Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass.

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Mir klingeln die Ohren. Gut, dass die Debatte über die unsägliche Pseudomedizin in Deutschland endlich in Gang kommt. Wenn auch aus traurigem Anlass. Aber die Parolen, die so durch die Medien rauschen, rauben mir manchmal den letzten Nerv.

Deshalb hier ein kleines Vademecum der mich am meisten ärgernden “Argumente” und Schlagworte mit den notwendigsten Anmerkungen dazu.

 

Politik: Die Prüfung für Heilpraktiker muss verschärft werden.

Nein. Es gibt überhaupt keine Kriterien, nach denen diese Prüfung verschärft werden könnte. Die Kriterien gibt es deshalb nicht, weil es keine festgelegten Ausbildungsinhalte und -gänge gibt. Aus diesem Grund ist Heilpraktiker auch kein Beruf, so wie dieser Begriff allgemein verstanden wird. Die bisherige Prüfung ist genau aus diesem Grund keine mit einem Examen vergleichbare Prüfung, sondern lediglich ein Frage-Antwort-Spiel, das einen Eindruck davon verschaffen soll, ob der Proband womöglich doch eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

 

Heilpraktikerverband: Die Prüfung muss keineswegs verschärft werden, denn sie ist jetzt schon waaahnsinnig schwer, das sieht man daran, dass 80 Prozent durchfallen.

Quatsch. Die Prüfung ist für jemanden, der ernsthaft auf kranke und hilfesuchende Menschen losgelassen werden soll, um wirksame und risikoarme Hilfe zu leisten, ein dummer Witz. Sie erhebt ja nicht einmal den Anspruch, Heilwissen abzufragen und kann zudem beliebig oft wiederholt werden. Jede Prüfung hat zwei Seiten – die Prüfungsaufgaben und die Prüflinge. Ich spare mir mal, deutlich auszusprechen, auf welcher Seite ich die Unzulänglichkeiten verorte, auf denen die berühmten 80 Prozent beruhen.

 

Politik: Die Heilpraktikerausbildung muss reformiert werden.

Wie denn? Wo denn? Was denn? Es gibt keine Ausbildung, weil es keine Inhalte gibt. Kein Prüfling ist verpflichtet, vorher eine “Heilpraktikerschule” besucht zu haben.  Eine halbe Stunde Google zeigt, dass durch die Bank die “Heilpraktikerschulen” neben dem Einbimsen von Prüfungsbögen völlig uneinheitliche, vielfach ins eindeutig esoterische abgleitende Inhalte anbieten, die dann hinterher den Gemischtwarenladen der Heilpraktikerszene beherrschen. Evidenzbasiertes? Fehlanzeige. Mal abgesehen von Phytotherapie (wobei es darauf ankommt, was der einzelne HP darunter versteht und wie er sie anwendet) und Reizbehandlungen wie Kneippsche Anwendungen, Im Grunde gehört die Phytotherapie als teilweise hochwirksame und mit Neben- und Wechselwirkungen daherkommende Arzneimitteltherapie gehört an sich auch allein in ärztliche Hände. Im schlimmsten Falle kommen noch selbstgebastelte Eigenkreationen an “Therapien” dazu. Nichts kann man nicht reformieren.

 

Heilpraktiker, Homöopathen und Politik (teilweise): Die Praktizierung alternativer und komplementärer Methoden wird von der Bevölkerung gewünscht und gibt vielen Trost und Hilfe!

“Wünsch Dir was” ist im Deutschen Fernsehen schon 1992 eingestellt worden. Seit wann kommt es bei der Anwendung von Mitteln und Methoden, zumal im Gesundheitswesen, darauf an, was sich der Patient “wünscht”? Soll “Wohlfühlmedizin” ernstlich den Vorrang vor Wirksamkeit bekommen?

 

Heilpraktikerverbände: Die Heilpraktiker in Deutschland sind ein wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung!

