Nachtrag zu“Homöopathie wirkt nicht? Die Wikipedia ist schuld!

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Hieronymus Bosch: Die Verschwörung der materialistischen Skeptiker gegen die Homöopathen (2016)

Die Sache mit der Behauptung, die Wikipedia habe vor lauter Bösartigkeit und im Kniefall vor den Skeptikern und ihrer materialistischen Weltanschauung den Homöopathie-Artikel zeitweilig zur Bearbeitung gesperrt, hat mich nun doch nicht ruhen lassen. In Ergänzung zu meinem Beitrag vom 04.11. hier also für den geneigten Leser noch ein paar interessante Rechercheergebnisse.

Nur eine Blaupause… 

Zunächst einmal hat sich ergeben, dass es eine -wenn auch weit ausführlichere- direkte Vorlage für den Artikel des DZVhÄ  gibt. Dabei handelt es sich um einen Beitrag bei der amerikanischen Huffington Post  des „homöopathischen Arztes Dana Ullman der -sagen wir mal- für seine leidenschaftlichen Interventionen zugunsten der Homöopathie auf vielen Plattformen und in so manchen Foren durchaus einen gewissen Ruf genießt. Ullman verfolgt exakt den gleichen Grundtenor wie Jens Behnke beim DZVhÄ , ist aber weitaus ausführlicher, was seine „Belege“ und weitaus deutlicher, was die Wikipedia angeht. Wie immer bei Ullman, wird man von der Unzahl an vorgeblichen Beweismitteln geradezu erschlagen, auch der Artikel bei der HuffPost strotzt nur so vor Quellenangaben. Beim näheren Hinsehen allerdings zeigt sich auch hier wieder die Gültigkeit der Weisheit aus dem biblischen Buch Kohelet, auch Prediger Salomo genannt: Es gibt nichts Neues unter der Sonne, alles ist schon einmal dagewesen. Aber diese Inhalte sollen hier nicht Gegenstand der Debatte sein.

Sperre? Artikel? Oder wer?

Vielmehr ist interessant, dass Ullman diesen Artikel offensichtlich im Furor über seine eigene Sperrung als Editor bei Wikipedia verfasst hat, er beklagt sich bitterlich darüber, dass er wegen seiner Eigenschaft als ausübender Homöopath gesperrt worden sei. Schließlich würden ja Ärzte auch nicht bei Medizinthemen gesperrt. Wo er recht hat, hat er recht. Und genau deshalb war ich auch wenig geneigt, seiner Behauptung zu den Gründen seiner Sperre Glauben zu schenken.

Mal sehen, was hierzu in Erfahrung gebracht werden kann.

Es ist nicht allzu schwer, in Wikipedias Referenzseiten den Bericht des Schiedsgerichts zu finden, der 2008 zu einer einjährigen Sperre von Ullman. geführt hat -nicht etwa, wie der Behnke-Artikel suggeriert, zu einer kompletten Editionssperre des gesamten Artikels -in Deutschland ohnehin nicht, in Amerika ebensowenig, wie ein Blick in die Versionsgeschichte zeigt.

Konflikte mit Ullman waren vorher schon in einem niederschwelligeren Verfahren bei Wikipedia behandelt worden, ohne dass dies von Erfolg gekrönt war. Letztendlich gelangte sein gesamtes Verhalten vor das fünfköpfige Wikipedia-Schiedsgericht, das über die von verschiedenen Seiten gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu befinden hatte.

Die Schiedsgericht führt hier die Wikipedia-Regeln an, deren Nichteinhaltung Ullman vorgehalten wurde (Auszüge):

1) Der Zweck von Wikipedia ist es, eine qualitativ hochwertige, frei zugängliche Enzyklopädie in einer Atmosphäre von Kameradschaft und gegenseitigem Respekt unter den Mitwirkenden zu schaffen. Die Nutzung der Website für andere Zwecke, wie zum Beispiel Befürwortung oder Propaganda, Förderung von äußeren Konflikten, Veröffentlichung oder Förderung originärer Forschungsergebnisse sowie politischer oder ideologischer Kampf, ist verboten.

2) Von Wikipedia-Nutzern wird erwartet, sich angemessen, ruhig und höflich bei ihren Interaktionen mit anderen Nutzern zu verhalten und auch  schwierige Situationen angemessen und mit konstruktiver und auf Zusammenarbeit gerichteter Perspektive zu behandeln. Jedes Handeln ist zu vermeiden,  das das Projekt in Verruf bringt. Unangemessenes Verhalten, wie persönliche Angriffe, bösgläubige Annahmen (Unterstellungen), Trolling, Belästigung, destruktive Argumentationen und das nicht ernsthafte Benutzen des Systems sind verboten.

3) Wikipedia-Artikel sollten sich auf zuverlässige, von Drittanbietern veröffentlichte Quellen mit solider Reputation hinsichtlich Tatsachenprüfung und Genauigkeit verlassen.. Quellen sollten direkt die Informationen stützen, wie sie in einem Artikel dargestellt werden und sollten den Ansprüchen des Themas angemessen sein: Außergewöhnliche Ansprüche erfordern außergewöhnliche Quellen.

Die Vorwürfe gegen Ullman, der offensichtlich auch eine wenig kollegiale Einstellung gegenüber der Wikipedia-Gemeinde in den USA gezeigt hat, bezogen sich vor allem auf seine ständige direkte Promotion der Homöopathie durch seine eigenen Beiträge und die Versuche, Beiträge anderer zu verhindern, ohne ausreichende Faktenbasis zu verändern oder zu diskreditieren. So hat er zum Beispiel Quellenangaben „hochgeschrieben“, indem er Zeitschriften eine Reputation zusprach, die sie nachweislich nicht im Entferntesten hatten. Anderes Beispiel: Er legte Studien, z.B. der berühmten Studie von Shang et.al., in seinen Beiträgen Bedeutungen bei, die die Verfasser selbst niemals behauptet hatten. Und so weiter…Zudem stand er unter dem Vorwurf, ständig versucht zu haben, andere Wikipedia-Redakteure „wohlwollend“ in seiner Richtung zu stimmen – was im Schiedsgerichtsverfahren so interpretiert wurde, dass er unter „Wohlwollen“ das vollständige Einschwenken auf seine Linie verstehe…

Nun gut, in die Einzelheiten brauchen wir nicht weiter zu gehen, wen es interessiert, die Quellen sind im Text oben verlinkt. Fest steht, dass aufgrund all dessen Ullman für ein Jahr von jeder Funktion bei Wikipedia gesperrt worden ist, was ein ziemlich deutliches Signal war. Mit fünf zu null Schiedsrichterstimmen. Ullman, nicht die Wikipedia-Seite. Nun, erstmal hatte sich ihm ja die HuffPost als virtuelle Klagemauer zur Verfügung gestellt…

Ach ja, der Artikel auf homoepathie-online…

Und aus alldem macht nun der Deutsche Zentralverband homöopathischer Ärzte  ein die Grenzen der Verschwörungstheorie überschreitendes, faktenbefreites und aus dem Einzelfallkontext „Ullman“ gerissenes Rührstück über die armen, der reinen Wissenschaft verpflichteten Homöopathen, die unter der Knute der gnadenlos materialistisch  ausgerichteten Skeptiker verzweifelt die letzten sicheren Zufluchtsorte aufsuchen müssen…

Keine Worte.

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Nachtrag zum Nachtrag:

Eine weitere Vorlage für den Artikel auf homoeopathie.online ist eine Petition auf change.org, die schon 2014 „selbsternannte Skeptiker“ aus Wikipedia verbannen wollte – zugunsten der Freiheit, ungehemmt Unsinn zu verbreiten und endlich „richtige“ Informationen über die wahre wahrste Wahrheit auf allen Wikipedias dieser Welt unter die Menschheit zu bringen:

This is exactly the case with the Wikipedia pages for Energy Psychology, Energy Medicine, acupuncture, and other forms of complementary/alternative medicine (CAM), which are currently skewed to a negative, unscientific view of these approaches despite numerous rigorous studies in recent years demonstrating their effectiveness. These pages are controlled by a few self-appointed “skeptics” who serve as de facto censors for Wikipedia. …

(Dies (Unterdrückung und Zensur) ist genau der Fall bei den Wikipedia-Seiten für Energiepsychologie, Energiemedizin, Akupunktur und andere Formen der Komplementär- / Alternativmedizin (CAM), die gegenwärtig trotz zahlreicher rigoroser Studien in den letzten Jahren, die die Wirksamkeit dieser Methoden zeigen, bei einer negativen, unwissenschaftlichen Betrachtung dieser Ansätze beharren. Diese Seiten werden von einigen selbst ernannten „Skeptikern“ kontrolliert, die als de facto-Zensoren für Wikipedia dienen. …)

Na, kommt uns das bis in die Formulierung hinein bekannt vor?

