sich aus tätig werden.

 – Behandlungsmethoden dürften ‚nicht zu einer Patientengefährdung führen‘ und soweit ‚Schutzlücken der Patientensicherheit‘ bestünden, werde das Ministerium die Ursachen analysieren und bestehende Schutzlücken beseitigen.
Das hofft das INH doch sehr. Offenbar sieht Gröhe kein Risiko für die Gesundheit der Patienten darin, dass behauptet wird, unwirksame Methoden seien als wirksame Therapien wissenschaftlich belegt.

Das hat im BMG jedenfalls nicht zu der Überlegung geführt, endlich alte Zöpfe abzuschneiden und die doppelte Buchführung in der Bewertung von Behandlungsmethoden abzuschaffen. Stattdessen wird der Schutzzaun um die besonderen Therapierichtungen unbeirrt verteidigt. Jedes neue Medikament muss heute bewiesen haben, dass es besser als Placebo oder der schon vorhandene Behandlungsstandard wirkt. Nur Homöopathika, in den meisten Fällen reine Zuckerpillen, müssen das nicht.

Es gehört zu den ureigensten Aufgaben des BMG, die Rahmenvorschriften für die klinische Prüfung und die Zulassung der Arzneimittel zu gestalten, in deren Rahmen sich die nachgeordneten Behörden bewegen müssen. Sollen wir darauf warten, dass sich z.B. das BfArm über das Arzneimittelgesetz hinwegsetzt?

Wir fordern das Ministerium auf, den gegenwärtigen Unsinn zu beenden.

Die wissenschaftliche Überprüfung der Behauptungen von WissHom, einer reinen Lobbyinstitution der Homöopathen, hätte dem BMG die Chance geboten, den Anschluss an die Neuzeit zu gewinnen. Wir haben es ja auch geschafft, die Astrologie trotz ihrer großen Beliebtheit in der Bevölkerung dorthin zu verbannen, wohin sie gehört: in die Welt der Freizeitbeschäftigungen, die jedem Menschen in einer demokratischen Gesellschaft offen stehen. Kranken Menschen aber darf nicht mit behördlicher Genehmigung vorgegaukelt werden, Homöopathika seien ganz normale Medikamente.

„Mündige Versicherte und aufgeklärte Patienten gehören ebenso zu einem Gesundheitssystem wie Gesetze und Verordnungen.“ steht auf den Internetseiten des BMG zu lesen. Kann der Bundesgesundheitsminister da der gezielten Irreführung der Patienten durch eine Lobbyorganisation tatenlos zusehen?

Im Namen des INH:

Dr. Norbert Aust
Dr. Natalie Grams
Prof. Dr. Norbert Schmacke“

Mit Volldampf von der pluralistischen in die postfaktische Gesellschaft

So.

Um erstmal ein wenig Dampf abzulassen: Der für das öffentliche Gesundheitswesen, eine Angelegenheit von größter allgemeiner Bedeutung, zuständige Minister verweigert sich der wohlbegründeten Aufforderung, eine seit 200 Jahren unbewiesene Methode einer unabhängigen Prüfung durch anerkannte medizinische und pharmakologische Instututionen bewerten zu lassen, deren Auswahl ihm sogar freigestanden hätte.

Lieber argumentiert er, analog zu seinen letzten Äußerungen in Sachen Heilpraktikerwesen (hierzu mein Beitrag „Nachtrag zu: Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass“ vom 5.10.16), mit der „Pluralität des Gesundheitswesens“, mit dem „mündigen Patienten“ (der diese Therapieform ja so schätzt – hierzu mein Beitrag „Warum Rationalität? Eine kleine Polemik“ vom 9.10.16), das alles vermischt mit scheinbaren Zuständigkeitsfragen, die ja wohl einen völligen Abschied von Verantwortlichkeit und Gestaltungskraft seitens des Ministeriums bedeuten.

Das ist der Abschied ins gesundheitspolitische Nirwana. In das faktenfreie Wohlfühlsystem, das zunehmend die Irrationalität zum Prinzip erhebt. Zugunsten eines indifferenten Pseudopluralismus, der allseits Blümchen regnen lässt. Sei es auf den schlichten Glauben des Konsumenten, der ja annimmt, es sei ja alles gesetzlich abgesegnet und damit in Ordnung, sei es auf eine Lobby, die sich inzwischen darauf verlassen kann, dass ihre Marketingabteilung in der Lage ist, jeglichen rationalen Ansatz in einer Wolke von Wohlfühlbotschaften zu ersticken.

