„Erstaunlich an den Gegnern des Impfens ist vor allem, dass es sie gibt.“ (Ärztezeitung) Ein Zwischenruf.

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Heute kein Bild. Thema zu wichtig.

Mal wieder Zeit für einen deutlichen Zwischenruf. Ein Dauerbrenner, aber gerade in den letzten Tagen haben sich gehäuft Diskussionen mit sogenannten Impfskeptikern (bei mir Impfgegner genannt) ergeben, die mir die Wichtigkeit des Themas noch einmal drastisch vor Augen geführt haben. Auch dieses Thema sehe ich in meinem Blog richtig platziert, auch die Impfgegnerschaft ist eine Art von Pseudomedizin. Vor allem, weil keine Rede davon sein kann, es handele sich um eine marginale Erscheinung. Von wegen. Ihre zahlenmäßige Beschränkung macht diese Truppe durch ihr lautstarkes Auftreten mehr als wett. Und geschätzte 15 Prozent + an Impfskeptikern in der Bevölkerung finde ich eh überhaupt nicht wenig.

Deshalb hier gerafft die Standardargumente der Impfgegnerszene und die passenden Antworten dazu:

Impfen hat noch nie eine Krankheit verhindert! Der Rückgang der Krankheiten liegt nur an mehr Hygiene und besserer Ernährung!

Liebe Impfgegner, sagt das mal der Mutter, deren Kind in Berlin an Masernfolgen verstorben ist. Habt ihr den Nerv, ihr vorzuwerfen, bei ihr sei es wohl nicht sauber genug und sie habe ihr Kind falsch ernährt? Und sie sei deshalb selbst schuld am Tod ihres Kindes? Wenn ja, ist euch nicht mehr zu helfen und ihr braucht auch nicht weiter zu lesen.

Ja, es gibt nicht-impfpräventable Krankheiten. Einige Erreger, Viren wie Bakterien, entziehen sich bislang einer Bekämpfung durch Impfungen. Das hat im Wesentlichen mit ihrer komplexen Struktur und bei Viren auch mit ihrer Wandlungsfähigkeit zu tun. Aber auch hier wird weiter geforscht. So ist der Kampf um einen Impfstoff gegen den HIV-Virus wohl jedem geläufig. Als mein Sohn geboren wurde, vor 30 Jahren, steckte die Impfung gegen Keuchhusten noch in den Kinderschuhen und war nicht empfohlen. Heute ist sie Standard. Man nennt das Fortschritt.

Ja, es gibt Infektionskrankheiten, deren Ausbreitung durch Hygienemängel begünstigt wird. Pest beispielsweise, wird bekanntlich durch Läuse übertragen, die durch Ratten einwandern. Cholera wird in der Regel durch verunreinigtes Trinkwasser verbreitet. Das sind  bakterielle Infektionen, die einen ganz anderen Mechanismus bei der Übertragung und Ansteckung zeigen als die viel, viel kleineren Viren. Bakterien brauchen ein Milieu, in dem sie sich vermehren können. Das geschieht außerhalb des menschlichen Körpers, aber nach einer Infektion eben auch innerhalb. Durch diese Vermehrung und die dabei freiwerdenden Stoffe wird man „krank“. Bakterien sind Lebewesen, die wir mit Antibiotika „vergiften“. Umgekehrt behandelt man keine Virusinfektionen mit Antibiotika. Viren vermehren sich nicht selbständig, z.B. durch Zellteilung, sondern „missbrauchen“ dafür die Körperzellen ihres Trägers.

Viren sind einfach da. Mehr oder weniger immer und überall. Sie sind keine Lebewesen, sie sind kleine Stücke „Information“, die unseren Körperzellen ihre Erbinformation sozusagen aufzwingen und sie damit verändern bzw. zerstören. Sie brauchen kein besonderes Milieu, keinen tierischen oder parasitären Zwischenträger. Sie brauchen nur einen ungeschützten Wirt, von dem sie sich in ununterbrochener Kette weiterverbreiten können. Sie brauchen weder eine Ratte noch eine Laus noch dreckiges Wasser. Der Wirt ist einfach der ungeimpfte Nachbar, der sich z.B. ein Virus in einer nicht durch Herdenschutz abgeschirmten Umgebung, beispielsweise auf einer Auslandsreise, einfängt. Und ihn in der heimatlichen Umgebung ausbreitet, sofern dort der Herdenschutz auch brüchig sein sollte. Das geschieht zwangsläufig. Man kann das doch mit ein wenig gesundem Menschenverstand bei den immer wieder vorkommenden Fällen der Einschleppung von Infektionen aus anderen Ländern oder des Ausbruchs in ungeschützten Milieus (siehe Berlin) ganz klar beobachten.

Dass die langfristigen Statistiken ganz eindeutig für eine Korrespondenz zwischen Impfungen und dem Rückgang impfpräventabler Krankheiten sprechen, ist eine solche Selbstverständlichkeit, dass man eine Leugnung dessen eigentlich nur mit Stillschweigen übergehen kann.

Nochmal ganz einfach: Bakterielle Infektionen kommen wie Heuschrecken über das Feld, sie sind Lebewesen, die ein für sie lebensfreundliches Milieu brauchen. Sie vermehren sich auch außerhalb des Wirtskörpers und können so eine schlagkräftige Angriffsarmee bilden. Wenn sie da sind, sind sie da. Müssen dann an Ort und Stelle bekämpft werden. Virusinfektionen kommen nur unter einer ganz bestimmten Voraussetzung, nämlich wenn sie Glieder einer ununterbrochenen Kette bilden können, denn eine Vermehrung ist ihnen außerhalb des Wirtskörpers nicht möglich. Da hilft die Unterbrechung der Kette: Die Impfung.

Impfen macht das Immunsystem kaputt.

Nö. Impfen nutzt das Immunsystem, und zwar genau in der Art und Weise, wie es genutzt werden will.

Was ist das Immunsystem überhaupt? Es ist sozusagen die moderne Medizin der Evolution. Es sitzt nirgendwo und überall, man kann es als solches nicht sehen, trotzdem ist es da. Es besteht aus Organen, aus bestimmten Typen von Körperzellen (zum Beispiel den weißen Blutkörperchen) und auch aus freien chemischen körpereigenen Verbindungen. Es verändert seinen Zustand aufgrund vielfacher Einflüsse. Seine Funktion ist vor allem, reaktionsfähig auf „Eindringlinge“ in den Körper zu sein. Vor allem aber: Es ist in hohem Maße lernfähig. Eine Infektion mit Viren oder  Bakterien veranlasst es zur Bildung von Antikörpern, die dann beim nächsten Mal entweder direkt schützen oder -da bereits bekannt- sofort produziert werden können.

Und nein, es ist KEIN Vorteil, wenn das Immunsystem gezwungen wird, auf ein volles Krankheitsbild zu reagieren. Es wird dadurch -wie der ganze Organismus- geschwächt. Wollt ihr, liebe Impfskeptiker, wirklich einem hoch fiebernden, an Organsymptomen leidenden, womöglich in Lebensgefahr schwebenden Patienten erzählen, der Vorteil sei aber, dass sein Immunsystem gestärkt werde? Ganz im Gegenteil. Mehrere durch Wiederholung verifizierte Studien haben gezeigt, dass z.B. eine Maserninfektion bis zu zehn Jahre lang die Funktion des Immunsystems beeinträchtigen kann, und zwar nicht nur bei Masern, sondern bei allen Arten von Krankheitserregern. So kann nach einer Maserninfektion eines ungeimpften Kindes beispielsweise eine Keuchhusteninfektion im nächsten Jahr sehr kritisch verlaufen, weil das Immunsystem noch auf dem Zahnfleisch geht.

Eine Impfung setzt einen Reiz, der gerade so stark ist, um eine Abwehrstrategie zu entwickeln und im „Gedächtnis“ des Immunsystems  Informationen über den viralen Erreger und die nötigen Bekämpfungsstrategien zu speichern. Das genügt. Eine volle Infektion mit dem gesamten Krankheitsbild beansprucht naturgemäß das Immunsystem weitaus mehr. Eine ganz einfache und logische Sache.

Noch schnell ein Zitat des international renommierten Immunologen Prof. Dr. Beda Stadler:
„Jeder von Ihnen, der eine Banane isst, löst mehr Immunreaktionen im Körper aus, als wenn er sich impfen lässt.“

Impfen ist DIE Melkkuh der bösen Pharmaindustrie.

Argumente mit dem Wort „Pharmaindustrie“ zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass die verschiedenen Varianten sich immer heftig widersprechen, was in der Szene keiner zu merken scheint. Aber das ist ein besonderes Thema. Hier nun speziell zum Impfen:

Weder für die Pharmaindustrie noch für die Ärzte sind Impfungen ein sonderlich lohnendes Geschäft. Die einzelne Impfdose der empfohlenen Standardimpfungen kostet wirklich nicht die Welt, und von dem, was der Arzt an einer Impfung verdient, käme bei einer Fast-Food-Kette nur ein sehr bescheidenes Mahl herum. Und dass für eine Leistung auch gutes Geld fällig ist, scheint nur in Bezug auf die Pharmaindustrie eine Besonderheit zu sein…

Was aber dieses Argument so lächerlich macht, ist der Umstand, dass die Pharmaindustrie an der Behandlung der Krankheiten, die durch die Impfungen massiv zurückgedrängt werden, ungleich mehr verdienen würde. Impfungen haben einen hohen, gut nachgewiesenen volkswirtschaftlichen Nutzen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis im Hinblick auf die Vermeidung von Behandlungskosten wird bis zu 1:90 angegeben, dabei sind ethische und soziale Gesichtspunkte noch nicht berücksichtigt.(Quelle: http://flexikon.doccheck.com/de/FlexiEssay:Klinische_Pharmakologie)
Ein einziger klinischer Fall von Masernkomplikation dürfte der Pharmaindustrie mehr einbringen als das Durchimpfen von fünfhundert Schulklassen. Also müsste die Pharmaindustrie doch daran interessiert sein, die Sache mit der Impfung zu verhindern statt zu fördern, oder nicht?

Ach ja, ich vergaß… Impfungen wirken ja eh nicht …

Ich vergifte mein Kind doch nicht mit Quecksilber!

Wenn man mal so den Kreuzzug der Impfgegner in Sachen Thiomersal, einem Zusatz zur Haltbarmachung von Impfstoffen, verfolgt, so hat man das Gefühl, dass es mit dem Chemieunterricht in unserem Land nicht weit her sein kann…

Immerhin ist schon mal hängengeblieben: Quecksilber ist giftig. Deshalb ist das heute auch nicht mehr im Fieberthermometer. Ist ja schon mal was. Und was noch wohlbekannt ist: Thiomersal. Das ist QUECKSILBER!!!

Thiomersal, C9 H9 Hg Na O2 S. Eine komplexe Verbindung, das Natriumsalz einer Quecksilber-Kohlenstoff-Verbindung. Die völlig andere chemische Eigenschaften hat als reines Quecksilber. Überwiegend übrigens in Kosmetika eingesetzt, die damit ohne Warnhinweis gehandelt werden dürfen (da als harmlos eingestuft) und die die besorgte Impfmama sich bedenkenlos ins Gesicht schmiert.

Abgesehen davon, dass eine chemische Verbindung völlig andere Eigenschaften aufweist als die darin enthaltenen Elemente (das ist das, was die Chemie so interessant macht): Was ist drin in Thiomersal?:
Neun Atome Kohlenstoff, neun Atome Wasserstoff, ein (!!) Atom Quecksilber, zwei Atome Sauerstoff, ein Atom Schwefel. So gesehen, hat das Quecksilber eh 21:1 verloren…
Schon mal drüber nachgedacht, dass Kochsalz -NaCl- nach den Gedankengängen der Impfgegner höchstgradig giftig sein müsste, denn es enthält das hochgiftige Metall Natrium und das giftige Reizgas Chlor, zu gleichen Teilen!

Und wozu die ganze Aufregung? In den in Deutschland verwendeten Standardimpfstoffen ist schon seit vielen Jahren kein Thiomersal mehr drin. Warum nicht? Ganz einfach, wird nicht mehr gebraucht. Wieso das? Na, heute sind die Impfdosen unter Luftabschluss in Einmalampullen verpackt, früher kamen sie Injektion für Injektion aus der Flasche, bis die leer war. Sollte wohl einleuchten, dass da mehr Zusätze erforderlich waren, um die Haltbarkeit sicherzustellen.

Ich erkläre die Quecksilbernummer damit für erledigt.

Kinderkrankheiten sind natürlich, sie bringen den Kindern einen Reifeschub.

Krankheiten, im Besonderen Kinderkrankheiten, zu natürlichen und deshalb gar wünschenswerten Vorgängen zu erklären, ist ein Ausfluss eines völlig falschen Begriffs von Natürlichkeit. Er beruht auf einer romantischen Verklärung des Naturbegriffs, auf der Wunschvorstellung vom Reinen, Unberührten, Guten und Schönen. Eigentlich sollte jedem klar sein, dass das ein Luftschloss ist. Fragt einfach mal einen Farmer aus den US-Südstaaten, wie natürlich er es findet, dass er jedes dritte Jahr sein Haus durch einen Tornado verliert. Oder die Menschen in Ostafrika, für wie natürlich sie eine dreijährige Dürre ohne einen Tropfen Regen halten. Oder einfach nur eine ganz normale Großstadtfamilie hier bei uns, wie sie zur Natur steht, wenn sie sich bei zunehmend schlechtem Wetter schlicht im Bayerischen Wald verlaufen hat.

Die Natur greift uns als Lebewesen von allen Seiten und auf vielen Ebenen an. Die Natur als solche hat kein Interesse an unserem individuellen Dasein. Unser Dasein, unsere Lebensexistenz hängt stets an einem dünnen Faden. Von sich aus tut uns die Natur nichts Gutes.

Sie greift uns auch mit Krankheiten an. Nicht, um uns damit „stärker zu machen“ oder „Kinder reifen zu lassen“. Bakterien greifen uns an, weil sie in unserem Körper gute Bedingungen für die eigene Vermehrung finden, leider auf Kosten unserer Gesundheit.  Bei Viren ist das auch nicht groß anders, nur dass Viren keine Lebewesen, sondern Erbgutbruchstücke sind, die sich nur vermehren können, wenn sie dafür eine Wirtszelle als „Medium“ benutzen – was zwangsläufig auch nicht gesund für den Wirt ist. Beide fahren damit „nur“ ihr Überlebensprogramm- und scheren sich dabei nicht um die Folgen für den Wirt bzw. den Überträger. DAS ist natürlich.

Hört mit dieser verrückten pseudoromantischen Verklärung des „Natürlichen“ auf. Seid froh über die Errungenschaft der Impfung, die die Kindersterblichkeit innerhalb von hundert Jahren um unfassbare Größenordnungen gesenkt hat.

Dass Aluminium total schädlich ist, weiß doch jeder – schon aus der Deo-Werbung!

