Aktion 10:23: „Informationen“ über die Homöopathie von einem Apotheker

Hier ein Erlebnisbericht aus Österreich über die Vorbereitung auf den 23.10., den Hochpotenzentag…
Der Wahnsinn ohne jede Methode. Immer mehr steht bei meinen Überlegungen im Vordergrund, was solche Haltungen erzeugt wie bei diesem Apotheker. Wenn bei dem die Voraussetzungen für eine kritische Haltung nicht gegeben sind, bei wem denn dann?
Es wird schon pseudoreligiös, anscheinend steht hier der Angstmechanismus dahinter, der gerade bei Debatten über Religion und Glauben zu massiver Abwehr führt, weil das Gegenüber tief innen fühlt -und vielleicht sogar weiß- dass die andere Seite recht hat. Die Aufgabe der verinnerlichten Inhalte ist dann aber zu schmerzhaft.

Ich habe da Glück mit meiner Apotheke, ich weiß, wo ich bei ihr dran bin und umgekehrt. Ich habe für den 23.10. -bin in Hamburg dabei- Arsenicum album und Aconitum C30 geordert, zur Begeisterung der dort tätigen homöopathischen „Beraterin“. Beim Abholen fragte sie, ob ich mit der Anwendung vertraut sei. Ja, habe ich geantwortet, beide Fläschchen hintereinander ganz weg!🙂

Ein lauter Aufschrei: Gegen postfaktische Gesundheitspolitik!

09-rene-magritte-paris
Immer eintreten in die schöne postfaktische Welt!

Dem Bemühen um sachliche Aufklärung, um Patientenschutz und um die sinnvolle Nutzung der Ressourcen des Gesundheitssystems, wie es das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) pflegt, ist ein ordentlicher Tritt versetzt worden. Nein, nicht von der üblichen Homöopathielobby. Sondern genau von der Stelle, deren Aufgabe das Bemühen um sachliche Aufklärung, um Patientenschutz und um die sinnvolle Nutzung der Ressourcen des Gesundheitssystems ist: Dem Bundesgesundheitsministerium.

Man wird sich erinnern: Das Informationsnetzwerk Homöopathie hatte sich bereits zwei Mal an den Bundesgesundheitsminister „in Sachen Homöopathie“ gewandt. Siehe
http://www.netzwerk-homoeopathie.eu/standpunkte/152-offener-brief-an-gesundheitsminister-groehe-zur-homoeopathie .

Die Kernforderung darin war keineswegs die Abschaffung der Homöopathie. Minister Gröhe wurde lediglich aufgefordert, endlich an die Homöopathie die gleichen Maßstäbe anzulegen, wie sie für die evidenzbasierte Medizin gelten. Aus Anlass des Readers, den die Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie (WissHom), einem Teil der Lobbyistenverflechtung der Homöopathen, mit dem Anspruch wissenschaftlicher Beweisführung im Sommer vorgelegt hatte (und der außerhalb der Homöopathieszene zerrissen worden war), wäre es naheliegend gewesen, die Homöopathen endlich beim Wort zu nehmen. Der Vorschlag des INH ging deshalb dahin, dass Minister Gröhe eine unabhängige Einrichtung mit der objektiven Bewertung des WissHom-Papiers betrauen möge. Eine ebenso berechtigte wie bescheidene Forderung.

Nach nunmehr neun Wochen liegt die Antwort -nein, nicht des Ministers, eines seiner Referatsleiter, vor. Bevor ich damit ins Gericht gehe,  hier der dazu heute vom INH veröffentlichte Text eines erneuten offenen Briefes dazu
(http://www.netzwerk-homoeopathie.eu/standpunkte/164-groehe-verteidigt-den-schutzzaun-fuer-homoeopathie-ein-neuer-offener-brief-des-inh) :

Neun Wochen benötigte der Bundesgesundheitsminister, um durch einen Referatsleiter einen Brief des Informationsnetzwerks Homöopathie (INH) beantworten zu lassen. Das INH hatte am 19. Juli 2016 den Minister aufgefordert, ein Gutachten zur Aussagekraft des Forschungsreaders der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie (WissHom) bei einem neutralen wissenschaftlichen Institut in Auftrag zu geben. Zu dieser Forderung nimmt Gröhe keine Stellung. Stattdessen werden drei Argumente ins Feld geführt:

 – Homöopathie sei als besondere Therapierichtung im Sozialgesetzbuch ‚nicht ausgeschlossen‘. Das ist keine neue Information.

 – Die Bewertung von Behandlungsmethoden ‚in einem durch Freiberuflichkeit, Selbstverwaltung und Pluralität geprägten Gesundheitswesen‘ liege nicht in der Zuständigkeit des Ministeriums, sondern bei den dieses Gesundheitswesen repräsentierenden Institutionen und Einrichtungen.
Es mag ja sein, dass die Aufgabe selbst von einer der dem BMG nachgeordneten Behörden wahrgenommen wird, es darf aber bezweifelt werden, dass diese ohne Anstoß des Ministeriums von sich aus tätig werden.

 – Behandlungsmethoden dürften ‚nicht zu einer Patientengefährdung führen‘ und soweit ‚Schutzlücken der Patientensicherheit‘ bestünden, werde das Ministerium die Ursachen analysieren und bestehende Schutzlücken beseitigen.
Das hofft das INH doch sehr. Offenbar sieht Gröhe kein Risiko für die Gesundheit der Patienten darin, dass behauptet wird, unwirksame Methoden seien als wirksame Therapien wissenschaftlich belegt.

Das hat im BMG jedenfalls nicht zu der Überlegung geführt, endlich alte Zöpfe abzuschneiden und die doppelte Buchführung in der Bewertung von Behandlungsmethoden abzuschaffen. Stattdessen wird der Schutzzaun um die besonderen Therapierichtungen unbeirrt verteidigt. Jedes neue Medikament muss heute bewiesen haben, dass es besser als Placebo oder der schon vorhandene Behandlungsstandard wirkt. Nur Homöopathika, in den meisten Fällen reine Zuckerpillen, müssen das nicht.

Es gehört zu den ureigensten Aufgaben des BMG, die Rahmenvorschriften für die klinische Prüfung und die Zulassung der Arzneimittel zu gestalten, in deren Rahmen sich die nachgeordneten Behörden bewegen müssen. Sollen wir darauf warten, dass sich z.B. das BfArm über das Arzneimittelgesetz hinwegsetzt?

Wir fordern das Ministerium auf, den gegenwärtigen Unsinn zu beenden.

Die wissenschaftliche Überprüfung der Behauptungen von WissHom, einer reinen Lobbyinstitution der Homöopathen, hätte dem BMG die Chance geboten, den Anschluss an die Neuzeit zu gewinnen. Wir haben es ja auch geschafft, die Astrologie trotz ihrer großen Beliebtheit in der Bevölkerung dorthin zu verbannen, wohin sie gehört: in die Welt der Freizeitbeschäftigungen, die jedem Menschen in einer demokratischen Gesellschaft offen stehen. Kranken Menschen aber darf nicht mit behördlicher Genehmigung vorgegaukelt werden, Homöopathika seien ganz normale Medikamente.

„Mündige Versicherte und aufgeklärte Patienten gehören ebenso zu einem Gesundheitssystem wie Gesetze und Verordnungen.“ steht auf den Internetseiten des BMG zu lesen. Kann der Bundesgesundheitsminister da der gezielten Irreführung der Patienten durch eine Lobbyorganisation tatenlos zusehen?

Im Namen des INH:

Dr. Norbert Aust
Dr. Natalie Grams
Prof. Dr. Norbert Schmacke“

Mit Volldampf von der pluralistischen in die postfaktische Gesellschaft

So.

Um erstmal ein wenig Dampf abzulassen: Der für das öffentliche Gesundheitswesen, eine Angelegenheit von größter allgemeiner Bedeutung, zuständige Minister verweigert sich der wohlbegründeten Aufforderung, eine seit 200 Jahren unbewiesene Methode einer unabhängigen Prüfung durch anerkannte medizinische und pharmakologische Instututionen bewerten zu lassen, deren Auswahl ihm sogar freigestanden hätte.

Lieber argumentiert er, analog zu seinen letzten Äußerungen in Sachen Heilpraktikerwesen (hierzu mein Beitrag „Nachtrag zu: Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass“ vom 5.10.16), mit der „Pluralität des Gesundheitswesens“, mit dem „mündigen Patienten“ (der diese Therapieform ja so schätzt – hierzu mein Beitrag „Warum Rationalität? Eine kleine Polemik“ vom 9.10.16), das alles vermischt mit scheinbaren Zuständigkeitsfragen, die ja wohl einen völligen Abschied von Verantwortlichkeit und Gestaltungskraft seitens des Ministeriums bedeuten.

Das ist der Abschied ins gesundheitspolitische Nirwana. In das faktenfreie Wohlfühlsystem, das zunehmend die Irrationalität zum Prinzip erhebt. Zugunsten eines indifferenten Pseudopluralismus, der allseits Blümchen regnen lässt. Sei es auf den schlichten Glauben des Konsumenten, der ja annimmt, es sei ja alles gesetzlich abgesegnet und damit in Ordnung, sei es auf eine Lobby, die sich inzwischen darauf verlassen kann, dass ihre Marketingabteilung in der Lage ist, jeglichen rationalen Ansatz in einer Wolke von Wohlfühlbotschaften zu ersticken.

Nach dem Motto: Wenn die alle wollen, dann sollen sie doch. Passiert doch nichts. Das ist der Antwort des Ministerums deutlich zu entnehmen. Welche Auswirkungen das beispielsweise auf unsere sogenannte Wissensgesellschaft hat, auf die Notwendigkeit rationalen Handelns in einer hochtechnisierten Gesellschaft, letztlich auf die Notwendigkeit, demokratische Sachentscheidungen allein auf der Basis von Fakten zu treffen, das scheint niemanden zu interessieren. Na klar, merkt ja auch keiner außer diesen lästigen Skeptikern…

So eine Haltung bei politischen Entscheidungsträgern ist inakzeptabel und unentschuldbar. Herr Gröhe ist über die Problematik der Pseudomedizin aus früherer Tätigkeit seit langem informiert. Man muss ihm also unterstellen, dass er in gewissem Maße wider besseres Wissen die Problematik der Pseudomedizin -hier speziell der homöopathischen Methode- verschleppt und nicht einmal bereit ist, eine fundierte fachliche Expertise zu beauftragen.

Und jetzt mal Butter bei die Fische.

Muss ich noch etwas zu den einzelnen Aussagen der Ministeriumsantwort sagen? Na gut…

Zu 1.: Dass die Homöopathie als „besondere Therapieeinrichtung“ im Sozialgesetzbuch aufgenommen ist, ist nicht nur dem INH geläufig. Geradezu niedlich ist aber die Formulierung, sie sei als solche „nicht ausgeschlossen“. Hier regnet es die eben erwähnten Blümchen in hoher Dichte. Fakt ist: Sie ist massiv privilegiert gegenüber den evidenzbasierten Mitteln und Methoden, weil sie nicht einmal einen Wirkungsnachweis erbringen muss.