Nach dem Motto: Wenn die alle wollen, dann sollen sie doch. Passiert doch nichts. Das ist der Antwort des Ministerums deutlich zu entnehmen. Welche Auswirkungen das beispielsweise auf unsere sogenannte Wissensgesellschaft hat, auf die Notwendigkeit rationalen Handelns in einer hochtechnisierten Gesellschaft, letztlich auf die Notwendigkeit, demokratische Sachentscheidungen allein auf der Basis von Fakten zu treffen, das scheint niemanden zu interessieren. Na klar, merkt ja auch keiner außer diesen lästigen Skeptikern…

So eine Haltung bei politischen Entscheidungsträgern ist inakzeptabel und unentschuldbar. Herr Gröhe ist über die Problematik der Pseudomedizin aus früherer Tätigkeit seit langem informiert. Man muss ihm also unterstellen, dass er in gewissem Maße wider besseres Wissen die Problematik der Pseudomedizin -hier speziell der homöopathischen Methode- verschleppt und nicht einmal bereit ist, eine fundierte fachliche Expertise zu beauftragen.

Und jetzt mal Butter bei die Fische.

Muss ich noch etwas zu den einzelnen Aussagen der Ministeriumsantwort sagen? Na gut…

Zu 1.: Dass die Homöopathie als „besondere Therapieeinrichtung“ im Sozialgesetzbuch aufgenommen ist, ist nicht nur dem INH geläufig. Geradezu niedlich ist aber die Formulierung, sie sei als solche „nicht ausgeschlossen“. Hier regnet es die eben erwähnten Blümchen in hoher Dichte. Fakt ist: Sie ist massiv privilegiert gegenüber den evidenzbasierten Mitteln und Methoden, weil sie nicht einmal einen Wirkungsnachweis erbringen muss.

Zu 2.: Bewertung von Behandlungsmethoden „in einem durch Freiberuflichkeit, Selbstverwaltung und Pluralität geprägten Gesundheitswesen“ – hier kommt der postfaktische Wohlfühlpluralismus so richtig durch. Blümchensturm von allen Seiten, sozusagen. Und da fühlt sich das Ministerium nicht zuständig? Von wo bitte stammt denn die Gesetzesvorlage, die seinerzeit die Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen hoffähig gemacht hat? Was anderes war das denn als eine Bewertung von Behandlungsmethoden durch den Gesetzgeber selbst, verantwortet durch das Bundesgesundheitsministerium? Solange diese „Bewertung“, die Aufnahme in das Sozialgesetzbuch als „besondere Therapieeinrichtung“ auf Ministeriumsebene nicht angegangen wird, ist doch wohl klar, dass sich die Proponenten dieser Methode auf der ihnen zur Verfügung gestellten Blumen…. äh, Spielweise auch so richtig austoben.

Zu 3.: Offenbar ist immer noch nicht klar geworden, welche  potenzielle Patientengefährdung die Anwendung unwirksamer pseudowissenschaftlicher Methoden an gutgläubigen Menschen anrichten kann. Die Hauptgefahr liegt selbstverständlich in der verspäteten Einleitung oder gar Unterlassung einer wirksamen evidenzbasierten Behandlung von Erkrankungen! Das allein sollte den Verantwortlichen längst zu denken gegeben haben.
Um wieder einmal den Altmeister der deutschen Gerichtsmedizin, Prof. Otto Prokop, in den Zeugenstand zu rufen: Er schätzte die Zahl der Fälle, bei denen ein Schaden unterhalb der Todesschwelle durch Pseudomedizin jährlich entsteht, auf etwa 800.000 – bereits in den 1950er Jahren.

Es wird überdeutlich, dass eine Auseinandersetzung mit dem Anliegen des Informationsnetzwerks Homöopathie überhaupt nicht stattgefunden hat – ja, dass die Aussagen des Antwortschreibens des BGM eine geradezu erbärmliche Armut an Problembewusstsein zeigen.

Für heute reicht es erstmal. Aber es geht weiter, demnächst in diesem Blog.