Tja. Das ist wieder ein anderes Kapital als die Quecksilber-Sache, die sich irgendwie als Selbstläufer verbreitet hat. Hier haben wir nämlich einen Fall, wo durch einen selbsternannten Experten aus purem Eigennutz eine unhaltbare Propaganda aufgezogen worden ist, die schändlicherweise bei vielen Menschen die Unsicherheit in Sachen Impfen erheblich verstärkt hat. Übelste Panik- und auch Geschäftemacherei. Die Naivität und Uninformiertheit eines an sich renommierten Fernsehsenders hat damals dieser Geschichte leider auch noch breite Öffentlichkeit verschafft. Die Geschichte breite ich hier nicht groß aus, es gibt im Internet hierzu viele Materialien. Einen Einstieg findet man zum Beispiel beim verdienstvollen Psiram-Portal, unter
https://blog.psiram.com/2013/08/angst-essen-verstand-auf-oder-die-akte-aluminium-von-bert-ehgartner/.

In der Tat gibt es Impfstoffe, in denen Aluminiumverbindungen enthalten sind. Der Grund ist, dass manche Impfungen ohne Aluminiumsalze nicht wirksam wären, sie werden als eine Art Katalysator zur Wirkungsfreisetzung im menschlichen Körper gebraucht.. Das Europäische Arzneihandbuch schreibt einen Grenzwert von 1,25 Milligramm Aluminium pro Impfdosis fest. Die in Deutschland zugelassenen Impfstoffe unterschreiten diesen Grenzwert gewaltig, um bis zu 90 Prozent: Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) beziffert deren Aluminiumanteil auf zwischen 0,125 und 0,82 Milligramm je Impfdosis.. In der MMR-Standardimpfung ist gar kein Aluminium enthalten.

Wie aber steht es, mal von alledem abgesehen, von der Gesundheitsschädlichkeit dieser Aluminiumanteile insgesamt?

Die Aluminiumwarner behaupten -neben allerlei widerlegtem bzw. völlig unbelegtem Blödsinn, siehie den Psiram-Artikel- in letzter Zeit vor allem, dass die „belasteten“ Impfdosen makrophagische Muskelentzündung (MMF) auslösen können. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass Aluminiumhydroxid maßgeblicher Auslöser für MMF , eine sehr seltene, erstmals 1998 aufgetretene Krankheit übrigens, ist. Das Paul-Ehrlich-Institut ist auch die Überwachungsstelle für gemeldete Impfschäden. Als solches betont es,  dass sich „auch aus der regelmäßigen Auswertung der Verdachtsfälle von Impfkomplikationen […] kein Risikosignal für MMF und systemische Reaktionen nach aluminiumhaltigen Impfstoffen […] ergibt.“ Es ist schon so, dass in der Nähe von Einstichstellen auch „eingekapselte“ mikroskopische Aluminiumhydroxidkristalle gefunden werden können. Da lag es zwar nahe, auch einen Zusammenhang mit lokal auftretender MMF zu vermuten. Nur – diese Vermutung blieb unbestätigt. Dies hat bereits 2003 die zuständige Kommission der Weltgesundheitsorganisation festgestellt und 2008 aufgrund weiterer Untersuchungen ausdrücklich nochmals unterstrichen. Vielleicht sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass Aluminiumhydroxid seit über 80 Jahren als Impfstoff-Adjuvans verwendet wird, früher in weitaus höheren Dosen als heute…

In sehr seltenen Fällen gibt es eine Kontaktallergie auf Aluminium, die sich aber nur in einer kurzfristigen Rötung der Kontaktstelle bemerkbar macht und damit um ein Vielfaches geringer ist als z.B. die durch Brennnesseln ausgelöste Kontaktreaktion. Wer Genaueres wissen möchte, findet dies hier:
http://www.pei.de/DE/infos/fachkreise/impfungen-impfstoffe/faq-antworten-impfkritische-fragen/impfung-aluminium/impfung-aluminium-node.html

Trotz alledem wird weiter auf der angeblichen krankheitsauslösenden Wirkung von Impfdosen mit Aluminiumhydroxid herumgeritten. Das ist fast vergleichbar mit der alten Geschichte, wonach Impfungen Autismus auslösen würden. Wer diese Sache nicht oder nicht mehr im Hinterkopf hat: Der Verantwortliche, eine gewisser Dr. Andrew Wakefield, musste nach scharfer Kritik seine Studie zurückziehen und sogar einräumen, Ergebnisse manipuliert zu haben. Außerdem kam raus, dass er von Anwälten, die Prozesse gegen Impfmittelhersteller wegen des angeblichen Autismus-Risikos führten, auch noch recht großzügig geschmiert worden war. Ihm wurde Berufsverbot erteilt, was ihn nicht daran hindert, bis heute -vor allem in den USA- mit seinen auf übelste Art und Weise zustande gekommenen Thesen hausieren zu gehen.Er dürfte so manche vermeidbare impfpräventable Krankheit, vor allem in Großbritannien, auf dem Gewissen haben.

Nebenbei ist Aluminium das in der Erdkruste mit Abstand am häufigsten vorkommende Metall. Wir werden alle sterben!

Das Risiko von Impfschäden ist viel zu groß, mein Kind soll lieber natürlich krank werden!

Die Sache mit der Natürlichkeit haben wir oben ja schon erledigt. Deshalb hier noch der Teil mit den Impfschäden.

Wie schon erwähnt, sind Impfschäden und der Verdacht darauf meldepflichtig. Das Paul-Ehrlich-Institut führt die Daten zusammen, beurteilt im Einzelfall, ob tatsächlich ein Impfschaden vorliegt und behält den Gesamtüberblick, um die eigentlichen, über die Meldung von Einzelfällen hinausgehenden Alarmzeichen erkennen zu können: Die Häufung von gleichen Symptomatiken in gleichen Alterskohorten. Immerhin garantiert der Staat, auch wenn er derzeit keine Impfpflicht verhängt hat, den Ersatz für Schäden, falls solche die im Rahmen der empfohlenen Schutzimpfungen auftreten sollten. Irgendwelche Warnrufe oder sonstige spektakuläre Äußerungen des PEI hat man sehr lange Zeit nicht vernommen.

Es gibt aber noch andere „Überwacher“, nämlich das eine oder andere Portal im Internet, das sich tatsächlich oder angeblich mit der „Dokumentation von Impfschäden“ und womöglich mit der „Interessenvertretung von Geschädigten“ befassen. Auf diesen Seiten findet man manche Erlebnisberichte, die durchaus auch traurige Schicksale beschreiben. Was man aber durchweg nicht findet: Fälle, bei denen die Kausalität, also der ursächliche Zusammenhang zwischen Krankheit bzw. Behinderung und Impfung belegt ist. Wie auch. Die kann man nur beim PEI finden. Was man aber noch findet – fanatische Impfgegnerschaft. Leider.

Kurz und knapp: Das Risiko eines Impfschadens ist um mehrere Zehnerpotenzen kleiner als das Risiko, eine ernsthafte Komplikation einer impfpräventablen Krankheit zu erleiden.

Herdenschutz ist Quatsch, gibt es gar nicht!

Das hört man von vielen Impfgegnern. Ein Einwand, den ich eigentlich nie habe nachvollziehen können (und ich bin schon einiges gewohnt).

Es scheint so zu sein, dass das Konzept des Herdenschutzes wohl wirklich weitgehend intellektuell nicht verstanden wird. Wenn ich höre und lese, wie sich manche Leute mit ihrer eigenen Gesundheit und der ihrer Kinder brüsten und gleichzeitig den Begriff des Herdenschutzes lächerlich machen, vergeht mir jede gute Laune. Sie profitieren vom Herdenschutz und leugnen ihn gleichzeitig.

Deshalb hier noch einmal eine ganz einfache Erklärung. Wie oben schon ausgeführt, besteht die einzig erfolgversprechende Taktik der Abwehr von epidemiologischen Viruserkrankungen darin, zu verhindern, dass eine ununterbrochene Kette potenziell ansteckungsfähiger Menschen entsteht. Dies erreicht man durch ein Netz der Immunisierung durch Impfung. Dies wiederum setzt aber voraus, dass ein hoher Prozentsatz der Population (den man berechnen kann) wirklich immunisiert sein muss. Wird das Netz an zu vielen Stellen löchrig, entstehen Brücken, über die hinweg das Virus wieder eine Kette bilden und sich damit epidemisch, also durch fortlaufende Ansteckung, verbreiten kann. Dann ist Schluss mit Herdenschutz. Dann trifft es die nicht Immunisierten. Und dazu gehören nun nicht einmal nur die Impfgegner, sondern auch Menschen, die aus verschiedensten Gründen nicht immunisiert werden können. Und für deren Ansteckung trägt derjenige die Verantwortung, der mit seinem gleichgültigen Verhalten dazu beigetragen hat, das Netz der Immunisierung zu durchlöchern.

Auch Impfgegner geraten in eine veritable Panik, wenn zum Beispiel ein Ebolafall bekannt wird, der nach Deutschland eingeschleppt wurde. Alle sind froh, wenn der Betroffene und seine Kontaktpersonen so schnell wie möglich in die Seuchenquarantäne gesteckt werden. Warum eigentlich? Ganz einfach. Weil es für diese Virusinfektion keine Durchimpfung hier bei uns gibt. Und damit auch keinen Herdenschutz. Was ja eigentlich einen gestandenen Impfgegner nicht groß beunruhigen dürfte…

Bitte mal intensiv drüber nachdenken.

Und der derzeitige Hit:
Mein Kind gehört mir! Ich treffe meine selbstverantwortliche Impfentscheidung!

Das Kind „gehört“ mir keineswegs, ich trage nur Verantwortung für es. Nur… Nie steht man der Verantwortungslosigkeit näher als in dem Moment, wo man glaubt, eine verantwortliche Entscheidung zu treffen.

Bei einer so gut erforschten und unglaublich erfolgreichen  Maßnahme wie dem Impfen -jedenfalls bei den offiziell empfohlenen Schutzimpfungen- tritt der Aspekt der individuellen Abwägung von Chancen und Risiken doch eindeutig in den Hintergrund. Sobald ich die Berechtigung einer solchen Chancen-Risiken-Abwägung für durchweg nicht- bis desinformierte medizinische  Laien bejahe, überschreite ich die Grenze zur Irrationalität. Ich glaube nicht, dass z.B. ein Facharzt oder ein Immunologe von einer individuellen Chancen-Risiken-Abwägung sprechen würde, wenn er seine Kinder zum Impfen bringt.

Die offiziellen Impfempfehlungen beruhen auf vielfach gesicherten epidemiologischen Daten, die die Chancen-Risiko-Abwägungen sozusagen eingebaut enthalten. Wer glaubt, ungeachtet dieser vielfach abgesicherten Empfehlungen als Laie  eine „individuelle Impfentscheidung“ treffen zu können, der handelt -höflich ausgedrückt- schlicht irrational und damit verantwortungslos. Es kann allenfalls die Aufgabe eines kundigen Arztes sein, im Einzelfall zu prüfen, ob möglicherweise eine Kontraindikation vorliegt. Das wird der Impfarzt auch tun, gern auch ein anderer Arzt des Vertrauens. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden.

Ich glaube übrigens persönlich gar nicht, dass es individuelle Impfentscheidungen vor einem solchen scheinrationalen Hintergrund überhaupt in nennenswertem Umfang gibt. Abgewogen wird doch nicht, allenfalls abgeurteilt:  Kinderkrankheiten gibt es entweder gar nicht, nicht mehr, sind harmlos oder gar nützlich; Impfungen sind wahlweise Goldesel für die Pharmaindustrie, Maßnahme zur Ausrottung des Volkes oder widersprechen der natürlichen Lebensweise. Ich hoffe sehr, dass ich einiges von diesen immer wiederkehrenden Irrtümern und Fehldeutungen hier habe geraderücken können.

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Zum Schluss noch einmal ein Zitat von Prof. Dr. Beda Stadler:
„Es gibt kein Menschenrecht auf Ansteckung von anderen Menschen.“

Liebe Impfgegner, schreibt euch das hinter die Ohren. Werft eure irrationalen Feindbilder über Bord und lasst euch überzeugen. Es geht um unsere Kinder.

Homöopathie unter Ockhams Rasiermesser

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William Ockham, offensichtlich nach der Rasur. (Titelbild der „Logica“)

Ein wenig Wissenschaftstheorie – keine Angst!

Wissen Sie, lieber Leser, was man unter „Ockhams Rasiermesser“ versteht? Nein, liegt nicht im British Museum. Es ist ein auf William Ockham (1288–1347) einem Philosophen und Naturforscher der späten Scholastik, zurückgehender Begriff, der als einer der wenigen aus so früher Zeit auch heute noch wissenschaftstheoretisch Bedeutung hat. Ockhams Rasiermesser hat sich sehr darin bewährt, pseudowissenschaftliche Streu vom wissenschaftlich interessanten Weizen zu unterscheiden. Nun ja, mit ihrer Pflicht zur Tonsur war das Wissen über ordentliche Rasiermesser zweifellos auch schon in mittelalterlichen klerikalen Kreisen weit verbreitet.

Es wird auch das Prinzip der „Sparsamkeit statt Vielfalt“ genannt. Einer der zugrunde liegenden Gedanken ist, dass die Hinzunahme immer neuer Hypothesen und Variablen eine Theorie immer schwerer verifizierbar macht und diese im Endeffekt im Nebel der Nicht-Verifizierbarkeit entschwindet. Was diejenigen, die eine Behauptung aufstellen, in eine komfortable Situation bringt: Sie versuchen mit dem Hinweis, eine Widerlegung sei ja nicht gelungen, ihre eigene positive Beweispflicht umzukehren. Kommt das jemand bekannt vor?

Ockhams Prinzip kommt in zwei Sätzen zum Ausdruck:

  • Von mehreren möglichen Erklärungen für den gleichen  Sachverhalt ist die einfachste Theorie bis zum expliziten Beweis des Gegenteils allen anderen vorzuziehen.
  • Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt kausal-logisch folgt.

Achtung, Benutzerhinweis: Ockhams Rasiermesser ist kein Kriterium für die Richtigkeit einer Theorie oder Hypothese im Sinne heutiger Wissenschaftlichkeit. Sie ist aber ein sehr wirkungsvolles Instrument,  um auf den Schlüssigkeitsgehalt, die Konsistenz, einer solchen zurückzuschließen, eine der Methoden, um Bullshit von Diskutablem zu unterscheiden, und hat sich dabei außerordentlich bewährt. Die Wissenschaftsgemeinde betrachtet neue Theorien, die offensichtlich allzuviel Nebenannahmen und Variablen anführen, mit äußerstem Misstrauen. Zu Recht.

 

Bitte entspannt sitzenbleiben, wir schreiten zur Rasur!

Die Homöopathie erscheint auf den ersten Blick so schön „ganzheitlich“, so „einfach“, so geschlossen. Einem Test mit Ockhams Rasiermesser hält sie aber nicht stand. Warum?