Für Wikipedia antworte Gründer Jimmy Wales höchstselbst auf diese Petition, und zwar direkt auf der Petitionsseite bei change.org:


No, you have to be kidding me. Every single person who signed this petition needs to go back to check their premises and think harder about what it means to be honest, factual, truthful. … What we won’t do is pretend that the work of lunatic charlatans is the equivalent of „true scientific discourse“. It isn’t. 

(Nein, ihr wollt mich wohl auf den Arm nehmen. Jede einzelne Person, die diese Petition unterzeichnet hat, muss zurückblicken und sich besinnen, um ihre Standpunkte und deren Prämissen zu prüfen und intensiver darüber nachzudenken, was es bedeutet, ehrlich, sachlich und wahrhaftig zu sein. … Was wir nicht tun werden, ist so zu tun, als sei das Werk verrückter Scharlatane ein Äquivalent des wirklichen wissenschaftlichen Diskurses. Ist es nicht.)

Danke, Jimmy.

 

 

 

Bildnachweis: gemeinfrei

Homöopathie wirkt nicht? Die Wikipedia ist schuld!

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Plattform für Skeptiker und Verschwörer! Buuuuh!

Auf der Seite homoeopathie-online.info des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte wird derzeit wieder ein Artikel aus dem Jahre 2015 promoted, der den ganzen Jammer der Homöopathie-Fraktion über die hinterhältigen Vernichtungsstrategien der Rationalisten auf den Punkt bringt. Jens Behnke beklagt darin ebenso wort- wie tränenreich, welch schlechte, falsche und auch ungerechte Behandlung die Homöopathie im Online-Lexikon Wikipedia erfährt. Und zwar aufgrund hinterhältiger Verschwörungen der Skeptiker-Szene.

Da mich Ungerechtigkeiten stets auf den Plan rufen, habe ich aktuell noch einmal den Wikipedia-Artikel zur Homöopathie eingehend studiert. Wobei ich -allerdings, voreingenommen wie ich bin- keine Anzeichen für irgendwelche Parteilichkeit feststellen konnte. Zweifellos haben im Zeitraum von Februar 2015 -Datum von Herrn Behnkes Artikel- bis zuletzt am 30.10.2016 etliche Änderungen stattgefunden, aber laut Versionsvergleich kein „Umschreiben“ des Artikels, ich darf deshalb mit Recht davon ausgehen, dass ich in etwa den gleichen Beitrag gelesen habe, der so harsch vom DZVhÄ kritisiert wird.

Der Homöopathieartikel hat bei Wikipedia im Übrigen seit 2010 das Prädikat „lesenswert“, aber das nur am Rande. Für mich jedenfalls ist er ein Musterbeispiel eines sachlich-neutralen Beitrags. Er stellt über rund zwei Drittel seines Umfangs in mustergültiger Neutralität das Gedankengebäude der Homöopathie, basierend auf Hahnemanns Verlautbarungen und unter Einbeziehung wesentlicher „Lehrmeinungen“, dar. Aber dann… dann kommt es, woran sich der Eifer des DZVhÄ entzündet: Die Ziffern 7 (Kritik an der Homöopathie) und 8 (Risiken der Homöopathie). Na, die hätte man doch wohl weglassen können!

Eigentlich könnte ich hier Schluss machen, denn damit ist im Grunde das Verschwörungsgezeter der Homöopathiefraktion für jeden, der sich ganz einfach selbst überzeugt (siehe Links oben), bereits als Propaganda deutlich geworden. Um die Denkweise des Zentralvereins aber einmal näher kennenzulernen, gehen wir auf einige Aussagen im Artikel von homoeopathie-online doch noch ein.

Gleich oben im Teaser steht der Satz

Was geschieht, wenn wissenschaftliche Fakten auf Weltanschauungen treffen?

Ganz einfach: Dann kommen solche Artikel wie der von Herrn Behnke heraus. Es könnte allerdings im Bereich des Möglichen liegen, dass Herr Behnke etwa der Meinung ist, die Homöopathie stehe auf der Seite der wissenschaftlichen Fakten und die Kritiker auf der Seite der Weltanschauungen!?  Das allerdings wäre nun doch sehr, sehr hoch gegriffen und überfordert deutlich mein allgemeines Vertrauen in die Tatsachen des Lebens. Da muss schon mehr kommen (kommt aber nicht). Um mit Bertrand Russell zu sprechen: Sir, why did you not give me better evidence?

Der Beitrag beginnt mit einer höchst selektiven Zitatwahl.

Kein Wunder, soll doch der nachfolgenden Verschwörungstheorie der Boden bereitet werden. Einige einleitende Sätze zur den Kapiteln 7 und 8 aus der Wikipedia – zu Kritik und Risiken- werden demonstrativ angeführt und damit die Kapitel 1 bis 6, die sich ausführlich mit dem homöopathischen Lehrgebäude -in gebotener Neutralität und großer Ausführlichkeit- befassen, einfach unterschlagen. Das bezeichne ich mal als unredlich und manipulativ – genau das, was dem Wikipedia-Artikel -zu Unrecht, wie ich meine- vorgeworfen wird.

Das Hohelied der Konsensbildung

… folgt anschließend. Mal eben im Vorbeigehen wird erläutert, dass außerhalb „unstrittiger Themen“ die Wikipedia letztendlich ausgewogene Informationen bereitstellen soll; die Urteilsbildung werde dem Leser überlassen. Es wird beklagt, dass eben dies nicht geschehe. Breit wird entfaltet, wie die Homöopathie-Gegner genau diesen Artikel bei der Wikipedia unterlaufen haben und sogar die Administratoren ganz offensichtlich zu den Mitverschwören gegen die Zuckerkugelindustrie gehören. Unterfüttert mit der Behauptung, dass sogar der Artikel „eingefroren“ worden sei, d.h. für weitere Bearbeitung gesperrt. Was allerdings an der Versionsgeschichte auf der Wikipedia nicht erkennbar ist – wie dem auch sei, bleibt offen, wer und warum eine solche Sperrung ausgelöst haben mag.

Was nun die Forderung nach Konsens bei umstittenen Themen angeht – ist Wikipedia wirklich eine Plattform zur Aushandlung von Kompromissen? Widerspricht doch schon der zitierten Aussage, dass „die Urteilsbildung dem Leser überlassen bleibe“ (was selbstverständlich ebenfalls Unsinn ist). Und „ausgewogene “ Darstellung ist zweifellos eher eine Untugend, die im Journalismus weit verbreitet ist und mit der die Propaganda für Unsinn gern verbrämt wird. Ein wissenschaftlicher Anspruch, wie er von den Homöopathen so gern -auch hier- reklamiert wird, fordert die Darstellung der Lehrmeinung bzw. der Ausgangshypothese unter Anführung von abweichenden Standpunkten. Genau dem folgt der Wikipedia-Artikel – geradezu formvollendet.

Es folgt das große Mimimi:

„Wikipedia ist in Bezug auf die Homöopathie eine Plattform, auf der eine Gruppe von Menschen ihre persönliche Überzeugung unter dem Deckmantel der Wissenschaft vorträgt. Mutmaßlich handelt es sich hierbei um Mitglieder der sog. „Skeptikerbewegung“, einer Organisation, die in dogmatischer Art und Weise eine materialistische Weltanschauung verficht und sämtliche Phänomene zu leugnen versucht, die sie mit ihr im Konflikt sieht. Für die aus den USA stammende Ursprungsbewegung sind zudem Verbindungen zur Pharmaindustrie aufgezeigt worden.“

Umgekehrt wird ein Schuh draus. Kein weiterer Kommentar. Höchstens, dass alle Plattformen, auf denen die Homöopathie gepriesen wird, Musterbeispiele für das Vortragen persönlicher Überzeugungen unter dem Deckmantel der Wissenschaft sind. Siehe auf diesem Blog -auch zur Vermeidung von Wiederholungen- beispielsweise hierhier und auch hier. Und immerhin ist bemerkenswert, dass die Homöopathiehersteller -in den USA wie auch hier- Bestandteil der Pharmaindustrie sind, allen ihren Vereinigungen und Verbänden angehören und -wie kürzlich zu vernehmen war- diese Verbände und Vereinigungen sich deutlich GEGEN eine Einschränkung der Homöopathie als Kassenleistung aussprechen… Honi soit qui mal y pense.

Danach wird es richtig langweilig.

