Es gibt keine wissenschaftliche Kontroverse über die Homöopathie!

DCF 1.0
Homöopathie? Wird da immer noch drüber diskutiert?

Die Ereignisse der letzten Tage und ihr Medienecho haben mich nochmals darüber nachdenken lassen, warum zum Kuckuck immer wieder der Eindruck einer „wissenschaftlichen Kontroverse“ zwischen Homöopathie und sogenannter „Schulmedizin“ aufrechterhalten wird, speziell in Bezug auf Medienberichterstattung. Ein wunderbares Beispiel ist der Beitrag von spiegel.tv-wissen vom 15.11.2016, der sich vom Titel her -„Hömöopathie – Heilung oder Humbug?“- aufklärerisch gab, aber Lichtjahre davon entfernt war, den Fakten gerecht zu werden (Zuschauerbrief hier). Selbst die gute Berichterstattung des BR (Kontrovers am 16.11.2016) über die Auswirkungen des Offenen Briefs von INH und GWUP-Wissenschaftsrat ließ Äußerungen von Protagonisten nachklingen, die dem nicht näher informierten Zuschauer suggerieren könnten, es sei wohl doch „irgendwie was dran“.

Nein. Es ist nichts dran. Überhaupt nichts.  Deshalb gibt es auch keine wissenschaftliche Kontroverse. Es kann auch keine geben, denn die Homöopathie bietet keine Grundlage für die Führung einer Diskussion auf wissenschaftlicher Ebene. Da hat Dr. Christian Weymayr durchaus völlig recht, wenn er in seinem Buch „Die Homöopathie-Lüge“ die Ansicht vertritt, der Ruf nach „mehr Forschung“ und generell die Auseinandersetzung mit „Forschungsergebnissen“ und „Studien“ der homöopathischen Szene seien völlig fruchtlos, da der Homöopathie die „Scientabilität“ fehle, die Art von wissenschaftlicher Grundplausibilität, die sinnvolle Ergebnisse überhaupt erst erwarten lässt.

  • Ich habe schon in meinem dreiteiligen Beitrag „El Cid und die Homöopathie“ aufgezeigt, dass Hahnemanns Gedankengebäude spätestens Mitte des 19. Jh. mit der Etablierung der Zellularpathologie und der modernen Ätiologie die Grundlagen entzogen waren. Hahnemanns Vorstellung vom Körper als einer zwar differenzierten, aber amorphen Masse, die nur durch eine „geistige Lebenskraft“ als Organismus existiere, war dahin. Und damit der zentrale Ansatzpunkt seines Gedankenmodells, die Einwirkung auf diese „geistige Lebenskraft“. Insofern bräuchte man sich in der Tat über die vitalistisch-esoterischen Begleitannahmen wie das Simile-Prinzip gar nicht mehr zu streiten.
  • Die Leugnung des Vorhandenseins von gleichförmig auftretenden Krankheiten, die Weigerung Hahnemanns, „Krankheiten“ überhaupt nur zu benennen, die These von der ausschließlich durch individuelle Symptome in Erscheinung tretenden „Verstimmung der geistigen Lebenskraft“ , wobei deren Ursache uninteressant war, konnte nicht mehr aufrechterhalten werden. Damit war auch der Ansatz für eine individuell-symptombezogene Behandlung ohne Krankheitsbegriff dahin. Die neue Ätiologie erklärte nicht nur die Krankheit des Körpers aus Fehlfunktionen der zellulären Bausteine und deren Ursachen, sondern konnte die Krankheiten auch klassifizieren und dadurch identifizierbar machen. Und war damit überwältigend erfolgreich, bis zum heutigen Tag.
  • Mit der Entdeckung der atomaren und molekularen Struktur der Materie wurden Hahnemanns Vorstellungen über eine prinzipiell unendliche, nicht völlig gegen Null gehende Verdünnungsmöglichkeit von Substanzen ad absurdum geführt; der Gehalt von Potenzen an Restursubstanz konnte exakt berechnet werden. Die moderne Pharmakologie widerlegte Hahnemanns „umgekehrte“ Dosis-Wirkungs-Beziehung, wonach Hochpotenzen auch hoch wirksam sein sollten, schlagend – ganz abgesehen, dass die „potenzierte Wirkung“ einer der Faktoren ist, die gegen naturgesetzliche Gegebenheiten verstoßen.
  • Dinge wie die Signaturlehre, aus der das Simileprinzip hervorgegangen war, wurden eindeutig als vorwissenschaftliche Vorstellungen entlarvt, die mangels wirklicher Forschungsmöglichkeiten auf symbolisch-mystische Inhalte, auf Analogien zurückgriffen. Die Berufung auf medizinische „Autoritäten“ wie Hippokrates und Paracelsus, deren Werk zum großen Teil auf derartigen Vorstellungen beruhte,  konnte damit nicht mehr ernstlich aufrechterhalten werden. Viele, zum Teil der Homöopathie gedanklich recht nahestehende Methoden der damaligen Zeit, die ebenso den vorwissenschaftlichen Gedanken verhaftet waren, haben heute nur noch einen Platz im medizinhistorischen Museum.
  • Und insbesondere, aber wenig überraschend: Schon zu Hahnemanns Lebzeiten, bis heute, konnte kein evident positiver Nachweis für eine spezifische arzneiliche Wirkung der Homöopathie erbracht werden. Belege dafür findet man allein in diesem Blog genug. Die wirklich großen Untersuchungen zur Homöopathie, die Untersuchungsreihen des Reichsgesundheitsamtes (1936 – 1939), die umfassenden Untersuchungen von Martini zur Arzneimittelprüfung an Gesunden (zwischen 1939 und 1955) und die große Vergleichsstudie der Austalischen Gesundheitsbehörde (2015), fielen für die Homöopathie vernichtend aus. Seltsamerweise werden die gigantischen Erfolge, die aus der Weiterentwicklung der modernen Medizin seit Mitte des 19. Jh. resultieren, vom homöopathiegeneigten Publikum offenbar nicht als der überwältigende Gegenpol wahrgenommen, die sie sind.
  • Alles ganz abgesehen davon, dass Hahnemanns Grundannahmen gegen naturgesetzliche Gegebenheiten verstoßen. Alle Versuche, einerseits Hahnemanns Lehre und andererseits die Naturgesetze so hinzubiegen, dass sie sich zumindest annähern, endeten im Desaster. Dies wird gelegentlich auch als „homöopathische Grundlagenforschung“ bezeichnet. Was auch soll man von einer Methode halten, für die nach 200 Jahren immer noch gierig nach jeden Strohhalm in Form von neuen wissenschaftlichen Ergebnissen gegriffen wird, um sie mit einer modern klingenden Begründung zu unterfüttern? Wenn die Milch sauer ist, ist sie sauer.
  • Die „Systematik“ des Hahnemannschen Gedankengebäudes, die seinerzeit so verführerisch auf die Mediziner wirkte, die mit ihren wenigen, kaum erfolgreichen „Methoden“ im Dunklen tappten, hat sich längst gegen die Homöopathie gewendet. Zur Aufrechterhaltung der Lehre werden seit 200 Jahren ständig neue Zusatzannahmen und Parameter eingeführt. Siehe allein die durch immer neue „Arzneimittelprüfungen“ immer dicker werdenden, zu einem sehr großen Prozentsatz aus Redundanzien bestehenden Materia medicae und Repertorien, die die Beliebigkeit der Methode widerspiegeln. Eine wissenschaftliche Todsünde, die ein schwerwiegender Beleg gegen die Gültigkeit einer Hypothese ist (Ockhams Rasiermesser).
  • Geradezu selbstzerstörerisch statt beweiskräftig ist die völlige Zerfaserung von Hahnemanns Lehre durch die immer wieder in den Ring geworfenen „Forschungsergebnisse“ der Homöopathie-Gemeinde, die mit aller Gewalt naturwissenschaftlich haltbare Ergebnisse hervorbringen wollen und dabei Hahnemanns Grundannahmen selbst umstoßen (beispielsweise wenn man sich nicht entscheiden kann, ob man nun in Hoch- und Höchstpotenzen arzneilich wirksame Reststoffe, Nanopartikel, hormonähnliche Substanzen oder elektromagnetische Schwingungsmuster nachweisen will). Hierzu gehören auch die nachgerade lächerlichen Bemühungen, Postulate der modernen Teilchenphysik (Quantenmechanik) in Verbindung mit dem angeblichen homöopathischen Wirkprinzip zu bringen. Es sind keine Physiker vom Fach zu finden, die diesen Bemühungen eine Stütze geben würden, im Gegenteil werden sie sich dagegen verwahren.

Ist das denn so schwer zu verstehen? Oder hängt man der in der Weltgeschichte vielfach widerlegten These an, dass so viele Anhänger sich doch nicht irren können?

Natürlich gibt es eine beträchtliche Zahl von Proponenten der Homöopathie, natürlich hat sie „Rückhalt“ in der Bevölkerung. Die Homöopathie-Lobby hat es nun mal geschafft, ein positives Image so breit im Bewusstsein der Menschen zu verankern, dass sie zur Scheinwahrheit geworden ist. Das ist aber kein Grund, der Homöopathie wohlwollend zu begegnen und sie ständig in den Adelsstand einer diskutablen Theorie zu erheben. Genau das geschieht aber andauernd, wofür der eingangs erwähnte Bericht auf spiegel.tv-wissen nur ein Beispiel ist (ein recht subtiles, denn hier wirkt das Gesamtbild des Beitrages tendenziös, zu einer wirklichen Konfrontation von Sachargumenten kommt es gar nicht).

 

Nochmals in aller Deutlichkeit: Evidenzbasierte Medizin und Homöopathie sind keine zwei irgendwie gleich diskutable Methoden. Die eine bewährt sich unter der strengen Qualitätskontrolle der Falsifikation und Reproduktion ihrer Annahmen jeden Tag aufs Neue und erzeugt dabei echte Innovation. Die andere ist ein 200 Jahre altes, auf vitalistisch-esoterischen Grundgedanken beruhendes Gedankengebäude, dass bis heute keinen falsifizierbaren und reproduzierbaren Wirkungsnachweis erbracht hat. Einen solchen kann man wegen der Unverträglichkeiten mit Naturgesetzen auch nicht erwarten.

