Warum Rationalität? Eine kleine Polemik.

himmelerde

Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde…

Mag ja sein, mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar. Sehe ich auch so. Aber darüber wissen wir alle nichts. Weder die Wissenschaft, noch diejenigen, die sich auf diesen Satz ständig berufen. Erstere vielleicht sogar ein wenig mehr als die anderen.

Der Grund, warum so viele Menschen die unterschiedlichsten Formen von Pseudomedizin und -psychologie fasziniert, liegt in einem Hang zum Geheimnisvollen, im Willen zu „glauben“ und einer instinktiven Abneigung gegenüber dem „Wissen“, der Neigung, eher blind zu vertrauen (notfalls dem eigenen „Bauchgefühl“) als sich unvoreingenommen zu informieren. Kurz gesagt, in einer Geringschätzung von Rationalität. Diese Kräfte sind gewaltig, aber auch höchst erstaunlich – sie würden, auf alle Dinge angewandt, das praktische Leben nahezu unmöglich machen, worauf ich weiter unten noch eingehe.. Ich nehme hier gerne mein Zentralthema, die Homöopathie, zum Kronzeugen. Die weltweite Wissenschaftsgemeinde ist sich einig: Nix drin, nix dran. Und wie sieht es tatsächlich aus, hier bei uns? Dreistellige Millionenumsätze, ein Heer von Praktizierenden dieser Scheinmethode, in der Bevölkerung durchaus angesehen, politisch akzeptiert unter Verleihung von Sonderrechten im öffentlichen Gesundheitswesen und mit dem Anspruch auftretend, wissenschaftliche Relevanz für sich einzufordern. Das ist praktizierte Irrationalität. Praktiziert nicht nur von wenig bis nicht informierten Laien, sondern ebenso von akademisch ausgebildeten Menschen. Wobei es unter Letzteren einige geben mag, die das gegen besseres Wissen tun – was die Sache anders, aber nicht besser macht.

Hier soll einmal gar nicht die Rede sein von den näheren Ursachen für so etwas. Vielmehr möchte ich einmal verdeutlichen, warum wir uns eine solche Haltung überhaupt nicht leisten können.

Komplexe Welt

Die Welt ist so komplex geworden, hört man allenthalben. Gewiss zu Recht. Aber kann das eine Rechtfertigung, auch nur eine Begründung dafür sein, sich auf die sogenannten einfachen Lösungen zurückzuziehen, sich der Realität zu verweigern, Vertrauen in Dinge und Menschen zu setzen, gar in die eigene Unzulänglichkeit, die einfachste Auswege aus dem Dilemma der scheinbaren eigenen Unmündigkeit oder Unwissenheit anbieten?

Ganz sicher nicht. Das Schlüsselwort heißt – Vertrauen. Aber richtig eingesetztes Vertrauen. Wir leben schon eine ganze Weile in einer arbeitsteiligen Welt. Seitdem der einzelne Mensch nicht mehr autonom für sich und seine Familie sorgte, braucht es zum Funktionieren des alltäglichen Lebens Vertrauen. Vertrauen in die Fertigkeiten des Schmieds, des Bäckers, des Schneiders, des Installateurs, des Fernsehtechnikers, des PC-Fachmanns. Von all diesen Leuten erwarten wir zu Recht Professionalität. Wir vertrauen ihnen, weil sie Meisterprüfungen abgelegt, ihr Fach mit Erfolg studiert haben und sich in der Praxis bewähren. Auslese durch Empfehlung oder Kritik tut das ihre. Ohne dieses grundlegende Vertrauen in die Fähigkeiten, aber auch in die Redlichkeit anderer würde unser Zusammenleben ebensowenig funktionieren wie unser privates Dasein. Dieses Vertrauen ist Ausdruck eines notwendigen rationalen Denkens. Bei einer bis vor einiger Zeit laufenden Werbung für ein Infoportal wurde das ganz klar zum Ausdruck gebracht: Nach dem Scheitern, professionelle Aufgaben durch eigenes Herumprobieren zu erledigen, hieß es: Vielleicht hätte er jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt. Beifälliges Lächeln war wohl die Reaktion von 99 Prozent der Zuschauer dieses Spots.

Blinder Fleck – Ratio weg

So weit, so gut. Nur leider gibt es in dieser rationalen, jedem einleuchtenden Weltsicht offenbar bei Vielen ein gewaltigen blinden Fleck: Im Bereich des eigenen Wohlergehens, der eigenen physischen und psychischen Gesundheit.

Ja, auch da ist die Welt komplex. Komplexer als bei der Kunst, Backwaren herzustellen oder auch einen PC zu reparieren. Seltsamerweise gibt es aber sehr viele Menschen, die sich in diesem Bereich auf einmal nicht mehr an die rationalen Regeln halten, die sonst eine gewisse Garantie für ein einigermaßen funktionierendes Leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft bieten.

Wir haben hier einen professionellen Berufsstand, dessen Ausbildung und Auslese so umfangreich, langdauernd und professionell ist wie nur wenige andere im akademischen Bereich: Die Ärzte. Sie stehen aufgrund unserer weitgehenden Absicherung in den Sozialsystemen praktisch jedem kostenlos zur Verfügung. Wir haben sogar die freie Arztwahl, wir haben einen Anspruch auf Aufklärung über die empfohlenen Behandlungsmethoden und entscheiden aufgrund der Möglichkeit, uns eine fundierte Meinung bilden zu können, selbst darüber, ob und welche Behandlung wir über uns ergehen lassen wollen. Es steht uns sogar frei, bei ernsteren Angelegenheiten auf Kosten der Sozialversicherung eine zweite Meinung einzuholen, um eine rationale Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Behandlungsmethode treffen zu können. Dazu muss ich mir allerdings die Mühe machen, mich mit der Aufklärung durch den Arzt, die zu dessen Hauptpflichten gehören, auch auseinanderzusetzen.

Diese Entscheidungsfreiheit habe ich nicht mal beim Fernsehmechaniker. Wenn der sagt, kaputt, muss ein neuer her, werden wir das in aller Regel seufzend so hinnehmen. Trotz eines gewissen Grundmisstrauens wird kaum jemand eine „zweite Meinung“ einholen, schon deshalb nicht, weil das das eigene Geld kostet.

Fernseher wichtig, Gesundheit egal?