Das Studienthema wird wieder aufgewärmt, selbst der „homöopathische Arzt Dana Ullman“ beklage deren miese Beachtung in der Wikipedia. War das nicht derjenige, der vor kurzem ernsthaft versuchte, eine „Studie“ zu promoten, die in Höchstpotenzen „Nanopartikel“ nachgewiesen haben wollte… ? All diese Studien sind -wie auf diesem Blog schon mehrfach erläutert wurde- wertlos für einen evidenten Wirkungsnachweis der Homöopathie. Und wenn sie, wie Herr Behnke erwähnt, in „Fachkreisen“ hoch gehandelt werden, so handelt es sich bei diesen „Fachkreisen“ um weniger als ein Prozent der weltweiten Wissenschaftsgemeinde.

Ganz sachlich: Die geäußerte Ansicht, auch der darstellende Teil des Wikipedia-Artikels sei manipulativ, falsch dargestellt und weitgehend belegfrei, teile ich nicht. Der Artikel verweist auf sage und schreibe 265 Einzelnachweise, dazu auf Literatur und Quellen erheblichen Umfanges, darin die homöopathischen Lobbyverbände. Man könnte es auch viel kürzer machen, was vielleicht bei unerfahrenen Lesern viel eher zu einer kritischen Haltung gegenüber der Homöopathie führen würde als die vorliegende umfangreiche Darstellung. Aber nein, man ist einfach mit nichts wirklich zufrieden…

Kurz gesagt, halte ich den Artikel auf homoeopathie-online geradezu für eine Verleumdung der Wikipedia, bei der natürlich nicht alles Gold ist, was glänzt. Aber das hier…

Versöhnlicher Ausklang?!?

Nun, zum Schluss kann man lesen:
„Glücklicherweise scheint die Meinungsmache im Internet keinen bedeutenden Einfluss auf die Patienten zu haben: Die Homöopathie steigt nach wie vor in der Beliebtheit der Bevölkerung. [15] Kein Wunder, denn ihre Heilerfolge lassen sich nicht wegdiskutieren!“

Ja, wie schön! Und was soll das Ganze dann? Es ist der Ruf nach wissenschaftlicher Reputation, danach, den hier schon oft zitierten „scheinwissenschaftlichen Anstrich“ doch noch in eine anständig haftende Deckschicht zu verwandeln. Der menschliche, allzumenschliche Ruf nicht nur nach Erfolg, sondern auch nach Anerkennung. Wird aber nichts draus.

Wenn wir schon bei versöhnlichen Schlussworten sind, auch eines von mir, das Motto dieses Blogs:

„Es ist immer dasselbe: Wenn Paramediziner von ‚Wissenschaft‘ reden, meinen sie in Wahrheit ihren eigenen Aberglauben.“

Prof. Dr. med.  Dr. med.h.c.mult. Otto Prokop

 

 

Ach ja, einen Änderungsvorschlag hätte ich auch noch für die Wikipedia: Bitte ersetzt doch durchgängig den Begriff „Alternativmedizin“ durch „Pseudomedizin“.

 

Och nee… Schon wieder Heilpraktiker(reformen)…

jonglieren
Fröhliches Paragrafenjonglieren

Neues von der Heilpraktikerreformfront. Wie das Ärzteblatt berichtet, ist man in Berlin offenbar dabei, einen gewaltigen Anlauf zu einer grundlegenden Reform des Heilpraktikerwesens zu nehmen (zum Thema in diesem Blog siehe hier, hier und auch noch hier.

Worauf dürfen sich nun Skeptiker und Kritiker freuen, die in den letzten Wochen vielfach fundierte Kritik am Heilpraktikerwesen, diesem Wurmfortsatz am öffentlichen Gesundheitswesen, geäußert haben? Nun, ich zitiere das Ärzteblatt

„Die Gesundheitsämter können die Erlaubnis versagen, „wenn sich aus einer Überprü­fung der Kenntnisse und Fähigkeiten des Antragstellers ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für die Volksgesundheit bedeuten wür­de“, heißt es in den Leitlinien. Gemäß Änderungsanträgen von Union und SPD soll künf­tig eine Erlaubnis auch dann versagt werden können, wenn die Überprüfung ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für jeden einzelnen Pa­tienten bedeuten würde.“

Aha. Soso. Darum geht’s. Ich erlaube mir mal, das als belangloses Wortgeklingel abzutun. Doch halt: Der juristische Instinkt in mir spürt: Hier stimmt doch was nicht…

Rein sprachlogisch: Wie soll denn festgestellt werden, dass jemand für jeden einzelnen Patienten, den er in Zukunft haben wird, eine Gefahr darstellt? Das ist doch kompletter Unsinn. Ungefähr der umgekehrte Fall des alten Problems, wie man feststellt, warum eine bestimmte Einrichtung einen gewaltigen Besucherschwund aufweist: Gar nicht, denn die Leute, die weg sind, kann man ja nicht mehr fragen. Und: Es liegt ja auf der Hand, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Wohlfühl-Patienten erscheinen werden, die entweder gar keine oder eine selbstlimitierende, harmlose Erkrankung haben und denen ein paar Globuli oder eine Pendelsitzung, meinetwegen auch eine anthroposophische Kräutermischung, sicher nicht gefährlich werden. Damit könnte dieser Ausschlussgrund niemals wirklich zum Tragen kommen.

Damit ist die geplante „Neuregelung“ schon mal eine unnötige und unwirksame Leerformel. Vermutlich schielt der Bund mit einem Auge darauf, dass die Länder per Durchführungsbestimmung dieses schöne Produkt intensiven gesetzgeberischen Nachdenkens schon noch irgendwie mit Inhalt füllen werden. Nur: Siehe den vorhergehenden Absatz. Der Unterschied zwischen Leerlauf und Stillstand besteht lediglich im Energieverbrauch, für die Fortbewegung ist er unwesentlich.

Wie soll vor einem solchen Hintergrund eine rechtssichere, einem verwaltungsgerichtlichen Verfahren standhaltende „Prüfung“ stattfinden? Eine derart unsinnig-verquaste Regelung wird eher dazu führen, dass die Prüfenden, da ihnen die Kriterien entgleiten, mit Aussicht auf unfruchtbare Widerspruchs- und Rechtsmittelverfahren eher mal Fünfe gerade sein lassen als bisher. Und das wäre schlimm, sehr schlimm.

Fazit: Ich gehe mal -in dubio pro legislator- davon aus, dass das nicht alles sein kann, was den Fraktionen zur „Reform“ des Heilpraktikerwesens einfällt. Das hier ist allerdings schon mal eine klassische Nullnummer.

Ich stelle fest: Keinen Schritt vor, einen halben zur Seite.

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Den Begleitchor zu den aktuellen „Reformbestrebungen“ gibt unter anderem der Verband klassischer Homöopathen Deutschlands e.V. (VKHD), der übrigens unter dem Motto „ganz Homöopathie – ganz Heilpraktiker“ steht und damit einmal mehr beweist, dass Homöopathie und Heilpraktiker symbiotisch zusammen gehören. Klar, ist doch die Homöopathie schon deshalb im Schatzkästlein der Heilpraktiker und als Aushängeschild unverzichtbar, weil sie -zu Unrecht- vergleichsweise am Wenigsten im Ruf einer halbseidenen esoterischen Methode steht.

Die aktuelle Pressemitteilung des VKHD ist betitelt mit „Viele Gesetze regeln den Heilpraktikerberuf  – Heilpraktiker bereichern das Gesundheitswesen und unterliegen strengen gesetzlichen Regelungen“. Klar, man möchte der letztlich doch beunruhigenden Erkenntnis entgegenwirken, dass der Heilpraktikerstand mehr oder weniger ungeregelt vor sich hinwerkelt. Was finden wir hier außer den üblichen Beteuerungen zur Wichtigkeit, ja Unverzichtbarkeit und Seriosität des Heilpraktikerstandes?

„Das Behandlungsspektrum von Heilpraktikern wird zum Beispiel durch den sogenannten Arztvorbehalt eingeschränkt, wie es u.a. im Infektionsschutz-,  Arzneimittel-,  Zahnheilkunde- und Betäubungsmittelgesetz geregelt ist. So darf ein Heilpraktiker beispielsweise weder Zahnheilkunde ausüben noch bestimmte übertragbare Erkrankungen behandeln oder rezeptpflichtige Arzneien verordnen.

