Wir finden uns heute hier zusammen…

… aus traurigem Anlass. Wir verabschieden uns heute von einem Publikationsorgan, das über viele Jahre hinweg wertvolle Dienste bei der Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte in allgemeinverständlicher Form geleistet hat und dem dafür Anerkennung gebührte.

Der Abschied gilt zwar nicht dem Organ als solchem, aber seiner Verpflichtung auf wissenschaftliche Fakten und Standards und von der Verantwortung, die eine Publikation, die wichtiger Teil eines Fachverlages ist, gegenüber seinen Lesern hat.

Nun, nimm Deinen Abschied, Bild der Wissenschaft, vom Kreis der seriösen Publikationsorgane für wissenschaftliche Themen und Inhalte. Du hast schon im vergangenen Jahr erste Symptome gezeigt, als Du einen -sagen wir mal- sehr relativierenden Artikel mit dem Titel „Der Impf-Krieg“ veröffentlicht hast, der nun wirklich nicht sehr hilfreich bei der Information verunsicherter und zweifelnder Eltern war. Zudem davon gekrönt, den unsäglichen Herrn Hirte als Fürsprecher der „individuellen Impfentscheidung“ auftreten zu lassen. Schon dafür hast Du viel Kritik geerntet. Zu Recht.

Was Du Dir jetzt aber mit dem Hauptthema Deiner Ausgabe 3/2017 leistest, lässt nur den Schluss zu, dass auch der Impfartikel nicht zufällig irgendwie ins Heft gerutscht ist. Wir lesen nämlich ungläubig eine ganze Artikelreihe über das Lob der „Integrativen Medizin“, die im Kern eine Herabwürdigung der wissenschaftlich orientierten Medizin und eine völlig ungerechtfertigte Aufwertung integrativ-komplementär-alternativer, sprich unwirksamer und unlauterer, Methoden ist. Ja, sicher wird man wieder ins Feld führen, in den Artikeln stecke auch viel Wahres – das war beim Impfartikel auch so. Beispielsweise in der Kritik des Medizinethikers an der „Abfertigungsmedizin“, aber statt hier die wissenschaftliche Medizin in die Verantwortung zu nehmen, wäre es weitaus angemessener gewesen, auf die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen näher einzugehen, die sie für diese Unzulänglichkeiten gesetzt hat. Ganz abgesehen davon, dass die „sprechende Medizin“, der psychologische und psychosomatische Teil der Medizin, schon lange intensiv wissenschaftlich beforscht wird und sogar bereits in erste Leitlinien der Ärzteverbände Einzug hält.

Es ist schon gleich wieder symptomatisch, wenn sofort die „Schulmedizin“ mit eben diesem Begriff diskreditiert wird -und ja, Widerspruch zwecklos, dieser Begriff ist zur Diskreditierung der wissenschaftlichen Medizin erfunden worden und steht auch nach wie vor für diesen Kontext- und dem dann die „Naturheilkunde“ gegenübergestellt wird. Das zeigt in aller Deutlichkeit entweder die Unwissenheit oder aber die böse Absicht der Redaktion, die wissenschaftliche Medizin zu diskreditieren. Naturheilkunde ist schließlich kein im Gesundheitswesen vorkommender Begriff. Nicht zur Naturheilkunde gehören schon mal gleich Homöopathie, Akupunktur und Osteopathie. Nur so als Beispiel.

Und das ewige „mehr Forschung“ und „die Skeptiker liegen falsch, denn das ist nur wissenschaftlich noch nicht bewiesen…“ ist so was von billig, vielfach widerlegt und langweilig… Wo habt ihr das abgeschrieben? Bei den Homöopathen?

Dies aber nur als Anriss. Ich verspreche noch eine nähere Auseinandersetzung mit den Beiträgen, zumal es mir beim ersten Lesen auch so vorkam, als seien hier falsche Zeugen oder Zeugen falsch zitiert worden, was immer sehr problematisch ist.

Ich für mein Teil bin nicht nur erschrocken, ich bin entsetzt. Was habt ihr da getan?

BdW, eine Publikation, die mich selbst auch lange begleitet und auch das naturwissenschaftliche Interesse meines Sohnes mit geweckt hat – ab sofort ohne mich.

Bevor ich es vergesse: Kürzlich las ich in einem bekannten englischsprachigen Wissenschaftsorgan zum Thema integrative Medizin (dieses Wortgeklingel…) sinngemäß folgenden Hinweis:
Wenn ich Bologneser Sauce in eine Apfeltorte mische, ist das nicht integrativ. Sondern einfach eine Sauerei.

 

 

Bildnachweis Noten: Wikimedia Commons

 

Was sind die besonderen Stärken der Homöopathie? Eine Aufklärung.

Young businessman pushing large stone uphill
Der bekannte Homöopathiekritiker Sisyphos beim unermüdlichen Versuch, die Mutter aller Globuli zu beseitigen.

Ich zitiere heute mal was:

„Was sind die besonderen Stärken der Homöopathie?

Homöopathie behandelt den ganzen Menschen und nicht nur ein bestimmtes Krankheitssymptom. Sie aktiviert die Selbstheilungskräfte im Körper, denn sie geht davon aus, dass jeder Körper eine Krankheit aus eigener Kraft überwinden kann. Der Körper braucht oft eben nur den entsprechenden Reiz von außen. So kann sie auch Krankheiten heilen, bei denen die Schulmedizin lediglich versucht, die Symptome zu lindern. Homöopathie beugt vor: sie kann einen Menschen „auffangen“, bevor er richtig krank wird

Bei welchen Erkrankungen kann Homöopathie helfen?

Homöopathie kann man bei allen Krankheiten einsetzen, die keiner chirurgischen oder intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Selbst schwere akute oder chronische Erkrankungen, wie zum Beispiel Asthma, Migräne, Colitis, Neurodermitis oder Rheuma sind mit Homöopathie heilbar. Wichtig ist: Der Organismus muss zu einer Reaktion auf die Arznei fähig sein. Wenn Organe, Knochen, Gewebe allerdings dauerhaft geschädigt sind, können homöopathische Mittel nicht heilen. Helfen können sie aber auch in solchen Fällen. Zum Beispiel um die Begleiterscheinungen dieser Schäden – oder der Therapie dagegen – zu lindern und den Patienten seelisch zu stützen und seine Konstitution zu stärken.