Insofern hat Christian Weymayr schon recht, die weitere Auseinandersetzung lohnt unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten nicht. Die Methode ist längst obsolet, nicht aber ihre gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Implikationen. Nicht der Einfluss ihrer Befürworter und ihrer Lobbyorganisationen. Nicht die Durchdringung der Politik durch diese Lobby. Nicht das unheilvolle Vertrauen, das sehr viele Menschen inzwischen -fehlgeleitet durch Lobbyismus, womöglich zu ihrem persönlichen Schaden- der Homöopathie entgegenbringen. Und das sind die Gründe, weshalb sich einige Leute so entschieden gegen diese Implikationen stellen und immer aufs Neue die Geduld aufbringen, gegen die vorgeblichen Argumente und „Beweise“ zugunsten der Homöopathie anzugehen, um ihr nicht noch mehr das publizistisch-öffentliche Feld und auch das Feld der Gesundheitspolitik zu überlassen.

Außerdem stehen diese Leute auch gegen die unhaltbare Propaganda, die die Homöopathie „adeln“ soll und die uns nach wie vor ständig begegnet. Es wäre sehr hilfreich, wenn vor allem der Journalismus einmal zur Kenntnis nehmen würde, dass eine „ausgewogene Berichterstattung“ mit „Schulmedizin“ rechts und „Homöopathie“ links der Sache nicht gerecht wird. Parität und Pluralität kann es sinnvollerweise nur zwischen faktenbasierten Standpunkten geben, ansonsten wären beide schlicht Einfallstore für Unsinn. Es muss auch seitens der Medien endlich einmal erkannt und deutlich gemacht werden, dass es sich beim Ansehen der Homöopathie in weiten Kreisen der Bevölkerung um eine massive Fehlentwicklung handelt, der entschieden entgegen zu treten ist. Genau dazu möchte ich auch die Hochschulen in Deutschland aufrufen, die die Homöopathie als „komplementärmedizinische Methode“ im Programm haben.

 

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Bildnachweis: Eigenes Bild

Homöopathie – Heilung oder Humbug? Rhetorische Frage von spiegel.tv Wissen am 15.11.2016

spiegeltv

Blümchen und Sonnenschein überall… Der Eindruck täuscht nicht.

Mit einiger Erwartung habe ich diesem Beitrag, der gestern im Pay-TV lief und bald wohl auch kostenfrei verfügbar sein wird, entgegengesehen. Wenn auch nicht mit Optimismus. Letztlich habe ich mich dann über den Film derart geärgert, dass ich die Redaktion von spiegel.tv Wissen angeschrieben habe (als ob ich sonst nichts zu tun hätte).

Nachfolgend der Text meiner Kritik. Auch dem Leser, der den TV-Beitrag nicht gesehen hat, dürfte er einen gewissen Eindruck von dessen Tenor und Inhalt vermitteln können:

 

An die Redaktion spiegel.tv Wissen / 16.11.2016

Von einem Beitrag mit dem Titel „Homöopathie – Heilung oder Humbug?“ hätte ich mir gerade auf spiegel.tv Wissen nun doch eine Antwort auf die Titelfrage oder zumindest die klare Darstellung der jeweiligen Argumente erwartet, die dem Zuschauer einen wirklichen Anhalt zur Beantwortung dieser Frage gegeben hätte. In dieser Hinsicht war meine Enttäuschung umfassend.

Gleich zu Anfang die vielleicht wichtigste Kritik: Der Beitrag war insgesamt, bis hin zur optischen Darstellung, darauf ausgelegt, die Homöopathie als sanfte, schonende pflanzenbasierte Naturheilkunde darzustellen. Mehrfach wurde dies auch explizit geäußert, ohne dass irgendeine Klarstellung erfolgte.

Und damit haben sie mit dem Filmbeitrag gleich eines der größten Zerrbilder über die Homöopathie überhaupt nicht etwa geradegerückt, sondern auch noch unterstrichen. Schlechte Recherche? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, mit Frau Natalie Grams haben Sie eine anerkannte Expertin auf diesem Gebiet zur Verfügung gehabt, die ihnen über die Einordnung der Methode Homöopathie Fundiertes zu sagen gehabt hätte. Was dann? Falsche Ausgewogenheit, die keinen Unterschied beim Informationswert von Standpunkten macht, auch wenn der eine höchstmögliche und der andere geringstmögliche Evidenz für sich geltend machen kann? Und das -wie im Falle der Homöopathie- ohne Beachtung des Konsens der überwältigenden Mehrheit der weltweiten Wissenschaftsgemeinde, die die Homöopathie als spezifisch arzneilich unwirksam einstuft? Auch das will ich nicht hoffen, denn derartige Gleichmacherei ist gleichzusetzen mit der Propagierung von Unsinn.

Nein, Homöopathie ist KEINE Naturheilkunde. Sie ist auch KEINE Phytotherapie -also Pflanzenheilkunde. Eine einfache Begründung für beides ist, dass die Homöopathie -von Hahnemann so definiert- eine Arzneimittellehre ist, genauso wie die moderne Pharmazie auch. Sie setzt keineswegs auf pflanzliche Urstoffe. Sie verwendet ebenso anorganische Stoffe wie z.B. Quecksilber, Arsen, metallisches Kupfer, Meteoritstein, Berliner Mauer, Plutonium und metallisches Uran wie auch organische Stoffe nichtpflanzlicher Herkunft, beispielsweise verfaulendes Fleisch oder Eiter von Tripperkranken. Was hat das mit Naturheilkunde zu tun? Oder auch mit der -durchaus großteils in der evidenzbasierten Medizin anerkannten- Pflanzenheilkunde? Überhaupt nichts.

Allein durch die Vermittlung dieses Bildes geht der ganze Beitrag in eine völlig falsche, unhaltbare Richtung. Sie stützen dies auch noch massiv durch die Einbeziehung des Herrn Hevert als Partei „pro Homöopathie“, worauf ich weiter unten noch einmal zurückkommen möchte. Und Sie negieren durch den gesamten Tenor des Beitrags  die fundierten Aussagen von Frau Grams, der sie in ihrem Beitrag offenbar lediglich die Rolle der netten, sympathischen Außenseiterin zugedacht haben, obwohl sie zweifellos an Wissen und Erfahrung -und vor allem an Einsicht und Ehrlichkeit – den beiden anderen Protagonisten haushoch überlegen sein dürfte.

Zu den anderen Protagonisten:

Der Homöopath Dr. Schreiber konnte seine beiden Fälle recht eindrucksvoll aus seiner Sicht darstellen. Wo blieb hier ein kritischer, relativierender Kommentar? Obwohl es aufgrund dessen eigener Äußerungen hierzu allen Anlass gegeben hätte. Er hat ja selbst ausgeführt, dass eine spezifische Wirkung der homöopathischen Arznei nicht angenommen werden, dafür eine geistartige Wirkung (wie Hahnemann dies auch postulierte) gegeben sein müsse. Wo blieb denn da das Bild der sanften Arzneimittelkunde? (Wobei die erwähnte Gabe von Phosphoricum das Bild der sanften Naturmedizin nur unwesentlich beeinträchtigt haben dürfte…) Seine Erklärung und Demonstration von Repertorien und Materia Medica hätte doch hier eines kritischen Kommentars bedurft! Es verbleibt der Eindruck beim unbefangenen Zuschauer: Tatsächlich, die Homöopathie kann alles und ist auch noch individuell!

Andere Erklärungsmodelle für die „Heilungen“ der beiden Patientinnen wurden nicht einmal ansatzweise dargestellt. Wobei der ständige Hinweis auf „Zeit“ und „Geduld“ als „Grundvoraussetzung“ der Homöopathie ja allein schon eine solche Erklärung im Ansatz liefern würde. Dass die kleine Dame zu Anfang offenbar in einer traumatisch-psychosomatischen Schleife steckte und durch die regelmäßige Zuwendung des homöopathischen Therapeuten langsam wieder herausfand, liegt sehr nahe. Aber kein kritisches Wort dazu. Nun könnte man ja meinen, „wer heilt hat Recht“. Dieses dumme Argument geht allerdings nicht nur deshalb fehlt, weil nur der Heiler recht hat, der den kausalen Zusammenhang zwischen seiner Methode und der „Heilung“ nachweisen kann. In diesem Fall wäre sicher eine fachlich fundierte Kinderpsychotherapie angezeigt gewesen, allein deshalb, weil sich diese nicht mit dem einfachen Verschwinden der Symptomatik zufriedengegeben hätte.

Kommen wir zu Herrn Hevert und seiner Firma. Ein Schelm, der Böses dabei denkt, dass gerade die Firma Hevert ausschließlich pflanzenbasierte Homöopathika herstellt, die Grundstoffe aus dem eigenen Kräutergarten bezieht und eigentlich gar nicht zum Thema gehört, weil sie fast nur Niederpotenzen herstellt, die noch chemisch nachweisbare Stoffe enthalten und unter Umständen eine gewisse therapeutische Wirkung entfalten können. Das passt zwar wunderbar zu dem eingangs kritisierten Grundtenor Ihres Beitrags, aber nicht zur eigentlichen Homöopathie. Die spielt sich nämlich -wie erwähnt- auf der Grundlage nahezu beliebiger organischer und anorganischer Ursubstanzen im Bereich der Mittel- und Hochpotenzen ab. Und auf diesen Sektor zielt die weltweite Ablehnung der Homöopathie durch die Wissenschaftsgemeinde. Zu dieser Debatte hatte Herr Hevert außer einigen Unwahrheiten durchaus nichts beizutragen.