So weit, so gut. Und jetzt kommt das Phänomen, dass viele Menschen trotz des Angebotes praktisch kostenloser Gesundheitsversorgung, ausgeübt von lange theoretisch und praktisch ausgebildeten, durch -zig Prüfungen gegangenen, zu ständiger Fortbildung verpflichteten Menschen, vor deren Approbation -dem Loslassen auf die Menschheit- auch noch die Ärztekammern stehen, dieses Angebot zu großen Teilen geradezu verachten? Und in Scharen zu Menschen laufen, die die Profession der Heilkunst weder studiert haben noch irgendwelchen wissenschaftlichen oder ethischen Standards verpflichtet sind, bei denen eine Absicherung gegen „Behandlungsfehler“ rechtlich de facto nicht vorhanden ist und die Methoden weitgehend nach eigenem Gusto anwenden? Die über Risiken ihrer Methoden überhaupt nicht aufklären können, denn entweder sind diese unwirksam (und haben dann auch keine Nebenwirkungen und Risiken) oder es gibt gar keine belastbaren Erkenntnisse über Risiken?

Nein, das können wir uns nicht erlauben. Diese Form von Irrationalität ist ein Vergehen gegen sich selbst, gegen die Alltagsrationalität, die uns ansonsten recht gut leben lässt. Wer würde es begrüßen, wenn sich unterhalb der professionell tätigen Bäcker, Klempner, Informatiker und Kfz-Mechatroniker, nicht-handwerkliche Berufe wie Steuerberater oder Buchhalter natürlich ebenso, eine Szene bilden würde, die mit den nichtärztlichen „Ausübenden der Heilkunst“ (so stehts im Heilpraktikergesetz von 1939) vergleichbar wäre, also keine geregelte Ausbildung vorweisen kann, bei Beginn der Tätigkeit niemals einen Teig, einen offenen Fernseher oder ein kaputtes Klo gesehen haben muss, sich aber darauf beruft, eigene, geradezu unfehlbare Methoden zu haben, die denen der professionell tätigen mindestens ebenbürtig sind? Bei denen sich die Kundschaft ohne nähere Nachfragen mit einem nahezu grenzenlosen Vertrauen auf großartige Versprechungen einfangen lässt? Was da passieren würde, darauf gab es vor wenigen Jahren einen Vorgeschmack, als der Gedanke aufkam, die Qualifikationsvoraussetzungen für bestimmte Handwerksberufe abzusenken – sprich die Meisterprüfung abzuschaffen. Empörung ging durch die Reihen.

Aber im Gesundheitswesen soll es das geben? Ach nein -gibt es ja bereits, mit dem Stand der Heilpraktiker, mit der Adelung der Homöopathie als Teil des Gesundheitswesens… Noch eine Etage tiefer mit der praktisch unbeschränkten Szene der „Lebenshelfer“, Gurus, Fernheiler und sonstigen Rumprobierer am Menschen? Da schreit doch schon einfachste Logik laut : Irrational!

Der Mensch ist schwach

Ja, ich kann es nachvollziehen, aber wirklich verstehen oder gar gutheißen kann ich es nicht, die Einstellung zur Irrationalität, gerade wenn es um einen selbst, das körperliche und das geistig-seelische Wohlbefinden geht. Instinktiv wird das „mechanistische“ Bild von Medizin und Therapie abgelehnt, als mehr oder weniger unangemessen für eine so komplexe Entität wie den Menschen. Und das, obwohl in der Fachwelt das klassische Bild der mechanistischen Medizin längst als ausgedient gilt und die „soziale Medizin“ Forschungsgegenstand weltweit ist (worauf die Sozialversicherungssysteme allerdings erst einmal reagieren müssten).

Die alte Vorstellung von Leib-Seele-Dualismus, die in den meisten Menschen auch heute noch mehr oder weniger herrscht, spielt dabei eine große Rolle. Diese stets mitschwingende Vorstellung ist wohl in der Hauptsache verantwortlich dafür, dass die Ratio plötzlich in Bezug auf sich selbst nicht mehr funktioniert und -gefühlsmäßig scheinbar angemessen, aber irrational- auf Menschen und deren Methoden gesetzt wird, die uns glauben machen wollen, sie verstünden etwas von den „Dingen zwischen Himmel und Erde“, von dem, was über die rationale Betrachtung unserer menschlichen Möglichkeiten hinausgeht, auch und gerade beim Menschen selber. Tun sie aber nicht.

Was dem Menschen nachweislich hilft, wird von der Medizin und den sie umgebenden Humanwissenschaften auch aufgenommen und entwickelt, damit es in den Kanon der Wissenschaftlichkeit eingeht. Den „Wissenden“ über die Dinge zwischen Himmel und Erde bleiben zwangsläufig im günstigsten Falle unwirksame und im ungünstigsten Falle schädigende „Methoden“. Wir schließen uns Spekulanten an, wenn wir dem folgen. Spekulanten auf Kosten unseres leiblichen und seelischen Wohlergehens – und auf Kosten unseres Bankkontos.

Jeder sollte einmal darüber nachdenken, mit wie viel Vertrauen in die Fähigkeiten und die Integrität anderer wir jeden Tag durchs Leben gehen. Und sich dann Rechenschaft darüber ablegen, ob es vor sich selbst verantwortbar ist, diese Form der Rationalität genau dann, wenn es um uns selbst oder um Menschen in unserer Umgebung, für die wir in der einen oder anderen Form Verantwortung tragen, auszublenden.

Rationalität ist Verantwortung – Irrationalität kann Verantwortungslosigkeit sein

Niemand kann alles wissen und können. In jeder Sparte gibt es schwarze Schafe. Natürlich kann ich mich als Patient bei einem Arzt auch unverstanden und unwohl fühlen. Selbstverständlich ist es nicht schön, auch nur eine Zeitlang von der vielgeschmähten Apparatemedizin abhängig zu sein. Nur – wo ist die rationale, die sinnvoll begründbare Alternative? Wir sollten unsere materiellen und ideellen Ressourcen, unsere Fähigkeit, uns in der heutigen Welt zu orientieren, nicht dem Fetisch der Irrationalität opfern. Das dürfte, wenn sich diese Haltung ausbreitet, unsere Zukunft konkret gefährden.

Dieser Appell, der sich bis hierher an den Einzelnen richtete, gilt aber ebenso und vielleicht in noch höherem Maße für unsere politischen Entscheidungsträger. Ich kann diesen den Vorwurf nicht ersparen, durch Indifferenz (wir erleben es gerade wieder in der Heilpraktikerdiskussion), aber auch durch aktive Förderung (Homöopathie und anthroposophische Medizin im Gesundheitswesen!) die von mir hier kritisierte Irrationalität geradezu zu befördern.