Zu 2.: Bewertung von Behandlungsmethoden „in einem durch Freiberuflichkeit, Selbstverwaltung und Pluralität geprägten Gesundheitswesen“ – hier kommt der postfaktische Wohlfühlpluralismus so richtig durch. Blümchensturm von allen Seiten, sozusagen. Und da fühlt sich das Ministerium nicht zuständig? Von wo bitte stammt denn die Gesetzesvorlage, die seinerzeit die Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen hoffähig gemacht hat? Was anderes war das denn als eine Bewertung von Behandlungsmethoden durch den Gesetzgeber selbst, verantwortet durch das Bundesgesundheitsministerium? Solange diese „Bewertung“, die Aufnahme in das Sozialgesetzbuch als „besondere Therapieeinrichtung“ auf Ministeriumsebene nicht angegangen wird, ist doch wohl klar, dass sich die Proponenten dieser Methode auf der ihnen zur Verfügung gestellten Blumen…. äh, Spielweise auch so richtig austoben.

Zu 3.: Offenbar ist immer noch nicht klar geworden, welche  potenzielle Patientengefährdung die Anwendung unwirksamer pseudowissenschaftlicher Methoden an gutgläubigen Menschen anrichten kann. Die Hauptgefahr liegt selbstverständlich in der verspäteten Einleitung oder gar Unterlassung einer wirksamen evidenzbasierten Behandlung von Erkrankungen! Das allein sollte den Verantwortlichen längst zu denken gegeben haben.
Um wieder einmal den Altmeister der deutschen Gerichtsmedizin, Prof. Otto Prokop, in den Zeugenstand zu rufen: Er schätzte die Zahl der Fälle, bei denen ein Schaden unterhalb der Todesschwelle durch Pseudomedizin jährlich entsteht, auf etwa 800.000 – bereits in den 1950er Jahren.

Es wird überdeutlich, dass eine Auseinandersetzung mit dem Anliegen des Informationsnetzwerks Homöopathie überhaupt nicht stattgefunden hat – ja, dass die Aussagen des Antwortschreibens des BGM eine geradezu erbärmliche Armut an Problembewusstsein zeigen.

Für heute reicht es erstmal. Aber es geht weiter, demnächst in diesem Blog.

Und bevor ich mit einem Schreibkrampf schließe, nochmal Prokop:
Der Staat, der Personen zu solchen (pseudomedizinischen) Praktiken […]  zulässt, nimmt es mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst.

Dem kann ich nach den aktuellen Einblicken in die derzeitige Gesundheitspolitik nur anschließen.

dreamstime_xs_66958835
Es kommt eine Zeit nach dem Blümchensturm. Bestimmt.

 

 

 

Bildnachweise:

1: René Magritte,  „Les Mémoires d’un saint“, 1960
The Menil Collection, Houston / Texas

2.: dreamstime_xs_66958835

 

Homöopathie – Kurz zerlegt. Ein Zwischenruf.

riesenglobuli
Riesenglobuli – aufgepumpt durch 200 Jahre heißer Luft…

Die in diesem Blog bisher veröffentlichten Beiträge speziell zur Homöopathie umfassen bereits ein recht großes Spektrum. In Gesprächen und anderen Rückmeldungen dazu konnte ich feststellen, dass vielen Interessenten aber der konzentrierte Überblick über die Frage, was Homöopathie denn eigentlich sei und wo die „Knackpunkte“ liegen, fehlt. Gerne verweise ich auf die Informationssammlung beim Informationsnetzwerk Homöopathie, der eigentlich kaum etwas hinzuzufügen ist. Ich möchte aber die freundlichen Anregungen aufnehmen und auch an dieser Stelle einen solchen konzentrierten Überblick liefern. Es wird dabei zwangsläufig zu Wiederholungen von Dingen kommen, die ich bereits anderswo angesprochen habe, aber sie hier nochmals in den Gesamtzusammenhang zu stellen, ist sicher nicht falsch. Ich möchte dabei  versuchen, so grundlegend und damit so einfach wie möglich eine Vorstellung von der homöopathischen Methode zu vermitteln.

Also, auf geht’s. Wir stützen uns hier auf die Hahnemannsche Lehre, wie er sie in seinem Organon der Heilkunst niedergelegt hat. Die Verwicklungen und Verirrungen seiner Exegeten bis heute, die -nach den Worten des gern zitieren Prof. Otto Prokop- „gescheiterten Versuche, durch Angleichung des homöopathischen Systems an die Schulmeinungen an den Universitäten allgemeine Anerkennung zu erlangen“, waren teilweise schon Gegenstand in diesem Blog und werden -versprochen!- auch später noch genauer beleuchtet und entzaubert werden.

Was ist Homöopathie?

Homöopathie ist eine Arzneimittellehre, die nicht den Anspruch erhebt, „Krankheiten“ heilen zu wollen. „Heilen“ als homöopathischer Begriff bezieht sich auf den Patienten, nicht auf Krankheiten. Ärgerlicherweise wird dieser Umstand immer als Beleg für die „Ganzheitlichkeit“ (was ist das?) der homöopathischen Methode herangezogen. Nichts könnte falscher sein. Hahnemanns Methode ist rein symptombezogen, er strebte an, eine von ihm angenommene „verstimmte geistige Lebenskraft“, die sich durch Symptome -und nur durch Symptome!- bemerkbar macht, per Arzneimittelgabe wieder richtig zu „stimmen“ und damit den Patienten zu „heilen“.

Woraus sich die Frage ergibt,

Wie sieht die Homöopathie Krankheiten?

Nach Hahnemann kann niemand etwas über die „Krankheit“ eines Patienten wissen, denn sie ist ja die „Verstimmung“ der individuellen (wichtig!) „geistigen Lebenskraft“ des Patienten. Nur die Symptome werden nach außen sichtbar. Logischerweise benannte Hahnemann auch keine Krankheiten. Da er die Existenz bestimmter, wiederkehrender Krankheiten abstritt, kam es ihm (nur) darauf an, mit größtmöglicher Genauigkeit ein Gesamtbild der Symptome, im wörtlichen Sinne das individuelle „Symptombild“ des Patienten zu ermitteln – ein Bild der Verstimmung der „geistigen Lebenskraft“.. Über die Ursachen von Krankheiten äußerte Hahnemann sich nicht, dies war für ihn unwesentlich.

Deshalb ist es geradezu grotesk, von der Homöopathie als einer „ursachenbeseitigenden“ und von der wissenschaftlichen Medizin als einer „nur symptombekämpfenden“ Methode zu sprechen. Der umgekehrte Fall trifft zu.

Das führt zu der Frage:

Auf welche Weise soll den diese „verstimmte geistige Lebenskraft“ des Patienten wieder korrigiert werden?

Durch Hahnemanns Arzneimittellehre. Sie stützt sich wiederum auf eine gesonderte Grundannahme, nämlich, dass „Ähnliches durch Ähnliches“ geheilt werden könne. So sucht die „Arzneimittelprüfung“, der „Blindtest“ von allen möglichen Substanzen, organischer wie anorganischer, an Gesunden Symptome, die nach der Einnahme auftreten. Gefahndet wird dabei nach allen nur denkbaren Erscheinungen beim Probanden, auch den kleinsten, die nach der Einnahme der homöopathischen Stoffe auftreten – häufig noch viele Tage, gar Wochen, danach. Das sind die Symptombilder, die die Grundlage für die Behandlung gleicher Symptombilder beim Kranken herangezogen werden. Die Sammlung dieser Ergebnisse stellt die „Materia medica“ der Homöopathen dar. Die Symptombilder aus den Arzneimittelprüfungen werden in umfangreichen Nachschlagewerken, den Repertorien, festgehalten.Jeder Versuch mit neu hinzukommenden Mitteln lässt die Repertorien weiter anschwellen.

Der grundlegende Irrtum besteht in der Gleichsetzung von Krankheit und Symptom. Vergegenwärtigt man sich nur die simple Alltagserfahrung, muss dieses Hahnemannsche Dogma doch absonderlich erscheinen. Eine Lebensmittelvergiftung mag die gleichen Symptome hervorrufen wie ein Magenkarzinom eines bestimmten Stadiums. Wie will der Homöopath behandeln? Da er nur die Symptome sieht, mag er zu dem Ergebnis kommen, dass in beiden Fällen die Gabe beispielsweise von homöopathisch aufbereitetem verdorbenem Fleisch (das gibt es!) als Simile, also als „symptomenähnliches“ Mittel, anzuraten sei. So sähe die Praxis aus. Noch Fragen?
Ebenso kann ein und dieselbe Erkrankung bei verschiedenen Patienten durchaus unterschiedliche Symptombilder hervorrufen.
Zudem ist die Arzneimittelprüfung völlig subjektiv. Aus dem gleichen Versuch an Gesunden gehen -zwangsläufig, da nicht ursächlich mit der Mittelgabe verknüpft- alle möglichen Symptombilder hervor. Alles wird gesammelt und in der Materia Medica zusammengefasst. Wo soll da noch eine verlässliche Basis sein?
Die umfangreichen Studien von Prof. Martini, dem nachmaligen  Präsidenten der Gesellschaft für Innere Medizin, haben mit unterschiedlichsten Untersuchungsmethoden ein klares Ergebnis erbracht: Die Ergebnisse der Hahnemannschen Arzneimittelprüfungen sind wertlos.
Übrigens hat Hahnemann bei seinem Chinarindenversuch sage und schreibe 1143 Einzelsymptome an sich festgestellt… Für Pulsattilla (Kuh- oder Küchenschelle), eines der am häufigsten eingesetzten homöopathischen Mittel, wurden in mehreren Arzneimittelprüfungen mehrere tausend großenteils völlig unterschiedliche Symptome berichtet…
Wobei, man kann das in den Materia Medica nachlesen, die meisten Beschreibungen aus Arzneimittelprüfungen gar keine „Symptome“, sondern Befindlichkeitsschilderungen aufgrund völlig subjektiver, von äußeren Umständen jeweils abhängiger persönlicher Dispositionen sind.
(Quelle: O. Prokop / L. Prokop, Hömöopathie und Wissenschaft, Stuttgart 1957)

Das führt uns zur

Homöopathischen Anamnese

als der entscheidenden Säule für die homöopathischen Therapie. Ihre Basis ist das vielgelobte therapeutische Gespräch beim Homöopathen. Dies wird aber keineswegs mit dem Ziel einer persönlichen Zuwendung mit besonderer Empathie dem Patienten gegenüber geführt, wenn dieses Empfinden auch sicher eine wesentliche Bedingung für den homöopathischen „Heilerfolg“ und den „guten Ruf“ der Methode ist. Das Zuhören und gegebenenfalls das ergänzende „Ausfragen“ mag subjektiv beim Patienten den Eindruck der persönlichen Zuwendung und des Interesses erwecken, es hat aber einen völlig anderen Zweck.  Die homöopathische Anamnese stellt sozusagen das Spiegelbild der Arzneimittelprüfung am Gesunden dar, denn sie ist darauf aus, ein Symptombild ausfindig zu machen, das mit einem (oder mehreren) Symptombildern aus den Repertorien in Deckung gebracht werden kann. Geschieht dies -die Leistung dabei ist eher eine gedächtnistechnische –  so hat man das Gegenmittel gefunden.

Eine sehr feinsinnige gedankliche Konstruktion auf der Basis der Ähnlichkeitsregel, zweifellos. Aber eben nur eine Verfeinerung einer aus vorwissenschaftlichen Zeiten stammenden, magischem Denken angehörenden Vorstellung mit Wurzeln in der Frühantike. Die Ähnlichkeitsregel der Homöopathie konnte nie bewiesen, aber vielfach widerlegt werden. Schon Hahnemanns nie erfolgreich reproduzierter Chinarindenversuch ist eine Widerlegung der Regel: Niemals konnte beobachtet werden, dass Chinin Malariasymptome hervorruft. Weder als Urstoff noch als Verdünnung. Zudem wird kaum jemand ernsthaft annehmen, dass z.B. eine Vergiftung durch die weitere Gabe des Giftes -verdünnt oder nicht- behoben werden könnte. Oder eine akute Infektion durch eine Erhöhung der Erregerzahl. Die Beispiele sind Legion. Die sachlogischen Argumente dagegen ebenfalls.
Man bedenke: Mit der Ähnlichkeitsregel steht und fällt das Hahnemannsche Gedankengebäude! Obwohl selbst das bereiis von Hahnemannschen Exegeten relativiert wurde, als die Brüchigkeit des Gebäudes nicht mehr zu leugnen war.

