Die Inkonsistenz der Homöopathie – Epilog

Kommen wir nun zu einem kleinen Fazit.

Nun mag man ja sagen, gut und schön, einleuchtende Beispiele, aber was spricht denn grundsätzlich gegen den Versuch, eine alte Hypothese mit neuzeitlichen Kenntnissen beweisen zu wollen?

Anschläge auf Samuel Hahnemann

Nun, es spricht vor allem dann Grundsätzliches dagegen, wenn die „Beweisführungen“ die zu beweisende Hypothese in sich und in ihrem Zusammenhang zerstören. Hahnemanns homöopathische Lehre ist ein nicht vollständiges, aber zu einem großen Teil in sich schlüssiges, wenn auch auf falschen Prämissen beruhendes Gedankengebäude. Es macht insofern nur Sinn, von Homöopathie zu sprechen, wenn die Schlüssigkeit -die (innere) Konsistenz – dieses Gebäudes nicht aufgebrochen und ganz oder teilweise in Frage gestellt wird. Genau dazu führen aber alle Versuche von „Beweisen“ einzelner Theorieteile und „Weiterentwicklungen“ nach den Grundsätzen freien Künstlertums. Dies sind nämlich nur untaugliche Versuche, Hahnemanns Hypothese mit einzelnen Bedeutungsinhalten zu unterfüttern, die er selbst ohne Zweifel zurückgewiesen hätte. Und nicht etwa die Ausbildung einer sich konsistenten Weiterentwicklung.

„Forschung“ als Rosinenpickerei

Nehmen wir doch die -sämtlich gescheiterten oder unbewiesen gebliebenen – Versuche, ein „Wassergedächtnis“ nachzuweisen, in Verdünnungen oberhalb 1023 „Nanopartikel“ zu finden, elektromagnetische „Schwingungen“ zwischen zwei benachbarten potenzierten Lösungen zu detektieren, womöglich unter Anrufung der Quantentheorie, und manches mehr. Denkt man einmal über diese Ansätze nach, kommt man zu dem Ergebnis, dass sie eigentlich Angriffe auf Hahnemanns Homöopathie darstellen. Es wird ja geradezu angestrebt, beispielsweise durch Nachweisversuche materieller Wirkungen die gedankliche Grundlage Hahnemanns, die Regulierung der geistigen Lebenskraft mit ebenso geistartigen Kräften im homöopathischen Mittel, zu widerlegen. Hahnemann lehnte die ständigen Einwände der “Atomisten”, die es durchaus zahlreich zu seiner Zeit gab, strikt ab. Von einer wissenschaftlichen Beweisführung zugunsten von Hahnemanns Hypothesen sind diese Versuche meilenweit entfernt. Hier wird doch nicht versucht, im wissenschaftlichen Sinne eine Theorie durch Falsifizierung und Erkenntnisgewinn weiterzuentwickeln – vielmehr wird an die Grundlagen von Hahnemanns Gedanken die Axt angelegt. Damit hat doch das ganze Gebäude mit der Bezeichnung „Homöopathie“ gar keine Existenzberechtigung mehr. Was für ein Irrweg! „Forschung“ als Rosinenpickerei auf Kosten des Kuchens. Eher Widerlegung als Bestätigung.

Samuel, die machen alles kaputt!

Auf einem niedrigeren Niveau finden wir das Gleiche bei den Komplexmittelverfechtern, bei den Selbstbehandlern, bei den komplementären Homöopathen, bei den Tierhomöopathen – alle brechen, wie gezeigt wurde, mit wesentlichen Teilen der Hahnemannschen Systematik, und verwandeln sie damit in eine Abbruchbaustelle. Sie nutzen Hahnemanns Homöopathie nur noch als Folie für ihre Fantastereien – und merken es wohl nicht einmal.

An die Stelle einer wissenschaftlichen Weiterentwicklung durch das Erkennen von Irrtümern und deren Ersetzen durch neuere Erkenntnisse tritt eine Beliebigkeit, die mich an die Nutzung des Colosseums durch die römische Bevölkerung der Spätantike als Steinbruch erinnert. Jede Bruchbude wurde stolz als “Weiterentwicklung des Colosseums” verkauft, aber mit dem Colosseum selbst war nichts mehr anzufangen…

Die Statik reicht einfach nicht

Letzten Endes ist auch das -und hier schließt sich der Kreis- ein Beleg dafür, dass die Homöopathie als Theoriegebäude eben nicht entwicklungsfähig ist, denn ihre Grundannahmen und deren untrennbarer Zusammenhang erweisen sich nicht als trag- oder ausbaufähig. Beweisversuche, wie sie die Homöopathie-Lobby seit geraumer Zeit unternimmt, zielen im Grunde darauf ab, einzelne Teile des Gebäudes dadurch zu stützen, indem man andere preisgibt – und damit das ganze Haus unbrauchbar macht. Nur mal angenommen, es würden tatsächlich physiologisch wirksame Agenzien welcher Art auch immer in hochpotenzierten Lösungen nachgewiesen – wo bleibt dann das Konzept der Regulierung der geistigen Lebenskraft durch immaterielle Wirkungen? Können das Simile-Prinzip, die Arzneimittelfindung und die Potenzierung weiter erhalten bleiben? Muss die Berufung auf Hahnemann womöglich ganz aufgegeben werden? Oder landet man womöglich im Ergebnis schlicht nur bei einer leichten Modifizierung der modernen Pharmakologie? Das wäre ein Ding …

Ach ja, bevor wir es vergessen: Homöopathie wirkt nicht über den Placeboeffekt / Kontexteffekte hinaus. Egal ob mit oder ohne „Forschung“ und „Weiterentwicklung“.