Es liegt an den Variablen, der Subjektivität und Unverbindlichkeit der Arzneimittelprüfung und der darauf beruhenden Repertorien, der Verzeichnisse, die die Symptombilder und die angeblich dazu gehörenden homöopathischen Mittel enthalten. Sie sind die „undichte Stelle“ der Homöopathie, an der schon die früheste Kritik der Methode ansetzte, als man Hahnemanns Konzepte von der gestörten „geistartigen Lebenskraft“ noch für immerhin diskutabel hielt.

Hahnemann hatte sein schönes Gedankengebäude, vom Similieprinzip bis zur Potenzierung, dogmatisch, auf wenigen Hypothesen beruhend. Man hätte also annehmen können, dass es dem Prinzip der Einfachheit durchaus genügte. Was die Hypothesen betrifft. Aber das waren ja nur die Hypothesen, das noch leere Gefäß, dass mit den Variablen gefüllt werden musste, mit denen überhaupt erst eine Relevanz für die Praxis der „einzig wahren Heilkunst“ gegeben war.

Hahnemann und seine Jünger begannen dann damit, alle möglichen und unmöglichen Stoffe im Rahmen von Arzneimittelprüfungen am Gesunden zu „testen“. Schon dieser „Blindflug“ nach dem Motto „Masse statt Klasse“ bzw. „Irgendwas wird schon rauskommen“ fällt Ockhams Rasiermesser zum Opfer. Diese Vorgehensweise infiziert nämlich das schöne Gedankengebäude der Homöopathie mit dem Virus der Beliebigkeit, man könnte auch sagen, der Grenzenlosigkeit. Denn es geht ja erst einmal davon aus, dass unendliche viele Prüfstoffe mehr oder weniger unendlich viele Symptombilder ergeben können.

Ja, und das tun sie auch. Das kommt dann in den immer dicker werdenden Repertorien zum Ausdruck. Die werden nicht nur deshalb immer dicker, weil sich die Homöopathen nach wie vor mangels Kriterien auf jeden neuen Stoff stürzen, dessen sie habhaft werden können (Plutonium, Berliner Mauer, Weltraum-Vakuum), sondern auch daher, dass die Symptombeschreibungen bei den Arzneimittelprüfungen völlig unspezifisch sind. So tauchen z.B. „leichte Magenbeschwerden“ zusammen mit „Träumen von Feen“ auf, bei einem anderen „Träumen von Feen“ zusammen mit andauerndem Kopfschmerz, bei einem dritten der andauernde Kopfschmerz zusammen mit einem deutlichen Unwohlsein bei schlechtem Wetter. Da werden dann Symptomsammlungen in den Repertorien kombiniert und differenziert, was das Zeug hält. Und es wird immer mehr. Eine Flut von Variablen, geradezu ein Meer. Potenziell unendlich. Wo bleibt hier die Begrenzung der Variablen, die in klaren, logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt -in diesem Fall Diagnose und Therapie am homöopathischen Patienten- logisch folgt? Von Widersprüchlichkeiten ganz abgesehen.

Es kommt aber noch schöner. Prokop (Der moderne Okkultismus, Voltmedia / Urban & Fischer, 2006) weist darauf hin, welche Unlogik der Tatsache innewohnt, dass man auch schon das eine oder andere homöopathische Mittel „aufgegeben“ hat, obwohl dieses doch erst durch Ergebnisse der Arzneimittelprüfung mit angeblich klarer Symptomatik in die Repertorien gelangt ist!?! Genau wie die anderen, die man belassen hat! Wie kann das sein? Haben sie keine Wirkung gezeigt? Sind bei erneuten Arzneimittelprüfungen andere Symptome herausgekommen? Na, das wären ja dann schöne Beweise gegen das ganze Konzept der Homöopathie… Das ultimative Rasiermesser, sozusagen.

 

Wie war das noch mit dem Ausspruch Einsteins über die Unendlichkeit?

Die einzigen, die mit potenziell unendlichen Variablen in der Wissenschaft arbeiten, sind meines Wissens die Astrophysiker. Aber die sind sehr vorsichtig mit ihren Aussagen, so lange nur mathematische Modelle ohne Bestätigung durch wiederholte Beobachtung vorliegen. Im Gegensatz zu den Homöopathen, die kein Problem damit haben, ihre „Heilkunst“ potenziell ins Unendliche ausdehnen.

Nach Einstein gibt es nur zwei potenziell unendliche Phänomene. Eins davon ist das Universum. Zudem sind wir heute schon weiter als Einstein. Wir wissen, dass beide Phänomene sich trotz ihrer potenziellen Unendlichkeit immer weiter ausdehnen.

 

 

Bildnachweis:

1: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=457963

El Cid und die Homöopathie II

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Da wohnen noch welche drin…

Hier nun die angekündigte Fortsetzung der Moritat vom Leben und vom langem Tod der Homöopathie…

… wobei in Ergänzung zu Teil 1 noch erwähnt werden soll, dass es schon recht früh im 19. Jahrhundert ganz ordentlich konzipierte Versuche gab, die Wirkung der Homöopathie zu verifizieren. Mit nicht sehr schmeichelhaften Ergebnissen für Hahnemanns Methode. Zum Beispiel:

  • 1834: Seidlitz / Gödecken, St. Petersburg: Die ersten Versuche gegen echte Placebos. Ergebnis für die Homöopathie: Negativ. Gleiche Effekte bei Leerpräparaten und bei homöopathischen Mitteln.
  • 1834: Trousseau / Gouard, Paris. Ausschließliche Gabe von Scheinpräparaten. „Gute Erfolge“ bei Phtisis (Schrumpfung und Atropie des Augapfels) nach Beurteilung von homöopathischen Ärzten, die von einer Einnahme homöopathischer Präparate ausgingen.
  • 1834: Andral (Pitié, Paris). Erprobung von fünf hahnemannschen Standardpräparaten. Ergebnis für die Homöopathie: negativ. Keine spezifische Wirkung feststellbar.
  •  1835: „Nürnberger Kochsalzversuch“ an 55 Probanden, bei dem potenziertes Kochsalz gegen potenzierte Holzkohle geprüft wurde. Das Ergebnis für die Homöopathie: Negativ. Keine Spezifika in den Symptombildern bei den Prüfgruppen erkennbar.
  • 1837: Stürmer, Civilhospital St. Petersburg. Behandlung unterschiedlicher syphilitscher Symptome. Ergebnis für die Homöopathie: negativ. Eine Behandlung mit „Brotpillen“ ergab gleiche Ergebnisse wie die mit homöopathischen Präparaten.

Quelle: O.u.L. Prokop, Homöopathie und Wissenschaft, Enke, Stuttgart 1957

So ist es kein Wunder, dass die Homöopathie in den zahlreichen medizinischen Handbüchern dieser Zeit nirgendwo mehr als einen Platz am Rand einnahm. Niemals den als lege artis.

So, nun aber.

Post mortem

Trotz ihres leisen Todes etwa um die 1850er Jahre hatten sich die Anhänger und Ausübenden der Homöopathie Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts relativ unbehelligt in ihrer Nische eingerichtet. Homöopathische Praxen gab es erstaunlicherweise in erheblicher Zahl, damals durchweg von approbierten Ärzten betrieben (den „Heilpraktiker“ gab es damals ja noch nicht). Übrigens flankiert von einer Reihe sogenannter „homöopathischer Laienvereine“.

Diese Zeit, etwa von der Mitte des 19. bis Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, war diejenige,  in der die rasante wissenschaftliche Entwicklung an den Homöopathen vorbeizog, ohne die notwendige Einsicht in den schon erfolgten Tod der Methode zu bewirken. Ein Effekt des Nicht-Wahrhaben-Wollens, des Leugnens aus Gründen der Selbsterhaltung und des Selbstbildes, der zudem die Begrifflichkeit der „alternativen“ oder „komplementären“ Medizin hervorbrachte. Man kann dem Ganzen vielleicht zugute halten, dass die Konsolidierung der Medizin als zunehmend objektivierte Naturwissenschaft bei Vielen gar nicht ins Bewusstsein eindrang und immer noch auf „Erfahrungsmedizin“ gesetzt wurde. Vielleicht ist es gar nicht so ein großer Zufall, dass in diese Zeit auch die Konzepte von Freud und Jung zum Verdrängungsmechanismus entwickelt wurden. Nicht nur auf dem Gebiet der Medizin veränderte sich die Welt wie nie zuvor. Die Zeit war reif, und nicht jeder konnte folgen.

Anfang der 20er Jahre wurde von rührigen Propagandisten, allen voran August Bier, die Einrichtung eines Lehrstuhls für Homöopathie an der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität erreicht. Nicht zuletzt dadurch ausgelöst, plante das Reichsgesundheitsamt (RGA) ab 1925, die Behauptungen und Versprechungen der Homöopathen in einer groß angelegten objektiven Untersuchung auf universitären Niveau, aber konzipiert und begleitet von den Homöopathen selbst, auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen.

Da gut Ding bekanntlich immer Weile haben will und sich der bekannte Zentralverein homöopathischer Ärzte (der stolz darauf hinweist, die älteste deutsche Ärztevereinigung in Deutschland zu sein, aber unterschlägt, dass er nur die Aufgabe hatte, über die Reinheit der Hahnemannschen Lehre zu wachen) auch nicht so recht bequemen konnte oder wollte, dauerte die ganze Sache. Bis von unerwarteter Seite Schub in die Angelegenheit kam.

 

Der Donner-Report und die Protokolle der Untersuchung durch das Reichsgesundheitsamt
1936 – 1939

Eins sei vorausgeschickt. Diese Untersuchung und ihre Ergebnisse sind völlig unverdächtig, irgendwie mit nationalsozialistischer Ideologie zusammenzuhängen. Es gibt nicht den mindesten Grund, sie etwa aus dieser Sicht zu diskreditieren. Im Gegenteil, die NS-Ideologen hatten auf ganz andere Ergebnisse gesetzt, als die, die hinterher zu konstatieren waren. Es handelt sich bei den Aktivitäten des RGA wohl um die fundiertesten und objektivsten Untersuchungen, die jemals zur Homöopathie durchgeführt worden sind.

Wie so vieles andere, fanden die Nationalsozialisten in den Schubladen des Gesundheitsministeriums auch die Vorüberlegungen zu der lange angedachten Großstudie über Wirkungskraft und Wirkungsweise (ja, das wollte man auch wissen) der Homöopathie. Dies verband sich nun mehr oder weniger mit dem sehr typischen NS-Gedanken, so etwas wie eine „deutsche Medizin“, weltweit überlegen und ideologisch unterfüttert, zu etablieren. Könnte das nicht die Homöopathie sein? Gesagt, getan.

Das Reichsgesundheitsamt meint es ernst

Nun muss man wissen, dass die Fachleute des Reichsgesundheitsamtes zum ganz überwiegenden Teil nicht Bürokraten oder Verwaltungsjuristen waren, sondern gestandene medizinische Fachleute, die ihren Job äußerst ernst nahmen. Eine Expertise irgendeines Verbandes oder „externer Sachverstand“, wie er heute üblich ist und immer die Gefahr von Lobbyismus und Verzerrungen der Ergebnisse in sich birgt, war damals nicht nötig. Das besorgten die Fachleute des RGA alles selbst. Sie öffneten dem Zentralverein der Homöopathen ihre Tore, stellten Ressourcen zur Verfügung, ließen ihm freie Hand bei Konzeption und Durchführung der einzelnen Prüfvorhaben und schauten kritisch zu. Bekannte Praktiker der homoöpathischen Szene wurden zur Begutachtung und Erklärung hinzugezogen – zu diesen gehörte auch Dr. Fritz Donner, der damals klinischer Homöopath an der Rudolf-Virchow-Klinik in Berlin war und kritische Praxiserfahrung schon aus dem Stuttgarter Homöopathischen Krankenhaus mitgebracht hatte.

„Der größte Tag in der Geschichte der Homöopathie“

Die Eröffnungstagung im Herbst 1937 feierten die Homöopathen schon als den „größten Tag in der Geschichte der Homöopathie“ (Dr. Stiegele, Direktor des homöopathischen Krankenhauses Stuttgart, nach Donner). Verständlich, in der Aussicht auf „hunderte Millionen Reichsmark“ Forschungs- und Unterstützungsgelder und die offizielle Etablierung der Homöopathie als herausgehobener Teil des Gesundheitswesens. Leider sorgte bereits gleich zu Anfang ausgerechnet der damalige Chef des DZVhÄ, Rabe, für eine gewisse Irritation, indem er im Überschwang der Begeisterung per Zwischenruf mal gleich klarstellte, dass die Homöopathie auf einer ganz anderen Ebene anzusiedeln sei als die schnöde Schulmedizin, was man an den „mit Sicherheit“ eintretenden Symptombildern beispielsweise bei Digitalis in Potenzierungen von C200 oder gar C1000 erkenne. Leider bezweifelte gleich an Ort und Stelle einer der führenden deutschen Pharmakologen höflich, aber bestimmt diese Aussage unter Hinweis darauf, dass gerade Digitalis die wohl (damals) am intensivsten erforschte Droge sei, er sich aber gerne so schnell wie möglich von Rabes hochgesteckten Versprechungen überzeugen lassen möchte. Was, da der im Brustton der Überzeugung versprochene klare Beweis ausblieb, gleich mal eine nette Peinlichkeit war.

Diese Szene sollte sich als geradezu symptomatisch für den Fortgang des Projektes erweisen. Rabe wollen wir das mal nicht so übelnehmen, er war zwar Präsident des Zentralvereins, aber vorher Allgemeinmediziner gewesen und hatte nach einem vierwöchigen Homöopathiekurs kurzentschlossen seine Praxis voll auf Hahnemann ausgerichtet. Donner beschreibt seine Wissenslücken durchaus als peinlich. Er wird uns später nochmals begegnen.

Die Autopsie beginnt

Donner beschreibt umfangreich, wie die Homöopathen im Rahmen der Planungsphase der konkreten klinischen Prüfungen bereits mit angeblichen Evidenzen nur so um sich warfen, die er aus seiner Praxis als selbstkritischer und langjährig erfahrener Homöopath gegenüber den Vertretern des RGA, die ihn dazu befragten, ständig zurechtrücken musste. So kam es dann, wie es kommen musste.

apis
Apis D1 auf cape margeruite D1  – Test

Die Homöopathen konnten sich weder auf Arzneimittelbilder noch auf Arzneimittelprüfverfahren einigen, endlose Diskussionen gingen den konkreten Versuchen voraus. Dabei musste von vornherein viel ausgeschieden werden, was längst auch unter Homöopathen als unhaltbar galt. Das Reichsgesundheitsamt zeigte sich dabei offen und ging so ziemlich auf alles ein, was die Homöopathen vorschlugen. Um sich eine Vorstellung vom Umfang des Projektes zu machen, hier ein Auszug aus Donners Bericht:

„Es war geplant, dass, falls sich in den ersten Jahren eindeutig erweisen sollte, dass an der Homöopathie tatsächlich etwas dran ist, dann sämtliche Universitätsinstitute und Kliniken sowie alle führenden Krankenanstalten herangezogen werden sollten, um die Homöopathie zu erforschen. An jeder Universität sollte eine Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus einem Homöopathen, einem Internisten und einem Pharmakologen, aufgestellt werden, die dann Arzneiprüfungen und therapeutische Untersuchungen durchführen werden. An Prüfpersonen bestehe kein Mangel, da u.a. alle Mitglieder homöopathischer Laienverbände dazu aufgefordert werden können. Bei den jeweiligen Prüfungen dürften die homöopathischen Ärzte nur angeben, welche Art von Prüfpersonen sie hier für besonders geeignet halten. Wünschen sie etwa Frauen in den Wechseljahren für eine Sepiaprüfung, dann wird man eben Frauen in den gewünschten Altersstufen dafür gewinnen. Es wurden also der Homöopathie Möglichkeiten geboten, wie sie sie seit ihrem Bestehen noch nie gehabt hat.

