Was sind die besonderen Stärken der Homöopathie? Eine Aufklärung.

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Der bekannte Homöopathiekritiker Sisyphos beim unermüdlichen Versuch, die Mutter aller Globuli zu beseitigen.

Ich zitiere heute mal was:

„Was sind die besonderen Stärken der Homöopathie?

Homöopathie behandelt den ganzen Menschen und nicht nur ein bestimmtes Krankheitssymptom. Sie aktiviert die Selbstheilungskräfte im Körper, denn sie geht davon aus, dass jeder Körper eine Krankheit aus eigener Kraft überwinden kann. Der Körper braucht oft eben nur den entsprechenden Reiz von außen. So kann sie auch Krankheiten heilen, bei denen die Schulmedizin lediglich versucht, die Symptome zu lindern. Homöopathie beugt vor: sie kann einen Menschen „auffangen“, bevor er richtig krank wird

Bei welchen Erkrankungen kann Homöopathie helfen?

Homöopathie kann man bei allen Krankheiten einsetzen, die keiner chirurgischen oder intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Selbst schwere akute oder chronische Erkrankungen, wie zum Beispiel Asthma, Migräne, Colitis, Neurodermitis oder Rheuma sind mit Homöopathie heilbar. Wichtig ist: Der Organismus muss zu einer Reaktion auf die Arznei fähig sein. Wenn Organe, Knochen, Gewebe allerdings dauerhaft geschädigt sind, können homöopathische Mittel nicht heilen. Helfen können sie aber auch in solchen Fällen. Zum Beispiel um die Begleiterscheinungen dieser Schäden – oder der Therapie dagegen – zu lindern und den Patienten seelisch zu stützen und seine Konstitution zu stärken.

An ihre Grenzen kommt die Homöopathie wenn ein Patient keine individuellen Symptome hat oder diese nicht beschreiben kann. In so einem Fall kann die Ähnlichkeitsregel – Ähnliches mit Ähnlichem heilen – nicht greifen.“

 

Und so weiter…

Und jetzt, liebe Leser, raten Sie mal: Wo findet sich wohl diese ebenso falsche wie irreführende Propaganda pro Homöopathie? In einer Pressemitteilung der Carstens-Stiftung vielleicht? Oder doch eher in einer Broschüre eines Herstellers von homöopathischen Remedia? Oder gar in einer Buchveröffentlichung mit dem Tenor „Selbstbehandlung mit Homöopathie – der risikofreudige Patient“?

Alles falsch.

Es handelt sich um Auszüge aus einem Artikel über „Häufige Fragen zur Homöopathie“ einer gesetzlichen Krankenkasse. Jawohl. Einer gesetzlichen Krankenkasse, der es zwar (leider) erlaubt ist, Homöopathie als Satzungsleistung anzubieten, die aber für meine Begriffe völlig ins Klo greift und ihre Sorgfaltspflichten gegenüber ihren Mitgliedern grob verletzt, wenn sie eine derartige, durch nichts belegte und zudem auch noch großteils inhaltlich falsche „Patienteninformation“ betreibt. Kein kritisches Wort. Kein einziges. Statt dessen die offene unkritische Behauptung, die Homöopathie könne schwere, chronische Erkrankungen „heilen“.

Was zuviel ist, ist zuviel. Es dürfte hier das Verbot von Heilungsversprechen nach dem Heilmittelwerbegesetz zwar nicht direkt greifen, weil die Krankenkasse hier keine Werbung mit dem Ziel des Absatzes von Produkten betreibt. Aber ist das hier nicht noch viel schlimmer, als wenn ein Mittelhersteller sich erlaubt, mit einer Indikation für ein einzelnes homöopathisches Mittel zu werben?

Das Gesundheitsministerium des Landes Rheinland-Pfalz und das Bundesgesundheitsministerium haben von mir den nachfolgenden Text per Mail erhalten:

 

„Sehr geehrte Damen und Herren,

ich nehme Bezug auf die „Bewerbung“ der Homöopathie auf der Webseite der BKK Pfaff , die in meiner Ansicht nach unverantwortlicher Weise irregeleitete und sachlich falsche „Informationen“ für deren Versicherte enthält. Dies ist nun zwar nichts grundsätzlich Neues auf einer Krankenkassenseite, die Intensität und Absolutheit der unhaltbaren Aussagen bei der BKK Pfaff zur Homöopathie sind aber von bisher nicht gekannter „Qualität“. Insbesondere enthalten die dortigen Ausführungen auch unmittelbare Aussagen zur „Heilung“ von Krankheiten, was weder wissenschaftlich haltbar noch ethisch zu verantworten ist. Ich beschränke mich auf die meiner Ansicht nach wesentlichsten Beispiele:

„Homöopathie behandelt den ganzen Menschen und nicht nur ein bestimmtes Krankheitssymptom. Sie aktiviert die Selbstheilungskräfte im Körper, denn sie geht davon aus, dass jeder Körper eine Krankheit aus eigener Kraft überwinden kann. Der Körper braucht oft eben nur den entsprechenden Reiz von außen. So kann sie auch Krankheiten heilen, bei denen die Schulmedizin lediglich versucht, die Symptome zu lindern. Homöopathie beugt vor: sie kann einen Menschen „auffangen“, bevor er richtig krank wird.“

Allein dieser erste Absatz ist insofern ein Kunstwerk, als dass er gleich eine ganze Reihe von unzutreffenden Aussagen in sich vereinigt.

Homöopathie ist keineswegs eine „ganzheitliche“ Methode (was ist das überhaupt?), ganz im Gegenteil. Sie ist laut Hahnemann eine rein symptombezogene Arzneimittellehre, da man -wie im Organon nachzulesen ist- dort gar keine Krankheiten kennt, ja sogar das Vorhandensein gleichförmiger wiederkehrender Krankheiten leugnet. Alles, was nach der homöopathischen Lehre von einer Krankheit erkannt und gewusst werden kann, sind die individuellen Symptome. Insofern ist gleich der erste Satz der „Patienteninformation“ der BKK Pfaff grundlegend falsch. Dementsprechend ist es eine unglaubliche Anmaßung, ja eine Unverschämtheit, wenn eine Krankenkasse behauptet, die „Schulmedizin“ (von Hahnemann abwertend gemeint) lindere „nur“ Symptome. Dies alles stellt die Tatsachen auf den Kopf und ist bereits geeignet, Patienten zu verunsichern und zu deren Nachteil zu beeinflussten. Indoktrination nennt man das wohl. Unglaublich.

Dann kommt noch die völlig verstiegene Aussage dazu, dass Homöopathie einen Menschen „auffangen“ könne, bevor er krank wird. Das ist pure Esoterik und wiederum ein grober Verstoß gegen homöopathische Grundannahmen. Denn Homöopathie will die „verstimmte Lebenskraft“ des Patienten wieder „geradestimmen“, setzt also eine akute oder chronische Krankheit als vorhanden voraus. Eine irgendwie geartete Prophylaxe oder gar eine „Stärkung des Immunsystems“ (was ohnehin blanker Unsinn ist) ist dem Denkmodell der Homöopathie völlig fremd.

„Homöopathie kann man bei allen Krankheiten einsetzen, die keiner chirurgischen oder intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Selbst schwere akute oder chronische Erkrankungen, wie zum Beispiel Asthma, Migräne, Colitis, Neurodermitis oder Rheuma sind mit Homöopathie heilbar. Wichtig ist: Der Organismus muss zu einer Reaktion auf die Arznei fähig sein. Wenn Organe, Knochen, Gewebe allerdings dauerhaft geschädigt sind, können homöopathische Mittel nicht heilen. Helfen können sie aber auch in solchen Fällen. Zum Beispiel um die Begleiterscheinungen dieser Schäden – oder der Therapie dagegen – zu lindern und den Patienten seelisch zu stützen und seine Konstitution zu stärken.