Heilpraktiker müssen sich auch an die Vorgaben des Patientenrechtegesetzes, des Medizinprodukterechts und Arzneimittel- sowie des Infektionsschutz- und Heilmittelwerbegesetzes halten. Der öffentliche Auftritt eines Heilpraktikers wird darüber hinaus noch durch das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) geregelt. Zudem gelten auch für sie dieselben Haftungs-, Sorgfalts-, Aufklärungs-, Dokumentations- und Fortbildungspflichten wie für Ärzte. Neben der Schweigepflicht müssen Heilpraktiker auch die berufsgenossenschaftlichen Vorschriften, die gängigen Anforderungen an Hygiene (RKI-Hygienerichtlinie) und an Biologische Arbeitsstoffe (TRBA 250) einhalten.“

Ah ja. Wie mir scheint, eher eine quantitative Aufzählung. Dazu sei die Bemerkung erlaubt, dass sich Otto Normalstaatsbürger noch einer weitaus größeren Menge an zu beachtenden Regelungen gegenübersieht, vom Strafgesetzbuch bis zur örtlichen Lärmschutzregelung. Auch der Bäckermeister, der Kfz-Mechaniker, der Maurerpolier sehen sich einer vergleichbaren Regelungsfülle gegenüber. Aber: All das sind Rahmen- und Ordnungsregeln. Nicht mehr. Wo aber finde ich hier das Gebot, dass die Heilpraktiker ausschließlich im Rahmen wissenschaftlicher Standards „behandeln“ dürfen? Wo finde ich eine Positiv- oder Negativliste zugelassener bzw. ausgeschlossener Mittel und Methoden? Wo finde ich etwas zum „Heilen“ oder zur „Praxis“? Zudem wage ich zu bezweifeln, ob all diese aufgezählten Einzelaspekte tatsächlich praktische Bedeutung für den Heilpraktiker entfalten. Gerade der Aspekt der Haftungs-, Sorgfalts-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten würde für sich einer eingehenden Betrachtung bedürfen. Und Fortbildungspflicht? Es gibt ja nicht einmal eine Ausbildungspflicht, geschweige denn Ausbildungsinhalte, an die eine Fortbildung anknüpfen könnte! Die Beliebigkeitsfortbildung, wie sie die Heilpraktikerschulen anbieten, soll doch wohl nicht mit der Pflichtfortbildung der Ärzteschaft gleichgesetzt werden…

Potemkinsche Dörfer. Kulisse, die das Eigentliche verdeckt, nämlich die unter dem Begriff der „Therapiefreiheit“ weitestgehende Beliebigkeit bei der Ausübung der „Heilkunde“ durch nicht wissenschaftlich ausgebildete Menschen.

 

Bildnachweis:  dreamstime_xs_35303352

Vor der Unwirksamkeit der Homöopathie wird ausdrücklich gewarnt! Ein (mehr oder weniger heiterer) Zwischenruf.

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Hamburg, Jungfernstieg, 23.10.2016, 16.00 Uhr

In Berlin, Hamburg und München, in Österreich (St. Pölten) und in der Tschechischen Republik (u.a. in Prag) fanden in diesem Jahr wieder die „10^23-Aktionen – Homöopathie: Nix drin, nix dran“ statt. An der Veranstaltung der Hamburger Regionalgruppe der GWUP am 23.10. am Jungfernstieg hatte ich die Ehre und das Vergnügen, teilzunehmen. Übrigens stand die Veranstaltung in Hamburg unter dem Motto „Verdünnisiert euch aus den Apotheken!“, der Forderung, Pseudomedizin nicht auch noch durch eine Apothekenpflicht zu adeln. Ist doch bescheiden, oder?

Der Autor hat die Einnahme eines Globuli-Fläschchens Arsenicum album C30 völlig klaglos überstanden, er fühlte sich weder besser noch schlechter danach. Nur der Mund wollte ausgespült werden, das ganze Zuckerzeug ist schon übel… Vertreter von „Die Partei“ standen zu diesem Zweck übrigens mit homöopathischem Bier bereit – ein Tropfen auf 0,5 Liter Mineralwasser. Gut geschüttelt. Schmeckte und wirkte aber – wie Mineralwasser…

Schon im Vorfeld (!) gab es harsche Kritik an dieser netten Veranstaltung. Der bekannte und beliebte Deutsche Zentralverein der homöopathischen Ärzte (es sei hier mal die ausgeschriebene Fassung verwendet) hat eine Stellungnahme herausgegeben, die wohl als Grundlage für einen … äh, etwas unentschiedenen Artikel in der TAZ gedient hat. Zur Ehre der TAZ sei erwähnt, dass sie bei der Aktion vor Ort war und sich umfassend  hat informieren lassen. Vielleicht kommt da noch mal ein Artikel?

Wie dem auch sei, an dieser Stelle soll die Pressemitteilung des DZVhÄ nicht ohne eine kleine, teilweise auch ernsthafte Analyse davonkommen. Fangen wir mal an.

Der DZVhÄ bezeichnet die 10^23-Veranstaltungen als „aus medizinischer Sicht komplett sinnfrei“. Dem stimme ich gerne zu. Natürlich ist die Einnahme wirkungsloser Zuckerkugeln aus medizinischer Sicht völlig sinnfrei, was denn sonst? Und zwar ganz egal, ob als einzelner Globulus oder als ganzes 10-Gramm-Fläschchen. Null plus Null ist Null, und Null mal Null nun mal auch. Mit der medizinisch komplett sinnfreien Aktion soll ja gerade auf die komplette medizinische Sinnfreiheit der Homöopathie hingewiesen werden. Dem DVZhÄ scheint sich also weder die Logik der Aktion noch die in ihr zweifellos vorhandene feine Ironie offenbart zu haben… schade.

Nun begründet der DVZhÄ die „medizinische Sinnfreiheit“ aber aus seiner Sicht, nämlich aus der Sicht desjenigen, der die Homöopathie für eine wirkungsvolle Arzneimitteltherapie hält. Wir wollen das nicht übergehen, sondern uns damit einmal näher auseinandersetzen.

Zitat: „Bei der Einnahme von homöopathischen Hochpotenzen ist die Häufigkeit der Einnahme von Bedeutung, nicht die Menge. Die Aktion bringt keinen Erkenntnisgewinn.“

Aha. Nach Hahnemann, dem großen Altmeister, ist eine „Häufigkeit“, also eine Wiederholung der homöopathischen Gabe, nicht vorgesehen. Die erste Gabe -immer unterstellt, der „Heilkundige“ hat das richtige Mittel gewählt – stimmt die „geistige Lebenskraft“ bei erster Einnahme bereits um. Eine weitere Gabe trifft also auf einen veränderten Zustand der „geistigen Lebenskraft“ und kann damit nur als Störfaktor wirken:

Jede, in einer Cur merklich fortschreitende und auffallend zunehmende Besserung ist ein Zustand der, so lange er anhält, jede Wiederholung irgend eines Arznei-Gebrauchs durchgängig ausschließt, weil alles Gute, was die genommene Arznei auszurichten fortfährt, hier seiner Vollendung zueilt. Dies ist in acuten Krankheiten nicht selten der Fall; bei etwas chronischen Krankheiten hingegen, vollendet zwar auch bei langsam fortgehender Besserung, zuweilen Eine Gabe treffend gewählter, homöopathischer Arznei die Hülfe, die dieses Mittel in solchem Falle seiner Natur nach auszurichten im Stande ist, in einem Zeitraum von 40, 50, 60, 100 Tagen.

Hahnemann war das so wichtig, dass er sich auch angesichts des -verständlichen- Wunsches, zu einer möglichst schnellen Heilung zu gelangen, nicht zu einer wiederholten Gabe verstehen konnte. Nach seinem Gedankenmodell konsequent. Er fand einen „Ausweg“, indem er auf der Grundlage der Vorstellung , dass höhere Potenzen viel größere Wirkung ausüben, auf weit höhere „Potenzierungen“ auswich, als er jemals vorher in Betracht gezogen hatte (6. Auflage des „Organon“):

Aber theils ist dies sehr selten der Fall, theils muß dem Arzte, so wie dem Kranken viel daran liegen, daß, wäre es möglich, dieser Zeitraum bis zur Hälfte, zum Viertel, ja noch mehr abgekürzt und so weit schnellere Heilung erlangt werden könnte.

Und dieß läßt sich auch, wie neueste, vielfach wiederholte Erfahrungen mich gelehrt haben, recht glücklich ausführen, unter folgenden Bedingungen: erstens, wenn die Arznei mit aller Umsicht recht treffend homöopathisch gewählt war – zweitens, wenn sie hoch potenzirt, in Wasser aufgelöst und in gehörig kleiner Gabe in, von der Erfahrung als die schicklichsten, ausgesprochenen Zeiträumen zur möglichsten Beschleunigung der Cur gereicht wird, doch mit der Vorsicht, daß der Potenz-Grad jeder Gabe von dem der vorgängigen und nachgängigen Gaben um Etwas abweiche, damit das, zur ähnlichen Arzneikrankheit umzustimmende Lebensprincip, nie zu widrigen Gegenwirkungen sich aufgeregt und empört fühlen könne, wie bei unmodificirt erneuerten Gaben, vorzüglich schnell nach einander wiederholt, stets geschieht.

Was natürlich die Problematik, ob unterschiedliche Potenzen der gleichen Ursubstanz eine unterschiedliche Wirkung haben oder nicht und wenn ja, eine qualitativ oder quantitativ unterschiedliche, aufreißt.

