Homöopathie – Heilung oder Humbug? Rhetorische Frage von spiegel.tv Wissen am 15.11.2016

spiegeltv

Blümchen und Sonnenschein überall… Der Eindruck täuscht nicht.

Mit einiger Erwartung habe ich diesem Beitrag, der gestern im Pay-TV lief und bald wohl auch kostenfrei verfügbar sein wird, entgegengesehen. Wenn auch nicht mit Optimismus. Letztlich habe ich mich dann über den Film derart geärgert, dass ich die Redaktion von spiegel.tv Wissen angeschrieben habe (als ob ich sonst nichts zu tun hätte).

Nachfolgend der Text meiner Kritik. Auch dem Leser, der den TV-Beitrag nicht gesehen hat, dürfte er einen gewissen Eindruck von dessen Tenor und Inhalt vermitteln können:

 

An die Redaktion spiegel.tv Wissen / 16.11.2016

Von einem Beitrag mit dem Titel „Homöopathie – Heilung oder Humbug?“ hätte ich mir gerade auf spiegel.tv Wissen nun doch eine Antwort auf die Titelfrage oder zumindest die klare Darstellung der jeweiligen Argumente erwartet, die dem Zuschauer einen wirklichen Anhalt zur Beantwortung dieser Frage gegeben hätte. In dieser Hinsicht war meine Enttäuschung umfassend.

Gleich zu Anfang die vielleicht wichtigste Kritik: Der Beitrag war insgesamt, bis hin zur optischen Darstellung, darauf ausgelegt, die Homöopathie als sanfte, schonende pflanzenbasierte Naturheilkunde darzustellen. Mehrfach wurde dies auch explizit geäußert, ohne dass irgendeine Klarstellung erfolgte.

Und damit haben sie mit dem Filmbeitrag gleich eines der größten Zerrbilder über die Homöopathie überhaupt nicht etwa geradegerückt, sondern auch noch unterstrichen. Schlechte Recherche? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, mit Frau Natalie Grams haben Sie eine anerkannte Expertin auf diesem Gebiet zur Verfügung gehabt, die ihnen über die Einordnung der Methode Homöopathie Fundiertes zu sagen gehabt hätte. Was dann? Falsche Ausgewogenheit, die keinen Unterschied beim Informationswert von Standpunkten macht, auch wenn der eine höchstmögliche und der andere geringstmögliche Evidenz für sich geltend machen kann? Und das -wie im Falle der Homöopathie- ohne Beachtung des Konsens der überwältigenden Mehrheit der weltweiten Wissenschaftsgemeinde, die die Homöopathie als spezifisch arzneilich unwirksam einstuft? Auch das will ich nicht hoffen, denn derartige Gleichmacherei ist gleichzusetzen mit der Propagierung von Unsinn.

Nein, Homöopathie ist KEINE Naturheilkunde. Sie ist auch KEINE Phytotherapie -also Pflanzenheilkunde. Eine einfache Begründung für beides ist, dass die Homöopathie -von Hahnemann so definiert- eine Arzneimittellehre ist, genauso wie die moderne Pharmazie auch. Sie setzt keineswegs auf pflanzliche Urstoffe. Sie verwendet ebenso anorganische Stoffe wie z.B. Quecksilber, Arsen, metallisches Kupfer, Meteoritstein, Berliner Mauer, Plutonium und metallisches Uran wie auch organische Stoffe nichtpflanzlicher Herkunft, beispielsweise verfaulendes Fleisch oder Eiter von Tripperkranken. Was hat das mit Naturheilkunde zu tun? Oder auch mit der -durchaus großteils in der evidenzbasierten Medizin anerkannten- Pflanzenheilkunde? Überhaupt nichts.

Allein durch die Vermittlung dieses Bildes geht der ganze Beitrag in eine völlig falsche, unhaltbare Richtung. Sie stützen dies auch noch massiv durch die Einbeziehung des Herrn Hevert als Partei „pro Homöopathie“, worauf ich weiter unten noch einmal zurückkommen möchte. Und Sie negieren durch den gesamten Tenor des Beitrags  die fundierten Aussagen von Frau Grams, der sie in ihrem Beitrag offenbar lediglich die Rolle der netten, sympathischen Außenseiterin zugedacht haben, obwohl sie zweifellos an Wissen und Erfahrung -und vor allem an Einsicht und Ehrlichkeit – den beiden anderen Protagonisten haushoch überlegen sein dürfte.

