Nachtrag zu: Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass (27.9.2016)

(K)Ein bisschen reformieren…

Das Portal DocCheck berichtet heute unter seinen News wie folgt:

[…] Die Bundesregierung ‚bedauert die Todesfälle‘, hält es aber für geboten, eine ’sachliche Diskussion zu führen‘, heißt es im Antwortschreiben. Dazu gehöre auch, dass ‚es in Deutschland viele Menschen gibt, die über eine Behandlung beim Heilpraktiker Gutes berichten und sich für diesen Beruf einsetzen.‘ Grundsätzlich beinhalte die Erteilung der Heilpraktikererlaubnis auch, dass sich Heilpraktiker der ‚Grenzen ihres Wissens und Könnens‘ bewusst seien. Weitere Überprüfungen sowie die Überwachung seien Aufgabe der Länder. Ganz so leicht wird Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) aber nicht davonkommen.

Ein bisschen reformieren

Bereits im Juni hatte die Gesundheitsministerkonferenz der Länder den schwarzen Peter zurück nach Berlin gespielt. Vertreter waren sich darin einig, dass die Bundesregierung selbst bestehende Regelungen überarbeiten müsste. Jetzt heißt es dazu: ‚Die Bundesregierung hält den Vorschlag der Gesundheitsministerkonferenz für grundsätzlich geeignet, um den  Patientenschutz im Bereich der Zulassung von Heilpraktikeranwärterinnen und -anwärtern zu verbessern, und prüft derzeit die Möglichkeit einer Umsetzung.‘ Man habe ‚Verständnis für Stimmen, die eine grundlegende Reform des Heilpraktikerrechts einschließlich seiner Anpassung an die Qualitätsstandards anderer heilberuflicher Regelungen fordern‘. Mit Verweis auf ‚laufende Prüfungen‘ werden im Papier jedoch keine weiteren Details genannt.

Gesundheitspolitiker nahezu aller Couleur halten höhere Hürden beim Zugang, aber auch Vereinheitlichungen bei der Ausbildung für denkbar. Wer die Heilpraktikerprüfung bereits absolviert hat, braucht nach jetzigem Diskussionsstand keine Einschränkungen zu fürchten. […]“

 

Was soll denn eigentlich noch auf den Tisch, bis wirklich mal etwas geschieht? Die Linie ist klar: Man rührt wieder ein Gemisch aus  Schönrednerei, Zuständigkeitsfragen, geheuchteltem Reformwillen an, würzt das Ganze mit einer guten Portion Nichtverstehen und das wars dann mal wieder.

 

Mein Kommentar dort:

Ich habe es geahnt. Weiter wird das Lied der “zwei Medizinen” gesungen, als entscheidendes Kriterium angeführt, dass ja so viele Leute den Besuch beim Heilpraktiker so schätzen, mit dem Finger auf Probleme -ja auch Todesfälle- beim “Arzt” verwiesen und von “Reformen” geredet, wo es mangels bisheriger Regeln gar nichts zu reformieren gibt.

Otto Prokop, der Doyen der deutschen Gerichtsmedizin, schätzte schon in den 1980er Jahren die Zahl der Schäden, die außerhalb der wissenschaftlichen Medizin durch “modernen Okkultismus” insgesamt entstehen, auf mehrere hunderttausend.

Bundes- und Landesregierungen müssen die Segel streichen, wenn es um einen Überblick über die Zahl und die angewandten Methoden der Heilpraktikerszene geht. Offen muss eingeräumt werden, dass man sich hier einem “schwarzen Loch” gegenübersieht. Wo ist hier überhaupt eine Grundlage, um über “Reformen” diskutieren zu können?

Die Rechtsprechung stellt an Ärzte als “Ausübende der Heilkunde” die Anforderung, dem Patienten jederzeit die für ihn beste und nach neuestem Wissensstand wirksamste Therapie auszuwählen. Er kann sich nicht, so der Tenor des Bundesgerichtshofs, aus “Eigensinn oder Hochmut über gültige Regeln der medizinischen Wissenschaft hinwegsetzen, ohne vom Fortschritt der Wissenschaft Kenntnis zu nehmen”. Oft ist selbst ein wissenschaftlich ausgebildeter Arzt allein nicht in der Lage, diese Anforderung zu erfüllen. So kann logischerweise bereits eine unterlassene Überweisung an einen Facharzt als ärztlicher Fehler gewertet werden.

Aber ein Heilpraktiker soll das können. In seinem Universum. Ohne Kontrolle. Mit Verfahren, die er nach seinem eigenen Gusto aussucht und anwendet. Einschließlich der Applizierung von Medikamenten. Was beispielsweise einem ausgebildeten Rettungsassistenten, der täglich mit Ärzten zusammenarbeitet, verboten ist.

Dazu zitiere ich noch einmal Prokop:

“Wenn zum Beispiel darauf hingewiesen wird, es gebe für Ärzte einen höheren Voraussehbarkeitsgrad als für Heilpraktiker (wegen der umfassenderen wissenschaftlichen Ausbildung), also könne man letzteren nicht so schnell einen Schuldvorwurf machen wie etwa Ärzten, die den gleichen Fehler machen, so ergibt sich aus dieser Interpretation, dass es der Staat, der Personen zu solchen Praktiken ohne Auflagen zulässt, mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst nimmt”.

Dann lasst es doch ganz sein mit “Reformen”. Setzt weiter auf “Wohlfühlmedizin” und das, was “die Menschen” gerne wollen.

 

Manchmal glaubt man schon, das Leben ist nur ein übler Scherz eines psychopathischen Matrixprogrammierers.