Damals betrug die Zahl der medizinischen Fakultäten und Akademien in Deutschland rund 26; da man für große Universitäten nicht nur eine, sondern zwei Arbeitsgruppen plante, so kam man auf 30 Stellen für die Überprüfung der Homöopathie. Werden Arzneiprüfungen sowohl im Sommer- wie auch im Wintersemester durchgeführt, dann könnten 60 Mittel pro Jahr durchgenommen werden. Auch wenn man die ‚Großen Mittel‘ zweimal oder gar dreimal nachprüfen will, dann konnte man damit rechnen, dass in etwa 6 Jahren 250 der wichtigsten homöopathischen Medikamente jeweils an einer großen Zahl von Prüfpersonen mit allen heutzutage üblichen Kautelen überprüft sein werden.“

Donners Bericht enthält so viel Hinweise auf Fehler und Missdeutungen der damals tätigen Homöopathen, dass man kaum glauben mag, dass er zu diesem Zeitpunkt selbst als homöopathischer Kliniker tätig war. Seine Skepsis wuchs während der Überprüfungen mehr und mehr. Sein Bericht ist mehr als lesenswert, er steht unter http://www.kwakzalverij.nl/behandelwijzen/homeopathie/der-donner-bericht/
zum Lesen zur Verfügung. Die Rechte daran hält das Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, ein PDF des Donner-Berichts für persönliche Zwecke kann jedoch dort heruntergeladen werden. An dieser Stelle kann naturgemäß nur ein kleiner Teil des Inhalts wiedergegeben werden.

Hurra, wir kapitulieren!

Die dort berichteten Vorgänge sprechen für sich. Nach anderthalb Jahren an Testreihen und Therapien stellten die Vertreter des RGA als Zwischenergebnis fest, man müsse wahrheitsgemäß erklären, „dass bei der Arzneiprüfung nichts herausgekommen ist und dass bei den klinischen Versuchen bei keinem einzigen Patienten eine irgendwie für eine therapeutische Wirkung der eingesetzten Arzneien sprechende Reaktion eingetreten ist.“ Donner bat, dies zunächst noch nicht an den Präsidenten des RGA zu berichten und noch weitere Untersuchungen abzuwarten.

Nach den Erörterungen, wie man sinnvollerweise weiter vorgehen solle und der ungebrochenen Bereitschaft des RGA, den Homöopathen notfalls für die Untersuchungen ganze Klinikabteilungen einzurichten und mit Kranken zu belegen, kam es dann zu einer entscheidenden Äußerung des DZVhÄ-Präsidenten Rabe gegenüber Donner:

„Als anschließend H. Rabe mit mir das Krankenhaus verließ, überraschte er mich mit der Bemerkung, er müsse jetzt dringend sehen, wie er diese Überprüfungen sabotieren könne. Einen stichhaltigen Grund habe er zwar noch nicht gefunden, da alles so überaus korrekt und kollegial ihm gegenüber durchgeführt worden wäre. Hoffentlich falle ihm noch etwas ein, denn sonst müsse er zum Reichsgesundheitsführer Dr. Conti gehen und ihn dringend auffordern, die Überprüfungen der Homöopathie sofort abbrechen zu lassen, denn ‚wir können doch das gar nicht, was wir behaupten‘ (wörtlich gesagt!!). Aber nach all dem, was er mit Conti, Rudolf Hess und Prof. Reiter in Sachen Homöopathie vorgebracht habe, könne er doch letzteres kaum tun. Er fuhr dann fort, dass es doch ‚heller Wahnsinn‘ von den Beauftragten des RGA wäre, ‚das ernst zu nehmen, was wir, die wir doch nur kleine Praktiker sind, so sagen oder in unseren Zeitschriften veröffentlichen‘ und sie einer wissenschaftlichen Überprüfung zu unterziehen […] 

Auch über die vorgesehenen Arzneinachprüfungen und die damit zusammenhängenden Fragen äußerte er sich eindeutig: Wir sind einfache Praktiker, deren Interesse vor allem dem gilt, was man einem ins Sprechzimmer gekommenen Kranken gegen die von ihm geklagten Beschwerden geben soll. Und nun erwarte man, dass er Auskunft darüber geben könne, wie dieses oder jenes Mittel seiner Zeit geprüft worden ist und ob wir die darauf aufgebauten Arzneidarstellungen in diesem Falle für einigermaßen verlässlich und in jenem für in höchstem Grade fragwürdig ansehen. […] Möglicherweise sind alle in den Arzneimittellehren gebrachten (Sepia)symptome reine Phantasiegebilde! […] Den Beauftragten des RGA habe er immer die Homöopathie so vorgetragen, wie die homöopathischen Praktiker sich die Dinge vorstellen. Man konnte doch nicht ahnen, dass sie die Prüfungsquellen parat haben und somit vergleichen konnten, was tatsächlich gewesen ist und inwieweit die Realitäten von den Vorstellungen der Homöopathen divergieren. […]“
kapitulation

Eine Kapitulation erster Klasse, gestützt durch die letztlich verheerenden Ergebnisse der klinischen Arbeitsgruppen von 1937 bis zum Kriegsausbruch 1939, der das Projekt jäh stoppte.

Damit war das einzige Ergebnis, dass aus dieser Autopsie der Leiche namens Homöopathie herauskam, die Frage, ob sie überhaupt jemals gelebt hat.

Donner beschreibt, wie nach seiner Meinung Unzulänglichkeiten hätten ausgeräumt werden können und die Homöopathie eventuell doch noch eine Basis für verlässliche Ergebnisse gewinnen könnte. Völlig abgekehrt hatte er sich damals noch nicht. Allerdings, als 1946 frühere Kollegen sich mit dem Gedanken einer Wiederaufnahme der Untersuchungen an ihn wandten, zog man doch gemeinsam das Fazit, „dass abgesehen von gewissen pharmakologischen Arbeiten bisher bei den Überprüfungen nichts Positives für die Homöopathie herausgekommen wäre, es sei denn, dass einwandfrei klargestellt worden ist, dass viele Ansichten, auch die ‚kritischer Ärzte‘ auf Wunschvorstellungen basieren. Inzwischen habe aber die homöopathische Ärzteschaft ein Jahrzehnt Zeit gehabt, sich zu besinnen. Es wäre eine bedauerliche und für das Weiterbestehen einer Homöopathie gefährliche Illusion, wenn die homöopathischen Ärzte glaubten, sie könnten ruhig in derselben Weise weitermachen, wie sie es vor dem Kriege getan haben.

Donner wandte sich völlig von der Homöopathie ab und wurde angesehener Leiter einer internistischen Abteilung eines renommierten Krankenhauses. Die Universitäten trennten sich von den homöopathischen Fakultäten, die von Bier initiierte Berliner Fakultät wurde explizit geschlossen, weil sie keinerlei positive Leistungen vorzuweisen hatte. Rabe, auch nach dem Krieg noch Leiter des DZVhÄ, weigerte sich geradezu, sich jemals im Verband nochmals für Überprüfungen stark zu machen und dann „die Suppe nochmal auslöffeln“ zu müssen.

Die Erkenntnisse aus der Großaktion des Reichsgesundheitsamtes werden übrigens durchaus noch flankiert durch weitere, die Homöopathie diskreditierende Untersuchungen. Beispielsweise hat Prof. Dr. Paul Martini, der spätere erste Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), die Schlüssigkeit und Aussagefähigkeit der Hahnemannschen Arzneimittelprüfung untersucht – mit ebenfalls für die Homöopathie eindeutig negativem Ergebnis.

 

Nach dem Krieg – endlich Ruhe?

Unmittelbar nach Kriegsende und in den frühen 50er Jahren der jungen Bundesrepublik galt die Homöopathie -ganz der hier gezeichneten Entwicklung entsprechend-  als ernstzunehmende medizinische Methode nicht nur als tot, sondern als töter. Zu Recht, wie der geneigte Leser vielleicht nach der Lektüre auch finden wird. Die ersten öffentlichen Äußerungen zur Homöopathie sind denn auch von einer ganz neuen Tonlage:

  • 1955 urteilt der Bundesgerichtshof, dass „jedenfalls Potenzen ab D23 als jenseits einer Wirkungsmöglichkeit liegende Verdünnung“ anzusehen sind und bei Vorliegen der subjektiven Voraussetzungen gegebenenfalls wegen fahrlässiger Tötung zu verurteilen sei (BGH, Urteil vom 30.09.1955, 2 StR 206/55).
  • 1958 erklärte nach Beratung über eine mögliche Wiederbelebung der universitären Homöopathie die medizinische Fakultät der Humboldt-Universität Berlin:
    „Die medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin gibt folgende Erklärung ab:
    Auf Grund der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist die Homöopathie weder klinisch noch prophylaktisch in der Behandlung von schweren, insbesondere Organerkrankungen anwendbar.“
    Prokop berichtet, dass die Ursprungsfassung statt „weder … noch… anwendbar“ die Formulierung „ohne jeden Wert“ enthalten habe. In wissenschaftlicher Redlichkeit habe man diese Formulierung mit Rücksicht auf einen eventuellen psychosomatischen Gehalt der Methode, der allerdings allen Scheintherapien innewohnt, verworfen.
  • 1992 (zu einer Zeit, in der trotz allem die Homöopathie schon wieder als aufpolierte Leiche durchgereicht wird), gibt der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität zu Marburg eine scharfe Erklärung gegen Pläne ab, die Homöopathie wieder zum prüfungsrelevanten Inhalt des medizinischen Studiums zu machen:
    „... Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg verwirft die Homöopathie als eine Irrlehre. Nur als solche kann sie Gegenstand der Lehre sein. […]  Wir sehen jedoch die Gefahr, dass man von uns „Neutralität“ und „Ausgewogenheit“ in diesem Stoffgebiet fordern wird, und sind nicht bereit, unseren dem logischen Denken verpflichteten Standpunkt aufzugeben zugunsten der Unvernunft. Wir betrachten die Homöopathie nicht etwa als eine unkonventionelle Methode, die weiterer wissenschaftlicher Prüfung bedarf. […] Oft wird behauptet, der Homöopathie liege ein „anderes Denken“ zugrunde. Dies mag so sein. Das geistige Fundament der Homöopathie besteht jedoch aus Irrtümern („Ähnlichkeitsregel“; „Arzneimittelbild“; „Potenzieren durch Verdünnen“). Ihr Konzept ist es, diese Irrtümer als Wahrheit auszugeben. Ihr Wirkprinzip ist Täuschung des Patienten, verstärkt durch Selbsttäuschung des Behandlers. […].

Endlich Rationalität !?

Was für Dokumentationen der Rationalität! Was für ein Erfolg – endlich, möchte man sagen. Und doch. Der Grund, weshalb ich all dieses schreibe, ist die Entstehung einer wirk- und ressourcenmächtigen Homöopathielobby in Deutschland mit Ursprung in den 70er Jahren, die inzwischen weltweite homöopathische Glaubensgemeinschaften befeuert und der es gelungen ist, trotz des eigentlich unübersehbaren Leichenodiums ihrer Methode die Politik für sich zu gewinnen mit dem Ergebnis, als „besondere Therapieeinrichtung“ unter Befreiung von Wirkungsnachweisen anerkannt zu werden und mit dem Segen des Gesetzgebers sogar die Krankenkassen für sich zu instrumentalisieren. Mit großem Aufwand verbreitet sie eine auf den ersten Blick eindrucksvolle „Aura der Scheinwissenschaftlichkeit“, die sich aber ebenso als Leichenschminke entpuppt wie alle bisherigen Beweisversuche. Hierzu verweise ich auf die vielfältigen Informationen der Blogs aus meiner Blogroll und auch auf meine vorausgegangenen eigenen Artikel in diesem Blog. Dort findet sich alles, was derzeit zur Homöopathielobby und ihren Bemühungen, Hömöopathie als Wissenschaft zu etablieren, zu sagen ist.

Wie war das möglich? Nun, Vergessen, Verdrängen und Wunschdenken sind natürlich nicht einfach verschwunden. Und dann trat wunderbarer- und unerwarteterweise Frau Dr. Veronica Carstens auf den Plan, damals Gattin des amtierenden Bundespräsidenten, und sammelte Sympathien für natürliche, sanfte Therapieverfahren, was ihr mit dem persönlichen Charisma und der Rolle der First Lady der Bundesrepublik nicht allzu schwer fiel. Eine völlig neue Taktik.

DCF 1.0
Ex. canis ist untendrunter, aber Plutonium find ich nicht…

Niemals zuvor war die Homöopathie derart als Naturmedizin und Gänseblümchentherapie propagiert worden als in der Ära von Frau Dr. Carstens.  Jubel, Tränen und Freudenschreie überall. Enge Beziehungen zur Politik auch nach der Amtszeit von Carl Carstens waren natürlich auch nicht von Nachteil. Das Ehepaar Carstens hat sein Vermögen 1982 in die Carl und Veronika Carstens-Stiftung  zur Förderung von Naturheilkunde und Homöopathie eingebracht, die inzwischen zusammen mit dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte und  der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie e.V. eine Lobbygemeinschaft von nie dagewesener Schlagkraft bildet.

Aber auch das, dieses mit einem gewaltigen Aufwand betriebene neue Schauspiel, konnte und kann Tote nicht wiedererwecken. Das heutige Fazit lässt sich nämlich kurz so zusammenfassen:

Nach Angaben der British Homeopathic Association existierten nach dem Stand von Ende 2014 weltweit insgesamt 189 auswertbare randomisierte Vergleichsstudien zur Homöopathie. Das bisher größte systematische Review unter Einbeziehung von 176 dieser Vergleichsstudien hat die Australische Gesundheitsbehörde NHMRC 2015 veröffentlicht. Dieses Review war ungewöhnlich umfangreich und präzise und gab den Homöopathen umfassend Gelegenheit, ihre Einwände einzubringen.  Das NHMRC kam zu dem eindeutigen Ergebnis, dass eine spezifische Wirksamkeit homöopathischer Mittel nicht belegt werden konnte, hat die Methode aus dem öffentlichen Gesundheitswesen verbannt und hat folgende Empfehlung veröffentlicht:

Die Homöopathie sollte nicht für Beschwerden eingesetzt werden, die chronisch oder gefährlicher Natur sind oder gefährlich werden können. Menschen, die sich für die Homöopathie entscheiden, könnten ihre Gesundheit riskieren, falls sie Behandlungen zurückweisen oder aufschieben, für deren Wirksamkeit und Sicherheit belastbare Evidenz existiert.