Und bevor ich mit einem Schreibkrampf schließe, nochmal Prokop:
Der Staat, der Personen zu solchen (pseudomedizinischen) Praktiken […]  zulässt, nimmt es mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst.

Dem kann ich nach den aktuellen Einblicken in die derzeitige Gesundheitspolitik nur anschließen.

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Es kommt eine Zeit nach dem Blümchensturm. Bestimmt.

Bildnachweise:

1: René Magritte,  „Les Mémoires d’un saint“, 1960
The Menil Collection, Houston / Texas

2.: dreamstime_xs_66958835

 

Warum Rationalität? Eine kleine Polemik.

himmelerde

Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde…

Mag ja sein, mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar. Sehe ich auch so. Aber darüber wissen wir alle nichts. Weder die Wissenschaft, noch diejenigen, die sich auf diesen Satz ständig berufen. Erstere vielleicht sogar ein wenig mehr als die anderen.

Der Grund, warum so viele Menschen die unterschiedlichsten Formen von Pseudomedizin und -psychologie fasziniert, liegt in einem Hang zum Geheimnisvollen, im Willen zu „glauben“ und einer instinktiven Abneigung gegenüber dem „Wissen“, der Neigung, eher blind zu vertrauen (notfalls dem eigenen „Bauchgefühl“) als sich unvoreingenommen zu informieren. Kurz gesagt, in einer Geringschätzung von Rationalität. Diese Kräfte sind gewaltig, aber auch höchst erstaunlich – sie würden, auf alle Dinge angewandt, das praktische Leben nahezu unmöglich machen, worauf ich weiter unten noch eingehe.. Ich nehme hier gerne mein Zentralthema, die Homöopathie, zum Kronzeugen. Die weltweite Wissenschaftsgemeinde ist sich einig: Nix drin, nix dran. Und wie sieht es tatsächlich aus, hier bei uns? Dreistellige Millionenumsätze, ein Heer von Praktizierenden dieser Scheinmethode, in der Bevölkerung durchaus angesehen, politisch akzeptiert unter Verleihung von Sonderrechten im öffentlichen Gesundheitswesen und mit dem Anspruch auftretend, wissenschaftliche Relevanz für sich einzufordern. Das ist praktizierte Irrationalität. Praktiziert nicht nur von wenig bis nicht informierten Laien, sondern ebenso von akademisch ausgebildeten Menschen. Wobei es unter Letzteren einige geben mag, die das gegen besseres Wissen tun – was die Sache anders, aber nicht besser macht.

Hier soll einmal gar nicht die Rede sein von den näheren Ursachen für so etwas. Vielmehr möchte ich einmal verdeutlichen, warum wir uns eine solche Haltung überhaupt nicht leisten können.

Komplexe Welt

Die Welt ist so komplex geworden, hört man allenthalben. Gewiss zu Recht. Aber kann das eine Rechtfertigung, auch nur eine Begründung dafür sein, sich auf die sogenannten einfachen Lösungen zurückzuziehen, sich der Realität zu verweigern, Vertrauen in Dinge und Menschen zu setzen, gar in die eigene Unzulänglichkeit, die einfachste Auswege aus dem Dilemma der scheinbaren eigenen Unmündigkeit oder Unwissenheit anbieten?

Ganz sicher nicht. Das Schlüsselwort heißt – Vertrauen. Aber richtig eingesetztes Vertrauen. Wir leben schon eine ganze Weile in einer arbeitsteiligen Welt. Seitdem der einzelne Mensch nicht mehr autonom für sich und seine Familie sorgte, braucht es zum Funktionieren des alltäglichen Lebens Vertrauen. Vertrauen in die Fertigkeiten des Schmieds, des Bäckers, des Schneiders, des Installateurs, des Fernsehtechnikers, des PC-Fachmanns. Von all diesen Leuten erwarten wir zu Recht Professionalität. Wir vertrauen ihnen, weil sie Meisterprüfungen abgelegt, ihr Fach mit Erfolg studiert haben und sich in der Praxis bewähren. Auslese durch Empfehlung oder Kritik tut das ihre. Ohne dieses grundlegende Vertrauen in die Fähigkeiten, aber auch in die Redlichkeit anderer würde unser Zusammenleben ebensowenig funktionieren wie unser privates Dasein. Dieses Vertrauen ist Ausdruck eines notwendigen rationalen Denkens. Bei einer bis vor einiger Zeit laufenden Werbung für ein Infoportal wurde das ganz klar zum Ausdruck gebracht: Nach dem Scheitern, professionelle Aufgaben durch eigenes Herumprobieren zu erledigen, hieß es: Vielleicht hätte er jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt. Beifälliges Lächeln war wohl die Reaktion von 99 Prozent der Zuschauer dieses Spots.