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Die Inkonsistenz der Homöopathie II

Die Farbe des scheinwissenschaftlichen Anstrichs blättert

Was geschieht, wenn man auf einem uralten, verwitterten Grund versucht, einen neuen Anstrich anzubringen, womöglich den soundsovielten? Der neue Anstrich wird schnell abblättern und der Untergrund wird davon auch nicht besser. So kommen mir die “modernen” Versuche vor, die Homöopathie auf verschiedene Art und Weise als eine in der heutigen Zeit existenzberechtigte, akzeptable medizinische Methode darstellen zu wollen.

Wir wollen dabei unterscheiden zwischen dem, was die “offiziellen” Vertreter der Homöopathie so aufbieten, früher schon  als “Aura von Scheinwissenschaftlichkeit” bezeichnet und den vielfachen Ansätzen, vor allem bei Heilpraktikern, Herstellern homöopathischer Mittel und arglosen “Heimanwendern”, an Hahnemanns Methode -die sie offenbar gar nicht wirklich kennen oder aber gar nicht ernst nehmen- herumzubasteln.

Eines haben all diese Ansätze aber gemeinsam: Sie berufen sich auf Hahnemanns Lehre und führen sie durch ihre Bemühungen gleichzeitig ad absurdum. Verschlimmbesserung sagt man zu so etwas dort, wo ich herkomme.

Hahnemann hat, das sei zugestanden, unter den Prämissen seiner Grundannahmen ein in sich recht schlüssiges System aufgebaut, nicht völlig widerspruchsfrei, aber im Wesentlichen systematisch und konsistent. Gerade diese Systematik seiner Methode hat sicher zu ihrem früheren Ansehen beigetragen und mit verhindert, dass sie auf dem Friedhof der anderen abstrusen Hypothesen der Medizingeschichte gelandet ist. Allerdings ist diese Systematik auch nur schöner Schein – sie macht die Homöopathie inhaltlich nicht richtiger

Die homöopathische Interessengemeinschaft …

… ist ein ebenso wirkmächtiges wie  ressoucenstarkes Netzwerk,  verfügt büer politischenEinfluss und selbst über Unterstützung in der Wissenschaftsszene. Klar, versstehe ich ja auch, es geht um ein Milliardengeschäft, legt man den Umsatz an Homöopathika und die Aufwendungen für die therapeutischen Bemühungen zugrunde. Angeführt vom Deutschen Zentralverein Homöopathischer Ärzte und der Carl und Veronika Carstens-Stiftung,  flankiert von der Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie e.V. (WissHom), der Hufelandgesellschaft und manchen anderen mehr.

Diese Vereinigungen und Personen, die eng zusammenarbeiten und auch institutionell teilweise miteinander verflochten sind, stellen die finanz- und personalstarke Lobby dar, die es nach der Renaissance der Homöopathie seit den 70er Jahren geschafft hat, diese nicht nur im Bewusstsein der Öffentlichkeit, sondern auch in der Gesundheitspolitik mit einem positiven Image zu verankern.

Homöopathie: Behauptungen, keine Belege

Wie nun stehen diese Proponenten zur Kritik an der Homöopathie? Nun, sie behaupten durchweg eine – nachgewiesene – Wirksamkeit und -dem Zeitgeist nun doch Tribut zollend- eine naturwissenschaftliche Relevanz der Homöopathie. Kritiker und Opponenten sind teuflische Ignoranten. Man versucht eifrig, aus Studien, die sich mit der Homöopathie beschäftigen, mit allen Mitteln postive Evidenzen herauszubuchstabieren. Nach Ansicht des allergrößten Teils der weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft sind sie allerdings dabei erfolglos geblieben, nur nach ihrer eigenen Meinung nicht. Bemerkenswert ist, dass sie Zuflucht suchen bei der sogenannten homöopathischen Grundlagenforschung, die bemüht ist, einen Wirkungsmechanismus auf naturwissenschaftlicher Basis zu postulieren (Stichwort Wassergedächtnis) – was ohne den ausstehenden Beweis, dass überhaupt eine Wirkung vorhanden ist, mir so vorkommt wie die Sache mit dem Hasen und dem Igel, nur in der Variante, dass der Hase gar nicht erst losrennt.

Strafe den Boten, ignoriere die Botschaft!

Zudem verfolgt die homöopathische Interessensphäre die interessante Taktik, “die Skeptiker”, eine irgendwie von ihnen imaginierte Art weltweiter Verschwörung, als “die Gegner” der Homöopathie auszumachen und ein Zerrbild der Kritik zu zeichnen – das geschickterweise ausklammert, dass “die Skeptiker” lediglich den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis transportieren. Was offensichtlich dringend notwendig ist. So wird in der öffentlichen Diskussion “der Skeptiker” zum böswilligen Zerreder der “beliebten” Homöopathie, wodurch man zu vermeiden sucht, sich mit dem wirklichen Gegenpol auseinanderzusetzten: der wissenschaftlichen Erkenntnislage. So baut sich die homöopathische Fraktion einen Scheingegner auf, nimmt den Boten für die Botscahft. Und ist damit auch noch erfolgreich. Allesdings in immer geringerem Umfang.

Bruch mit Hahnemann!?!

Hahnemann hat die Homöopathie im Sinne einer Arzneimittellehre etabliert, die nicht auf physiologischen Zusammenhängen (materielle Einwirkung von Stoff zu Körper, Dosis-Wirkungs-Beziehung) beruht. Vielmehr soll die “geistartige Substanz” im potenzierten Mittel auf die verstimmte “geistige Lebenskraft” des Erkrankten eben in einem geistig-immateriellen Sinne einwirken und die “verstimmte Lebenskraft” wieder geraderücken. Mit dieser Idee untrennbar verbunden sind Hahnemanns Grundlagen seiner Lehre: Das Simileprinzip als “magische” Annahme, dass Ähnlichkeiten in der Natur “geistartig” etwas zu bedeuten hätten und die Potenzierung, die ohne die Annahme einer Übertragung “geistartiger Kräfte” des Urstoffs auf das Lösungsmittel auch Hahnemann selbst wohl suspekt erschienen wäre -immerhin war er auch Chemiker, der übrigens auch eine vielverwendete Testmethode erfunden hat.