Eine Illusion, denke ich. Sie sind höchstens ein zweifelhafter Appendix der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Würden (und könnten) die Heilpraktiker sich auf kleinere Befindlichkeitsstörungen beschränken und durch sinnvolle Gespräche den Patienten stabilisieren, gleichzeitig ein scharfes Auge auf die Notwendigkeit einer evidenzbasierten Behandlung beim Arzt haben, ginge das ja noch alles an. Man könnte sich so gar einen Fachberuf als “Gesundheitshelfer” vorstellen. Ist aber nicht so. Die Leute maßen sich an, ernsteste Organerkrankungen mit Mitteln und Methoden zu behandeln, deren Tauglichkeit meist mehr als in Frage steht und sind keineswegs so bescheiden, sich auf eine Beratung der Hilfesuchernden zu beschränken. Eine Folge dea seit 1939, dem Jahr des Inkrafttretens des Heilpraktikergesetzes, völlig ungeregelten Wildwuchses auf diesem Sektor. Wie konnte man das zulassen? Wie konnte es sein, dass man die Emergenz des anfänglich kaum bedeutenden Heilpraktikersektors in der Politik so übersehen hat?

 

Heilpraktiker und Lobbyisten der Szene: Die Schulmedizin….

Fällt dieses diskriminierende Unwort, höre ich gar nicht mehr weiter hin. Die Heilpraktikerszene diffamiert ständig die wissenschaftsbasierte Medizin als “Schulmedizin”. Was für eine Arroganz! Die Szene tut so, als gebe es eine “zweite Medizin” neben der vielgeschmähten “Schulmedizin”, nicht selten mit dem Unterton des “wir sind besser, wir sind die wahren Ärzte”. Gibt es eine zweite Physik, eine zweite Chemie, eine zweite Biologie? Früher mag es angegangen sein, im mehr oder weniger spekulativen Raum Prozeduren und Therapieformen zu entwickeln und anzuwenden, als es noch keine wissenschaftlichen Prüfmethoden und keine tieferen Einblicke in Ätiologie und Pathologie gab. Da war die Medizin, wenn überhaupt, eine reine Erfahrungswissenschaft. Ein Beispiel dafür ist die Homöopathie. Und was dabei als Ergebnis herauskam, sieht jeder, der noch eine unvoreingenommene Wahrnehmungsfähigkeit in diesen Dingen hat.
Heute ist die Medizin zwar auch Erfahrungswissenschaft, aber viel, viel mehr auf modernen Erkenntnismethoden beruhende Naturwissenschaft als noch vor 50, 90, 100 oder mehr Jahren. Sie ist in der Lage, ihre Erfahrungen zu testen und zu verifizieren und vor allem hat sie die Fehlerquellen der menschlichen Erkenntnis erkannt und Methoden entwickelt, sie so weit wie möglich auszumerzen. Sie entwickelt sich ständig durch schrittweises Verwerfen von Irrtümern und durch das Hinzufügen von Besserem und Neuem.
Und da redet die Heilpraktikerszene von Schulmedizin? Was ist denn dann die Tätigkeit der Heilpraktiker, die für einen Multiple-Choice-Test büffeln, stur ein paar Bögen ausfüllen, ein kurzes Prüfungsgespräch überstehen und dann in ihre private Welt entlassen werden, ohne auch nur im Geringsten zu so etwas wie Fortbildung verpflichtet zu sein? Unter Umständen, ohne vorher je einen Patienten gesehen zu haben? Also bitte.

 

Heilpraktiker: Äh, Grundrechte… Berufsfreiheit… und so .. 