Ich unterliege nicht der Illusion -und bin insofern rational- zu glauben, politische Entscheidungen und Diskurse würde im Sinne der aufklärerischen Ideale immer zu einem rationalen und nicht emotional bestimmten Ergebnis führen. Dies hieße, auch die Person des politischen Entscheiders zu überfordern. Aber von einer vernunftgesteuerten Politik kann erwartet werden, dass sie mit ihren Entscheidungen nicht einen kompletten Bruch mit der Rationalität in klar entscheidbaren Sachfragen -nicht etwa bei Richtungs- oder Prognoseentscheidungen, das ist etwas anderes- riskiert oder gar herbeiführt. In Bezug auf das Gesundheitswesen ist es aber leider so – was es schwermacht, den Einzelnen dazu aufzurufen, seine persönliche Neigung zur Irrationalität hintanzustellen. Ich sehe hier ein schweres Versagen der Politik, das zu korrigieren sie sich bald aufraffen sollte.

 

Subjektivismus ist ein dünnes Eis für die Entscheidungen eines demokratischen Gemeinwesens. Noch mehr ein Subjektivismus, der von Fakten weitgehend unberührt bleibt. Kants Kategorischer Imperativ, der unausgesprochen der Leitstern aller demokratischen Systeme ist,  beruht auf der Voraussetzung von Rationalität, ja, ist geradezu eine Gebrauchsanweisung, um zu weitgehend rationalen Entscheidungen zu kommen. Das Staatsziel von Kant und der Aufklärer, das „Wohlergehens möglichst vieler“ erfordert einen auf Ratio gestützten Abwägungs- und Entscheidungsprozess. Nicht Subjektivität.

Leute, strengt euch an. Einfache Lösungen und Wege habe ich nicht anzubieten. Aber fallt nicht auf jeden Sirenengesang herein, der euch auf eurem Lebensweg erreicht. Lasst euch lieber -wie Odysseus- am Mast festbinden, bis die Versuchung vorbei ist. Das gilt auch für die Entscheidungsträger der Politik.

 

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2: gemeinfrei

Homöopathie und Impfen

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Wirklich nichts Homöopathisches? Das würde den Pieks nicht lohnen…

Äh… echt jetzt?

Aber ja! Wusstet ihr noch nicht, dass die Homöopathen das Impfen erfunden haben und dass das Impfen sogar die Homöopathie beweist?

Nein? Dann impformier ich euch mal:

Similia similibus curentur. Ähnliches heilt ähnliches. Der Grundstein der homöopathischen Lehre. 

Ja seht ihr, ihr ignoranten Allopathen, da haben wir es doch! Ihr impft doch genau mit dem, was die Krankheit erzeugt, vor der ihr schützen wollt! Sagt ihr doch selbst! Also bitte – oder vielmehr danke, denn damit bestätigt ihr Hahnemann ja wohl komplett. Mit dem nach eurer eigenen Aussage erfolgreichsten Methode der „modernen Medizin“. Wir impfen ja auch, homöopathisch! Na, und jetzt?

Gemach, lieber Homöopath.

Es gibt keine homöopathische Prophylaxe und es kann keine geben.

Ich hätte da gleich zu Anfang einen klitzekleinen Einwand, der eigentlich schon reichen dürfte, eure schöne zuckersüße Wunschwelt zum Einsturz zu bringen. Nämlich:
Der Impfende „heilt“ nicht. Er betreibt medizinische Prophylaxe, womit ihr Homöopathen nix, aber auch gar nix zu tun habt.

Laut Hahnemann ist die Homöopathie eine Heilkunst auf der Grundlage einer Arzneimittellehre. Einen näheren Begriff von Krankheit, von deren Entstehung und Verlauf, hatte Hahnemann nicht. Im Gegenteil, er war klar der Auffassung, dass von der „Krankheit“, der „verstimmten Lebenskraft“, nur die Summe der außen sichtbaren Symptome „zu wissen sei“, mehr nicht. Um möglichst viel über die „verstimmte Lebenskraft“ zu erfahren, hielt er seine Jünger an, den Kranken (!) bis ins letzte Detail zu seiner Befindlichkeit zu befragen, damit nur ja das Mittel gefunden werden könne, das der verstimmten Lebenskraft exakt entgegenwirken möge. Akutbehandlung sozusagen (§ 17 und 18 Organon).

Wo bitte soll in diesem Modell ein Platz für eine Prophylaxe, eine medizinische Vorbeugung vor Erkrankungen sein? Wo der Meister doch postulierte, dass die Krankheit „an sich“ nichts anderes sei als die „verstimmte geistige Lebenskraft“, von der nicht mehr als das Symptombild am Kranken erkennbar sei? Wenn ich etwas geraderücken will, muss es erst mal schief sein. Sollte klar sein. Also, merken: In der Homöopathie gibt es keinerlei Raum für eine vorbeugende Behandlung. Ähnlich wie bei anderen zeitgenössischen „Therapien“, wie dem Mesmerismus. All diese Dinge machen sich am Akutzustand des Erkrankten fest, Ätiologie -die Lehre von Entstehung und Verlauf von Krankheiten- spielt weder bei der Homöopathie noch beim Mesmerismus eine Rolle.

Bei dem Wort Immunisierung wäre Hahnemann vermutlich eh schon dem Schlagfluss erlegen. Denn die Krankheit als solche kennt man nicht, und gegen Symptome immunisiert man nicht. Nebenher: Falls jemand sauer ist, dass man die seriöse Hahnemannsche Methode mit dem magnetischen Mesmerismus, diesem okkulten Blödsinn, vergleicht: Hahnemann fand das echt gut. Eng verwandt mit seinen Vorstellungen. So eng, dass er selbst homöopathische Prüfungen mit Magneten betrieb, eine Unmenge von „Symptomen“ fand und die auch noch unterschiedlich nach Nord- und Südpol. Lang und breit zu finden im Organon des Meisters, §§ 286 ff.  Bis so weit hinten scheint kaum jemand zu lesen…

Zudem bleibt bei der Annahme, die Impfung sei der Homöopathie ähnlich und auch die Homöopathie könne impfen, das Prinzip der Individualität bei Hahnemann unbeachtet. Er verwarf jede Ätiologie, jede systematische Lehre von Ursachen und Verlauf von Krankheiten, zugunsten der höchst individuellen „Verstimmung der geistigen Lebenskraft“ im einzelnen Patienten. Wo sollte da geimpft oder vorgebeugt werden? in § 54 des Organon kritisiert er die Allopathen scharf und ausdrücklich dafür, dass „man die Krankheiten für Zustände ausgab, die immer auf ziemlich gleiche Art wieder erschienen.“ Na, wenn es keine „auf ziemlich gleiche Art“ wiederkehrenden Krankheiten gibt, dann kann man ja jede vorbeugende Impfung eh vergessen…

Ein paar winzige Details noch, und wir sind schon fertig…

Kommen wir noch mal auf das similibus hocuspocus zurück. Wer so argumentiert wie unser stolzer Homöopath zu Anfang, der hat den Impfmechanismus entweder gar nicht oder aber grundsätzlich missverstanden.