Die “homöopathische Grundlagenforschung”

Und jetzt kommen die großen Homöopathie-Proponenten und wollen mit aller Gewalt den Beweis antreten, dass die Homöopathie heutigen naturwissenschaftlichen Grundsätzen standhält? Dass es sehr wohl eine materielle, physiologische Grundlage für die angebliche Wirkung homöopathischer Mittel gibt? Dass Nanotechnologie, Quantenphysik und mehr die Grundlage für die wissenschaftslogische Erklärung eines homöopathischen Wirkungsmechanismus sein sollen?

Merken die denn nicht, dass sie damit den Boden der Hahnemannschen Lehre verlassen und damit sozusagen ins Leere stürzen? Weil sie, wenn sie die Hahnemannsche Wirkung der “geistartigen Kraft” in den homöopathischen Arzneimitteln mit aller Gewalt durch materielle Wirkungen ersetzen wollen,  damit einerseits Hahnemanns Grundannahmen zusammenfallen lassen wie ein Kartenhaus und andererseits eben doch nicht den Ansprüchen der Wissenschaftlichkeit gerecht werden, weil sie den von ihnen gewünschten Nachweis eben doch gar nicht erbringen können? Die ganzen Bemühungen, das Gebäude der Homöopathie auf den Sockel der modernen Naturwissenschaften zu heben, kommen mir vor, als würde man ein altes, auf unsicherem Grund stehendes Holzhaus in dem Bemühen, es vor dem Verfall zu retten, auf die Oberfläche eines Sees zu stellen versuchen.

All diese Bemühungen sind nach meiner Ansicht nicht nur Pseudowissenschaft, sondern sogar Pseudohomöopathie. Das verstehe ich unter der “Inkonsistenz” der heutigen Homöopathieszene.

Die inneren Inkonsistenzen

Hier finden sich reichlich Privatvarianten der Homöopathie, die Hahnemann zweifellos aufs Äußerste aufgebracht hätten, achtete er doch schon zu Lebzeiten auf die Einhaltung seiner reinen Lehre und betrachtete alle Abweichler als persönliche Gegner. Was alles nun finden wir in dieser Szene, was als Homöopathie verkauft wird, aber ihr massiv widerspricht und eigentlich nur Ergebnisse freischwebender Fantasie sind? Nur eine Auswahl:

Komplexmittel

Die Hersteller homöopathischer “Arzneimittel” haben inzwischen einen soliden Vertrieb sogenannter Komplexmittel aufgebaut, womit Präparate mit mehr als einem Wirkstoff gemeint sind. Wie das? Postulierte Hahnemann nicht das “eine” Mittel, das die besondere “Verstimmung der Lebenskraft” des Patienten wieder zurechtrückt? Hat er nicht überdeutlich gemacht, dass es aufgrund des gesamten individuellen Symptombilds gilt, das “eine” Mittel zu finden, das genau die Verstimmung dieses einen Patienten wieder ins Lot bringt? Ja, das ist ein ganz wesentlicher Grundpfeiler des Hahnemannschen Systems, der Gedanke der “Umstimmung der geistartigen Lebenskraft” steht und fällt mit der Auswahl des einen, genau richtigen Mittels.
Macht man einmal Hersteller solcher Komplexmittel, die diese ungeniert als “homöopathische Arzneimittel” kennzeichen, hierauf aufmerksam, kann es auch mal heiter werden. So erhielt der Verfasser dieser Zeilen unter anderem die Auskunft, schließlich habe sich die Homöopathie ja weiterentwickelt (!) und man habe dabei die Erfahrung (!) gemacht, dass Komplexmittel noch (!) wirksamer seien. Sehr interessant fand ich auch die Auskunft, die unterschiedlichen Wirkstoffe würden sich in dem Mittel “gegenseitig weiterpotenzieren”. Da staunt der Laie und Hahnemann  ist sprachlos.

Belegzitat aus Dr. Hahnemanns Organon (§ 273):

    In keinem Falle von Heilung ist es nöthig und deßhalb allein schon unzulässig, mehr als eine einzige, einfache Arzneisubstanz auf einmal beim Kranken anzuwenden. Es ist nicht einzusehen, wie es nur dem mindesten Zweifel unterworfen sein könne, ob es naturgemäß und vernünftiger sei, nur einen einzelnen wohl gekannten Arzneistoff auf einmal in einer Krankheit zu verordnen, oder ein Gemisch von mehreren, verschiednen. In der einzig wahren und einfachen, der einzig naturgemäßen Heilkunst, in der Homöopathie, ist es durchaus unerlaubt, dem Kranken zwei verschiedne Arzneisubstanzen auf einmal einzugeben.

Selbstmedikation

Wohl mehr als die Hälfte aller homöopathischen Mittel gehen zur Selbstmedikation ohne eine Verordnung durch einen “Heilkundigen” über die Apothekentheke. Auch hier würde Hahnemann wohl “dreynfahren, dass es die Narren kuriere”. Denn: Die homöopathische Methode, so unwirksam sie ist, beruht auf einem aufwendigen Verfahren. Das beginnt bei der Arzneimittelprüfung am Gesunden, findet einen Höhepunkt in der homöopathischen Anamnese, die dem “Heilkundigen” auch das kleinste Fitzelchen der Befindlichkeit des Patienten offenbaren soll und endet dann erst bei der Verordnung des laut Repertorium passenden Mittels. Dabei bedient sich der Homöopath riesiger Symptom- und Mittelverzeichnisse (die Repertorien), wenn er nach vielen Mühen ein Symptombild des Patienten gefunden hat, das er für diesen als individuell ansieht und auch -sogar vorrangig- den “Geistes- und Gemüthszustand” berücksichtigt hat.