Ja. Unwahrheiten. Er hat sich allen Ernstes -in Opposition zur Beurteilung der weltweiten Forschergemeinde- zu der Aussage verstiegen, die Forschungen zur Wirksamkeit der Homöopathie würden diese auf die gleiche Evidenzstufe stellen wie die wissenschaftsbasierte Medizin (das Wort Schulmedizin, das von Hahnemann als abwertende Bezeichnung eingeführt wurde, verwende ich nicht). Das ist eine glatte Unwahrheit, was sich mit vielen Nachweisen belegen lässt. Nur eine wichtige Quelle dazu, die unbedingt in einem kritischen Beitrag zur Homöopathie hätte erwähnt werden müssen: Das Review der Australischen Gesundheitsbehörde NHRMC aus dem Jahre 2015. Und ganz aktuell gerade heute auf dem Portal sciencebasedmedicine.org:

“Unsurprisingly, rigorous clinical trials have shown that homeopathic potions in fact do not work.”  (https://www.sciencebasedmedicine.org/ftc-homeopathy-win/)

Alleine mit dem Stehenlassen der ungeheuerlichen Behauptung von Herrn Hevert ist Ihr Filmbeitrag bereits völlig entwertet.

Vielleicht aus den Ausführungen von Herrn Hevert noch zu erwähnen, dass er seine Fertigung als derart aufwendig und teuer darstellt, dass der Nachteil der Forschungs-, Entwicklungs- und Zulassungskosten für pharmazeutische Arzneimittel -die er nicht zu tragen hat- praktisch aufgehoben würde. Wenn ich den Jahresumsatz von Hevert Arzneimittel von rund 22,3 Mio. Euro (2016: Quelle Bundesanzeiger) zugrunde lege -Umsatz wohlgemerkt!- dann dürfte dieser Betrag in der Pharmaforschung vielleicht knapp reichen, um beispielsweise ein etwas weiterentwickeltes Statin auf den Markt zu bringen (wahrscheinlich selbst das nicht). Für Dinge wie Krebsmedikamente, AIDS-Pharmaka, neuartige Impfstoffe z.B. gegen Tropenkrankheiten wie Ebola kann man an diesen Betrag -wohlgemerkt, den Umsatz von Hevert, nicht den Gewinn- getrost verzehn- bis verhundertfachen. Vor diesem Hintergrund ist dieses Statement von Herrn Hevert ein Fall für verzweifeltes Kopfschütteln. Eine Firma im Pharmaziebereich mit einer derartigen Umsatz- und Bilanzsumme kann wohl nur im weitestgehend forschungsfreien Biotop der alternativen Medizin ohne Zulassungsverfahren existieren.

Hier fehlt es an Recherche, um Klarstellung im Verhältnis zu eindeutigen Fakten. Leider gibt der Beitrag den Proponenten der Homöopathie eine fröhliche und farbenfrohe Plattform, wo nichts, aber auch gar nichts von ihren Äußerungen und Ansichten relativiert wird. Wie erwähnt- Sie hatten mit Natalie Grams jemand zur Verfügung, die zu weitaus fundierteren Statements in der Lage und bereit gewesen wäre als zu denen, mit denen sie im Film zu Wort gekommen ist.

Wie gesagt, ich bin enttäuscht. Sehr enttäuscht. Denn dieser, durch seinen Titel als kritisch angekündigte Beitrag trägt nichts dazu bei, dem potenziellen Patienten eine sachlich fundierte Entscheidungshilfe zu geben. Im Gegenteil. Der „positive Touch“ pro Homöopathie durchzieht den gesamten Beitrag. Ich bedauere das sehr.

 

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Bildnachweis: Screenshot spiegel.tv wissen

Aktuell: Zur LMU und der Homöopathie.

Cut the nonsense
Kein weiterer Kommentar.

Den an meinem Blog Interessierten wird nicht entgangen sein, dass das Informationsnetzwerk Homöopathie und der GWUP-Wissenschaftsrat sich mit einem offenen Brief deutlich gegen die Homöopathie-Propaganda zur Wehr setzen, die an der „exzellenten“ Ludwig-Maximilians-Universität München stattfindet – konkret durch die Ankündigung einer Ringvorlesung in Zusammenarbeit mit dem DZVhÄ, die eine ganze Reihe „homöopathischer Behandlungsansätze“ für eine Reihe von -teilweise massiven- Krankheitsbildern vorstellt.

Erfreulicherweise hat dieser offene Brief ein deutliches Medienecho gefunden, wobei der Fairness halber darauf hingewiesen sei, dass als erster Dr. Werner Bartens in der Süddeutschen Zeitung auf die erneute Ankündigung einer solchen Veranstaltung an der LMU kritisch hingewiesen hat.

Nun ja. Bleibt ja gar nichts für diesen Blog. Nichts? Oh, die Deutsche Apotheker Zeitung, ein erfrischend kritisch eingestelltes Publikationsorgan, nimmt sich der Sache ebenfalls an und berichtet auch über die Stellungnahme der Pressestelle der LMU. Da sollte sich doch was zum Kommentieren finden lassen… auch unter dem Aspekt, wie verräterisch Sprache im Hinblick auf die dahinterstehende Einstellung sein kann.

Was sagt nun die Uni?

„Die Homöopathie ist eine komplementärmedizinische Behandlungsmethode, die auf dem Prinzip ‚similia similibus curentur‘ beruht“.

Bis auf den Begriff „komplementärmedizinisch“ könnte man den Satz ja als zumindest nicht falsch hinnehmen, abgesehen von seinem etwas begrenzten Informationsgehalt. Die Methode beruht ja schließlich noch auf einigen anderen Dingen. Und wieder die alte, bereits im allerersten Beitrag meines Blogs beantwortete Frage: Was um Himmels Willen ist eine „komplementärmedizinische Methode“?

„Sie wird kritisch diskutiert, da bis heute keine naturwissenschaftliche Begründung einer über einen Placebo Effekt hinausgehende Wirksamkeit belegbar ist.“

Dass die angekündigte Ringvorlesung irgendetwas mit einer kritischen Diskussion zu tun hat, erschließt sich auch dem unvoreingenommenen Betrachter keineswegs. Methodenunkritischer kann man eine universitäre Veranstaltung wohl kaum anlegen. Auch an anderer Stelle vermisst man die wirkliche methodenkritische Auseinandersetzung mit der Homöopathie, nämlich im Rahmen des Wahlpflichtfachs gleichen Namens im regulären Medizinstudium.
Und mal wieder: „Belegbar.“ Es muss heißen: „Nicht belegt“, denn „belegbar“ suggeriert lediglich, dass man sozusagen fieberhaft auf den nah bevorstehenden erlösenden Moment warte, an den das große „Heureka!“ der homöopathischen „Forschergemeinde “ ertönt. Suggestiver kann man kaum formulieren. Nämlich in die Richtung, es läge an der Wissenschaft und nicht an der Homöopathie, dass ihre Wirksamkeit „noch“ nicht „belegbar“ sei.
Noch genaueres Hinsehen aber offenbart eine rabulistische Spitzfindigkeit, die man so gar nicht erwartet hätte. Was bedeutet denn, „…keine naturwissenschaftliche Begründung einer … Wirksamkeit“ sprachlich? Genau, es postuliert mal eben so im Vorbeigehen auch noch das Vorliegen einer solchen Wirksamkeit, für das eben einfach nur noch die „naturwissenschaftliche Begründung“ fehle! So wird durch eine einfach sprachliche Wendung mal eben die Existenz der Wirksamkeit der Homöopathie vorausgesetzt, nur -leider- kenne man den Wirkungsmechanismus noch nicht… Damit wird die Homöopathie sozusagen im Vorbeigehen auf das Niveau einer ganzen Reihe von evidenzbasierten Mitteln und Methoden gehoben, die hochwirksam und im täglichen Einsatz sind, gleichwohl der Wirkungsmechanismus nicht oder nicht vollständig bekannt ist.
Ich will hier gar nicht von Unredlichkeit sprechen. Aber eine solche Formulierung sollte doch der Pressestelle einer hochangesehenen Universität eigentlich nicht ungewollt entschlüpfen.

200 Jahre kein Beleg, aber es wird „kritisch diskutiert“… seufz…

„Eine Veranstaltung zur Homöopathie anzubieten bedeutet entsprechend nicht, dass die Homöopathie in den gleichen Rang wie die evidenzbasierte Medizin erhoben wird.“

Das wollen wir ja nun wirklich nicht hoffen. Dafür gibt es andere Organisationen, Vereinigungen und Personen. Allerdings – bezogen auf die konkret kritisierte Ringveranstaltung tut die LMU geschieht genau das eben doch. Wie anders soll ich eine durchgängig unkritische „Präsentation“ von „homöopathischen Ansätzen“ in der Ringvorlesung denn sonst interpretieren? Sie ist mit dem Angebot einer Kaffeefahrt eher zu vergleichen als mit universitärer kritischer Methodenlehre.

Viele Patienten verbinden mit komplementärmedizinischen Therapien große Hoffnungen, Die klinische Medizin kann sich daher auch nicht auf eine rein naturwissenschaftliche Perspektive begrenzen.“

Jetzt wird es richtig ärgerlich. Es sollte ja wohl die Aufgabe universitärer Lehre in der Medizin sein, dem Entstehen solcher Hoffnungen und damit dem Risiko, dass sich Patienten unwirksamen und / oder schädlichen Verfahren zuwenden, in aller Deutlichkeit entgegenzuwirken. Statt dessen wird aus diesem bedauerlichen Umstand der Schluss gezogen, „die klinische Medizin könne sich daher auch nicht auf eine rein naturwissenschaftliche Perspektive begrenzen“? In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass die Ringvorlesungen jedermann, auch Nichtmatrikulierten, offenstehen – zweifellos auch Menschen, die damit erst recht zu unbegründeten Hoffnungen verleitet werden.