 

Bildnachweis: dreamstime 67549618

El Cid und die Homöopathie II

burg
Da wohnen noch welche drin…

Hier nun die angekündigte Fortsetzung der Moritat vom Leben und vom langem Tod der Homöopathie…

… wobei in Ergänzung zu Teil 1 noch erwähnt werden soll, dass es schon recht früh im 19. Jahrhundert ganz ordentlich konzipierte Versuche gab, die Wirkung der Homöopathie zu verifizieren. Mit nicht sehr schmeichelhaften Ergebnissen für Hahnemanns Methode. Zum Beispiel:

  • 1834: Seidlitz / Gödecken, St. Petersburg: Die ersten Versuche gegen echte Placebos. Ergebnis für die Homöopathie: Negativ. Gleiche Effekte bei Leerpräparaten und bei homöopathischen Mitteln.
  • 1834: Trousseau / Gouard, Paris. Ausschließliche Gabe von Scheinpräparaten. „Gute Erfolge“ bei Phtisis (Schrumpfung und Atropie des Augapfels) nach Beurteilung von homöopathischen Ärzten, die von einer Einnahme homöopathischer Präparate ausgingen.
  • 1834: Andral (Pitié, Paris). Erprobung von fünf hahnemannschen Standardpräparaten. Ergebnis für die Homöopathie: negativ. Keine spezifische Wirkung feststellbar.
  •  1835: „Nürnberger Kochsalzversuch“ an 55 Probanden, bei dem potenziertes Kochsalz gegen potenzierte Holzkohle geprüft wurde. Das Ergebnis für die Homöopathie: Negativ. Keine Spezifika in den Symptombildern bei den Prüfgruppen erkennbar.
  • 1837: Stürmer, Civilhospital St. Petersburg. Behandlung unterschiedlicher syphilitscher Symptome. Ergebnis für die Homöopathie: negativ. Eine Behandlung mit „Brotpillen“ ergab gleiche Ergebnisse wie die mit homöopathischen Präparaten.

Quelle: O.u.L. Prokop, Homöopathie und Wissenschaft, Enke, Stuttgart 1957

So ist es kein Wunder, dass die Homöopathie in den zahlreichen medizinischen Handbüchern dieser Zeit nirgendwo mehr als einen Platz am Rand einnahm. Niemals den als lege artis.

So, nun aber.

Post mortem

Trotz ihres leisen Todes etwa um die 1850er Jahre hatten sich die Anhänger und Ausübenden der Homöopathie Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts relativ unbehelligt in ihrer Nische eingerichtet. Homöopathische Praxen gab es erstaunlicherweise in erheblicher Zahl, damals durchweg von approbierten Ärzten betrieben (den „Heilpraktiker“ gab es damals ja noch nicht). Übrigens flankiert von einer Reihe sogenannter „homöopathischer Laienvereine“.

Diese Zeit, etwa von der Mitte des 19. bis Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, war diejenige,  in der die rasante wissenschaftliche Entwicklung an den Homöopathen vorbeizog, ohne die notwendige Einsicht in den schon erfolgten Tod der Methode zu bewirken. Ein Effekt des Nicht-Wahrhaben-Wollens, des Leugnens aus Gründen der Selbsterhaltung und des Selbstbildes, der zudem die Begrifflichkeit der „alternativen“ oder „komplementären“ Medizin hervorbrachte. Man kann dem Ganzen vielleicht zugute halten, dass die Konsolidierung der Medizin als zunehmend objektivierte Naturwissenschaft bei Vielen gar nicht ins Bewusstsein eindrang und immer noch auf „Erfahrungsmedizin“ gesetzt wurde. Vielleicht ist es gar nicht so ein großer Zufall, dass in diese Zeit auch die Konzepte von Freud und Jung zum Verdrängungsmechanismus entwickelt wurden. Nicht nur auf dem Gebiet der Medizin veränderte sich die Welt wie nie zuvor. Die Zeit war reif, und nicht jeder konnte folgen.

Anfang der 20er Jahre wurde von rührigen Propagandisten, allen voran August Bier, die Einrichtung eines Lehrstuhls für Homöopathie an der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität erreicht. Nicht zuletzt dadurch ausgelöst, plante das Reichsgesundheitsamt (RGA) ab 1925, die Behauptungen und Versprechungen der Homöopathen in einer groß angelegten objektiven Untersuchung auf universitären Niveau, aber konzipiert und begleitet von den Homöopathen selbst, auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen.

Da gut Ding bekanntlich immer Weile haben will und sich der bekannte Zentralverein homöopathischer Ärzte (der stolz darauf hinweist, die älteste deutsche Ärztevereinigung in Deutschland zu sein, aber unterschlägt, dass er nur die Aufgabe hatte, über die Reinheit der Hahnemannschen Lehre zu wachen) auch nicht so recht bequemen konnte oder wollte, dauerte die ganze Sache. Bis von unerwarteter Seite Schub in die Angelegenheit kam.

 

Der Donner-Report und die Protokolle der Untersuchung durch das Reichsgesundheitsamt
1936 – 1939

Eins sei vorausgeschickt. Diese Untersuchung und ihre Ergebnisse sind völlig unverdächtig, irgendwie mit nationalsozialistischer Ideologie zusammenzuhängen. Es gibt nicht den mindesten Grund, sie etwa aus dieser Sicht zu diskreditieren. Im Gegenteil, die NS-Ideologen hatten auf ganz andere Ergebnisse gesetzt, als die, die hinterher zu konstatieren waren. Es handelt sich bei den Aktivitäten des RGA wohl um die fundiertesten und objektivsten Untersuchungen, die jemals zur Homöopathie durchgeführt worden sind.

Wie so vieles andere, fanden die Nationalsozialisten in den Schubladen des Gesundheitsministeriums auch die Vorüberlegungen zu der lange angedachten Großstudie über Wirkungskraft und Wirkungsweise (ja, das wollte man auch wissen) der Homöopathie. Dies verband sich nun mehr oder weniger mit dem sehr typischen NS-Gedanken, so etwas wie eine „deutsche Medizin“, weltweit überlegen und ideologisch unterfüttert, zu etablieren. Könnte das nicht die Homöopathie sein? Gesagt, getan.

Das Reichsgesundheitsamt meint es ernst

Nun muss man wissen, dass die Fachleute des Reichsgesundheitsamtes zum ganz überwiegenden Teil nicht Bürokraten oder Verwaltungsjuristen waren, sondern gestandene medizinische Fachleute, die ihren Job äußerst ernst nahmen. Eine Expertise irgendeines Verbandes oder „externer Sachverstand“, wie er heute üblich ist und immer die Gefahr von Lobbyismus und Verzerrungen der Ergebnisse in sich birgt, war damals nicht nötig. Das besorgten die Fachleute des RGA alles selbst. Sie öffneten dem Zentralverein der Homöopathen ihre Tore, stellten Ressourcen zur Verfügung, ließen ihm freie Hand bei Konzeption und Durchführung der einzelnen Prüfvorhaben und schauten kritisch zu. Bekannte Praktiker der homoöpathischen Szene wurden zur Begutachtung und Erklärung hinzugezogen – zu diesen gehörte auch Dr. Fritz Donner, der damals klinischer Homöopath an der Rudolf-Virchow-Klinik in Berlin war und kritische Praxiserfahrung schon aus dem Stuttgarter Homöopathischen Krankenhaus mitgebracht hatte.