Aber wie verhält es sich denn mit dieser sogenannten

Potenzierung?

Erst einmal die -offenbar notwendige- Klarstellung: Die Homöopathie benutzt den Begriff entgegen dem normalen Wortsinn, der ja eine Steigerung, eine Erhöhung bezeichnet. Die Potenzierungsmethode der Homöopathie ist jedoch eine massive Verdünnung des Wirkstoffs in einem Lösungsmittel. Sie will mit dem Begriff der Potenzierung zum Ausdruck bringen, dass die geringere Lösungskonzentration eine immer höhere Wirksamkeit entfalte. Hahnemann verband mit der Potenzierung nicht nur die reine Verdünnung, er verlangte, um der Wirkungssteigerung „sicher“ zu sein, rituelle Herstellungsvorschriften: Statt einfacher Verdünnung „Potenzierung“ in Zehnerschritten, Verreiben und Verschütteln der Ursubstanz, Schlagen der verdünnten Lösungen in bestimmter Art und Zahl auf bestimmte Untergründe…Er warnte bei einigen Mitteln sogar davor, dass zehn Schüttelschläge ein tödlich wirkendes Gift, zwanzig aber die gewünschte Medizin ergeben würden.

Wobei die Kernthese Hahnemanns ist, dass eine Arznei um so intensiver wirkt, desto höher sie „potenziert“ wird. Er warnte ausdrücklich vor der voreiligen Anwendung von Hochpotenzen, die er bei falscher Anwendung geradezu für tödliche Mittel hielt. Gegen Ende seines Lebens erwog er sogar noch eine ungeheure Erweitetung der Potenzierungsgrade über das bislang Übliche hinaus – wobei selbst dieses „Übliche“ bereits Verdünnungen erreichte, die einem Stück Würfelzucker auf alle Galaxien des Universums entsprachen.

Hier wird noch einmal die Nähe Hahnemanns zu vorwissenschaftlichen, mystischen Vorstellungen deutlich. Er selbst war auch Chemiker, für seine Zeit kein schlechter. Trotzdem ging er von der Richtigkeit seiner Potenzierungslehre aus. Das ist nur dadurch zu erklären, dass er wirklich nicht von einer physiologischen Wirkung, also einer Wechselwirkung zwischen Substanz und menschlichem Körper ausging, sondern ernsthaft glaubte, es ginge um die Beeinflussung der „geistartigen Lebenskraft“, bei der eine Wirkung der ebenfalls „geistigen Kräfte“ des eingesetzten Mittels – wobei die extreme Potenzierung dem (würde man heute in Eso-Kreisen sagen) „feinstofflichen Wirkungsmechanismus“ eben angemessen sei.
Die Behauptung der Wirksamkeit solcher „potenzierten Arzneien“, bei denen sich ab einer bestimmten Verdünnung mehr Lösungsmittelverunreinigungen als Ursubstanz in der Lösung befinden, irgendwann die Nachweisgrenze des Urstoffs überschritten wird und ab einer Verdünnung von 10^23 (durchaus üblich) keine Moleküle der Ursubstanz mehr in der Lösung vorhanden sind, ist eine der hauptsächlichsten Bemühungen der „homöopathischen Forschung“. Vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis heute. Außer Behauptungen, das Problem sei gelöst (die gab es schon um 1840, zuletzt 2016…) gab es aber nichts Substanzielles. Das hat auch niemand, der mit physikalisch-chemischen und pharmakologischen Grundlagen vertraut ist, erwartet.  

Und wenn’s nicht hilft?

Dann hat man doch noch nicht das richtige Mittel gefunden und setzt ein anderes an (die Repertorien sind ja dick genug…). Oder der Patient hat bei der Einnahme einen Fehler gemacht, entweder nicht richtig eingenommen oder etwas „Schädliches“ zu sich genommen, das die homöopathische Wirkung behindert. Möglicherweise ist der arme Patient auch von der „Schulmedizin“ vorher schon so traktiert worden, dass die Homöopathie nicht mehr hilft. Was dann gern mit einer Rücküberweisung zur „Schuldmedizin“ quittiert wird. Man sieht, Misserfolge der Hömöopathie kann es praktisch gar nicht geben. Zudem lässt die homöopathische Therapie den Krankheiten Zeit genug, sich abzuschwächen oder gar ganz zu verschwinden. Das tun nämlich gut und gerne achtzig Prozent der Krankheiten eh.

Also eine eher „lexikalische“ statt medizinische Methode, aufbauend nicht auf belastbarer Empirie, sondern ausschließlich als Gedankengebäude auf der Grundlage unhaltbarer Axiome und Spekulationen. Kurz gesagt – Nix drin, nix dran.

Die Kunst des Schreibens besteht bekanntlich im Weglassen. Was mir schwerfällt. Ich hoffe, die Mühe des Weglassens von näheren Erläuterungen und Abschweifungen macht diesen kleinen Beitrag zu einem informativen Quell für alle, die bislang nicht, nur unvollständig oder falsch über die Grundlagen der Homöopathie informiert waren – und bereit sind, sich mit der Kraft ihres Verstandes unvoreingenommen mit ihr auseinanderzusetzen. Sapere aude!

Ansonsten gilt für weiter Interessierte: Immer mal hier vorbeischauen!

Warum Rationalität? Eine kleine Polemik.

himmelerde

Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde…

Mag ja sein, mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar. Sehe ich auch so. Aber darüber wissen wir alle nichts. Weder die Wissenschaft, noch diejenigen, die sich auf diesen Satz ständig berufen. Erstere vielleicht sogar ein wenig mehr als die anderen.

Der Grund, warum so viele Menschen die unterschiedlichsten Formen von Pseudomedizin und -psychologie fasziniert, liegt in einem Hang zum Geheimnisvollen, im Willen zu „glauben“ und einer instinktiven Abneigung gegenüber dem „Wissen“, der Neigung, eher blind zu vertrauen (notfalls dem eigenen „Bauchgefühl“) als sich unvoreingenommen zu informieren. Kurz gesagt, in einer Geringschätzung von Rationalität. Diese Kräfte sind gewaltig, aber auch höchst erstaunlich – sie würden, auf alle Dinge angewandt, das praktische Leben nahezu unmöglich machen, worauf ich weiter unten noch eingehe.. Ich nehme hier gerne mein Zentralthema, die Homöopathie, zum Kronzeugen. Die weltweite Wissenschaftsgemeinde ist sich einig: Nix drin, nix dran. Und wie sieht es tatsächlich aus, hier bei uns? Dreistellige Millionenumsätze, ein Heer von Praktizierenden dieser Scheinmethode, in der Bevölkerung durchaus angesehen, politisch akzeptiert unter Verleihung von Sonderrechten im öffentlichen Gesundheitswesen und mit dem Anspruch auftretend, wissenschaftliche Relevanz für sich einzufordern. Das ist praktizierte Irrationalität. Praktiziert nicht nur von wenig bis nicht informierten Laien, sondern ebenso von akademisch ausgebildeten Menschen. Wobei es unter Letzteren einige geben mag, die das gegen besseres Wissen tun – was die Sache anders, aber nicht besser macht.

Hier soll einmal gar nicht die Rede sein von den näheren Ursachen für so etwas. Vielmehr möchte ich einmal verdeutlichen, warum wir uns eine solche Haltung überhaupt nicht leisten können.

Komplexe Welt

Die Welt ist so komplex geworden, hört man allenthalben. Gewiss zu Recht. Aber kann das eine Rechtfertigung, auch nur eine Begründung dafür sein, sich auf die sogenannten einfachen Lösungen zurückzuziehen, sich der Realität zu verweigern, Vertrauen in Dinge und Menschen zu setzen, gar in die eigene Unzulänglichkeit, die einfachste Auswege aus dem Dilemma der scheinbaren eigenen Unmündigkeit oder Unwissenheit anbieten?

Ganz sicher nicht. Das Schlüsselwort heißt – Vertrauen. Aber richtig eingesetztes Vertrauen. Wir leben schon eine ganze Weile in einer arbeitsteiligen Welt. Seitdem der einzelne Mensch nicht mehr autonom für sich und seine Familie sorgte, braucht es zum Funktionieren des alltäglichen Lebens Vertrauen. Vertrauen in die Fertigkeiten des Schmieds, des Bäckers, des Schneiders, des Installateurs, des Fernsehtechnikers, des PC-Fachmanns. Von all diesen Leuten erwarten wir zu Recht Professionalität. Wir vertrauen ihnen, weil sie Meisterprüfungen abgelegt, ihr Fach mit Erfolg studiert haben und sich in der Praxis bewähren. Auslese durch Empfehlung oder Kritik tut das ihre. Ohne dieses grundlegende Vertrauen in die Fähigkeiten, aber auch in die Redlichkeit anderer würde unser Zusammenleben ebensowenig funktionieren wie unser privates Dasein. Dieses Vertrauen ist Ausdruck eines notwendigen rationalen Denkens. Bei einer bis vor einiger Zeit laufenden Werbung für ein Infoportal wurde das ganz klar zum Ausdruck gebracht: Nach dem Scheitern, professionelle Aufgaben durch eigenes Herumprobieren zu erledigen, hieß es: Vielleicht hätte er jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt. Beifälliges Lächeln war wohl die Reaktion von 99 Prozent der Zuschauer dieses Spots.

Blinder Fleck – Ratio weg

So weit, so gut. Nur leider gibt es in dieser rationalen, jedem einleuchtenden Weltsicht offenbar bei Vielen ein gewaltigen blinden Fleck: Im Bereich des eigenen Wohlergehens, der eigenen physischen und psychischen Gesundheit.

Ja, auch da ist die Welt komplex. Komplexer als bei der Kunst, Backwaren herzustellen oder auch einen PC zu reparieren. Seltsamerweise gibt es aber sehr viele Menschen, die sich in diesem Bereich auf einmal nicht mehr an die rationalen Regeln halten, die sonst eine gewisse Garantie für ein einigermaßen funktionierendes Leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft bieten.

Wir haben hier einen professionellen Berufsstand, dessen Ausbildung und Auslese so umfangreich, langdauernd und professionell ist wie nur wenige andere im akademischen Bereich: Die Ärzte. Sie stehen aufgrund unserer weitgehenden Absicherung in den Sozialsystemen praktisch jedem kostenlos zur Verfügung. Wir haben sogar die freie Arztwahl, wir haben einen Anspruch auf Aufklärung über die empfohlenen Behandlungsmethoden und entscheiden aufgrund der Möglichkeit, uns eine fundierte Meinung bilden zu können, selbst darüber, ob und welche Behandlung wir über uns ergehen lassen wollen. Es steht uns sogar frei, bei ernsteren Angelegenheiten auf Kosten der Sozialversicherung eine zweite Meinung einzuholen, um eine rationale Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Behandlungsmethode treffen zu können. Dazu muss ich mir allerdings die Mühe machen, mich mit der Aufklärung durch den Arzt, die zu dessen Hauptpflichten gehören, auch auseinanderzusetzen.

