Die Inkonsistenz der Homöopathie I

Der unbewegte Monolith der Homöopathie unbeeindruckt
vom Fluss der wissenschaftlichen Erkenntnis

Wer weiß, was ein Kanon ist? Das lateinische Wort “Kanon” meint soviel wie Maßstab, Richtschnur. Der Kanon der Wissenschaft ist die Summe anerkannter Erkenntnisse oder Regeln, beispielsweise der Kanon der wissenschaftlich abgesicherten medizinischen Mittel und Methoden, im weitesten Sinne den “State of the Art”.

Ein Missverständnis ersten Ranges wäre es, diesen Kanon im wissenschaftlichen Sinne als feststehend, in Stein gemeißelt anzusehen. Von diesen früher durchaus gehegten Gedanken, dass bereits alles erschlossen sei, was es zu wissen gebe, haben wir uns längst verabschiedet. Und das ist noch gar nicht so lange her. Noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert riet man jungen Akademikern ab, Physik zu studieren. Nach der Entdeckung der Gesetze der Thermodynamik und der elektrischen Feldgleichungen waren viele Wissenschaftler sicher, der Kanon der Physik sei geschlossen und es werde keine neuen Erkenntnisse mehr geben. Wir wurden wahrhaftig eines Besseren belehrt – und haben uns nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Wissenschaftstheorie von einer so naiven Sicht verabschiedet.

Der Kanon der wissenschaftlichen Medizin ist heute der jeweils gültige Bestand der gesicherten Erkenntnisse. Er ist – entsprechend der Erkenntnismethode von Karl Poppers Falsifikationismus – sozusagen immer nur eine buchstäbliche Momentaufnahme. Er steht ständig auf dem wissenschaftlichen Prüfstand. Methoden werden verbessert, Neues wird hinzugefügt, Widerlegtes verworfen und aus dem Kanon ausgeschieden. Was nebenbei ein außerordentlich wirksames Mittel gegen Dogmatismus ist. Der Kanon muss zudem in sich konsistent sein, womit gemeint ist, dass keine Widersprüche in ihm enthalten sein dürfen – solche sind Anlass zu weiterer Aufklärung. Man kann ja nun nicht von einem “Kanon”, also einem “Zusammenklang” sprechen, wenn ein System in sich und / oder gegenüber gültiger wissenschaftlicher Erkenntnis anderer Wissenschaftsbereiche widersprechende Erkenntnisse und Methoden enthält (fehlende innere und / oder äußere Konsistenz).

Der jeweilige Kanon wissenschaftlicher Mittel und Methoden, auch und gerade in der Medizin, ist also eine Momentaufnahme, die den aktuellen Stand des wissenschaftlichen Prozesses repräsentiert. Er ist ein Fluss in der Zeit. Er mag Lücken und Irrtümer enthalten, die aber nach der wissenschaftlichen Methode der Falsifikation, des Versuchs der Widerlegung und Verbesserung, der Korrektur früher oder später anheimfallen. Falsifikation führt immer dann zu Fortschritt, wenn eine Beobachtung einer bisherigen Erkenntnis (Theorie) widerspricht oder sich widersprechende Annahmen aufgelöst werden. Sie garantiert ein offenes, selbstreferenzierendes System. Erkenntnisgewinnung nicht durch Bestätigungsversuche, sondern durch Widerlegungsversuche zu Hypothesen und Theorien: die große Leistung Karl Poppers zur Epistemologie und das derzeit beste System der Erkenntnisgewinnung, das Menschen in mehr als 2000 Jahren entwickelt haben.

Ein Beispiel für den Mechanismus dieses erkenntnisoffenen Systems ist der Fall der lange zum Kanon gehörenden Hormontherapie für Frauen nach der Menopause. Angesichts vieler Behandlungserfolge bezogen auf die typischen Wechseljahresbeschwerden hatte sich diese Methode als Standard etabliert. Durch die kritisch-falsifizierende Forschung geriet diese scheinbar fest im Kanon verankerte Therapie ins Wanken.

Die Ergebnisse der britischen “One Million Study”, einer der weltweit größten Untersuchungen zur Hormonbehandlung für Frauen nach der Menopause, zwang zum Umdenken. Sie bestätigte eine deutliche Erhöhung des Brustkrebsrisikos durch eine solche Hormonbehandlung, und zwar umso mehr, je länger die Behandlung andauerte. Eine weitere Studie, die “Woman’ s Health Initiative”, konnte nicht über die vorgesehene Zeit von acht Jahren durchgeführt werden – sie wurde wegen der überdeutlichen Zunahme von Brustkrebserkrankungen schon bei den Zwischenergebnissen abgebrochen.

Somit verlor die generelle Empfehlung zu einer postmenopausalen Hormontherapie ihren Platz im wissenschaftlich-medizinischen Kanon. Sie wurde zunächst durch eine im Anwendungsbereich und in der Anwendungsdauer stark beschränkte Empfehlung ersetzt. Derzeit hat die laufende Forschung detaillierte neue Ergebnisse erbracht, die in eine neue, sehr differenzierte Leitlinie münden werden.

Jetzt aber die Gretchenfrage:

Wie sieht es mit alledem bei der Homöopathie aus?