Blinder Fleck – Ratio weg

So weit, so gut. Nur leider gibt es in dieser rationalen, jedem einleuchtenden Weltsicht offenbar bei Vielen ein gewaltigen blinden Fleck: Im Bereich des eigenen Wohlergehens, der eigenen physischen und psychischen Gesundheit.

Ja, auch da ist die Welt komplex. Komplexer als bei der Kunst, Backwaren herzustellen oder auch einen PC zu reparieren. Seltsamerweise gibt es aber sehr viele Menschen, die sich in diesem Bereich auf einmal nicht mehr an die rationalen Regeln halten, die sonst eine gewisse Garantie für ein einigermaßen funktionierendes Leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft bieten.

Wir haben hier einen professionellen Berufsstand, dessen Ausbildung und Auslese so umfangreich, langdauernd und professionell ist wie nur wenige andere im akademischen Bereich: Die Ärzte. Sie stehen aufgrund unserer weitgehenden Absicherung in den Sozialsystemen praktisch jedem kostenlos zur Verfügung. Wir haben sogar die freie Arztwahl, wir haben einen Anspruch auf Aufklärung über die empfohlenen Behandlungsmethoden und entscheiden aufgrund der Möglichkeit, uns eine fundierte Meinung bilden zu können, selbst darüber, ob und welche Behandlung wir über uns ergehen lassen wollen. Es steht uns sogar frei, bei ernsteren Angelegenheiten auf Kosten der Sozialversicherung eine zweite Meinung einzuholen, um eine rationale Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Behandlungsmethode treffen zu können. Dazu muss ich mir allerdings die Mühe machen, mich mit der Aufklärung durch den Arzt, die zu dessen Hauptpflichten gehören, auch auseinanderzusetzen.

Diese Entscheidungsfreiheit habe ich nicht mal beim Fernsehmechaniker. Wenn der sagt, kaputt, muss ein neuer her, werden wir das in aller Regel seufzend so hinnehmen. Trotz eines gewissen Grundmisstrauens wird kaum jemand eine „zweite Meinung“ einholen, schon deshalb nicht, weil das das eigene Geld kostet.

Fernseher wichtig, Gesundheit egal?

So weit, so gut. Und jetzt kommt das Phänomen, dass viele Menschen trotz des Angebotes praktisch kostenloser Gesundheitsversorgung, ausgeübt von lange theoretisch und praktisch ausgebildeten, durch -zig Prüfungen gegangenen, zu ständiger Fortbildung verpflichteten Menschen, vor deren Approbation -dem Loslassen auf die Menschheit- auch noch die Ärztekammern stehen, dieses Angebot zu großen Teilen geradezu verachten? Und in Scharen zu Menschen laufen, die die Profession der Heilkunst weder studiert haben noch irgendwelchen wissenschaftlichen oder ethischen Standards verpflichtet sind, bei denen eine Absicherung gegen „Behandlungsfehler“ rechtlich de facto nicht vorhanden ist und die Methoden weitgehend nach eigenem Gusto anwenden? Die über Risiken ihrer Methoden überhaupt nicht aufklären können, denn entweder sind diese unwirksam (und haben dann auch keine Nebenwirkungen und Risiken) oder es gibt gar keine belastbaren Erkenntnisse über Risiken?