An ihre Grenzen kommt die Homöopathie wenn ein Patient keine individuellen Symptome hat oder diese nicht beschreiben kann. In so einem Fall kann die Ähnlichkeitsregel – Ähnliches mit Ähnlichem heilen – nicht greifen.“

Das ist -mit Verlaub- verantwortungsloser Unsinn. Die Homöopathie ist durch die weltweite Wissenschaftsgemeinde als unwirksame Scheintherapie eingestuft und in vielen Ländern aus dem öffentlichen Gesundheitssystem verbannt (siehe z.B. hier). Dass die Homöopathie-Lobby in Deutschland außerordentlich stark ist, ändert an diesem objektiven Befund nicht das Geringste. Vor diesem Hintergrund seitens einer Krankenkasse die Heilung von Asthma, Colitis, Neurodermitis, Rheuma mit Homöopathie in Aussicht zu stellen, ist sicher nicht nur nach meiner Ansicht nicht hinnehmbar. Derartige Propaganda von Seiten einer Krankenkasse halte ich für einen veritablen Skandal, für eine direkte „Gefährdung der Volksgesundheit“.

Es folgt noch eine ganze Reihe von Schwurbelkram, die -leider- davon zeugt, dass hier nicht einfach nur die üblichen Werbebotschaften für eine junge, zahlungskräftige und eher wellnessorientierte Klientel verbreitet werden, sondern dass hier offenbar ein überzeugter Jünger der homöopathischen Methode sein Wissen… Entschuldigung, seinen Glauben verbreitet – und das offenbar auch noch mit beschränkten Kenntnissen über die Grundlagen der Homöopathie.  Aber darauf kommt es gar nicht mehr an.

Ich bin der Ansicht, dass hier ein nicht hinnehmbarer Verstoß gegen die von einer Krankenkasse zu erwartenden Sorgfaltspflichten vorliegt, insbesondere dadurch, dass konkret die Heilungsmöglichkeit von schweren chronischen Erkrankungen durch Homöopathie in Aussicht gestellt wird. Sollte dies so stehenbleiben, werden wir uns wohl über kurz oder lang von der Orientierung auf eine wissenschaftsbasierte Medizin verabschieden können, wenn man die auch andernorts überall aufsprießenden Irrationalitäten im Gesundheitsbereich mit berücksichtigt. Ich bitte Sie daher dringend, in Ihrer Rolle als Aufsichtsbehörde auf die BKK Pfaff mit dem Ziel einzuwirken, diese unsäglichen „Informationen“ aus deren Webseite zu entfernen.

Ich wäre Ihnen für eine kurze Mitteilung über das von Ihnen Veranlasste dankbar.“

 

Jetzt wollen wir doch mal sehen, mit welchen Fadenscheinigkeiten die offiziellen Aufsichtsbehörden über die GKV diesmal kommen werden, um ihr Nichtstun zu bemänteln… Wetten? Wenn überhaupt eine Antwort kommt. Was allerdings die x-te Bankrotterklärung des „pluralistisch organisierten Gesundheitswesens“ wäre.

 

 

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Die Verfolgung und Ermordung aufklärerischer Ideale, vorgeführt am Beispiel der Verbreitung pseudomedizinischen Bullshits

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Aus der Rezension eines Arztes zu einem Buch eines anderen Arztes über „Quantenheilung“.

Es lässt mir keine Ruhe. Ich muss doch noch einmal auf die 318.000 Treffer zum Begriff „Quantenheilung“ zurückkommen, die Google allein für den deutschsprachigen Raum auswirft. Was mich besonders fassungslos macht, ist der Umstand, dass dort reihenweise Menschen mit akademischer Ausbildung ihre Heildienste, ihre „Ausbildungen“ und ihre literarischen Ergüsse feilbieten. Und das ist nicht auf den engen Bereich der Quantenheilung beschränkt, sondern meist querbeet mit allerlei anderen Absonderlichkeiten verbunden.

Den letzten Anstoß zu diesen erneuten Gedanken gab mir ein aktueller Artikel bei DocCheck, eigentlich eher einige der Kommentare dazu. Man mag über den Beitrag, der einen Seufzer über esoterisch mehr als angehauchte Apothekenkundschaft darstellt, lächeln. Das dürfte auch dessen tieferer Sinn gewesen sein, zumal bei einer Veröffentlichung auf einem Fachportal. Wohl kaum dürfte die Absicht gewesen sein, eine Kontroverse pro und contra Esoterik auszulösen. Was aber dort einige der Fachbesucher, teilweise mit akademischen Titeln ausgestattete Kommentatoren, pro Eso absondern, das hat mich ein weiteres Mal daran zweifeln lassen, ob Opposition gegen den grassierenden Blödsinn überhaupt noch einen Sinn macht.

Ist es möglich und denkbar, dass unsere universitäre Ausbildung versagt bei der Vermittlung ihres Grundanliegens, der Verpflichtung auf objektive Wissenschaftsprinzipien, auf die Kausalität der realen Welt, der Vermittlung der Fähigkeit, zwischen diskussionswürdigen und von vornherein auszuschließenden Thesen zu unterscheiden? Bei der Vermittlung dessen, was Wissenschaftlichkeit im aufklärerischen Sinne überhaupt ist? Versinken Teile der Wissenschaftsgemeinde tatsächlich im Sumpf der Beliebigkeit? Haben unsere Universitäten überhaupt noch einen ausreichenden Bezug zum Humboldtschen Bildungsideal? (Fragen Sie, lieber Leser, bitte nicht, was ich vom Bologna-Studium halte.) Zu der vom reinen Wissen weit entfernten „Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen soll“ ?

Zweifel sind angebracht.

Unlängst habe ich hier im Zusammenhang mit der Ringvorlesung zu „therapeutischen Ansätzen“ der Homöopathie berichtet, die der DZVhÄ in der medizinischen Fakultät der LMU München durchführt. Das kritische Echo war erheblich, was allerdings keineswegs dazu geführt hat, dass diese Veranstaltungsreihe etwa abgesagt worden wäre. Ich möchte diese Sache noch einmal als ein besonders perfides Beispiel dafür anführen, auf welche Weise der Aspekt des „Wissens von etwas“ über das „Wissen über etwas“ gestellt wird. Hier wird ja keineswegs ein medizinhistorischer Abriss über die Homöopathie geboten, auch nicht eine Darlegung ihrer Methodenprinzipien, auch keine kritische Betrachtung. Nein, statt dessen geht man gleich in medias res und stellt praktische Anwendungen, Therapien, in den Vordergrund, ohne dass der potenziellen Hörerschaft vorher das Grundwissen, das für eine Einordnung dieser „Therapien“ von größter Bedeutung ist, vermittelt wird. Ich bezeichne das als Indoktrination – was hat das an einer medizinischen Hochschule zu suchen?

Wenn Sie, lieber Leser, nun glauben, das sei ein auf die LMU beschränktes Vorkommnis – da muss ich Sie leider enttäuschen.