Nun, die Homöopathie verfügt auch über einen Kanon, der – wir werden noch sehen warum – außerhalb des Kanons der wissenschaftlichen Medizin steht und mit ihm unvereinbar ist. Der heißt “Organon der Heilkunst”, stammt vom berühmten Samuel Hahnemann und ist inzwischen 200 Jahre alt, ohne dass ihn etwas von der wissenschaftlichen Methode des Falsifizierens, des Verwerfens von Unhaltbarem und des Einbaues neuer Erkenntnisse berührt hätte. Im Gegenteil, den sogenannten klassischen und genuinen Homöopathen gilt er als sakrosankt, als Dogma – was sich durchaus damit verträgt, dass er ein Gedankengebäude, eine Erfindung (keine Entdeckung!), eine auf vorwissenschaftlichen Vorstellungen beruhende gedankliche Konstruktion ist.

Hahnemann war der Begriff der Empirie, der Erfahrungswissenschaft, zwar nicht unbekannt – es fehlten ihm jedoch jegliche Mittel und Methoden zur Einordnung seiner empirischen Ergebnisse, ein gesichertes Referenzsystem, wie es uns heute mit der überwältigenden Menge gut gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Verfügung steht. Ein Beispiel dafür ist der vielzitierte Chinarindenversuch. Hahnemann war darauf angewiesen, seine Erkenntnisse – zum Beispiel, dass die Methoden seiner Ärztekollegen eher zum Ab- als zum Weiterleben der Patienten führten – in einem reinen Gedankengebäude zu verarbeiten. Teils griff er dabei auf Gedanken des Animismus – der Vorstellung einer allseits belebten und bedeutungsvollen Welt- (daraus entstand das Simileprinzip) und des damit verwandten Vitalismus (die Annahme der Belebung von Materie durch eine von außen einwirkende “geistige Lebenskraft”) zurück, teils erfand er ihm schlüssig erscheinende Hypothesen wie die Wirkungszunahme durch Potenzierung (die ursprünglich nur Giftstoffe unschädlich machen sollte, dann aber von Hahnemann zu einer tragenden Säule seiner Lehre ausgebaut wurde). Als Grundprinzip lehrte Hahnemann, dass jede Krankheit eine “Verstimmung der geistartigen Lebenskraft” sei, die durch die Symptome sichtbar werde – und nur durch diese. Mehr als Symptome “sei von einer Krankheit nicht zu wissen”. Die Symptombilder der Patienten wiederum seien die Basis dafür, mit hoch- und höchstverdünnten (“potenzierten”) Mitteln, die ihrerseits eine “geistartige Arzneikraft” besäßen und die Fähigkeit hätten, die “geistartige Lebenskraft” des Kranken wieder zurechtzurücken.

Diese Kernannahmen der Homöopathie, die einen gewissen Grundkonsens in der inzwischen in viele Varianten und Ausdeutungen der ursprünglichen Lehre zerfallenen Homöopathie ausmachen, stellen ein klassisches Dogma dar. Diese Annahmen konnten auch deshalb Platz greifen, weil damals noch keine Vorstellung von Ätiologie, also der Lehre von Krankheitsentstehung und -verläufen, bestand. Demgemäß gab es auch noch keine ausgebildete Pathologie, also Krankheitslehre im Hinblick auf Ursachen. Es sollte einsichtig sein, dass ohne Ätiologie und Pathologie jede medizinische Behandlung immer nur ein “Stochern im Nebel” sein konnte. So war damals auch möglich, Krankheiten generell auf eine Grundursache (Verstimmung der Lebenskraft) zurückzuführen – ein Merkmal vieler pseudomedizinischer Methoden. Die – was meist nicht wahrgenommen wird – sich durch diese Unterschiede in der elementaren Grundannahme der jeweiligen Lehre gegenseitig logisch ausschließen.

Das ist ein Befund, der sich nicht einfach schulterzuckend hinnehmen lässt. Die homöopathische Lehre ist im Kern dogmatisch, ignoriert deshalb zwangsläufig den wissenschaftlichen Fortschritt und ist damit nach außen inkonsistent. Es wird noch gezeigt werden, dass nicht einmal eine innere Konsistenz der Homöopathie vorliegt.

Wie ist es möglich, dass es Mediziner gibt, die kein Problem damit haben, diese beiden Welten, die sich in ihren Prämissen ausschließen, in der Praxis nebeneinander anzuwenden, ohne dabei eine massive kognitive Dissonanz wahrzunehmen? Diese Frage wird sich noch durch manchen weiteren Beitrag auf diesem Blog ziehen.

Im Bestreben, zu retten, was zu retten ist, suchen die Homöopathen ihr Heil unter anderem in dem Versuch, die Homöopathie ungeachtet des Festhaltens am Grunddogma in eine modern und neuzeitlich scheinende Aura von Scheinwissenschaftlichkeit zu hüllen. Damit sind sie nicht wenig erfolgreich. Ihre scheinwissenschaftliche Mimikry wirkt auf das zur Hömöopathie wenig informierte Publikum wie gewünscht – sie soll die Unvereinbarkeit des Hahnemannschen Kanons und des “State of the Art” der wissenschaftlichen Medizin verschleiern.

Halten wir fest: Der Kanon der wissenschaftsbasierten Medizin ist in ständigem Fluss begriffen, seine ihm inhärente Methode der Erkenntnisgewinnung durch Fehlerbereinigung sorgt für den Fortschritt der Erkenntnis. Mir gefällt sehr die Metapher, dass wir uns mit der wissenschaftlichen Methode “emporirren”. Der Kanon der Homöopathie ist im Kern ein zweihundert Jahre altes Dogma, damals zwar nach bestem Vermögen geschrieben, dessen Grundaussagen von den Ergebnissen wissenschaftlicher Erkenntnis unberührt geblieben sind. Ein recht gut erhaltenes Fossil, aber ein Fossil.

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