Nein, das können wir uns nicht erlauben. Diese Form von Irrationalität ist ein Vergehen gegen sich selbst, gegen die Alltagsrationalität, die uns ansonsten recht gut leben lässt. Wer würde es begrüßen, wenn sich unterhalb der professionell tätigen Bäcker, Klempner, Informatiker und Kfz-Mechatroniker, nicht-handwerkliche Berufe wie Steuerberater oder Buchhalter natürlich ebenso, eine Szene bilden würde, die mit den nichtärztlichen „Ausübenden der Heilkunst“ (so stehts im Heilpraktikergesetz von 1939) vergleichbar wäre, also keine geregelte Ausbildung vorweisen kann, bei Beginn der Tätigkeit niemals einen Teig, einen offenen Fernseher oder ein kaputtes Klo gesehen haben muss, sich aber darauf beruft, eigene, geradezu unfehlbare Methoden zu haben, die denen der professionell tätigen mindestens ebenbürtig sind? Bei denen sich die Kundschaft ohne nähere Nachfragen mit einem nahezu grenzenlosen Vertrauen auf großartige Versprechungen einfangen lässt? Was da passieren würde, darauf gab es vor wenigen Jahren einen Vorgeschmack, als der Gedanke aufkam, die Qualifikationsvoraussetzungen für bestimmte Handwerksberufe abzusenken – sprich die Meisterprüfung abzuschaffen. Empörung ging durch die Reihen.

Aber im Gesundheitswesen soll es das geben? Ach nein -gibt es ja bereits, mit dem Stand der Heilpraktiker, mit der Adelung der Homöopathie als Teil des Gesundheitswesens… Noch eine Etage tiefer mit der praktisch unbeschränkten Szene der „Lebenshelfer“, Gurus, Fernheiler und sonstigen Rumprobierer am Menschen? Da schreit doch schon einfachste Logik laut : Irrational!

Der Mensch ist schwach

Ja, ich kann es nachvollziehen, aber wirklich verstehen oder gar gutheißen kann ich es nicht, die Einstellung zur Irrationalität, gerade wenn es um einen selbst, das körperliche und das geistig-seelische Wohlbefinden geht. Instinktiv wird das „mechanistische“ Bild von Medizin und Therapie abgelehnt, als mehr oder weniger unangemessen für eine so komplexe Entität wie den Menschen. Und das, obwohl in der Fachwelt das klassische Bild der mechanistischen Medizin längst als ausgedient gilt und die „soziale Medizin“ Forschungsgegenstand weltweit ist (worauf die Sozialversicherungssysteme allerdings erst einmal reagieren müssten).

Die alte Vorstellung von Leib-Seele-Dualismus, die in den meisten Menschen auch heute noch mehr oder weniger herrscht, spielt dabei eine große Rolle. Diese stets mitschwingende Vorstellung ist wohl in der Hauptsache verantwortlich dafür, dass die Ratio plötzlich in Bezug auf sich selbst nicht mehr funktioniert und -gefühlsmäßig scheinbar angemessen, aber irrational- auf Menschen und deren Methoden gesetzt wird, die uns glauben machen wollen, sie verstünden etwas von den „Dingen zwischen Himmel und Erde“, von dem, was über die rationale Betrachtung unserer menschlichen Möglichkeiten hinausgeht, auch und gerade beim Menschen selber. Tun sie aber nicht.

Was dem Menschen nachweislich hilft, wird von der Medizin und den sie umgebenden Humanwissenschaften auch aufgenommen und entwickelt, damit es in den Kanon der Wissenschaftlichkeit eingeht. Den „Wissenden“ über die Dinge zwischen Himmel und Erde bleiben zwangsläufig im günstigsten Falle unwirksame und im ungünstigsten Falle schädigende „Methoden“. Wir schließen uns Spekulanten an, wenn wir dem folgen. Spekulanten auf Kosten unseres leiblichen und seelischen Wohlergehens – und auf Kosten unseres Bankkontos.

Jeder sollte einmal darüber nachdenken, mit wie viel Vertrauen in die Fähigkeiten und die Integrität anderer wir jeden Tag durchs Leben gehen. Und sich dann Rechenschaft darüber ablegen, ob es vor sich selbst verantwortbar ist, diese Form der Rationalität genau dann, wenn es um uns selbst oder um Menschen in unserer Umgebung, für die wir in der einen oder anderen Form Verantwortung tragen, auszublenden.

Rationalität ist Verantwortung – Irrationalität kann Verantwortungslosigkeit sein

Niemand kann alles wissen und können. In jeder Sparte gibt es schwarze Schafe. Natürlich kann ich mich als Patient bei einem Arzt auch unverstanden und unwohl fühlen. Selbstverständlich ist es nicht schön, auch nur eine Zeitlang von der vielgeschmähten Apparatemedizin abhängig zu sein. Nur – wo ist die rationale, die sinnvoll begründbare Alternative? Wir sollten unsere materiellen und ideellen Ressourcen, unsere Fähigkeit, uns in der heutigen Welt zu orientieren, nicht dem Fetisch der Irrationalität opfern. Das dürfte, wenn sich diese Haltung ausbreitet, unsere Zukunft konkret gefährden.

