Wichtige Erinnerung! Dann: Ende der Debatte!

Zentralgebäude der Russischen Akademie – das „Goldene Hirn“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mir liegt etwas sehr am Herzen, an das ich heute dringend erinnern möchte. Etwas, dessen enorme Bedeutung für die Homöopathiediskussion mir viel zu sehr untergegangen scheint, obwohl durchaus einschlägig darüber berichtet wurde.  Ich spreche von dem Verdikt, das Anfang des Jahres von der Russischen Akademie der Wissenschaften über die Homöopathie gefällt worden ist.

Der Kernsatz hier noch einmal zum Hinter-die-Ohren-Schreiben:

„Dieses Memorandum stellt fest, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft Homöopathie heute als Pseudowissenschaft betrachtet. Ihre Verwendung in der Medizin steht im Gegensatz zu den grundlegenden Zielen der nationalen Gesundheitspolitik, daher sollte ihr öffentlicher Widerstand entgegengesetzt werden.“ „Wichtige Erinnerung! Dann: Ende der Debatte!“ weiterlesen

Och nee… Doch!

Bei Amazon kann man jetzt den nicht völlig unbekannten Film VAXXED auf DVD vorbestellen, sofern man 13,99 Euro dafür ausgeben möchte. Dies bietet immerhin den Vorteil, dort Rezensionen hinterlassen zu können. Derzeit steht es 21 zu 20 gegen die Impfgegner. Knapp, man ist mal wieder sehr aktiv und nutzt jede Gelegenheit für Agitation und Propaganda.

Können wir auch. Man kann dort die Kommentare auch hoch- und auch runterliken oder auch mal einen Kommentar zum Kommentar hinterlassen. Wollte ich nur mal erwähnt haben.

Mein Kommentar jedenfalls ist der Folgende dort:

„Die Großmutter aller Lügenfilme

Skandal! Verschwörung gegen Homöopathie! … Oder doch nicht?

Aus gegebenem Anlass stelle ich diesem Beitrag mal ein Zitat des guten alten Francis Bacon voran, einem der Vorreiter moderner Wissenschaft, der manches, was heute zum Standard des Wissenschaftsbegriffs gehört, vorwegnahm. Das Zitat stammt aus seinem 1621 erschienenen Hauptwerk „Novum Organum“ (nach der Oxford-Ausgabe 1889):

„Wenn eine Überzeugung einmal feststeht, unternimmt der menschliche Verstand alles, immer zusätzliche Unterstützung und Bestätigung für sie zu gewinnen: Und obwohl zahlreiche zwingende Fakten dagegen sprechen können, beachtet er sie entweder nicht oder wertet sie ab oder stößt sie durch vorurteilsbehaftete unsachgemäße Umdeutung ab und weist sie zurück, viel eher, als dass er die Autorität seiner eigenen ersten Schlussfolgerungen opferte.“

Was ist der Anlass für dieses bemerkenswerte Zitat? Nun, für Bacons Erkenntnis gibt es ein höchst aktuelles Beispiel, das den homöopathisch orientierten Blätter- und Webseitenwald derzeit erheblich rauschen lässt. Der Zentralverein homöopathischer Ärzte berichtet:

Australische Homöopathie-Studie: „Eine Täuschung der Öffentlichkeit“

Berlin, 12. April 2017. Der Direktor des Londoner Homeopathy Research Institut (HRI), Dr. Alexander Tournier, erhebt schwere Vorwürfe gegen den staatlichen Forschungsrat Australiens und wirft ihm ‚Täuschung der Öffentlichkeit‘ vor. Der Nationale Rat für Gesundheit und medizinische Forschung (National Health and Medical Research Council, NHMRC) hatte vor zwei Jahren eine Übersichtsstudie (Review) zur Homöopathie mit dem Ergebnis veröffentlicht, Homöopathie wirke nicht besser als Placebo. Diese Aussage ging auch in Deutschland durch viele Medien und wurde als ein Beleg für die angebliche Unwirksamkeit der Homöopathie angeführt. ‚Die Ungenauigkeiten im Bericht des NHMRC sind so extrem‘, erklärt Tournier, ‚dass wir uns dazu entschlossen haben, eine gründliche Untersuchung durchzuführen, die die Hintergründe aufdeckt‘.  Das HRI hat eine Beschwerde bei einer offiziellen Commonwealth-Stelle eingelegt und aktuell erste Ergebnisse seiner Recherche veröffentlicht. ‚Es ist ungeheuerlich, dass mit derart verzerrten Daten weltweit politische Meinungsbildung betrieben wird“, sagt Cornelia Bajic, 1. Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ)‘. “ …

Donnerwetter. Jetzt sind wir schon bei politischer Meinungsbildung.  Immerhin ist das Review der Australischen Gesundheitsbehörde die Referenz schlechthin, was die Beurteilung der Wirksamkeit von Homöopathie auf der Grundlage von Studienergebnissen angeht. Erst vor kurzem hat sich auch die Russische Akademie der Wissenschaften nach eingehender Prüfung das Ergebnis der Australier zu eigen gemacht. Zudem darf man auch deswegen ein wenig überrascht sein, weil gerade die Arbeit der Australischen Gesundheitsbehörde auf Studien beruhte, die die Britische Homöopathische Gesellschaft selbst als Referenzen anführt, unter Einbeziehung etlicher homöopathischer Autoritäten durchgeführt wurde und vor der endgültigen Veröffentlichung der gesamten homöopathischen Gemeinschaft Australiens für Kritik und Anmerkungen zur Verfügung stand. Was denn jetzt? Wer hat denn hier nicht aufgepasst?

Gemach. Überflüssig wohl, vorauszuschicken, dass selbst ein hundertprozentiger Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen immer noch nicht zu einer Evidenz für die homöopathische Methode führen würde – sie widerspricht nun doch leider allzusehr naturwissenschaftlichen Grundlagen. Aber Geduld gehört zu den Tugenden im Diskurs. Deshalb wollen wir einen näheren Blick auf diese Anschuldigungen ruhig riskieren.