Diese Entscheidungsfreiheit habe ich nicht mal beim Fernsehmechaniker. Wenn der sagt, kaputt, muss ein neuer her, werden wir das in aller Regel seufzend so hinnehmen. Trotz eines gewissen Grundmisstrauens wird kaum jemand eine „zweite Meinung“ einholen, schon deshalb nicht, weil das das eigene Geld kostet.

Fernseher wichtig, Gesundheit egal?

So weit, so gut. Und jetzt kommt das Phänomen, dass viele Menschen trotz des Angebotes praktisch kostenloser Gesundheitsversorgung, ausgeübt von lange theoretisch und praktisch ausgebildeten, durch -zig Prüfungen gegangenen, zu ständiger Fortbildung verpflichteten Menschen, vor deren Approbation -dem Loslassen auf die Menschheit- auch noch die Ärztekammern stehen, dieses Angebot zu großen Teilen geradezu verachten? Und in Scharen zu Menschen laufen, die die Profession der Heilkunst weder studiert haben noch irgendwelchen wissenschaftlichen oder ethischen Standards verpflichtet sind, bei denen eine Absicherung gegen „Behandlungsfehler“ rechtlich de facto nicht vorhanden ist und die Methoden weitgehend nach eigenem Gusto anwenden? Die über Risiken ihrer Methoden überhaupt nicht aufklären können, denn entweder sind diese unwirksam (und haben dann auch keine Nebenwirkungen und Risiken) oder es gibt gar keine belastbaren Erkenntnisse über Risiken?

Nein, das können wir uns nicht erlauben. Diese Form von Irrationalität ist ein Vergehen gegen sich selbst, gegen die Alltagsrationalität, die uns ansonsten recht gut leben lässt. Wer würde es begrüßen, wenn sich unterhalb der professionell tätigen Bäcker, Klempner, Informatiker und Kfz-Mechatroniker, nicht-handwerkliche Berufe wie Steuerberater oder Buchhalter natürlich ebenso, eine Szene bilden würde, die mit den nichtärztlichen „Ausübenden der Heilkunst“ (so stehts im Heilpraktikergesetz von 1939) vergleichbar wäre, also keine geregelte Ausbildung vorweisen kann, bei Beginn der Tätigkeit niemals einen Teig, einen offenen Fernseher oder ein kaputtes Klo gesehen haben muss, sich aber darauf beruft, eigene, geradezu unfehlbare Methoden zu haben, die denen der professionell tätigen mindestens ebenbürtig sind? Bei denen sich die Kundschaft ohne nähere Nachfragen mit einem nahezu grenzenlosen Vertrauen auf großartige Versprechungen einfangen lässt? Was da passieren würde, darauf gab es vor wenigen Jahren einen Vorgeschmack, als der Gedanke aufkam, die Qualifikationsvoraussetzungen für bestimmte Handwerksberufe abzusenken – sprich die Meisterprüfung abzuschaffen. Empörung ging durch die Reihen.

Aber im Gesundheitswesen soll es das geben? Ach nein -gibt es ja bereits, mit dem Stand der Heilpraktiker, mit der Adelung der Homöopathie als Teil des Gesundheitswesens… Noch eine Etage tiefer mit der praktisch unbeschränkten Szene der „Lebenshelfer“, Gurus, Fernheiler und sonstigen Rumprobierer am Menschen? Da schreit doch schon einfachste Logik laut : Irrational!

Der Mensch ist schwach

Ja, ich kann es nachvollziehen, aber wirklich verstehen oder gar gutheißen kann ich es nicht, die Einstellung zur Irrationalität, gerade wenn es um einen selbst, das körperliche und das geistig-seelische Wohlbefinden geht. Instinktiv wird das „mechanistische“ Bild von Medizin und Therapie abgelehnt, als mehr oder weniger unangemessen für eine so komplexe Entität wie den Menschen. Und das, obwohl in der Fachwelt das klassische Bild der mechanistischen Medizin längst als ausgedient gilt und die „soziale Medizin“ Forschungsgegenstand weltweit ist (worauf die Sozialversicherungssysteme allerdings erst einmal reagieren müssten).

Die alte Vorstellung von Leib-Seele-Dualismus, die in den meisten Menschen auch heute noch mehr oder weniger herrscht, spielt dabei eine große Rolle. Diese stets mitschwingende Vorstellung ist wohl in der Hauptsache verantwortlich dafür, dass die Ratio plötzlich in Bezug auf sich selbst nicht mehr funktioniert und -gefühlsmäßig scheinbar angemessen, aber irrational- auf Menschen und deren Methoden gesetzt wird, die uns glauben machen wollen, sie verstünden etwas von den „Dingen zwischen Himmel und Erde“, von dem, was über die rationale Betrachtung unserer menschlichen Möglichkeiten hinausgeht, auch und gerade beim Menschen selber. Tun sie aber nicht.

Was dem Menschen nachweislich hilft, wird von der Medizin und den sie umgebenden Humanwissenschaften auch aufgenommen und entwickelt, damit es in den Kanon der Wissenschaftlichkeit eingeht. Den „Wissenden“ über die Dinge zwischen Himmel und Erde bleiben zwangsläufig im günstigsten Falle unwirksame und im ungünstigsten Falle schädigende „Methoden“. Wir schließen uns Spekulanten an, wenn wir dem folgen. Spekulanten auf Kosten unseres leiblichen und seelischen Wohlergehens – und auf Kosten unseres Bankkontos.

Jeder sollte einmal darüber nachdenken, mit wie viel Vertrauen in die Fähigkeiten und die Integrität anderer wir jeden Tag durchs Leben gehen. Und sich dann Rechenschaft darüber ablegen, ob es vor sich selbst verantwortbar ist, diese Form der Rationalität genau dann, wenn es um uns selbst oder um Menschen in unserer Umgebung, für die wir in der einen oder anderen Form Verantwortung tragen, auszublenden.

Rationalität ist Verantwortung – Irrationalität kann Verantwortungslosigkeit sein

Niemand kann alles wissen und können. In jeder Sparte gibt es schwarze Schafe. Natürlich kann ich mich als Patient bei einem Arzt auch unverstanden und unwohl fühlen. Selbstverständlich ist es nicht schön, auch nur eine Zeitlang von der vielgeschmähten Apparatemedizin abhängig zu sein. Nur – wo ist die rationale, die sinnvoll begründbare Alternative? Wir sollten unsere materiellen und ideellen Ressourcen, unsere Fähigkeit, uns in der heutigen Welt zu orientieren, nicht dem Fetisch der Irrationalität opfern. Das dürfte, wenn sich diese Haltung ausbreitet, unsere Zukunft konkret gefährden.

Dieser Appell, der sich bis hierher an den Einzelnen richtete, gilt aber ebenso und vielleicht in noch höherem Maße für unsere politischen Entscheidungsträger. Ich kann diesen den Vorwurf nicht ersparen, durch Indifferenz (wir erleben es gerade wieder in der Heilpraktikerdiskussion), aber auch durch aktive Förderung (Homöopathie und anthroposophische Medizin im Gesundheitswesen!) die von mir hier kritisierte Irrationalität geradezu zu befördern.

Ich unterliege nicht der Illusion -und bin insofern rational- zu glauben, politische Entscheidungen und Diskurse würde im Sinne der aufklärerischen Ideale immer zu einem rationalen und nicht emotional bestimmten Ergebnis führen. Dies hieße, auch die Person des politischen Entscheiders zu überfordern. Aber von einer vernunftgesteuerten Politik kann erwartet werden, dass sie mit ihren Entscheidungen nicht einen kompletten Bruch mit der Rationalität in klar entscheidbaren Sachfragen -nicht etwa bei Richtungs- oder Prognoseentscheidungen, das ist etwas anderes- riskiert oder gar herbeiführt. In Bezug auf das Gesundheitswesen ist es aber leider so – was es schwermacht, den Einzelnen dazu aufzurufen, seine persönliche Neigung zur Irrationalität hintanzustellen. Ich sehe hier ein schweres Versagen der Politik, das zu korrigieren sie sich bald aufraffen sollte.

 

Subjektivismus ist ein dünnes Eis für die Entscheidungen eines demokratischen Gemeinwesens. Noch mehr ein Subjektivismus, der von Fakten weitgehend unberührt bleibt. Kants Kategorischer Imperativ, der unausgesprochen der Leitstern aller demokratischen Systeme ist,  beruht auf der Voraussetzung von Rationalität, ja, ist geradezu eine Gebrauchsanweisung, um zu weitgehend rationalen Entscheidungen zu kommen. Das Staatsziel von Kant und der Aufklärer, das „Wohlergehens möglichst vieler“ erfordert einen auf Ratio gestützten Abwägungs- und Entscheidungsprozess. Nicht Subjektivität.

Leute, strengt euch an. Einfache Lösungen und Wege habe ich nicht anzubieten. Aber fallt nicht auf jeden Sirenengesang herein, der euch auf eurem Lebensweg erreicht. Lasst euch lieber -wie Odysseus- am Mast festbinden, bis die Versuchung vorbei ist. Das gilt auch für die Entscheidungsträger der Politik.

 

odysseus-001Bildnachweis:

1: Eigenes Bild
2: gemeinfrei

Homöopathie und Impfen

ww
Wirklich nichts Homöopathisches? Das würde den Pieks nicht lohnen…

Äh… echt jetzt?

Aber ja! Wusstet ihr noch nicht, dass die Homöopathen das Impfen erfunden haben und dass das Impfen sogar die Homöopathie beweist?

Nein? Dann impformier ich euch mal:

Similia similibus curentur. Ähnliches heilt ähnliches. Der Grundstein der homöopathischen Lehre. 

Ja seht ihr, ihr ignoranten Allopathen, da haben wir es doch! Ihr impft doch genau mit dem, was die Krankheit erzeugt, vor der ihr schützen wollt! Sagt ihr doch selbst! Also bitte – oder vielmehr danke, denn damit bestätigt ihr Hahnemann ja wohl komplett. Mit dem nach eurer eigenen Aussage erfolgreichsten Methode der „modernen Medizin“. Wir impfen ja auch, homöopathisch! Na, und jetzt?

Gemach, lieber Homöopath.

Es gibt keine homöopathische Prophylaxe und es kann keine geben.

Ich hätte da gleich zu Anfang einen klitzekleinen Einwand, der eigentlich schon reichen dürfte, eure schöne zuckersüße Wunschwelt zum Einsturz zu bringen. Nämlich:
Der Impfende „heilt“ nicht. Er betreibt medizinische Prophylaxe, womit ihr Homöopathen nix, aber auch gar nix zu tun habt.

Laut Hahnemann ist die Homöopathie eine Heilkunst auf der Grundlage einer Arzneimittellehre. Einen näheren Begriff von Krankheit, von deren Entstehung und Verlauf, hatte Hahnemann nicht. Im Gegenteil, er war klar der Auffassung, dass von der „Krankheit“, der „verstimmten Lebenskraft“, nur die Summe der außen sichtbaren Symptome „zu wissen sei“, mehr nicht. Um möglichst viel über die „verstimmte Lebenskraft“ zu erfahren, hielt er seine Jünger an, den Kranken (!) bis ins letzte Detail zu seiner Befindlichkeit zu befragen, damit nur ja das Mittel gefunden werden könne, das der verstimmten Lebenskraft exakt entgegenwirken möge. Akutbehandlung sozusagen (§ 17 und 18 Organon).