Dieser Appell, der sich bis hierher an den Einzelnen richtete, gilt aber ebenso und vielleicht in noch höherem Maße für unsere politischen Entscheidungsträger. Ich kann diesen den Vorwurf nicht ersparen, durch Indifferenz (wir erleben es gerade wieder in der Heilpraktikerdiskussion), aber auch durch aktive Förderung (Homöopathie und anthroposophische Medizin im Gesundheitswesen!) die von mir hier kritisierte Irrationalität geradezu zu befördern.

Ich unterliege nicht der Illusion -und bin insofern rational- zu glauben, politische Entscheidungen und Diskurse würde im Sinne der aufklärerischen Ideale immer zu einem rationalen und nicht emotional bestimmten Ergebnis führen. Dies hieße, auch die Person des politischen Entscheiders zu überfordern. Aber von einer vernunftgesteuerten Politik kann erwartet werden, dass sie mit ihren Entscheidungen nicht einen kompletten Bruch mit der Rationalität in klar entscheidbaren Sachfragen -nicht etwa bei Richtungs- oder Prognoseentscheidungen, das ist etwas anderes- riskiert oder gar herbeiführt. In Bezug auf das Gesundheitswesen ist es aber leider so – was es schwermacht, den Einzelnen dazu aufzurufen, seine persönliche Neigung zur Irrationalität hintanzustellen. Ich sehe hier ein schweres Versagen der Politik, das zu korrigieren sie sich bald aufraffen sollte.

 

Subjektivismus ist ein dünnes Eis für die Entscheidungen eines demokratischen Gemeinwesens. Noch mehr ein Subjektivismus, der von Fakten weitgehend unberührt bleibt. Kants Kategorischer Imperativ, der unausgesprochen der Leitstern aller demokratischen Systeme ist,  beruht auf der Voraussetzung von Rationalität, ja, ist geradezu eine Gebrauchsanweisung, um zu weitgehend rationalen Entscheidungen zu kommen. Das Staatsziel von Kant und der Aufklärer, das „Wohlergehens möglichst vieler“ erfordert einen auf Ratio gestützten Abwägungs- und Entscheidungsprozess. Nicht Subjektivität.

Leute, strengt euch an. Einfache Lösungen und Wege habe ich nicht anzubieten. Aber fallt nicht auf jeden Sirenengesang herein, der euch auf eurem Lebensweg erreicht. Lasst euch lieber -wie Odysseus- am Mast festbinden, bis die Versuchung vorbei ist. Das gilt auch für die Entscheidungsträger der Politik.


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Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass.

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Mir klingeln die Ohren. Wunderbar, dass die Debatte über die unsägliche Pseudomedizin in Deutschland endlich in Gang kommt. Wenn auch aus traurigem Anlass. Aber die Parolen, die so durch die Medien rauschen, rauben mir manchmal den letzten Nerv.

Deshalb hier ein kleines Vademecum der mich am meisten ärgernden „Argumente“ und Schlagworte mit meiner unmaßgeblichen Meinung dazu. Unter Heilpraktiker fasse ich summarisch die Anwender von Methoden außerhalb der wissenschaftsbasierten Medizin, also auch Homöopathen (selbst wenn sie Ärzte sind).

 

Politik: Die Prüfung für Heilpraktiker muss verschärft werden.

Nein. Es gibt überhaupt keine Kriterien, nach denen diese Prüfung verschärft werden könnte. Die Kriterien gibt es deshalb nicht, weil es keine festgelegten Ausbildungsinhalte und -gänge gibt. Aus diesem Grund ist Heilpraktiker auch kein Beruf. Die bisherige Prüfung ist genau aus diesem Grund keine mit einem Examen vergleichbare Prüfung, sondern lediglich ein Frage-Antwort-Spiel, das einen Eindruck davon verschaffen soll, ob der Proband womöglich doch eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

 

Heilpraktikerverband: Die Prüfung muss keineswegs verschärft werden, denn sie ist jetzt schon waaahnsinnig schwer, das sieht man daran, dass 80 Prozent durchfallen.