Haben Sie schon gewusst, dass die Carstens-Stiftung Natur und Medizin unter Einsatz ihrer finanziellen und personellen Ressourcen ein umfangreiches Programm betreibt, mit dem sie studentische Studienkreise zur Homöopathie fördert und zudem ein eigenes Promotionsförderungsprogramm betreibt? Hier wird nicht, wie bei der LMU, die Reputation der Hochschule für Pseudomedizin in Anspruch genommen, nein, hier wird direkt auf der Ebene der Studierenden, der noch nicht ausreichend mit kritischem Hintergrundwissen Ausgestatteten, angesetzt. Nachwuchsförderung der besonderen Art. Auch hier ist wieder -und erst recht- der Begriff Indoktrination angebracht. Auch nur mal als Beispiel für die arme, unterdrückte und ohnehin am Bettelstab daherwandernde Homöopathie, die ja über gar keine Lobby verfügt…

Wie die einschlägige Webseite mitteilt, werden solche Arbeitskreise derzeit an 13 (dreizehn) medizinischen Fakultäten im Bundesgebiet gefördert, teilweise an hochrenommierten. Mir wäre nicht bekannt, dass an irgendeiner dieser Stellen einmal seitens der Fakultätsleitungen kritisch nachgehakt worden wäre. Aber ich weiß ja auch nicht alles. Jedenfalls bestehen diese Studienkreise und werden zweifellos mit Leben erfüllt.

Ist das weniger zu kritisieren als die Ringvorlesung bei der LMU? Nein, noch viel mehr. Weil sich hier die Homoöpathielobby nicht einmal öffentlich zeigt wie im Vorlesungsverzeichnis der LMU, sondern sich an die schwächste Stelle, die Studierenden der Hochschulen, heranwanzt und sozusagen parallel zum Studium bei diesen Proselytenmacherei betreibt. Was, davon hörte ich allerdings, in der Studentenschaft erfreulicherweise keineswegs auf ungeteilte Zustimmung stößt.

Wie kann so etwas sein? Eine Methode, die weltweit als Irrlehre gilt, auf eine katastrophale Studienlage blickt (nachdem man überhaupt die Freundlichkeit hatte, zu ihr Studien, Metaanalysen und Reviews durchzuführen), teilweise in ihren Grundannahmen Naturgesetzen widerspricht und nur noch von Lobbyisten und Proponenten betrieben wird, die ihre Diskurs- und Kritikunfähigkeit beharrlich unter Beweis stellen, kann sich derart präsentieren?  Wenn das Ausdruck von pluralistischem Wissenschaftsverständnis ist und womöglich auch noch mit der Freiheit von Forschung und Lehre gerechtfertigt werden soll, dann mal weiter abwärts auf der schiefen Ebene des intellektuell-wissenschaftlichen Verfalls. Dann wird das Gefasel von Quantenheilung demnächst auch noch mit einem Förderpreis für interdisziplinäre Wissenschaftsarbeit ausgezeichnet werden.

Was könnte man, außer beharrlicher Kritik und dem Schaffen von Öffentlichkeit, denn tun? Eine kleine Idee hätte ich noch.

Wir brauchen, nicht nur in der Medizin, sondern in allen Studienfächern und an allen Hochschulen, ein Studium generale. Eine geistesgeschichtliche und methodische Einführung, eine Anleitung zum kritisch-methodischen Denken und einen Gesamtüberblick über die wichtigsten Wissensgebiete. Erst dann die Spezialisierung.

Und: Solange Fakultäten Umtriebe pseudomedizinischer Interessenverbände an ihren Einrichtungen tolerieren oder gar begrüßen, trifft die Kritik natürlich genau deren Vorstände. Nicht die Studierenden.

Wenn ein modernes naturwissenschaftliches Studium nicht gegen absoluten Schwurbelkram immunisieren kann, dann ist schon viel verloren. Lasst uns das nicht akzeptieren.

Screenshot: Amazon-Rezension (anonymisiert)

Höherer Blödsinn

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Willkommen im neuen Jahr, liebe Blogleserinnen und -leser. Ich hoffe, dass alle die große Zahl von Feiertagen unbeschadet überstanden haben und die Bereitschaft, sich gelegentlich mit den Auswüchsen der Pseudomedizin kritisch zu beschäftigen, nicht gelitten hat.

Deshalb gleich zum Jahresbeginn ein Beitrag zu einem Thema, das mich immer wieder außerordentlich ärgert, wenn ich darauf stoße: Die Berufung der selbsternannten Heilsbringer der Menschheit auf Erkenntnisse der neueren Physik, insbesondere der Quantenphysik, von denen diese garantiert noch weniger verstanden haben als ich. Ich bin weiß Gott niemand, der von sich behaupten könnte, er habe die physikalisch-mathematischen Grundlagen der Quantenphysik verstanden, aber ich behaupte, dass ich immer noch in der Lage bin, unsinnige Argumentationen und Beweislagen von Evidenz zu unterscheiden. Eben Bullshit von frischer Luft.

Deshalb seien Sie, liebe Leser, erst einmal versichert: Diejenigen, die sich für pseudomedizinische Methoden bzw. deren Wirksamkeitserklärung auf Quantenphysik und dergleichen (hierzu gehört auch jegliches Geschwurbel von Feinstofflichkeit und Energie) berufen, sind auch genau diejenigen, denen man guten Gewissens bauernfängerische Absicht unterstellen darf. Denn: Hätten sie die Grundlagen der Quantenphysik verstanden, würden sie sie nicht als Evidenzbeleg anführen. Und haben sie sie nicht verstanden, ist es unredlich, sie ins Feld zu führen – dann operieren sie offensichtlich mit einer Scheinargumentation.

Dass es sich hier nicht um eine gelegentlich hier und da einmal auftretende Exotenargumentation handelt, zeigen die Google-Treffer: Unter „Quantenheilung“ sind es sage und schreibe 318.000. Darin rund 1.000 speziell mit dem Begriff „Quantenhomöopathie“ – interessanterweise vielfach unter direkter Berufung auf Samuel Hahnemann…

Dass sich die Homöopathie hier anfällig zeigt, ist sogar irgendwie verständlich, denn auch bei ihr geht es um Wirkungen im „Kleinsten“, in hoher und höchster Potenzierung, womit der gedankliche Kurzschluss, dies könne irgendwie mit der Physik des Allerkleinsten, dem atomaren und subatomaren Bereich, zusammengebracht werden, für ein heiteres und unbelastetes Gemüt naheliegen mag. Folglich wird von Begriffen wie „Informationsübertragung auf quantenmechanischer Ebene“, dem berühmten „Wassergedächtnis“,  und dergleichen frei fantasiert. Auch und vor allem in der sogenannten homöopathischen Grundlagenforschung. Es ist und bleibt aber Bullshit – niemand hat bisher eine irgendwie plausibel darlegen können, wie das eine mit dem anderen konkret zusammenhängen soll. Es ist gar so weit gekommen, dass der einschlägig wohlbekannte Prof. Harald Walach, ehemals Lehrstuhlinhaber in Hogwarts an der Oder, mehr oder weniger eine eigene Quantentheorie zurechtgezimmert hat, um sie für homöopathische „Beweisführungen“ nutzbar zu machen. Leider auch hier mal wieder mit wenig bis keinem zustimmenden Echo in der Fachwelt. Der physikalisch-wissenschaftlichen natürlich, nicht der homöopathisch-pseudomedizinischen.

Wobei wir schon bei der Erkenntnis angekommen sind, dass sich auf der ganzen großen weiten Welt bislang nicht ein einziger Teilchenphysiker vom Fach gefunden hat, der den wirren Fantasien über den Zusammenhang von neuesten physikalischen Erkenntnissen und pseudomedizischen Zwangs- … äh Wunschvorstellungen irgendeine Grundlage gegeben hätte. Es sei hier nur der weltweit angesehene Quantenphysiker Prof. Anton Zeilinger angeführt, der zu den Versuchen, ihn für die Propaganda der Quantenheiler-Fraktion in Anspruch zu nehmen, äußerte:

„Dass ein Bezug zwischen meiner Arbeit und der Homöopathie hergestellt wird, ist wissenschaftlich unbegründet. Ich bedaure es sehr, dass mein Name damit in Verbindung gebracht wird. Dafür dass ein Wirkstoff Informationen in einer Lösung hinterlässt, in der er selbst nicht mehr enthalten ist, gibt es keinerlei wissenschaftliche Beweise. Homöopathie ist in meinen Augen ein reiner Placeboeffekt.” (Süddeutsche Zeitung vom 7.3.2012).