Prof. Edzard Ernst hat in seinem Blog zu den Vorwürfen bereits Stellung genommen, ich erlaube mir hier einmal, eine Übersetzung seiner Ausführungen anzuschließen. Anmerkungen zum Verständnis, die von mir stammen, stehen kursiv in Klammern:

Ombudsmann untersucht „fehlerhafte“ homöopathische Studie

Veröffentlicht am Samstag, 15. April 2017 / von Edzard Ernst

„What Doctors don’t Tell You“ (WDDTY, wo die Vorwürfe gegen die NHMRC zuerst publiziert wurden) hat schon öfter mit der Wahrheit auf Kriegsfuß gestanden (es folgen Verweise). Jetzt haben sie einen Artikel mit dem Titel „Ombudsman untersucht ‚fehlerhafte‘ homöopathische Studie, die behauptet, dass die Methode unwirksam ist“ veröffentlicht. Er greift in unzweideutiger Weise die „NHMRC-Erklärung über Homöopathie / NHMRC Informationspapier – Evidenz für die Wirksamkeit der Homöopathie zur Behandlung von Gesundheitsstörungen“ aus dem Jahr 2015 an – von der ich glaube, dass sie eine solide Bewertung der Homöopathie darstellt und die ich deshalb wiederholt auf meinem Blog herangezogen habe. Hier folgt, was WDDTY postuliert:

ZITAT ANFANG

Eine großes und einflussreiches Review zur Homöopathie kam zu dem Schluss, dass die umstrittene Therapie keine Wirksamkeit aufweist  – aber das Review war derart mit Irrtümern und schlechter Wissenschaft durchsetzt, dass eine offizielle Ombudsmann-Untersuchung veranlasst wurde. [Gemeint ist der Ombudsmann für Beschwerden jeglicher Art bezüglich öffentlicher Angelegenheiten innerhalb des Commonwealth of Nations. Eine interessante Art und Weise, einen wissenschaftlichen Diskurs zu führen, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.]

Weltweit berichteten die Medien, die Homöopathie sei Betrug, nachdem das National Health and Medical Research Council (NHMRC) im Jahr 2015 veröffentlicht hatte, dass „es keine medizinischen Indikationen gibt, bei denen eine zuverlässige Evidenz für die Wirksamkeit von Homöopathie existiert“.

Doch jetzt untersucht der Commonwealth-Ombudsmann die Verfahren, mit denen das Review der NHMRC durchgeführt wurde – nach Erhalt von Berichten über Ungenauigkeiten, Missachtung von Belegen und Interessenkonflikten.

Die Überprüfung wurde von der Australischen Homöopathischen Vereinigung (AHA) ausgelöst, unterstützt durch das homöopathische Forschungsinstitut (HRI), das begonnen hatte, die Review-Verfahren zu hinterfragen, nachdem mehrere solide Studien gezeigt hatten, dass Vorteile der Homöopathie übergangen worden waren.

Das NHMRC-Review-Team berücksichtigte willkürlich nur Studien, die mehr als 150 Probanden betrafen – und forderte Standards, die selbst bei Arzneimittelstudien nur selten zu erreichen sind. Aufgrund dieser Anforderungen reduzierte man die Anzahl der als qualifiziert [für das Review] angesehenen Studien auf nur fünf – von einem anfänglichen Pool von mehr als 1.800 einzelnen Untersuchungen [gemeint sind hier die Angaben des NHMRC in einer frühen Pressemtteilung von rd. 1.800 gesichteten Literaturbelegen und zusätzlich eingereichten Unterlagen, nicht Reviews bzw. Studien – die hieraus als verwertbar für das Projekt bewertete Zahl an Reviews betrug 57, diese wiederum bezogen sich auf 176 Studien, s. unten) – und keine von diesen zeigte dann eine Wirksamkeit der Homöopathie.

Einer der NHMRC-eigenen Rezensenten produzierte einen geheimnisvollen ersten Bericht, der noch nie veröffentlicht und trotz der Gesetze zur Informationsfreiheit nicht freigegeben wurde.  [Ja und? Wenn überhaupt, war das eine Vorversion, so was soll es tatsächlich geben… und wenn es ein abweichendes Statement war, wird ihn niemand an einer Veröffentlichung gehindert haben… VERSCHWÖRUNG!!!]

Ferner hat die AHA aufgedeckt, dass Prof Peter Brooks, Vorsitzender des untersuchenden NHMRC-Komitees, nie erklärt hat, dass er Mitglied der Anti-Homöopathie-Lobby-Gruppe „Friends of Science in Medicine“ war.  [Was nicht zutrifft.]

Es gebe solide Studien, die eine Wirksamkeit der Homöopathie gegen Durchfall bei Kindern, Sinusitis und Heuschnupfen belegen – aber sie alle beinhalten weniger als 150 Probanden, erklärte HRI-Chef Rachel Roberts. „Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu wissen, dass es qualitativ hochwertige Studien gibt, die eine Wirkung der Homöopathie für einige medizinische Indikationen belegen – Informationen, die nur wegen des irreführenden Umgangs des NHMRC mit der Beleglage untergegangen sind.“

Die Homöopathen stehen nicht allein in der Kritik der NHMRC-Überprüfung: Australiens unabhängiges Cochrane Center sagte, dass die Schlussfolgerungen des Reviews keine genaue Reflexion der Beleglage seien und ein zweiter Experte äußerte, er sei „sich nicht sicher über die endgültige Natur der Schlussfolgerungen des Berichts“.

ZITAT ENDE

Wie es eben so ist, stehe ich in Kontakt mit dem Hauptautor des kritisierten Berichts, Paul Glasziou, nicht zuletzt, weil er ein freundliches Vorwort für mein Buch Homeopathy – The Undiluted Facts geschrieben hat. Also haben in unserer Korrespondenz die neuesten Schmähungen von WDDTY diskutiert. Aufgrund dessen bin ich jetzt in der Lage, einiges geradezurücken  (ich hoffe, Paul hat nichts dagegen):

ANMERKUNG 1: – Das NHMRC-Reviewteam legte willkürliche Parameter fest, nach denen nur Studien mit mehr als 150 Personen einbezogen wurden und setzte Standards, die selbst Arzneimittelstudien nur selten erreichen.

Die Wahrheit ist, dass der Bericht sich gar nicht auf einzelne Studien, sondern auf bereits vorliegende systematische Reviews von Studien bezieht [Das Review der NHMRC ist also ein Meta-Review]. Die 57 betrachteten systematischen Reviews umfassten 176 Einzelstudien, die 61 Indikationen umfassten: durchschnittlich etwa 3 Indikationen pro Studie. Aber einige Studien beinhalteten nur eine Indikation, und ein einzelner Versuch würde normalerweise natürlich nicht als vernünftige Grundlage für zuverlässige Schlussfolgerungen betrachtet werden. GRADE – der internationale Standard für die Beurteilung von Evidenzen – schlägt vor, „wenn Gruppengrößen kleiner als 400 sind, sollten Autoren und Leitfadenentwickler die darin liegende Ungenauigkeit bei der Bewertung berücksichtigen“. Daher wäre das Kriterium von 150 sogar wesentlich milder als die aktuelle GRADE-Richtlinie. [Ein starkes Entgegenkommen (!) gegenüber der Homöopathie – die eh immer wieder das Problem hat, kaum Studien mit der von GRADE eigentlich geforderten Größenordnung bereitzustellen.]