Eine gewaltige Nuss für Hahnemanns Exegeten, die sich widersprechenden und gar gegenseitig ausschließenden Meinungen zu diesem Problem sind Legion. Allerdings – die Behauptung des DZVhÄ, „bei der Einnahme von homöopathischen Hochpotenzen ist die Häufigkeit der Einnahme von Bedeutung, nicht die Menge“ gehört in die Abteilung der „Kaputtdeutungen“ von Hahnemanns Konzept, sie hat mit dessen Gedankengebäude nichts mehr zu tun. Ich schrieb ja schon in einem anderen Beitrag , dass die Geschichte der Homöopathie letztlich eine Geschichte des Auseinandernehmens und wieder falsch Zusammensetzens ist, die das gedankliche Grundgebäude Hahnemanns letztlich in Trümmern zurücklässt.

Was den Erkenntnisgewinn betrifft: Größer könnte er gar nicht sein, denn -ganz im Sinne wissenschaftlicher Maßstäbe- ist doch die Hypothese der Skeptiker, es werde keinerlei Wirkung durch die Aktion eintreten, durch das Experiment glänzend bestätigt worden. Zudem bei einer Vielzahl von Teilnehmern und breit gestreuter Mittelauswahl. Das müssen die Homöopathievertreter erst mal nachmachen…

Weiteres Zitat: „Ebenfalls wird außer Acht gelassen, dass die Homöopathie auf dem Ähnlichkeitsprinzip basiert: ‚Würden die Aktionisten ihre individuellen Beschwerden einem homöopathischen Arzt schildern, könnte dieser ein heilendes Homöopathikum für den Einzelnen finden, eine Arzneigabe – ohne Bezug zum Beschwerdebild des Patienten – ist gar keine Homöopathie‘.“

Ochnee. Das macht ja gar keinen Spaß mehr. Auch hier fehlt es dem DZVhÄ am Verständnis für das wohldurchdachte Anliegen und den feinsinnigen Grundgedanken der Aktion. Niemand will bei einer 10^23 Aktion eine „Behandlung“ durchführen. Es soll lediglich gezeigt werden, dass homöopathische Mittel, gleichgültig, ob man die „stärkere Wirkung bei Verdünnung“ annimmt oder dem wissenschaftlichen Grundsatz der Dosis-Wirkungs-Beziehung folgt (der nur für die Homöopathen keine Geltung hat) keinerlei Wirkung haben, weder positive noch negative. Will man den Vorgang, der bei einer 10:23-Aktion stattfindet, in das Gedankengebäude der Homöopathie einordnen, so müsste man sie als „Arzneimittelprüfung am Gesunden“ ansehen, die keine Symptome zum Verschwinden bringt wie bei der Therapie, sondern sie -im Gegenteil- hervorrufen müsste. Dass genau dies nicht geschieht, wie jeder Teilnehmer an einer solchen Aktion bestätigen wird, ist ein Beweis für die Unhaltbarkeit der Methode und für die suggestive Subjektivität, die zu den „Ergebnissen“ bei den Arzneimittelprüfungen führt.

Ja, die Menge. Nun, was bei den Arzneimittelprüfungen gegeben wurde und wird, ist eh sehr unterschiedlich. Hahnemann ging anfangs noch von Niederpotenzen aus, die nur höher verdünnt wurden, wenn es um toxische Stoffe ging. Aber macht es denn überhaupt einen Unterschied, ob ich einen Globulus C30 nehme oder zehn Gramm davon? Mal ganz ketzerisch: Wenn in den Globuli die „Information“ gespeichert ist, die aus der Ursubstanz stammt und die „verstimmte geistige Lebenskraft“ umstimmen soll, dann ist es doch völlig egal, wie viele Globuli man nimmt – es gibt doch nur eine „Information“. So führt doch die ganze Potenziererei im Grunde den Hahnemannschen Gedanken der „geistigen Lebenskraft“ ad absurdum, weil ich von „Mengen“ und „Häufigkeit“ doch nur bei materiellen Wirkprozessen sprechen kann – was Hahnemanns Gedankengebäude völlig fremd war… Und schon sind wir wieder mittendrin im bunten Reich der Widersprüchlichkeit.

Meine C30-Kügelchen hatten einen Potenzierungsgrad von 1:10^60. Sehen wir einmal ganz davon ab, dass kein Molekül der Ausgangssubstanz überhaupt noch vorhanden ist und nehmen ein „Restvolumen“ an Wirkstoff an (au, tut das weh…).. Wenn ich 200 Stück davon auf einmal einnehme – macht das in Anbetracht des praktisch nicht mehr darstellbaren Volumens irgendeinen Unterschied? Die 200-fache Menge an „Wirkstoff“ würde sowieso immer noch Lichtjahre von der „Stärke“ der nächsten üblichen Potenz entfernt sein.Damit ist die 10:23-Aktion durchaus eine „Arzneimittelprüfung“ im Hahnemannschen Sinne.

Ich habe Arsenicum album C30 genommen. Wer sich dafür interessiert, mag die „Indikationen“ gängiger Repertorien hier und hier einmal nachlesen und vergleichen, denn sie decken sich durchaus nicht (es gibt noch weitaus mehr abweichende Indikationslisten).

Bei aller großen Auswahl – ich vermelde ein absolut negatives Testerlebnis. Wobei ich natürlich zu Babydurchfall und gynäkologischen Problemen nichts sagen kann… Warum einmal ins Repertorium schauen? Um das Absurde der „Arzneimittelbilder nach Arzneimittelprüfung am Gesunden“ noch einmal ganz deutlich zu machen. Systemlose Subjektivität wohin man schaut. Abweichungen zum Teil gravierendster Art. Von den Krankheitsbildern „Leukämie“ und „Magenkrebs“ mal ganz zu schweigen.  Will man wirklich annehmen, eine Arzneimittelprüfung mit Arsenicum habe Symptomatiken (womöglich akute Erkrankungen?) von Magenkrebs und Leukämie ursächlich hervorgebracht? An einen Homöopathen, der eine Perikarditis oder Scharlach mit Arsenicum behandeln will, möchte ich auch nicht geraten. Übrigens gehen hier, entgegen Hahnemann, für den nur Symptome wichtig waren und der nie Krankheiten namentlich bezeichnete, Symptom- und Krankheitsbezeichnungen wild durcheinander.

Angesichts solcher Absurditäten kann ich -Entschuldigung- über die Äußerung des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), „aus [seiner] Sicht tragen Aufrufe, Arzneimittel in Überdosierungen einzunehmen, nicht zur Aufklärung und Sensibilisierung von Patientinnen und Patienten bei“, nur traurig den Kopf schütteln. Niemand startet Aufrufe zur Einnahme von Arzneimitteln in Überdosierungen. Dies tun von der Widersinnigkeit der Homöopathie Überzeugte, die wissen, dass Globuli mit Ausnahme von Niederpotenzen keine Arzneimittel sind, von ganz allein, denn sie haben das positive Wissen über die völlige Harmlosigkeit des Verzehrs wirkungsloser Zuckerkugeln. In Anbetracht des vernichtenden Urteils, das die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft über die Homöopathie längst gefällt hat, ist es vielmehr bedauerlich, dass das BfArM und seine vorgesetzte Dienststelle, das BMG, es ihrerseits nach wie vor an einer Aufklärung und Sensibilisierung von Patientinnen und Patienten fehlen lassen, siehe hier. Korrekterweise muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass das Zitat der BfArM aus dem Jahre 2011 stammt und bereits damals von der Carstens-Stiftung thematisiert wurde; damals war sogar die Rede von einer möglichen Genehmigungspflicht der Aktionen … und das vor dem Hintergrund, dass sich die Homöopathie selbst des Privilegs erfreut, innerhalb des Gesundheitssystems von jeglicher neutralen Wirkungsprüfung befreit zu sein. Absurdistan ließ grüßen, aktuell jedenfalls habe ich kein erneutes Statement des BfArM finden können. Die Erkenntnis schreitet eben fort.

Und über die furchtbare Misshandlung von Kindern bei der Aktion 2011 mag sich der geneigte Leser sein Urteil selbst bilden, wozu er zweifellos nach dieser Lektüre in der Lage sein wird. Klar ist nach einer solchen Aktion natürlich: Heute keine Süßigkeiten mehr. Und wegen der  üblichen Behauptungen des DVZhÄ zur angeblich positiven Studienlage brauchen wir an dieser Stelle den Artikel wirklich nicht weiter in die Länge zu ziehen.

Ceterum censeo: Homöopathie ist unwirksam. Und der Placeboeffekt ist kein Verdienst der Homöopathie. Er ist nur so freundlich, auch bei einem homöopathischen Behandlungsset vorbeizuschauen.