An ihre Grenzen kommt die Homöopathie wenn ein Patient keine individuellen Symptome hat oder diese nicht beschreiben kann. In so einem Fall kann die Ähnlichkeitsregel – Ähnliches mit Ähnlichem heilen – nicht greifen.“

 

Und so weiter…

Und jetzt, liebe Leser, raten Sie mal: Wo findet sich wohl diese ebenso falsche wie irreführende Propaganda pro Homöopathie? In einer Pressemitteilung der Carstens-Stiftung vielleicht? Oder doch eher in einer Broschüre eines Herstellers von homöopathischen Remedia? Oder gar in einer Buchveröffentlichung mit dem Tenor „Selbstbehandlung mit Homöopathie – der risikofreudige Patient“?

Alles falsch.

Es handelt sich um Auszüge aus einem Artikel über „Häufige Fragen zur Homöopathie“ einer gesetzlichen Krankenkasse. Jawohl. Einer gesetzlichen Krankenkasse, der es zwar (leider) erlaubt ist, Homöopathie als Satzungsleistung anzubieten, die aber für meine Begriffe völlig ins Klo greift und ihre Sorgfaltspflichten gegenüber ihren Mitgliedern grob verletzt, wenn sie eine derartige, durch nichts belegte und zudem auch noch großteils inhaltlich falsche „Patienteninformation“ betreibt. Kein kritisches Wort. Kein einziges. Statt dessen die offene unkritische Behauptung, die Homöopathie könne schwere, chronische Erkrankungen „heilen“.

Was zuviel ist, ist zuviel. Es dürfte hier das Verbot von Heilungsversprechen nach dem Heilmittelwerbegesetz zwar nicht direkt greifen, weil die Krankenkasse hier keine Werbung mit dem Ziel des Absatzes von Produkten betreibt. Aber ist das hier nicht noch viel schlimmer, als wenn ein Mittelhersteller sich erlaubt, mit einer Indikation für ein einzelnes homöopathisches Mittel zu werben?

Das Gesundheitsministerium des Landes Rheinland-Pfalz und das Bundesgesundheitsministerium haben von mir den nachfolgenden Text per Mail erhalten:

 

„Sehr geehrte Damen und Herren,

ich nehme Bezug auf die „Bewerbung“ der Homöopathie auf der Webseite der BKK Pfaff , die in meiner Ansicht nach unverantwortlicher Weise irregeleitete und sachlich falsche „Informationen“ für deren Versicherte enthält. Dies ist nun zwar nichts grundsätzlich Neues auf einer Krankenkassenseite, die Intensität und Absolutheit der unhaltbaren Aussagen bei der BKK Pfaff zur Homöopathie sind aber von bisher nicht gekannter „Qualität“. Insbesondere enthalten die dortigen Ausführungen auch unmittelbare Aussagen zur „Heilung“ von Krankheiten, was weder wissenschaftlich haltbar noch ethisch zu verantworten ist. Ich beschränke mich auf die meiner Ansicht nach wesentlichsten Beispiele:

„Homöopathie behandelt den ganzen Menschen und nicht nur ein bestimmtes Krankheitssymptom. Sie aktiviert die Selbstheilungskräfte im Körper, denn sie geht davon aus, dass jeder Körper eine Krankheit aus eigener Kraft überwinden kann. Der Körper braucht oft eben nur den entsprechenden Reiz von außen. So kann sie auch Krankheiten heilen, bei denen die Schulmedizin lediglich versucht, die Symptome zu lindern. Homöopathie beugt vor: sie kann einen Menschen „auffangen“, bevor er richtig krank wird.“

Allein dieser erste Absatz ist insofern ein Kunstwerk, als dass er gleich eine ganze Reihe von unzutreffenden Aussagen in sich vereinigt.

Homöopathie ist keineswegs eine „ganzheitliche“ Methode (was ist das überhaupt?), ganz im Gegenteil. Sie ist laut Hahnemann eine rein symptombezogene Arzneimittellehre, da man -wie im Organon nachzulesen ist- dort gar keine Krankheiten kennt, ja sogar das Vorhandensein gleichförmiger wiederkehrender Krankheiten leugnet. Alles, was nach der homöopathischen Lehre von einer Krankheit erkannt und gewusst werden kann, sind die individuellen Symptome. Insofern ist gleich der erste Satz der „Patienteninformation“ der BKK Pfaff grundlegend falsch. Dementsprechend ist es eine unglaubliche Anmaßung, ja eine Unverschämtheit, wenn eine Krankenkasse behauptet, die „Schulmedizin“ (von Hahnemann abwertend gemeint) lindere „nur“ Symptome. Dies alles stellt die Tatsachen auf den Kopf und ist bereits geeignet, Patienten zu verunsichern und zu deren Nachteil zu beeinflussten. Indoktrination nennt man das wohl. Unglaublich.

Dann kommt noch die völlig verstiegene Aussage dazu, dass Homöopathie einen Menschen „auffangen“ könne, bevor er krank wird. Das ist pure Esoterik und wiederum ein grober Verstoß gegen homöopathische Grundannahmen. Denn Homöopathie will die „verstimmte Lebenskraft“ des Patienten wieder „geradestimmen“, setzt also eine akute oder chronische Krankheit als vorhanden voraus. Eine irgendwie geartete Prophylaxe oder gar eine „Stärkung des Immunsystems“ (was ohnehin blanker Unsinn ist) ist dem Denkmodell der Homöopathie völlig fremd.

„Homöopathie kann man bei allen Krankheiten einsetzen, die keiner chirurgischen oder intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Selbst schwere akute oder chronische Erkrankungen, wie zum Beispiel Asthma, Migräne, Colitis, Neurodermitis oder Rheuma sind mit Homöopathie heilbar. Wichtig ist: Der Organismus muss zu einer Reaktion auf die Arznei fähig sein. Wenn Organe, Knochen, Gewebe allerdings dauerhaft geschädigt sind, können homöopathische Mittel nicht heilen. Helfen können sie aber auch in solchen Fällen. Zum Beispiel um die Begleiterscheinungen dieser Schäden – oder der Therapie dagegen – zu lindern und den Patienten seelisch zu stützen und seine Konstitution zu stärken.

An ihre Grenzen kommt die Homöopathie wenn ein Patient keine individuellen Symptome hat oder diese nicht beschreiben kann. In so einem Fall kann die Ähnlichkeitsregel – Ähnliches mit Ähnlichem heilen – nicht greifen.“

Das ist -mit Verlaub- verantwortungsloser Unsinn. Die Homöopathie ist durch die weltweite Wissenschaftsgemeinde als unwirksame Scheintherapie eingestuft und in vielen Ländern aus dem öffentlichen Gesundheitssystem verbannt (siehe z.B. hier). Dass die Homöopathie-Lobby in Deutschland außerordentlich stark ist, ändert an diesem objektiven Befund nicht das Geringste. Vor diesem Hintergrund seitens einer Krankenkasse die Heilung von Asthma, Colitis, Neurodermitis, Rheuma mit Homöopathie in Aussicht zu stellen, ist sicher nicht nur nach meiner Ansicht nicht hinnehmbar. Derartige Propaganda von Seiten einer Krankenkasse halte ich für einen veritablen Skandal, für eine direkte „Gefährdung der Volksgesundheit“.