Die Impfdosis, das Mittel, das verabreicht wird, wirkt selbst nicht schützend. Es löst vielmehr eine Immunreaktion im Körper aus, veranlasst diesen, Antikörper gegen die ins Auge gefasste Erkrankung – und gegen die Impfdosis! zu bilden. ANTIkörper. Die „wirken“ dann „gegen“ die später vielleicht in den Körper gelangenden Krankheitserreger. Nun, was sagte Hahnemann doch gleich über die bösen Allopathen, die mit „Anti“-Mitteln die Menschen vergifteten?

Es überzeugt uns aber jede reine Erfahrung und jeder genaue Versuch, daß von entgegengesetzten Symptomen der Arznei (in der antipathischen, enantiopathischen oder palliativen Methode) anhaltende Krankheitssymptome so wenig aufgehoben und vernichtet werden, daß sie vielmehr, nach kurzdauernder, scheinbarer Linderung, dann nur in desto verstärkterem Grade wieder hervorbrechen und sich offenbar verschlimmern (siehe § 58 – 62 und 69).“ (§ 23 Organon).

Der richtig betrachtete Impfmechanismus ist deshalb kein Zeuge und auch kein Bundesgenosse für die Homöopathie, sondern einer der zahlreichen Kronzeugen gegen sie.

Ein wenig historischer Exkurs muss noch sein.

Gelegentlich weisen die Hahnemann-Jünger auch auf dessen Erwähnung der Jennerschen Pockenimpfung im Organon hin. Dies lässt jedoch keine anderen Schlüsse zu als die oben ausgeführten. Wir wollen eine Antwort aber auch hier nicht schuldig bleiben.

Hahnemann waren die frühen Versuche, mit Kuhpocken zu impfen, durchaus bekannt. Er erwähnt Jenner und seine Erfolge durchaus, erkennt aber -tragischerweise- nicht den darin steckenden Ansatz einer sinnvollen Ätiologie und verfolgt Jenners Gedanken nicht weiter, ja, geht erstaunlicherweise ohne Umschweife über ihn hinweg – zugunsten einer fragwürdigen Begründung seiner Ähnlichkeitsregel mit „Heilung durch Krankheit“. Er entwickelt nicht etwa den Gedanken einer Immunisierung weiter, sondern ihm geht es um etwas ganz anderes. Dies zeigt die Erwähnung einer Reihe anderer Erkrankungen neben den Pocken ausschließlich im Zusammenhang, mit  der vorgeblichen Heilung oder Linderung von Symptomen, die der ausgebrochenen Krankheit ähnlich sind, aber schon vorher da waren. Hahnemann führt in § 46 des Organon, der auch die Erwähnung Jenners enthält, eine Reihe von Beispielen auf, etwa die „homöopathische Heilung“ von alten Hautaffektionen, Blindheit, ruhrähnlicher Zustände und sogar Hodenquetschungen durch die Pocken, Wechselfieber, Keuchhusten und fleckenartige Hautausschläge durch Masern (ihm waren bei den Masern „ätiologisch“ nur die Hautausschläge, die er als Hauptsymptom ansah, wichtig).

Nein, Hahnemann kann bei alledem ganz sicher nicht als einer der Väter der modernen Immunologie, auf der die Schutzimpfungen beruhen, gesehen werden. Im Gegenteil – er hat Jenners Ergebnisse nicht aufgenommen und nicht weitergedacht. Er begann statt dessen mit den „Blindversuchen“ bei der Arzneimittelprüfung am Menschen, wahllos alle möglichen und unmöglichen Stoffe durchzuprobieren (was seine Jünger heute noch tun) – was zeigt, dass er den Jennerschen Gedanken, dass die Auslöser einer (Infektions-)Krankheit im Kranken, bei der Krankheit, zu suchen seien, überhaupt nicht in Betracht zog.

Gleichwohl betrachtete er, wenn man ihn fragte, die Vaccination mit Kuhpockenlymphe als „Homöopathie“ – hatte also offensichtlich seine eigenen Maßstäbe nicht recht durchdacht. An begeisterten bis unkritischen Jüngern hat es Hahnemann nie gefehlt, und so kam es dazu, dass auch August Bier, der rührige Homöopath, der an der Universität Berlin einen homöopathischen Lehrstuhl durchgesetzt hatte (der später wegen fehlender positiver Ergebnisse wieder geschlossen wurde), dies ebenfalls für Homöopathie hielt und propagierte. Schon 1930 ließ sich die Münchner Medizinische Wochenschrift darüber folgendermaßen vernehmen:

Würde Bier einen Pockenkranken vaccinieren – entsprechend dem Similia similibus- wäre das Ergebnis vielleicht katastrophal. Es ist also für den Similebegriff entstellend, die Allergielehre (gemeint ist die Immunologie, die damals noch in dem Begriff Allergielehre aufging, UE) auf dem oben geschilderten Umweg der Homöopathie zunutze machen zu wollen, so als wäre Prophylaxe gleichbedeutend mit Therapie. Gemäß dem Similia similibus curantur soll doch ein Leiden oder ein Krankheitszustand – nicht ein Gesunder behandelt werden. Offensichtlich wollen die Homöopathen durch Inanspruchnahme serologischer Phänomene nur die Wirksamkeit kleiner und kleinster Dosen beweisen. Die Gedankengänge sind hier von ihnen weit gespannt worden.“

Mist. Wieder nix.

Immunsystem = Hahnemanns „geistartige Lebenskraft“?

Und kommt mir jetzt bloß nicht noch mit der Gleichsetzung des Immunsystems mit Hahnemanns „geistiger Lebenskraft“. Dann seid ihr aber richtig draußen. Zunächst einmal ist das Immunsystem nichts „Geistartiges“, sondern ganz handfest materiell und interagiert -auch bei der Impfung- auf materieller Basis. Das Immunsystem ist eine sehr komplexe Teilfunktion des Körpers, die aber keineswegs die Eigenschaften hat, die Hahnemann in seiner Vorstellung dem „Princip der geistigen Lebenskraft“ zuschrieb:

Der materielle Organism, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Thätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig; nur das immaterielle, den materiellen Organism im gesunden und kranken Zustande belebende Wesen (das Lebensprincip, die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen.“ (§ 10 Organon)

Macht doch euren Hahnemann nicht kaputt, sag ich doch immer.