 

 

Bildnachweis: Regionalgruppe Hamburg der GWUP / Elkin Fricke

 

Homöopathie im Viehstall – kann nicht wahr sein…

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Nicht verraten: Ich wandere aus…

Heute komme ich zu einem Thema, das mich besonders bewegt: Der Propagierung von „Homöopathie in der Tierzucht“ als vorgebliche Lösung der inzwischen breit problematisierten Methode des großflächigen Einsatzes von Antibiotika bei der Nutztierhaltung.

Homöopathische „Behandlung“ von Tieren habe ich schon an anderer Stelle dieses Blogs  ganz klar als Tierquälerei gebrandmarkt. Die nötigen Informationen hält auch das Informationsnetzwerk Homöopathie bereit. Mit dem heutigen Thema ist aber noch einmal eine ganz andere Qualität erreicht. Zudem wird deutlich, dass allen Ernstes die Homöopathiegläubigkeit bis in die Amtsstuben der für Landwirtschaft und Viehzucht zuständigen Kammern und Behörden vorgedrungen ist – respektive unentschuldbare Unwissenheit sich dort eingenistet hat. Da die dortigen Rauchwarner auf diese Form heißer Luft offenbar nicht anschlagen, heute dazu ein paar klare Worte.

Wo ist das Problem?

Die heutigen Haltungsbedingungen in der Intensivviehzucht führen aus verschiedenen Gründen (vor allem durch die Standhaltung mit geringem Platzangebot, aber auch durch hygienische Mängel, die nicht so leicht zu beheben sind, und anderes) zu einer hohen Infektionsdichte im Viehbestand. Kann man sich leicht vorstellen. Inzwischen ist die vorbeugende Behandlung mit Antibiotika -auf gut deutsch, die Aufrechterhaltung eines Mindestwirkpegels im Körper der Tiere- das „Mittel der Wahl“. Folgen: Antibiotikaführendes Schlachtfleisch, alle mit dauernden Antibiotikagaben verbundenen Nebenwirkungen (z.B. Pilzinfekte) beim Tier, Antibiotikapegel unakzeptabler Größe in Abwässern, Resistenzentwicklung, hohe Kosten und anderes. Nicht wünschenswert, eine echte Fehlentwicklung, zweifellos. Das hat man, nachdem sich dieser Zustand über lange Zeit hin unter den Augen der Viehzüchter und der verantwortlichen Kammern und Behörden entwickelt hat, immerhin bemerkt.

Ja, und was ist jetzt mit Homöopathie?

Allerorten wird nun nach dem Stein der Weisen gesucht, der ja bekanntlich nicht nur Gold aus beliebigen Grundstoffen erzeugen, sondern auch jede Krankheit heilen konnte. Wegen der Geschichte mit den Amtsstuben der zuständigen Kammern und Behörden (siehe oben) tut sich nun plötzlich ein El Dorado (nie für möglich gehaltenes Goldland) für die Propagandisten der schonenden und sanften Tiertherapie mit Homöopathika auf. Zu erkennen beispielsweise an den von den Zuständigen organisierten Fortbildungsveranstaltungen für die interessierte Landwirtschaftsbranche (z.B. hier). Kein Einzelfall. Dort bekommen Leute eine Plattform, die schon länger versuchen, die Nutztierhaltung mit Zuckerkügelchen zu sabotieren.

Scheint auch niemanden zu interessieren, dass vor kurzer Zeit erst ein Milchbauer wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz verurteilt worden ist, weil er ein akut krankes Tier mit wirkungslosem Homöopathiezeugs misshandelt hat. Das arme Kälbchen hatte eine Kniegelenksentzündung, eine Allerweltssache für jeden guten Tierarzt, es ist durch die Zuckerkügelchen allen Ernstes daran gestorben.

Bekanntlich ist ja bei der Homöopathie das Nicht-Scheiternkönnen im System eingebaut. Diesmal könnte es aber ganz anders kommen, und das sage ich nicht aus Häme gegenüber den verhinderten Tortenverzierern.

Dass die Homöopathie  -einschließlich Tierhomöopathie- von vornherein eine unwirksame Methode ist, brauche ich in diesem Blog nicht mehr besonders zu betonen. Wer’s noch nicht mitgekriegt hat, ist herzlich zum Stöbern und Lesen in den Artikeln hier eingeladen (ein Überblick hier). Dass homöopathische Prophylaxe zur Gruppe des größtmöglichen Unsinns gehört und Hahnemann den Atem verschlagen hätte, habe ich auch schon dargelegt, beispielsweise hier und hier. Dieser Aberwitz, auch noch kombiniert, soll nun für das Problem der Überantibiotisierung im Viehstall herhalten…

Was wird geschehen, wenn das wirklich durchgezogen wird? Ganz einfach, eine Häufung von Infektionsfällen bis hin zu veritablen Stallseuchen, die womöglich auch noch in der Keulung von Beständen enden könnten (je nach Infektionsart und -umfang). Was sonst? Es entfällt ja jeder Schutz – durch eine unwissenschaftliche Hokuspokusmethode, die mit viel Geld und ebensoviel Lobbymacht viele, allzuviele Hirne besetzt hält. Die kritische Masse, bei der sich das Gefühl, etwas zu wissen, in einer Gruppe verselbständigt, ist längst überschritten.

Hinzu kommt die Gefahr, Fleisch von erkrankten Tieren auf dem Teller des Verbrauchers wiederzufinden. Sowohl bei einer Umstellung der Prophylaxe auf Homöopathika als auch bei der homöopathischen Behandlung akut erkrankter Tiere besteht selbst bei einem Verschwinden der Symptome ein hohes Risiko bakterieller Belastung der Tiere. Kommen diese in die Schlachtung oder werden sie wieder in den Milchkreislauf eingegliedert, dann viel Vergnügen. Auch der Verbraucherschutz spielt also beim heutigen Thema eine sehr große Rolle.

Ich kann deshalb, als kleiner Blogschreiber, nur alle warnen, die es angeht: Dieser haarstäubende, hinverbrannte „Weg“, das Antibiotikaproblem im Stall zu lösen, kann durchaus in wirtschaftlichen und auch ökologischen Katastrophenlagen enden. Und es wäre nicht mehr als recht und billig, wenn die qua Amt Verantwortlichen, die sich heute auf ihrer Verwaltung des Unheils (z.B. in Form der Organisation von „Fortbildungsveranstaltungen“) ausruhen statt ihre wirklichen Aufgaben wahrzunehmen, sich dann wirklich verantworten müssten.

Wie gesagt – keine Häme. Sondern Sorge. Obwohl diese Sache -konsequent durchgezogen- durchaus zum endgültigen Desaster für die Homöopathie werden könnte. Mir wäre es trotzdem lieber, wenn sich Leute, die etwas von der Sache verstehen, zusammensetzen und Alternativen entwickeln, die natürlich als erstes die bisherigen Formen der Intensivtierhaltung in den Blick nehmen müssten. Und die Großökonomen, die den Euro im Auge haben, seien nochmals gewarnt: Homöopathika im Stall können im Endeffekt wesentlich teurer kommen als Änderungen bei der Intensivtierhaltung. Was zudem passieren kann, wenn der Verbraucher das Vertrauen in die Fleisch- und die Milchwirtschaft verliert, dazu braucht man sich nur einmal die damalige „BSE-Panik“ in Erinnerung rufen.

Übrigens schreibe ich diesen Artikel nicht nur als Homöopathiegegner, sondern auch als Tierfreund und Beinahe-Vegetarier.

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Homöopathie für meine Freunde? Is Quatsch ne, weisste selbst…

Bildnachweis: Eigene Bilder

Geht’s noch? Die Katastrophen der Woche. Zum Anklicken.

Erstmals heute auf diesem Blog: Aktuelle Links zum Lesen und Staunen.

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Echt jetzt?

http://news.doccheck.com/de/149600/zahnungspraeparate-giftige-globuli/?tag_id=245&context=post_tag

Wie unangenehm… passiert mal eine Panne bei der Herstellung und es ist relevanter Wirkstoff in den Globuli, wirken sie tatsächlich… Wie war das mit dem Umkehrschluss? 

„Sorry, aber wir können leider für die völlige Wirkungslosigkeit unserer Präparate nicht in jedem Fall garantieren. Ihre homöopathische Pharmazeutik.“

 

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https://www.pressetext.com/news/20161019007

Aus unserem Nachbarland, das ja immer die Tendenz hat, uns Piefkes noch zu überholen. „Parlamentarische Bürgerinitiative“ für die Zementierung der Homöopathie im Gesundheitswesen! Demokratie ist natürlich auch, Unsinn fordern zu dürfen. Ebenfalls Demokratie ist, den Unsinn öffentlich Unsinn nennen zu dürfen. Die Truppe wird angeführt vom bekannten Homöopathie-Propagandisten Prof. Frass. Angeführt…

 

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http://www.augsburger-allgemeine.de/aichach/Neue-Praxis-fuer-Homoeopathie-id39433517.html

Nur eine kleine Meldung aus einem regionalen Blatt. Die Homöopathin zieht um! Und alle Honoratioren sind da! Da freuen wir uns aber über die kostenlose Werbung im Lokalblatt. Wieder ein Globuli mehr auf den Zuckerhut der Begeisterung. Damit er weiter wächst.