Zu den anderen Protagonisten:

Der Homöopath Dr. Schreiber konnte seine beiden Fälle recht eindrucksvoll aus seiner Sicht darstellen. Wo blieb hier ein kritischer, relativierender Kommentar? Obwohl es aufgrund dessen eigener Äußerungen hierzu allen Anlass gegeben hätte. Er hat ja selbst ausgeführt, dass eine spezifische Wirkung der homöopathischen Arznei nicht angenommen werden, dafür eine geistartige Wirkung (wie Hahnemann dies auch postulierte) gegeben sein müsse. Wo blieb denn da das Bild der sanften Arzneimittelkunde? (Wobei die erwähnte Gabe von Phosphoricum das Bild der sanften Naturmedizin nur unwesentlich beeinträchtigt haben dürfte…) Seine Erklärung und Demonstration von Repertorien und Materia Medica hätte doch hier eines kritischen Kommentars bedurft! Es verbleibt der Eindruck beim unbefangenen Zuschauer: Tatsächlich, die Homöopathie kann alles und ist auch noch individuell!

Andere Erklärungsmodelle für die „Heilungen“ der beiden Patientinnen wurden nicht einmal ansatzweise dargestellt. Wobei der ständige Hinweis auf „Zeit“ und „Geduld“ als „Grundvoraussetzung“ der Homöopathie ja allein schon eine solche Erklärung im Ansatz liefern würde. Dass die kleine Dame zu Anfang offenbar in einer traumatisch-psychosomatischen Schleife steckte und durch die regelmäßige Zuwendung des homöopathischen Therapeuten langsam wieder herausfand, liegt sehr nahe. Aber kein kritisches Wort dazu. Nun könnte man ja meinen, „wer heilt hat Recht“. Dieses dumme Argument geht allerdings nicht nur deshalb fehlt, weil nur der Heiler recht hat, der den kausalen Zusammenhang zwischen seiner Methode und der „Heilung“ nachweisen kann. In diesem Fall wäre sicher eine fachlich fundierte Kinderpsychotherapie angezeigt gewesen, allein deshalb, weil sich diese nicht mit dem einfachen Verschwinden der Symptomatik zufriedengegeben hätte.

Kommen wir zu Herrn Hevert und seiner Firma. Ein Schelm, der Böses dabei denkt, dass gerade die Firma Hevert ausschließlich pflanzenbasierte Homöopathika herstellt, die Grundstoffe aus dem eigenen Kräutergarten bezieht und eigentlich gar nicht zum Thema gehört, weil sie fast nur Niederpotenzen herstellt, die noch chemisch nachweisbare Stoffe enthalten und unter Umständen eine gewisse therapeutische Wirkung entfalten können. Das passt zwar wunderbar zu dem eingangs kritisierten Grundtenor Ihres Beitrags, aber nicht zur eigentlichen Homöopathie. Die spielt sich nämlich -wie erwähnt- auf der Grundlage nahezu beliebiger organischer und anorganischer Ursubstanzen im Bereich der Mittel- und Hochpotenzen ab. Und auf diesen Sektor zielt die weltweite Ablehnung der Homöopathie durch die Wissenschaftsgemeinde. Zu dieser Debatte hatte Herr Hevert außer einigen Unwahrheiten durchaus nichts beizutragen.