Und da soll die Selbstmedikation mit Homöopathika nach der Empfehlung von Oma Liese ihrer Handarbeitsfreundin der ihren Sohn, dem es schon mal geholfen hat, irgendeinen Sinn machen? Auch die Empfehlung des Apothekers,  mal eben so über die Theke, muss nach Hahnemanns Grundsätzen völlig ins Leere laufen. Selbst für den “Heilkundigen” gilt nach § 257 des Organon:

     Der ächte Heilkünstler wird es zu vermeiden wissen, sich Arzneien vorzugsweise zu Lieblingsmitteln zu machen, deren Gebrauch er, zufälliger Weise, vielleicht öfterer angemessen gefunden und mit gutem Erfolge anzuwenden Gelegenheit gehabt hatte. Dabei werden seltener angewendete, welche homöopathisch passender, folglich hülfreicher wären, oft hintangesetzt.

Für Hahnemann wäre die Selbstmedikation demnach, in seinem Duktus, “eine Dummheit von Unwissenden, befördert durch elendige Geschäftsmacherey”.

“Komplementäre” homöopathische Behandlung 

Die Etablierung der Homöopathie als Komplementärmedizin muss nicht nur nach den Hahnemannschen Grundsätzen geradezu als Häresie erscheinen, sondern ist auch eine besonders perfide Methode zur Absicherung der Zuckerkugeltherapie.

Bekanntlich war Hahnemann den “Allopathen”, also den aus damaliger Sicht “herkömmlich” praktizierenden Medizinern, spinnefeind und setzte ihnen -aus durchaus aus seiner Sicht nachvollziehbaren Gründen- seine Methode diametral entgegen. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, aus der Beobachtung von Patienten, die gleichzeitig (!) allopathisch und homöopathisch behandelt werden, einen Beleg für seine Methode herauszulesen. Er wäre der Ansicht gewesen, dass jede allopathische Behandlung, die er eh für schädlich hielt, den homöopathischen Effekt zunichte machen würde. Das nahm er schon für vergleichsweise harmlose Sachen wie Kaffee oder Tee an.

Was heutige “klinische Forscher” nicht von derartigen Versuchen abhält. Und sie -man höre und staune- dazu befähigt, aus der Beobachtung von doppelt behandelten und nur wissenschaftlich therapierten Vergleichsgruppen Signifikanzen zugunsten einer homöopathischen Begleittherapie herauszulesen. Man kann Hahnemann kaum stärker widersprechen. Was übrigens von solchen Studien zu halten ist, darüber kann man sich beispielsweise anhand der sogenannten Sepsis-Studie des Homöopathie-Propagandisten Prof. Frass von der Uni Wien informieren. Ergebnis: Für mein Begriffe schlicht null. Freundlich ausgedrückt. Für Interessierte mehr auf dem Blog von Dr. Norbert Aust.

Ach ja, von wegen Absicherung: Was ist noch gleich eine Standardausrede des Heilpraktikers und womöglich des homöopathischen Arztes, wenn der Patient berichtet, die Globuli hätten aber gar nicht angeschlagen? “Sie haben bestimmt irgendwelche Medikamente dazu genommen, nicht wahr? Dann kann das nicht wirken!” In Hahnemanns Sinne haben sie damit recht. Aber erstens ist das ja eine wunderbare Ausrede und zweitens hält das die Szene nicht davon ab, fleißig “Komplementärmedizin” zu betreiben und dazu zu “forschen”…

Homöopathische Prophylaxe

Tja. Ein – Scherz, würde Oberstleutnant Sanftleben alias Georg Schramm sicherlich dazu sagen.

Landsleute, Homöopathie ist nichts für uns. Mit Kleinigkeiten haben wir uns noch nie zufrieden gegeben.

In der Tat. Hahnemann will die “Verstimmung der geistigen Lebenskraft” korrigieren, die sich nach außen durch Symptome bemerkbar macht. So wie man einen kleinen Baum oder Strauch geraderückt, der sich im Erdreich gelöst hat. Dazu muss aber erst einmal eine solche Verstimmung, die sich durch Symptome bemerkbar macht, vorhanden sein. Ansonsten würde man nach Hahnemanns Lehre durch eine Arzneigabe eine solche Verstimmung ja hervorrufen! Beziehungsweise dem Baum, der schön geradesteht, einen Ruck versetzen, der ihn krumm zurücklässt. Eine schöne Prophylaxe! Das wäre dann keine vorbeugende Behandlung, sondern ein homöopathischer Arzneimitteltest…  In diesem Fall dürfte Hahnemann sprachlos sein.
Nur am Rande: Eine Suche nach “Homöopathie Prophylaxe” bei Google ergibt für den deutschsprachigen Raum rund 359 000 Treffer…

Tierhomöopathie

Gelegentlich zu Recht auch Tierquälerei genannt. Man weiß heute, dass Hahnemann die Anwendung der Homöopathie an Tieren wohl einmal angedacht hat (eine kurze Ausführung dazu findet sich in einem Manuskript, das einen Entwurf für einen wahrscheinlich nie gehaltenen Vortrag darstellt). Er ist aber niemals darauf zurückgekommen. Er wird gewusst haben, warum. Zweifellos hat er eingesehen, dass seine Anforderungen an die homöopathische Anamnese, die nach Möglichkeit die kleinste Befindlichkeitsstörung sowie den Zustand von “Geist und Gemüth” erfassen soll, beim Gespräch mit Ackerpferd Hulda und Hofhund Bello nicht erfüllt werden könnten. Allenfalls vom sprechenden Pferd Mr. Ed aus den sechziger Jahren, mir ist ein Versuch mit dem aber nicht bekannt geworden.