Ein Offenbarungseid allererster Güte. Damit sind doch alle halbherzigen Relativierungen, die sich so durch die Stellungnahme der LMU-Pressestelle ziehen, komplett vom Tisch gefegt. Auch die Behauptung, man setze sich „kritisch“ mit Komplementärmedizin (ich hasse dieses Wort…) auseinander. Denn die kritische Auseinandersetzung gehört zweifellos zur naturwissenschaftlichen Perspektive – die man ja gern entgrenzen möchte.
Löst Hogwarts an der Isar jetzt Hogwarts an der Oder ab?

„Komplementärmedizinische Themen seien im Medizinstudium verankert und damit prüfungsrelevant für das Staatsexamen…“

…in der Form, wie sie hier propagiert und verteidigt werden, schlimm genug…

„… zudem müssen die Absolventen im klinischen Alltag diskussionsfähig sein auch hinsichtlich umstrittener Heilverfahren.“

Dem stimme ich aus ganzem Herzen zu, das ist auch eine zentrale Forderung des offenen Briefes von INH und GWUP. Nur wie die LMU das mit ihrer auch in der Pressemitteilung deutlich werdenden durchweg unkritischen Haltung zur Homöopathie leisten will, bleibt eines der großen Geheimnisse dieses Universums. Da bedürfte es sicher erst einmal einer Neujustierung.

„Wenn am Klinikum der LMU komplementärmedizinische Behandlungsmethoden zum Einsatz kommen, werden sie immer nur in Ergänzung evidenzbasierter Methoden angewendet – niemals an deren Stelle.“

Ah ja. Und welche belastbaren Schlüsse hinsichtlich der Wirksamkeit der Homöopathie will man ziehen, wenn sie ergänzend zu evidenzbasierten Methoden eingesetzt wird? Daran ist bis jetzt noch jede Studie gescheitert, die sich daran versucht hat (z.B. die Sepsis-Studie von Prof. Frass, Wien).
Ganz abgesehen von der Kleinigkeit, dass kaum etwas frasser… äh, krasser der Hahnemannschen Lehre widerspricht als eine parallele -ach, sagen wir ruhig mal komplementäre- Behandlung mit Homöopathie und evidenzbasierter Medizin. Das kann man auf diesem Blog beispielsweise hier schon eine ganze Weile nachlesen.

„Ziel eines Pilotprojektes ‚Integrative Pädiatrie‘ am Dr. von Haunerschen Kinderspital ist es, die wissenschaftstheoretischen Grundlagen zu erörtern und klinische Studien zu initiieren. Dies entspricht unserem akademischen Auftrag, die Phänomene der Natur und der Medizin einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.“

Ah ja. Was soll man jetzt dazu sagen. Schon 2015 hat das Laborjournal recherchiert, dass nach 20-jährigem Pilotprojekt (…) keine einzige wissenschaftliche Studie aus den homöopathischen Bemühungen am von Haunerschen Kinderspital hervorgegangen ist. Von einer Erörterung der wissenschaftlichen Grundlagen der Methode ist mir auch nichts bekannt. Wie auch. Sie hat keine wissenschaftlichen Grundlagen.
Einen speziellen Kommentar zum allerletzten Satz erspare ich mir.

Was für eine schwache Vorstellung. Da bleibt nur noch ein Zitat des guten alten Louis Pasteur : „Die größte Störung des Geistes ist, an etwas zu glauben, weil man will, dass es so sei.“

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Bildnachweis: Fotolia_117661345_XS

Nur ganz kurz…

klopftherapie

Jetzt weiß ich, was Alternativmedizin ist:

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/england-diabetikerin-stirbt-nach-chinesischer-pruegeltherapie-a-1121182.html

Leider nicht kommentierbar. Deshalb vielleicht auf diesem Wege die Bitte an den Spiegel, künftig das Wort „Alternativmedizin“ zu vermeiden und in derartigen Zusammenhängen nur noch von „Pseudomedizin“ (oder von Kriminalfällen) zu sprechen.

Der Duden gibt folgende Bedeutungen für „alternativ“ an:

freie, aber unabdingbare Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten; das Entweder-oder;
zweite, andere Möglichkeit; Möglichkeit des Wählens zwischen zwei oder mehreren Dingen

Alternativ in unseren Fällen also die Wahl zwischen bewährter medizinischer Behandlung andererseits, von der schon Millionen profitiert haben, und völlig ungewisser, nicht beurteilbarer Methoden, die zudem richtig teuer sind, auf der anderen Seite. Als Ausdruck des Menschenrechts, die Freiheit zur Entscheidung für den eigenen Untergang treffen zu dürfen.
Ich vergaß – in Deutschland ja seit einiger Zeit durch § 217 StGB ziemlich eingeschränkt. Aber nicht bei der Inanspruchnahme von Scharlatanerie jeder Art. Da fällt mir ein – könnte man diese Leute nicht im Bedarfsfall nach § 217 StGB in Deutschland wegen geschäftsmäßiger Beihilfe zum Suizid belangen?

Um jedem Vorwurf der Unvergleichbarkeit mit der Geschichte im Link vorzubeugen: Der Unterschied ist gradueller Art. Im Falle homöopathischer oder heilpraktischer „Behandlung“ ernster Erkrankungen sind diese potenziell genauso gefährlich.

Demnächst an dieser Stelle wieder längere Beiträge von mir (ist keine Drohung).. Vielleicht auch mal zu der Frage, was Menschen dazu bringt, sich freiwillig in solche „Alternativen“ zu begeben.

Nachtrag, auf Anregung einer treuen Leserin:

Klopftherapie in allen erdenklichen Formen, mit oder ohne Bezug fernöstliche Weisheiten, ist im Programm jedes besseren Heilpraktikers gleich um die Ecke. Deshalb kriegt dieser Beitrag auch noch einen Tag zum Begriff „Heilpraktiker“. Passt ja zu meinen sonstigen Auslassungen zu diesem Spezialthema. Und ein Beitragsbild gibt es auch noch dazu: Google-Ergebnis zu Klopftherapie, Stand heute abend, 20:40 Uhr.

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Nachtrag zu“Homöopathie wirkt nicht? Die Wikipedia ist schuld!

bosch-animated-video
Hieronymus Bosch: Die Verschwörung der materialistischen Skeptiker gegen die Homöopathen (2016)

Die Sache mit der Behauptung, die Wikipedia habe vor lauter Bösartigkeit und im Kniefall vor den Skeptikern und ihrer materialistischen Weltanschauung den Homöopathie-Artikel zeitweilig zur Bearbeitung gesperrt, hat mich nun doch nicht ruhen lassen. In Ergänzung zu meinem Beitrag vom 04.11. hier also für den geneigten Leser noch ein paar interessante Rechercheergebnisse.

Nur eine Blaupause… 

Zunächst einmal hat sich ergeben, dass es eine -wenn auch weit ausführlichere- direkte Vorlage für den Artikel des DZVhÄ  gibt. Dabei handelt es sich um einen Beitrag bei der amerikanischen Huffington Post  des „homöopathischen Arztes Dana Ullman der -sagen wir mal- für seine leidenschaftlichen Interventionen zugunsten der Homöopathie auf vielen Plattformen und in so manchen Foren durchaus einen gewissen Ruf genießt. Ullman verfolgt exakt den gleichen Grundtenor wie Jens Behnke beim DZVhÄ , ist aber weitaus ausführlicher, was seine „Belege“ und weitaus deutlicher, was die Wikipedia angeht. Wie immer bei Ullman, wird man von der Unzahl an vorgeblichen Beweismitteln geradezu erschlagen, auch der Artikel bei der HuffPost strotzt nur so vor Quellenangaben. Beim näheren Hinsehen allerdings zeigt sich auch hier wieder die Gültigkeit der Weisheit aus dem biblischen Buch Kohelet, auch Prediger Salomo genannt: Es gibt nichts Neues unter der Sonne, alles ist schon einmal dagewesen. Aber diese Inhalte sollen hier nicht Gegenstand der Debatte sein.

Sperre? Artikel? Oder wer?

Vielmehr ist interessant, dass Ullman diesen Artikel offensichtlich im Furor über seine eigene Sperrung als Editor bei Wikipedia verfasst hat, er beklagt sich bitterlich darüber, dass er wegen seiner Eigenschaft als ausübender Homöopath gesperrt worden sei. Schließlich würden ja Ärzte auch nicht bei Medizinthemen gesperrt. Wo er recht hat, hat er recht. Und genau deshalb war ich auch wenig geneigt, seiner Behauptung zu den Gründen seiner Sperre Glauben zu schenken.

Mal sehen, was hierzu in Erfahrung gebracht werden kann.

Es ist nicht allzu schwer, in Wikipedias Referenzseiten den Bericht des Schiedsgerichts zu finden, der 2008 zu einer einjährigen Sperre von Ullman. geführt hat -nicht etwa, wie der Behnke-Artikel suggeriert, zu einer kompletten Editionssperre des gesamten Artikels -in Deutschland ohnehin nicht, in Amerika ebensowenig, wie ein Blick in die Versionsgeschichte zeigt.

Konflikte mit Ullman waren vorher schon in einem niederschwelligeren Verfahren bei Wikipedia behandelt worden, ohne dass dies von Erfolg gekrönt war. Letztendlich gelangte sein gesamtes Verhalten vor das fünfköpfige Wikipedia-Schiedsgericht, das über die von verschiedenen Seiten gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu befinden hatte.

Die Schiedsgericht führt hier die Wikipedia-Regeln an, deren Nichteinhaltung Ullman vorgehalten wurde (Auszüge):

1) Der Zweck von Wikipedia ist es, eine qualitativ hochwertige, frei zugängliche Enzyklopädie in einer Atmosphäre von Kameradschaft und gegenseitigem Respekt unter den Mitwirkenden zu schaffen. Die Nutzung der Website für andere Zwecke, wie zum Beispiel Befürwortung oder Propaganda, Förderung von äußeren Konflikten, Veröffentlichung oder Förderung originärer Forschungsergebnisse sowie politischer oder ideologischer Kampf, ist verboten.