Noch einen obendrauf…

Hahnemann wollen wir mal gar nicht in die Verantwortung nehmen für diese Irrwege des „homöpathischen Impfens“. Wie beispielsweise auch bei der Homöopathie für Tiere, ist das eine Entwicklung von Exegeten, die offenbar die Homöopathie zum „Stein der Weisen“ -dem alles heilenden und verbessernden Mittel- hochstilisieren wollten.

Die homöopathische Impfung ist  von einem Doktor Lux schon in den 1820er Jahren „erfunden“ worden. Er kombinierte die Immunisierung nach Jenner mit dem homöopathischen Prinzip. Unbekümmert um die Unmöglichkeit einer homöopathischen Prophylaxe stellte er nach homöopathischen Grundsätzen -also durch Potenzierung- Mittel aus Blut und Ausscheidungsprodukten kranker Tiere her, die er dann verabreichte. Kurz darauf prägte der amerikanische Arzt Hering für diese besondere Form der „homöopathischen Zubereitung“ den Begriff „Nosoden“ (nach dem griechischen Wort für Krankheit). Es gibt heute serologische wie pathologische Nosoden (aus Sekreten oder aus Organen gewonnene), dazu auch die Sonderform der Eigenblutnosode.  „Nosodenimpfung“ erfolgt meist in der Form von C200-Globuli nach „Impfplänen“. Es wird sogar die Nosodenimpfung gegen Tropenkrankheiten empfohlen, ebenso die parallele Anwendung zu Pflichtimpfungen, auf diese soll mit der „Nosodenimpfung“ „vorbereitet“ werden.

Es sei als Groteske am Rande erwähnt, dass die Hersteller die Ungefährlichkeit ihrer Nosodenpräparate betonen, indem sie darauf hinweisen, dass „dank der homöopathischen Aufbereitung bereits in Tiefpotenz von C6 das Vorkommen eines einzigen Erregers in der Nosode unwahrscheinlich ist, so dass der Erreger sich unter keinem denkbaren Umstand mehr reproduzieren könnte“ (Paracelsus-Magazin, 03/2009). Zudem sei durch die Sterilisierung (sic!) bei der Herstellung die Erkrankungsgefahr ausgeschlossen. Womit klar ist: Auch hier geht es nicht um eine physiologische, sondern wieder einmal um die „geistartige“ Wirkung. Keine Angst, wir garantieren für die völlige Wirkungslosigkeit!

So richtig verstanden scheint das Impfprinzip in Homöopathiekreisen auch gar nicht zu sein. So schreibt das Paracelsus-Magazin (aaO): „Eine homöopathische Nosoden Prophylaxe verhindert nicht ein Ausbrechen der Krankheit wie es beispielsweise die schulmedizinischen Impfungen versprechen, vielmehr wird der Organismus auf die entsprechende Erkrankung eingestimmt, sodass er bei einer Infektion zielgerichtet reagieren kann.“ Ach. Ich hatte das eher umgekehrt im Kopf… man lernt nie aus.

Kurz: Die Kombination einer von vornherein unwirksamen Methode (Homöopathie) mit einer falsch angewandten, unwirksam gemachten Methode (Immunologie, Serologie). Nicht nur „Nix drin, nix dran“, sondern sogar „Alles muss raus“.

 

Das war’s dann wohl.

Seht ihr? Ist nichts mit der Erfindung der Impfung durch die Homöopathie und auch nicht mit der Impfung als Beweis für deren Richtigkeit. Genauso könntet ihr behaupten, von 1949 bis 1960 wären in der ehemaligen DDR keine Impfungen notwendig gewesen, weil der Staatspräsident Wilhelm Pieck hieß…

Insgesamt ein krasses Beispiel dafür, wie durch nicht reflektierte Analogieschlüsse (immer gefährlich, da der Mensch zum Denken in Ähnlichkeiten neigt) in Verbindung mit unkritischem Wunschdenken Aussagen entstehen, die dem unvoreingenommenen Leser oder Zuhörer zunächst recht plausibel erscheinen. Aber Descartes‘ berühmter Ausspruch heißt ja auch „Ich denke, also bin ich“ und nicht „Mir fällt was ein, ich hab recht!“

 

 

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Nachtrag zu: Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass (27.9.2016)

(K)Ein bisschen reformieren…

Das Portal DocCheck berichtet heute unter seinen News wie folgt:

[…] Die Bundesregierung ‚bedauert die Todesfälle‘, hält es aber für geboten, eine ’sachliche Diskussion zu führen‘, heißt es im Antwortschreiben. Dazu gehöre auch, dass ‚es in Deutschland viele Menschen gibt, die über eine Behandlung beim Heilpraktiker Gutes berichten und sich für diesen Beruf einsetzen.‘ Grundsätzlich beinhalte die Erteilung der Heilpraktikererlaubnis auch, dass sich Heilpraktiker der ‚Grenzen ihres Wissens und Könnens‘ bewusst seien. Weitere Überprüfungen sowie die Überwachung seien Aufgabe der Länder. Ganz so leicht wird Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) aber nicht davonkommen.

Ein bisschen reformieren

Bereits im Juni hatte die Gesundheitsministerkonferenz der Länder den schwarzen Peter zurück nach Berlin gespielt. Vertreter waren sich darin einig, dass die Bundesregierung selbst bestehende Regelungen überarbeiten müsste. Jetzt heißt es dazu: ‚Die Bundesregierung hält den Vorschlag der Gesundheitsministerkonferenz für grundsätzlich geeignet, um den  Patientenschutz im Bereich der Zulassung von Heilpraktikeranwärterinnen und -anwärtern zu verbessern, und prüft derzeit die Möglichkeit einer Umsetzung.‘ Man habe ‚Verständnis für Stimmen, die eine grundlegende Reform des Heilpraktikerrechts einschließlich seiner Anpassung an die Qualitätsstandards anderer heilberuflicher Regelungen fordern‘. Mit Verweis auf ‚laufende Prüfungen‘ werden im Papier jedoch keine weiteren Details genannt.

Gesundheitspolitiker nahezu aller Couleur halten höhere Hürden beim Zugang, aber auch Vereinheitlichungen bei der Ausbildung für denkbar. Wer die Heilpraktikerprüfung bereits absolviert hat, braucht nach jetzigem Diskussionsstand keine Einschränkungen zu fürchten. […]“

 

Was soll denn eigentlich noch auf den Tisch, bis wirklich mal etwas geschieht? Die Linie ist klar: Man rührt wieder ein Gemisch aus  Schönrednerei, Zuständigkeitsfragen, geheuchteltem Reformwillen an, würzt das Ganze mit einer guten Portion Nichtverstehen und das wars dann mal wieder.