Und jetzt zu Geist und Gemüth…

Mal wieder hat es seine selbsternannten Exegeten nicht davon abgehalten, Tierhomöopathie zu etablieren und allen Ernstes anzufangen, sogar Arzneimittelprüfungen an gesunden Tieren vorzunehmen. Ihnen reicht die eigene Beobachtung, zusätzlich die des Tierhalters, völlig aus. Notfalls wird auf die Symptom- und Mittelverzeichnisse für Menschen zugegriffen -“Interpolieren” wird das genannt und wenn alle Stricke reißen, muss es die berühmte Erfahrung des Therapeuten richten. Es gibt sogar einen Namen für diesen gesteigerten Unsinn: Anamnese per proxy. Das ist, selbst gemessen an den Anforderungen bei der Humanhomöopathie, grotesk.

Es gibt noch viele andere Gründe -pathologische wie ätiologische- dafür, weshalb humanbezogene Mittel und Methoden ohnehin nicht einfach auf die Tierwelt übertragen werden können, ein Beleg dafür ist die eigenständige, besondere Profession des Veterinärs mit einem eigenen speziellen Studiengang. Das ficht aber die Legion der Tierhomöopathen nicht an – sie betreiben ihre systematische Misshandlung kranker Tiere auf breiter Basis. Google ergibt zu Tierhomöopathie im deutschsprachigen Raum über 73 000 Treffer…

Pflanzenhomöopathie

Äh… ja. Nur zur Klarstellung: Ich meine damit nicht homöopathische Mittel, deren Urstoff pflanzlicher Provenienz ist. Ich meine damit tatsächlich die Anwendung homöopathischer Mittel auf Pflanzen…
Und zwar keineswegs gegen Pflanzenkrankheiten, sonst hätte ich das auch zusammen mit der Tierhomöopathie abhandeln können. Nein, keineswegs, sondern zur Beförderung von Wachstum und Ertrag…

Glauben Sie nicht? Können Sie sich nicht vorstellen? Doch, doch. Schon 2004 wurden Steuermittel dafür ausgegeben, eine Studie der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Bonn zu finanzieren, die bioenergetisch und homöopathisch betriebene Zierpflanzenwirtschaft in allerhöchsten Tönen preist. Wer es sich zutraut, das zu lesen, kann den Link gerne von mir erhalten… aus Rücksicht auf nicht so nervenstarke Leser stelle ich ihn nicht direkt ein.

In jüngster Zeit ist sogar eine höchst renommierte Firma dabei, ihre Produkte mit homöopathischem Unsinn zu diskreditieren und unglaubwürdig zu machen:
http://www.neudorff.de/pflanzenwissen/homoeopathie.html

Überzeugen Sie sich selbst.

Absurdes im Absurden

Wer nun glaubt, wir hätten uns bereits Lichtjahre von Hahnemann entfernt und irrer ginge es doch gar nicht mehr, der staune über einen kleinen letzten Exkurs über

Zauberei und Hexenwerk

Auch gern mal als “evolutionäre Homöopathie” bezeichnet. Sind schon die vorhergehenden Beispiele Beleg genug dafür, dass die Homöopathie wegen ihres fehlenden Wirkungsnachweises und mangels naturgesetzlich haltbarer Erklärungen eine Spielwiese für Geschäftemacher und Selbstdarsteller geworden ist, so gilt dies erst recht für einige Perlen des Esoterik- und Paramedizinmarktes, die sich inzwischen auch des armen Hahnemann angenommen haben.

Eine der schwierigsten Aufgaben für den homöopathisch Heilkundigen ist ja die komplizierte Mittelfindung, die Suche nach dem einen, einzigen Mittel, ganz individuell. Da gibt es ganz neue, revolutionäre Ansätze, die zweifellos geeignet sind, dieses Problem dauerhaft und nachhaltig zu lösen. Ich darf vorstellen:

Mittelfindung per Farbvorliebe

Ich beschränke mich zur Farbenlehre hier mal auf ein einschlägiges Zitat:

“Die Farbtrilogie des bekannten Kölner Arztes und Forschers H.V. Müller ist bereits ein Klassiker. Er entdeckte, was moderne Homöopathen immer wieder bestätigen: Die Farbvorliebe bietet Sicherheit beim Finden eines homöopathischen Mittels, das nicht nur oberflächliche Symptome abdeckt. (Schon ganz falsch, ätsch…)
Die Farbvorliebe kann uns als Rubrik im Farbrepertorium erste Hinweise auf aussichtsreiche Mittel liefern, oder sie kann bei der Differenzierung der Mittel nach der üblichen Repertorisation helfen. Die Farbe liefert uns den emotionalen Hintergrund, auf dem sich die meisten Erkrankungen abspielen.
Auch lassen sich durch Farbgruppen Arzneimittelbeziehungen klären und Gemeinsamkeiten auffinden. Laut Müller haben z. B. „die Blauen“ einen Hang zur Glorifizierung der Vergangenheit und sind zuverlässig, während „die Roten“ eher revolutionär veranlagt sind und nicht unbedingt zur Treue neigen. Die Übereinstimmung von Farbgruppen konnte Müller anhand tausender von Fällen erforschen und bestätigen.”