2) Von Wikipedia-Nutzern wird erwartet, sich angemessen, ruhig und höflich bei ihren Interaktionen mit anderen Nutzern zu verhalten und auch  schwierige Situationen angemessen und mit konstruktiver und auf Zusammenarbeit gerichteter Perspektive zu behandeln. Jedes Handeln ist zu vermeiden,  das das Projekt in Verruf bringt. Unangemessenes Verhalten, wie persönliche Angriffe, bösgläubige Annahmen (Unterstellungen), Trolling, Belästigung, destruktive Argumentationen und das nicht ernsthafte Benutzen des Systems sind verboten.

3) Wikipedia-Artikel sollten sich auf zuverlässige, von Drittanbietern veröffentlichte Quellen mit solider Reputation hinsichtlich Tatsachenprüfung und Genauigkeit verlassen.. Quellen sollten direkt die Informationen stützen, wie sie in einem Artikel dargestellt werden und sollten den Ansprüchen des Themas angemessen sein: Außergewöhnliche Ansprüche erfordern außergewöhnliche Quellen.

Die Vorwürfe gegen Ullman, der offensichtlich auch eine wenig kollegiale Einstellung gegenüber der Wikipedia-Gemeinde in den USA gezeigt hat, bezogen sich vor allem auf seine ständige direkte Promotion der Homöopathie durch seine eigenen Beiträge und die Versuche, Beiträge anderer zu verhindern, ohne ausreichende Faktenbasis zu verändern oder zu diskreditieren. So hat er zum Beispiel Quellenangaben „hochgeschrieben“, indem er Zeitschriften eine Reputation zusprach, die sie nachweislich nicht im Entferntesten hatten. Anderes Beispiel: Er legte Studien, z.B. der berühmten Studie von Shang et.al., in seinen Beiträgen Bedeutungen bei, die die Verfasser selbst niemals behauptet hatten. Und so weiter…Zudem stand er unter dem Vorwurf, ständig versucht zu haben, andere Wikipedia-Redakteure „wohlwollend“ in seiner Richtung zu stimmen – was im Schiedsgerichtsverfahren so interpretiert wurde, dass er unter „Wohlwollen“ das vollständige Einschwenken auf seine Linie verstehe…

Nun gut, in die Einzelheiten brauchen wir nicht weiter zu gehen, wen es interessiert, die Quellen sind im Text oben verlinkt. Fest steht, dass aufgrund all dessen Ullman für ein Jahr von jeder Funktion bei Wikipedia gesperrt worden ist, was ein ziemlich deutliches Signal war. Mit fünf zu null Schiedsrichterstimmen. Ullman, nicht die Wikipedia-Seite. Nun, erstmal hatte sich ihm ja die HuffPost als virtuelle Klagemauer zur Verfügung gestellt…

Ach ja, der Artikel auf homoepathie-online…

Und aus alldem macht nun der Deutsche Zentralverband homöopathischer Ärzte  ein die Grenzen der Verschwörungstheorie überschreitendes, faktenbefreites und aus dem Einzelfallkontext „Ullman“ gerissenes Rührstück über die armen, der reinen Wissenschaft verpflichteten Homöopathen, die unter der Knute der gnadenlos materialistisch  ausgerichteten Skeptiker verzweifelt die letzten sicheren Zufluchtsorte aufsuchen müssen…

Keine Worte.

___________________

Nachtrag zum Nachtrag:

Eine weitere Vorlage für den Artikel auf homoeopathie.online ist eine Petition auf change.org, die schon 2014 „selbsternannte Skeptiker“ aus Wikipedia verbannen wollte – zugunsten der Freiheit, ungehemmt Unsinn zu verbreiten und endlich „richtige“ Informationen über die wahre wahrste Wahrheit auf allen Wikipedias dieser Welt unter die Menschheit zu bringen:

This is exactly the case with the Wikipedia pages for Energy Psychology, Energy Medicine, acupuncture, and other forms of complementary/alternative medicine (CAM), which are currently skewed to a negative, unscientific view of these approaches despite numerous rigorous studies in recent years demonstrating their effectiveness. These pages are controlled by a few self-appointed “skeptics” who serve as de facto censors for Wikipedia. …

(Dies (Unterdrückung und Zensur) ist genau der Fall bei den Wikipedia-Seiten für Energiepsychologie, Energiemedizin, Akupunktur und andere Formen der Komplementär- / Alternativmedizin (CAM), die gegenwärtig trotz zahlreicher rigoroser Studien in den letzten Jahren, die die Wirksamkeit dieser Methoden zeigen, bei einer negativen, unwissenschaftlichen Betrachtung dieser Ansätze beharren. Diese Seiten werden von einigen selbst ernannten „Skeptikern“ kontrolliert, die als de facto-Zensoren für Wikipedia dienen. …)

Na, kommt uns das bis in die Formulierung hinein bekannt vor?

Für Wikipedia antworte Gründer Jimmy Wales höchstselbst auf diese Petition, und zwar direkt auf der Petitionsseite bei change.org:


No, you have to be kidding me. Every single person who signed this petition needs to go back to check their premises and think harder about what it means to be honest, factual, truthful. … What we won’t do is pretend that the work of lunatic charlatans is the equivalent of „true scientific discourse“. It isn’t. 

(Nein, ihr wollt mich wohl auf den Arm nehmen. Jede einzelne Person, die diese Petition unterzeichnet hat, muss zurückblicken und sich besinnen, um ihre Standpunkte und deren Prämissen zu prüfen und intensiver darüber nachzudenken, was es bedeutet, ehrlich, sachlich und wahrhaftig zu sein. … Was wir nicht tun werden, ist so zu tun, als sei das Werk verrückter Scharlatane ein Äquivalent des wirklichen wissenschaftlichen Diskurses. Ist es nicht.)

Danke, Jimmy.

 

 

 

Bildnachweis: gemeinfrei

Homöopathie wirkt nicht? Die Wikipedia ist schuld!

wikipedia
Plattform für Skeptiker und Verschwörer! Buuuuh!

Auf der Seite homoeopathie-online.info des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte wird derzeit wieder ein Artikel aus dem Jahre 2015 promoted, der den ganzen Jammer der Homöopathie-Fraktion über die hinterhältigen Vernichtungsstrategien der Rationalisten auf den Punkt bringt. Jens Behnke beklagt darin ebenso wort- wie tränenreich, welch schlechte, falsche und auch ungerechte Behandlung die Homöopathie im Online-Lexikon Wikipedia erfährt. Und zwar aufgrund hinterhältiger Verschwörungen der Skeptiker-Szene.

Da mich Ungerechtigkeiten stets auf den Plan rufen, habe ich aktuell noch einmal den Wikipedia-Artikel zur Homöopathie eingehend studiert. Wobei ich -allerdings, voreingenommen wie ich bin- keine Anzeichen für irgendwelche Parteilichkeit feststellen konnte. Zweifellos haben im Zeitraum von Februar 2015 -Datum von Herrn Behnkes Artikel- bis zuletzt am 30.10.2016 etliche Änderungen stattgefunden, aber laut Versionsvergleich kein „Umschreiben“ des Artikels, ich darf deshalb mit Recht davon ausgehen, dass ich in etwa den gleichen Beitrag gelesen habe, der so harsch vom DZVhÄ kritisiert wird.

Der Homöopathieartikel hat bei Wikipedia im Übrigen seit 2010 das Prädikat „lesenswert“, aber das nur am Rande. Für mich jedenfalls ist er ein Musterbeispiel eines sachlich-neutralen Beitrags. Er stellt über rund zwei Drittel seines Umfangs in mustergültiger Neutralität das Gedankengebäude der Homöopathie, basierend auf Hahnemanns Verlautbarungen und unter Einbeziehung wesentlicher „Lehrmeinungen“, dar. Aber dann… dann kommt es, woran sich der Eifer des DZVhÄ entzündet: Die Ziffern 7 (Kritik an der Homöopathie) und 8 (Risiken der Homöopathie). Na, die hätte man doch wohl weglassen können!

Eigentlich könnte ich hier Schluss machen, denn damit ist im Grunde das Verschwörungsgezeter der Homöopathiefraktion für jeden, der sich ganz einfach selbst überzeugt (siehe Links oben), bereits als Propaganda deutlich geworden. Um die Denkweise des Zentralvereins aber einmal näher kennenzulernen, gehen wir auf einige Aussagen im Artikel von homoeopathie-online doch noch ein.

Gleich oben im Teaser steht der Satz

Was geschieht, wenn wissenschaftliche Fakten auf Weltanschauungen treffen?

Ganz einfach: Dann kommen solche Artikel wie der von Herrn Behnke heraus. Es könnte allerdings im Bereich des Möglichen liegen, dass Herr Behnke etwa der Meinung ist, die Homöopathie stehe auf der Seite der wissenschaftlichen Fakten und die Kritiker auf der Seite der Weltanschauungen!?  Das allerdings wäre nun doch sehr, sehr hoch gegriffen und überfordert deutlich mein allgemeines Vertrauen in die Tatsachen des Lebens. Da muss schon mehr kommen (kommt aber nicht). Um mit Bertrand Russell zu sprechen: Sir, why did you not give me better evidence?

Der Beitrag beginnt mit einer höchst selektiven Zitatwahl.

Kein Wunder, soll doch der nachfolgenden Verschwörungstheorie der Boden bereitet werden. Einige einleitende Sätze zur den Kapiteln 7 und 8 aus der Wikipedia – zu Kritik und Risiken- werden demonstrativ angeführt und damit die Kapitel 1 bis 6, die sich ausführlich mit dem homöopathischen Lehrgebäude -in gebotener Neutralität und großer Ausführlichkeit- befassen, einfach unterschlagen. Das bezeichne ich mal als unredlich und manipulativ – genau das, was dem Wikipedia-Artikel -zu Unrecht, wie ich meine- vorgeworfen wird.