Erstens ist -wie schon gesagt- der Heilpraktiker kein Beruf. Zweitens folgende Überlegung: Die akademische Profession des Rechtsanwaltes, der sich auf Studium, praktische Ausbildung und Erfahrungswissen stützt, schützt der Gesetzgeber dadurch, dass er per Rechtsdienstleistungsgesetz Laien und Privatpersonen, selbst Menschen, die beispielsweise Wirtschaftsjura studiert haben, bei Strafe von der rechtlichen Beratung von Mandanten ausschließt. Der damit verfolgte Zweck ist -jedenfalls offiziell- die Interessen des Mandanten vor unzureichender Sachkunde im Zivilrecht wie im Strafverfahren zu schützen. Die akademische Profession des Arztes, der sich auf Studium, lange praktische Ausbildung und erworbenes Erfahrungswissen stützt, schützt der Gesetzgeber vergleichbar – überhaupt nicht. Und damit vor allem nicht den Patienten und seine gesundheitlichen Interessen. Ist dem Gesetzgeber folglich das Vermögensinteresse eines Mandanten im Zivilprozess als Schutzgut wichtiger als die Gesundheit seiner Bürger? Bitte mal zu Ende denken! Und rechtlich wird die Berufsausübungsfreiheit an allen Ecken und Enden eingeschränkt, vom Erfordernis des Meisterbriefs bis zur Ausübung des Arztberufes nur mit Approbation. Man komme mir hier nicht mit der “grundgesetzlich geschützten Berufsausübungsfreiheit”. Die ist – wie vielfach geschehen – einfachgesetzlich einschränkbar.

Ein Zitat von Prof. Otto Prokop, Doyen der deutschen Gerichtsmedizin:
“Wenn … darauf hingewiesen wird, für Ärzte gebe es einen höheren Grad der Voraussehbarkeit als für Heilpraktiker (weil der erstere entsprechend ausgebildet und examiniert ist), also könne man letzteren nicht so schnell einen Schuldvorwurf machen wie etwa Ärzten, die den gleichen Fehler machen, so ergibt sich aus einer solchen Interpretation, dass es der Staat, der Personen zu solchen Praktiken ohne besondere Auflagen zulässt, mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst nimmt.”

 

Die ganze Szene: Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde…

Klar. Näheres darüber wissen aber auch die Heilpraktiker nicht. Und deshalb ist es unehrlich und unredlich, die Lücke “zwischen Himmel und Erde” mit unbelegten Behauptungen und Versprechungen zu füllen. Möchten die Heilpraktiker das trotzdem tun, müssten sie in der Liste der Professionen nur ein wenig tiefer rutschen: Auf die Position “Hellseher”.


Ceterum censeo: Wir brauchen keine strengeren Prüfungen, wir brauchen keine “Reformen” des Heilpraktikerwesens und seiner – nicht existenten – Ausbildung. Wir brauchen überhaupt keine Heilpraktiker, denn es gibt keine “alternative” und keine “komplementäre”, auch keine “integrative” – es gibt nur die wissenschaftsbasierte Medizin, die sich auf die Prinzipien der Evidenzbasierung stützt. Man könnte allenfalls darüber nachdenken, Heilpraktikern mit ausreichender Qualifikation (klar gibt es Unterschiede dabei, viele gute und wohlmeinende Menschen unter den Heilpraktikern kommen z.B. schon aus Gesundheitsberufen) im Rahmen streng gefasster Befugnisse und nachgewiesener Fähigkeiten so etwas wie den Status von “Gesundheitsassistenten” zuzuweisen, wenn man sich schon nicht dazu durchringen kann, im Interesse einer modernen, glaubwürdigen und verlässlichen Gesundheitspolitik tabula rasa zu machen.


Dass die Reformbemühungen weiterhin in homöopathischen Dosen stehenbleiben und lediglich Spiegelfechterei auf nicht einmal hohem Niveau beitrieben wird, zeigt dieser Anschlussbeitrag zu den Plänen zu “einheitlichen Ausbildungsvoraussetzungen” für Heilpraktiker.



Bildnachweis: Pixabay Creative Commons Lizenz CC0

 

 

 

 

 

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