ANMERKUNG 2 – Diese Anforderungen reduzierten die Anzahl der qualifizierenden Studien auf nur fünf – von einem anfänglichen Pool von mehr als 1.800  – und keine von ihnen zeigte, dass die Homöopathie wirksam war.

Das ist einfach nicht richtig. Der Bericht des NHRMC beinhaltet 57 systematische Reviews, die sich auf 176 Einzelstudien beziehen, nicht 5. Diese 176 Studien zu 61 Indikationen bildeten die Evidenzgrundlage für die Schlussfolgerungen des NHMRC-Berichts. [Insgesamt wurden 225 Arbeiten berücksichtigt, einschließlich der -man darf annehmen, von Homöopathen- zusätzlich im Rahmen der öffentlichen Auslegung eingereichten.]

ANMERKUNG 3 – Es gibt solide Studien, die zeigen, Homöopathie ist wirksam gegen Durchfall bei Kindern, Sinusitis und Heuschnupfen – aber sie alle beinhalten weniger als 150 Menschen, sagte HRI-Chef Rachel Roberts.

Der NHMRC-Bericht konzentrierte sich auf systematische Reviews, die alle Studien für individuelle Indikationen abdeckten. Angesichts des recht konventionellen p-Wertes von 0,05 [der p-Wert ist ein statistischer Wert, der für den Grad der Wahrscheinlichkeit steht, mit der angenommen werden kann, dass es sich um Zufallsergebnisse handelt]. würde man erwarten, dass eine von 20 Einzelstudien „falsch positiv“ sei.  Bei 176 Versuchen erwarten wir demnach etwa 9 „falsch positive“ Ergebnisse. Aber systematische Reviews, die alle Studien für individuelle Indikationen kombinieren, reduziert dieses Risiko falsch positiver Ergebnisse. Die meisten nationalen Beweisprüfungsgremien fordern für eine Evidenz mehr als eine Studie, z. B. die FDA [Food and Drug Administration der USA] fordert zwei positive Studien, während viele andere gar keine einzelnen Studien, sondern bereits ein systematisches Review unter Einbeziehung von mindestens zwei Studien [für die Annahme eines Evidenznachweises] verlangen. Die Reproduktionsfähigkeit der Befunde ist offensichtlich ein Eckpfeiler der Wissenschaft.

ANMERKUNG 4 – Die Homöopathen stehen nicht allein in der Kritik der NHMRC-Überprüfung: Australiens unabhängiges Cochrane Center sagte, dass die Schlussfolgerungen des Reviews keine genaue Reflexion der Beleglage seien und ein zweiter Experte äußerte, er sei „unsicher über die endgültige Natur der Schlussfolgerungen des Berichts“.

Die Wahrheit ist, dass das Cochrane Center mit einer unabhängigen Überprüfung den gesamten Prozess der NHMRC-Untersuchung begleitet hat. Es kam zu dem Schluss, dass ‚insgesamt die aus dem Review gezogenen Schlussfolgerungen aufgrund der vorgelegten Evidenz gerechtfertigt erscheinen.‘

Ende meines Plädoyers.“

Danke, Prof. Ernst.

Zum besseren Verständnis noch  ein paar Anmerkungen meinerseits:

Sehen wir einmal von den offensichtlichen Unwahrheiten ab, die von den Homöopathen vorgetragen werden (Missdeutung der Untersuchungsbasis des NHMRC, unzutreffende Angaben zur Bewertung des Reviews durch Cochrane, völlig unsinnige und auch unzutreffende Hinweise auf „Interessenkonflikte“) – obwohl allein dies eigentlich die ganze Befassung mit dieser Geschichte schon obsolet machen würde. Auch mal abgesehen davon -wie oben schon erwähnt-, dass es mir sehr eigenartig vorkommt, dass neuerdings ein wissenschaftlicher Diskurs auf dem Wege einer Beschwerde beim Ombudsmann für Fehlleistungen öffentlicher Stellen, also dem öffentlichen Kummerkasten für Bürger, die sich ungerecht behandelt fühlen, ausgetragen wird. Aber ich vergaß – Frau Bajic wies ja ausdrücklich darauf hin, dass es um politische Meinungsbildung gehe. Also nicht um wissenschaftlichen Diskurs. Sorry.

Also: Die 176 über vorliegende Reviews einbezogenen Studien sind nur geringfügig weniger als die Zahl, die die British Homeopathic Society selbst an belastbaren Arbeiten führt – im Zeitpunkt der Studie waren dies 189. Es wurden keine Reviews / Studien vom NHMRC einbezogen, die von Homöopathen abgelehnt worden wären. Vielmehr kamen aufgrund der Öffnung der Studie für zusätzliche Hinweise noch Arbeiten hinzu, so dass der endgültigen Bewertung 225 Arbeiten zugrunde lagen.

Schon die Projektierung des Reviews wurde vom australischen Cochrane Center überprüft, ebenso die tatsächliche Durchführung und die Einhaltung der Planungsvorgaben. Den Bericht haben im Entwurf mehrere Gutachter erhalten, die auf dem Gebiet der Komplementärmedizin selbst tätig waren. Die Stellungnahmen dieser Gutachter wurden mit dem Review veröffentlicht und können jederzeit nachgelesen werden. Danach wurde der Entwurf offengelegt und der gesamten homöopathischen Gemeinde Australiens ausdrücklich die Möglichkeit eingeräumt, Stellung zu nehmen und auch Arbeiten / Studien zu benennen, die nach ihrer Meinung berücksichtigt werden sollten – was auch geschah.

Angesichts dessen muss man sich schon fragen, welche Chuzpe bei AHA, HRI und WDDTY dazu führt, der australischen Behörde eine voreingenommene Studienauswahl vorzuwerfen, zu unterschlagen, dass es sich um ein Meta-Review und nicht um ein Review einzelner Studien handelte und dann auch noch mit falschen Zahlen zu operieren. Um nicht zu sagen, glatt zu lügen. Was der Zentralverein Homöopathischer Ärzte dann einfach aufgreift und verbreitet (und dabei auch noch falsch zitiert).

Es ist über die Ausführungen von Prof. Ernst hinaus auch noch einmal wichtig, zu verdeutlichen, dass es keineswegs zutrifft, Studien mit weniger als 150 Probanden seien außer Acht gelassen worden. Schon im Overview-Report des NHMRC kann man sich davon überzeugen,  dass dies nicht wahr ist, dazu braucht man die fast 1.000 Seiten des unglaublich ausführlichen Reviews nicht komplett zu lesen. Ansonsten wäre es wohl kaum dazu gekommen, dass nahezu alle von der British Homoeopathic Society geführten Studien im Meta-Review erfasst sind.