Es folgt noch eine ganze Reihe von Schwurbelkram, die -leider- davon zeugt, dass hier nicht einfach nur die üblichen Werbebotschaften für eine junge, zahlungskräftige und eher wellnessorientierte Klientel verbreitet werden, sondern dass hier offenbar ein überzeugter Jünger der homöopathischen Methode sein Wissen… Entschuldigung, seinen Glauben verbreitet – und das offenbar auch noch mit beschränkten Kenntnissen über die Grundlagen der Homöopathie.  Aber darauf kommt es gar nicht mehr an.

Ich bin der Ansicht, dass hier ein nicht hinnehmbarer Verstoß gegen die von einer Krankenkasse zu erwartenden Sorgfaltspflichten vorliegt, insbesondere dadurch, dass konkret die Heilungsmöglichkeit von schweren chronischen Erkrankungen durch Homöopathie in Aussicht gestellt wird. Sollte dies so stehenbleiben, werden wir uns wohl über kurz oder lang von der Orientierung auf eine wissenschaftsbasierte Medizin verabschieden können, wenn man die auch andernorts überall aufsprießenden Irrationalitäten im Gesundheitsbereich mit berücksichtigt. Ich bitte Sie daher dringend, in Ihrer Rolle als Aufsichtsbehörde auf die BKK Pfaff mit dem Ziel einzuwirken, diese unsäglichen „Informationen“ aus deren Webseite zu entfernen.

Ich wäre Ihnen für eine kurze Mitteilung über das von Ihnen Veranlasste dankbar.“

 

Jetzt wollen wir doch mal sehen, mit welchen Fadenscheinigkeiten die offiziellen Aufsichtsbehörden über die GKV diesmal kommen werden, um ihr Nichtstun zu bemänteln… Wetten? Wenn überhaupt eine Antwort kommt. Was allerdings die x-te Bankrotterklärung des „pluralistisch organisierten Gesundheitswesens“ wäre.

 

 

Bildnachweis: Fotolia_112290815_XS

Die Verfolgung und Ermordung aufklärerischer Ideale, vorgeführt am Beispiel der Verbreitung pseudomedizinischen Bullshits

quanten

Aus der Rezension eines Arztes zu einem Buch eines anderen Arztes über „Quantenheilung“.

Es lässt mir keine Ruhe. Ich muss doch noch einmal auf die 318.000 Treffer zum Begriff „Quantenheilung“ zurückkommen, die Google allein für den deutschsprachigen Raum auswirft. Was mich besonders fassungslos macht, ist der Umstand, dass dort reihenweise Menschen mit akademischer Ausbildung ihre Heildienste, ihre „Ausbildungen“ und ihre literarischen Ergüsse feilbieten. Und das ist nicht auf den engen Bereich der Quantenheilung beschränkt, sondern meist querbeet mit allerlei anderen Absonderlichkeiten verbunden.

Den letzten Anstoß zu diesen erneuten Gedanken gab mir ein aktueller Artikel bei DocCheck, eigentlich eher einige der Kommentare dazu. Man mag über den Beitrag, der einen Seufzer über esoterisch mehr als angehauchte Apothekenkundschaft darstellt, lächeln. Das dürfte auch dessen tieferer Sinn gewesen sein, zumal bei einer Veröffentlichung auf einem Fachportal. Wohl kaum dürfte die Absicht gewesen sein, eine Kontroverse pro und contra Esoterik auszulösen. Was aber dort einige der Fachbesucher, teilweise mit akademischen Titeln ausgestattete Kommentatoren, pro Eso absondern, das hat mich ein weiteres Mal daran zweifeln lassen, ob Opposition gegen den grassierenden Blödsinn überhaupt noch einen Sinn macht.

Ist es möglich und denkbar, dass unsere universitäre Ausbildung versagt bei der Vermittlung ihres Grundanliegens, der Verpflichtung auf objektive Wissenschaftsprinzipien, auf die Kausalität der realen Welt, der Vermittlung der Fähigkeit, zwischen diskussionswürdigen und von vornherein auszuschließenden Thesen zu unterscheiden? Bei der Vermittlung dessen, was Wissenschaftlichkeit im aufklärerischen Sinne überhaupt ist? Versinken Teile der Wissenschaftsgemeinde tatsächlich im Sumpf der Beliebigkeit? Haben unsere Universitäten überhaupt noch einen ausreichenden Bezug zum Humboldtschen Bildungsideal? (Fragen Sie, lieber Leser, bitte nicht, was ich vom Bologna-Studium halte.) Zu der vom reinen Wissen weit entfernten „Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen soll“ ?

Zweifel sind angebracht.

Unlängst habe ich hier im Zusammenhang mit der Ringvorlesung zu „therapeutischen Ansätzen“ der Homöopathie berichtet, die der DZVhÄ in der medizinischen Fakultät der LMU München durchführt. Das kritische Echo war erheblich, was allerdings keineswegs dazu geführt hat, dass diese Veranstaltungsreihe etwa abgesagt worden wäre. Ich möchte diese Sache noch einmal als ein besonders perfides Beispiel dafür anführen, auf welche Weise der Aspekt des „Wissens von etwas“ über das „Wissen über etwas“ gestellt wird. Hier wird ja keineswegs ein medizinhistorischer Abriss über die Homöopathie geboten, auch nicht eine Darlegung ihrer Methodenprinzipien, auch keine kritische Betrachtung. Nein, statt dessen geht man gleich in medias res und stellt praktische Anwendungen, Therapien, in den Vordergrund, ohne dass der potenziellen Hörerschaft vorher das Grundwissen, das für eine Einordnung dieser „Therapien“ von größter Bedeutung ist, vermittelt wird. Ich bezeichne das als Indoktrination – was hat das an einer medizinischen Hochschule zu suchen?

Wenn Sie, lieber Leser, nun glauben, das sei ein auf die LMU beschränktes Vorkommnis – da muss ich Sie leider enttäuschen.