 

Mein Kommentar dort:

Ich habe es geahnt. Weiter wird das Lied der “zwei Medizinen” gesungen, als entscheidendes Kriterium angeführt, dass ja so viele Leute den Besuch beim Heilpraktiker so schätzen, mit dem Finger auf Probleme -ja auch Todesfälle- beim “Arzt” verwiesen und von “Reformen” geredet, wo es mangels bisheriger Regeln gar nichts zu reformieren gibt.

Otto Prokop, der Doyen der deutschen Gerichtsmedizin, schätzte schon in den 1980er Jahren die Zahl der Schäden, die außerhalb der wissenschaftlichen Medizin durch “modernen Okkultismus” insgesamt entstehen, auf mehrere hunderttausend.

Bundes- und Landesregierungen müssen die Segel streichen, wenn es um einen Überblick über die Zahl und die angewandten Methoden der Heilpraktikerszene geht. Offen muss eingeräumt werden, dass man sich hier einem “schwarzen Loch” gegenübersieht. Wo ist hier überhaupt eine Grundlage, um über “Reformen” diskutieren zu können?

Die Rechtsprechung stellt an Ärzte als “Ausübende der Heilkunde” die Anforderung, dem Patienten jederzeit die für ihn beste und nach neuestem Wissensstand wirksamste Therapie auszuwählen. Er kann sich nicht, so der Tenor des Bundesgerichtshofs, aus “Eigensinn oder Hochmut über gültige Regeln der medizinischen Wissenschaft hinwegsetzen, ohne vom Fortschritt der Wissenschaft Kenntnis zu nehmen”. Oft ist selbst ein wissenschaftlich ausgebildeter Arzt allein nicht in der Lage, diese Anforderung zu erfüllen. So kann logischerweise bereits eine unterlassene Überweisung an einen Facharzt als ärztlicher Fehler gewertet werden.

Aber ein Heilpraktiker soll das können. In seinem Universum. Ohne Kontrolle. Mit Verfahren, die er nach seinem eigenen Gusto aussucht und anwendet. Einschließlich der Applizierung von Medikamenten. Was beispielsweise einem ausgebildeten Rettungsassistenten, der täglich mit Ärzten zusammenarbeitet, verboten ist.

Dazu zitiere ich noch einmal Prokop:

“Wenn zum Beispiel darauf hingewiesen wird, es gebe für Ärzte einen höheren Voraussehbarkeitsgrad als für Heilpraktiker (wegen der umfassenderen wissenschaftlichen Ausbildung), also könne man letzteren nicht so schnell einen Schuldvorwurf machen wie etwa Ärzten, die den gleichen Fehler machen, so ergibt sich aus dieser Interpretation, dass es der Staat, der Personen zu solchen Praktiken ohne Auflagen zulässt, mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst nimmt”.

Dann lasst es doch ganz sein mit “Reformen”. Setzt weiter auf “Wohlfühlmedizin” und das, was “die Menschen” gerne wollen.

 

Manchmal glaubt man schon, das Leben ist nur ein übler Scherz eines psychopathischen Matrixprogrammierers.

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„Erstaunlich an den Gegnern des Impfens ist vor allem, dass es sie gibt.“ (Ärztezeitung) Ein Zwischenruf.

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Heute kein Bild. Thema zu wichtig.

Mal wieder Zeit für einen deutlichen Zwischenruf. Ein Dauerbrenner, aber gerade in den letzten Tagen haben sich gehäuft Diskussionen mit sogenannten Impfskeptikern (bei mir Impfgegner genannt) ergeben, die mir die Wichtigkeit des Themas noch einmal drastisch vor Augen geführt haben. Auch dieses Thema sehe ich in meinem Blog richtig platziert, auch die Impfgegnerschaft ist eine Art von Pseudomedizin. Vor allem, weil keine Rede davon sein kann, es handele sich um eine marginale Erscheinung. Von wegen. Ihre zahlenmäßige Beschränkung macht diese Truppe durch ihr lautstarkes Auftreten mehr als wett. Und geschätzte 15 Prozent + an Impfskeptikern in der Bevölkerung finde ich eh überhaupt nicht wenig.

Deshalb hier gerafft die Standardargumente der Impfgegnerszene und die passenden Antworten dazu:

Impfen hat noch nie eine Krankheit verhindert! Der Rückgang der Krankheiten liegt nur an mehr Hygiene und besserer Ernährung!

Liebe Impfgegner, sagt das mal der Mutter, deren Kind in Berlin an Masernfolgen verstorben ist. Habt ihr den Nerv, ihr vorzuwerfen, bei ihr sei es wohl nicht sauber genug und sie habe ihr Kind falsch ernährt? Und sie sei deshalb selbst schuld am Tod ihres Kindes? Wenn ja, ist euch nicht mehr zu helfen und ihr braucht auch nicht weiter zu lesen.

Ja, es gibt nicht-impfpräventable Krankheiten. Einige Erreger, Viren wie Bakterien, entziehen sich bislang einer Bekämpfung durch Impfungen. Das hat im Wesentlichen mit ihrer komplexen Struktur und bei Viren auch mit ihrer Wandlungsfähigkeit zu tun. Aber auch hier wird weiter geforscht. So ist der Kampf um einen Impfstoff gegen den HIV-Virus wohl jedem geläufig. Als mein Sohn geboren wurde, vor 30 Jahren, steckte die Impfung gegen Keuchhusten noch in den Kinderschuhen und war nicht empfohlen. Heute ist sie Standard. Man nennt das Fortschritt.

Ja, es gibt Infektionskrankheiten, deren Ausbreitung durch Hygienemängel begünstigt wird. Pest beispielsweise, wird bekanntlich durch Läuse übertragen, die durch Ratten einwandern. Cholera wird in der Regel durch verunreinigtes Trinkwasser verbreitet. Das sind  bakterielle Infektionen, die einen ganz anderen Mechanismus bei der Übertragung und Ansteckung zeigen als die viel, viel kleineren Viren. Bakterien brauchen ein Milieu, in dem sie sich vermehren können. Das geschieht außerhalb des menschlichen Körpers, aber nach einer Infektion eben auch innerhalb. Durch diese Vermehrung und die dabei freiwerdenden Stoffe wird man „krank“. Bakterien sind Lebewesen, die wir mit Antibiotika „vergiften“. Umgekehrt behandelt man keine Virusinfektionen mit Antibiotika. Viren vermehren sich nicht selbständig, z.B. durch Zellteilung, sondern „missbrauchen“ dafür die Körperzellen ihres Trägers.