Oder so: In 200 Jahren intensiver Bemühungen ist es nicht gelungen, einen belastbaren spezifischen Wirkungsnachweis für die homöopathische Methode zu erbringen. Nie. Nirgends.

Ist das das endgültige Begräbnis? Jedenfalls sollte all das Anlass für die Politik sein, ihre schützende Hand von einer eindeutig nachweislich unwirksamen Scheintherapie abzuziehen und ihr die Adelung durch einen Anteil am öffentlichen Gesundheitssystem schnellstens wieder zu nehmen. Aus Gründen der Pietät der Homöopathie gegenüber und aus Gründen der Ehrlichkeit und Redlichkeit gegenüber den Patienten im öffentlichen Gesundheitswesen.
Ruhe in Frieden, Homöopathie. Und du, Hahnemann, genieße deinen Ruhestand im medizinhistorischen Panoptikum. Du warst ein Mensch Deiner Zeit, der sich ernsthaft bemüht hat und auch ein Rädchen im großen Uhrwerk des Fortschritts war. Stur wie ein Panzer und dogmatisch wie der Papst, aber wer wollte Dir das verdenken. Du verdienst es zumindest, Dein Kind, die Homöopathie, endlich anständig zu beerdigen.

Damit wären wir wieder beim Helden und seinem treuen Pferd des Anfangs:

pferdchen

 

 

Bildnachweis:

1, 2, 4: Eigene Bilder
3: photosearch

 

El Cid und die Homöopathie I

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Standbild des Cid in Burgos, Kastilien (nein, es ist wirklich nicht Kaiser Friedrich Barbarossa)

 

Kennen Sie, lieber Leser, die Geschichte von Rodrigo Diaz de Vivar, genannt El Cid, dem spanischen Nationalhelden? Großartig dargestellt vom unverwüstlichen Charlton Heston in CinemaScope (1961, Regie Anthony Mann, Oscar-preisgekrönte Musik von Miklós Rózsa). Zu empfehlen für Liebhaber gewaltiger Historienschinken und Besitzer großer Flachbildschirme.

Ja, um Himmels Willen, was hat der denn nun mit der Homöopathie zu tun?

Seine Geschichte, genauer die Geschichte rund um seinen Tod, hat mich lebhaft an die Geschichte der Homöopathie erinnert. El Cid hatte bedauerlicherweise am ersten Tag der Entscheidungsschlacht um Valencia einen tödlichen Pfeiltreffer kassiert, wodurch er am nächsten Tag zwangsläufig nicht in der Lage war, seine Männer wieder in den Kampf zu führen. Man befürchtete -zu Recht- beim Bekanntwerden seines Ablebens einen gewaltigen Einbruch der Kampfmoral und die daraus folgende Niederlage.

Was also tun, um die Niederlage doch noch zu verhindern? Die Legende sagt, dass der Cid befohlen hatte, ihn herzurichten und mit dem Schwert in der Hand in voller Rüstung aufs Pferd zu binden. So führte der Tote seine Truppen an, die so motiviert einen glänzenden Sieg über die von der Erscheinung des Totgeglaubten erschreckten Berbertruppen erzielten. Leider musste kurz danach Valencia trotzdem vor den Almoraviden geräumt werden…

So etwa sehe ich auch die Geschichte der Homöopathie im 20. und 21. Jahrhundert. Nach langer Laufbahn mit wechselndem Kriegsglück entscheidende Treffer kassiert, für tot erklärt, etwas länger liegengeblieben als der Cid, aber dann von Begeisterten, die die Schlacht doch noch gewinnen wollten, her- und aufgerichtet, geschminkt und wieder ins Rennen geschickt, in der Hoffnung, sie möge nun endlich doch noch den Sieg über die medizinische Konkurrenz davontragen.  Zweifellos nicht ohne Erfolg, hochmotivierte Anhänger, die der tapferen Leiche hinterherjubeln, gibt es genug. Wir warten allerdings noch auf die endgültige Niederlage trotz dieses Schachzugs, ob vor Valencia oder anderswo.

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Kriegskasse

Wie? Sie glauben nicht, dass die Homöopathie schon tot war, bevor sie dank der Bemühungen der Carstens-Stiftung seit den 70er Jahren, festgebunden auf dem Ross der Pseudowissenschaftlichkeit und flankiert von einer ordentlichen Kriegskasse, als aufgemöbelte Leiche wieder reüssierte? Wobei so getan wurde und wird, als habe sich die Homöopathie seit Hahnemann mehr oder weniger siegreich behauptet und müsse nun endlich nur noch mit dem Segen der offiziellen Gesundheitswesens und der wissenschaftlichen Anerkennung gekrönt werden.

Denkste. Die Nummer ist schon sehr, sehr lange durch. Die heutigen Propagandisten setzen nur auf die Vergesslichkeit und Bequemlichkeit der Menschen, auf den Effekt der momentanen Beeinflussung und mehr oder weniger sanften Verführung.

Den Beweis möchte ich Ihnen nachstehend antreten. Und zwar -bequem wie ich bin- hauptsächlich unter Rückgriff auf die Berichte  des Donner-Reports, den Aufzeichnungen von Fritz Donner, einem der führenden homöopathischen Ärzte der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts, der sich später konsequent von der Homöopathie abwandte und Leitender Arzt einer internistischen Klinik wurde. Ein Vorgänger von Natalie Grams, der früheren Homöopathin und heutigen Leiterin des verdienstvollen Informationsnetzwerks Homöopathie (siehe Blogroll).

Donner bezieht sich auf die großangelegte Überprüfung der Homöopathie  durch das Reichsgesundheitsamt in den Jahren 1936 bis 1939. Er war direkt in diese Aktion eingebunden und berichtet aus eigener Anschauung und erster Hand.

Vorher aber ein kurzer Exkurs ins 19. Jahrhundert.

Die Homöopathie war nie lege artis

Zu keiner Zeit war die Homöopathie unumstritten. Schon unter Hahnemanns Zeitgenossen wurde sie -vor allem ihres dogmatischen Charakters wegen, aber auch wegen des Beginns wissenschaftlich-kritischen Denkens- argwöhnisch betrachtet. Was die frühe Anhängerschaft betrifft, so kann man das leicht verstehen. Natürlich war Hahnemann nicht der Einzige, der den Schaden wahrnahm, den vorsintflutliche Methoden wie Aderlass, Fontanellen, Haarseil und dergleichen beim Patienten anrichteten. Und nun hatte man plötzlich ein ganzes Lehrgebäude zur Verfügung, das mit der Autorität des Systematischen verführte und die Überlebensrate stark verbesserte. Sie „etablierte“ sich in weiten Kreisen, aber wie gesagt keineswegs unumstritten oder gar als Methode erster Wahl. Verschiedentlich wurde die Anwendung der Homöopathie von der Obrigkeit gar untersagt.

Mitte des 19. Jh. erlebte die wissenschaftliche Medizin ihren ersten entscheidenden Schub. Rudolf Virchow, gestützt auf die Vorarbeiten von Günzburg und Remak (um 1850), etablierte die Zellularpathologie, die Lehre von den Zellen und ihrer Funktion als kleinste Lebenseinheiten. Damit wurde das Tor zur modernen Ätiologie, der Lehre von der Krankheitsentstehung aufgrund von Zellveränderungen, weit aufgestoßen. Bis heute beruhen die Erklärungsmodelle der Ätiologen auf der Zellularpathologie (vom gebrochenen Bein mal abgesehen), das Modell hat sich glänzend bewährt. Man denke nur einmal an die bösartigen Tumorerkrankungen, ein Krankheitsgeschehen auf Zellebene par excellence. Aber genauso auch an alle Arten von Infektionen, die in einer Störung des Zellstoffwechsels zum Ausdruck kommen, ferner erst recht die klassischen internistischen Organerkrankungen, die auf Fehl- und Minderfunktionen auf Zellebene zurückgehen.

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Chopin: Klaviersonate Nr. 2, 2. Satz – Trauermarsch. Soweit bekannt, nicht ausdrücklich für die Homöopathie komponiert (1839).

Damit war die Hahnemannsche Lehre von der „Verstimmung der geistigen Lebenskraft“, die eine Krankheit ausmache und die nicht als solche erkannt werden könne, sondern nur durch Symptombilder in Erscheinung trete, erledigt. Und nicht nur diese Grundannahme, sondern die Homöopathie insgesamt, denn die geschlossene homöopathische Methode kann nicht „umgebaut werden“, ohne dass sie insgesamt inkonsistent wird. Siehe meine vorherigen Beiträge. Intellektuell und wissenschaftlich starb die Homöopathie ihren ersten leisen Tod.

Zweiter Teil in Kürze, der sich mit der Zwischenzeit bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts und der darauf folgenden Zeitspanne befasst. Wird spannend.

 

 

 

Bildnachweis:

1,2 : Eigene Bilder
3: Wikimedia Commons (Zitierausschnitt)

Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass.

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Mir klingeln die Ohren. Wunderbar, dass die Debatte über die unsägliche Pseudomedizin in Deutschland endlich in Gang kommt. Wenn auch aus traurigem Anlass. Aber die Parolen, die so durch die Medien rauschen, rauben mir manchmal den letzten Nerv.

Deshalb hier ein kleines Vademecum der mich am meisten ärgernden „Argumente“ und Schlagworte mit meiner unmaßgeblichen Meinung dazu. Unter Heilpraktiker fasse ich summarisch die Anwender von Methoden außerhalb der wissenschaftsbasierten Medizin, also auch Homöopathen (selbst wenn sie Ärzte sind).

 

Politik: Die Prüfung für Heilpraktiker muss verschärft werden.

Nein. Es gibt überhaupt keine Kriterien, nach denen diese Prüfung verschärft werden könnte. Die Kriterien gibt es deshalb nicht, weil es keine festgelegten Ausbildungsinhalte und -gänge gibt. Aus diesem Grund ist Heilpraktiker auch kein Beruf. Die bisherige Prüfung ist genau aus diesem Grund keine mit einem Examen vergleichbare Prüfung, sondern lediglich ein Frage-Antwort-Spiel, das einen Eindruck davon verschaffen soll, ob der Proband womöglich doch eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

 

Heilpraktikerverband: Die Prüfung muss keineswegs verschärft werden, denn sie ist jetzt schon waaahnsinnig schwer, das sieht man daran, dass 80 Prozent durchfallen.

Quatsch. Die Prüfung ist für jemanden, der ernsthaft auf kranke und hilfesuchende Menschen losgelassen werden soll, ein dummer Witz. Sie erhebt ja nicht einmal den Anspruch, Heilwissen abzufragen und kann zudem beliebig oft wiederholt werden. Jede Prüfung hat zwei Seiten – die Prüfungsaufgaben und die Prüflinge. Ich spare mir mal, deutlich auszusprechen, auf welcher Seite ich die Unzulänglichkeiten verorte, auf denen die berühmten 80 Prozent beruhen.

 

Politik: Die Heilpraktikerausbildung muss reformiert werden.

Wie denn? Wo denn? Was denn? Es gibt keine Ausbildung, weil es keine Inhalte gibt. Kein Prüfling ist verpflichtet, vorher eine „Heilpraktikerschule“ besucht zu haben.  Eine halbe Stunde Google zeigt, dass durch die Bank die „Heilpraktikerschulen“ neben dem Einbimsen von Prüfungsbögen völlig uneinheitliche, vielfach ins eindeutig esoterische abgleitende Inhalte anbieten, die dann hinterher den Gemischtwarenladen der Heilpraktikerszene beherrschen. Evidenzbasiertes? Fehlanzeige. Mal abgesehen von Phytotherapie und Reizbehandlungen wie Kneippsche Anwendungen (die Phytotherapie als teilweise hochwirksame Arzneimitteltherapie gehört auch allein in ärztliche Hände!) Im schlimmsten Falle kommen noch selbstgebastelte Eigenkreationen an „Therapien“ dazu. Nichts kann man nicht reformieren.

 

Heilpraktiker, Homöopathen und Politik (teilweise): Die Praktizierung alternativer und komplementärer Methoden wird von der Bevölkerung gewünscht und gibt vielen Trost und Hilfe!

„Wünsch Dir was“ ist im Deutschen Fernsehen schon 1992 eingestellt worden. Seit wann kommt es bei der Anwendung von Mitteln und Methoden, zumal im Gesundheitswesen, darauf an, was sich der Patient „wünscht“? Soll „Wohlfühlmedizin“ ernstlich den Vorrang vor Wirksamkeit bekommen?

 

Heilpraktikerverband: Die Heilpraktiker in Deutschland sind ein wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung!

Sie sind höchstens der entzündete Wurmfortsatz an der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Würden sie sich auf kleinere Befindlichkeitsstörungen beschränken und durch sinnvolle Gespräche den Patienten stabilisieren, gleichzeitig ein scharfes Auge auf die Notwendigkeit einer evidenzbasierten Behandlung beim Arzt haben, ginge das ja noch alles an. Ist aber nicht so. Die Leute maßen sich an, ernsteste Organerkrankungen mit großenteils nachgewiesen unwirksamen Mitteln zu behandeln und sind keineswegs so bescheiden, sich auf eine Beratung der Hilfesuchernden zu beschränken. Eine Folge der seit 1939, dem Jahr des Inkrafttretens des Heilpraktikergesetzes, völlig ungeregelten Wildwuchses auf diesem Sektor. Wie konnte man das zulassen?

 

Heilpraktiker und Lobbyisten der Szene: Die Schulmedizin….

Fällt dieses diskriminierende Unwort, höre ich gar nicht mehr weiter hin. Die Heilpraktikerszene diffamiert ständig die wissenschaftsbasierte Medizin als „Schulmedizin“. Was für eine Arroganz! Die Szene tut so, als gebe es eine „zweite Medizin“ neben der vielgeschmähten „Schulmedizin“. Gibt es eine zweite Physik, eine zweite Chemie, eine zweite Biologie? Früher mag es angegangen sein, im mehr oder weniger spekulativen Raum Prozeduren und Therapieformen zu entwickeln und anzuwenden, als es noch keine wissenschaftlichen Prüfmethoden und keine tieferen Einblicke in Ätiologie und Pathologie gab. Da war die Medizin, wenn überhaupt, eine reine Erfahrungswissenschaft. Ein Beispiel dafür ist die Homöopathie.
Heute ist die Medizin zwar auch Erfahrungswissenschaft, aber viel, viel mehr reine Naturwissenschaft als noch vor 90, 100 oder mehr Jahren. Sie ist in der Lage, ihre Erfahrungen zu testen und zu verifizieren. Sie entwickelt sich ständig durch schrittweise Verbesserung.
Und da redet die Schwurbelszene von Schulmedizin? Was ist denn dann die Tätigkeit der Heilpraktiker, die für einen Multiple-Choice-Test büffeln, stur ein paar Bögen ausfüllen und dann in ihre private Welt entlassen werden, ohne auch nur im Geringsten zu so etwas wie Fortbildung verpflichtet zu sein? Also bitte.