Haben Sie schon gewusst, dass die Carstens-Stiftung Natur und Medizin unter Einsatz ihrer finanziellen und personellen Ressourcen ein umfangreiches Programm betreibt, mit dem sie studentische Studienkreise zur Homöopathie fördert und zudem ein eigenes Promotionsförderungsprogramm betreibt? Hier wird nicht, wie bei der LMU, die Reputation der Hochschule für Pseudomedizin in Anspruch genommen, nein, hier wird direkt auf der Ebene der Studierenden, der noch nicht ausreichend mit kritischem Hintergrundwissen Ausgestatteten, angesetzt. Nachwuchsförderung der besonderen Art. Auch hier ist wieder -und erst recht- der Begriff Indoktrination angebracht. Auch nur mal als Beispiel für die arme, unterdrückte und ohnehin am Bettelstab daherwandernde Homöopathie, die ja über gar keine Lobby verfügt…

Wie die einschlägige Webseite mitteilt, werden solche Arbeitskreise derzeit an 13 (dreizehn) medizinischen Fakultäten im Bundesgebiet gefördert, teilweise an hochrenommierten. Mir wäre nicht bekannt, dass an irgendeiner dieser Stellen einmal seitens der Fakultätsleitungen kritisch nachgehakt worden wäre. Aber ich weiß ja auch nicht alles. Jedenfalls bestehen diese Studienkreise und werden zweifellos mit Leben erfüllt.

Ist das weniger zu kritisieren als die Ringvorlesung bei der LMU? Nein, noch viel mehr. Weil sich hier die Homoöpathielobby nicht einmal öffentlich zeigt wie im Vorlesungsverzeichnis der LMU, sondern sich an die schwächste Stelle, die Studierenden der Hochschulen, heranwanzt und sozusagen parallel zum Studium bei diesen Proselytenmacherei betreibt. Was, davon hörte ich allerdings, in der Studentenschaft erfreulicherweise keineswegs auf ungeteilte Zustimmung stößt.

Wie kann so etwas sein? Eine Methode, die weltweit als Irrlehre gilt, auf eine katastrophale Studienlage blickt (nachdem man überhaupt die Freundlichkeit hatte, zu ihr Studien, Metaanalysen und Reviews durchzuführen), teilweise in ihren Grundannahmen Naturgesetzen widerspricht und nur noch von Lobbyisten und Proponenten betrieben wird, die ihre Diskurs- und Kritikunfähigkeit beharrlich unter Beweis stellen, kann sich derart präsentieren?  Wenn das Ausdruck von pluralistischem Wissenschaftsverständnis ist und womöglich auch noch mit der Freiheit von Forschung und Lehre gerechtfertigt werden soll, dann mal weiter abwärts auf der schiefen Ebene des intellektuell-wissenschaftlichen Verfalls. Dann wird das Gefasel von Quantenheilung demnächst auch noch mit einem Förderpreis für interdisziplinäre Wissenschaftsarbeit ausgezeichnet werden.

Was könnte man, außer beharrlicher Kritik und dem Schaffen von Öffentlichkeit, denn tun? Eine kleine Idee hätte ich noch.

Wir brauchen, nicht nur in der Medizin, sondern in allen Studienfächern und an allen Hochschulen, ein Studium generale. Eine geistesgeschichtliche und methodische Einführung, eine Anleitung zum kritisch-methodischen Denken und einen Gesamtüberblick über die wichtigsten Wissensgebiete. Erst dann die Spezialisierung.

Und: Solange Fakultäten Umtriebe pseudomedizinischer Interessenverbände an ihren Einrichtungen tolerieren oder gar begrüßen, trifft die Kritik natürlich genau deren Vorstände. Nicht die Studierenden.

Wenn ein modernes naturwissenschaftliches Studium nicht gegen absoluten Schwurbelkram immunisieren kann, dann ist schon viel verloren. Lasst uns das nicht akzeptieren.

Screenshot: Amazon-Rezension (anonymisiert)

Was wäre wenn…

Was wre wenn - wach auf

Wenn die Wirkungszunahme durch Potenzierung wahr wäre…

… dann würde eine Plörre aus viel Wasser und dem restlichen Kaffemehl aus der Dose weitaus anregender wirken als ein doppelter Espresso (ja, ja, meinetwegen auch mit Schütteln oder Schlagen des Filters auf einen Lederbuchrücken).

 

Wenn das Simileprinzip (Ähnliches heilt Ähnliches) zuträfe…

… dann müsste man akute Vergiftungen mit noch mehr Gift heilen können.

 

Wenn die Arzneimittelprüfung am Gesunden eine funktionierende Methode wäre…

… dann müsste es Mittel geben, die im Rahmen der Arzneimittelprüfung auch Dinge wie Tumorerkrankungen, Diabetes, endokrinologische Fehlfunktionen, aber auch Dinge wie Platzwunden und Infektionen durch die Einnahme von potenzierten Prüfstoffen hervorrufen würden. Nebenbei, würde man solche Arzneimittelprüfungen wirklich durchführen wollen?

 

Wenn die Homöopathen die erklärte Absicht Hahnemanns, eine Arzneimittellehre zur Behandlung von Krankheiten zu schaffen, ernst nehmen würden… 

… dann würden sie nicht Dinge wie homöopathische Prophylaxe und Nosoden“impfung“ praktizieren.

 

Wenn die Homöopathen das Prinzip einer Korrektur der verstimmten geistigen Lebenskraft des Patienten durch die geistige Kraft der potenzierten Mittel ernst nehmen würden…

… dann würden sie mit den krampfhaften Bemühungen aufhören, per „homöopathischer Grundlagenforschung“ doch irgendwie noch einen materiellen Wirkungsnachweis zu erbringen.

 

Wenn die Homöopathen die Forderungen Hahnemanns zur Arzneimittelprüfung (die genaueste Erfassung aller Symptome -bei der Arzneimittelprüfung- bzw. aller Befindlichkeiten des Patienten -bei der Therapiefindung- ernst nehmen würden…

… dann gäbe es so einen Unsinn wie Tierhomöopathie gar nicht.

 

Wenn die Homöopathie eine „ganzheitliche Methode“ wäre…

… dann würden die Homöopathen nicht ausschließlich mit Symptombildern anstelle von Krankheiten arbeiten, sondern sich mit dem Krankheitsbegriff und mit Ätiologie beschäftigen.

 

Wenn Symptome ein untrügliches Zeichen für eine bestimmte Erkrankung wären…

… dann wäre die Symptomatik einer Erkrankung völlig unabhängig vom Patienten, seinem Allgemeinzustand und seiner Vorgeschichte, was jeglicher medizinischer Erfahrung widerspricht. Einerseits wären Differenzialdiagnosen überflüssig, andererseits könnte man keine zwei Erkrankungen unterscheiden, die in bestimmten Stadien gleiche Symptome zeigen, aber unterschiedliche Behandlung erfordern.