Viren sind einfach da. Mehr oder weniger immer und überall. Sie sind keine Lebewesen, sie sind kleine Stücke „Information“, die unseren Körperzellen ihre Erbinformation sozusagen aufzwingen und sie damit verändern bzw. zerstören. Sie brauchen kein besonderes Milieu, keinen tierischen oder parasitären Zwischenträger. Sie brauchen nur einen ungeschützten Wirt, von dem sie sich in ununterbrochener Kette weiterverbreiten können. Sie brauchen weder eine Ratte noch eine Laus noch dreckiges Wasser. Der Wirt ist einfach der ungeimpfte Nachbar, der sich z.B. ein Virus in einer nicht durch Herdenschutz abgeschirmten Umgebung, beispielsweise auf einer Auslandsreise, einfängt. Und ihn in der heimatlichen Umgebung ausbreitet, sofern dort der Herdenschutz auch brüchig sein sollte. Das geschieht zwangsläufig. Man kann das doch mit ein wenig gesundem Menschenverstand bei den immer wieder vorkommenden Fällen der Einschleppung von Infektionen aus anderen Ländern oder des Ausbruchs in ungeschützten Milieus (siehe Berlin) ganz klar beobachten.

Dass die langfristigen Statistiken ganz eindeutig für eine Korrespondenz zwischen Impfungen und dem Rückgang impfpräventabler Krankheiten sprechen, ist eine solche Selbstverständlichkeit, dass man eine Leugnung dessen eigentlich nur mit Stillschweigen übergehen kann.

Nochmal ganz einfach: Bakterielle Infektionen kommen wie Heuschrecken über das Feld, sie sind Lebewesen, die ein für sie lebensfreundliches Milieu brauchen. Sie vermehren sich auch außerhalb des Wirtskörpers und können so eine schlagkräftige Angriffsarmee bilden. Wenn sie da sind, sind sie da. Müssen dann an Ort und Stelle bekämpft werden. Virusinfektionen kommen nur unter einer ganz bestimmten Voraussetzung, nämlich wenn sie Glieder einer ununterbrochenen Kette bilden können, denn eine Vermehrung ist ihnen außerhalb des Wirtskörpers nicht möglich. Da hilft die Unterbrechung der Kette: Die Impfung.

Impfen macht das Immunsystem kaputt.

Nö. Impfen nutzt das Immunsystem, und zwar genau in der Art und Weise, wie es genutzt werden will.

Was ist das Immunsystem überhaupt? Es ist sozusagen die moderne Medizin der Evolution. Es sitzt nirgendwo und überall, man kann es als solches nicht sehen, trotzdem ist es da. Es besteht aus Organen, aus bestimmten Typen von Körperzellen (zum Beispiel den weißen Blutkörperchen) und auch aus freien chemischen körpereigenen Verbindungen. Es verändert seinen Zustand aufgrund vielfacher Einflüsse. Seine Funktion ist vor allem, reaktionsfähig auf „Eindringlinge“ in den Körper zu sein. Vor allem aber: Es ist in hohem Maße lernfähig. Eine Infektion mit Viren oder  Bakterien veranlasst es zur Bildung von Antikörpern, die dann beim nächsten Mal entweder direkt schützen oder -da bereits bekannt- sofort produziert werden können.

Und nein, es ist KEIN Vorteil, wenn das Immunsystem gezwungen wird, auf ein volles Krankheitsbild zu reagieren. Es wird dadurch -wie der ganze Organismus- geschwächt. Wollt ihr, liebe Impfskeptiker, wirklich einem hoch fiebernden, an Organsymptomen leidenden, womöglich in Lebensgefahr schwebenden Patienten erzählen, der Vorteil sei aber, dass sein Immunsystem gestärkt werde? Ganz im Gegenteil. Mehrere durch Wiederholung verifizierte Studien haben gezeigt, dass z.B. eine Maserninfektion bis zu zehn Jahre lang die Funktion des Immunsystems beeinträchtigen kann, und zwar nicht nur bei Masern, sondern bei allen Arten von Krankheitserregern. So kann nach einer Maserninfektion eines ungeimpften Kindes beispielsweise eine Keuchhusteninfektion im nächsten Jahr sehr kritisch verlaufen, weil das Immunsystem noch auf dem Zahnfleisch geht.

Eine Impfung setzt einen Reiz, der gerade so stark ist, um eine Abwehrstrategie zu entwickeln und im „Gedächtnis“ des Immunsystems  Informationen über den viralen Erreger und die nötigen Bekämpfungsstrategien zu speichern. Das genügt. Eine volle Infektion mit dem gesamten Krankheitsbild beansprucht naturgemäß das Immunsystem weitaus mehr. Eine ganz einfache und logische Sache.

Noch schnell ein Zitat des international renommierten Immunologen Prof. Dr. Beda Stadler:
„Jeder von Ihnen, der eine Banane isst, löst mehr Immunreaktionen im Körper aus, als wenn er sich impfen lässt.“

Impfen ist DIE Melkkuh der bösen Pharmaindustrie.

Argumente mit dem Wort „Pharmaindustrie“ zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass die verschiedenen Varianten sich immer heftig widersprechen, was in der Szene keiner zu merken scheint. Aber das ist ein besonderes Thema. Hier nun speziell zum Impfen:

Weder für die Pharmaindustrie noch für die Ärzte sind Impfungen ein sonderlich lohnendes Geschäft. Die einzelne Impfdose der empfohlenen Standardimpfungen kostet wirklich nicht die Welt, und von dem, was der Arzt an einer Impfung verdient, käme bei einer Fast-Food-Kette nur ein sehr bescheidenes Mahl herum. Und dass für eine Leistung auch gutes Geld fällig ist, scheint nur in Bezug auf die Pharmaindustrie eine Besonderheit zu sein…

Was aber dieses Argument so lächerlich macht, ist der Umstand, dass die Pharmaindustrie an der Behandlung der Krankheiten, die durch die Impfungen massiv zurückgedrängt werden, ungleich mehr verdienen würde. Impfungen haben einen hohen, gut nachgewiesenen volkswirtschaftlichen Nutzen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis im Hinblick auf die Vermeidung von Behandlungskosten wird bis zu 1:90 angegeben, dabei sind ethische und soziale Gesichtspunkte noch nicht berücksichtigt.(Quelle: http://flexikon.doccheck.com/de/FlexiEssay:Klinische_Pharmakologie)
Ein einziger klinischer Fall von Masernkomplikation dürfte der Pharmaindustrie mehr einbringen als das Durchimpfen von fünfhundert Schulklassen. Also müsste die Pharmaindustrie doch daran interessiert sein, die Sache mit der Impfung zu verhindern statt zu fördern, oder nicht?