Wo bitte soll in diesem Modell ein Platz für eine Prophylaxe, eine medizinische Vorbeugung vor Erkrankungen sein? Wo der Meister doch postulierte, dass die Krankheit „an sich“ nichts anderes sei als die „verstimmte geistige Lebenskraft“, von der nicht mehr als das Symptombild am Kranken erkennbar sei? Wenn ich etwas geraderücken will, muss es erst mal schief sein. Sollte klar sein. Also, merken: In der Homöopathie gibt es keinerlei Raum für eine vorbeugende Behandlung. Ähnlich wie bei anderen zeitgenössischen „Therapien“, wie dem Mesmerismus. All diese Dinge machen sich am Akutzustand des Erkrankten fest, Ätiologie -die Lehre von Entstehung und Verlauf von Krankheiten- spielt weder bei der Homöopathie noch beim Mesmerismus eine Rolle.

Bei dem Wort Immunisierung wäre Hahnemann vermutlich eh schon dem Schlagfluss erlegen. Denn die Krankheit als solche kennt man nicht, und gegen Symptome immunisiert man nicht. Nebenher: Falls jemand sauer ist, dass man die seriöse Hahnemannsche Methode mit dem magnetischen Mesmerismus, diesem okkulten Blödsinn, vergleicht: Hahnemann fand das echt gut. Eng verwandt mit seinen Vorstellungen. So eng, dass er selbst homöopathische Prüfungen mit Magneten betrieb, eine Unmenge von „Symptomen“ fand und die auch noch unterschiedlich nach Nord- und Südpol. Lang und breit zu finden im Organon des Meisters, §§ 286 ff.  Bis so weit hinten scheint kaum jemand zu lesen…

Zudem bleibt bei der Annahme, die Impfung sei der Homöopathie ähnlich und auch die Homöopathie könne impfen, das Prinzip der Individualität bei Hahnemann unbeachtet. Er verwarf jede Ätiologie, jede systematische Lehre von Ursachen und Verlauf von Krankheiten, zugunsten der höchst individuellen „Verstimmung der geistigen Lebenskraft“ im einzelnen Patienten. Wo sollte da geimpft oder vorgebeugt werden? in § 54 des Organon kritisiert er die Allopathen scharf und ausdrücklich dafür, dass „man die Krankheiten für Zustände ausgab, die immer auf ziemlich gleiche Art wieder erschienen.“ Na, wenn es keine „auf ziemlich gleiche Art“ wiederkehrenden Krankheiten gibt, dann kann man ja jede vorbeugende Impfung eh vergessen…

Ein paar winzige Details noch, und wir sind schon fertig…

Kommen wir noch mal auf das similibus hocuspocus zurück. Wer so argumentiert wie unser stolzer Homöopath zu Anfang, der hat den Impfmechanismus entweder gar nicht oder aber grundsätzlich missverstanden.

Die Impfdosis, das Mittel, das verabreicht wird, wirkt selbst nicht schützend. Es löst vielmehr eine Immunreaktion im Körper aus, veranlasst diesen, Antikörper gegen die ins Auge gefasste Erkrankung – und gegen die Impfdosis! zu bilden. ANTIkörper. Die „wirken“ dann „gegen“ die später vielleicht in den Körper gelangenden Krankheitserreger. Nun, was sagte Hahnemann doch gleich über die bösen Allopathen, die mit „Anti“-Mitteln die Menschen vergifteten?

Es überzeugt uns aber jede reine Erfahrung und jeder genaue Versuch, daß von entgegengesetzten Symptomen der Arznei (in der antipathischen, enantiopathischen oder palliativen Methode) anhaltende Krankheitssymptome so wenig aufgehoben und vernichtet werden, daß sie vielmehr, nach kurzdauernder, scheinbarer Linderung, dann nur in desto verstärkterem Grade wieder hervorbrechen und sich offenbar verschlimmern (siehe § 58 – 62 und 69).“ (§ 23 Organon).

Der richtig betrachtete Impfmechanismus ist deshalb kein Zeuge und auch kein Bundesgenosse für die Homöopathie, sondern einer der zahlreichen Kronzeugen gegen sie.

Ein wenig historischer Exkurs muss noch sein.

Gelegentlich weisen die Hahnemann-Jünger auch auf dessen Erwähnung der Jennerschen Pockenimpfung im Organon hin. Dies lässt jedoch keine anderen Schlüsse zu als die oben ausgeführten. Wir wollen eine Antwort aber auch hier nicht schuldig bleiben.

Hahnemann waren die frühen Versuche, mit Kuhpocken zu impfen, durchaus bekannt. Er erwähnt Jenner und seine Erfolge durchaus, erkennt aber -tragischerweise- nicht den darin steckenden Ansatz einer sinnvollen Ätiologie und verfolgt Jenners Gedanken nicht weiter, ja, geht erstaunlicherweise ohne Umschweife über ihn hinweg – zugunsten einer fragwürdigen Begründung seiner Ähnlichkeitsregel mit „Heilung durch Krankheit“. Er entwickelt nicht etwa den Gedanken einer Immunisierung weiter, sondern ihm geht es um etwas ganz anderes. Dies zeigt die Erwähnung einer Reihe anderer Erkrankungen neben den Pocken ausschließlich im Zusammenhang, mit  der vorgeblichen Heilung oder Linderung von Symptomen, die der ausgebrochenen Krankheit ähnlich sind, aber schon vorher da waren. Hahnemann führt in § 46 des Organon, der auch die Erwähnung Jenners enthält, eine Reihe von Beispielen auf, etwa die „homöopathische Heilung“ von alten Hautaffektionen, Blindheit, ruhrähnlicher Zustände und sogar Hodenquetschungen durch die Pocken, Wechselfieber, Keuchhusten und fleckenartige Hautausschläge durch Masern (ihm waren bei den Masern „ätiologisch“ nur die Hautausschläge, die er als Hauptsymptom ansah, wichtig).

Nein, Hahnemann kann bei alledem ganz sicher nicht als einer der Väter der modernen Immunologie, auf der die Schutzimpfungen beruhen, gesehen werden. Im Gegenteil – er hat Jenners Ergebnisse nicht aufgenommen und nicht weitergedacht. Er begann statt dessen mit den „Blindversuchen“ bei der Arzneimittelprüfung am Menschen, wahllos alle möglichen und unmöglichen Stoffe durchzuprobieren (was seine Jünger heute noch tun) – was zeigt, dass er den Jennerschen Gedanken, dass die Auslöser einer (Infektions-)Krankheit im Kranken, bei der Krankheit, zu suchen seien, überhaupt nicht in Betracht zog.

Gleichwohl betrachtete er, wenn man ihn fragte, die Vaccination mit Kuhpockenlymphe als „Homöopathie“ – hatte also offensichtlich seine eigenen Maßstäbe nicht recht durchdacht. An begeisterten bis unkritischen Jüngern hat es Hahnemann nie gefehlt, und so kam es dazu, dass auch August Bier, der rührige Homöopath, der an der Universität Berlin einen homöopathischen Lehrstuhl durchgesetzt hatte (der später wegen fehlender positiver Ergebnisse wieder geschlossen wurde), dies ebenfalls für Homöopathie hielt und propagierte. Schon 1930 ließ sich die Münchner Medizinische Wochenschrift darüber folgendermaßen vernehmen:

Würde Bier einen Pockenkranken vaccinieren – entsprechend dem Similia similibus- wäre das Ergebnis vielleicht katastrophal. Es ist also für den Similebegriff entstellend, die Allergielehre (gemeint ist die Immunologie, die damals noch in dem Begriff Allergielehre aufging, UE) auf dem oben geschilderten Umweg der Homöopathie zunutze machen zu wollen, so als wäre Prophylaxe gleichbedeutend mit Therapie. Gemäß dem Similia similibus curantur soll doch ein Leiden oder ein Krankheitszustand – nicht ein Gesunder behandelt werden. Offensichtlich wollen die Homöopathen durch Inanspruchnahme serologischer Phänomene nur die Wirksamkeit kleiner und kleinster Dosen beweisen. Die Gedankengänge sind hier von ihnen weit gespannt worden.“

Mist. Wieder nix.

Immunsystem = Hahnemanns „geistartige Lebenskraft“?

Und kommt mir jetzt bloß nicht noch mit der Gleichsetzung des Immunsystems mit Hahnemanns „geistiger Lebenskraft“. Dann seid ihr aber richtig draußen. Zunächst einmal ist das Immunsystem nichts „Geistartiges“, sondern ganz handfest materiell und interagiert -auch bei der Impfung- auf materieller Basis. Das Immunsystem ist eine sehr komplexe Teilfunktion des Körpers, die aber keineswegs die Eigenschaften hat, die Hahnemann in seiner Vorstellung dem „Princip der geistigen Lebenskraft“ zuschrieb:

Der materielle Organism, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Thätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig; nur das immaterielle, den materiellen Organism im gesunden und kranken Zustande belebende Wesen (das Lebensprincip, die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen.“ (§ 10 Organon)

Macht doch euren Hahnemann nicht kaputt, sag ich doch immer.

Noch einen obendrauf…

Hahnemann wollen wir mal gar nicht in die Verantwortung nehmen für diese Irrwege des „homöpathischen Impfens“. Wie beispielsweise auch bei der Homöopathie für Tiere, ist das eine Entwicklung von Exegeten, die offenbar die Homöopathie zum „Stein der Weisen“ -dem alles heilenden und verbessernden Mittel- hochstilisieren wollten.

Die homöopathische Impfung ist  von einem Doktor Lux schon in den 1820er Jahren „erfunden“ worden. Er kombinierte die Immunisierung nach Jenner mit dem homöopathischen Prinzip. Unbekümmert um die Unmöglichkeit einer homöopathischen Prophylaxe stellte er nach homöopathischen Grundsätzen -also durch Potenzierung- Mittel aus Blut und Ausscheidungsprodukten kranker Tiere her, die er dann verabreichte. Kurz darauf prägte der amerikanische Arzt Hering für diese besondere Form der „homöopathischen Zubereitung“ den Begriff „Nosoden“ (nach dem griechischen Wort für Krankheit). Es gibt heute serologische wie pathologische Nosoden (aus Sekreten oder aus Organen gewonnene), dazu auch die Sonderform der Eigenblutnosode.  „Nosodenimpfung“ erfolgt meist in der Form von C200-Globuli nach „Impfplänen“. Es wird sogar die Nosodenimpfung gegen Tropenkrankheiten empfohlen, ebenso die parallele Anwendung zu Pflichtimpfungen, auf diese soll mit der „Nosodenimpfung“ „vorbereitet“ werden.

Es sei als Groteske am Rande erwähnt, dass die Hersteller die Ungefährlichkeit ihrer Nosodenpräparate betonen, indem sie darauf hinweisen, dass „dank der homöopathischen Aufbereitung bereits in Tiefpotenz von C6 das Vorkommen eines einzigen Erregers in der Nosode unwahrscheinlich ist, so dass der Erreger sich unter keinem denkbaren Umstand mehr reproduzieren könnte“ (Paracelsus-Magazin, 03/2009). Zudem sei durch die Sterilisierung (sic!) bei der Herstellung die Erkrankungsgefahr ausgeschlossen. Womit klar ist: Auch hier geht es nicht um eine physiologische, sondern wieder einmal um die „geistartige“ Wirkung. Keine Angst, wir garantieren für die völlige Wirkungslosigkeit!