Kurz gesagt: Wo nichts mehr von einem Stoff ist, ist auch nix mehr mit Quantenphysik. Nix drin, nix dran. Nicht mal mehr Quanteneffekte. Oder so.

Mein Tipp für Debatten: Keine physikalischen Details erörtern, davon verstehen wir nicht nur nicht genug, es verunsichert nur das Publikum. Es hilft die dialektische Methode, siehe oben. Hast Du es verstanden? Dann kannst Du unmöglich Quantenheilung propagieren. Hast Du es nicht verstanden? Dann operierst Du unredlich mit einem Scheinargument.

Quantenphysik in der Pseudomedizin ist ein argumentum ad verecundiam, ein Autoritäts- oder Ehrfurchts“beweis“. In diesem Fall nicht einmal mit Ehrfurcht vor einer personalen Autorität, sondern vor einem Wort, einem Begriff, wo gerade auf das Nichtverstehenkönnen als Autoritätshintergrund abgehoben wird. Wie billig.

Fachlich weitaus versierter als ich gemeiner Dialektiker hat das heutige Thema der geschätzte Dr. Holm Hümmler in einem aktuellen Artikel seines Blogs Relativer Quantenquark behandelt. Lesebefehl!

 

 

Bildnachweis: Fotolia_92844865_XS

 

Handreichung: Aufklärung über Homöopathie, kurz und knapp

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Kritisch denken Du sollst!

Auf gelegentlichen Wunsch hin nachstehend ein knapper Text, mit dem auf noch aufnahmefähige Homöopathie-Geneigte in Diskussionen geantwortet werden kann. Selbstverschuldet Wahrnehmungsblockierte sind damit natürlich nicht erreichbar. Aber die Zielgruppe der unkritisch-unwissenden Interessenten und Konsumenten, die berühmten 80 Prozent der Menschen, die Homöopathie zwar kennen, aber keine Ahnung von den Zusammenhängen haben, die könnte in diesem Rahmen vielleicht angesprochen werden.

Meine Meinung zur Homöopathie? Um Meinung geht es nicht, sondern ganz einfach um Fakten.

In 200 Jahren hat die Homöopathie keinen Nachweis einer Wirkung erbringen können, der über den bei jeder Art von Therapie auftretenden Placeboeffekt, die psychosomatische Wirkung, hinausgeht. Das ist schon zu Hahnemanns Lebzeiten nicht gelungen, ebensowenig zu Zeiten moderner Studien- und Analysemethoden. Die Methode war von Anfang an umstritten und niemals Mittel der ersten Wahl; verschiedentlich ist die Homöopathie sogar verboten gewesen.

Die großen Untersuchungen zur Hömöopathie (Versuchsreihen und zusammenfassende Auswertungen), aktuell das zusammenfassende Review der Australischen Gesundheitsbehörde von 2015 (die größte zusammenfassende Betrachtung von Studien zur Homöopathie, die je durchgeführt wurde)  sind klar zu dem Ergebnis gekommen, dass eine spezifische (d.h. der Methode eigene) Wirksamkeit nicht gegeben ist. An allen diesen Untersuchungen und Reviews haben führende Homöopathen ihrer Zeit selbst mitgewirkt.

Ein anderes Ergebnis kann auch gar nicht erwartet werden. Tragende Aspekte der homöopathischen Methode verstoßen gegen naturgesetzliche Gegebenheiten (z.B. Wirkungszunahme durch „Potenzierung“, Annahme einer „geistigen Lebenskraft“, die es zu beeinflussen gelte). Die Homöopathie als System kann nicht bruchlos in das sich täglich bewährende Gesamtsystem der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse eingegliedert werden. Große Teile des täglich -auch im Alltag- bewährten naturwissenschaftlichen Wissens in Physik, Chemie und Biologie würden unhaltbar sein, träfen die Annahmen der Homöopathie zu. Andere Aspekte der Methode entstammen dem Animismus, der Vorstellung einer „Allbeseeltheit“ einer vorwissenschaftlichen Zeit, die auf reine Spekulationen statt fundierter Erkenntnisse angewiesen war.

Einzelne Studien, die immer wieder ins Feld geführt werden, entpuppen sich bei näherer Betrachtung wieder und wieder als methodisch unbrauchbar oder als fehl- bzw. überinterpretiert. Gleiches gilt für die „homöopathische Grundlagenforschung„, deren Ergebnisse sich entweder als Scharlatanerie entpuppten („Wassergedächtnis“, „Nanopartikel“ in Hochpotenzen) oder aber aus fachfremden Gebieten unverstanden übernommen und uminterpretiert werden (z.B. Wirkung durch „Quanteneffekte“). Kein Wissenschaftler aus diesen Fachgebieten wird diesen Interpretationen eine Stütze geben.

Homöopathie ist keine Naturheilkunde. Sie verwendet als Ursubstanzen beliebig neben Pflanzen und nichtpflanzlichen organischen Stoffen eine Vielzahl von anorganischen Substanzen; chemische Elemente in Reinform wie auch chemische Zusammensetzungen und Dinge aus dem Alltagsleben („Berliner Mauer“). Sanft und nebenwirkungsfrei ist sie nur insofern, als dass sie auch frei von Wirkungen ist. Mittel, die in den Körperstoffwechsel eingreifen und dabei keinerlei nicht gewünschte Wirkungen erzeugen, gibt es nicht.

Homöopathie ist ein reines Glaubenssystem, erfunden und erdacht, nicht entdeckt. Da jede Schein- und auch jede wirksame Therapie zusammen mit dem Placeboeffekt wirkt, muss dieser von jeder spezifischen Wirkung einer Methode bzw. eines Mittels „abgezogen“ werden. Im Falle der Homöopathie (nicht nur dieser) bleibt dann – nichts. Viele Länder haben die Homöopathie deshalb konsequent aus ihren öffentlichen Gesundheitssystemen verbannt.

 

 

Bildnachweis: gemeinfrei

Die Selbstentlarvungen des Monats! Heute: Homöopathie

Alles nur ein Irrtum … ?!?

Liebe Leser, fast jeder kennt Meditonsin. Das am meisten verbreitete Scheinmedikament gegen Erkältung. Sogar für Säuglinge empfohlen, da eh ohne Wirkung und ohne Nebenwirkung. Zur Beruhigung quengelnder Erkältungskinder durchaus geeignet, da eine häufig wiederholte Gabe völlig problemlos möglich ist, wg. Unwirksamkeit. Nur nebenher – die Ursubstanzen von Meditonsin sind Quecksilbercyanat, blauer Eisenhut und Tollkirsche. Unverdünnt genommen, bräuchte sich niemand mehr Sorgen um seine Erkältung zu machen. „Die Selbstentlarvungen des Monats! Heute: Homöopathie“ weiterlesen

Homöopathie wirkt nicht? Die Wikipedia ist schuld!

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Plattform für Skeptiker und Verschwörer! Buuuuh!