Ja. Unwahrheiten. Er hat sich allen Ernstes -in Opposition zur Beurteilung der weltweiten Forschergemeinde- zu der Aussage verstiegen, die Forschungen zur Wirksamkeit der Homöopathie würden diese auf die gleiche Evidenzstufe stellen wie die wissenschaftsbasierte Medizin (das Wort Schulmedizin, das von Hahnemann als abwertende Bezeichnung eingeführt wurde, verwende ich nicht). Das ist eine glatte Unwahrheit, was sich mit vielen Nachweisen belegen lässt. Nur eine wichtige Quelle dazu, die unbedingt in einem kritischen Beitrag zur Homöopathie hätte erwähnt werden müssen: Das Review der Australischen Gesundheitsbehörde NHRMC aus dem Jahre 2015. Und ganz aktuell gerade heute auf dem Portal sciencebasedmedicine.org:

“Unsurprisingly, rigorous clinical trials have shown that homeopathic potions in fact do not work.”  (https://www.sciencebasedmedicine.org/ftc-homeopathy-win/)

Alleine mit dem Stehenlassen der ungeheuerlichen Behauptung von Herrn Hevert ist Ihr Filmbeitrag bereits völlig entwertet.

Vielleicht aus den Ausführungen von Herrn Hevert noch zu erwähnen, dass er seine Fertigung als derart aufwendig und teuer darstellt, dass der Nachteil der Forschungs-, Entwicklungs- und Zulassungskosten für pharmazeutische Arzneimittel -die er nicht zu tragen hat- praktisch aufgehoben würde. Wenn ich mal die im Filmbeitrag enthaltene Information, die Fa. Hevert erziele einen Jahresumsatz von rund 400 Mio. Euro weltweit zugrunde lege -Umsatz wohlgemerkt!- dann dürfte dieser Betrag in der Pharmaforschung vielleicht knapp reichen, um beispielsweise ein weiterentwickeltes Statin auf den Markt zu bringen. Für Dinge wie Krebsmedikamente, AIDS-Pharmaka, neuartige Impfstoffe z.B. gegen Tropenkrankheiten kann man an diesen Betrag -wohlgemerkt, den Umsatz von Hevert, nicht den Gewinn- getrost eine Null anhängen. Vor diesem Hintergrund ist dieses Statement von Herrn Hevert ein Fall für verzweifeltes Kopfschütteln.

Hier fehlt es an Recherche, um Klarstellung im Verhältnis zu eindeutigen Fakten. Leider gibt der Beitrag den Proponenten der Homöopathie eine fröhliche und farbenfrohe Plattform, wo nichts, aber auch gar nichts von ihren Äußerungen und Ansichten relativiert wird. Wie erwähnt- Sie hatten mit Natalie Grams jemand zur Verfügung, die zu weitaus fundierteren Statements in der Lage und bereit gewesen wäre als zu denen, mit denen sie im Film zu Wort gekommen ist.

Wie gesagt, ich bin enttäuscht. Sehr enttäuscht. Denn dieser, durch seinen Titel als kritisch angekündigte Beitrag trägt nichts dazu bei, dem potenziellen Patienten eine sachlich fundierte Entscheidungshilfe zu geben. Im Gegenteil. Der „positive Touch“ pro Homöopathie durchzieht den gesamten Beitrag. Ich bedauere das sehr.

 

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Bitte beachten: Neuer Menüpunkt oben im Hauptmenü: Das Informationsnetzwerk Homöopathie hat seinen kleinen Shop eröffnet!

 

Bildnachweis: Screenshot spiegel.tv wissen

Geht’s noch? Die Katastrophen der Woche. Zum Anklicken.

Erstmals heute auf diesem Blog: Aktuelle Links zum Lesen und Staunen.

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Echt jetzt?

http://news.doccheck.com/de/149600/zahnungspraeparate-giftige-globuli/?tag_id=245&context=post_tag

Wie unangenehm… passiert mal eine Panne bei der Herstellung und es ist relevanter Wirkstoff in den Globuli, wirken sie tatsächlich… Wie war das mit dem Umkehrschluss? 

„Sorry, aber wir können leider für die völlige Wirkungslosigkeit unserer Präparate nicht in jedem Fall garantieren. Ihre homöopathische Pharmazeutik.“

 

DCF 1.0

 

https://www.pressetext.com/news/20161019007

Aus unserem Nachbarland, das ja immer die Tendenz hat, uns Piefkes noch zu überholen. „Parlamentarische Bürgerinitiative“ für die Zementierung der Homöopathie im Gesundheitswesen! Demokratie ist natürlich auch, Unsinn fordern zu dürfen. Ebenfalls Demokratie ist, den Unsinn öffentlich Unsinn nennen zu dürfen. Die Truppe wird angeführt vom bekannten Homöopathie-Propagandisten Prof. Frass. Angeführt…

 

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http://www.augsburger-allgemeine.de/aichach/Neue-Praxis-fuer-Homoeopathie-id39433517.html

Nur eine kleine Meldung aus einem regionalen Blatt. Die Homöopathin zieht um! Und alle Honoratioren sind da! Da freuen wir uns aber über die kostenlose Werbung im Lokalblatt. Wieder ein Globuli mehr auf den Zuckerhut der Begeisterung. Damit er weiter wächst.