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http://www.regiotrends.de/de/vorschau-anmeldungen/index.news.322924.fortbildungsveranstaltung-prophylaktische-behandlungsmoeglichkeiten-von-milchkuehen-durch-homoeopathie—anmeldungen-bis-27.-oktober-2016.html

Tierhomöopathie ist Unsinn und zudem Tierquälerei (http://www.netzwerk-homoeopathie.eu/kurz-erklaert/135-argument-tierhomoeopathie-funktioniert). Homöopathische Prophylaxe ist gesteigerter Unsinn. Wie erst kürzlich in diesem Blog dargelegt wurde (Homöopathie und Impfen). Beides zusammen ist hochpotenzierter Unsinn. Vulgo Schwachsinn. Naja, Aus- und Fortbildung kann ja nie schaden. Aber man sollte erst einmal bei den Ausbildern anfangen. 

 

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http://m.morgenpost.de/incoming/article208430093/Mit-der-Kraft-der-heilenden-Haende.html

Der erste Satz reicht schon völlig. „Osteopathie ist eine ganzheitliche Medizin.“ Wir brauchen gar nicht näher in die Osteopathie einsteigen, mit „ganzheitlich“ ist sie ausreichend abqualifiziert. (Trotzdem werde ich mich dieser Methode wohl auch noch annehmen müssen.)
Prof. Edzard Ernst meint zum Ganzheitlichkeitsargument unter anderem:

„Die Suggestion der Vorstellung, dass alternative Medizin sich des „ganzen Menschen“ annimmt, ist ein höchst attraktiver und leistungsfähiger Trick. Es spielt dabei gar keine Rolle, dass nichts von „Ganzheitlichkeit“ weiter entfernt sein könnte, als eine isolierte Methode wie zum Beispiel die Diagnose aller möglichen Dinge aus der Betrachtung der Iris  oder die Fokussierung auf die Wirbelsäule (Chiropraktik, Osteopathie) oder Massieren der Fußsohlen (Fußreflexzonenmassage). … 

Und es ist offenbar ebenso egal, dass andererseits jede Art von guter konventioneller Medizin per Definition ganzheitlich ist. Was (bei der Pseudomedizin) zählt, ist das Etikett, und „ganzheitlich“ ist in der Tat ein höchst attraktives und wünschenswertes. Nichts verkauft Quacksalberei besser als das Etikett der ‚Ganzheitlichkeit‘.

Mein Rat: Bietet Ihnen Ihr Therapeut seine Methode als „ganzheitlich“ an – nehmen Sie es nicht so wörtlich.“
(http://edzardernst.com/2016/07/the-tricks-of-the-quackery-trade-part-2/)

 

Der Interviewte in dem Morgenpost-Artikel schreit nach einer Adelung der Methode durch universitäre Anerkennung. Also dann: Glückwunsch, Dr. schwurb. ost., gaudeamus igitur!

 

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https://www.meine-krankenkasse.de/naturheilkunde/?pk_campaign=facebook_Q4_2016&pk_kwd=baum_naturheilkunde_ads_03

Demnächst wird es Krankenkassen geben, die im Dunklen leuchten. Und der Patient des Jahres kriegt einen nächtlichen Besenritt auf den Brocken spendiert.

„Werden Sie Naturheilkunde.“  Was für ein Satz. Schnell ein Nux vomica einwerfen gegen „Überempfindlichkeit gegen sinnliche Eindrücke“.

 

DCF 1.0

 

Nee, reicht für heute. Nur ein kleiner Griff in die große Überraschungskiste des Internets.

Bis bald!

 

Bildnachweis: Eigene Bilder

 

 

Aktion 10:23: „Informationen“ über die Homöopathie von einem Apotheker

Hier ein Erlebnisbericht aus Österreich über die Vorbereitung auf den 23.10., den Hochpotenzentag…
Der Wahnsinn ohne jede Methode. Immer mehr steht bei meinen Überlegungen im Vordergrund, was solche Haltungen erzeugt wie bei diesem Apotheker. Wenn bei dem die Voraussetzungen für eine kritische Haltung nicht gegeben sind, bei wem denn dann?
Es wird schon pseudoreligiös, anscheinend steht hier der Angstmechanismus dahinter, der gerade bei Debatten über Religion und Glauben zu massiver Abwehr führt, weil das Gegenüber tief innen fühlt -und vielleicht sogar weiß- dass die andere Seite recht hat. Die Aufgabe der verinnerlichten Inhalte ist dann aber zu schmerzhaft.

Ich habe da Glück mit meiner Apotheke, ich weiß, wo ich bei ihr dran bin und umgekehrt. Ich habe für den 23.10. -bin in Hamburg dabei- Arsenicum album und Aconitum C30 geordert, zur Begeisterung der dort tätigen homöopathischen „Beraterin“. Beim Abholen fragte sie, ob ich mit der Anwendung vertraut sei. Ja, habe ich geantwortet, beide Fläschchen hintereinander ganz weg!🙂

Ein lauter Aufschrei: Gegen postfaktische Gesundheitspolitik!

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Immer eintreten in die schöne postfaktische Welt!

Dem Bemühen um sachliche Aufklärung, um Patientenschutz und um die sinnvolle Nutzung der Ressourcen des Gesundheitssystems, wie es das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) pflegt, ist ein ordentlicher Tritt versetzt worden. Nein, nicht von der üblichen Homöopathielobby. Sondern genau von der Stelle, deren Aufgabe das Bemühen um sachliche Aufklärung, um Patientenschutz und um die sinnvolle Nutzung der Ressourcen des Gesundheitssystems ist: Dem Bundesgesundheitsministerium.

Man wird sich erinnern: Das Informationsnetzwerk Homöopathie hatte sich bereits zwei Mal an den Bundesgesundheitsminister „in Sachen Homöopathie“ gewandt. Die Kernforderung darin war keineswegs die Abschaffung der Homöopathie. Minister Gröhe wurde lediglich aufgefordert, endlich an die Homöopathie die gleichen Maßstäbe anzulegen, wie sie für die evidenzbasierte Medizin gelten. Aus Anlass des Readers, den die Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie (WissHom), einem Teil der Lobbyistenverflechtung der Homöopathen, mit dem Anspruch wissenschaftlicher Beweisführung im Sommer vorgelegt hatte (und der außerhalb der Homöopathieszene zerrissen worden war), wäre es naheliegend gewesen, die Homöopathen endlich beim Wort zu nehmen. Der Vorschlag des INH ging deshalb dahin, dass Minister Gröhe eine unabhängige Einrichtung mit der objektiven Bewertung des WissHom-Papiers betrauen möge. Eine ebenso berechtigte wie bescheidene Forderung.

Nach nunmehr neun Wochen liegt die Antwort -nein, nicht des Ministers, eines seiner Referatsleiter, vor. Bevor ich damit ins Gericht gehe,  hier der dazu heute vom INH veröffentlichte Text eines erneuten offenen Briefes dazu:

Neun Wochen benötigte der Bundesgesundheitsminister, um durch einen Referatsleiter einen Brief des Informationsnetzwerks Homöopathie (INH) beantworten zu lassen. Das INH hatte am 19. Juli 2016 den Minister aufgefordert, ein Gutachten zur Aussagekraft des Forschungsreaders der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie (WissHom) bei einem neutralen wissenschaftlichen Institut in Auftrag zu geben. Zu dieser Forderung nimmt Gröhe keine Stellung. Stattdessen werden drei Argumente ins Feld geführt:

 – Homöopathie sei als besondere Therapierichtung im Sozialgesetzbuch ‚nicht ausgeschlossen‘. Das ist keine neue Information.

 – Die Bewertung von Behandlungsmethoden ‚in einem durch Freiberuflichkeit, Selbstverwaltung und Pluralität geprägten Gesundheitswesen‘ liege nicht in der Zuständigkeit des Ministeriums, sondern bei den dieses Gesundheitswesen repräsentierenden Institutionen und Einrichtungen.
Es mag ja sein, dass die Aufgabe selbst von einer der dem BMG nachgeordneten Behörden wahrgenommen wird, es darf aber bezweifelt werden, dass diese ohne Anstoß des Ministeriums von sich aus tätig werden.