Das Hohelied der Konsensbildung

… folgt anschließend. Mal eben im Vorbeigehen wird erläutert, dass außerhalb „unstrittiger Themen“ die Wikipedia letztendlich ausgewogene Informationen bereitstellen soll; die Urteilsbildung werde dem Leser überlassen. Es wird beklagt, dass eben dies nicht geschehe. Breit wird entfaltet, wie die Homöopathie-Gegner genau diesen Artikel bei der Wikipedia unterlaufen haben und sogar die Administratoren ganz offensichtlich zu den Mitverschwören gegen die Zuckerkugelindustrie gehören. Unterfüttert mit der Behauptung, dass sogar der Artikel „eingefroren“ worden sei, d.h. für weitere Bearbeitung gesperrt. Was allerdings an der Versionsgeschichte auf der Wikipedia nicht erkennbar ist – wie dem auch sei, bleibt offen, wer und warum eine solche Sperrung ausgelöst haben mag.

Was nun die Forderung nach Konsens bei umstittenen Themen angeht – ist Wikipedia wirklich eine Plattform zur Aushandlung von Kompromissen? Widerspricht doch schon der zitierten Aussage, dass „die Urteilsbildung dem Leser überlassen bleibe“ (was selbstverständlich ebenfalls Unsinn ist). Und „ausgewogene “ Darstellung ist zweifellos eher eine Untugend, die im Journalismus weit verbreitet ist und mit der die Propaganda für Unsinn gern verbrämt wird. Ein wissenschaftlicher Anspruch, wie er von den Homöopathen so gern -auch hier- reklamiert wird, fordert die Darstellung der Lehrmeinung bzw. der Ausgangshypothese unter Anführung von abweichenden Standpunkten. Genau dem folgt der Wikipedia-Artikel – geradezu formvollendet.

Es folgt das große Mimimi:

„Wikipedia ist in Bezug auf die Homöopathie eine Plattform, auf der eine Gruppe von Menschen ihre persönliche Überzeugung unter dem Deckmantel der Wissenschaft vorträgt. Mutmaßlich handelt es sich hierbei um Mitglieder der sog. „Skeptikerbewegung“, einer Organisation, die in dogmatischer Art und Weise eine materialistische Weltanschauung verficht und sämtliche Phänomene zu leugnen versucht, die sie mit ihr im Konflikt sieht. Für die aus den USA stammende Ursprungsbewegung sind zudem Verbindungen zur Pharmaindustrie aufgezeigt worden.“

Umgekehrt wird ein Schuh draus. Kein weiterer Kommentar. Höchstens, dass alle Plattformen, auf denen die Homöopathie gepriesen wird, Musterbeispiele für das Vortragen persönlicher Überzeugungen unter dem Deckmantel der Wissenschaft sind. Siehe auf diesem Blog -auch zur Vermeidung von Wiederholungen- beispielsweise hierhier und auch hier. Und immerhin ist bemerkenswert, dass die Homöopathiehersteller -in den USA wie auch hier- Bestandteil der Pharmaindustrie sind, allen ihren Vereinigungen und Verbänden angehören und -wie kürzlich zu vernehmen war- diese Verbände und Vereinigungen sich deutlich GEGEN eine Einschränkung der Homöopathie als Kassenleistung aussprechen… Honi soit qui mal y pense.

Danach wird es richtig langweilig.

Das Studienthema wird wieder aufgewärmt, selbst der „homöopathische Arzt Dana Ullman“ beklage deren miese Beachtung in der Wikipedia. War das nicht derjenige, der vor kurzem ernsthaft versuchte, eine „Studie“ zu promoten, die in Höchstpotenzen „Nanopartikel“ nachgewiesen haben wollte… ? All diese Studien sind -wie auf diesem Blog schon mehrfach erläutert wurde- wertlos für einen evidenten Wirkungsnachweis der Homöopathie. Und wenn sie, wie Herr Behnke erwähnt, in „Fachkreisen“ hoch gehandelt werden, so handelt es sich bei diesen „Fachkreisen“ um weniger als ein Prozent der weltweiten Wissenschaftsgemeinde.

Ganz sachlich: Die geäußerte Ansicht, auch der darstellende Teil des Wikipedia-Artikels sei manipulativ, falsch dargestellt und weitgehend belegfrei, teile ich nicht. Der Artikel verweist auf sage und schreibe 265 Einzelnachweise, dazu auf Literatur und Quellen erheblichen Umfanges, darin die homöopathischen Lobbyverbände. Man könnte es auch viel kürzer machen, was vielleicht bei unerfahrenen Lesern viel eher zu einer kritischen Haltung gegenüber der Homöopathie führen würde als die vorliegende umfangreiche Darstellung. Aber nein, man ist einfach mit nichts wirklich zufrieden…

Kurz gesagt, halte ich den Artikel auf homoeopathie-online geradezu für eine Verleumdung der Wikipedia, bei der natürlich nicht alles Gold ist, was glänzt. Aber das hier…

Versöhnlicher Ausklang?!?

Nun, zum Schluss kann man lesen:
„Glücklicherweise scheint die Meinungsmache im Internet keinen bedeutenden Einfluss auf die Patienten zu haben: Die Homöopathie steigt nach wie vor in der Beliebtheit der Bevölkerung. [15] Kein Wunder, denn ihre Heilerfolge lassen sich nicht wegdiskutieren!“

Ja, wie schön! Und was soll das Ganze dann? Es ist der Ruf nach wissenschaftlicher Reputation, danach, den hier schon oft zitierten „scheinwissenschaftlichen Anstrich“ doch noch in eine anständig haftende Deckschicht zu verwandeln. Der menschliche, allzumenschliche Ruf nicht nur nach Erfolg, sondern auch nach Anerkennung. Wird aber nichts draus.

Wenn wir schon bei versöhnlichen Schlussworten sind, auch eines von mir, das Motto dieses Blogs:

„Es ist immer dasselbe: Wenn Paramediziner von ‚Wissenschaft‘ reden, meinen sie in Wahrheit ihren eigenen Aberglauben.“

Prof. Dr. med.  Dr. med.h.c.mult. Otto Prokop

 

 

Ach ja, einen Änderungsvorschlag hätte ich auch noch für die Wikipedia: Bitte ersetzt doch durchgängig den Begriff „Alternativmedizin“ durch „Pseudomedizin“.

 

Och nee… Schon wieder Heilpraktiker(reformen)…

jonglieren
Fröhliches Paragrafenjonglieren

Neues von der Heilpraktikerreformfront. Wie das Ärzteblatt berichtet, ist man in Berlin offenbar dabei, einen gewaltigen Anlauf zu einer grundlegenden Reform des Heilpraktikerwesens zu nehmen (zum Thema in diesem Blog siehe hier, hier und auch noch hier.

Worauf dürfen sich nun Skeptiker und Kritiker freuen, die in den letzten Wochen vielfach fundierte Kritik am Heilpraktikerwesen, diesem Wurmfortsatz am öffentlichen Gesundheitswesen, geäußert haben? Nun, ich zitiere das Ärzteblatt

„Die Gesundheitsämter können die Erlaubnis versagen, „wenn sich aus einer Überprü­fung der Kenntnisse und Fähigkeiten des Antragstellers ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für die Volksgesundheit bedeuten wür­de“, heißt es in den Leitlinien. Gemäß Änderungsanträgen von Union und SPD soll künf­tig eine Erlaubnis auch dann versagt werden können, wenn die Überprüfung ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für jeden einzelnen Pa­tienten bedeuten würde.“

Aha. Soso. Darum geht’s. Ich erlaube mir mal, das als belangloses Wortgeklingel abzutun. Doch halt: Der juristische Instinkt in mir spürt: Hier stimmt doch was nicht…

Rein sprachlogisch: Wie soll denn festgestellt werden, dass jemand für jeden einzelnen Patienten, den er in Zukunft haben wird, eine Gefahr darstellt? Das ist doch kompletter Unsinn. Ungefähr der umgekehrte Fall des alten Problems, wie man feststellt, warum eine bestimmte Einrichtung einen gewaltigen Besucherschwund aufweist: Gar nicht, denn die Leute, die weg sind, kann man ja nicht mehr fragen. Und: Es liegt ja auf der Hand, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Wohlfühl-Patienten erscheinen werden, die entweder gar keine oder eine selbstlimitierende, harmlose Erkrankung haben und denen ein paar Globuli oder eine Pendelsitzung, meinetwegen auch eine anthroposophische Kräutermischung, sicher nicht gefährlich werden. Damit könnte dieser Ausschlussgrund niemals wirklich zum Tragen kommen.

Damit ist die geplante „Neuregelung“ schon mal eine unnötige und unwirksame Leerformel. Vermutlich schielt der Bund mit einem Auge darauf, dass die Länder per Durchführungsbestimmung dieses schöne Produkt intensiven gesetzgeberischen Nachdenkens schon noch irgendwie mit Inhalt füllen werden. Nur: Siehe den vorhergehenden Absatz. Der Unterschied zwischen Leerlauf und Stillstand besteht lediglich im Energieverbrauch, für die Fortbewegung ist er unwesentlich.

Wie soll vor einem solchen Hintergrund eine rechtssichere, einem verwaltungsgerichtlichen Verfahren standhaltende „Prüfung“ stattfinden? Eine derart unsinnig-verquaste Regelung wird eher dazu führen, dass die Prüfenden, da ihnen die Kriterien entgleiten, mit Aussicht auf unfruchtbare Widerspruchs- und Rechtsmittelverfahren eher mal Fünfe gerade sein lassen als bisher. Und das wäre schlimm, sehr schlimm.

Fazit: Ich gehe mal -in dubio pro legislator- davon aus, dass das nicht alles sein kann, was den Fraktionen zur „Reform“ des Heilpraktikerwesens einfällt. Das hier ist allerdings schon mal eine klassische Nullnummer.

Ich stelle fest: Keinen Schritt vor, einen halben zur Seite.