Auf der Seite homoeopathie-online.info des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte wird derzeit wieder ein Artikel aus dem Jahre 2015 promoted, der den ganzen Jammer der Homöopathie-Fraktion über die hinterhältigen Vernichtungsstrategien der Rationalisten auf den Punkt bringt. Jens Behnke beklagt darin ebenso wort- wie tränenreich, welch schlechte, falsche und auch ungerechte Behandlung die Homöopathie im Online-Lexikon Wikipedia erfährt. Und zwar aufgrund hinterhältiger Verschwörungen der Skeptiker-Szene.

Da mich Ungerechtigkeiten stets auf den Plan rufen, habe ich aktuell noch einmal den Wikipedia-Artikel zur Homöopathie eingehend studiert. Wobei ich -allerdings, voreingenommen wie ich bin- keine Anzeichen für irgendwelche Parteilichkeit feststellen konnte. Zweifellos haben im Zeitraum von Februar 2015 -Datum von Herrn Behnkes Artikel- bis zuletzt am 30.10.2016 etliche Änderungen stattgefunden, aber laut Versionsvergleich kein „Umschreiben“ des Artikels, ich darf deshalb mit Recht davon ausgehen, dass ich in etwa den gleichen Beitrag gelesen habe, der so harsch vom DZVhÄ kritisiert wird.

Der Homöopathieartikel hat bei Wikipedia im Übrigen seit 2010 das Prädikat „lesenswert“, aber das nur am Rande. Für mich jedenfalls ist er ein Musterbeispiel eines sachlich-neutralen Beitrags. Er stellt über rund zwei Drittel seines Umfangs in mustergültiger Neutralität das Gedankengebäude der Homöopathie, basierend auf Hahnemanns Verlautbarungen und unter Einbeziehung wesentlicher „Lehrmeinungen“, dar. Aber dann… dann kommt es, woran sich der Eifer des DZVhÄ entzündet: Die Ziffern 7 (Kritik an der Homöopathie) und 8 (Risiken der Homöopathie). Na, die hätte man doch wohl weglassen können!

Eigentlich könnte ich hier Schluss machen, denn damit ist im Grunde das Verschwörungsgezeter der Homöopathiefraktion für jeden, der sich ganz einfach selbst überzeugt (siehe Links oben), bereits als Propaganda deutlich geworden. Um die Denkweise des Zentralvereins aber einmal näher kennenzulernen, gehen wir auf einige Aussagen im Artikel von homoeopathie-online doch noch ein.

Gleich oben im Teaser steht der Satz

Was geschieht, wenn wissenschaftliche Fakten auf Weltanschauungen treffen?

Ganz einfach: Dann kommen solche Artikel wie der von Herrn Behnke heraus. Es könnte allerdings im Bereich des Möglichen liegen, dass Herr Behnke etwa der Meinung ist, die Homöopathie stehe auf der Seite der wissenschaftlichen Fakten und die Kritiker auf der Seite der Weltanschauungen!?  Das allerdings wäre nun doch sehr, sehr hoch gegriffen und überfordert deutlich mein allgemeines Vertrauen in die Tatsachen des Lebens. Da muss schon mehr kommen (kommt aber nicht). Um mit Bertrand Russell zu sprechen: Sir, why did you not give me better evidence?

Der Beitrag beginnt mit einer höchst selektiven Zitatwahl.

Kein Wunder, soll doch der nachfolgenden Verschwörungstheorie der Boden bereitet werden. Einige einleitende Sätze zur den Kapiteln 7 und 8 aus der Wikipedia – zu Kritik und Risiken- werden demonstrativ angeführt und damit die Kapitel 1 bis 6, die sich ausführlich mit dem homöopathischen Lehrgebäude -in gebotener Neutralität und großer Ausführlichkeit- befassen, einfach unterschlagen. Das bezeichne ich mal als unredlich und manipulativ – genau das, was dem Wikipedia-Artikel -zu Unrecht, wie ich meine- vorgeworfen wird.

Das Hohelied der Konsensbildung

… folgt anschließend. Mal eben im Vorbeigehen wird erläutert, dass außerhalb „unstrittiger Themen“ die Wikipedia letztendlich ausgewogene Informationen bereitstellen soll; die Urteilsbildung werde dem Leser überlassen. Es wird beklagt, dass eben dies nicht geschehe. Breit wird entfaltet, wie die Homöopathie-Gegner genau diesen Artikel bei der Wikipedia unterlaufen haben und sogar die Administratoren ganz offensichtlich zu den Mitverschwören gegen die Zuckerkugelindustrie gehören. Unterfüttert mit der Behauptung, dass sogar der Artikel „eingefroren“ worden sei, d.h. für weitere Bearbeitung gesperrt. Was allerdings an der Versionsgeschichte auf der Wikipedia nicht erkennbar ist – wie dem auch sei, bleibt offen, wer und warum eine solche Sperrung ausgelöst haben mag.

Was nun die Forderung nach Konsens bei umstittenen Themen angeht – ist Wikipedia wirklich eine Plattform zur Aushandlung von Kompromissen? Widerspricht doch schon der zitierten Aussage, dass „die Urteilsbildung dem Leser überlassen bleibe“ (was selbstverständlich ebenfalls Unsinn ist). Und „ausgewogene “ Darstellung ist zweifellos eher eine Untugend, die im Journalismus weit verbreitet ist und mit der die Propaganda für Unsinn gern verbrämt wird. Ein wissenschaftlicher Anspruch, wie er von den Homöopathen so gern -auch hier- reklamiert wird, fordert die Darstellung der Lehrmeinung bzw. der Ausgangshypothese unter Anführung von abweichenden Standpunkten. Genau dem folgt der Wikipedia-Artikel – geradezu formvollendet.

Es folgt das große Mimimi:

„Wikipedia ist in Bezug auf die Homöopathie eine Plattform, auf der eine Gruppe von Menschen ihre persönliche Überzeugung unter dem Deckmantel der Wissenschaft vorträgt. Mutmaßlich handelt es sich hierbei um Mitglieder der sog. „Skeptikerbewegung“, einer Organisation, die in dogmatischer Art und Weise eine materialistische Weltanschauung verficht und sämtliche Phänomene zu leugnen versucht, die sie mit ihr im Konflikt sieht. Für die aus den USA stammende Ursprungsbewegung sind zudem Verbindungen zur Pharmaindustrie aufgezeigt worden.“

Umgekehrt wird ein Schuh draus. Kein weiterer Kommentar. Höchstens, dass alle Plattformen, auf denen die Homöopathie gepriesen wird, Musterbeispiele für das Vortragen persönlicher Überzeugungen unter dem Deckmantel der Wissenschaft sind. Siehe auf diesem Blog -auch zur Vermeidung von Wiederholungen- beispielsweise hierhier und auch hier. Und immerhin ist bemerkenswert, dass die Homöopathiehersteller -in den USA wie auch hier- Bestandteil der Pharmaindustrie sind, allen ihren Vereinigungen und Verbänden angehören und -wie kürzlich zu vernehmen war- diese Verbände und Vereinigungen sich deutlich GEGEN eine Einschränkung der Homöopathie als Kassenleistung aussprechen… Honi soit qui mal y pense.

Danach wird es richtig langweilig.

Das Studienthema wird wieder aufgewärmt, selbst der „homöopathische Arzt Dana Ullman“ beklage deren miese Beachtung in der Wikipedia. War das nicht derjenige, der vor kurzem ernsthaft versuchte, eine „Studie“ zu promoten, die in Höchstpotenzen „Nanopartikel“ nachgewiesen haben wollte… ? All diese Studien sind -wie auf diesem Blog schon mehrfach erläutert wurde- wertlos für einen evidenten Wirkungsnachweis der Homöopathie. Und wenn sie, wie Herr Behnke erwähnt, in „Fachkreisen“ hoch gehandelt werden, so handelt es sich bei diesen „Fachkreisen“ um weniger als ein Prozent der weltweiten Wissenschaftsgemeinde.