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http://www.regiotrends.de/de/vorschau-anmeldungen/index.news.322924.fortbildungsveranstaltung-prophylaktische-behandlungsmoeglichkeiten-von-milchkuehen-durch-homoeopathie—anmeldungen-bis-27.-oktober-2016.html

Tierhomöopathie ist Unsinn und zudem Tierquälerei (http://www.netzwerk-homoeopathie.eu/kurz-erklaert/135-argument-tierhomoeopathie-funktioniert). Homöopathische Prophylaxe ist gesteigerter Unsinn. Wie erst kürzlich in diesem Blog dargelegt wurde (Homöopathie und Impfen). Beides zusammen ist hochpotenzierter Unsinn. Vulgo Schwachsinn. Naja, Aus- und Fortbildung kann ja nie schaden. Aber man sollte erst einmal bei den Ausbildern anfangen. 

 

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http://m.morgenpost.de/incoming/article208430093/Mit-der-Kraft-der-heilenden-Haende.html

Der erste Satz reicht schon völlig. „Osteopathie ist eine ganzheitliche Medizin.“ Wir brauchen gar nicht näher in die Osteopathie einsteigen, mit „ganzheitlich“ ist sie ausreichend abqualifiziert. (Trotzdem werde ich mich dieser Methode wohl auch noch annehmen müssen.)
Prof. Edzard Ernst meint zum Ganzheitlichkeitsargument unter anderem:

„Die Suggestion der Vorstellung, dass alternative Medizin sich des „ganzen Menschen“ annimmt, ist ein höchst attraktiver und leistungsfähiger Trick. Es spielt dabei gar keine Rolle, dass nichts von „Ganzheitlichkeit“ weiter entfernt sein könnte, als eine isolierte Methode wie zum Beispiel die Diagnose aller möglichen Dinge aus der Betrachtung der Iris  oder die Fokussierung auf die Wirbelsäule (Chiropraktik, Osteopathie) oder Massieren der Fußsohlen (Fußreflexzonenmassage). … 

Und es ist offenbar ebenso egal, dass andererseits jede Art von guter konventioneller Medizin per Definition ganzheitlich ist. Was (bei der Pseudomedizin) zählt, ist das Etikett, und „ganzheitlich“ ist in der Tat ein höchst attraktives und wünschenswertes. Nichts verkauft Quacksalberei besser als das Etikett der ‚Ganzheitlichkeit‘.

Mein Rat: Bietet Ihnen Ihr Therapeut seine Methode als „ganzheitlich“ an – nehmen Sie es nicht so wörtlich.“
(http://edzardernst.com/2016/07/the-tricks-of-the-quackery-trade-part-2/)

 

Der Interviewte in dem Morgenpost-Artikel schreit nach einer Adelung der Methode durch universitäre Anerkennung. Also dann: Glückwunsch, Dr. schwurb. ost., gaudeamus igitur!

 

DCF 1.0

 

https://www.meine-krankenkasse.de/naturheilkunde/?pk_campaign=facebook_Q4_2016&pk_kwd=baum_naturheilkunde_ads_03

Demnächst wird es Krankenkassen geben, die im Dunklen leuchten. Und der Patient des Jahres kriegt einen nächtlichen Besenritt auf den Brocken spendiert.

„Werden Sie Naturheilkunde.“  Was für ein Satz. Schnell ein Nux vomica einwerfen gegen „Überempfindlichkeit gegen sinnliche Eindrücke“.

 

DCF 1.0

 

Nee, reicht für heute. Nur ein kleiner Griff in die große Überraschungskiste des Internets.

Bis bald!

 

Bildnachweis: Eigene Bilder