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Den Begleitchor zu den aktuellen „Reformbestrebungen“ gibt unter anderem der Verband klassischer Homöopathen Deutschlands e.V. (VKHD), der übrigens unter dem Motto „ganz Homöopathie – ganz Heilpraktiker“ steht und damit einmal mehr beweist, dass Homöopathie und Heilpraktiker symbiotisch zusammen gehören. Klar, ist doch die Homöopathie schon deshalb im Schatzkästlein der Heilpraktiker und als Aushängeschild unverzichtbar, weil sie -zu Unrecht- vergleichsweise am Wenigsten im Ruf einer halbseidenen esoterischen Methode steht.

Die aktuelle Pressemitteilung des VKHD ist betitelt mit „Viele Gesetze regeln den Heilpraktikerberuf  – Heilpraktiker bereichern das Gesundheitswesen und unterliegen strengen gesetzlichen Regelungen“. Klar, man möchte der letztlich doch beunruhigenden Erkenntnis entgegenwirken, dass der Heilpraktikerstand mehr oder weniger ungeregelt vor sich hinwerkelt. Was finden wir hier außer den üblichen Beteuerungen zur Wichtigkeit, ja Unverzichtbarkeit und Seriosität des Heilpraktikerstandes?

„Das Behandlungsspektrum von Heilpraktikern wird zum Beispiel durch den sogenannten Arztvorbehalt eingeschränkt, wie es u.a. im Infektionsschutz-,  Arzneimittel-,  Zahnheilkunde- und Betäubungsmittelgesetz geregelt ist. So darf ein Heilpraktiker beispielsweise weder Zahnheilkunde ausüben noch bestimmte übertragbare Erkrankungen behandeln oder rezeptpflichtige Arzneien verordnen.

Heilpraktiker müssen sich auch an die Vorgaben des Patientenrechtegesetzes, des Medizinprodukterechts und Arzneimittel- sowie des Infektionsschutz- und Heilmittelwerbegesetzes halten. Der öffentliche Auftritt eines Heilpraktikers wird darüber hinaus noch durch das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) geregelt. Zudem gelten auch für sie dieselben Haftungs-, Sorgfalts-, Aufklärungs-, Dokumentations- und Fortbildungspflichten wie für Ärzte. Neben der Schweigepflicht müssen Heilpraktiker auch die berufsgenossenschaftlichen Vorschriften, die gängigen Anforderungen an Hygiene (RKI-Hygienerichtlinie) und an Biologische Arbeitsstoffe (TRBA 250) einhalten.“

Ah ja. Wie mir scheint, eher eine quantitative Aufzählung. Dazu sei die Bemerkung erlaubt, dass sich Otto Normalstaatsbürger noch einer weitaus größeren Menge an zu beachtenden Regelungen gegenübersieht, vom Strafgesetzbuch bis zur örtlichen Lärmschutzregelung. Auch der Bäckermeister, der Kfz-Mechaniker, der Maurerpolier sehen sich einer vergleichbaren Regelungsfülle gegenüber. Aber: All das sind Rahmen- und Ordnungsregeln. Nicht mehr. Wo aber finde ich hier das Gebot, dass die Heilpraktiker ausschließlich im Rahmen wissenschaftlicher Standards „behandeln“ dürfen? Wo finde ich eine Positiv- oder Negativliste zugelassener bzw. ausgeschlossener Mittel und Methoden? Wo finde ich etwas zum „Heilen“ oder zur „Praxis“? Zudem wage ich zu bezweifeln, ob all diese aufgezählten Einzelaspekte tatsächlich praktische Bedeutung für den Heilpraktiker entfalten. Gerade der Aspekt der Haftungs-, Sorgfalts-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten würde für sich einer eingehenden Betrachtung bedürfen. Und Fortbildungspflicht? Es gibt ja nicht einmal eine Ausbildungspflicht, geschweige denn Ausbildungsinhalte, an die eine Fortbildung anknüpfen könnte! Die Beliebigkeitsfortbildung, wie sie die Heilpraktikerschulen anbieten, soll doch wohl nicht mit der Pflichtfortbildung der Ärzteschaft gleichgesetzt werden…

Potemkinsche Dörfer. Kulisse, die das Eigentliche verdeckt, nämlich die unter dem Begriff der „Therapiefreiheit“ weitestgehende Beliebigkeit bei der Ausübung der „Heilkunde“ durch nicht wissenschaftlich ausgebildete Menschen.

 

Bildnachweis:  dreamstime_xs_35303352

Vor der Unwirksamkeit der Homöopathie wird ausdrücklich gewarnt! Ein (mehr oder weniger heiterer) Zwischenruf.

hamburg
Hamburg, Jungfernstieg, 23.10.2016, 16.00 Uhr

In Berlin, Hamburg und München, in Österreich (St. Pölten) und in der Tschechischen Republik (u.a. in Prag) fanden in diesem Jahr wieder die „10^23-Aktionen – Homöopathie: Nix drin, nix dran“ statt. An der Veranstaltung der Hamburger Regionalgruppe der GWUP am 23.10. am Jungfernstieg hatte ich die Ehre und das Vergnügen, teilzunehmen. Übrigens stand die Veranstaltung in Hamburg unter dem Motto „Verdünnisiert euch aus den Apotheken!“, der Forderung, Pseudomedizin nicht auch noch durch eine Apothekenpflicht zu adeln. Ist doch bescheiden, oder?

Der Autor hat die Einnahme eines Globuli-Fläschchens Arsenicum album C30 völlig klaglos überstanden, er fühlte sich weder besser noch schlechter danach. Nur der Mund wollte ausgespült werden, das ganze Zuckerzeug ist schon übel… Vertreter von „Die Partei“ standen zu diesem Zweck übrigens mit homöopathischem Bier bereit – ein Tropfen auf 0,5 Liter Mineralwasser. Gut geschüttelt. Schmeckte und wirkte aber – wie Mineralwasser…

Schon im Vorfeld (!) gab es harsche Kritik an dieser netten Veranstaltung. Der bekannte und beliebte Deutsche Zentralverein der homöopathischen Ärzte (es sei hier mal die ausgeschriebene Fassung verwendet) hat eine Stellungnahme herausgegeben, die wohl als Grundlage für einen … äh, etwas unentschiedenen Artikel in der TAZ gedient hat. Zur Ehre der TAZ sei erwähnt, dass sie bei der Aktion vor Ort war und sich umfassend  hat informieren lassen. Vielleicht kommt da noch mal ein Artikel?

Wie dem auch sei, an dieser Stelle soll die Pressemitteilung des DZVhÄ nicht ohne eine kleine, teilweise auch ernsthafte Analyse davonkommen. Fangen wir mal an.

Der DZVhÄ bezeichnet die 10^23-Veranstaltungen als „aus medizinischer Sicht komplett sinnfrei“. Dem stimme ich gerne zu. Natürlich ist die Einnahme wirkungsloser Zuckerkugeln aus medizinischer Sicht völlig sinnfrei, was denn sonst? Und zwar ganz egal, ob als einzelner Globulus oder als ganzes 10-Gramm-Fläschchen. Null plus Null ist Null, und Null mal Null nun mal auch. Mit der medizinisch komplett sinnfreien Aktion soll ja gerade auf die komplette medizinische Sinnfreiheit der Homöopathie hingewiesen werden. Dem DVZhÄ scheint sich also weder die Logik der Aktion noch die in ihr zweifellos vorhandene feine Ironie offenbart zu haben… schade.

Nun begründet der DVZhÄ die „medizinische Sinnfreiheit“ aber aus seiner Sicht, nämlich aus der Sicht desjenigen, der die Homöopathie für eine wirkungsvolle Arzneimitteltherapie hält. Wir wollen das nicht übergehen, sondern uns damit einmal näher auseinandersetzen.

Zitat: „Bei der Einnahme von homöopathischen Hochpotenzen ist die Häufigkeit der Einnahme von Bedeutung, nicht die Menge. Die Aktion bringt keinen Erkenntnisgewinn.“

Aha. Nach Hahnemann, dem großen Altmeister, ist eine „Häufigkeit“, also eine Wiederholung der homöopathischen Gabe, nicht vorgesehen. Die erste Gabe -immer unterstellt, der „Heilkundige“ hat das richtige Mittel gewählt – stimmt die „geistige Lebenskraft“ bei erster Einnahme bereits um. Eine weitere Gabe trifft also auf einen veränderten Zustand der „geistigen Lebenskraft“ und kann damit nur als Störfaktor wirken:

Jede, in einer Cur merklich fortschreitende und auffallend zunehmende Besserung ist ein Zustand der, so lange er anhält, jede Wiederholung irgend eines Arznei-Gebrauchs durchgängig ausschließt, weil alles Gute, was die genommene Arznei auszurichten fortfährt, hier seiner Vollendung zueilt. Dies ist in acuten Krankheiten nicht selten der Fall; bei etwas chronischen Krankheiten hingegen, vollendet zwar auch bei langsam fortgehender Besserung, zuweilen Eine Gabe treffend gewählter, homöopathischer Arznei die Hülfe, die dieses Mittel in solchem Falle seiner Natur nach auszurichten im Stande ist, in einem Zeitraum von 40, 50, 60, 100 Tagen.

Hahnemann war das so wichtig, dass er sich auch angesichts des -verständlichen- Wunsches, zu einer möglichst schnellen Heilung zu gelangen, nicht zu einer wiederholten Gabe verstehen konnte. Nach seinem Gedankenmodell konsequent. Er fand einen „Ausweg“, indem er auf der Grundlage der Vorstellung , dass höhere Potenzen viel größere Wirkung ausüben, auf weit höhere „Potenzierungen“ auswich, als er jemals vorher in Betracht gezogen hatte (6. Auflage des „Organon“):

Aber theils ist dies sehr selten der Fall, theils muß dem Arzte, so wie dem Kranken viel daran liegen, daß, wäre es möglich, dieser Zeitraum bis zur Hälfte, zum Viertel, ja noch mehr abgekürzt und so weit schnellere Heilung erlangt werden könnte.