 

Wenn die Homöopathie „Naturmedizin“ wäre…

… dann würde sie nicht Stoffen wie Graphit, Schwefel, Plutonium, Berliner Mauer, Arsen, Blei und Chlor „Heilkräfte“ zuschreiben.

 

Wenn die Homöopathen hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Interessen ehrlich wären…

… dann würden sie selbst nicht so tun, als gehe es um den ultimativen Überlebenskampf gegenüber Big Pharma, deren Teil sie selbst sind.

 

Wenn homöopathisch überzeugte studierte Ärzte selbstkritischer wären…

… würden sie die Unvereinbarkeit der homöopathischen und der wissenschaftlich-evidenzbasierten Methode erkennen und die eine oder eben die andere Konsequenz ziehen.

 

Wenn die Homöopathieszene kritik- und diskursfähig wäre…

… das Leben könnte so schön sein. Ach ja.

 

Wird gelegentlich fortgesetzt.

 

 

 

Bildnachweis: Fotolia_89574300_XS

 

 

 

 

 

 

 

Höherer Blödsinn

fotolia_92844865_xs-001

Willkommen im neuen Jahr, liebe Blogleserinnen und -leser. Ich hoffe, dass alle die große Zahl von Feiertagen unbeschadet überstanden haben und die Bereitschaft, sich gelegentlich mit den Auswüchsen der Pseudomedizin kritisch zu beschäftigen, nicht gelitten hat.

Deshalb gleich zum Jahresbeginn ein Beitrag zu einem Thema, das mich immer wieder außerordentlich ärgert, wenn ich darauf stoße: Die Berufung der selbsternannten Heilsbringer der Menschheit auf Erkenntnisse der neueren Physik, insbesondere der Quantenphysik, von denen diese garantiert noch weniger verstanden haben als ich. Ich bin weiß Gott niemand, der von sich behaupten könnte, er habe die physikalisch-mathematischen Grundlagen der Quantenphysik verstanden, aber ich behaupte, dass ich immer noch in der Lage bin, unsinnige Argumentationen und Beweislagen von Evidenz zu unterscheiden. Eben Bullshit von frischer Luft.

Deshalb seien Sie, liebe Leser, erst einmal versichert: Diejenigen, die sich für pseudomedizinische Methoden bzw. deren Wirksamkeitserklärung auf Quantenphysik und dergleichen (hierzu gehört auch jegliches Geschwurbel von Feinstofflichkeit und Energie) berufen, sind auch genau diejenigen, denen man guten Gewissens bauernfängerische Absicht unterstellen darf. Denn: Hätten sie die Grundlagen der Quantenphysik verstanden, würden sie sie nicht als Evidenzbeleg anführen. Und haben sie sie nicht verstanden, ist es unredlich, sie ins Feld zu führen – dann operieren sie offensichtlich mit einer Scheinargumentation.

Dass es sich hier nicht um eine gelegentlich hier und da einmal auftretende Exotenargumentation handelt, zeigen die Google-Treffer: Unter „Quantenheilung“ sind es sage und schreibe 318.000. Darin rund 1.000 speziell mit dem Begriff „Quantenhomöopathie“ – interessanterweise vielfach unter direkter Berufung auf Samuel Hahnemann…

Dass sich die Homöopathie hier anfällig zeigt, ist sogar irgendwie verständlich, denn auch bei ihr geht es um Wirkungen im „Kleinsten“, in hoher und höchster Potenzierung, womit der gedankliche Kurzschluss, dies könne irgendwie mit der Physik des Allerkleinsten, dem atomaren und subatomaren Bereich, zusammengebracht werden, für ein heiteres und unbelastetes Gemüt naheliegen mag. Folglich wird von Begriffen wie „Informationsübertragung auf quantenmechanischer Ebene“, dem berühmten „Wassergedächtnis“,  und dergleichen frei fantasiert. Auch und vor allem in der sogenannten homöopathischen Grundlagenforschung. Es ist und bleibt aber Bullshit – niemand hat bisher eine irgendwie plausibel darlegen können, wie das eine mit dem anderen konkret zusammenhängen soll. Es ist gar so weit gekommen, dass der einschlägig wohlbekannte Prof. Harald Walach, ehemals Lehrstuhlinhaber in Hogwarts an der Oder, mehr oder weniger eine eigene Quantentheorie zurechtgezimmert hat, um sie für homöopathische „Beweisführungen“ nutzbar zu machen. Leider auch hier mal wieder mit wenig bis keinem zustimmenden Echo in der Fachwelt. Der physikalisch-wissenschaftlichen natürlich, nicht der homöopathisch-pseudomedizinischen.

Wobei wir schon bei der Erkenntnis angekommen sind, dass sich auf der ganzen großen weiten Welt bislang nicht ein einziger Teilchenphysiker vom Fach gefunden hat, der den wirren Fantasien über den Zusammenhang von neuesten physikalischen Erkenntnissen und pseudomedizischen Zwangs- … äh Wunschvorstellungen irgendeine Grundlage gegeben hätte. Es sei hier nur der weltweit angesehene Quantenphysiker Prof. Anton Zeilinger angeführt, der zu den Versuchen, ihn für die Propaganda der Quantenheiler-Fraktion in Anspruch zu nehmen, äußerte:

„Dass ein Bezug zwischen meiner Arbeit und der Homöopathie hergestellt wird, ist wissenschaftlich unbegründet. Ich bedaure es sehr, dass mein Name damit in Verbindung gebracht wird. Dafür dass ein Wirkstoff Informationen in einer Lösung hinterlässt, in der er selbst nicht mehr enthalten ist, gibt es keinerlei wissenschaftliche Beweise. Homöopathie ist in meinen Augen ein reiner Placeboeffekt.” (Süddeutsche Zeitung vom 7.3.2012).

Kurz gesagt: Wo nichts mehr von einem Stoff ist, ist auch nix mehr mit Quantenphysik. Nix drin, nix dran. Nicht mal mehr Quanteneffekte. Oder so.

Mein Tipp für Debatten: Keine physikalischen Details erörtern, davon verstehen wir nicht nur nicht genug, es verunsichert nur das Publikum. Es hilft die dialektische Methode, siehe oben. Hast Du es verstanden? Dann kannst Du unmöglich Quantenheilung propagieren. Hast Du es nicht verstanden? Dann operierst Du unredlich mit einem Scheinargument.