Was den Hinweis auf die berühmten Studien mit angeblich echter Evidenz für die Homöopathie angeht (Anmerkung 3) – Prof. Ernst will mit seinen Ausführungen zur Signifikanz von Studienergebnissen verdeutlichen, dass einzelnen, zumal mit kleinen Probandengruppen durchgeführten Studien im Vergleich zu Reviews oder gar Meta-Reviews keine Bedeutung zukommen kann. Und dass jede Einzelstudie mindestens einmal unter gleichen Bedingungen reproduzierbar gewesen sein muss, bevor man sie überhaupt als relevant zur Kenntnis nehmen kann. Hier wird die Position der Homoöpathen nochmals deutlich: Sie nehmen gern in Anspruch, auf Studienergebnisse nach ihrem Gusto zu verweisen, erkennen aber die wissenschaftlichen Standards für die Aussagefähigkeit solcher Studien nicht an. Es mutet schon sehr seltsam an, die Aussagekraft des größten Meta-Reviews, das je zur Homöopathie durchgeführt wurde, mit einzelnen (Klein-)Studien zu Durchfall bei Kindern, Sinusitis und Heuschnupfen (alles selbstlimitierende oder periodisch auftretende Gesundheitsstörungen) aushebeln zu wollen.

Das ist einfach grotesk. Dazu passt, dass das Ganze auch gleich noch mit Verschwörungstheorien garniert wird, indem ein nicht näher bezeichneter NHMRC-Mitarbeiter mit einer geheimnisvollen eigenen Arbeit eingeführt wird, die niemand kennt, da sie nie veröffentlicht wurde. Informationsgehalt: Null. Frage an die Homöopathie-Fraktion: Quelle dieser Information? Einzelheiten? Namen? Inhalte? Oder handelt es sich um einen geheimnisvollen Dritten der Art, den ein gewisser Dr. Wakefield in seinem Propagandafilm VAXXED aus dem Off sprechen lässt, obwohl sich dieser davon längst distanziert hat? Möglicherweise ist auch nur eine Vorversion gemeint, deren Nichtveröffentlichung natürlich ein unverzeihliches Vergehen gegen die Homöopathie wäre…

Und ist es wirklich ein „Interessenkonflikt“, wenn ein wissenschaftlich tätiger Mediziner, auch wenn er an einem Review (also einer methodischen Bestandsaufnahme, nicht einmal einer klinischen Studie) über Homöopathie mitwirkt, keine positive Meinung von der  Homöopathie hat? Und dazu die Unverschämtheit hat, einem Klub anzugehören, der sich allen Ernstes „Friends of Science in Medicine“ nennt? Ja, das wäre schon toll, wenn nur überzeugte Homöopathen Studien und deren Reviews durchführen dürften… Homöopathen bei Homöopathiestudien sind kein Interessenkonflikt? Dürfen die Homöopathie-Gegner jetzt eh jede Studie ablehnen, an der ein ausgewiesener Homöopath teilgenommen hat? Keine Sorge, tun sie nicht – ist bekanntlich gar nicht nötig…

Eine glatte Unwahrheit ist zudem, dass Prof. Brooks Vorsitzender der Kommision war – er war als solcher vorgesehen, hat aber selbst auf einen möglichen Interessenkonflikt hingewiesen und danach als einfaches Mitglied mitgearbeitet.

Wirklich bemerkenswert an dieser Geschichte ist eigentlich nichts. Außer dem Umstand, dass die Homöopathen neuerdings den Bürger-Kummerkasten ihrer Majestät für die Klagen über die unbelehrbaren Kritiker ihrer Methode benutzen. Sie haben mein Mitgefühl, Mr Obudsman. Und meine Reverenz an Lord Bacon. You were right.

Bildnachweis: Wikimedia commons

Homöopathie und Logik: Ein Rosenkrieg.

Es tut sich so einiges medial bei Homöopathie-Propaganda und Homöopathie-Kritik im Moment. Wenn man nicht gerade weghört, kann man sich den Beiträgen in den Medien derzeit kaum entziehen – und erstaunt registrieren, dass aktuell der Punktsieg klar auf Seiten der Kritiker sein dürfte.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Was aber deutlich auffällt, ist ein bestimmtes Argumentationsmuster der Homöopathie-Verteidiger, ob bei den Krankenkassen (!) oder auch bei den Spitzenpropagandisten:

  • Homöopathie wirkt! Das zeigen unzählige Einzelerfahrungen!
  • Wir wissen nicht wie, das ist aber auch egal, denn sie wirkt!
  • Außerdem wissen wir aber doch, wie sie wirkt, hat doch Hahnemann erklärt, nur die Wissenschaft kann es nicht erklären!
  • Und ihr könnt die Nichtwirksamkeit nicht beweisen! Ätsch! Und hundertprozentig sowieso nicht!

 

So etwa sind derzeit die „Argumentationen“ aus dem zuckerumhüllten Universum zu verorten.

Na denn:

Homöopathie wirkt nicht. Das zeigen alle großen Reviews von Einzelstudien zur Homöopathie, die jemals durchgeführt wurden. Scheinbar positive Ergebnisse einzelner Studien sind entweder methodische Fehler, statistische Artefakte oder regelrechte Fehldeutungen.

Eine einzelne Studie zählt zudem nicht viel. Einen Anhalt für einen Beleg liefert sie erst, wenn sie einem strengen Review unterzogen wurde, mehr als nur einmal reproduziert wurde und alle Versuche zur Falsifizierung fehlgeschlagen sind. Maßgeblich sind die großen Reviews und Metastudien, die die Fehler und Unzulänglichkeiten von Einzelstudien herausfiltern.

Warum ist das so? Schutzbehauptungen der Homöopathiegegner? Nein, klares Denken in Übereinstimmung mit dem, was man unter wissenschaftlicher Methodik versteht.

Wir finden uns heute hier zusammen…

… aus traurigem Anlass. Wir verabschieden uns heute von einem Publikationsorgan, das über viele Jahre hinweg wertvolle Dienste bei der Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte in allgemeinverständlicher Form geleistet hat und dem dafür Anerkennung gebührte.

Der Abschied gilt zwar nicht dem Organ als solchem, aber seiner Verpflichtung auf wissenschaftliche Fakten und Standards und von der Verantwortung, die eine Publikation, die wichtiger Teil eines Fachverlages ist, gegenüber seinen Lesern hat.