 – Behandlungsmethoden dürften ‚nicht zu einer Patientengefährdung führen‘ und soweit ‚Schutzlücken der Patientensicherheit‘ bestünden, werde das Ministerium die Ursachen analysieren und bestehende Schutzlücken beseitigen.
Das hofft das INH doch sehr. Offenbar sieht Gröhe kein Risiko für die Gesundheit der Patienten darin, dass behauptet wird, unwirksame Methoden seien als wirksame Therapien wissenschaftlich belegt.

Das hat im BMG jedenfalls nicht zu der Überlegung geführt, endlich alte Zöpfe abzuschneiden und die doppelte Buchführung in der Bewertung von Behandlungsmethoden abzuschaffen. Stattdessen wird der Schutzzaun um die besonderen Therapierichtungen unbeirrt verteidigt. Jedes neue Medikament muss heute bewiesen haben, dass es besser als Placebo oder der schon vorhandene Behandlungsstandard wirkt. Nur Homöopathika, in den meisten Fällen reine Zuckerpillen, müssen das nicht.

Es gehört zu den ureigensten Aufgaben des BMG, die Rahmenvorschriften für die klinische Prüfung und die Zulassung der Arzneimittel zu gestalten, in deren Rahmen sich die nachgeordneten Behörden bewegen müssen. Sollen wir darauf warten, dass sich z.B. das BfArm über das Arzneimittelgesetz hinwegsetzt?

Wir fordern das Ministerium auf, den gegenwärtigen Unsinn zu beenden.

Die wissenschaftliche Überprüfung der Behauptungen von WissHom, einer reinen Lobbyinstitution der Homöopathen, hätte dem BMG die Chance geboten, den Anschluss an die Neuzeit zu gewinnen. Wir haben es ja auch geschafft, die Astrologie trotz ihrer großen Beliebtheit in der Bevölkerung dorthin zu verbannen, wohin sie gehört: in die Welt der Freizeitbeschäftigungen, die jedem Menschen in einer demokratischen Gesellschaft offen stehen. Kranken Menschen aber darf nicht mit behördlicher Genehmigung vorgegaukelt werden, Homöopathika seien ganz normale Medikamente.

„Mündige Versicherte und aufgeklärte Patienten gehören ebenso zu einem Gesundheitssystem wie Gesetze und Verordnungen.“ steht auf den Internetseiten des BMG zu lesen. Kann der Bundesgesundheitsminister da der gezielten Irreführung der Patienten durch eine Lobbyorganisation tatenlos zusehen?

Im Namen des INH:

Dr. Norbert Aust
Dr. Natalie Grams
Prof. Dr. Norbert Schmacke“

Mit Volldampf von der pluralistischen in die postfaktische Gesellschaft

So.

Um erstmal ein wenig Dampf abzulassen: Der für das öffentliche Gesundheitswesen, eine Angelegenheit von größter allgemeiner Bedeutung, zuständige Minister verweigert sich der wohlbegründeten Aufforderung, eine seit 200 Jahren unbewiesene Methode einer unabhängigen Prüfung durch anerkannte medizinische und pharmakologische Instututionen bewerten zu lassen, deren Auswahl ihm sogar freigestanden hätte.

Lieber argumentiert er, analog zu seinen letzten Äußerungen in Sachen Heilpraktikerwesen (hierzu mein Beitrag „Nachtrag zu: Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass“ vom 5.10.16), mit der „Pluralität des Gesundheitswesens“, mit dem „mündigen Patienten“ (der diese Therapieform ja so schätzt – hierzu mein Beitrag „Warum Rationalität? Eine kleine Polemik“ vom 9.10.16), das alles vermischt mit scheinbaren Zuständigkeitsfragen, die ja wohl einen völligen Abschied von Verantwortlichkeit und Gestaltungskraft seitens des Ministeriums bedeuten.

Das ist der Abschied ins gesundheitspolitische Nirwana. In das faktenfreie Wohlfühlsystem, das zunehmend die Irrationalität zum Prinzip erhebt. Zugunsten eines indifferenten Pseudopluralismus, der allseits Blümchen regnen lässt. Sei es auf den schlichten Glauben des Konsumenten, der ja annimmt, es sei ja alles gesetzlich abgesegnet und damit in Ordnung, sei es auf eine Lobby, die sich inzwischen darauf verlassen kann, dass ihre Marketingabteilung in der Lage ist, jeglichen rationalen Ansatz in einer Wolke von Wohlfühlbotschaften zu ersticken.

Nach dem Motto: Wenn die alle wollen, dann sollen sie doch. Passiert doch nichts. Das ist der Antwort des Ministerums deutlich zu entnehmen. Welche Auswirkungen das beispielsweise auf unsere sogenannte Wissensgesellschaft hat, auf die Notwendigkeit rationalen Handelns in einer hochtechnisierten Gesellschaft, letztlich auf die Notwendigkeit, demokratische Sachentscheidungen allein auf der Basis von Fakten zu treffen, das scheint niemanden zu interessieren. Na klar, merkt ja auch keiner außer diesen lästigen Skeptikern…

So eine Haltung bei politischen Entscheidungsträgern ist inakzeptabel und unentschuldbar. Herr Gröhe ist über die Problematik der Pseudomedizin aus früherer Tätigkeit seit langem informiert. Man muss ihm also unterstellen, dass er in gewissem Maße wider besseres Wissen die Problematik der Pseudomedizin -hier speziell der homöopathischen Methode- verschleppt und nicht einmal bereit ist, eine fundierte fachliche Expertise zu beauftragen.

Und jetzt mal Butter bei die Fische.

Muss ich noch etwas zu den einzelnen Aussagen der Ministeriumsantwort sagen? Na gut…

Zu 1.: Dass die Homöopathie als „besondere Therapieeinrichtung“ im Sozialgesetzbuch aufgenommen ist, ist nicht nur dem INH geläufig. Geradezu niedlich ist aber die Formulierung, sie sei als solche „nicht ausgeschlossen“. Hier regnet es die eben erwähnten Blümchen in hoher Dichte. Fakt ist: Sie ist massiv privilegiert gegenüber den evidenzbasierten Mitteln und Methoden, weil sie nicht einmal einen Wirkungsnachweis erbringen muss.

Zu 2.: Bewertung von Behandlungsmethoden „in einem durch Freiberuflichkeit, Selbstverwaltung und Pluralität geprägten Gesundheitswesen“ – hier kommt der postfaktische Wohlfühlpluralismus so richtig durch. Blümchensturm von allen Seiten, sozusagen. Und da fühlt sich das Ministerium nicht zuständig? Von wo bitte stammt denn die Gesetzesvorlage, die seinerzeit die Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen hoffähig gemacht hat? Was anderes war das denn als eine Bewertung von Behandlungsmethoden durch den Gesetzgeber selbst, verantwortet durch das Bundesgesundheitsministerium? Solange diese „Bewertung“, die Aufnahme in das Sozialgesetzbuch als „besondere Therapieeinrichtung“ auf Ministeriumsebene nicht angegangen wird, ist doch wohl klar, dass sich die Proponenten dieser Methode auf der ihnen zur Verfügung gestellten Blumen…. äh, Spielweise auch so richtig austoben.

Zu 3.: Offenbar ist immer noch nicht klar geworden, welche  potenzielle Patientengefährdung die Anwendung unwirksamer pseudowissenschaftlicher Methoden an gutgläubigen Menschen anrichten kann. Die Hauptgefahr liegt selbstverständlich in der verspäteten Einleitung oder gar Unterlassung einer wirksamen evidenzbasierten Behandlung von Erkrankungen! Das allein sollte den Verantwortlichen längst zu denken gegeben haben.
Um wieder einmal den Altmeister der deutschen Gerichtsmedizin, Prof. Otto Prokop, in den Zeugenstand zu rufen: Er schätzte die Zahl der Fälle, bei denen ein Schaden unterhalb der Todesschwelle durch Pseudomedizin jährlich entsteht, auf etwa 800.000 – bereits in den 1950er Jahren.

Es wird überdeutlich, dass eine Auseinandersetzung mit dem Anliegen des Informationsnetzwerks Homöopathie überhaupt nicht stattgefunden hat – ja, dass die Aussagen des Antwortschreibens des BGM eine geradezu erbärmliche Armut an Problembewusstsein zeigen.

Für heute reicht es erstmal. Aber es geht weiter, demnächst in diesem Blog.

Und bevor ich mit einem Schreibkrampf schließe, nochmal Prokop:
Der Staat, der Personen zu solchen (pseudomedizinischen) Praktiken […]  zulässt, nimmt es mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst.

Dem kann ich nach den aktuellen Einblicken in die derzeitige Gesundheitspolitik nur anschließen.

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Es kommt eine Zeit nach dem Blümchensturm. Bestimmt.

Bildnachweise:

1: René Magritte,  „Les Mémoires d’un saint“, 1960
The Menil Collection, Houston / Texas

2.: dreamstime_xs_66958835