Und dieß läßt sich auch, wie neueste, vielfach wiederholte Erfahrungen mich gelehrt haben, recht glücklich ausführen, unter folgenden Bedingungen: erstens, wenn die Arznei mit aller Umsicht recht treffend homöopathisch gewählt war – zweitens, wenn sie hoch potenzirt, in Wasser aufgelöst und in gehörig kleiner Gabe in, von der Erfahrung als die schicklichsten, ausgesprochenen Zeiträumen zur möglichsten Beschleunigung der Cur gereicht wird, doch mit der Vorsicht, daß der Potenz-Grad jeder Gabe von dem der vorgängigen und nachgängigen Gaben um Etwas abweiche, damit das, zur ähnlichen Arzneikrankheit umzustimmende Lebensprincip, nie zu widrigen Gegenwirkungen sich aufgeregt und empört fühlen könne, wie bei unmodificirt erneuerten Gaben, vorzüglich schnell nach einander wiederholt, stets geschieht.

Was natürlich die Problematik, ob unterschiedliche Potenzen der gleichen Ursubstanz eine unterschiedliche Wirkung haben oder nicht und wenn ja, eine qualitativ oder quantitativ unterschiedliche, aufreißt.

Eine gewaltige Nuss für Hahnemanns Exegeten, die sich widersprechenden und gar gegenseitig ausschließenden Meinungen zu diesem Problem sind Legion. Allerdings – die Behauptung des DZVhÄ, „bei der Einnahme von homöopathischen Hochpotenzen ist die Häufigkeit der Einnahme von Bedeutung, nicht die Menge“ gehört in die Abteilung der „Kaputtdeutungen“ von Hahnemanns Konzept, sie hat mit dessen Gedankengebäude nichts mehr zu tun. Ich schrieb ja schon in einem anderen Beitrag , dass die Geschichte der Homöopathie letztlich eine Geschichte des Auseinandernehmens und wieder falsch Zusammensetzens ist, die das gedankliche Grundgebäude Hahnemanns letztlich in Trümmern zurücklässt.

Was den Erkenntnisgewinn betrifft: Größer könnte er gar nicht sein, denn -ganz im Sinne wissenschaftlicher Maßstäbe- ist doch die Hypothese der Skeptiker, es werde keinerlei Wirkung durch die Aktion eintreten, durch das Experiment glänzend bestätigt worden. Zudem bei einer Vielzahl von Teilnehmern und breit gestreuter Mittelauswahl. Das müssen die Homöopathievertreter erst mal nachmachen…

Weiteres Zitat: „Ebenfalls wird außer Acht gelassen, dass die Homöopathie auf dem Ähnlichkeitsprinzip basiert: ‚Würden die Aktionisten ihre individuellen Beschwerden einem homöopathischen Arzt schildern, könnte dieser ein heilendes Homöopathikum für den Einzelnen finden, eine Arzneigabe – ohne Bezug zum Beschwerdebild des Patienten – ist gar keine Homöopathie‘.“

Ochnee. Das macht ja gar keinen Spaß mehr. Auch hier fehlt es dem DZVhÄ am Verständnis für das wohldurchdachte Anliegen und den feinsinnigen Grundgedanken der Aktion. Niemand will bei einer 10^23 Aktion eine „Behandlung“ durchführen. Es soll lediglich gezeigt werden, dass homöopathische Mittel, gleichgültig, ob man die „stärkere Wirkung bei Verdünnung“ annimmt oder dem wissenschaftlichen Grundsatz der Dosis-Wirkungs-Beziehung folgt (der nur für die Homöopathen keine Geltung hat) keinerlei Wirkung haben, weder positive noch negative. Will man den Vorgang, der bei einer 10:23-Aktion stattfindet, in das Gedankengebäude der Homöopathie einordnen, so müsste man sie als „Arzneimittelprüfung am Gesunden“ ansehen, die keine Symptome zum Verschwinden bringt wie bei der Therapie, sondern sie -im Gegenteil- hervorrufen müsste. Dass genau dies nicht geschieht, wie jeder Teilnehmer an einer solchen Aktion bestätigen wird, ist ein Beweis für die Unhaltbarkeit der Methode und für die suggestive Subjektivität, die zu den „Ergebnissen“ bei den Arzneimittelprüfungen führt.

Ja, die Menge. Nun, was bei den Arzneimittelprüfungen gegeben wurde und wird, ist eh sehr unterschiedlich. Hahnemann ging anfangs noch von Niederpotenzen aus, die nur höher verdünnt wurden, wenn es um toxische Stoffe ging. Aber macht es denn überhaupt einen Unterschied, ob ich einen Globulus C30 nehme oder zehn Gramm davon? Mal ganz ketzerisch: Wenn in den Globuli die „Information“ gespeichert ist, die aus der Ursubstanz stammt und die „verstimmte geistige Lebenskraft“ umstimmen soll, dann ist es doch völlig egal, wie viele Globuli man nimmt – es gibt doch nur eine „Information“. So führt doch die ganze Potenziererei im Grunde den Hahnemannschen Gedanken der „geistigen Lebenskraft“ ad absurdum, weil ich von „Mengen“ und „Häufigkeit“ doch nur bei materiellen Wirkprozessen sprechen kann – was Hahnemanns Gedankengebäude völlig fremd war… Und schon sind wir wieder mittendrin im bunten Reich der Widersprüchlichkeit.

Meine C30-Kügelchen hatten einen Potenzierungsgrad von 1:10^60. Sehen wir einmal ganz davon ab, dass kein Molekül der Ausgangssubstanz überhaupt noch vorhanden ist und nehmen ein „Restvolumen“ an Wirkstoff an (au, tut das weh…).. Wenn ich 200 Stück davon auf einmal einnehme – macht das in Anbetracht des praktisch nicht mehr darstellbaren Volumens irgendeinen Unterschied? Die 200-fache Menge an „Wirkstoff“ würde sowieso immer noch Lichtjahre von der „Stärke“ der nächsten üblichen Potenz entfernt sein.Damit ist die 10:23-Aktion durchaus eine „Arzneimittelprüfung“ im Hahnemannschen Sinne.

Ich habe Arsenicum album C30 genommen. Wer sich dafür interessiert, mag die „Indikationen“ gängiger Repertorien hier und hier einmal nachlesen und vergleichen, denn sie decken sich durchaus nicht (es gibt noch weitaus mehr abweichende Indikationslisten).

Bei aller großen Auswahl – ich vermelde ein absolut negatives Testerlebnis. Wobei ich natürlich zu Babydurchfall und gynäkologischen Problemen nichts sagen kann… Warum einmal ins Repertorium schauen? Um das Absurde der „Arzneimittelbilder nach Arzneimittelprüfung am Gesunden“ noch einmal ganz deutlich zu machen. Systemlose Subjektivität wohin man schaut. Abweichungen zum Teil gravierendster Art. Von den Krankheitsbildern „Leukämie“ und „Magenkrebs“ mal ganz zu schweigen.  Will man wirklich annehmen, eine Arzneimittelprüfung mit Arsenicum habe Symptomatiken (womöglich akute Erkrankungen?) von Magenkrebs und Leukämie ursächlich hervorgebracht? An einen Homöopathen, der eine Perikarditis oder Scharlach mit Arsenicum behandeln will, möchte ich auch nicht geraten. Übrigens gehen hier, entgegen Hahnemann, für den nur Symptome wichtig waren und der nie Krankheiten namentlich bezeichnete, Symptom- und Krankheitsbezeichnungen wild durcheinander.

Angesichts solcher Absurditäten kann ich -Entschuldigung- über die Äußerung des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), „aus [seiner] Sicht tragen Aufrufe, Arzneimittel in Überdosierungen einzunehmen, nicht zur Aufklärung und Sensibilisierung von Patientinnen und Patienten bei“, nur traurig den Kopf schütteln. Niemand startet Aufrufe zur Einnahme von Arzneimitteln in Überdosierungen. Dies tun von der Widersinnigkeit der Homöopathie Überzeugte, die wissen, dass Globuli mit Ausnahme von Niederpotenzen keine Arzneimittel sind, von ganz allein, denn sie haben das positive Wissen über die völlige Harmlosigkeit des Verzehrs wirkungsloser Zuckerkugeln. In Anbetracht des vernichtenden Urteils, das die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft über die Homöopathie längst gefällt hat, ist es vielmehr bedauerlich, dass das BfArM und seine vorgesetzte Dienststelle, das BMG, es ihrerseits nach wie vor an einer Aufklärung und Sensibilisierung von Patientinnen und Patienten fehlen lassen, siehe hier. Korrekterweise muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass das Zitat der BfArM aus dem Jahre 2011 stammt und bereits damals von der Carstens-Stiftung thematisiert wurde; damals war sogar die Rede von einer möglichen Genehmigungspflicht der Aktionen … und das vor dem Hintergrund, dass sich die Homöopathie selbst des Privilegs erfreut, innerhalb des Gesundheitssystems von jeglicher neutralen Wirkungsprüfung befreit zu sein. Absurdistan ließ grüßen, aktuell jedenfalls habe ich kein erneutes Statement des BfArM finden können. Die Erkenntnis schreitet eben fort.

Und über die furchtbare Misshandlung von Kindern bei der Aktion 2011 mag sich der geneigte Leser sein Urteil selbst bilden, wozu er zweifellos nach dieser Lektüre in der Lage sein wird. Klar ist nach einer solchen Aktion natürlich: Heute keine Süßigkeiten mehr. Und wegen der  üblichen Behauptungen des DVZhÄ zur angeblich positiven Studienlage brauchen wir an dieser Stelle den Artikel wirklich nicht weiter in die Länge zu ziehen.

Ceterum censeo: Homöopathie ist unwirksam. Und der Placeboeffekt ist kein Verdienst der Homöopathie. Er ist nur so freundlich, auch bei einem homöopathischen Behandlungsset vorbeizuschauen.

 

 

Bildnachweis: Regionalgruppe Hamburg der GWUP / Elkin Fricke