Nun, nimm Deinen Abschied, Bild der Wissenschaft, vom Kreis der seriösen Publikationsorgane für wissenschaftliche Themen und Inhalte. Du hast schon im vergangenen Jahr erste Symptome gezeigt, als Du einen -sagen wir mal- sehr relativierenden Artikel mit dem Titel „Der Impf-Krieg“ veröffentlicht hast, der nun wirklich nicht sehr hilfreich bei der Information verunsicherter und zweifelnder Eltern war. Zudem davon gekrönt, den unsäglichen Herrn Hirte als Fürsprecher der „individuellen Impfentscheidung“ auftreten zu lassen. Schon dafür hast Du viel Kritik geerntet. Zu Recht.

Was Du Dir jetzt aber mit dem Hauptthema Deiner Ausgabe 3/2017 leistest, lässt nur den Schluss zu, dass auch der Impfartikel nicht zufällig irgendwie ins Heft gerutscht ist. Wir lesen nämlich ungläubig eine ganze Artikelreihe über das Lob der „Integrativen Medizin“, die im Kern eine Herabwürdigung der wissenschaftlich orientierten Medizin und eine völlig ungerechtfertigte Aufwertung integrativ-komplementär-alternativer, sprich unwirksamer und unlauterer, Methoden ist. Ja, sicher wird man wieder ins Feld führen, in den Artikeln stecke auch viel Wahres – das war beim Impfartikel auch so. Beispielsweise in der Kritik des Medizinethikers an der „Abfertigungsmedizin“, aber statt hier die wissenschaftliche Medizin in die Verantwortung zu nehmen, wäre es weitaus angemessener gewesen, auf die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen näher einzugehen, die sie für diese Unzulänglichkeiten gesetzt hat. Ganz abgesehen davon, dass die „sprechende Medizin“, der psychologische und psychosomatische Teil der Medizin, schon lange intensiv wissenschaftlich beforscht wird und sogar bereits in erste Leitlinien der Ärzteverbände Einzug hält.

Es ist schon gleich wieder symptomatisch, wenn sofort die „Schulmedizin“ mit eben diesem Begriff diskreditiert wird -und ja, Widerspruch zwecklos, dieser Begriff ist zur Diskreditierung der wissenschaftlichen Medizin erfunden worden und steht auch nach wie vor für diesen Kontext- und dem dann die „Naturheilkunde“ gegenübergestellt wird. Das zeigt in aller Deutlichkeit entweder die Unwissenheit oder aber die böse Absicht der Redaktion, die wissenschaftliche Medizin zu diskreditieren. Naturheilkunde ist schließlich kein im Gesundheitswesen vorkommender Begriff. Nicht zur Naturheilkunde gehören schon mal gleich Homöopathie, Akupunktur und Osteopathie. Nur so als Beispiel.

Und das ewige „mehr Forschung“ und „die Skeptiker liegen falsch, denn das ist nur wissenschaftlich noch nicht bewiesen…“ ist so was von billig, vielfach widerlegt und langweilig… Wo habt ihr das abgeschrieben? Bei den Homöopathen?

Dies aber nur als Anriss. Ich verspreche noch eine nähere Auseinandersetzung mit den Beiträgen, zumal es mir beim ersten Lesen auch so vorkam, als seien hier falsche Zeugen oder Zeugen falsch zitiert worden, was immer sehr problematisch ist.

Ich für mein Teil bin nicht nur erschrocken, ich bin entsetzt. Was habt ihr da getan?

BdW, eine Publikation, die mich selbst auch lange begleitet und auch das naturwissenschaftliche Interesse meines Sohnes mit geweckt hat – ab sofort ohne mich.

Bevor ich es vergesse: Kürzlich las ich in einem bekannten englischsprachigen Wissenschaftsorgan zum Thema integrative Medizin (dieses Wortgeklingel…) sinngemäß folgenden Hinweis:
Wenn ich Bologneser Sauce in eine Apfeltorte mische, ist das nicht integrativ. Sondern einfach eine Sauerei.

 

 

Bildnachweis Noten: Wikimedia Commons

 

Was sind die besonderen Stärken der Homöopathie? Eine Aufklärung.

Young businessman pushing large stone uphill
Der bekannte Homöopathiekritiker Sisyphos beim unermüdlichen Versuch, die Mutter aller Globuli zu beseitigen.

Ich zitiere heute mal was:

„Was sind die besonderen Stärken der Homöopathie?

Homöopathie behandelt den ganzen Menschen und nicht nur ein bestimmtes Krankheitssymptom. Sie aktiviert die Selbstheilungskräfte im Körper, denn sie geht davon aus, dass jeder Körper eine Krankheit aus eigener Kraft überwinden kann. Der Körper braucht oft eben nur den entsprechenden Reiz von außen. So kann sie auch Krankheiten heilen, bei denen die Schulmedizin lediglich versucht, die Symptome zu lindern. Homöopathie beugt vor: sie kann einen Menschen „auffangen“, bevor er richtig krank wird

Bei welchen Erkrankungen kann Homöopathie helfen?

Homöopathie kann man bei allen Krankheiten einsetzen, die keiner chirurgischen oder intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Selbst schwere akute oder chronische Erkrankungen, wie zum Beispiel Asthma, Migräne, Colitis, Neurodermitis oder Rheuma sind mit Homöopathie heilbar. Wichtig ist: Der Organismus muss zu einer Reaktion auf die Arznei fähig sein. Wenn Organe, Knochen, Gewebe allerdings dauerhaft geschädigt sind, können homöopathische Mittel nicht heilen. Helfen können sie aber auch in solchen Fällen. Zum Beispiel um die Begleiterscheinungen dieser Schäden – oder der Therapie dagegen – zu lindern und den Patienten seelisch zu stützen und seine Konstitution zu stärken.

An ihre Grenzen kommt die Homöopathie wenn ein Patient keine individuellen Symptome hat oder diese nicht beschreiben kann. In so einem Fall kann die Ähnlichkeitsregel – Ähnliches mit Ähnlichem heilen – nicht greifen.“

 

Und so weiter…

Und jetzt, liebe Leser, raten Sie mal: Wo findet sich wohl diese ebenso falsche wie irreführende Propaganda pro Homöopathie? In einer Pressemitteilung der Carstens-Stiftung vielleicht? Oder doch eher in einer Broschüre eines Herstellers von homöopathischen Remedia? Oder gar in einer Buchveröffentlichung mit dem Tenor „Selbstbehandlung mit Homöopathie – der risikofreudige Patient“?

Alles falsch.