Quantenphysik in der Pseudomedizin ist ein argumentum ad verecundiam, ein Autoritäts- oder Ehrfurchts“beweis“. In diesem Fall nicht einmal mit Ehrfurcht vor einer personalen Autorität, sondern vor einem Wort, einem Begriff, wo gerade auf das Nichtverstehenkönnen als Autoritätshintergrund abgehoben wird. Wie billig.

Fachlich weitaus versierter als ich gemeiner Dialektiker hat das heutige Thema der geschätzte Dr. Holm Hümmler in einem aktuellen Artikel seines Blogs Relativer Quantenquark behandelt. Lesebefehl!

 

 

Bildnachweis: Fotolia_92844865_XS

 

Homöopathie als Flüchtlingshilfe: Ein ethisches Problem?!

Das „Gutmenschentum“ der „Homöopathen ohne Grenzen“ (eine einigermaßen unverschämte Okkupation des guten Namens der „Ärzte ohne Grenzen“) stieß bekanntlich vor nicht allzulanger Zeit sogar in Westafrika auf kritischen Verstand, weshalb sie dort mit ihrem Ansinnen, Ebola mit Homöopathie behandeln zu wollen, gleich wieder auf den nächsten Seelenverkäufer in Richtung Europa verfrachtet wurden. Was diese Truppe von weiteren Aktivitäten nicht abhält (wer hätte das auch erwartet…). Und zwar vor Ort. Auch hier unter dem Etikett humanitärer Hilfe.

Unter der Flagge Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland bewerben die „Homöopathen ohne Grenzen“ zusammen mit der Initiative „Homöopathie in Aktion“ ein Netzwerk von Homöopathieangeboten, bundesweit, für die „Behandlung von Geflüchteten“.

Eine ähnliche Aktion des Projekts „Asyl Fürstenfeldbruck“, einer verdienstvollen Initiative vor Ort, ist dem Autor dieser Zeilen schon vor einiger Zeit bekannt geworden. Hier hat sich eine Homöopathin „ohne Grenzen“ der Initiative angeboten und „behandelt“ dort ebenfalls traumatisierte Flüchtlinge – vor dem Hintergrund des guten Namens von „Asyl Fürstenfeldbruck“. Leider hatte eine direkte Intervention dort keinerlei Reaktion zur Folge.

Auch die Süddeutsche Zeitung berichtete Anfang dieses Monats über ein Angebot homöopathischer Behandlungen für Flüchtlinge im Raum München.

Woraus gefolgert werden darf, dass es hier nicht nur um Einzelfälle geht.

Ganz abgesehen von allen bekannten Argumenten contra Homöopathie im Hinblick auf Unwirksamkeit, fehlende Evidenz et. al.:

Ergibt sich hier nicht ganz konkret ein ethisches Problem? Das sich auch -einmal mehr- an die Politik adressiert? Fakt ist: Hilfsbedürftige Menschen, die nun wirklich nicht als „mündige Patienten“ angesehen werden können, werden für homöopathische „Methoden“ regelrecht akquiriert. Menschen, die in aller Regel schwere Traumaschäden zu verarbeiten haben – was durchaus wohl auch im Vordergrund all dieser „homöopathischen Initiativen“ steht. Um Husten, Schnupfen, Heiserkeit dürfte es hier kaum gehen. Keine Frage: All diese Menschen psychologisch und psychotherapeutisch fachgerecht zu versorgen, ist eine fast unlösbare Aufgabe. Aber das Angebot einer Scheintherapie kann doch wohl keine Lösung sein! Bei traumatisierten Menschen, oft Kindern?

Abgesehen von der ethischen Unvertretbarkeit -gerade unter diesen Umständen-, eine unwirksame Methode anzubieten: Sicher wird sich der eine oder andere vordergründige „Erfolg“ einstellen, gerade wegen der psychologisch besetzten Gesamtsituation. Aber eine nicht fachgerechte Behandlung psychischer Störungen, zumal von Gewalttraumata, löst nie das Problem. Weder wird nachhaltig etwas für den Patienten getan, noch gewinnt man Erkenntnisse über eventuelle Fremd- oder Eigengefährdungen aufgrund der psychischen Störung. Wir erinnern uns, unseligen Angedenkens, der Behandlung des Attentäters von Ansbach mit einer völlig unzulänglichen „Therapie“ – hier durch einen Heilpraktiker, einen laut Gesetz gar „Ausübenden der Heilkunde“. Auch hierhin gehört meiner Meinung nach der Fall aus dem Beitrag von Spiegel.TV Wissen, bei dem ein höchstwahrscheinlich traumatisch-psychosomatisch erkranktes Kind rein symptomatisch per Phosporicum-Globuli „behandelt“ wurde.

Ich muss leider zugeben, dass ich ebenso verzweifelt wie hilflos vor dieser Geschichte stehe. Es dürfte kaum eine rechtliche Handhabe geben, dies hier zu unterbinden. Und warum nicht? Weil die Homöopathie durch den unsäglichen Binnenkonsens von der Politik „geadelt“ wurde. Und weil ja laut Bundesgesundheitsministerium  „in einem durch Freiberuflichkeit, Selbstverwaltung und Pluralität geprägten Gesundheitswesen“ die Bewertung von Behandlungsmethoden „nicht in der Zuständigkeit des Ministeriums, sondern bei den dieses Gesundheitswesen repräsentierenden Institutionen und Einrichtungen liege“.
Was uns offenbar von den Staaten Westafrikas unterscheidet.

fotolia_123112039_xs_1

Es ist zum schreiend Weglaufen.

 

 

 

Bildnachweis: Fotolia_123112039_XS

Homöopathie – Heilung oder Humbug? Rhetorische Frage von spiegel.tv Wissen am 15.11.2016

spiegeltv

Blümchen und Sonnenschein überall… Der Eindruck täuscht nicht.

Mit einiger Erwartung habe ich diesem Beitrag, der gestern im Pay-TV lief und bald wohl auch kostenfrei verfügbar sein wird, entgegengesehen. Wenn auch nicht mit Optimismus. Letztlich habe ich mich dann über den Film derart geärgert, dass ich die Redaktion von spiegel.tv Wissen angeschrieben habe (als ob ich sonst nichts zu tun hätte).

Nachfolgend der Text meiner Kritik. Auch dem Leser, der den TV-Beitrag nicht gesehen hat, dürfte er einen gewissen Eindruck von dessen Tenor und Inhalt vermitteln können:

 

An die Redaktion spiegel.tv Wissen / 16.11.2016

Von einem Beitrag mit dem Titel „Homöopathie – Heilung oder Humbug?“ hätte ich mir gerade auf spiegel.tv Wissen nun doch eine Antwort auf die Titelfrage oder zumindest die klare Darstellung der jeweiligen Argumente erwartet, die dem Zuschauer einen wirklichen Anhalt zur Beantwortung dieser Frage gegeben hätte. In dieser Hinsicht war meine Enttäuschung umfassend.