 

Heilpraktiker: Äh, Grundrechte… Berufsfreiheit… und so .. 

Erstens ist -wie schon gesagt- der Heilpraktiker kein Beruf. Zweitens folgende Überlegung: Die akademische Profession des Rechtsanwaltes, der sich auf Studium, praktische Ausbildung und Erfahrungswissen stützt, schützt der Gesetzgeber dadurch, dass er per Rechtsberatungsgesetz Laien und Privatpersonen, selbst Menschen, die beispielsweise Wirtschaftsjura studiert haben, bei Strafe von der rechtlichen Beratung von Mandanten ausschließt. Der damit verfolgte Zweck ist -jedenfalls offiziell- die Interessen des Mandanten vor unzureichender Sachkunde im Zivilrecht wie im Strafverfahren zu schützen. Die akademische Profession des Arztes, der sich auf Studium, lange praktische Ausbildung und erworbenes Erfahrungswissen stützt, schützt der Gesetzgeber vergleichbar – überhaupt nicht. Und damit vor allem nicht den Patienten. Ist dem Gesetzgeber folglich das Vermögensinteresse eines Mandanten im Zivilprozess als Schutzgut wichtiger als die Gesundheit seiner Bürger? Bitte mal zu Ende denken!

Ein Zitat von Prof. Otto Prokop, Doyen der deutschen Gerichtsmedizin:
„Wenn … darauf hingewiesen wird, für Ärzte gebe es einen höheren Grad der Voraussehbarkeit als für Heilpraktiker (weil der erstere entsprechend ausgebildet und examiniert ist), also könne man letzteren nicht so schnell einen Schuldvorwurf machen wie etwa Ärzten, die den gleichen Fehler machen, so ergibt sich aus einer solchen Interpretation, dass es der Staat, der Personen zu solchen Praktiken ohne besondere Auflagen zulässt, mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst nimmt.“

 

Die ganze Szene: Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde…

Klar. Näheres darüber wissen aber auch die Heilpraktiker nicht. Außerdem hat sich niemand die Mühe gemacht, mal nachzuschauen, in welchen Kontext Shakespeare diesen Ausspruch Hamlets zu Horatio gestellt hat. Es war schon zu Shakespeares Zeit anrüchig, einen Geist in der Handlung eines Stückes vorkommen zu lassen, da er aber den Geist von Hamlets Vater dramaturgisch brauchte, hat er Hamlet diesen Satz quasi entschuldigend gegenüber dessen deutlich rational gezeichneten Freund Horatio in den Mund gelegt.

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Ceterum censeo: Wir brauchen keine strengeren Prüfungen, wir brauchen keine „Reformen“ des Heilpraktikerwesens und seiner Ausbildung. Wir brauchen überhaupt keine Heilpraktiker, denn es gibt keine „alternative“ und keine „komplementäre“ – es gibt nur die wissenschaftsbasierte Medizin. Man könnte allenfalls darüber nachdenken, ihnen im Rahmen streng gefasster Befugnisse und nachgewiesener Fähigkeiten so etwas wie den Status von „Gesundheitsassistenten“ zuzuweisen, wenn man sich nicht dazu durchringen kann, im Interesse einer modernen und glaubwürdigen Gesundheitspolitik tabula rasa zu machen.

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Wird bei Bedarf und Anlass fortgesetzt.

 

 

 

 

 

 

Die Inkonsistenz der Homöopathie – Epilog

Confused salesman with arrows on wall

Nun mag man ja sagen, gut und schön, einleuchtende Beispiele, aber was spricht denn grundsätzlich gegen den Versuch, eine alte Hypothese mit neuzeitlichen Kenntnissen beweisen zu wollen?

Anschläge auf Samuel Hahnemann

Nun, es spricht dann Grundsätzliches dagegen, wenn die „Beweise“ oder „Weiterentwicklungen“ die zu beweisende Hypothese in sich und in ihrem Zusammenhang zerstören. Hahnemanns homöopathische Lehre ist ein relativ schlüssiges, wenn auch auf falschen Prämissen beruhendes Gedankengebäude. Es macht insofern nur Sinn, von Homöopathie zu sprechen, wenn die Schlüssigkeit -die Konsistenz- dieses Gebäudes nicht aufgebrochen und ganz oder teilweise in Frage gestellt wird. Genau dazu führen aber alle Versuche von „Beweisen“ einzelner Theorieteile und „Weiterentwicklungen“ nach den Grundsätzen freien Künstlertums. Dies sind nämlich nur untaugliche Versuche, Hahnemanns Hypothese mit einzelnen Bedeutungsinhalten zu unterfüttern, die er selbst ohne Zweifel entrüstet zurückgewiesen hätte. Nicht etwa die Ausbildung einer sich konsistenten Weiterentwicklung.

„Forschung“ als Rosinenpickerei

Nehmen wir doch die -sämtlich gescheiterten oder unbewiesen gebliebenen – Versuche, ein „Wassergedächtnis“ nachzuweisen, in Verdünnungen oberhalb 10^23 „Nanopartikel“ zu finden, elektromagnetische „Schwingungen“ zwischen zwei benachbarten potenzierten Lösungen zu detektieren, womöglich unter Anrufung der Quantentheorie, und manches mehr. Denkt man einmal über diese Ansätze nach, kommt man zu dem Ergebnis, dass sie eigentlich Angriffe auf Hahnemanns Homöopathie darstellen. Es wird ja geradezu angestrebt, beispielsweise durch Nachweisversuche materieller Wirkungen die gedankliche Grundlage Hahnemanns, die Regulierung der geistigen Lebenskraft mit ebenso geistartigen Kräften im homöopathischen Mittel, zu widerlegen. Von einer wissenschaftlichen Beweisführung zugunsten von Hahnemanns Hypothesen sind diese Versuche meilenweit entfernt. Hier wird doch nicht versucht, im wissenschaftlichen Sinne eine Theorie durch Falsifizierung und Erkenntnisgewinn weiterzuentwickeln – vielmehr wird an die Grundlagen von Hahnemanns Gedanken die Axt angelegt. Damit hat doch das ganze Gebäude mit der Bezeichnung „Homöopathie“ gar keine Existenzberechtigung mehr. Was für ein Irrweg! „Forschung“ als Rosinenpickerei auf Kosten des Kuchens. Eher Widerlegung als Bestätigung.

Samuel, die machen alles kaputt!

Auf einem niedrigeren Niveau finden wir das Gleiche bei den Komplexmittelverfechtern, bei den Selbstbehandlern, bei den komplementären Homöopathen, bei den Tierhomöopathen – alle brechen, wie gezeigt wurde, mit wesentlichen Teilen der Hahnemannschen Systematik, und verwandeln sie damit in eine Abbruchbaustelle. Sie nutzen Hahnemanns Homöopathie nur noch als Folie für ihre Fantastereien – und merken es wohl nicht einmal.

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Steht noch, aber…

An die Stelle einer wissenschaftlichen Weiterentwicklung durch das Erkennen von Irrtümern und deren Ersetzen durch neuere Erkenntnisse tritt eine Beliebigkeit, die mich an die Nutzung des Colosseums durch die römische Bevölkerung der Spätantike als Steinbruch erinnert. Jede Bruchbude wurde stolz als Weiterentwicklung des Colosseums verkauft, aber mit dem Colosseum selbst war nichts mehr anzufangen…

Die Statik reicht einfach nicht

Letzten Endes ist auch das -und hier schließt sich der Kreis- ein Beleg dafür, dass die Homöopathie als Theoriegebäude eben nicht entwicklungsfähig ist, denn ihre Grundannahmen und deren untrennbarer Zusammenhang erweisen sich nicht als trag- oder ausbaufähig. Beweisversuche, wie sie die Homöopathie-Lobby seit geraumer Zeit unternimmt, zielen im Grunde darauf ab, einzelne Teile des Gebäudes dadurch zu stützen, indem man andere preisgibt – und damit das ganze Haus unbrauchbar macht. Nur mal angenommen, es würden tatsächlich physiologisch wirksame Bestandteile in potenzierten Lösungen nachgewiesen – wo bleibt dann das Konzept der Regulierung der geistigen Lebenskraft durch immaterielle Wirkungen? Können das Simile-Prinzip, die Arzneimittelfindung und die Potenzierung weiter erhalten bleiben? Muss die Berufung auf Hahnemann womöglich ganz aufgegeben werden? Oder landet man womöglich im Ergebnis schlicht nur bei einer leichten Modifizierung der modernen Pharmakologie? Das wäre ein Ding…

Ach ja, bevor wir es vergessen: Homöopathie wirkt nicht. Egal ob mit oder ohne „Forschung“ und „Weiterentwicklung“.

Die Inkonsistenz der Homöopathie II

Verwitterte grau-braune BretterwandScheinwissenschaftlicher Anstrich – die Farbe blättert

Was geschieht, wenn man auf einem uralten, verwitterten Grund versucht, einen neuen Anstrich anzubringen, womöglich den soundsovielten? Der neue Anstrich wird schnell abblättern und der Untergrund wird davon auch nicht besser. So kommen mir die „modernen“ Versuche vor, die Homöopathie auf verschiedene Art und Weise als eine in der heutigen Zeit existenzberechtigte, akzeptable medizinische Methode darstellen zu wollen.

Wir wollen dabei unterscheiden zwischen dem, was die „offiziellen“ Vertreter der Homöopathie so aufbieten, früher schon  als „Aura von Scheinwissenschaftlichkeit“ bezeichnet und den vielfachen Ansätzen, vor allem bei Heilpraktikern, Herstellern homöopathischer Mittel und arglosen „Heimanwendern“, an Hahnemanns Methode -die sie offenbar gar nicht wirklich kennen oder aber gar nicht ernst nehmen- herumzubasteln.

Eines haben all diese Ansätze aber gemeinsam: Sie berufen sich auf Hahnemanns Lehre und führen sie durch ihre Bemühungen gleichzeitig ad absurdum. Verschlimmbesserung sagt man zu so etwas dort, wo ich herkomme.

Hahnemann hat, das sei zugestanden, unter den Prämissen seiner Grundannahmen ein in sich recht schlüssiges System aufgebaut, nicht völlig widerspruchsfrei, aber im Wesentlichen systematisch und konsistent. Gerade diese Systematik seiner Methode hat sicher zu ihrem früheren Ansehen beigetragen und mit verhindert, dass sie auf dem Friedhof der anderen abstrusen Hypothesen der Medizingeschichte gelandet ist. Allerdings ist diese Systematik auch nur schöner Schein – sie macht die Homöopathie inhaltlich nicht richtiger.

 

Wenden wir uns zunächst den „Offiziellen“ zu, der

Artillerie: Deutscher Zentralverein Homöopathischer Ärzte, Carl und Veronika Carstens-Stiftung, Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie e.V. (WissHom), klinisch-akademische homöopathische Forscher et.al.

Ancient cannon on wheels isolated on white

Diese Vereinigungen und Personen, die eng zusammenarbeiten und auch institutionell teilweise miteinander verflochten sind, stellen die finanz- und personalstarke Lobby dar, die es nach der Renaissance der Homöopathie seit den 70er Jahren geschafft hat, diese nicht nur im Bewusstsein der Öffentlichkeit, sondern auch in der Gesundheitspolitik mit einem positiven Image zu verankern.

Wie nun stehen diese Proponenten zur Kritik an der Homöopathie? Nun, sie behaupten durchweg deren Wirksamkeit und -dem Zeitgeist nun doch Tribut zollend- ihre naturwissenschaftliche Relevanz. Kritiker und Opponenten sind teuflische Ignoranten. Man versucht eifrig, aus Studien, die sich mit der Homöopathie beschäftigen, mit allen Mitteln Evidenzen herauszubuchstabieren, also unmittelbar nachvollziehbare, klar erbrachte Nutzennachweise. Nach Ansicht des allergrößten Teils der weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft sind sie allerdings dabei erfolglos geblieben, nur nach ihrer eigenen Meinung nicht. Bemerkenswert ist, dass sie Zuflucht suchen bei der sogenannten homöopathischen Grundlagenforschung, die bemüht ist, einen Wirkungsmechanismus auf naturwissenschaftlicher Basis zu postulieren (Stichwort Wassergedächtnis) – was ohne den ausstehenden Beweis, dass überhaupt eine Wirkung vorhanden ist, mir so vorkommt wie die Sache mit dem Hasen und dem Igel, nur in der Variante, dass der Hase gar nicht erst losrennt.

Ich fühle mich an dieser Stelle nicht berufen, über Details der Studienlage zu referieren. Der geneigte Leser findet beispielsweise in Dr. Norbert Austs Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ zu diesem Thema mehr als fundierte Information (siehe Blogroll). Mir geht es eher um einen grundsätzlichen Aspekt.

Hahnemann hat die Homöopathie im Sinne einer Arzneimittellehre etabliert, die nicht auf physiologischen Zusammenhängen (materielle Einwirkung von Stoff zu Körper, Dosis-Wirkungs-Beziehung) beruht. Vielmehr soll die „geistartige Substanz“ im potenzierten Mittel auf die verstimmte „geistige Lebenskraft“ des Erkrankten eben in einem geistig-immateriellen Sinne einwirken und die „verstimmte Lebenskraft“ wieder geraderücken. Mit dieser Idee untrennbar verbunden sind Hahnemanns Grundlagen seiner Lehre: Das Simileprinzip als „magische“ Annahme, dass Ähnlichkeiten in der Natur „geistartig“ etwas zu bedeuten hätten und die Potenzierung, die ohne die Annahme einer Übertragung „geistartiger Kräfte“ des Urstoffs auf das Lösungsmittel auch Hahnemann selbst wohl suspekt erschienen wäre -immerhin war er auch Chemiker, der übrigens auch eine vielverwendete Testmethode erfunden hat.

Und jetzt kommen die großen Homöopathie-Proponenten und wollen mit aller Gewalt den Beweis antreten, dass die Homöopathie heutigen naturwissenschaftlichen Grundsätzen standhält? Dass es sehr wohl eine materielle, physiologische Grundlage für die angebliche Wirkung homöopathischer Mittel gibt? Dass Nanotechnologie, Quantenphysik und mehr die Grundlage für die wissenschaftslogische Erklärung eines homöopathischen Wirkungsmechanismus sein sollen?

Merken die denn nicht, dass sie damit den Boden der Hahnemannschen Lehre verlassen und damit sozusagen ins Leere stürzen? Weil sie, wenn sie die Hahnemannsche Wirkung der „geistartigen Kraft“ in den homöopathischen Arzneimitteln mit aller Gewalt durch materielle Wirkungen ersetzen wollen,  damit einerseits Hahnemanns Grundannahmen zusammenfallen lassen wie ein Kartenhaus und andererseits eben doch nicht den Ansprüchen der Wissenschaftlichkeit gerecht werden, weil sie den von ihnen gewünschten Nachweis eben doch gar nicht erbringen können? bruchbudeDie ganzen Bemühungen, das Gebäude der Homöopathie auf den Sockel der modernen Naturwissenschaften zu heben, kommen mir vor, als würde man ein altes, auf unsicherem Grund stehendes Holzhaus in dem Bemühen, es vor dem Verfall zu retten, auf die Oberfläche eines Sees zu stellen versuchen.