„Der größte Tag in der Geschichte der Homöopathie“

Die Eröffnungstagung im Herbst 1937 feierten die Homöopathen schon als den „größten Tag in der Geschichte der Homöopathie“ (Dr. Stiegele, Direktor des homöopathischen Krankenhauses Stuttgart, nach Donner). Verständlich, in der Aussicht auf „hunderte Millionen Reichsmark“ Forschungs- und Unterstützungsgelder und die offizielle Etablierung der Homöopathie als herausgehobener Teil des Gesundheitswesens. Leider sorgte bereits gleich zu Anfang ausgerechnet der damalige Chef des DZVhÄ, Rabe, für eine gewisse Irritation, indem er im Überschwang der Begeisterung per Zwischenruf mal gleich klarstellte, dass die Homöopathie auf einer ganz anderen Ebene anzusiedeln sei als die schnöde Schulmedizin, was man an den „mit Sicherheit“ eintretenden Symptombildern beispielsweise bei Digitalis in Potenzierungen von C200 oder gar C1000 erkenne. Leider bezweifelte gleich an Ort und Stelle einer der führenden deutschen Pharmakologen höflich, aber bestimmt diese Aussage unter Hinweis darauf, dass gerade Digitalis die wohl (damals) am intensivsten erforschte Droge sei, er sich aber gerne so schnell wie möglich von Rabes hochgesteckten Versprechungen überzeugen lassen möchte. Was, da der im Brustton der Überzeugung versprochene klare Beweis ausblieb, gleich mal eine nette Peinlichkeit war.

Diese Szene sollte sich als geradezu symptomatisch für den Fortgang des Projektes erweisen. Rabe wollen wir das mal nicht so übelnehmen, er war zwar Präsident des Zentralvereins, aber vorher Allgemeinmediziner gewesen und hatte nach einem vierwöchigen Homöopathiekurs kurzentschlossen seine Praxis voll auf Hahnemann ausgerichtet. Donner beschreibt seine Wissenslücken durchaus als peinlich. Er wird uns später nochmals begegnen.

Die Autopsie beginnt

Donner beschreibt umfangreich, wie die Homöopathen im Rahmen der Planungsphase der konkreten klinischen Prüfungen bereits mit angeblichen Evidenzen nur so um sich warfen, die er aus seiner Praxis als selbstkritischer und langjährig erfahrener Homöopath gegenüber den Vertretern des RGA, die ihn dazu befragten, ständig zurechtrücken musste. So kam es dann, wie es kommen musste.

apis
Apis D1 auf cape margeruite D1  – Test

Die Homöopathen konnten sich weder auf Arzneimittelbilder noch auf Arzneimittelprüfverfahren einigen, endlose Diskussionen gingen den konkreten Versuchen voraus. Dabei musste von vornherein viel ausgeschieden werden, was längst auch unter Homöopathen als unhaltbar galt. Das Reichsgesundheitsamt zeigte sich dabei offen und ging so ziemlich auf alles ein, was die Homöopathen vorschlugen. Um sich eine Vorstellung vom Umfang des Projektes zu machen, hier ein Auszug aus Donners Bericht:

„Es war geplant, dass, falls sich in den ersten Jahren eindeutig erweisen sollte, dass an der Homöopathie tatsächlich etwas dran ist, dann sämtliche Universitätsinstitute und Kliniken sowie alle führenden Krankenanstalten herangezogen werden sollten, um die Homöopathie zu erforschen. An jeder Universität sollte eine Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus einem Homöopathen, einem Internisten und einem Pharmakologen, aufgestellt werden, die dann Arzneiprüfungen und therapeutische Untersuchungen durchführen werden. An Prüfpersonen bestehe kein Mangel, da u.a. alle Mitglieder homöopathischer Laienverbände dazu aufgefordert werden können. Bei den jeweiligen Prüfungen dürften die homöopathischen Ärzte nur angeben, welche Art von Prüfpersonen sie hier für besonders geeignet halten. Wünschen sie etwa Frauen in den Wechseljahren für eine Sepiaprüfung, dann wird man eben Frauen in den gewünschten Altersstufen dafür gewinnen. Es wurden also der Homöopathie Möglichkeiten geboten, wie sie sie seit ihrem Bestehen noch nie gehabt hat.

Damals betrug die Zahl der medizinischen Fakultäten und Akademien in Deutschland rund 26; da man für große Universitäten nicht nur eine, sondern zwei Arbeitsgruppen plante, so kam man auf 30 Stellen für die Überprüfung der Homöopathie. Werden Arzneiprüfungen sowohl im Sommer- wie auch im Wintersemester durchgeführt, dann könnten 60 Mittel pro Jahr durchgenommen werden. Auch wenn man die ‚Großen Mittel‘ zweimal oder gar dreimal nachprüfen will, dann konnte man damit rechnen, dass in etwa 6 Jahren 250 der wichtigsten homöopathischen Medikamente jeweils an einer großen Zahl von Prüfpersonen mit allen heutzutage üblichen Kautelen überprüft sein werden.“

Donners Bericht enthält so viel Hinweise auf Fehler und Missdeutungen der damals tätigen Homöopathen, dass man kaum glauben mag, dass er zu diesem Zeitpunkt selbst als homöopathischer Kliniker tätig war. Seine Skepsis wuchs während der Überprüfungen mehr und mehr. Sein Bericht ist mehr als lesenswert, er steht unter http://www.kwakzalverij.nl/behandelwijzen/homeopathie/der-donner-bericht/
zum Lesen zur Verfügung. Die Rechte daran hält das Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, ein PDF des Donner-Berichts für persönliche Zwecke kann jedoch dort heruntergeladen werden. An dieser Stelle kann naturgemäß nur ein kleiner Teil des Inhalts wiedergegeben werden.

Hurra, wir kapitulieren!