Ganz sachlich: Die geäußerte Ansicht, auch der darstellende Teil des Wikipedia-Artikels sei manipulativ, falsch dargestellt und weitgehend belegfrei, teile ich nicht. Der Artikel verweist auf sage und schreibe 265 Einzelnachweise, dazu auf Literatur und Quellen erheblichen Umfanges, darin die homöopathischen Lobbyverbände. Man könnte es auch viel kürzer machen, was vielleicht bei unerfahrenen Lesern viel eher zu einer kritischen Haltung gegenüber der Homöopathie führen würde als die vorliegende umfangreiche Darstellung. Aber nein, man ist einfach mit nichts wirklich zufrieden…

Kurz gesagt, halte ich den Artikel auf homoeopathie-online geradezu für eine Verleumdung der Wikipedia, bei der natürlich nicht alles Gold ist, was glänzt. Aber das hier…

Versöhnlicher Ausklang?!?

Nun, zum Schluss kann man lesen:
„Glücklicherweise scheint die Meinungsmache im Internet keinen bedeutenden Einfluss auf die Patienten zu haben: Die Homöopathie steigt nach wie vor in der Beliebtheit der Bevölkerung. [15] Kein Wunder, denn ihre Heilerfolge lassen sich nicht wegdiskutieren!“

Ja, wie schön! Und was soll das Ganze dann? Es ist der Ruf nach wissenschaftlicher Reputation, danach, den hier schon oft zitierten „scheinwissenschaftlichen Anstrich“ doch noch in eine anständig haftende Deckschicht zu verwandeln. Der menschliche, allzumenschliche Ruf nicht nur nach Erfolg, sondern auch nach Anerkennung. Wird aber nichts draus.

Wenn wir schon bei versöhnlichen Schlussworten sind, auch eines von mir, das Motto dieses Blogs:

„Es ist immer dasselbe: Wenn Paramediziner von ‚Wissenschaft‘ reden, meinen sie in Wahrheit ihren eigenen Aberglauben.“

Prof. Dr. med.  Dr. med.h.c.mult. Otto Prokop

 

 

Ach ja, einen Änderungsvorschlag hätte ich auch noch für die Wikipedia: Bitte ersetzt doch durchgängig den Begriff „Alternativmedizin“ durch „Pseudomedizin“.

 

Och nee… Schon wieder Heilpraktiker(reformen)…

jonglieren
Fröhliches Paragrafenjonglieren

Neues von der Heilpraktikerreformfront. Wie das Ärzteblatt berichtet, ist man in Berlin offenbar dabei, einen gewaltigen Anlauf zu einer grundlegenden Reform des Heilpraktikerwesens zu nehmen (zum Thema in diesem Blog siehe hier, hier und auch noch hier.

Worauf dürfen sich nun Skeptiker und Kritiker freuen, die in den letzten Wochen vielfach fundierte Kritik am Heilpraktikerwesen, diesem Wurmfortsatz am öffentlichen Gesundheitswesen, geäußert haben? Nun, ich zitiere das Ärzteblatt

„Die Gesundheitsämter können die Erlaubnis versagen, „wenn sich aus einer Überprü­fung der Kenntnisse und Fähigkeiten des Antragstellers ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für die Volksgesundheit bedeuten wür­de“, heißt es in den Leitlinien. Gemäß Änderungsanträgen von Union und SPD soll künf­tig eine Erlaubnis auch dann versagt werden können, wenn die Überprüfung ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für jeden einzelnen Pa­tienten bedeuten würde.“

Aha. Soso. Darum geht’s. Ich erlaube mir mal, das als belangloses Wortgeklingel abzutun. Doch halt: Der juristische Instinkt in mir spürt: Hier stimmt doch was nicht…

Rein sprachlogisch: Wie soll denn festgestellt werden, dass jemand für jeden einzelnen Patienten, den er in Zukunft haben wird, eine Gefahr darstellt? Das ist doch kompletter Unsinn. Ungefähr der umgekehrte Fall des alten Problems, wie man feststellt, warum eine bestimmte Einrichtung einen gewaltigen Besucherschwund aufweist: Gar nicht, denn die Leute, die weg sind, kann man ja nicht mehr fragen. Und: Es liegt ja auf der Hand, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Wohlfühl-Patienten erscheinen werden, die entweder gar keine oder eine selbstlimitierende, harmlose Erkrankung haben und denen ein paar Globuli oder eine Pendelsitzung, meinetwegen auch eine anthroposophische Kräutermischung, sicher nicht gefährlich werden. Damit könnte dieser Ausschlussgrund niemals wirklich zum Tragen kommen.

Damit ist die geplante „Neuregelung“ schon mal eine unnötige und unwirksame Leerformel. Vermutlich schielt der Bund mit einem Auge darauf, dass die Länder per Durchführungsbestimmung dieses schöne Produkt intensiven gesetzgeberischen Nachdenkens schon noch irgendwie mit Inhalt füllen werden. Nur: Siehe den vorhergehenden Absatz. Der Unterschied zwischen Leerlauf und Stillstand besteht lediglich im Energieverbrauch, für die Fortbewegung ist er unwesentlich.

Wie soll vor einem solchen Hintergrund eine rechtssichere, einem verwaltungsgerichtlichen Verfahren standhaltende „Prüfung“ stattfinden? Eine derart unsinnig-verquaste Regelung wird eher dazu führen, dass die Prüfenden, da ihnen die Kriterien entgleiten, mit Aussicht auf unfruchtbare Widerspruchs- und Rechtsmittelverfahren eher mal Fünfe gerade sein lassen als bisher. Und das wäre schlimm, sehr schlimm.

Fazit: Ich gehe mal -in dubio pro legislator- davon aus, dass das nicht alles sein kann, was den Fraktionen zur „Reform“ des Heilpraktikerwesens einfällt. Das hier ist allerdings schon mal eine klassische Nullnummer.

Ich stelle fest: Keinen Schritt vor, einen halben zur Seite.

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Den Begleitchor zu den aktuellen „Reformbestrebungen“ gibt unter anderem der Verband klassischer Homöopathen Deutschlands e.V. (VKHD), der übrigens unter dem Motto „ganz Homöopathie – ganz Heilpraktiker“ steht und damit einmal mehr beweist, dass Homöopathie und Heilpraktiker symbiotisch zusammen gehören. Klar, ist doch die Homöopathie schon deshalb im Schatzkästlein der Heilpraktiker und als Aushängeschild unverzichtbar, weil sie -zu Unrecht- vergleichsweise am Wenigsten im Ruf einer halbseidenen esoterischen Methode steht.

Die aktuelle Pressemitteilung des VKHD ist betitelt mit „Viele Gesetze regeln den Heilpraktikerberuf  – Heilpraktiker bereichern das Gesundheitswesen und unterliegen strengen gesetzlichen Regelungen“. Klar, man möchte der letztlich doch beunruhigenden Erkenntnis entgegenwirken, dass der Heilpraktikerstand mehr oder weniger ungeregelt vor sich hinwerkelt. Was finden wir hier außer den üblichen Beteuerungen zur Wichtigkeit, ja Unverzichtbarkeit und Seriosität des Heilpraktikerstandes?