So richtig verstanden scheint das Impfprinzip in Homöopathiekreisen auch gar nicht zu sein. So schreibt das Paracelsus-Magazin (aaO): „Eine homöopathische Nosoden Prophylaxe verhindert nicht ein Ausbrechen der Krankheit wie es beispielsweise die schulmedizinischen Impfungen versprechen, vielmehr wird der Organismus auf die entsprechende Erkrankung eingestimmt, sodass er bei einer Infektion zielgerichtet reagieren kann.“ Ach. Ich hatte das eher umgekehrt im Kopf… man lernt nie aus.

Kurz: Die Kombination einer von vornherein unwirksamen Methode (Homöopathie) mit einer falsch angewandten, unwirksam gemachten Methode (Immunologie, Serologie). Nicht nur „Nix drin, nix dran“, sondern sogar „Alles muss raus“.

 

Das war’s dann wohl.

Seht ihr? Ist nichts mit der Erfindung der Impfung durch die Homöopathie und auch nicht mit der Impfung als Beweis für deren Richtigkeit. Genauso könntet ihr behaupten, von 1949 bis 1960 wären in der ehemaligen DDR keine Impfungen notwendig gewesen, weil der Staatspräsident Wilhelm Pieck hieß…

Insgesamt ein krasses Beispiel dafür, wie durch nicht reflektierte Analogieschlüsse (immer gefährlich, da der Mensch zum Denken in Ähnlichkeiten neigt) in Verbindung mit unkritischem Wunschdenken Aussagen entstehen, die dem unvoreingenommenen Leser oder Zuhörer zunächst recht plausibel erscheinen. Aber Descartes‘ berühmter Ausspruch heißt ja auch „Ich denke, also bin ich“ und nicht „Mir fällt was ein, ich hab recht!“

 

 

Bildnachweis:
1: dreamstime_xs_29221607

Nachtrag zu: Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass (27.9.2016)

(K)Ein bisschen reformieren…

Das Portal DocCheck berichtet heute unter seinen News wie folgt:

[…] Die Bundesregierung ‚bedauert die Todesfälle‘, hält es aber für geboten, eine ’sachliche Diskussion zu führen‘, heißt es im Antwortschreiben. Dazu gehöre auch, dass ‚es in Deutschland viele Menschen gibt, die über eine Behandlung beim Heilpraktiker Gutes berichten und sich für diesen Beruf einsetzen.‘ Grundsätzlich beinhalte die Erteilung der Heilpraktikererlaubnis auch, dass sich Heilpraktiker der ‚Grenzen ihres Wissens und Könnens‘ bewusst seien. Weitere Überprüfungen sowie die Überwachung seien Aufgabe der Länder. Ganz so leicht wird Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) aber nicht davonkommen.

Ein bisschen reformieren

Bereits im Juni hatte die Gesundheitsministerkonferenz der Länder den schwarzen Peter zurück nach Berlin gespielt. Vertreter waren sich darin einig, dass die Bundesregierung selbst bestehende Regelungen überarbeiten müsste. Jetzt heißt es dazu: ‚Die Bundesregierung hält den Vorschlag der Gesundheitsministerkonferenz für grundsätzlich geeignet, um den  Patientenschutz im Bereich der Zulassung von Heilpraktikeranwärterinnen und -anwärtern zu verbessern, und prüft derzeit die Möglichkeit einer Umsetzung.‘ Man habe ‚Verständnis für Stimmen, die eine grundlegende Reform des Heilpraktikerrechts einschließlich seiner Anpassung an die Qualitätsstandards anderer heilberuflicher Regelungen fordern‘. Mit Verweis auf ‚laufende Prüfungen‘ werden im Papier jedoch keine weiteren Details genannt.

Gesundheitspolitiker nahezu aller Couleur halten höhere Hürden beim Zugang, aber auch Vereinheitlichungen bei der Ausbildung für denkbar. Wer die Heilpraktikerprüfung bereits absolviert hat, braucht nach jetzigem Diskussionsstand keine Einschränkungen zu fürchten. […]“

 

Was soll denn eigentlich noch auf den Tisch, bis wirklich mal etwas geschieht? Die Linie ist klar: Man rührt wieder ein Gemisch aus  Schönrednerei, Zuständigkeitsfragen, geheuchteltem Reformwillen an, würzt das Ganze mit einer guten Portion Nichtverstehen und das wars dann mal wieder.

 

Mein Kommentar dort:

Ich habe es geahnt. Weiter wird das Lied der “zwei Medizinen” gesungen, als entscheidendes Kriterium angeführt, dass ja so viele Leute den Besuch beim Heilpraktiker so schätzen, mit dem Finger auf Probleme -ja auch Todesfälle- beim “Arzt” verwiesen und von “Reformen” geredet, wo es mangels bisheriger Regeln gar nichts zu reformieren gibt.

Otto Prokop, der Doyen der deutschen Gerichtsmedizin, schätzte schon in den 1980er Jahren die Zahl der Schäden, die außerhalb der wissenschaftlichen Medizin durch “modernen Okkultismus” insgesamt entstehen, auf mehrere hunderttausend.

Bundes- und Landesregierungen müssen die Segel streichen, wenn es um einen Überblick über die Zahl und die angewandten Methoden der Heilpraktikerszene geht. Offen muss eingeräumt werden, dass man sich hier einem “schwarzen Loch” gegenübersieht. Wo ist hier überhaupt eine Grundlage, um über “Reformen” diskutieren zu können?

Die Rechtsprechung stellt an Ärzte als “Ausübende der Heilkunde” die Anforderung, dem Patienten jederzeit die für ihn beste und nach neuestem Wissensstand wirksamste Therapie auszuwählen. Er kann sich nicht, so der Tenor des Bundesgerichtshofs, aus “Eigensinn oder Hochmut über gültige Regeln der medizinischen Wissenschaft hinwegsetzen, ohne vom Fortschritt der Wissenschaft Kenntnis zu nehmen”. Oft ist selbst ein wissenschaftlich ausgebildeter Arzt allein nicht in der Lage, diese Anforderung zu erfüllen. So kann logischerweise bereits eine unterlassene Überweisung an einen Facharzt als ärztlicher Fehler gewertet werden.

Aber ein Heilpraktiker soll das können. In seinem Universum. Ohne Kontrolle. Mit Verfahren, die er nach seinem eigenen Gusto aussucht und anwendet. Einschließlich der Applizierung von Medikamenten. Was beispielsweise einem ausgebildeten Rettungsassistenten, der täglich mit Ärzten zusammenarbeitet, verboten ist.

Dazu zitiere ich noch einmal Prokop:

“Wenn zum Beispiel darauf hingewiesen wird, es gebe für Ärzte einen höheren Voraussehbarkeitsgrad als für Heilpraktiker (wegen der umfassenderen wissenschaftlichen Ausbildung), also könne man letzteren nicht so schnell einen Schuldvorwurf machen wie etwa Ärzten, die den gleichen Fehler machen, so ergibt sich aus dieser Interpretation, dass es der Staat, der Personen zu solchen Praktiken ohne Auflagen zulässt, mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst nimmt”.

Dann lasst es doch ganz sein mit “Reformen”. Setzt weiter auf “Wohlfühlmedizin” und das, was “die Menschen” gerne wollen.

 

Manchmal glaubt man schon, das Leben ist nur ein übler Scherz eines psychopathischen Matrixprogrammierers.

dreamstime_xs_67549618

 

Bildnachweis:

1: dreamstime 67549618

„Erstaunlich an den Gegnern des Impfens ist vor allem, dass es sie gibt.“ (Ärztezeitung) Ein Zwischenruf.

kein-bild
Heute kein Bild. Thema zu wichtig.

Mal wieder Zeit für einen deutlichen Zwischenruf. Ein Dauerbrenner, aber gerade in den letzten Tagen haben sich gehäuft Diskussionen mit sogenannten Impfskeptikern (bei mir Impfgegner genannt) ergeben, die mir die Wichtigkeit des Themas noch einmal drastisch vor Augen geführt haben. Auch dieses Thema sehe ich in meinem Blog richtig platziert, auch die Impfgegnerschaft ist eine Art von Pseudomedizin. Vor allem, weil keine Rede davon sein kann, es handele sich um eine marginale Erscheinung. Von wegen. Ihre zahlenmäßige Beschränkung macht diese Truppe durch ihr lautstarkes Auftreten mehr als wett. Und geschätzte 15 Prozent + an Impfskeptikern in der Bevölkerung finde ich eh überhaupt nicht wenig.

Deshalb hier gerafft die Standardargumente der Impfgegnerszene und die passenden Antworten dazu:

Impfen hat noch nie eine Krankheit verhindert! Der Rückgang der Krankheiten liegt nur an mehr Hygiene und besserer Ernährung!

Liebe Impfgegner, sagt das mal der Mutter, deren Kind in Berlin an Masernfolgen verstorben ist. Habt ihr den Nerv, ihr vorzuwerfen, bei ihr sei es wohl nicht sauber genug und sie habe ihr Kind falsch ernährt? Und sie sei deshalb selbst schuld am Tod ihres Kindes? Wenn ja, ist euch nicht mehr zu helfen und ihr braucht auch nicht weiter zu lesen.

Ja, es gibt nicht-impfpräventable Krankheiten. Einige Erreger, Viren wie Bakterien, entziehen sich bislang einer Bekämpfung durch Impfungen. Das hat im Wesentlichen mit ihrer komplexen Struktur und bei Viren auch mit ihrer Wandlungsfähigkeit zu tun. Aber auch hier wird weiter geforscht. So ist der Kampf um einen Impfstoff gegen den HIV-Virus wohl jedem geläufig. Als mein Sohn geboren wurde, vor 30 Jahren, steckte die Impfung gegen Keuchhusten noch in den Kinderschuhen und war nicht empfohlen. Heute ist sie Standard. Man nennt das Fortschritt.

Ja, es gibt Infektionskrankheiten, deren Ausbreitung durch Hygienemängel begünstigt wird. Pest beispielsweise, wird bekanntlich durch Läuse übertragen, die durch Ratten einwandern. Cholera wird in der Regel durch verunreinigtes Trinkwasser verbreitet. Das sind  bakterielle Infektionen, die einen ganz anderen Mechanismus bei der Übertragung und Ansteckung zeigen als die viel, viel kleineren Viren. Bakterien brauchen ein Milieu, in dem sie sich vermehren können. Das geschieht außerhalb des menschlichen Körpers, aber nach einer Infektion eben auch innerhalb. Durch diese Vermehrung und die dabei freiwerdenden Stoffe wird man „krank“. Bakterien sind Lebewesen, die wir mit Antibiotika „vergiften“. Umgekehrt behandelt man keine Virusinfektionen mit Antibiotika. Viren vermehren sich nicht selbständig, z.B. durch Zellteilung, sondern „missbrauchen“ dafür die Körperzellen ihres Trägers.

Viren sind einfach da. Mehr oder weniger immer und überall. Sie sind keine Lebewesen, sie sind kleine Stücke „Information“, die unseren Körperzellen ihre Erbinformation sozusagen aufzwingen und sie damit verändern bzw. zerstören. Sie brauchen kein besonderes Milieu, keinen tierischen oder parasitären Zwischenträger. Sie brauchen nur einen ungeschützten Wirt, von dem sie sich in ununterbrochener Kette weiterverbreiten können. Sie brauchen weder eine Ratte noch eine Laus noch dreckiges Wasser. Der Wirt ist einfach der ungeimpfte Nachbar, der sich z.B. ein Virus in einer nicht durch Herdenschutz abgeschirmten Umgebung, beispielsweise auf einer Auslandsreise, einfängt. Und ihn in der heimatlichen Umgebung ausbreitet, sofern dort der Herdenschutz auch brüchig sein sollte. Das geschieht zwangsläufig. Man kann das doch mit ein wenig gesundem Menschenverstand bei den immer wieder vorkommenden Fällen der Einschleppung von Infektionen aus anderen Ländern oder des Ausbruchs in ungeschützten Milieus (siehe Berlin) ganz klar beobachten.