Die dort berichteten Vorgänge sprechen für sich. Nach anderthalb Jahren an Testreihen und Therapien stellten die Vertreter des RGA als Zwischenergebnis fest, man müsse wahrheitsgemäß erklären, „dass bei der Arzneiprüfung nichts herausgekommen ist und dass bei den klinischen Versuchen bei keinem einzigen Patienten eine irgendwie für eine therapeutische Wirkung der eingesetzten Arzneien sprechende Reaktion eingetreten ist.“ Donner bat, dies zunächst noch nicht an den Präsidenten des RGA zu berichten und noch weitere Untersuchungen abzuwarten.

Nach den Erörterungen, wie man sinnvollerweise weiter vorgehen solle und der ungebrochenen Bereitschaft des RGA, den Homöopathen notfalls für die Untersuchungen ganze Klinikabteilungen einzurichten und mit Kranken zu belegen, kam es dann zu einer entscheidenden Äußerung des DZVhÄ-Präsidenten Rabe gegenüber Donner:

„Als anschließend H. Rabe mit mir das Krankenhaus verließ, überraschte er mich mit der Bemerkung, er müsse jetzt dringend sehen, wie er diese Überprüfungen sabotieren könne. Einen stichhaltigen Grund habe er zwar noch nicht gefunden, da alles so überaus korrekt und kollegial ihm gegenüber durchgeführt worden wäre. Hoffentlich falle ihm noch etwas ein, denn sonst müsse er zum Reichsgesundheitsführer Dr. Conti gehen und ihn dringend auffordern, die Überprüfungen der Homöopathie sofort abbrechen zu lassen, denn ‚wir können doch das gar nicht, was wir behaupten‘ (wörtlich gesagt!!). Aber nach all dem, was er mit Conti, Rudolf Hess und Prof. Reiter in Sachen Homöopathie vorgebracht habe, könne er doch letzteres kaum tun. Er fuhr dann fort, dass es doch ‚heller Wahnsinn‘ von den Beauftragten des RGA wäre, ‚das ernst zu nehmen, was wir, die wir doch nur kleine Praktiker sind, so sagen oder in unseren Zeitschriften veröffentlichen‘ und sie einer wissenschaftlichen Überprüfung zu unterziehen […] 

Auch über die vorgesehenen Arzneinachprüfungen und die damit zusammenhängenden Fragen äußerte er sich eindeutig: Wir sind einfache Praktiker, deren Interesse vor allem dem gilt, was man einem ins Sprechzimmer gekommenen Kranken gegen die von ihm geklagten Beschwerden geben soll. Und nun erwarte man, dass er Auskunft darüber geben könne, wie dieses oder jenes Mittel seiner Zeit geprüft worden ist und ob wir die darauf aufgebauten Arzneidarstellungen in diesem Falle für einigermaßen verlässlich und in jenem für in höchstem Grade fragwürdig ansehen. […] Möglicherweise sind alle in den Arzneimittellehren gebrachten (Sepia)symptome reine Phantasiegebilde! […] Den Beauftragten des RGA habe er immer die Homöopathie so vorgetragen, wie die homöopathischen Praktiker sich die Dinge vorstellen. Man konnte doch nicht ahnen, dass sie die Prüfungsquellen parat haben und somit vergleichen konnten, was tatsächlich gewesen ist und inwieweit die Realitäten von den Vorstellungen der Homöopathen divergieren. […]“
kapitulation

Eine Kapitulation erster Klasse, gestützt durch die letztlich verheerenden Ergebnisse der klinischen Arbeitsgruppen von 1937 bis zum Kriegsausbruch 1939, der das Projekt jäh stoppte.

Damit war das einzige Ergebnis, dass aus dieser Autopsie der Leiche namens Homöopathie herauskam, die Frage, ob sie überhaupt jemals gelebt hat.

Donner beschreibt, wie nach seiner Meinung Unzulänglichkeiten hätten ausgeräumt werden können und die Homöopathie eventuell doch noch eine Basis für verlässliche Ergebnisse gewinnen könnte. Völlig abgekehrt hatte er sich damals noch nicht. Allerdings, als 1946 frühere Kollegen sich mit dem Gedanken einer Wiederaufnahme der Untersuchungen an ihn wandten, zog man doch gemeinsam das Fazit, „dass abgesehen von gewissen pharmakologischen Arbeiten bisher bei den Überprüfungen nichts Positives für die Homöopathie herausgekommen wäre, es sei denn, dass einwandfrei klargestellt worden ist, dass viele Ansichten, auch die ‚kritischer Ärzte‘ auf Wunschvorstellungen basieren. Inzwischen habe aber die homöopathische Ärzteschaft ein Jahrzehnt Zeit gehabt, sich zu besinnen. Es wäre eine bedauerliche und für das Weiterbestehen einer Homöopathie gefährliche Illusion, wenn die homöopathischen Ärzte glaubten, sie könnten ruhig in derselben Weise weitermachen, wie sie es vor dem Kriege getan haben.

Donner wandte sich völlig von der Homöopathie ab und wurde angesehener Leiter einer internistischen Abteilung eines renommierten Krankenhauses. Die Universitäten trennten sich von den homöopathischen Fakultäten, die von Bier initiierte Berliner Fakultät wurde explizit geschlossen, weil sie keinerlei positive Leistungen vorzuweisen hatte. Rabe, auch nach dem Krieg noch Leiter des DZVhÄ, weigerte sich geradezu, sich jemals im Verband nochmals für Überprüfungen stark zu machen und dann „die Suppe nochmal auslöffeln“ zu müssen.

Die Erkenntnisse aus der Großaktion des Reichsgesundheitsamtes werden übrigens durchaus noch flankiert durch weitere, die Homöopathie diskreditierende Untersuchungen. Beispielsweise hat Prof. Dr. Paul Martini, der spätere erste Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), die Schlüssigkeit und Aussagefähigkeit der Hahnemannschen Arzneimittelprüfung untersucht – mit ebenfalls für die Homöopathie eindeutig negativem Ergebnis.

 

Nach dem Krieg – endlich Ruhe?