„Das Behandlungsspektrum von Heilpraktikern wird zum Beispiel durch den sogenannten Arztvorbehalt eingeschränkt, wie es u.a. im Infektionsschutz-,  Arzneimittel-,  Zahnheilkunde- und Betäubungsmittelgesetz geregelt ist. So darf ein Heilpraktiker beispielsweise weder Zahnheilkunde ausüben noch bestimmte übertragbare Erkrankungen behandeln oder rezeptpflichtige Arzneien verordnen.

Heilpraktiker müssen sich auch an die Vorgaben des Patientenrechtegesetzes, des Medizinprodukterechts und Arzneimittel- sowie des Infektionsschutz- und Heilmittelwerbegesetzes halten. Der öffentliche Auftritt eines Heilpraktikers wird darüber hinaus noch durch das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) geregelt. Zudem gelten auch für sie dieselben Haftungs-, Sorgfalts-, Aufklärungs-, Dokumentations- und Fortbildungspflichten wie für Ärzte. Neben der Schweigepflicht müssen Heilpraktiker auch die berufsgenossenschaftlichen Vorschriften, die gängigen Anforderungen an Hygiene (RKI-Hygienerichtlinie) und an Biologische Arbeitsstoffe (TRBA 250) einhalten.“

Ah ja. Wie mir scheint, eher eine quantitative Aufzählung. Dazu sei die Bemerkung erlaubt, dass sich Otto Normalstaatsbürger noch einer weitaus größeren Menge an zu beachtenden Regelungen gegenübersieht, vom Strafgesetzbuch bis zur örtlichen Lärmschutzregelung. Auch der Bäckermeister, der Kfz-Mechaniker, der Maurerpolier sehen sich einer vergleichbaren Regelungsfülle gegenüber. Aber: All das sind Rahmen- und Ordnungsregeln. Nicht mehr. Wo aber finde ich hier das Gebot, dass die Heilpraktiker ausschließlich im Rahmen wissenschaftlicher Standards „behandeln“ dürfen? Wo finde ich eine Positiv- oder Negativliste zugelassener bzw. ausgeschlossener Mittel und Methoden? Wo finde ich etwas zum „Heilen“ oder zur „Praxis“? Zudem wage ich zu bezweifeln, ob all diese aufgezählten Einzelaspekte tatsächlich praktische Bedeutung für den Heilpraktiker entfalten. Gerade der Aspekt der Haftungs-, Sorgfalts-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten würde für sich einer eingehenden Betrachtung bedürfen. Und Fortbildungspflicht? Es gibt ja nicht einmal eine Ausbildungspflicht, geschweige denn Ausbildungsinhalte, an die eine Fortbildung anknüpfen könnte! Die Beliebigkeitsfortbildung, wie sie die Heilpraktikerschulen anbieten, soll doch wohl nicht mit der Pflichtfortbildung der Ärzteschaft gleichgesetzt werden…

Potemkinsche Dörfer. Kulisse, die das Eigentliche verdeckt, nämlich die unter dem Begriff der „Therapiefreiheit“ weitestgehende Beliebigkeit bei der Ausübung der „Heilkunde“ durch nicht wissenschaftlich ausgebildete Menschen.

 

Bildnachweis:  dreamstime_xs_35303352

Ein lauter Aufschrei: Gegen postfaktische Gesundheitspolitik!

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Immer eintreten in die schöne postfaktische Welt!

Dem Bemühen um sachliche Aufklärung, um Patientenschutz und um die sinnvolle Nutzung der Ressourcen des Gesundheitssystems, wie es das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) pflegt, ist ein ordentlicher Tritt versetzt worden. Nein, nicht von der üblichen Homöopathielobby. Sondern genau von der Stelle, deren Aufgabe das Bemühen um sachliche Aufklärung, um Patientenschutz und um die sinnvolle Nutzung der Ressourcen des Gesundheitssystems ist: Dem Bundesgesundheitsministerium.

Man wird sich erinnern: Das Informationsnetzwerk Homöopathie hatte sich bereits zwei Mal an den Bundesgesundheitsminister „in Sachen Homöopathie“ gewandt. Die Kernforderung darin war keineswegs die Abschaffung der Homöopathie. Minister Gröhe wurde lediglich aufgefordert, endlich an die Homöopathie die gleichen Maßstäbe anzulegen, wie sie für die evidenzbasierte Medizin gelten. Aus Anlass des Readers, den die Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie (WissHom), einem Teil der Lobbyistenverflechtung der Homöopathen, mit dem Anspruch wissenschaftlicher Beweisführung im Sommer vorgelegt hatte (und der außerhalb der Homöopathieszene zerrissen worden war), wäre es naheliegend gewesen, die Homöopathen endlich beim Wort zu nehmen. Der Vorschlag des INH ging deshalb dahin, dass Minister Gröhe eine unabhängige Einrichtung mit der objektiven Bewertung des WissHom-Papiers betrauen möge. Eine ebenso berechtigte wie bescheidene Forderung.

Nach nunmehr neun Wochen liegt die Antwort -nein, nicht des Ministers, eines seiner Referatsleiter, vor. Bevor ich damit ins Gericht gehe,  hier der dazu heute vom INH veröffentlichte Text eines erneuten offenen Briefes dazu:

Neun Wochen benötigte der Bundesgesundheitsminister, um durch einen Referatsleiter einen Brief des Informationsnetzwerks Homöopathie (INH) beantworten zu lassen. Das INH hatte am 19. Juli 2016 den Minister aufgefordert, ein Gutachten zur Aussagekraft des Forschungsreaders der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie (WissHom) bei einem neutralen wissenschaftlichen Institut in Auftrag zu geben. Zu dieser Forderung nimmt Gröhe keine Stellung. Stattdessen werden drei Argumente ins Feld geführt:

 – Homöopathie sei als besondere Therapierichtung im Sozialgesetzbuch ‚nicht ausgeschlossen‘. Das ist keine neue Information.

 – Die Bewertung von Behandlungsmethoden ‚in einem durch Freiberuflichkeit, Selbstverwaltung und Pluralität geprägten Gesundheitswesen‘ liege nicht in der Zuständigkeit des Ministeriums, sondern bei den dieses Gesundheitswesen repräsentierenden Institutionen und Einrichtungen.
Es mag ja sein, dass die Aufgabe selbst von einer der dem BMG nachgeordneten Behörden wahrgenommen wird, es darf aber bezweifelt werden, dass diese ohne Anstoß des Ministeriums von sich aus tätig werden.

 – Behandlungsmethoden dürften ‚nicht zu einer Patientengefährdung führen‘ und soweit ‚Schutzlücken der Patientensicherheit‘ bestünden, werde das Ministerium die Ursachen analysieren und bestehende Schutzlücken beseitigen.
Das hofft das INH doch sehr. Offenbar sieht Gröhe kein Risiko für die Gesundheit der Patienten darin, dass behauptet wird, unwirksame Methoden seien als wirksame Therapien wissenschaftlich belegt.

Das hat im BMG jedenfalls nicht zu der Überlegung geführt, endlich alte Zöpfe abzuschneiden und die doppelte Buchführung in der Bewertung von Behandlungsmethoden abzuschaffen. Stattdessen wird der Schutzzaun um die besonderen Therapierichtungen unbeirrt verteidigt. Jedes neue Medikament muss heute bewiesen haben, dass es besser als Placebo oder der schon vorhandene Behandlungsstandard wirkt. Nur Homöopathika, in den meisten Fällen reine Zuckerpillen, müssen das nicht.

Es gehört zu den ureigensten Aufgaben des BMG, die Rahmenvorschriften für die klinische Prüfung und die Zulassung der Arzneimittel zu gestalten, in deren Rahmen sich die nachgeordneten Behörden bewegen müssen. Sollen wir darauf warten, dass sich z.B. das BfArm über das Arzneimittelgesetz hinwegsetzt?