(Werbetext des Narayana-Verlags zum Buch “Die Farben als Hilfe zur homöopathischen Mittelfindung – Band 1” von Hugbald Volker Müller – 
http://www.narayana-verlag.de/Die-Farben-als-Hilfe-zur-homoeopathischen-Mittelfindung-Band-1-Hugbald-Volker-Mueller/b17645)

Mittelfindung durch Familienaufstellung nach Hellinger

In letzter Zeit geht auch die unselige “Familienaufstellung nach Hellinger”, eine nicht ungefährliche, höchst umstrittene psychisch beeinflussende Methode, eine (Schein-)Ehe mit der Homöopathie ein.
So lässt man beispielsweise im Rahmen einer Aufstellung den “Vertreter” entweder der Symptomatik oder den des Probanden selbst “intuitiv” aus einer Reihe verschiedener homöopathischer Mittel das “Richtige” heraussuchen… Auch für die wortreiche Darlegung dieser Erkenntnisse unter dem Titel “Systemische Homöopathie mit Familienaufstellung” (mal bei Amazon suchen, bei Interesse) mussten bereits unschuldige Bäume in der Papierproduktion ihr Leben lassen.:

Ein Zitat der Autoren: „Es gibt nicht die Realität an sich, sondern nur Sichtweisen von Beobachtern. Eine objektive Welt gibt es demnach nicht, sondern jeder Beobachter schafft sich seine eigene Welt.“ Tja, kann man so sehen. Nur mit Wissenschaft hat das leider nichts zu tun. Nur mit einem selbstausgestellten Freibrief für Beliebigkeit.

Elektronische Homöopathie

Bitte nicht verwechseln mit der “Elektrohomöopathie” nach Cesate Mattei, das ist etwas ganz anderes und hat im Grunde mit der Hahnemannschen Homöopathie wenig bis nichts zu tun.

“Elektronische Homöopathie und die Klassische Homöopathie sind nur im Ergebnis gleich. Im Herstellungsverfahren und der Philosophie, die dahinter steckt, weichen sie zum Teil vollkommen voneinander ab. (Eine schöne Bestätigung meiner These von der Demontage der Homöopathie durch ihre Anhänger.)
Ein wichtiger Unterschied ist, dass die Klassische Homöopathie eher davon ausgeht, dass ein Mittel über den ganzen Potenzierungs- und Potenzbereich dem ursprünglichen und eigentlichen Arzneimittelbild verhaftet bleibt, während die Elektronische Homöopathie – geprägt von Radionik, insbesondere aber auch der Bioresonanz- und Frequenztherapie – meint, dass sich völlig verschiedenartige Wirkungen aus den Potenzbereichen ergeben können. 
Besonders interessant: Die Elektronische Homöopathie kann das Ergebnis gleich als passende Schwingung per handelsüblichem PC zur Verfügung stellen. (Na, da kommt Hahnemann natürlich nicht mit.)

(Begleittext zu: “Elektronische Homöopathie – Mittelfindung, Schwingungsgenerierung und Ausgabe mittels Personal Computer für Bioresonanz und Radionik” von Hans Otfried Ditmmer –  https://www.amazon.de/Elektronische-Homöopathie-Mittelfindung-Schwingungsgenerierung-Bioresonanz/dp/3837062589/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1474742054&sr=1-3&keywords=Dittmer%2C+Hans+Otfried)

Die ultimative Vereinfachung jedoch, dem heutigen hektischen Zeitgeist optimal angepasst -denn bei Hahnemann ging es doch noch eher gemütlich zu- ist aber die Entdeckung der

“Homöopathie zum Aufmalen”.

Einfach mal nach “Medizin zum Aufmalen” bei Amazon suchen.

Aus einem Begleittext zum Buch “Medizin zum Aufmalen – Heilen durch Informationsübertragung und Neue Homöopathie / Praxiserfahrungen mit den Körbler’schen Zeichen” von Neumayer / Stark:

“Seit jeher nutzten indianische Völker Zeichen und Symbole, um Kraft und Mut zu stärken. Auch auf dem berühmten Eismenschen “Ötzi” fand man auftätowierte Striche an verletzten Körperteilen, und der Scanner an der Supermarktkasse erkennt das Produkt am Strichcode… Symbole, einfache Striche und Zeichen werden seit Urzeiten und in zahlreichen Kulturen eingesetzt, um Informationen zu übermitteln und die Selbstheilungskräfte zu mobilisieren.
Mitte der 1980er Jahre belebte der Wiener Elektrotechniker (! – Ich hätte auf einen Malermeister getippt…) Erich Körbler dieses Wissen neu. Demnach kann der menschliche, tierische und pflanzliche Organismus auf Körper-, Seele- und Geistebene durch geometrische Formen und Zeichen heilbringend beeinflusst werden. Die Zeichen wirken wie Antennen auf der Haut und verändern von dort aus das Energiesystem des Körpers. Sie werden auf schmerzende Stellen oder Akupunkturpunkte aufgemalt; mit ihrer Hilfe können Informationen auch auf Wasser oder Heilsteine übertragen werden.
Viele Laien und Therapeuten haben dieses Heilsystem inzwischen erprobt und weiterentwickelt, geben ihr Wissen weiter und wenden es in der täglichen Praxis an – mit teilweise erstaunlichen Erfolgen.
Ein umfassender Ratgeber für Alltag und Therapie – mit anschaulichen Fallbeispielen und Praxisberichten!”


So macht die Homöopathie nur noch den Eindruck eines ehemals einigermaßen eindrucksvollen, aber längst durchgesessenen Sofas, das irgendwo in der Landschaft steht, seltsamerweise von niemand entsorgt wird, an dem jeder weiter herumfleddern darf und damit dessen weiteren Verfall befördert.

So. Nun genug der Beispiele, es ist hier doch lang geworden. Der besseren Lesbarkeit halber erscheint ein Epilog zu diesem Thema als gesonderter Beitrag.