Unmittelbar nach Kriegsende und in den frühen 50er Jahren der jungen Bundesrepublik galt die Homöopathie -ganz der hier gezeichneten Entwicklung entsprechend-  als ernstzunehmende medizinische Methode nicht nur als tot, sondern als töter. Zu Recht, wie der geneigte Leser vielleicht nach der Lektüre auch finden wird. Die ersten öffentlichen Äußerungen zur Homöopathie sind denn auch von einer ganz neuen Tonlage:

  • 1955 urteilt der Bundesgerichtshof, dass „jedenfalls Potenzen ab D23 als jenseits einer Wirkungsmöglichkeit liegende Verdünnung“ anzusehen sind und bei Vorliegen der subjektiven Voraussetzungen gegebenenfalls wegen fahrlässiger Tötung zu verurteilen sei (BGH, Urteil vom 30.09.1955, 2 StR 206/55).
  • 1958 erklärte nach Beratung über eine mögliche Wiederbelebung der universitären Homöopathie die medizinische Fakultät der Humboldt-Universität Berlin:
    „Die medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin gibt folgende Erklärung ab:
    Auf Grund der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist die Homöopathie weder klinisch noch prophylaktisch in der Behandlung von schweren, insbesondere Organerkrankungen anwendbar.“
    Prokop berichtet, dass die Ursprungsfassung statt „weder … noch… anwendbar“ die Formulierung „ohne jeden Wert“ enthalten habe. In wissenschaftlicher Redlichkeit habe man diese Formulierung mit Rücksicht auf einen eventuellen psychosomatischen Gehalt der Methode, der allerdings allen Scheintherapien innewohnt, verworfen.
  • 1992 (zu einer Zeit, in der trotz allem die Homöopathie schon wieder als aufpolierte Leiche durchgereicht wird), gibt der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität zu Marburg eine scharfe Erklärung gegen Pläne ab, die Homöopathie wieder zum prüfungsrelevanten Inhalt des medizinischen Studiums zu machen:
    „... Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg verwirft die Homöopathie als eine Irrlehre. Nur als solche kann sie Gegenstand der Lehre sein. […]  Wir sehen jedoch die Gefahr, dass man von uns „Neutralität“ und „Ausgewogenheit“ in diesem Stoffgebiet fordern wird, und sind nicht bereit, unseren dem logischen Denken verpflichteten Standpunkt aufzugeben zugunsten der Unvernunft. Wir betrachten die Homöopathie nicht etwa als eine unkonventionelle Methode, die weiterer wissenschaftlicher Prüfung bedarf. […] Oft wird behauptet, der Homöopathie liege ein „anderes Denken“ zugrunde. Dies mag so sein. Das geistige Fundament der Homöopathie besteht jedoch aus Irrtümern („Ähnlichkeitsregel“; „Arzneimittelbild“; „Potenzieren durch Verdünnen“). Ihr Konzept ist es, diese Irrtümer als Wahrheit auszugeben. Ihr Wirkprinzip ist Täuschung des Patienten, verstärkt durch Selbsttäuschung des Behandlers. […].

Endlich Rationalität !?

Was für Dokumentationen der Rationalität! Was für ein Erfolg – endlich, möchte man sagen. Und doch. Der Grund, weshalb ich all dieses schreibe, ist die Entstehung einer wirk- und ressourcenmächtigen Homöopathielobby in Deutschland mit Ursprung in den 70er Jahren, die inzwischen weltweite homöopathische Glaubensgemeinschaften befeuert und der es gelungen ist, trotz des eigentlich unübersehbaren Leichenodiums ihrer Methode die Politik für sich zu gewinnen mit dem Ergebnis, als „besondere Therapieeinrichtung“ unter Befreiung von Wirkungsnachweisen anerkannt zu werden und mit dem Segen des Gesetzgebers sogar die Krankenkassen für sich zu instrumentalisieren. Mit großem Aufwand verbreitet sie eine auf den ersten Blick eindrucksvolle „Aura der Scheinwissenschaftlichkeit“, die sich aber ebenso als Leichenschminke entpuppt wie alle bisherigen Beweisversuche. Hierzu verweise ich auf die vielfältigen Informationen der Blogs aus meiner Blogroll und auch auf meine vorausgegangenen eigenen Artikel in diesem Blog. Dort findet sich alles, was derzeit zur Homöopathielobby und ihren Bemühungen, Hömöopathie als Wissenschaft zu etablieren, zu sagen ist.

Wie war das möglich? Nun, Vergessen, Verdrängen und Wunschdenken sind natürlich nicht einfach verschwunden. Und dann trat wunderbarer- und unerwarteterweise Frau Dr. Veronica Carstens auf den Plan, damals Gattin des amtierenden Bundespräsidenten, und sammelte Sympathien für natürliche, sanfte Therapieverfahren, was ihr mit dem persönlichen Charisma und der Rolle der First Lady der Bundesrepublik nicht allzu schwer fiel. Eine völlig neue Taktik.

DCF 1.0
Ex. canis ist untendrunter, aber Plutonium find ich nicht…

Niemals zuvor war die Homöopathie derart als Naturmedizin und Gänseblümchentherapie propagiert worden als in der Ära von Frau Dr. Carstens.  Jubel, Tränen und Freudenschreie überall. Enge Beziehungen zur Politik auch nach der Amtszeit von Carl Carstens waren natürlich auch nicht von Nachteil. Das Ehepaar Carstens hat sein Vermögen 1982 in die Carl und Veronika Carstens-Stiftung  zur Förderung von Naturheilkunde und Homöopathie eingebracht, die inzwischen zusammen mit dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte und  der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie e.V. eine Lobbygemeinschaft von nie dagewesener Schlagkraft bildet.

Aber auch das, dieses mit einem gewaltigen Aufwand betriebene neue Schauspiel, konnte und kann Tote nicht wiedererwecken. Das heutige Fazit lässt sich nämlich kurz so zusammenfassen:

Nach Angaben der British Homeopathic Association existierten nach dem Stand von Ende 2014 weltweit insgesamt 189 auswertbare randomisierte Vergleichsstudien zur Homöopathie. Das bisher größte systematische Review unter Einbeziehung von 176 dieser Vergleichsstudien hat die Australische Gesundheitsbehörde NHMRC 2015 veröffentlicht. Dieses Review war ungewöhnlich umfangreich und präzise und gab den Homöopathen umfassend Gelegenheit, ihre Einwände einzubringen.  Das NHMRC kam zu dem eindeutigen Ergebnis, dass eine spezifische Wirksamkeit homöopathischer Mittel nicht belegt werden konnte, hat die Methode aus dem öffentlichen Gesundheitswesen verbannt und hat folgende Empfehlung veröffentlicht:

Die Homöopathie sollte nicht für Beschwerden eingesetzt werden, die chronisch oder gefährlicher Natur sind oder gefährlich werden können. Menschen, die sich für die Homöopathie entscheiden, könnten ihre Gesundheit riskieren, falls sie Behandlungen zurückweisen oder aufschieben, für deren Wirksamkeit und Sicherheit belastbare Evidenz existiert.