Quatsch. Die Prüfung ist für jemanden, der ernsthaft auf kranke und hilfesuchende Menschen losgelassen werden soll, ein dummer Witz. Sie erhebt ja nicht einmal den Anspruch, Heilwissen abzufragen und kann zudem beliebig oft wiederholt werden. Jede Prüfung hat zwei Seiten – die Prüfungsaufgaben und die Prüflinge. Ich spare mir mal, deutlich auszusprechen, auf welcher Seite ich die Unzulänglichkeiten verorte, auf denen die berühmten 80 Prozent beruhen.

 

Politik: Die Heilpraktikerausbildung muss reformiert werden.

Wie denn? Wo denn? Was denn? Es gibt keine Ausbildung, weil es keine Inhalte gibt. Kein Prüfling ist verpflichtet, vorher eine „Heilpraktikerschule“ besucht zu haben.  Eine halbe Stunde Google zeigt, dass durch die Bank die „Heilpraktikerschulen“ neben dem Einbimsen von Prüfungsbögen völlig uneinheitliche, vielfach ins eindeutig esoterische abgleitende Inhalte anbieten, die dann hinterher den Gemischtwarenladen der Heilpraktikerszene beherrschen. Evidenzbasiertes? Fehlanzeige. Mal abgesehen von Phytotherapie und Reizbehandlungen wie Kneippsche Anwendungen (die Phytotherapie als teilweise hochwirksame Arzneimitteltherapie gehört auch allein in ärztliche Hände!) Im schlimmsten Falle kommen noch selbstgebastelte Eigenkreationen an „Therapien“ dazu. Nichts kann man nicht reformieren.

 

Heilpraktiker, Homöopathen und Politik (teilweise): Die Praktizierung alternativer und komplementärer Methoden wird von der Bevölkerung gewünscht und gibt vielen Trost und Hilfe!

„Wünsch Dir was“ ist im Deutschen Fernsehen schon 1992 eingestellt worden. Seit wann kommt es bei der Anwendung von Mitteln und Methoden, zumal im Gesundheitswesen, darauf an, was sich der Patient „wünscht“? Soll „Wohlfühlmedizin“ ernstlich den Vorrang vor Wirksamkeit bekommen?

 

Heilpraktikerverband: Die Heilpraktiker in Deutschland sind ein wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung!

Sie sind höchstens der entzündete Wurmfortsatz an der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Würden sie sich auf kleinere Befindlichkeitsstörungen beschränken und durch sinnvolle Gespräche den Patienten stabilisieren, gleichzeitig ein scharfes Auge auf die Notwendigkeit einer evidenzbasierten Behandlung beim Arzt haben, ginge das ja noch alles an. Ist aber nicht so. Die Leute maßen sich an, ernsteste Organerkrankungen mit großenteils nachgewiesen unwirksamen Mitteln zu behandeln und sind keineswegs so bescheiden, sich auf eine Beratung der Hilfesuchernden zu beschränken. Eine Folge der seit 1939, dem Jahr des Inkrafttretens des Heilpraktikergesetzes, völlig ungeregelten Wildwuchses auf diesem Sektor. Wie konnte man das zulassen?

 

Heilpraktiker und Lobbyisten der Szene: Die Schulmedizin….

Fällt dieses diskriminierende Unwort, höre ich gar nicht mehr weiter hin. Die Heilpraktikerszene diffamiert ständig die wissenschaftsbasierte Medizin als „Schulmedizin“. Was für eine Arroganz! Die Szene tut so, als gebe es eine „zweite Medizin“ neben der vielgeschmähten „Schulmedizin“. Gibt es eine zweite Physik, eine zweite Chemie, eine zweite Biologie? Früher mag es angegangen sein, im mehr oder weniger spekulativen Raum Prozeduren und Therapieformen zu entwickeln und anzuwenden, als es noch keine wissenschaftlichen Prüfmethoden und keine tieferen Einblicke in Ätiologie und Pathologie gab. Da war die Medizin, wenn überhaupt, eine reine Erfahrungswissenschaft. Ein Beispiel dafür ist die Homöopathie.
Heute ist die Medizin zwar auch Erfahrungswissenschaft, aber viel, viel mehr reine Naturwissenschaft als noch vor 90, 100 oder mehr Jahren. Sie ist in der Lage, ihre Erfahrungen zu testen und zu verifizieren. Sie entwickelt sich ständig durch schrittweise Verbesserung.
Und da redet die Schwurbelszene von Schulmedizin? Was ist denn dann die Tätigkeit der Heilpraktiker, die für einen Multiple-Choice-Test büffeln, stur ein paar Bögen ausfüllen und dann in ihre private Welt entlassen werden, ohne auch nur im Geringsten zu so etwas wie Fortbildung verpflichtet zu sein? Also bitte.