Wir fordern das Ministerium auf, den gegenwärtigen Unsinn zu beenden.

Die wissenschaftliche Überprüfung der Behauptungen von WissHom, einer reinen Lobbyinstitution der Homöopathen, hätte dem BMG die Chance geboten, den Anschluss an die Neuzeit zu gewinnen. Wir haben es ja auch geschafft, die Astrologie trotz ihrer großen Beliebtheit in der Bevölkerung dorthin zu verbannen, wohin sie gehört: in die Welt der Freizeitbeschäftigungen, die jedem Menschen in einer demokratischen Gesellschaft offen stehen. Kranken Menschen aber darf nicht mit behördlicher Genehmigung vorgegaukelt werden, Homöopathika seien ganz normale Medikamente.

„Mündige Versicherte und aufgeklärte Patienten gehören ebenso zu einem Gesundheitssystem wie Gesetze und Verordnungen.“ steht auf den Internetseiten des BMG zu lesen. Kann der Bundesgesundheitsminister da der gezielten Irreführung der Patienten durch eine Lobbyorganisation tatenlos zusehen?

Im Namen des INH:

Dr. Norbert Aust
Dr. Natalie Grams
Prof. Dr. Norbert Schmacke“

Mit Volldampf von der pluralistischen in die postfaktische Gesellschaft

So.

Um erstmal ein wenig Dampf abzulassen: Der für das öffentliche Gesundheitswesen, eine Angelegenheit von größter allgemeiner Bedeutung, zuständige Minister verweigert sich der wohlbegründeten Aufforderung, eine seit 200 Jahren unbewiesene Methode einer unabhängigen Prüfung durch anerkannte medizinische und pharmakologische Instututionen bewerten zu lassen, deren Auswahl ihm sogar freigestanden hätte.

Lieber argumentiert er, analog zu seinen letzten Äußerungen in Sachen Heilpraktikerwesen (hierzu mein Beitrag „Nachtrag zu: Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass“ vom 5.10.16), mit der „Pluralität des Gesundheitswesens“, mit dem „mündigen Patienten“ (der diese Therapieform ja so schätzt – hierzu mein Beitrag „Warum Rationalität? Eine kleine Polemik“ vom 9.10.16), das alles vermischt mit scheinbaren Zuständigkeitsfragen, die ja wohl einen völligen Abschied von Verantwortlichkeit und Gestaltungskraft seitens des Ministeriums bedeuten.

Das ist der Abschied ins gesundheitspolitische Nirwana. In das faktenfreie Wohlfühlsystem, das zunehmend die Irrationalität zum Prinzip erhebt. Zugunsten eines indifferenten Pseudopluralismus, der allseits Blümchen regnen lässt. Sei es auf den schlichten Glauben des Konsumenten, der ja annimmt, es sei ja alles gesetzlich abgesegnet und damit in Ordnung, sei es auf eine Lobby, die sich inzwischen darauf verlassen kann, dass ihre Marketingabteilung in der Lage ist, jeglichen rationalen Ansatz in einer Wolke von Wohlfühlbotschaften zu ersticken.

Nach dem Motto: Wenn die alle wollen, dann sollen sie doch. Passiert doch nichts. Das ist der Antwort des Ministerums deutlich zu entnehmen. Welche Auswirkungen das beispielsweise auf unsere sogenannte Wissensgesellschaft hat, auf die Notwendigkeit rationalen Handelns in einer hochtechnisierten Gesellschaft, letztlich auf die Notwendigkeit, demokratische Sachentscheidungen allein auf der Basis von Fakten zu treffen, das scheint niemanden zu interessieren. Na klar, merkt ja auch keiner außer diesen lästigen Skeptikern…

So eine Haltung bei politischen Entscheidungsträgern ist inakzeptabel und unentschuldbar. Herr Gröhe ist über die Problematik der Pseudomedizin aus früherer Tätigkeit seit langem informiert. Man muss ihm also unterstellen, dass er in gewissem Maße wider besseres Wissen die Problematik der Pseudomedizin -hier speziell der homöopathischen Methode- verschleppt und nicht einmal bereit ist, eine fundierte fachliche Expertise zu beauftragen.

Und jetzt mal Butter bei die Fische.

Muss ich noch etwas zu den einzelnen Aussagen der Ministeriumsantwort sagen? Na gut…

Zu 1.: Dass die Homöopathie als „besondere Therapieeinrichtung“ im Sozialgesetzbuch aufgenommen ist, ist nicht nur dem INH geläufig. Geradezu niedlich ist aber die Formulierung, sie sei als solche „nicht ausgeschlossen“. Hier regnet es die eben erwähnten Blümchen in hoher Dichte. Fakt ist: Sie ist massiv privilegiert gegenüber den evidenzbasierten Mitteln und Methoden, weil sie nicht einmal einen Wirkungsnachweis erbringen muss.

Zu 2.: Bewertung von Behandlungsmethoden „in einem durch Freiberuflichkeit, Selbstverwaltung und Pluralität geprägten Gesundheitswesen“ – hier kommt der postfaktische Wohlfühlpluralismus so richtig durch. Blümchensturm von allen Seiten, sozusagen. Und da fühlt sich das Ministerium nicht zuständig? Von wo bitte stammt denn die Gesetzesvorlage, die seinerzeit die Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen hoffähig gemacht hat? Was anderes war das denn als eine Bewertung von Behandlungsmethoden durch den Gesetzgeber selbst, verantwortet durch das Bundesgesundheitsministerium? Solange diese „Bewertung“, die Aufnahme in das Sozialgesetzbuch als „besondere Therapieeinrichtung“ auf Ministeriumsebene nicht angegangen wird, ist doch wohl klar, dass sich die Proponenten dieser Methode auf der ihnen zur Verfügung gestellten Blumen…. äh, Spielweise auch so richtig austoben.

Zu 3.: Offenbar ist immer noch nicht klar geworden, welche  potenzielle Patientengefährdung die Anwendung unwirksamer pseudowissenschaftlicher Methoden an gutgläubigen Menschen anrichten kann. Die Hauptgefahr liegt selbstverständlich in der verspäteten Einleitung oder gar Unterlassung einer wirksamen evidenzbasierten Behandlung von Erkrankungen! Das allein sollte den Verantwortlichen längst zu denken gegeben haben.
Um wieder einmal den Altmeister der deutschen Gerichtsmedizin, Prof. Otto Prokop, in den Zeugenstand zu rufen: Er schätzte die Zahl der Fälle, bei denen ein Schaden unterhalb der Todesschwelle durch Pseudomedizin jährlich entsteht, auf etwa 800.000 – bereits in den 1950er Jahren.

Es wird überdeutlich, dass eine Auseinandersetzung mit dem Anliegen des Informationsnetzwerks Homöopathie überhaupt nicht stattgefunden hat – ja, dass die Aussagen des Antwortschreibens des BGM eine geradezu erbärmliche Armut an Problembewusstsein zeigen.

Für heute reicht es erstmal. Aber es geht weiter, demnächst in diesem Blog.

Und bevor ich mit einem Schreibkrampf schließe, nochmal Prokop:
Der Staat, der Personen zu solchen (pseudomedizinischen) Praktiken […]  zulässt, nimmt es mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst.

Dem kann ich nach den aktuellen Einblicken in die derzeitige Gesundheitspolitik nur anschließen.

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Es kommt eine Zeit nach dem Blümchensturm. Bestimmt.

Bildnachweise:

1: René Magritte,  „Les Mémoires d’un saint“, 1960
The Menil Collection, Houston / Texas

2.: dreamstime_xs_66958835