Oder so: In 200 Jahren intensiver Bemühungen ist es nicht gelungen, einen belastbaren spezifischen Wirkungsnachweis für die homöopathische Methode zu erbringen. Nie. Nirgends.

Ist das das endgültige Begräbnis? Jedenfalls sollte all das Anlass für die Politik sein, ihre schützende Hand von einer eindeutig nachweislich unwirksamen Scheintherapie abzuziehen und ihr die Adelung durch einen Anteil am öffentlichen Gesundheitssystem schnellstens wieder zu nehmen. Aus Gründen der Pietät der Homöopathie gegenüber und aus Gründen der Ehrlichkeit und Redlichkeit gegenüber den Patienten im öffentlichen Gesundheitswesen.
Ruhe in Frieden, Homöopathie. Und du, Hahnemann, genieße deinen Ruhestand im medizinhistorischen Panoptikum. Du warst ein Mensch Deiner Zeit, der sich ernsthaft bemüht hat und auch ein Rädchen im großen Uhrwerk des Fortschritts war. Stur wie ein Panzer und dogmatisch wie der Papst, aber wer wollte Dir das verdenken. Du verdienst es zumindest, Dein Kind, die Homöopathie, endlich anständig zu beerdigen.

Damit wären wir wieder beim Helden und seinem treuen Pferd des Anfangs:

pferdchen

 

 

Bildnachweis:

1, 2, 4: Eigene Bilder
3: photosearch

 

El Cid und die Homöopathie I

cid_burgos
Standbild des Cid in Burgos, Kastilien (nein, es ist wirklich nicht Kaiser Friedrich Barbarossa)

 

Kennen Sie, lieber Leser, die Geschichte von Rodrigo Diaz de Vivar, genannt El Cid, dem spanischen Nationalhelden? Großartig dargestellt vom unverwüstlichen Charlton Heston in CinemaScope (1961, Regie Anthony Mann, Oscar-preisgekrönte Musik von Miklós Rózsa). Zu empfehlen für Liebhaber gewaltiger Historienschinken und Besitzer großer Flachbildschirme.

Ja, um Himmels Willen, was hat der denn nun mit der Homöopathie zu tun?

Seine Geschichte, genauer die Geschichte rund um seinen Tod, hat mich lebhaft an die Geschichte der Homöopathie erinnert. El Cid hatte bedauerlicherweise am ersten Tag der Entscheidungsschlacht um Valencia einen tödlichen Pfeiltreffer kassiert, wodurch er am nächsten Tag zwangsläufig nicht in der Lage war, seine Männer wieder in den Kampf zu führen. Man befürchtete -zu Recht- beim Bekanntwerden seines Ablebens einen gewaltigen Einbruch der Kampfmoral und die daraus folgende Niederlage.

Was also tun, um die Niederlage doch noch zu verhindern? Die Legende sagt, dass der Cid befohlen hatte, ihn herzurichten und mit dem Schwert in der Hand in voller Rüstung aufs Pferd zu binden. So führte der Tote seine Truppen an, die so motiviert einen glänzenden Sieg über die von der Erscheinung des Totgeglaubten erschreckten Berbertruppen erzielten. Leider musste kurz danach Valencia trotzdem vor den Almoraviden geräumt werden…

So etwa sehe ich auch die Geschichte der Homöopathie im 20. und 21. Jahrhundert. Nach langer Laufbahn mit wechselndem Kriegsglück entscheidende Treffer kassiert, für tot erklärt, etwas länger liegengeblieben als der Cid, aber dann von Begeisterten, die die Schlacht doch noch gewinnen wollten, her- und aufgerichtet, geschminkt und wieder ins Rennen geschickt, in der Hoffnung, sie möge nun endlich doch noch den Sieg über die medizinische Konkurrenz davontragen.  Zweifellos nicht ohne Erfolg, hochmotivierte Anhänger, die der tapferen Leiche hinterherjubeln, gibt es genug. Wir warten allerdings noch auf die endgültige Niederlage trotz dieses Schachzugs, ob vor Valencia oder anderswo.

kriegskasse
Kriegskasse

Wie? Sie glauben nicht, dass die Homöopathie schon tot war, bevor sie dank der Bemühungen der Carstens-Stiftung seit den 70er Jahren, festgebunden auf dem Ross der Pseudowissenschaftlichkeit und flankiert von einer ordentlichen Kriegskasse, als aufgemöbelte Leiche wieder reüssierte? Wobei so getan wurde und wird, als habe sich die Homöopathie seit Hahnemann mehr oder weniger siegreich behauptet und müsse nun endlich nur noch mit dem Segen der offiziellen Gesundheitswesens und der wissenschaftlichen Anerkennung gekrönt werden.

Denkste. Die Nummer ist schon sehr, sehr lange durch. Die heutigen Propagandisten setzen nur auf die Vergesslichkeit und Bequemlichkeit der Menschen, auf den Effekt der momentanen Beeinflussung und mehr oder weniger sanften Verführung.

Den Beweis möchte ich Ihnen nachstehend antreten. Und zwar -bequem wie ich bin- hauptsächlich unter Rückgriff auf die Berichte  des Donner-Reports, den Aufzeichnungen von Fritz Donner, einem der führenden homöopathischen Ärzte der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts, der sich später konsequent von der Homöopathie abwandte und Leitender Arzt einer internistischen Klinik wurde. Ein Vorgänger von Natalie Grams, der früheren Homöopathin und heutigen Leiterin des verdienstvollen Informationsnetzwerks Homöopathie (siehe Blogroll).

Donner bezieht sich auf die großangelegte Überprüfung der Homöopathie  durch das Reichsgesundheitsamt in den Jahren 1936 bis 1939. Er war direkt in diese Aktion eingebunden und berichtet aus eigener Anschauung und erster Hand.

Vorher aber ein kurzer Exkurs ins 19. Jahrhundert.