Es handelt sich um Auszüge aus einem Artikel über „Häufige Fragen zur Homöopathie“ einer gesetzlichen Krankenkasse. Jawohl. Einer gesetzlichen Krankenkasse, der es zwar (leider) erlaubt ist, Homöopathie als Satzungsleistung anzubieten, die aber für meine Begriffe völlig ins Klo greift und ihre Sorgfaltspflichten gegenüber ihren Mitgliedern grob verletzt, wenn sie eine derartige, durch nichts belegte und zudem auch noch großteils inhaltlich falsche „Patienteninformation“ betreibt. Kein kritisches Wort. Kein einziges. Statt dessen die offene unkritische Behauptung, die Homöopathie könne schwere, chronische Erkrankungen „heilen“.

Was zuviel ist, ist zuviel. Es dürfte hier das Verbot von Heilungsversprechen nach dem Heilmittelwerbegesetz zwar nicht direkt greifen, weil die Krankenkasse hier keine Werbung mit dem Ziel des Absatzes von Produkten betreibt. Aber ist das hier nicht noch viel schlimmer, als wenn ein Mittelhersteller sich erlaubt, mit einer Indikation für ein einzelnes homöopathisches Mittel zu werben?

Das Gesundheitsministerium des Landes Rheinland-Pfalz und das Bundesgesundheitsministerium haben von mir den nachfolgenden Text per Mail erhalten:

 

„Sehr geehrte Damen und Herren,

ich nehme Bezug auf die „Bewerbung“ der Homöopathie auf der Webseite der BKK Pfaff , die in meiner Ansicht nach unverantwortlicher Weise irregeleitete und sachlich falsche „Informationen“ für deren Versicherte enthält. Dies ist nun zwar nichts grundsätzlich Neues auf einer Krankenkassenseite, die Intensität und Absolutheit der unhaltbaren Aussagen bei der BKK Pfaff zur Homöopathie sind aber von bisher nicht gekannter „Qualität“. Insbesondere enthalten die dortigen Ausführungen auch unmittelbare Aussagen zur „Heilung“ von Krankheiten, was weder wissenschaftlich haltbar noch ethisch zu verantworten ist. Ich beschränke mich auf die meiner Ansicht nach wesentlichsten Beispiele:

„Homöopathie behandelt den ganzen Menschen und nicht nur ein bestimmtes Krankheitssymptom. Sie aktiviert die Selbstheilungskräfte im Körper, denn sie geht davon aus, dass jeder Körper eine Krankheit aus eigener Kraft überwinden kann. Der Körper braucht oft eben nur den entsprechenden Reiz von außen. So kann sie auch Krankheiten heilen, bei denen die Schulmedizin lediglich versucht, die Symptome zu lindern. Homöopathie beugt vor: sie kann einen Menschen „auffangen“, bevor er richtig krank wird.“

Allein dieser erste Absatz ist insofern ein Kunstwerk, als dass er gleich eine ganze Reihe von unzutreffenden Aussagen in sich vereinigt.

Homöopathie ist keineswegs eine „ganzheitliche“ Methode (was ist das überhaupt?), ganz im Gegenteil. Sie ist laut Hahnemann eine rein symptombezogene Arzneimittellehre, da man -wie im Organon nachzulesen ist- dort gar keine Krankheiten kennt, ja sogar das Vorhandensein gleichförmiger wiederkehrender Krankheiten leugnet. Alles, was nach der homöopathischen Lehre von einer Krankheit erkannt und gewusst werden kann, sind die individuellen Symptome. Insofern ist gleich der erste Satz der „Patienteninformation“ der BKK Pfaff grundlegend falsch. Dementsprechend ist es eine unglaubliche Anmaßung, ja eine Unverschämtheit, wenn eine Krankenkasse behauptet, die „Schulmedizin“ (von Hahnemann abwertend gemeint) lindere „nur“ Symptome. Dies alles stellt die Tatsachen auf den Kopf und ist bereits geeignet, Patienten zu verunsichern und zu deren Nachteil zu beeinflussten. Indoktrination nennt man das wohl. Unglaublich.

Dann kommt noch die völlig verstiegene Aussage dazu, dass Homöopathie einen Menschen „auffangen“ könne, bevor er krank wird. Das ist pure Esoterik und wiederum ein grober Verstoß gegen homöopathische Grundannahmen. Denn Homöopathie will die „verstimmte Lebenskraft“ des Patienten wieder „geradestimmen“, setzt also eine akute oder chronische Krankheit als vorhanden voraus. Eine irgendwie geartete Prophylaxe oder gar eine „Stärkung des Immunsystems“ (was ohnehin blanker Unsinn ist) ist dem Denkmodell der Homöopathie völlig fremd.

„Homöopathie kann man bei allen Krankheiten einsetzen, die keiner chirurgischen oder intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Selbst schwere akute oder chronische Erkrankungen, wie zum Beispiel Asthma, Migräne, Colitis, Neurodermitis oder Rheuma sind mit Homöopathie heilbar. Wichtig ist: Der Organismus muss zu einer Reaktion auf die Arznei fähig sein. Wenn Organe, Knochen, Gewebe allerdings dauerhaft geschädigt sind, können homöopathische Mittel nicht heilen. Helfen können sie aber auch in solchen Fällen. Zum Beispiel um die Begleiterscheinungen dieser Schäden – oder der Therapie dagegen – zu lindern und den Patienten seelisch zu stützen und seine Konstitution zu stärken.

An ihre Grenzen kommt die Homöopathie wenn ein Patient keine individuellen Symptome hat oder diese nicht beschreiben kann. In so einem Fall kann die Ähnlichkeitsregel – Ähnliches mit Ähnlichem heilen – nicht greifen.“

Das ist -mit Verlaub- verantwortungsloser Unsinn. Die Homöopathie ist durch die weltweite Wissenschaftsgemeinde als unwirksame Scheintherapie eingestuft und in vielen Ländern aus dem öffentlichen Gesundheitssystem verbannt (siehe z.B. hier). Dass die Homöopathie-Lobby in Deutschland außerordentlich stark ist, ändert an diesem objektiven Befund nicht das Geringste. Vor diesem Hintergrund seitens einer Krankenkasse die Heilung von Asthma, Colitis, Neurodermitis, Rheuma mit Homöopathie in Aussicht zu stellen, ist sicher nicht nur nach meiner Ansicht nicht hinnehmbar. Derartige Propaganda von Seiten einer Krankenkasse halte ich für einen veritablen Skandal, für eine direkte „Gefährdung der Volksgesundheit“.

Es folgt noch eine ganze Reihe von Schwurbelkram, die -leider- davon zeugt, dass hier nicht einfach nur die üblichen Werbebotschaften für eine junge, zahlungskräftige und eher wellnessorientierte Klientel verbreitet werden, sondern dass hier offenbar ein überzeugter Jünger der homöopathischen Methode sein Wissen… Entschuldigung, seinen Glauben verbreitet – und das offenbar auch noch mit beschränkten Kenntnissen über die Grundlagen der Homöopathie.  Aber darauf kommt es gar nicht mehr an.