Gleich zu Anfang die vielleicht wichtigste Kritik: Der Beitrag war insgesamt, bis hin zur optischen Darstellung, darauf ausgelegt, die Homöopathie als sanfte, schonende pflanzenbasierte Naturheilkunde darzustellen. Mehrfach wurde dies auch explizit geäußert, ohne dass irgendeine Klarstellung erfolgte.

Und damit haben sie mit dem Filmbeitrag gleich eines der größten Zerrbilder über die Homöopathie überhaupt nicht etwa geradegerückt, sondern auch noch unterstrichen. Schlechte Recherche? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, mit Frau Natalie Grams haben Sie eine anerkannte Expertin auf diesem Gebiet zur Verfügung gehabt, die ihnen über die Einordnung der Methode Homöopathie Fundiertes zu sagen gehabt hätte. Was dann? Falsche Ausgewogenheit, die keinen Unterschied beim Informationswert von Standpunkten macht, auch wenn der eine höchstmögliche und der andere geringstmögliche Evidenz für sich geltend machen kann? Und das -wie im Falle der Homöopathie- ohne Beachtung des Konsens der überwältigenden Mehrheit der weltweiten Wissenschaftsgemeinde, die die Homöopathie als spezifisch arzneilich unwirksam einstuft? Auch das will ich nicht hoffen, denn derartige Gleichmacherei ist gleichzusetzen mit der Propagierung von Unsinn.

Nein, Homöopathie ist KEINE Naturheilkunde. Sie ist auch KEINE Phytotherapie -also Pflanzenheilkunde. Eine einfache Begründung für beides ist, dass die Homöopathie -von Hahnemann so definiert- eine Arzneimittellehre ist, genauso wie die moderne Pharmazie auch. Sie setzt keineswegs auf pflanzliche Urstoffe. Sie verwendet ebenso anorganische Stoffe wie z.B. Quecksilber, Arsen, metallisches Kupfer, Meteoritstein, Berliner Mauer, Plutonium und metallisches Uran wie auch organische Stoffe nichtpflanzlicher Herkunft, beispielsweise verfaulendes Fleisch oder Eiter von Tripperkranken. Was hat das mit Naturheilkunde zu tun? Oder auch mit der -durchaus großteils in der evidenzbasierten Medizin anerkannten- Pflanzenheilkunde? Überhaupt nichts.

Allein durch die Vermittlung dieses Bildes geht der ganze Beitrag in eine völlig falsche, unhaltbare Richtung. Sie stützen dies auch noch massiv durch die Einbeziehung des Herrn Hevert als Partei „pro Homöopathie“, worauf ich weiter unten noch einmal zurückkommen möchte. Und Sie negieren durch den gesamten Tenor des Beitrags  die fundierten Aussagen von Frau Grams, der sie in ihrem Beitrag offenbar lediglich die Rolle der netten, sympathischen Außenseiterin zugedacht haben, obwohl sie zweifellos an Wissen und Erfahrung -und vor allem an Einsicht und Ehrlichkeit – den beiden anderen Protagonisten haushoch überlegen sein dürfte.

Zu den anderen Protagonisten:

Der Homöopath Dr. Schreiber konnte seine beiden Fälle recht eindrucksvoll aus seiner Sicht darstellen. Wo blieb hier ein kritischer, relativierender Kommentar? Obwohl es aufgrund dessen eigener Äußerungen hierzu allen Anlass gegeben hätte. Er hat ja selbst ausgeführt, dass eine spezifische Wirkung der homöopathischen Arznei nicht angenommen werden, dafür eine geistartige Wirkung (wie Hahnemann dies auch postulierte) gegeben sein müsse. Wo blieb denn da das Bild der sanften Arzneimittelkunde? (Wobei die erwähnte Gabe von Phosphoricum das Bild der sanften Naturmedizin nur unwesentlich beeinträchtigt haben dürfte…) Seine Erklärung und Demonstration von Repertorien und Materia Medica hätte doch hier eines kritischen Kommentars bedurft! Es verbleibt der Eindruck beim unbefangenen Zuschauer: Tatsächlich, die Homöopathie kann alles und ist auch noch individuell!

Andere Erklärungsmodelle für die „Heilungen“ der beiden Patientinnen wurden nicht einmal ansatzweise dargestellt. Wobei der ständige Hinweis auf „Zeit“ und „Geduld“ als „Grundvoraussetzung“ der Homöopathie ja allein schon eine solche Erklärung im Ansatz liefern würde. Dass die kleine Dame zu Anfang offenbar in einer traumatisch-psychosomatischen Schleife steckte und durch die regelmäßige Zuwendung des homöopathischen Therapeuten langsam wieder herausfand, liegt sehr nahe. Aber kein kritisches Wort dazu. Nun könnte man ja meinen, „wer heilt hat Recht“. Dieses dumme Argument geht allerdings nicht nur deshalb fehlt, weil nur der Heiler recht hat, der den kausalen Zusammenhang zwischen seiner Methode und der „Heilung“ nachweisen kann. In diesem Fall wäre sicher eine fachlich fundierte Kinderpsychotherapie angezeigt gewesen, allein deshalb, weil sich diese nicht mit dem einfachen Verschwinden der Symptomatik zufriedengegeben hätte.

Kommen wir zu Herrn Hevert und seiner Firma. Ein Schelm, der Böses dabei denkt, dass gerade die Firma Hevert ausschließlich pflanzenbasierte Homöopathika herstellt, die Grundstoffe aus dem eigenen Kräutergarten bezieht und eigentlich gar nicht zum Thema gehört, weil sie fast nur Niederpotenzen herstellt, die noch chemisch nachweisbare Stoffe enthalten und unter Umständen eine gewisse therapeutische Wirkung entfalten können. Das passt zwar wunderbar zu dem eingangs kritisierten Grundtenor Ihres Beitrags, aber nicht zur eigentlichen Homöopathie. Die spielt sich nämlich -wie erwähnt- auf der Grundlage nahezu beliebiger organischer und anorganischer Ursubstanzen im Bereich der Mittel- und Hochpotenzen ab. Und auf diesen Sektor zielt die weltweite Ablehnung der Homöopathie durch die Wissenschaftsgemeinde. Zu dieser Debatte hatte Herr Hevert außer einigen Unwahrheiten durchaus nichts beizutragen.