Die Homöopathie war nie lege artis

Zu keiner Zeit war die Homöopathie unumstritten. Schon unter Hahnemanns Zeitgenossen wurde sie -vor allem ihres dogmatischen Charakters wegen, aber auch wegen des Beginns wissenschaftlich-kritischen Denkens- argwöhnisch betrachtet. Was die frühe Anhängerschaft betrifft, so kann man das leicht verstehen. Natürlich war Hahnemann nicht der Einzige, der den Schaden wahrnahm, den vorsintflutliche Methoden wie Aderlass, Fontanellen, Haarseil und dergleichen beim Patienten anrichteten. Und nun hatte man plötzlich ein ganzes Lehrgebäude zur Verfügung, das mit der Autorität des Systematischen verführte und die Überlebensrate stark verbesserte. Sie „etablierte“ sich in weiten Kreisen, aber wie gesagt keineswegs unumstritten oder gar als Methode erster Wahl. Verschiedentlich wurde die Anwendung der Homöopathie von der Obrigkeit gar untersagt.

Mitte des 19. Jh. erlebte die wissenschaftliche Medizin ihren ersten entscheidenden Schub. Rudolf Virchow, gestützt auf die Vorarbeiten von Günzburg und Remak (um 1850), etablierte die Zellularpathologie, die Lehre von den Zellen und ihrer Funktion als kleinste Lebenseinheiten. Damit wurde das Tor zur modernen Ätiologie, der Lehre von der Krankheitsentstehung aufgrund von Zellveränderungen, weit aufgestoßen. Bis heute beruhen die Erklärungsmodelle der Ätiologen auf der Zellularpathologie (vom gebrochenen Bein mal abgesehen), das Modell hat sich glänzend bewährt. Man denke nur einmal an die bösartigen Tumorerkrankungen, ein Krankheitsgeschehen auf Zellebene par excellence. Aber genauso auch an alle Arten von Infektionen, die in einer Störung des Zellstoffwechsels zum Ausdruck kommen, ferner erst recht die klassischen internistischen Organerkrankungen, die auf Fehl- und Minderfunktionen auf Zellebene zurückgehen.

trauermarsch
Chopin: Klaviersonate Nr. 2, 2. Satz – Trauermarsch. Soweit bekannt, nicht ausdrücklich für die Homöopathie komponiert (1839).

Damit war die Hahnemannsche Lehre von der „Verstimmung der geistigen Lebenskraft“, die eine Krankheit ausmache und die nicht als solche erkannt werden könne, sondern nur durch Symptombilder in Erscheinung trete, erledigt. Und nicht nur diese Grundannahme, sondern die Homöopathie insgesamt, denn die geschlossene homöopathische Methode kann nicht „umgebaut werden“, ohne dass sie insgesamt inkonsistent wird. Siehe meine vorherigen Beiträge. Intellektuell und wissenschaftlich starb die Homöopathie ihren ersten leisen Tod.

Zweiter Teil in Kürze, der sich mit der Zwischenzeit bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts und der darauf folgenden Zeitspanne befasst. Wird spannend.

 

 

 

Bildnachweis:

1,2 : Eigene Bilder
3: Wikimedia Commons (Zitierausschnitt)

Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass.

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Mir klingeln die Ohren. Wunderbar, dass die Debatte über die unsägliche Pseudomedizin in Deutschland endlich in Gang kommt. Wenn auch aus traurigem Anlass. Aber die Parolen, die so durch die Medien rauschen, rauben mir manchmal den letzten Nerv.

Deshalb hier ein kleines Vademecum der mich am meisten ärgernden „Argumente“ und Schlagworte mit meiner unmaßgeblichen Meinung dazu. Unter Heilpraktiker fasse ich summarisch die Anwender von Methoden außerhalb der wissenschaftsbasierten Medizin, also auch Homöopathen (selbst wenn sie Ärzte sind).

 

Politik: Die Prüfung für Heilpraktiker muss verschärft werden.

Nein. Es gibt überhaupt keine Kriterien, nach denen diese Prüfung verschärft werden könnte. Die Kriterien gibt es deshalb nicht, weil es keine festgelegten Ausbildungsinhalte und -gänge gibt. Aus diesem Grund ist Heilpraktiker auch kein Beruf. Die bisherige Prüfung ist genau aus diesem Grund keine mit einem Examen vergleichbare Prüfung, sondern lediglich ein Frage-Antwort-Spiel, das einen Eindruck davon verschaffen soll, ob der Proband womöglich doch eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

 

Heilpraktikerverband: Die Prüfung muss keineswegs verschärft werden, denn sie ist jetzt schon waaahnsinnig schwer, das sieht man daran, dass 80 Prozent durchfallen.

Quatsch. Die Prüfung ist für jemanden, der ernsthaft auf kranke und hilfesuchende Menschen losgelassen werden soll, ein dummer Witz. Sie erhebt ja nicht einmal den Anspruch, Heilwissen abzufragen und kann zudem beliebig oft wiederholt werden. Jede Prüfung hat zwei Seiten – die Prüfungsaufgaben und die Prüflinge. Ich spare mir mal, deutlich auszusprechen, auf welcher Seite ich die Unzulänglichkeiten verorte, auf denen die berühmten 80 Prozent beruhen.

 

Politik: Die Heilpraktikerausbildung muss reformiert werden.

Wie denn? Wo denn? Was denn? Es gibt keine Ausbildung, weil es keine Inhalte gibt. Kein Prüfling ist verpflichtet, vorher eine „Heilpraktikerschule“ besucht zu haben.  Eine halbe Stunde Google zeigt, dass durch die Bank die „Heilpraktikerschulen“ neben dem Einbimsen von Prüfungsbögen völlig uneinheitliche, vielfach ins eindeutig esoterische abgleitende Inhalte anbieten, die dann hinterher den Gemischtwarenladen der Heilpraktikerszene beherrschen. Evidenzbasiertes? Fehlanzeige. Mal abgesehen von Phytotherapie und Reizbehandlungen wie Kneippsche Anwendungen (die Phytotherapie als teilweise hochwirksame Arzneimitteltherapie gehört auch allein in ärztliche Hände!) Im schlimmsten Falle kommen noch selbstgebastelte Eigenkreationen an „Therapien“ dazu. Nichts kann man nicht reformieren.

 

Heilpraktiker, Homöopathen und Politik (teilweise): Die Praktizierung alternativer und komplementärer Methoden wird von der Bevölkerung gewünscht und gibt vielen Trost und Hilfe!