Bildnachweise:
1 – 5, 9 – 11:   fotolia
6, 13: Eigene Bilder
7: Wikimedia Commons
8: Geschäftsstelle Bundesprogramm Ökologischer Landbau – Lizenzfreie



 

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Die Inkonsistenz der Homöopathie I

Wer weiß, was ein Kanon ist? Das lateinische Wort “Kanon” meint soviel wie Maßstab, Richtschnur, einheitliche Gesamtheit. Der Kanon der Wissenschaft ist die Summe anerkannter Erkenntnisse oder Regeln, beispielsweise der Kanon der wissenschaftlich abgesicherten medizinischen Mittel und Methoden, im weitesten Sinne den “State of the Art”.

Ein Missverständnis ersten Ranges wäre es, diesen Kanon im wissenschaftlichen Sinne als feststehend, in Stein gemeißelt anzusehen. Von diesen früher durchaus gehegten Gedanken, dass bereits alles erschlossen sei, was es zu wissen gebe, haben wir uns längst verabschiedet. Und das ist noch gar nicht so lange her. Noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert riet man jungen Akademikern ab, Physik zu studieren. Nach der Entdeckung der Gesetze der Thermodynamik und der elektrischen Feldgleichungen waren viele Wissenschaftler sicher, der Kanon der Physik sei geschlossen und es werde keine neuen Erkenntnisse mehr geben. Wir wurden wahrhaftig eines Besseren belehrt – und haben uns nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Wissenschaftstheorie von einer so naiven Sicht verabschiedet.

Der Kanon der wissenschaftlichen Medizin ist heute der jeweils gültige Bestand der gesicherten Erkenntnisse. Er ist – entsprechend der Erkenntnismethode von Karl Poppers Falsifikationismus – sozusagen immer nur eine buchstäbliche Momentaufnahme, der aktuelle Stand des Nichtwissens, wie Eckart von Hirschhausen so treffend sagt. Er steht ständig auf dem wissenschaftlichen Prüfstand. Methoden werden verbessert, Neues wird hinzugefügt, Widerlegtes verworfen und aus dem Kanon ausgeschieden. Was nebenbei ein außerordentlich wirksames Mittel gegen Dogmatismus ist. Der Kanon muss zudem in sich konsistent sein, womit gemeint ist, dass keine Widersprüche in ihm selbst (innere Konsistenz) und zu anderen gesichertem Wissen (äußere Konsistenz)  enthalten sein dürfen – solche sind Anlass zu weiterer Aufklärung. Man kann ja nun nicht von einem “Kanon”, also einem “Zusammenklang” sprechen, wenn ein System in sich und / oder gegenüber gültiger wissenschaftlicher Erkenntnis anderer Wissenschaftsbereiche widersprechende Erkenntnisse und Methoden enthält (fehlende innere und / oder äußere Konsistenz).

Der jeweilige Kanon wissenschaftlicher Mittel und Methoden, auch und gerade in der Medizin, ist also eine Momentaufnahme, die den aktuellen Stand des wissenschaftlichen Prozesses repräsentiert. Er ist ein Fluss in der Zeit. Er mag Lücken und Irrtümer enthalten, die aber nach der wissenschaftlichen Methode der Falsifikation, des Versuchs der Widerlegung und Verbesserung, der Korrektur früher oder später anheimfallen. Falsifikation führt immer dann zu Fortschritt, wenn eine Beobachtung einer bisherigen Erkenntnis (Theorie) widerspricht oder sich widersprechende Annahmen aufgelöst werden. Sie garantiert ein offenes, selbstreferenzierendes System. Erkenntnisgewinnung nicht durch Bestätigungsversuche (Validierung), sondern durch Widerlegungsversuche (Falsifizierung) von Hypothesen und Theorien: die große Leistung Karl Poppers zur Epistemologie und das derzeit beste System der Erkenntnisgewinnung, das Menschen in mehr als 2000 Jahren entwickelt haben.

Ein Beispiel für den Mechanismus dieses erkenntnisoffenen Systems ist der Fall der lange zum Kanon gehörenden Hormontherapie für Frauen nach der Menopause. Angesichts vieler Behandlungserfolge bezogen auf die typischen Wechseljahresbeschwerden hatte sich diese Methode als Standard etabliert. Durch die kritisch-falsifizierende Forschung geriet diese scheinbar fest im Kanon verankerte Therapie ins Wanken.

Die Ergebnisse der britischen “One Million Study”, einer der weltweit größten Untersuchungen zur Hormonbehandlung für Frauen nach der Menopause, zwang zum Umdenken. Sie bestätigte eine deutliche Erhöhung des Brustkrebsrisikos durch eine solche Hormonbehandlung, und zwar umso mehr, je länger die Behandlung andauerte. Eine weitere Studie, die “Woman’ s Health Initiative”, konnte nicht über die vorgesehene Zeit von acht Jahren durchgeführt werden – sie wurde wegen der überdeutlichen Zunahme von Brustkrebserkrankungen schon bei den Zwischenergebnissen abgebrochen.

Somit verlor die generelle Empfehlung zu einer postmenopausalen Hormontherapie ihren Platz im wissenschaftlich-medizinischen Kanon. Sie wurde zunächst durch eine im Anwendungsbereich und in der Anwendungsdauer stark beschränkte Empfehlung ersetzt. Derzeit hat die laufende Forschung detaillierte neue Ergebnisse erbracht, die in eine neue, sehr differenzierte Leitlinie münden werden.

Jetzt aber die Gretchenfrage:

Wie sieht es mit alledem bei der Homöopathie aus?