Ja. Unwahrheiten. Er hat sich allen Ernstes -in Opposition zur Beurteilung der weltweiten Forschergemeinde- zu der Aussage verstiegen, die Forschungen zur Wirksamkeit der Homöopathie würden diese auf die gleiche Evidenzstufe stellen wie die wissenschaftsbasierte Medizin (das Wort Schulmedizin, das von Hahnemann als abwertende Bezeichnung eingeführt wurde, verwende ich nicht). Das ist eine glatte Unwahrheit, was sich mit vielen Nachweisen belegen lässt. Nur eine wichtige Quelle dazu, die unbedingt in einem kritischen Beitrag zur Homöopathie hätte erwähnt werden müssen: Das Review der Australischen Gesundheitsbehörde NHRMC aus dem Jahre 2015. Und ganz aktuell gerade heute auf dem Portal sciencebasedmedicine.org:

“Unsurprisingly, rigorous clinical trials have shown that homeopathic potions in fact do not work.”  (https://www.sciencebasedmedicine.org/ftc-homeopathy-win/)

Alleine mit dem Stehenlassen der ungeheuerlichen Behauptung von Herrn Hevert ist Ihr Filmbeitrag bereits völlig entwertet.

Vielleicht aus den Ausführungen von Herrn Hevert noch zu erwähnen, dass er seine Fertigung als derart aufwendig und teuer darstellt, dass der Nachteil der Forschungs-, Entwicklungs- und Zulassungskosten für pharmazeutische Arzneimittel -die er nicht zu tragen hat- praktisch aufgehoben würde. Wenn ich den Jahresumsatz von Hevert Arzneimittel von rund 22,3 Mio. Euro (2016: Quelle Bundesanzeiger) zugrunde lege -Umsatz wohlgemerkt!- dann dürfte dieser Betrag in der Pharmaforschung vielleicht knapp reichen, um beispielsweise ein etwas weiterentwickeltes Statin auf den Markt zu bringen (wahrscheinlich selbst das nicht). Für Dinge wie Krebsmedikamente, AIDS-Pharmaka, neuartige Impfstoffe z.B. gegen Tropenkrankheiten wie Ebola kann man an diesen Betrag -wohlgemerkt, den Umsatz von Hevert, nicht den Gewinn- getrost verzehn- bis verhundertfachen. Vor diesem Hintergrund ist dieses Statement von Herrn Hevert ein Fall für verzweifeltes Kopfschütteln. Eine Firma im Pharmaziebereich mit einer derartigen Umsatz- und Bilanzsumme kann wohl nur im weitestgehend forschungsfreien Biotop der alternativen Medizin ohne Zulassungsverfahren existieren.

Hier fehlt es an Recherche, um Klarstellung im Verhältnis zu eindeutigen Fakten. Leider gibt der Beitrag den Proponenten der Homöopathie eine fröhliche und farbenfrohe Plattform, wo nichts, aber auch gar nichts von ihren Äußerungen und Ansichten relativiert wird. Wie erwähnt- Sie hatten mit Natalie Grams jemand zur Verfügung, die zu weitaus fundierteren Statements in der Lage und bereit gewesen wäre als zu denen, mit denen sie im Film zu Wort gekommen ist.

Wie gesagt, ich bin enttäuscht. Sehr enttäuscht. Denn dieser, durch seinen Titel als kritisch angekündigte Beitrag trägt nichts dazu bei, dem potenziellen Patienten eine sachlich fundierte Entscheidungshilfe zu geben. Im Gegenteil. Der „positive Touch“ pro Homöopathie durchzieht den gesamten Beitrag. Ich bedauere das sehr.

 

____________________________________________

Bitte beachten: Neuer Menüpunkt oben im Hauptmenü: Das Informationsnetzwerk Homöopathie hat seinen kleinen Shop eröffnet!

 

Bildnachweis: Screenshot spiegel.tv wissen

Nur ganz kurz…

klopftherapie

Jetzt weiß ich, was Alternativmedizin ist:

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/england-diabetikerin-stirbt-nach-chinesischer-pruegeltherapie-a-1121182.html

Leider nicht kommentierbar. Deshalb vielleicht auf diesem Wege die Bitte an den Spiegel, künftig das Wort „Alternativmedizin“ zu vermeiden und in derartigen Zusammenhängen nur noch von „Pseudomedizin“ (oder von Kriminalfällen) zu sprechen.

Der Duden gibt folgende Bedeutungen für „alternativ“ an:

freie, aber unabdingbare Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten; das Entweder-oder;
zweite, andere Möglichkeit; Möglichkeit des Wählens zwischen zwei oder mehreren Dingen

Alternativ in unseren Fällen also die Wahl zwischen bewährter medizinischer Behandlung andererseits, von der schon Millionen profitiert haben, und völlig ungewisser, nicht beurteilbarer Methoden, die zudem richtig teuer sind, auf der anderen Seite. Als Ausdruck des Menschenrechts, die Freiheit zur Entscheidung für den eigenen Untergang treffen zu dürfen.
Ich vergaß – in Deutschland ja seit einiger Zeit durch § 217 StGB ziemlich eingeschränkt. Aber nicht bei der Inanspruchnahme von Scharlatanerie jeder Art. Da fällt mir ein – könnte man diese Leute nicht im Bedarfsfall nach § 217 StGB in Deutschland wegen geschäftsmäßiger Beihilfe zum Suizid belangen?

Um jedem Vorwurf der Unvergleichbarkeit mit der Geschichte im Link vorzubeugen: Der Unterschied ist gradueller Art. Im Falle homöopathischer oder heilpraktischer „Behandlung“ ernster Erkrankungen sind diese potenziell genauso gefährlich.

Demnächst an dieser Stelle wieder längere Beiträge von mir (ist keine Drohung).. Vielleicht auch mal zu der Frage, was Menschen dazu bringt, sich freiwillig in solche „Alternativen“ zu begeben.

Nachtrag, auf Anregung einer treuen Leserin:

Klopftherapie in allen erdenklichen Formen, mit oder ohne Bezug fernöstliche Weisheiten, ist im Programm jedes besseren Heilpraktikers gleich um die Ecke. Deshalb kriegt dieser Beitrag auch noch einen Tag zum Begriff „Heilpraktiker“. Passt ja zu meinen sonstigen Auslassungen zu diesem Spezialthema. Und ein Beitragsbild gibt es auch noch dazu: Google-Ergebnis zu Klopftherapie, Stand heute abend, 20:40 Uhr.

____________________________________________

Bitte beachten: Neuer Menüpunkt oben im Hauptmenü: Das Informationsnetzwerk Homöopathie hat seinen kleinen Shop eröffnet!