All diese Bemühungen sind nach meiner Ansicht nicht nur Pseudowissenschaft, sondern sogar Pseudohomöopathie. Das verstehe ich unter der „Inkonsistenz“ der heutigen Homöopathieszene.

 

An der Unterminierung der Hahnemannschen Lehre arbeiten aber auch andere. Mit naiverer Herangehensweise, eher kreativ, aber im Ergebnis genauso destruktiv.

Es gibt hier gleitende Übergänge, insbesondere was die Hersteller von Homöopathie betrifft, aber insgesamt zählen wir diese Gruppe zur

Soldier man and woman in military uniform

Infanterie: Homöopathie-Hersteller, Apotheker, Heilpraktiker, Fans und Anwender

Hier finden sich reichlich Privatvarianten der Homöopathie, die Hahnemann zweifellos aufs Äußerste aufgebracht hätten, achtete er doch schon zu Lebzeiten auf die Einhaltung seiner reinen Lehre und betrachtete alle Abweichler als persönliche Gegner. Was alles nun finden wir in dieser Szene, was als Homöopathie verkauft wird, aber ihr massiv widerspricht und eigentlich nur Ergebnisse freischwebender Fantasie sind? Nur eine Auswahl:

 

Komplexmittel. Die Hersteller homöopathischer „Arzneimittel“ haben inzwischen einen soliden Vertrieb sogenannter Komplexmittel aufgebaut, womit Präparate mit mehr als einem Wirkstoff gemeint sind. Wie das? Postulierte Hahnemann nicht das „eine“ Mittel, das die besondere „Verstimmung der Lebenskraft“ des Patienten wieder zurechtrückt? Hat er nicht überdeutlich gemacht, dass es aufgrund des gesamten individuellen Symptombilds gilt, das „eine“ Mittel zu finden, das genau die Verstimmung dieses einen Patienten wieder ins Lot bringt? Ja, das ist ein ganz wesentlicher Grundpfeiler des Hahnemannschen Systems, der Gedanke der „Umstimmung der geistartigen Lebenskraft“ steht und fällt mit der Auswahl des einen, genau richtigen Mittels.
Macht man einmal Hersteller solcher Komplexmittel, die diese ungeniert als „homöopathische Arzneimittel“ kennzeichen, hierauf aufmerksam, kann es auch mal heiter werden. So erhielt der Verfasser dieser Zeilen unter anderem die Auskunft, schließlich habe sich die Homöopathie ja weiterentwickelt (!) und man habe dabei die Erfahrung (!) gemacht, dass Komplexmittel noch (!) wirksamer seien. Sehr interessant fand ich auch die Auskunft, die unterschiedlichen Wirkstoffe würden sich in dem Mittel „gegenseitig weiterpotenzieren“. Da staunt der Laie und Hahnemann  ist sprachlos.

Belegzitat aus Dr. Hahnemanns Organon (§ 273):

    In keinem Falle von Heilung ist es nöthig und deßhalb allein schon unzulässig, mehr als eine einzige, einfache Arzneisubstanz auf einmal beim Kranken anzuwenden. Es ist nicht einzusehen, wie es nur dem mindesten Zweifel unterworfen sein könne, ob es naturgemäß und vernünftiger sei, nur einen einzelnen wohl gekannten Arzneistoff auf einmal in einer Krankheit zu verordnen, oder ein Gemisch von mehreren, verschiednen. In der einzig wahren und einfachen, der einzig naturgemäßen Heilkunst, in der Homöopathie, ist es durchaus unerlaubt, dem Kranken zwei verschiedne Arzneisubstanzen auf einmal einzugeben.

 

Selbstmedikation. Wohl mehr als die Hälfte aller homöopathischen Mittel gehen zur Selbstmedikation ohne eine Verordnung durch einen „Heilkundigen“ über die Apothekentheke. Auch hier würde Hahnemann wohl „dreynfahren, dass es die Narren kuriere“. Denn: Die homöopathische Methode, so unwirksam sie ist, beruht auf einem aufwendigen Verfahren. Das beginnt bei der Arzneimittelprüfung am Gesunden, findet einen Höhepunkt in der homöopathischen Anamnese, die dem „Heilkundigen“ auch das kleinste Fitzelchen der Befindlichkeit des Patienten offenbaren soll und endet dann erst bei der Verordnung des laut Repertorium passenden Mittels. Dabei bedient sich der Homöopath riesiger Symptom- und Mittelverzeichnisse (die Repertorien), wenn er nach vielen Mühen ein Symptombild des Patienten gefunden hat, das er für diesen als individuell ansieht und auch -sogar vorrangig- den „Geistes- und Gemüthszustand“ berücksichtigt hat.

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Alles noch von unser Omma!

Und da soll die Selbstmedikation mit Homöopathika nach der Empfehlung von Oma Liese ihrer Handarbeitsfreundin der ihren Sohn, dem es schon mal geholfen hat, irgendeinen Sinn machen? Auch die Empfehlung des Apothekers,  mal eben so über die Theke, muss nach Hahnemanns Grundsätzen völlig ins Leere laufen. Selbst für den „Heilkundigen“ gilt nach § 257 des Organon:

     Der ächte Heilkünstler wird es zu vermeiden wissen, sich Arzneien vorzugsweise zu Lieblingsmitteln zu machen, deren Gebrauch er, zufälliger Weise, vielleicht öfterer angemessen gefunden und mit gutem Erfolge anzuwenden Gelegenheit gehabt hatte. Dabei werden seltener angewendete, welche homöopathisch passender, folglich hülfreicher wären, oft hintangesetzt.

Für Hahnemann wäre die Selbstmedikation demnach, in seinem Duktus, „eine Dummheit von Unwissenden, befördert durch elendige Geschäftsmacherey“.

 

„Komplementäre“ Behandlung zur wissenschaftlichen Medizin. Die Etablierung der Homöopathie als Komplementärmedizin muss nicht nur nach den Hahnemannschen Grundsätzen geradezu als Häresie erscheinen, sondern ist auch eine besonders perfide Methode zur Absicherung der Zuckerkugeltherapie.
Bekanntlich war Hahnemann den „Allopathen“, also den aus damaliger Sicht „herkömmlich“ praktizierenden Medizinern, spinnefeind und setzte ihnen -aus durchaus aus seiner Sicht nachvollziehbaren Gründen- seine Methode diametral entgegen. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, aus der Beobachtung von Patienten, die gleichzeitig (!) allopathisch und homöopathisch behandelt werden, einen Beleg für seine Methode herauszulesen. Er wäre der Ansicht gewesen, dass jede allopathische Behandlung, die er eh für schädlich hielt, den homöopathischen Effekt zunichte machen würde. Das nahm er schon für vergleichsweise harmlose Sachen wie Kaffee oder Tee an.
Was heutige „klinische Forscher“ nicht von derartigen Versuchen abhält. Und sie -man höre und staune- dazu befähigt, aus der Beobachtung von doppelt behandelten und nur wissenschaftlich therapierten Vergleichsgruppen Signifikanzen zugunsten einer homöopathischen Begleittherapie herauszulesen. Man kann Hahnemann kaum stärker widersprechen. Was übrigens von solchen Studien zu halten ist, darüber kann man sich beispielsweise anhand der sogenannten Sepsis-Studie des Homöopathie-Propagandisten Prof. Frass von der Uni Wien informieren. Ergebnis: Für mein Begriffe schlicht null. Freundlich ausgedrückt. Für Interessierte mehr auf dem Blog von Dr. Norbert Aust
(http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=2939).

Ach ja, von wegen Absicherung: Was ist noch gleich eine Standardausrede des Heilpraktikers und womöglich des homöopathischen Arztes, wenn der Patient berichtet, die Globuli hätten aber gar nicht angeschlagen? „Sie haben bestimmt irgendwelche Medikamente dazu genommen, nicht wahr? Dann kann das nicht wirken!“ In Hahnemanns Sinne haben sie damit recht. Aber erstens ist das ja eine wunderbare Ausrede und zweitens hält das die Szene nicht davon ab, fleißig „Komplementärmedizin“ zu betreiben und dazu zu „forschen“…

 

Prophylaktische (vorbeugende) Homöopathie. Tja. Ein – Scherz, würde Oberstleutnant Sanftleben alias Georg Schramm sicherlich dazu sagen.

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Landsleute, Homöopathie ist nichts für uns. Mit Kleinigkeiten haben wir uns noch nie zufrieden gegeben.

In der Tat. Hahnemann will die „Verstimmung der geistigen Lebenskraft“ korrigieren, die sich nach außen durch Symptome bemerkbar macht. So wie man einen kleinen Baum oder Strauch geraderückt, der sich im Erdreich gelöst hat. Dazu muss aber erst einmal eine solche Verstimmung, die sich durch Symptome bemerkbar macht, vorhanden sein. Ansonsten würde man nach Hahnemanns Lehre durch eine Arzneigabe eine solche Verstimmung ja hervorrufen! Beziehungsweise dem Baum, der schön geradesteht, einen Ruck versetzen, der ihn krumm zurücklässt. Eine schöne Prophylaxe! Das wäre dann keine vorbeugende Behandlung, sondern ein homöopathischer Arzneimitteltest…  In diesem Fall dürfte Hahnemann sprachlos sein.
Nur am Rande: Eine Suche nach „Homöopathie Prophylaxe“ bei Google ergibt für den deutschsprachigen Raum rund 359 000 Treffer…

 

Tierhomöopathie. Auch Tierquälerei genannt. Man weiß heute, dass Hahnemann die Anwendung der Homöopathie an Tieren wohl einmal angedacht hat (eine kurze Ausführung dazu findet sich in einem Manuskript, das einen Entwurf für einen wahrscheinlich nie gehaltenen Vortrag darstellt). Er ist aber niemals darauf zurückgekommen. Er wird gewusst haben, warum. Zweifellos hat er eingesehen, dass seine Anforderungen an die homöopathische Anamnese, die nach Möglichkeit die kleinste Befindlichkeitsstörung sowie den Zustand von „Geist und Gemüth“ erfassen soll, beim Gespräch mit Ackerpferd Hulda und Hofhund Bello nicht erfüllt werden könnten. Allenfalls vom sprechenden Pferd Mr. Ed aus den sechziger Jahren, mir ist ein Versuch mit dem aber nicht bekannt geworden.

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Und jetzt zu Geist und Gemüth…

Mal wieder hat es seine selbsternannten Exegeten nicht davon abgehalten, Tierhomöopathie zu etablieren und allen Ernstes anzufangen, sogar Arzneimittelprüfungen an gesunden Tieren vorzunehmen. Ihnen reicht die eigene Beobachtung, zusätzlich die des Tierhalters, völlig aus. Notfalls wird auf die Symptom- und Mittelverzeichnisse für Menschen zugegriffen -„Interpolieren“ wird das genannt und wenn alle Stricke reißen, muss es die berühmte Erfahrung des Therapeuten richten. Es gibt sogar einen Namen für diesen gesteigerten Unsinn: Anamnese per proxy. Das ist, selbst gemessen an den Anforderungen bei der Humanhomöopathie, grotesk.

Es gibt noch viele andere Gründe -pathologische wie ätiologische- dafür, weshalb humanbezogene Mittel und Methoden ohnehin nicht einfach auf die Tierwelt übertragen werden können, ein Beleg dafür ist die eigenständige, besondere Profession des Veterinärs mit einem eigenen speziellen Studiengang. Das ficht aber die Legion der Tierhomöopathen nicht an – sie betreiben ihre systematische Misshandlung kranker Tiere auf breiter Basis. Google ergibt zu Tierhomöopathie im deutschsprachigen Raum über 73 000 Treffer…

 

Pflanzenhomöopathie. Äh… ja. Nur zur Klarstellung: Ich meine damit nicht homöopathische Mittel, deren Urstoff pflanzlicher Provenienz ist. Ich meine damit tatsächlich die Anwendung homöopathischer Mittel auf Pflanzen…
Und zwar keineswegs gegen Pflanzenkrankheiten, sonst hätte ich das auch zusammen mit der Tierhomöopathie abhandeln können. Nein, keineswegs, sondern zur Beförderung von Wachstum und Ertrag…

pflanzenGlauben Sie nicht? Können Sie sich nicht vorstellen? Doch, doch. Schon 2004 wurden Steuermittel dafür ausgegeben, eine Studie der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Bonn zu finanzieren, die bioenergetisch und homöopathisch betriebene Zierpflanzenwirtschaft in allerhöchsten Tönen preist. Wer es sich zutraut, das zu lesen, kann den Link gerne von mir erhalten… aus Rücksicht auf nicht so nervenstarke Leser stelle ich ihn nicht direkt ein.

In jüngster Zeit ist sogar eine höchst renommierte Firma dabei, ihre Produkte mit homöopathischem Unsinn zu diskreditieren und unglaubwürdig zu machen:
http://www.neudorff.de/pflanzenwissen/homoeopathie.html

Überzeugen Sie sich selbst.

 

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Wer nun glaubt, wir hätten uns bereits Lichtjahre von Hahnemann entfernt und irrer ginge es doch gar nicht mehr, der staune über einen kleinen letzten Exkurs über

Zauberei und Hexenwerk. Auch gern mal als „evolutionäre Homöopathie“ bezeichnet. Sind schon die vorhergehenden Beispiele Beleg genug dafür, dass die Homöopathie wegen ihres fehlenden Wirkungsnachweises und mangels naturgesetzlich haltbarer Erklärungen eine Spielwiese für Geschäftemacher und Selbstdarsteller geworden ist, so gilt dies erst recht für einige Perlen des Esoterik- und Paramedizinmarktes, die sich inzwischen auch des armen Hahnemann angenommen haben.

Eine der schwierigsten Aufgaben für den homöopathisch Heilkundigen ist ja die komplizierte Mittelfindung, die Suche nach dem einen, einzigen Mittel, ganz individuell. Da gibt es ganz neue, revolutionäre Ansätze, die zweifellos geeignet sind, dieses Problem dauerhaft und nachhaltig zu lösen. Ich darf vorstellen: Mittelfindung per Farbvorliebe und Mittelfindung per Aufstellung nach Hellinger!