Nun, die Homöopathie verfügt auch über einen Kanon, der – wir werden noch sehen warum – weder innere noch äußere Konsistenz besitzt, deshalb  außerhalb des Kanons der wissenschaftlichen Medizin steht und mit ihm unvereinbar ist. Der verkörpert sich im “Organon der Heilkunst”, stammt vom berühmten Samuel Hahnemann und ist inzwischen 200 Jahre alt, ohne dass ihn etwas von der wissenschaftlichen Methode des Falsifizierens, des Verwerfens von Unhaltbarem und des Einbaues neuer Erkenntnisse berührt hätte. Im Gegenteil, den Homöopathien, vor allem den sogenannten klassischen und genuinen, gilt er als sakrosankt, als Dogma – was sich durchaus damit verträgt, dass er ein Gedankengebäude, eine Erfindung (keine Entdeckung, wie Hahnemann glaubte!), eine auf vorwissenschaftlichen Vorstellungen beruhende gedankliche Konstruktion ist. Eben ein Monolith, der völlig unbeeindruckt vom Fluss der wissenschaftlichen Erkenntnisse und Fortschritte unbeweglich in der Landschaft steht – siehe Beitragsbild.

Hahnemann war der Begriff der Empirie, der Erfahrungswissenschaft, zwar klar – jedoch es fehlten ihm jegliche Mittel und Methoden zur Einordnung und Bewertung seiner empirischen Ergebnisse, ein gesichertes Referenzsystem, wie es uns heute mit der überwältigenden Menge gut gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Verfügung steht. Ein Beispiel dafür ist der vielzitierte Chinarindenversuch. Hahnemann war darauf angewiesen, seine Erkenntnisse – zum Beispiel, dass die Methoden seiner Ärztekollegen eher zum Ab- als zum Weiterleben der Patienten führten – in einem reinen Gedankengebäude zu verarbeiten. Teils griff er dabei auf Gedanken des Animismus – der Vorstellung einer allseits belebten und bedeutungsvollen Welt- (daraus entstand das Simileprinzip) und des damit verwandten Vitalismus (die Annahme der Belebung einer aus sich heraus nicht “lebensfähigen” Materie durch eine von außen einwirkende “geistige Lebenskraft”) zurück, teils erfand er ihm schlüssig erscheinende Hypothesen wie die Wirkungszunahme durch Potenzierung (die ursprünglich nur Giftstoffe unschädlich machen sollte, dann aber von Hahnemann zu einer tragenden Säule seiner Lehre ausgebaut wurde). Als Grundprinzip lehrte Hahnemann, dass jede Krankheit eine “Verstimmung der geistartigen Lebenskraft” sei, die durch die Symptome sichtbar werde – und nur durch diese. Mehr als Symptome “sei von einer Krankheit nicht zu wissen”. Die Symptombilder der Patienten wiederum seien die Basis dafür, mit hoch- und höchstverdünnten (“potenzierten”) Mitteln, die ihrerseits eine “geistartige Arzneikraft” besäßen und die Fähigkeit hätten, die “geistartige Lebenskraft” des Kranken wieder zurechtzurücken.

Diese Kernannahmen der Homöopathie, die einen gewissen Grundkonsens in der inzwischen in viele Varianten und Ausdeutungen der ursprünglichen Lehre zerfallenen Homöopathie ausmachen, stellen ein klassisches Dogma dar. Diese Annahmen konnten auch deshalb Platz greifen, weil damals noch keine Vorstellung von Ätiologie, also der Lehre von Krankheitsentstehung und -verläufen, bestand. Demgemäß gab es auch noch keine ausgebildete Pathologie, also Krankheitslehre im Hinblick auf Ursachen. Es sollte einsichtig sein, dass ohne Ätiologie und Pathologie jede medizinische Behandlung immer nur ein “Stochern im Nebel” sein konnte. So war damals auch möglich, Krankheiten generell auf eine Grundursache (Verstimmung der Lebenskraft) zurückzuführen – ein Merkmal vieler pseudomedizinischer Methoden. Die – was meist nicht wahrgenommen wird – sich durch diese Unterschiede in der elementaren Grundannahme der jeweiligen Lehre gegenseitig logisch ausschließen.

Das ist ein Befund, der sich nicht einfach schulterzuckend hinnehmen lässt. Die homöopathische Lehre ist im Kern dogmatisch, ignoriert deshalb zwangsläufig den wissenschaftlichen Fortschritt und ist damit nach außen inkonsistent. Es wird noch gezeigt werden, dass nicht einmal eine innere Konsistenz der Homöopathie vorliegt.

Wie ist es möglich, dass es Mediziner gibt, die kein Problem damit haben, diese beiden Welten, die sich in ihren Prämissen ausschließen, in der Praxis nebeneinander anzuwenden, ohne dabei eine massive kognitive Dissonanz wahrzunehmen? Diese Frage wird sich noch durch manchen weiteren Beitrag auf diesem Blog ziehen.

Im Bestreben, zu retten, was zu retten ist, suchen die Homöopathen ihr Heil unter anderem in dem Versuch, die Homöopathie ungeachtet des Festhaltens am Grunddogma in eine modern und neuzeitlich scheinende Aura von Scheinwissenschaftlichkeit zu hüllen. Damit sind sie nicht wenig erfolgreich. Ihre scheinwissenschaftliche Mimikry wirkt auf das zur Hömöopathie wenig informierte Publikum wie gewünscht – sie soll die Unvereinbarkeit des Hahnemannschen Kanons und des “State of the Art” der wissenschaftlichen Medizin verschleiern.

Halten wir fest: Der Kanon der wissenschaftsbasierten Medizin ist in ständigem Fluss begriffen, seine ihm inhärente Methode der Erkenntnisgewinnung durch Fehlerbereinigung sorgt für den Fortschritt der Erkenntnis. Mir gefällt sehr die Metapher, dass wir uns mit der wissenschaftlichen Methode “emporirren”. Der Kanon der Homöopathie ist im Kern ein zweihundert Jahre altes Dogma, damals zwar nach bestem Vermögen geschrieben, dessen Grundaussagen von den Ergebnissen wissenschaftlicher Erkenntnis unberührt geblieben sind. Ein recht gut erhaltenes Fossil, aber ein Fossil.

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