„Wünsch Dir was“ ist im Deutschen Fernsehen schon 1992 eingestellt worden. Seit wann kommt es bei der Anwendung von Mitteln und Methoden, zumal im Gesundheitswesen, darauf an, was sich der Patient „wünscht“? Soll „Wohlfühlmedizin“ ernstlich den Vorrang vor Wirksamkeit bekommen?

 

Heilpraktikerverband: Die Heilpraktiker in Deutschland sind ein wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung!

Sie sind höchstens der entzündete Wurmfortsatz an der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Würden sie sich auf kleinere Befindlichkeitsstörungen beschränken und durch sinnvolle Gespräche den Patienten stabilisieren, gleichzeitig ein scharfes Auge auf die Notwendigkeit einer evidenzbasierten Behandlung beim Arzt haben, ginge das ja noch alles an. Ist aber nicht so. Die Leute maßen sich an, ernsteste Organerkrankungen mit großenteils nachgewiesen unwirksamen Mitteln zu behandeln und sind keineswegs so bescheiden, sich auf eine Beratung der Hilfesuchernden zu beschränken. Eine Folge der seit 1939, dem Jahr des Inkrafttretens des Heilpraktikergesetzes, völlig ungeregelten Wildwuchses auf diesem Sektor. Wie konnte man das zulassen?

 

Heilpraktiker und Lobbyisten der Szene: Die Schulmedizin….

Fällt dieses diskriminierende Unwort, höre ich gar nicht mehr weiter hin. Die Heilpraktikerszene diffamiert ständig die wissenschaftsbasierte Medizin als „Schulmedizin“. Was für eine Arroganz! Die Szene tut so, als gebe es eine „zweite Medizin“ neben der vielgeschmähten „Schulmedizin“. Gibt es eine zweite Physik, eine zweite Chemie, eine zweite Biologie? Früher mag es angegangen sein, im mehr oder weniger spekulativen Raum Prozeduren und Therapieformen zu entwickeln und anzuwenden, als es noch keine wissenschaftlichen Prüfmethoden und keine tieferen Einblicke in Ätiologie und Pathologie gab. Da war die Medizin, wenn überhaupt, eine reine Erfahrungswissenschaft. Ein Beispiel dafür ist die Homöopathie.
Heute ist die Medizin zwar auch Erfahrungswissenschaft, aber viel, viel mehr reine Naturwissenschaft als noch vor 90, 100 oder mehr Jahren. Sie ist in der Lage, ihre Erfahrungen zu testen und zu verifizieren. Sie entwickelt sich ständig durch schrittweise Verbesserung.
Und da redet die Schwurbelszene von Schulmedizin? Was ist denn dann die Tätigkeit der Heilpraktiker, die für einen Multiple-Choice-Test büffeln, stur ein paar Bögen ausfüllen und dann in ihre private Welt entlassen werden, ohne auch nur im Geringsten zu so etwas wie Fortbildung verpflichtet zu sein? Also bitte.

 

Heilpraktiker: Äh, Grundrechte… Berufsfreiheit… und so .. 

Erstens ist -wie schon gesagt- der Heilpraktiker kein Beruf. Zweitens folgende Überlegung: Die akademische Profession des Rechtsanwaltes, der sich auf Studium, praktische Ausbildung und Erfahrungswissen stützt, schützt der Gesetzgeber dadurch, dass er per Rechtsberatungsgesetz Laien und Privatpersonen, selbst Menschen, die beispielsweise Wirtschaftsjura studiert haben, bei Strafe von der rechtlichen Beratung von Mandanten ausschließt. Der damit verfolgte Zweck ist -jedenfalls offiziell- die Interessen des Mandanten vor unzureichender Sachkunde im Zivilrecht wie im Strafverfahren zu schützen. Die akademische Profession des Arztes, der sich auf Studium, lange praktische Ausbildung und erworbenes Erfahrungswissen stützt, schützt der Gesetzgeber vergleichbar – überhaupt nicht. Und damit vor allem nicht den Patienten. Ist dem Gesetzgeber folglich das Vermögensinteresse eines Mandanten im Zivilprozess als Schutzgut wichtiger als die Gesundheit seiner Bürger? Bitte mal zu Ende denken!

Ein Zitat von Prof. Otto Prokop, Doyen der deutschen Gerichtsmedizin:
„Wenn … darauf hingewiesen wird, für Ärzte gebe es einen höheren Grad der Voraussehbarkeit als für Heilpraktiker (weil der erstere entsprechend ausgebildet und examiniert ist), also könne man letzteren nicht so schnell einen Schuldvorwurf machen wie etwa Ärzten, die den gleichen Fehler machen, so ergibt sich aus einer solchen Interpretation, dass es der Staat, der Personen zu solchen Praktiken ohne besondere Auflagen zulässt, mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst nimmt.“

 

Die ganze Szene: Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde…

Klar. Näheres darüber wissen aber auch die Heilpraktiker nicht. Und deshalb ist es unehrlich und unredlich, die Lücke „zwischen Himmel und Erde“ mit unbelegten Behauptungen und Versprechungen zu füllen. Möchten die Heilpraktiker das trotzdem tun, müssten sie in der Liste der Professionen nur ein wenig tiefer rutschen: Auf die Position „Hellseher“.

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Ceterum censeo: Wir brauchen keine strengeren Prüfungen, wir brauchen keine „Reformen“ des Heilpraktikerwesens und seiner Ausbildung. Wir brauchen überhaupt keine Heilpraktiker, denn es gibt keine „alternative“ und keine „komplementäre“, auch keine „integrative“ – es gibt nur die wissenschaftsbasierte Medizin, die einen validen Nachweis ihrer Wirksamkeit führen kann. Man könnte allenfalls darüber nachdenken, Heilpraktikern mit ausreichender Qualifikation (klar gibt es Unterschiede dabei) im Rahmen streng gefasster Befugnisse und nachgewiesener Fähigkeiten so etwas wie den Status von „Gesundheitsassistenten“ zuzuweisen, wenn man sich schon nicht dazu durchringen kann, im Interesse einer modernen, glaubwürdigen und verlässlichen Gesundheitspolitik tabula rasa zu machen.

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Nachtrag, Dezember 2017:

Dass die Reformbemühungen weiterhin in homöopathischen Dosen stehenbleiben und lediglich Spiegelfechterei auf nicht einmal hohem Niveau beitrieben wird, zeigt dieser Anschlussbeitrag zu den Plänen zu „einheitlichen Ausbildungsvoraussetzungen“ für Heilpraktiker.


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