 

Heilpraktiker: Äh, Grundrechte… Berufsfreiheit… und so .. 

Erstens ist -wie schon gesagt- der Heilpraktiker kein Beruf. Zweitens folgende Überlegung: Die akademische Profession des Rechtsanwaltes, der sich auf Studium, praktische Ausbildung und Erfahrungswissen stützt, schützt der Gesetzgeber dadurch, dass er per Rechtsberatungsgesetz Laien und Privatpersonen, selbst Menschen, die beispielsweise Wirtschaftsjura studiert haben, bei Strafe von der rechtlichen Beratung von Mandanten ausschließt. Der damit verfolgte Zweck ist -jedenfalls offiziell- die Interessen des Mandanten vor unzureichender Sachkunde im Zivilrecht wie im Strafverfahren zu schützen. Die akademische Profession des Arztes, der sich auf Studium, lange praktische Ausbildung und erworbenes Erfahrungswissen stützt, schützt der Gesetzgeber vergleichbar – überhaupt nicht. Und damit vor allem nicht den Patienten. Ist dem Gesetzgeber folglich das Vermögensinteresse eines Mandanten im Zivilprozess als Schutzgut wichtiger als die Gesundheit seiner Bürger? Bitte mal zu Ende denken!

Ein Zitat von Prof. Otto Prokop, Doyen der deutschen Gerichtsmedizin:
„Wenn … darauf hingewiesen wird, für Ärzte gebe es einen höheren Grad der Voraussehbarkeit als für Heilpraktiker (weil der erstere entsprechend ausgebildet und examiniert ist), also könne man letzteren nicht so schnell einen Schuldvorwurf machen wie etwa Ärzten, die den gleichen Fehler machen, so ergibt sich aus einer solchen Interpretation, dass es der Staat, der Personen zu solchen Praktiken ohne besondere Auflagen zulässt, mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst nimmt.“

 

Die ganze Szene: Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde…

Klar. Näheres darüber wissen aber auch die Heilpraktiker nicht. Und deshalb ist es unehrlich und unredlich, die Lücke „zwischen Himmel und Erde“ mit unbelegten Behauptungen und Versprechungen zu füllen. Möchten die Heilpraktiker das trotzdem tun, müssten sie in der Liste der Professionen nur ein wenig tiefer rutschen: Auf die Position „Hellseher“.

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Ceterum censeo: Wir brauchen keine strengeren Prüfungen, wir brauchen keine „Reformen“ des Heilpraktikerwesens und seiner Ausbildung. Wir brauchen überhaupt keine Heilpraktiker, denn es gibt keine „alternative“ und keine „komplementäre“, auch keine „integrative“ – es gibt nur die wissenschaftsbasierte Medizin, die einen validen Nachweis ihrer Wirksamkeit führen kann. Man könnte allenfalls darüber nachdenken, Heilpraktikern mit ausreichender Qualifikation (klar gibt es Unterschiede dabei) im Rahmen streng gefasster Befugnisse und nachgewiesener Fähigkeiten so etwas wie den Status von „Gesundheitsassistenten“ zuzuweisen, wenn man sich schon nicht dazu durchringen kann, im Interesse einer modernen, glaubwürdigen und verlässlichen Gesundheitspolitik tabula rasa zu machen.

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Nachtrag, Dezember 2017:

Dass die Reformbemühungen weiterhin in homöopathischen Dosen stehenbleiben und lediglich Spiegelfechterei auf nicht einmal hohem Niveau beitrieben wird, zeigt dieser Anschlussbeitrag zu den Plänen zu „einheitlichen Ausbildungsvoraussetzungen“ für Heilpraktiker.


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