Dass die langfristigen Statistiken ganz eindeutig für eine Korrespondenz zwischen Impfungen und dem Rückgang impfpräventabler Krankheiten sprechen, ist eine solche Selbstverständlichkeit, dass man eine Leugnung dessen eigentlich nur mit Stillschweigen übergehen kann.

Nochmal ganz einfach: Bakterielle Infektionen kommen wie Heuschrecken über das Feld, sie sind Lebewesen, die ein für sie lebensfreundliches Milieu brauchen. Sie vermehren sich auch außerhalb des Wirtskörpers und können so eine schlagkräftige Angriffsarmee bilden. Wenn sie da sind, sind sie da. Müssen dann an Ort und Stelle bekämpft werden. Virusinfektionen kommen nur unter einer ganz bestimmten Voraussetzung, nämlich wenn sie Glieder einer ununterbrochenen Kette bilden können, denn eine Vermehrung ist ihnen außerhalb des Wirtskörpers nicht möglich. Da hilft die Unterbrechung der Kette: Die Impfung.

Impfen macht das Immunsystem kaputt.

Nö. Impfen nutzt das Immunsystem, und zwar genau in der Art und Weise, wie es genutzt werden will.

Was ist das Immunsystem überhaupt? Es ist sozusagen die moderne Medizin der Evolution. Es sitzt nirgendwo und überall, man kann es als solches nicht sehen, trotzdem ist es da. Es besteht aus Organen, aus bestimmten Typen von Körperzellen (zum Beispiel den weißen Blutkörperchen) und auch aus freien chemischen körpereigenen Verbindungen. Es verändert seinen Zustand aufgrund vielfacher Einflüsse. Seine Funktion ist vor allem, reaktionsfähig auf „Eindringlinge“ in den Körper zu sein. Vor allem aber: Es ist in hohem Maße lernfähig. Eine Infektion mit Viren oder  Bakterien veranlasst es zur Bildung von Antikörpern, die dann beim nächsten Mal entweder direkt schützen oder -da bereits bekannt- sofort produziert werden können.

Und nein, es ist KEIN Vorteil, wenn das Immunsystem gezwungen wird, auf ein volles Krankheitsbild zu reagieren. Es wird dadurch -wie der ganze Organismus- geschwächt. Wollt ihr, liebe Impfskeptiker, wirklich einem hoch fiebernden, an Organsymptomen leidenden, womöglich in Lebensgefahr schwebenden Patienten erzählen, der Vorteil sei aber, dass sein Immunsystem gestärkt werde? Ganz im Gegenteil. Mehrere durch Wiederholung verifizierte Studien haben gezeigt, dass z.B. eine Maserninfektion bis zu zehn Jahre lang die Funktion des Immunsystems beeinträchtigen kann, und zwar nicht nur bei Masern, sondern bei allen Arten von Krankheitserregern. So kann nach einer Maserninfektion eines ungeimpften Kindes beispielsweise eine Keuchhusteninfektion im nächsten Jahr sehr kritisch verlaufen, weil das Immunsystem noch auf dem Zahnfleisch geht.

Eine Impfung setzt einen Reiz, der gerade so stark ist, um eine Abwehrstrategie zu entwickeln und im „Gedächtnis“ des Immunsystems  Informationen über den viralen Erreger und die nötigen Bekämpfungsstrategien zu speichern. Das genügt. Eine volle Infektion mit dem gesamten Krankheitsbild beansprucht naturgemäß das Immunsystem weitaus mehr. Eine ganz einfache und logische Sache.

Noch schnell ein Zitat des international renommierten Immunologen Prof. Dr. Beda Stadler:
„Jeder von Ihnen, der eine Banane isst, löst mehr Immunreaktionen im Körper aus, als wenn er sich impfen lässt.“

Impfen ist DIE Melkkuh der bösen Pharmaindustrie.

Argumente mit dem Wort „Pharmaindustrie“ zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass die verschiedenen Varianten sich immer heftig widersprechen, was in der Szene keiner zu merken scheint. Aber das ist ein besonderes Thema. Hier nun speziell zum Impfen:

Weder für die Pharmaindustrie noch für die Ärzte sind Impfungen ein sonderlich lohnendes Geschäft. Die einzelne Impfdose der empfohlenen Standardimpfungen kostet wirklich nicht die Welt, und von dem, was der Arzt an einer Impfung verdient, käme bei einer Fast-Food-Kette nur ein sehr bescheidenes Mahl herum. Und dass für eine Leistung auch gutes Geld fällig ist, scheint nur in Bezug auf die Pharmaindustrie eine Besonderheit zu sein…

Was aber dieses Argument so lächerlich macht, ist der Umstand, dass die Pharmaindustrie an der Behandlung der Krankheiten, die durch die Impfungen massiv zurückgedrängt werden, ungleich mehr verdienen würde. Impfungen haben einen hohen, gut nachgewiesenen volkswirtschaftlichen Nutzen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis im Hinblick auf die Vermeidung von Behandlungskosten wird bis zu 1:90 angegeben, dabei sind ethische und soziale Gesichtspunkte noch nicht berücksichtigt.(Quelle: http://flexikon.doccheck.com/de/FlexiEssay:Klinische_Pharmakologie)
Ein einziger klinischer Fall von Masernkomplikation dürfte der Pharmaindustrie mehr einbringen als das Durchimpfen von fünfhundert Schulklassen. Also müsste die Pharmaindustrie doch daran interessiert sein, die Sache mit der Impfung zu verhindern statt zu fördern, oder nicht?

Ach ja, ich vergaß… Impfungen wirken ja eh nicht …

Ich vergifte mein Kind doch nicht mit Quecksilber!

Wenn man mal so den Kreuzzug der Impfgegner in Sachen Thiomersal, einem Zusatz zur Haltbarmachung von Impfstoffen, verfolgt, so hat man das Gefühl, dass es mit dem Chemieunterricht in unserem Land nicht weit her sein kann…

Immerhin ist schon mal hängengeblieben: Quecksilber ist giftig. Deshalb ist das heute auch nicht mehr im Fieberthermometer. Ist ja schon mal was. Und was noch wohlbekannt ist: Thiomersal. Das ist QUECKSILBER!!!

Thiomersal, C9 H9 Hg Na O2 S. Eine komplexe Verbindung, das Natriumsalz einer Quecksilber-Kohlenstoff-Verbindung. Die völlig andere chemische Eigenschaften hat als reines Quecksilber. Überwiegend übrigens in Kosmetika eingesetzt, die damit ohne Warnhinweis gehandelt werden dürfen (da als harmlos eingestuft) und die die besorgte Impfmama sich bedenkenlos ins Gesicht schmiert.

Abgesehen davon, dass eine chemische Verbindung völlig andere Eigenschaften aufweist als die darin enthaltenen Elemente (das ist das, was die Chemie so interessant macht): Was ist drin in Thiomersal?:
Neun Atome Kohlenstoff, neun Atome Wasserstoff, ein (!!) Atom Quecksilber, zwei Atome Sauerstoff, ein Atom Schwefel. So gesehen, hat das Quecksilber eh 21:1 verloren…
Schon mal drüber nachgedacht, dass Kochsalz -NaCl- nach den Gedankengängen der Impfgegner höchstgradig giftig sein müsste, denn es enthält das hochgiftige Metall Natrium und das giftige Reizgas Chlor, zu gleichen Teilen!

Und wozu die ganze Aufregung? In den in Deutschland verwendeten Standardimpfstoffen ist schon seit vielen Jahren kein Thiomersal mehr drin. Warum nicht? Ganz einfach, wird nicht mehr gebraucht. Wieso das? Na, heute sind die Impfdosen unter Luftabschluss in Einmalampullen verpackt, früher kamen sie Injektion für Injektion aus der Flasche, bis die leer war. Sollte wohl einleuchten, dass da mehr Zusätze erforderlich waren, um die Haltbarkeit sicherzustellen.

Ich erkläre die Quecksilbernummer damit für erledigt.

Kinderkrankheiten sind natürlich, sie bringen den Kindern einen Reifeschub.

Krankheiten, im Besonderen Kinderkrankheiten, zu natürlichen und deshalb gar wünschenswerten Vorgängen zu erklären, ist ein Ausfluss eines völlig falschen Begriffs von Natürlichkeit. Er beruht auf einer romantischen Verklärung des Naturbegriffs, auf der Wunschvorstellung vom Reinen, Unberührten, Guten und Schönen. Eigentlich sollte jedem klar sein, dass das ein Luftschloss ist. Fragt einfach mal einen Farmer aus den US-Südstaaten, wie natürlich er es findet, dass er jedes dritte Jahr sein Haus durch einen Tornado verliert. Oder die Menschen in Ostafrika, für wie natürlich sie eine dreijährige Dürre ohne einen Tropfen Regen halten. Oder einfach nur eine ganz normale Großstadtfamilie hier bei uns, wie sie zur Natur steht, wenn sie sich bei zunehmend schlechtem Wetter schlicht im Bayerischen Wald verlaufen hat.

Die Natur greift uns als Lebewesen von allen Seiten und auf vielen Ebenen an. Die Natur als solche hat kein Interesse an unserem individuellen Dasein. Unser Dasein, unsere Lebensexistenz hängt stets an einem dünnen Faden. Von sich aus tut uns die Natur nichts Gutes.

Sie greift uns auch mit Krankheiten an. Nicht, um uns damit „stärker zu machen“ oder „Kinder reifen zu lassen“. Bakterien greifen uns an, weil sie in unserem Körper gute Bedingungen für die eigene Vermehrung finden, leider auf Kosten unserer Gesundheit.  Bei Viren ist das auch nicht groß anders, nur dass Viren keine Lebewesen, sondern Erbgutbruchstücke sind, die sich nur vermehren können, wenn sie dafür eine Wirtszelle als „Medium“ benutzen – was zwangsläufig auch nicht gesund für den Wirt ist. Beide fahren damit „nur“ ihr Überlebensprogramm- und scheren sich dabei nicht um die Folgen für den Wirt bzw. den Überträger. DAS ist natürlich.

Hört mit dieser verrückten pseudoromantischen Verklärung des „Natürlichen“ auf. Seid froh über die Errungenschaft der Impfung, die die Kindersterblichkeit innerhalb von hundert Jahren um unfassbare Größenordnungen gesenkt hat.

Dass Aluminium total schädlich ist, weiß doch jeder – schon aus der Deo-Werbung!

Tja. Das ist wieder ein anderes Kapital als die Quecksilber-Sache, die sich irgendwie als Selbstläufer verbreitet hat. Hier haben wir nämlich einen Fall, wo durch einen selbsternannten Experten aus purem Eigennutz eine unhaltbare Propaganda aufgezogen worden ist, die schändlicherweise bei vielen Menschen die Unsicherheit in Sachen Impfen erheblich verstärkt hat. Übelste Panik- und auch Geschäftemacherei. Die Naivität und Uninformiertheit eines an sich renommierten Fernsehsenders hat damals dieser Geschichte leider auch noch breite Öffentlichkeit verschafft. Die Geschichte breite ich hier nicht groß aus, es gibt im Internet hierzu viele Materialien. Einen Einstieg findet man zum Beispiel beim verdienstvollen Psiram-Portal, unter
https://blog.psiram.com/2013/08/angst-essen-verstand-auf-oder-die-akte-aluminium-von-bert-ehgartner/.