Ich bin der Ansicht, dass hier ein nicht hinnehmbarer Verstoß gegen die von einer Krankenkasse zu erwartenden Sorgfaltspflichten vorliegt, insbesondere dadurch, dass konkret die Heilungsmöglichkeit von schweren chronischen Erkrankungen durch Homöopathie in Aussicht gestellt wird. Sollte dies so stehenbleiben, werden wir uns wohl über kurz oder lang von der Orientierung auf eine wissenschaftsbasierte Medizin verabschieden können, wenn man die auch andernorts überall aufsprießenden Irrationalitäten im Gesundheitsbereich mit berücksichtigt. Ich bitte Sie daher dringend, in Ihrer Rolle als Aufsichtsbehörde auf die BKK Pfaff mit dem Ziel einzuwirken, diese unsäglichen „Informationen“ aus deren Webseite zu entfernen.

Ich wäre Ihnen für eine kurze Mitteilung über das von Ihnen Veranlasste dankbar.“

 

Jetzt wollen wir doch mal sehen, mit welchen Fadenscheinigkeiten die offiziellen Aufsichtsbehörden über die GKV diesmal kommen werden, um ihr Nichtstun zu bemänteln… Wetten? Wenn überhaupt eine Antwort kommt. Was allerdings die x-te Bankrotterklärung des „pluralistisch organisierten Gesundheitswesens“ wäre.

 

 

Bildnachweis: Fotolia_112290815_XS

Die Verfolgung und Ermordung aufklärerischer Ideale, vorgeführt am Beispiel der Verbreitung pseudomedizinischen Bullshits

quanten

Aus der Rezension eines Arztes zu einem Buch eines anderen Arztes über „Quantenheilung“.

Es lässt mir keine Ruhe. Ich muss doch noch einmal auf die 318.000 Treffer zum Begriff „Quantenheilung“ zurückkommen, die Google allein für den deutschsprachigen Raum auswirft. Was mich besonders fassungslos macht, ist der Umstand, dass dort reihenweise Menschen mit akademischer Ausbildung ihre Heildienste, ihre „Ausbildungen“ und ihre literarischen Ergüsse feilbieten. Und das ist nicht auf den engen Bereich der Quantenheilung beschränkt, sondern meist querbeet mit allerlei anderen Absonderlichkeiten verbunden.

Den letzten Anstoß zu diesen erneuten Gedanken gab mir ein aktueller Artikel bei DocCheck, eigentlich eher einige der Kommentare dazu. Man mag über den Beitrag, der einen Seufzer über esoterisch mehr als angehauchte Apothekenkundschaft darstellt, lächeln. Das dürfte auch dessen tieferer Sinn gewesen sein, zumal bei einer Veröffentlichung auf einem Fachportal. Wohl kaum dürfte die Absicht gewesen sein, eine Kontroverse pro und contra Esoterik auszulösen. Was aber dort einige der Fachbesucher, teilweise mit akademischen Titeln ausgestattete Kommentatoren, pro Eso absondern, das hat mich ein weiteres Mal daran zweifeln lassen, ob Opposition gegen den grassierenden Blödsinn überhaupt noch einen Sinn macht.

Ist es möglich und denkbar, dass unsere universitäre Ausbildung versagt bei der Vermittlung ihres Grundanliegens, der Verpflichtung auf objektive Wissenschaftsprinzipien, auf die Kausalität der realen Welt, der Vermittlung der Fähigkeit, zwischen diskussionswürdigen und von vornherein auszuschließenden Thesen zu unterscheiden? Bei der Vermittlung dessen, was Wissenschaftlichkeit im aufklärerischen Sinne überhaupt ist? Versinken Teile der Wissenschaftsgemeinde tatsächlich im Sumpf der Beliebigkeit? Haben unsere Universitäten überhaupt noch einen ausreichenden Bezug zum Humboldtschen Bildungsideal? (Fragen Sie, lieber Leser, bitte nicht, was ich vom Bologna-Studium halte.) Zu der vom reinen Wissen weit entfernten „Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen soll“ ?

Zweifel sind angebracht.

Unlängst habe ich hier im Zusammenhang mit der Ringvorlesung zu „therapeutischen Ansätzen“ der Homöopathie berichtet, die der DZVhÄ in der medizinischen Fakultät der LMU München durchführt. Das kritische Echo war erheblich, was allerdings keineswegs dazu geführt hat, dass diese Veranstaltungsreihe etwa abgesagt worden wäre. Ich möchte diese Sache noch einmal als ein besonders perfides Beispiel dafür anführen, auf welche Weise der Aspekt des „Wissens von etwas“ über das „Wissen über etwas“ gestellt wird. Hier wird ja keineswegs ein medizinhistorischer Abriss über die Homöopathie geboten, auch nicht eine Darlegung ihrer Methodenprinzipien, auch keine kritische Betrachtung. Nein, statt dessen geht man gleich in medias res und stellt praktische Anwendungen, Therapien, in den Vordergrund, ohne dass der potenziellen Hörerschaft vorher das Grundwissen, das für eine Einordnung dieser „Therapien“ von größter Bedeutung ist, vermittelt wird. Ich bezeichne das als Indoktrination – was hat das an einer medizinischen Hochschule zu suchen?

Wenn Sie, lieber Leser, nun glauben, das sei ein auf die LMU beschränktes Vorkommnis – da muss ich Sie leider enttäuschen.

Haben Sie schon gewusst, dass die Carstens-Stiftung Natur und Medizin unter Einsatz ihrer finanziellen und personellen Ressourcen ein umfangreiches Programm betreibt, mit dem sie studentische Studienkreise zur Homöopathie fördert und zudem ein eigenes Promotionsförderungsprogramm betreibt? Hier wird nicht, wie bei der LMU, die Reputation der Hochschule für Pseudomedizin in Anspruch genommen, nein, hier wird direkt auf der Ebene der Studierenden, der noch nicht ausreichend mit kritischem Hintergrundwissen Ausgestatteten, angesetzt. Nachwuchsförderung der besonderen Art. Auch hier ist wieder -und erst recht- der Begriff Indoktrination angebracht. Auch nur mal als Beispiel für die arme, unterdrückte und ohnehin am Bettelstab daherwandernde Homöopathie, die ja über gar keine Lobby verfügt…

Wie die einschlägige Webseite mitteilt, werden solche Arbeitskreise derzeit an 13 (dreizehn) medizinischen Fakultäten im Bundesgebiet gefördert, teilweise an hochrenommierten. Mir wäre nicht bekannt, dass an irgendeiner dieser Stellen einmal seitens der Fakultätsleitungen kritisch nachgehakt worden wäre. Aber ich weiß ja auch nicht alles. Jedenfalls bestehen diese Studienkreise und werden zweifellos mit Leben erfüllt.