Ich beschränke mich zur Farbenlehre hier mal auf ein einschlägiges Zitat:

„Die Farbtrilogie des bekannten Kölner Arztes und Forschers H.V. Müller ist bereits ein Klassiker. Er entdeckte, was moderne Homöopathen immer wieder bestätigen: Die Farbvorliebe bietet Sicherheit beim Finden eines homöopathischen Mittels, das nicht nur oberflächliche Symptome abdeckt. (Schon ganz falsch, ätsch…)
Die Farbvorliebe kann uns als Rubrik im Farbrepertorium erste Hinweise auf aussichtsreiche Mittel liefern, oder sie kann bei der Differenzierung der Mittel nach der üblichen Repertorisation helfen. Die Farbe liefert uns den emotionalen Hintergrund, auf dem sich die meisten Erkrankungen abspielen.
Auch lassen sich durch Farbgruppen Arzneimittelbeziehungen klären und Gemeinsamkeiten auffinden. Laut Müller haben z. B. „die Blauen“ einen Hang zur Glorifizierung der Vergangenheit und sind zuverlässig, während „die Roten“ eher revolutionär veranlagt sind und nicht unbedingt zur Treue neigen. Die Übereinstimmung von Farbgruppen konnte Müller anhand tausender von Fällen erforschen und bestätigen.“

(Werbetext des Narayana-Verlags zum Buch „Die Farben als Hilfe zur homöopathischen Mittelfindung – Band 1“ von Hugbald Volker Müller – 
http://www.narayana-verlag.de/Die-Farben-als-Hilfe-zur-homoeopathischen-Mittelfindung-Band-1-Hugbald-Volker-Mueller/b17645)

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In letzter Zeit geht auch die unselige „Familienaufstellung nach Hellinger“, eine nicht ungefährliche, höchst umstrittene psychisch beeinflussende Methode, eine (Schein-)Ehe mit der Homöopathie ein.
So lässt man beispielsweise im Rahmen einer Aufstellung den „Vertreter“ entweder der Symptomatik oder den des Probanden selbst „intuitiv“ aus einer Reihe verschiedener homöopathischer Mittel das „Richtige“ heraussuchen… Auch für die wortreiche Darlegung dieser Erkenntnisse unter dem Titel „Systemische Homöopathie mit Familienaufstellung“ (mal bei Amazon suchen, bei Interesse) mussten bereits unschuldige Bäume in der Papierproduktion ihr Leben lassen.:

Ein Zitat der Autoren: „Es gibt nicht die Realität an sich, sondern nur Sichtweisen von Beobachtern. Eine objektive Welt gibt es demnach nicht, sondern jeder Beobachter schafft sich seine eigene Welt.“ Tja, kann man so sehen. Nur mit Wissenschaft hat das leider nichts zu tun. Nur mit einem selbstausgestellten Freibrief für Beliebigkeit.

 

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Noch einer? Elektronische Homöopathie…

„Elektronische Homöopathie und die Klassische Homöopathie sind nur im Ergebnis gleich. Im Herstellungsverfahren und der Philosophie, die dahinter steckt, weichen sie zum Teil vollkommen voneinander ab. (Eine schöne Bestätigung meiner These von der Demontage der Homöopathie durch ihre Anhänger.)
Ein wichtiger Unterschied ist, dass die Klassische Homöopathie eher davon ausgeht, dass ein Mittel über den ganzen Potenzierungs- und Potenzbereich dem ursprünglichen und eigentlichen Arzneimittelbild verhaftet bleibt, während die Elektronische Homöopathie – geprägt von Radionik, insbesondere aber auch der Bioresonanz- und Frequenztherapie – meint, dass sich völlig verschiedenartige Wirkungen aus den Potenzbereichen ergeben können. 
Besonders interessant: Die Elektronische Homöopathie kann das Ergebnis gleich als passende Schwingung per handelsüblichem PC zur Verfügung stellen. (Na, da kommt Hahnemann natürlich nicht mit.)

(Begleittext zu: „Elektronische Homöopathie – Mittelfindung, Schwingungsgenerierung und Ausgabe mittels Personal Computer für Bioresonanz und Radionik“ von Hans Otfried Ditmmer –  https://www.amazon.de/Elektronische-Homöopathie-Mittelfindung-Schwingungsgenerierung-Bioresonanz/dp/3837062589/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1474742054&sr=1-3&keywords=Dittmer%2C+Hans+Otfried)

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Die ultimative Vereinfachung jedoch, dem heutigen hektischen Zeitgeist optimal angepasst -denn bei Hahnemann ging es doch noch eher gemütlich zu- ist aber die Entdeckung der „Homöopathie zum Aufmalen“.

Einfach mal nach „Medizin zum Aufmalen“ bei Amazon suchen.

Aus einem Begleittext zum Buch „Medizin zum Aufmalen – Heilen durch Informationsübertragung und Neue Homöopathie / Praxiserfahrungen mit den Körbler’schen Zeichen“ von Neumayer / Stark:

„Seit jeher nutzten indianische Völker Zeichen und Symbole, um Kraft und Mut zu stärken. Auch auf dem berühmten Eismenschen „Ötzi“ fand man auftätowierte Striche an verletzten Körperteilen, und der Scanner an der Supermarktkasse erkennt das Produkt am Strichcode… Symbole, einfache Striche und Zeichen werden seit Urzeiten und in zahlreichen Kulturen eingesetzt, um Informationen zu übermitteln und die Selbstheilungskräfte zu mobilisieren.
Mitte der 1980er Jahre belebte der Wiener Elektrotechniker (! – Ich hätte auf einen Malermeister getippt…) Erich Körbler dieses Wissen neu. Demnach kann der menschliche, tierische und pflanzliche Organismus auf Körper-, Seele- und Geistebene durch geometrische Formen und Zeichen heilbringend beeinflusst werden. Die Zeichen wirken wie Antennen auf der Haut und verändern von dort aus das Energiesystem des Körpers. Sie werden auf schmerzende Stellen oder Akupunkturpunkte aufgemalt; mit ihrer Hilfe können Informationen auch auf Wasser oder Heilsteine übertragen werden.
Viele Laien und Therapeuten haben dieses Heilsystem inzwischen erprobt und weiterentwickelt, geben ihr Wissen weiter und wenden es in der täglichen Praxis an – mit teilweise erstaunlichen Erfolgen.
Ein umfassender Ratgeber für Alltag und Therapie – mit anschaulichen Fallbeispielen und Praxisberichten!“

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Sagt der Polynesier zum Homöopathen: Herr Doktor, bei mir hilft nichts mehr! (ähem…)

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So macht die Homöopathie nur noch den Eindruck eines ehemals einigermaßen eindrucksvollen, aber längst durchgesessenen Sofas, das irgendwo in der Landschaft steht, seltsamerweise von niemand entsorgt wird, an dem jeder weiter herumfleddern darf und damit dessen weiteren Verfall befördert.

Bald Head Island, North Carolina, USA --- Old victorian sofa outside on beach --- Image by © Unlisted Images/Corbis

So. Nun genug der Beispiele, es ist hier doch lang geworden. Der besseren Lesbarkeit halber erscheint ein Epilog zu diesem Thema als gesonderter Beitrag.

 

 

 

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Bildnachweise:
1 – 5, 9 – 11:   fotolia
6, 13: Eigene Bilder
7: Wikimedia Commons
8: Geschäftsstelle Bundesprogramm Ökologischer Landbau – Lizenzfreie Veröffentlichung
12: Gottfried Lindauer, Tamati Waka Nene (Maori, 19. Jh.)
Auckland Art Gallery Toi o Tāmakia,
in accordance with the New Zealand Copyright Act 1994

 

Die Inkonsistenz der Homöopathie I

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Der unbewegte Monolith der Homöopathie unbeeindruckt vom Fluss der wissenschaftlichen Erkenntnis

Wer weiß, was ein Kanon ist? Nein, nicht wohlorganisierter Kindergesang. Ich meine den Kanon, der in der Wissenschaft die Summe anerkannter Erkenntnisse oder Regeln bedeutet, beispielsweise den Kanon der wissenschaftlich abgesicherten medizinischen Mittel und Methoden.

Der Kanon der wissenschaftlichen Medizin ist der jeweils gültige Bestand der gesicherten Erkenntnisse. Entsprechend der wissenschaftlichen Methode der Falsifikation ist der Kanon niemals feststehend, sondern steht ständig auf dem wissenschaftlichen Prüfstand. Methoden werden verbessert, Neues wird hinzugefügt, Widerlegtes verworfen und aus dem Kanon ausgeschieden. Der Kanon muss zudem in sich konsistent sein, womit gemeint ist, dass keine Widersprüche in ihm enthalten sein dürfen – solche sind Anlass zu weiterer Aufklärung. Man kann geradezu nicht mehr von einem „Kanon“ sprechen, wenn er sich widersprechende Erkenntnisse und Methoden enthält.

Merke: Der jeweilige Kanon wissenschaftlicher Mittel und Methoden, auch und gerade in der Medizin, ist eine Momentaufnahme, der den aktuellen Stand des wissenschaftlichen Prozesses wiedergibt. Er mag Lücken und Irrtümer enthalten, die aber nach der wissenschaftlichen Methode der Falsifikation, des Versuchs der Widerlegung und Verbesserung, der Aufklärung früher oder später anheimfallen. Falsifikation führt immer dann zu Fortschritt, wenn eine Beobachtung einer bisherigen Erkenntnis (Theorie) widerspricht oder sich widersprechende Annahmen aufgelöst werden. Sie garantiert ein offenes, selbstreferenzierendes System.

Ein Beispiel für dieses erkenntnisoffene System ist der Fall der lange zum Kanon gehörenden Hormontherapie für Frauen nach der Menopause. Angesichts vieler Behandlungserfolge bezogen auf die typischen Wechseljahresbeschwerden hatte sich diese Methode als Standard etabliert. Durch die kritisch-falsifizierende Forschung geriet diese scheinbar fest im Kanon verankerte Therapie ins Wanken.

Die Ergebnisse der britischen „One Million Study“, einer der weltweit größten Untersuchungen zur Hormonbehandlung für Frauen nach der Menopause, zwang zum Umdenken. Sie bestätigte eine deutliche Erhöhung des Brustkrebsrisikos durch eine solche Hormonbehandlung, und zwar umso mehr, je länger die Behandlung andauerte. Eine weitere Studie, die „Woman‘ s Health Initiative“, konnte nicht über die vorgesehene Zeit von acht Jahren durchgeführt werden – sie wurde wegen der überdeutlichen Zunahme von Brustkrebserkrankungen schon bei den Zwischenergebnissen abgebrochen.

Somit flog die generelle Empfehlung zu einer postmenopausalen Hormontherapie aus dem wissenschaftlich-medizinischen Kanon. Sie wurde zunächst durch eine im Anwendungsbereich und in der Anwendungsdauer stark beschränkte Empfehlung ersetzt. Derzeit hat die laufende Forschung detaillierte neue Ergebnisse erbracht, die in eine neue, sehr differenzierte Leitlinie münden werden.

So weit, so gut. Eine Form der Qualitätskontrolle, die das Vertrauen in die wissenschaftsbasierte Medizin eigentlich massiv stärken müsste.

Jetzt aber die Gretchenfrage:

Wie sieht es mit alledem bei der Homöopathie aus?

Nun, die Homöopathie verfügt auch über einen Kanon. Der heißt „Organon der Heilkunst“, stammt vom berühmten Samuel Hahnemann und ist inzwischen 200 Jahre alt, ohne dass ihn etwas von der wissenschaftlichen Methode des Falsifizierens, des Verwerfens von Unhaltbarem und des Einbaues neuer Erkenntnisse berührt hätte. Im Gegenteil, den sogenannten klassischen Homöopathen gilt er als sakrosankt, als Dogma – was sich durchaus damit verträgt, dass er ein Gedankengebäude, eine Erfindung (keine Entdeckung!), eine auf vorwissenschaftlichen Vorstellungen beruhende Konstruktion ist.

Hahnemann war der Begriff der Empirie, der Erfahrungswissenschaft, zwar nicht unbekannt – es fehlten ihm jedoch jegliche Mittel und Methoden, empirische Ergebnisse einordnen und bewerten zu können. Ein Beispiel dafür ist der vielzitierte Chinarindenversuch. Hahnemann war darauf angewiesen, seine Erkenntnisse -zum Beispiel, dass die Methoden seiner Ärztekollegen eher zum Ab- als zum Weiterleben der Patienten führten- in einem reinen Gedankengebäude zu verarbeiten. Teils griff er dabei auf Gedanken des Animismus -der Vorstellung einer allseits belebten und bedeutungsvollen Welt- zurück (daraus entstand das Simileprinzip), teils erfand er ihm schlüssig erscheinende Hypothesen wie die Potenzierung (die ursprünglich nur Giftstoffe unschädlich machen sollte, dann aber von Hahnemann zu einer tragenden Säule seiner Lehre ausgebaut wurde). Als Grundprinzip lehrte Hahnemann, dass jede Krankheit eine „Verstimmung der geistartigen Lebenskraft“ sei, die durch die Symptome sichtbar werde. Die Symptome wiederum seien der Anhalt dafür, mit hoch- und höchstverdünnten („potenzierten“) Mitteln, die ihrerseits eine „geistartige Kraft“ besäßen und vermitteln, diese „geistartige Lebenskraft“ des Kranken wieder zurechtzurücken.

Diese Annahmen konnten auch deshalb Platz greifen, weil damals noch keine Vorstellung von Ätiologie, also der Lehre von Krankheitsentstehung und -verläufen, bestand. Es sollte einsichtig sein, dass ohne Ätiologie jede medizinische Behandlung immer nur ein „Stochern im Nebel“ sein konnte.

Nun kommen die klassischen Homöopathen her und behaupten allen Ernstes die volle Gültigkeit dieses starren, von keinem zwischenzeitlichen Fortschritt der medizinischen Wissenschaft beeinflussten Kanons. Ungeachtet der Entdeckung der Krankheitsgenese auf Zellebene (Zellularpathologie), der Biochemie des Körpers, der Entdeckung von Viren und Bakterien, der Entwicklung diagnostischer Methoden, der Wandlung der Medizin von der Symptom- zur Ursachenbekämpfung, der modernen Pharmakologie  und vielem mehr. All dies, obwohl noch zu Hahnemanns Lebzeiten bahnbrechende Entdeckungen gemacht wurden und die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts allgemein als die Zeit des großen Durchbruchs der wissenschaftsbasierten Medizin gilt. Sie etablieren damit so etwas wie eine „zweite Medizin“.

Also bitte – das ist eine Beleidigung jeglicher normaler Intelligenz. Oder sind Sie, lieber Leser, in der Lage, diesen Befund schulterzuckend hinzunehmen? Na also.

Im Bestreben, zu retten, was zu retten ist, suchen die Homöopathen ihr Heil in scheinbaren „Weiterentwicklungen“ und -dies vor allem die großen Propagandaorganisationen wie die Carstens-Stiftung und der Deutsche Zentralverein Homöopathischer Ärzte- in dem Versuch, die Homöopathie in eine modern und neuzeitlich scheinende Aura von Scheinwissenschaftlichkeit zu hüllen. Von beiden untauglichen, teilweise grotesken Versuchen wird  mein nächster Blogbeitrag handeln.

Halten wir fest: Der Kanon der wissenschaftsbasierten Medizin ist in ständigem Fluss begriffen, seine ihm inhärente Methode der Selbstkritik sorgt für den Fortschritt der Erkenntnis. Der Kanon der Homöopathie ist ein zweihundert Jahre altes Buch, damals zwar nach bestem Vermögen geschrieben, dessen Grundaussagen von den Ergebnissen wissenschaftlicher Erkenntnis aber vollständig unberührt geblieben sind. Ein gut erhaltenes Fossil, aber ein Fossil.

fossil
Interessant – aber Fossil.

 

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