In der Tat gibt es Impfstoffe, in denen Aluminiumverbindungen enthalten sind. Der Grund ist, dass manche Impfungen ohne Aluminiumsalze nicht wirksam wären, sie werden als eine Art Katalysator zur Wirkungsfreisetzung im menschlichen Körper gebraucht.. Das Europäische Arzneihandbuch schreibt einen Grenzwert von 1,25 Milligramm Aluminium pro Impfdosis fest. Die in Deutschland zugelassenen Impfstoffe unterschreiten diesen Grenzwert gewaltig, um bis zu 90 Prozent: Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) beziffert deren Aluminiumanteil auf zwischen 0,125 und 0,82 Milligramm je Impfdosis.. In der MMR-Standardimpfung ist gar kein Aluminium enthalten.

Wie aber steht es, mal von alledem abgesehen, von der Gesundheitsschädlichkeit dieser Aluminiumanteile insgesamt?

Die Aluminiumwarner behaupten -neben allerlei widerlegtem bzw. völlig unbelegtem Blödsinn, siehie den Psiram-Artikel- in letzter Zeit vor allem, dass die „belasteten“ Impfdosen makrophagische Muskelentzündung (MMF) auslösen können. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass Aluminiumhydroxid maßgeblicher Auslöser für MMF , eine sehr seltene, erstmals 1998 aufgetretene Krankheit übrigens, ist. Das Paul-Ehrlich-Institut ist auch die Überwachungsstelle für gemeldete Impfschäden. Als solches betont es,  dass sich „auch aus der regelmäßigen Auswertung der Verdachtsfälle von Impfkomplikationen […] kein Risikosignal für MMF und systemische Reaktionen nach aluminiumhaltigen Impfstoffen […] ergibt.“ Es ist schon so, dass in der Nähe von Einstichstellen auch „eingekapselte“ mikroskopische Aluminiumhydroxidkristalle gefunden werden können. Da lag es zwar nahe, auch einen Zusammenhang mit lokal auftretender MMF zu vermuten. Nur – diese Vermutung blieb unbestätigt. Dies hat bereits 2003 die zuständige Kommission der Weltgesundheitsorganisation festgestellt und 2008 aufgrund weiterer Untersuchungen ausdrücklich nochmals unterstrichen. Vielleicht sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass Aluminiumhydroxid seit über 80 Jahren als Impfstoff-Adjuvans verwendet wird, früher in weitaus höheren Dosen als heute…

In sehr seltenen Fällen gibt es eine Kontaktallergie auf Aluminium, die sich aber nur in einer kurzfristigen Rötung der Kontaktstelle bemerkbar macht und damit um ein Vielfaches geringer ist als z.B. die durch Brennnesseln ausgelöste Kontaktreaktion. Wer Genaueres wissen möchte, findet dies hier:
http://www.pei.de/DE/infos/fachkreise/impfungen-impfstoffe/faq-antworten-impfkritische-fragen/impfung-aluminium/impfung-aluminium-node.html

Trotz alledem wird weiter auf der angeblichen krankheitsauslösenden Wirkung von Impfdosen mit Aluminiumhydroxid herumgeritten. Das ist fast vergleichbar mit der alten Geschichte, wonach Impfungen Autismus auslösen würden. Wer diese Sache nicht oder nicht mehr im Hinterkopf hat: Der Verantwortliche, eine gewisser Dr. Andrew Wakefield, musste nach scharfer Kritik seine Studie zurückziehen und sogar einräumen, Ergebnisse manipuliert zu haben. Außerdem kam raus, dass er von Anwälten, die Prozesse gegen Impfmittelhersteller wegen des angeblichen Autismus-Risikos führten, auch noch recht großzügig geschmiert worden war. Ihm wurde Berufsverbot erteilt, was ihn nicht daran hindert, bis heute -vor allem in den USA- mit seinen auf übelste Art und Weise zustande gekommenen Thesen hausieren zu gehen.Er dürfte so manche vermeidbare impfpräventable Krankheit, vor allem in Großbritannien, auf dem Gewissen haben.

Nebenbei ist Aluminium das in der Erdkruste mit Abstand am häufigsten vorkommende Metall. Wir werden alle sterben!

Das Risiko von Impfschäden ist viel zu groß, mein Kind soll lieber natürlich krank werden!

Die Sache mit der Natürlichkeit haben wir oben ja schon erledigt. Deshalb hier noch der Teil mit den Impfschäden.

Wie schon erwähnt, sind Impfschäden und der Verdacht darauf meldepflichtig. Das Paul-Ehrlich-Institut führt die Daten zusammen, beurteilt im Einzelfall, ob tatsächlich ein Impfschaden vorliegt und behält den Gesamtüberblick, um die eigentlichen, über die Meldung von Einzelfällen hinausgehenden Alarmzeichen erkennen zu können: Die Häufung von gleichen Symptomatiken in gleichen Alterskohorten. Immerhin garantiert der Staat, auch wenn er derzeit keine Impfpflicht verhängt hat, den Ersatz für Schäden, falls solche die im Rahmen der empfohlenen Schutzimpfungen auftreten sollten. Irgendwelche Warnrufe oder sonstige spektakuläre Äußerungen des PEI hat man sehr lange Zeit nicht vernommen.

Es gibt aber noch andere „Überwacher“, nämlich das eine oder andere Portal im Internet, das sich tatsächlich oder angeblich mit der „Dokumentation von Impfschäden“ und womöglich mit der „Interessenvertretung von Geschädigten“ befassen. Auf diesen Seiten findet man manche Erlebnisberichte, die durchaus auch traurige Schicksale beschreiben. Was man aber durchweg nicht findet: Fälle, bei denen die Kausalität, also der ursächliche Zusammenhang zwischen Krankheit bzw. Behinderung und Impfung belegt ist. Wie auch. Die kann man nur beim PEI finden. Was man aber noch findet – fanatische Impfgegnerschaft. Leider.

Kurz und knapp: Das Risiko eines Impfschadens ist um mehrere Zehnerpotenzen kleiner als das Risiko, eine ernsthafte Komplikation einer impfpräventablen Krankheit zu erleiden.

Herdenschutz ist Quatsch, gibt es gar nicht!

Das hört man von vielen Impfgegnern. Ein Einwand, den ich eigentlich nie habe nachvollziehen können (und ich bin schon einiges gewohnt).

Es scheint so zu sein, dass das Konzept des Herdenschutzes wohl wirklich weitgehend intellektuell nicht verstanden wird. Wenn ich höre und lese, wie sich manche Leute mit ihrer eigenen Gesundheit und der ihrer Kinder brüsten und gleichzeitig den Begriff des Herdenschutzes lächerlich machen, vergeht mir jede gute Laune. Sie profitieren vom Herdenschutz und leugnen ihn gleichzeitig.

Deshalb hier noch einmal eine ganz einfache Erklärung. Wie oben schon ausgeführt, besteht die einzig erfolgversprechende Taktik der Abwehr von epidemiologischen Viruserkrankungen darin, zu verhindern, dass eine ununterbrochene Kette potenziell ansteckungsfähiger Menschen entsteht. Dies erreicht man durch ein Netz der Immunisierung durch Impfung. Dies wiederum setzt aber voraus, dass ein hoher Prozentsatz der Population (den man berechnen kann) wirklich immunisiert sein muss. Wird das Netz an zu vielen Stellen löchrig, entstehen Brücken, über die hinweg das Virus wieder eine Kette bilden und sich damit epidemisch, also durch fortlaufende Ansteckung, verbreiten kann. Dann ist Schluss mit Herdenschutz. Dann trifft es die nicht Immunisierten. Und dazu gehören nun nicht einmal nur die Impfgegner, sondern auch Menschen, die aus verschiedensten Gründen nicht immunisiert werden können. Und für deren Ansteckung trägt derjenige die Verantwortung, der mit seinem gleichgültigen Verhalten dazu beigetragen hat, das Netz der Immunisierung zu durchlöchern.

Auch Impfgegner geraten in eine veritable Panik, wenn zum Beispiel ein Ebolafall bekannt wird, der nach Deutschland eingeschleppt wurde. Alle sind froh, wenn der Betroffene und seine Kontaktpersonen so schnell wie möglich in die Seuchenquarantäne gesteckt werden. Warum eigentlich? Ganz einfach. Weil es für diese Virusinfektion keine Durchimpfung hier bei uns gibt. Und damit auch keinen Herdenschutz. Was ja eigentlich einen gestandenen Impfgegner nicht groß beunruhigen dürfte…

Bitte mal intensiv drüber nachdenken.

Und der derzeitige Hit:
Mein Kind gehört mir! Ich treffe meine selbstverantwortliche Impfentscheidung!

Das Kind „gehört“ mir keineswegs, ich trage nur Verantwortung für es. Nur… Nie steht man der Verantwortungslosigkeit näher als in dem Moment, wo man glaubt, eine verantwortliche Entscheidung zu treffen.

Bei einer so gut erforschten und unglaublich erfolgreichen  Maßnahme wie dem Impfen -jedenfalls bei den offiziell empfohlenen Schutzimpfungen- tritt der Aspekt der individuellen Abwägung von Chancen und Risiken doch eindeutig in den Hintergrund. Sobald ich die Berechtigung einer solchen Chancen-Risiken-Abwägung für durchweg nicht- bis desinformierte medizinische  Laien bejahe, überschreite ich die Grenze zur Irrationalität. Ich glaube nicht, dass z.B. ein Facharzt oder ein Immunologe von einer individuellen Chancen-Risiken-Abwägung sprechen würde, wenn er seine Kinder zum Impfen bringt.

Die offiziellen Impfempfehlungen beruhen auf vielfach gesicherten epidemiologischen Daten, die die Chancen-Risiko-Abwägungen sozusagen eingebaut enthalten. Wer glaubt, ungeachtet dieser vielfach abgesicherten Empfehlungen als Laie  eine „individuelle Impfentscheidung“ treffen zu können, der handelt -höflich ausgedrückt- schlicht irrational und damit verantwortungslos. Es kann allenfalls die Aufgabe eines kundigen Arztes sein, im Einzelfall zu prüfen, ob möglicherweise eine Kontraindikation vorliegt. Das wird der Impfarzt auch tun, gern auch ein anderer Arzt des Vertrauens. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden.

Ich glaube übrigens persönlich gar nicht, dass es individuelle Impfentscheidungen vor einem solchen scheinrationalen Hintergrund überhaupt in nennenswertem Umfang gibt. Abgewogen wird doch nicht, allenfalls abgeurteilt:  Kinderkrankheiten gibt es entweder gar nicht, nicht mehr, sind harmlos oder gar nützlich; Impfungen sind wahlweise Goldesel für die Pharmaindustrie, Maßnahme zur Ausrottung des Volkes oder widersprechen der natürlichen Lebensweise. Ich hoffe sehr, dass ich einiges von diesen immer wiederkehrenden Irrtümern und Fehldeutungen hier habe geraderücken können.

_____________________________

Zum Schluss noch einmal ein Zitat von Prof. Dr. Beda Stadler:
„Es gibt kein Menschenrecht auf Ansteckung von anderen Menschen.“

Liebe Impfgegner, schreibt euch das hinter die Ohren. Werft eure irrationalen Feindbilder über Bord und lasst euch überzeugen. Es geht um unsere Kinder.