Ist das weniger zu kritisieren als die Ringvorlesung bei der LMU? Nein, noch viel mehr. Weil sich hier die Homoöpathielobby nicht einmal öffentlich zeigt wie im Vorlesungsverzeichnis der LMU, sondern sich an die schwächste Stelle, die Studierenden der Hochschulen, heranwanzt und sozusagen parallel zum Studium bei diesen Proselytenmacherei betreibt. Was, davon hörte ich allerdings, in der Studentenschaft erfreulicherweise keineswegs auf ungeteilte Zustimmung stößt.

Wie kann so etwas sein? Eine Methode, die weltweit als Irrlehre gilt, auf eine katastrophale Studienlage blickt (nachdem man überhaupt die Freundlichkeit hatte, zu ihr Studien, Metaanalysen und Reviews durchzuführen), teilweise in ihren Grundannahmen Naturgesetzen widerspricht und nur noch von Lobbyisten und Proponenten betrieben wird, die ihre Diskurs- und Kritikunfähigkeit beharrlich unter Beweis stellen, kann sich derart präsentieren?  Wenn das Ausdruck von pluralistischem Wissenschaftsverständnis ist und womöglich auch noch mit der Freiheit von Forschung und Lehre gerechtfertigt werden soll, dann mal weiter abwärts auf der schiefen Ebene des intellektuell-wissenschaftlichen Verfalls. Dann wird das Gefasel von Quantenheilung demnächst auch noch mit einem Förderpreis für interdisziplinäre Wissenschaftsarbeit ausgezeichnet werden.

Was könnte man, außer beharrlicher Kritik und dem Schaffen von Öffentlichkeit, denn tun? Eine kleine Idee hätte ich noch.

Wir brauchen, nicht nur in der Medizin, sondern in allen Studienfächern und an allen Hochschulen, ein Studium generale. Eine geistesgeschichtliche und methodische Einführung, eine Anleitung zum kritisch-methodischen Denken und einen Gesamtüberblick über die wichtigsten Wissensgebiete. Erst dann die Spezialisierung.

Und: Solange Fakultäten Umtriebe pseudomedizinischer Interessenverbände an ihren Einrichtungen tolerieren oder gar begrüßen, trifft die Kritik natürlich genau deren Vorstände. Nicht die Studierenden.

Wenn ein modernes naturwissenschaftliches Studium nicht gegen absoluten Schwurbelkram immunisieren kann, dann ist schon viel verloren. Lasst uns das nicht akzeptieren.

Screenshot: Amazon-Rezension (anonymisiert)

Was wäre wenn…

Was wre wenn - wach auf

Wenn die Wirkungszunahme durch Potenzierung wahr wäre…

… dann würde eine Plörre aus viel Wasser und dem restlichen Kaffemehl aus der Dose weitaus anregender wirken als ein doppelter Espresso (ja, ja, meinetwegen auch mit Schütteln oder Schlagen des Filters auf einen Lederbuchrücken).

 

Wenn das Simileprinzip (Ähnliches heilt Ähnliches) zuträfe…

… dann müsste man akute Vergiftungen mit noch mehr Gift heilen können.

 

Wenn die Arzneimittelprüfung am Gesunden eine funktionierende Methode wäre…

… dann müsste es Mittel geben, die im Rahmen der Arzneimittelprüfung auch Dinge wie Tumorerkrankungen, Diabetes, endokrinologische Fehlfunktionen, aber auch Dinge wie Platzwunden und Infektionen durch die Einnahme von potenzierten Prüfstoffen hervorrufen würden. Nebenbei, würde man solche Arzneimittelprüfungen wirklich durchführen wollen?

 

Wenn die Homöopathen die erklärte Absicht Hahnemanns, eine Arzneimittellehre zur Behandlung von Krankheiten zu schaffen, ernst nehmen würden… 

… dann würden sie nicht Dinge wie homöopathische Prophylaxe und Nosoden“impfung“ praktizieren.

 

Wenn die Homöopathen das Prinzip einer Korrektur der verstimmten geistigen Lebenskraft des Patienten durch die geistige Kraft der potenzierten Mittel ernst nehmen würden…

… dann würden sie mit den krampfhaften Bemühungen aufhören, per „homöopathischer Grundlagenforschung“ doch irgendwie noch einen materiellen Wirkungsnachweis zu erbringen.

 

Wenn die Homöopathen die Forderungen Hahnemanns zur Arzneimittelprüfung (die genaueste Erfassung aller Symptome -bei der Arzneimittelprüfung- bzw. aller Befindlichkeiten des Patienten -bei der Therapiefindung- ernst nehmen würden…

… dann gäbe es so einen Unsinn wie Tierhomöopathie gar nicht.

 

Wenn die Homöopathie eine „ganzheitliche Methode“ wäre…

… dann würden die Homöopathen nicht ausschließlich mit Symptombildern anstelle von Krankheiten arbeiten, sondern sich mit dem Krankheitsbegriff und mit Ätiologie beschäftigen.

 

Wenn Symptome ein untrügliches Zeichen für eine bestimmte Erkrankung wären…

… dann wäre die Symptomatik einer Erkrankung völlig unabhängig vom Patienten, seinem Allgemeinzustand und seiner Vorgeschichte, was jeglicher medizinischer Erfahrung widerspricht. Einerseits wären Differenzialdiagnosen überflüssig, andererseits könnte man keine zwei Erkrankungen unterscheiden, die in bestimmten Stadien gleiche Symptome zeigen, aber unterschiedliche Behandlung erfordern.

 

Wenn die Homöopathie „Naturmedizin“ wäre…

… dann würde sie nicht Stoffen wie Graphit, Schwefel, Plutonium, Berliner Mauer, Arsen, Blei und Chlor „Heilkräfte“ zuschreiben.

 

Wenn die Homöopathen hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Interessen ehrlich wären…

… dann würden sie selbst nicht so tun, als gehe es um den ultimativen Überlebenskampf gegenüber Big Pharma, deren Teil sie selbst sind.

 

Wenn homöopathisch überzeugte studierte Ärzte selbstkritischer wären…

… würden sie die Unvereinbarkeit der homöopathischen und der wissenschaftlich-evidenzbasierten Methode erkennen und die eine oder eben die andere Konsequenz ziehen.

 

Wenn die Homöopathieszene kritik- und diskursfähig wäre…

… das Leben könnte so schön sein. Ach ja.

 

Wird gelegentlich fortgesetzt.

 

 

 

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