Ach ja, ich vergaß… Impfungen wirken ja eh nicht …

Ich vergifte mein Kind doch nicht mit Quecksilber!

Wenn man mal so den Kreuzzug der Impfgegner in Sachen Thiomersal, einem Zusatz zur Haltbarmachung von Impfstoffen, verfolgt, so hat man das Gefühl, dass es mit dem Chemieunterricht in unserem Land nicht weit her sein kann…

Immerhin ist schon mal hängengeblieben: Quecksilber ist giftig. Deshalb ist das heute auch nicht mehr im Fieberthermometer. Ist ja schon mal was. Und was noch wohlbekannt ist: Thiomersal. Das ist QUECKSILBER!!!

Thiomersal, C9 H9 Hg Na O2 S. Eine komplexe Verbindung, das Natriumsalz einer Quecksilber-Kohlenstoff-Verbindung. Die völlig andere chemische Eigenschaften hat als reines Quecksilber. Überwiegend übrigens in Kosmetika eingesetzt, die damit ohne Warnhinweis gehandelt werden dürfen (da als harmlos eingestuft) und die die besorgte Impfmama sich bedenkenlos ins Gesicht schmiert.

Abgesehen davon, dass eine chemische Verbindung völlig andere Eigenschaften aufweist als die darin enthaltenen Elemente (das ist das, was die Chemie so interessant macht): Was ist drin in Thiomersal?:
Neun Atome Kohlenstoff, neun Atome Wasserstoff, ein (!!) Atom Quecksilber, zwei Atome Sauerstoff, ein Atom Schwefel. So gesehen, hat das Quecksilber eh 21:1 verloren…
Schon mal drüber nachgedacht, dass Kochsalz -NaCl- nach den Gedankengängen der Impfgegner höchstgradig giftig sein müsste, denn es enthält das hochgiftige Metall Natrium und das giftige Reizgas Chlor, zu gleichen Teilen!

Und wozu die ganze Aufregung? In den in Deutschland verwendeten Standardimpfstoffen ist schon seit vielen Jahren kein Thiomersal mehr drin. Warum nicht? Ganz einfach, wird nicht mehr gebraucht. Wieso das? Na, heute sind die Impfdosen unter Luftabschluss in Einmalampullen verpackt, früher kamen sie Injektion für Injektion aus der Flasche, bis die leer war. Sollte wohl einleuchten, dass da mehr Zusätze erforderlich waren, um die Haltbarkeit sicherzustellen.

Ich erkläre die Quecksilbernummer damit für erledigt.

Kinderkrankheiten sind natürlich, sie bringen den Kindern einen Reifeschub.

Krankheiten, im Besonderen Kinderkrankheiten, zu natürlichen und deshalb gar wünschenswerten Vorgängen zu erklären, ist ein Ausfluss eines völlig falschen Begriffs von Natürlichkeit. Er beruht auf einer romantischen Verklärung des Naturbegriffs, auf der Wunschvorstellung vom Reinen, Unberührten, Guten und Schönen. Eigentlich sollte jedem klar sein, dass das ein Luftschloss ist. Fragt einfach mal einen Farmer aus den US-Südstaaten, wie natürlich er es findet, dass er jedes dritte Jahr sein Haus durch einen Tornado verliert. Oder die Menschen in Ostafrika, für wie natürlich sie eine dreijährige Dürre ohne einen Tropfen Regen halten. Oder einfach nur eine ganz normale Großstadtfamilie hier bei uns, wie sie zur Natur steht, wenn sie sich bei zunehmend schlechtem Wetter schlicht im Bayerischen Wald verlaufen hat.

Die Natur greift uns als Lebewesen von allen Seiten und auf vielen Ebenen an. Die Natur als solche hat kein Interesse an unserem individuellen Dasein. Unser Dasein, unsere Lebensexistenz hängt stets an einem dünnen Faden. Von sich aus tut uns die Natur nichts Gutes.

Sie greift uns auch mit Krankheiten an. Nicht, um uns damit „stärker zu machen“ oder „Kinder reifen zu lassen“. Bakterien greifen uns an, weil sie in unserem Körper gute Bedingungen für die eigene Vermehrung finden, leider auf Kosten unserer Gesundheit.  Bei Viren ist das auch nicht groß anders, nur dass Viren keine Lebewesen, sondern Erbgutbruchstücke sind, die sich nur vermehren können, wenn sie dafür eine Wirtszelle als „Medium“ benutzen – was zwangsläufig auch nicht gesund für den Wirt ist. Beide fahren damit „nur“ ihr Überlebensprogramm- und scheren sich dabei nicht um die Folgen für den Wirt bzw. den Überträger. DAS ist natürlich.

Hört mit dieser verrückten pseudoromantischen Verklärung des „Natürlichen“ auf. Seid froh über die Errungenschaft der Impfung, die die Kindersterblichkeit innerhalb von hundert Jahren um unfassbare Größenordnungen gesenkt hat.

Dass Aluminium total schädlich ist, weiß doch jeder – schon aus der Deo-Werbung!

Tja. Das ist wieder ein anderes Kapital als die Quecksilber-Sache, die sich irgendwie als Selbstläufer verbreitet hat. Hier haben wir nämlich einen Fall, wo durch einen selbsternannten Experten aus purem Eigennutz eine unhaltbare Propaganda aufgezogen worden ist, die schändlicherweise bei vielen Menschen die Unsicherheit in Sachen Impfen erheblich verstärkt hat. Übelste Panik- und auch Geschäftemacherei. Die Naivität und Uninformiertheit eines an sich renommierten Fernsehsenders hat damals dieser Geschichte leider auch noch breite Öffentlichkeit verschafft. Die Geschichte breite ich hier nicht groß aus, es gibt im Internet hierzu viele Materialien. Einen Einstieg findet man zum Beispiel beim verdienstvollen Psiram-Portal, unter
https://blog.psiram.com/2013/08/angst-essen-verstand-auf-oder-die-akte-aluminium-von-bert-ehgartner/.

In der Tat gibt es Impfstoffe, in denen Aluminiumverbindungen enthalten sind. Der Grund ist, dass manche Impfungen ohne Aluminiumsalze nicht wirksam wären, sie werden als eine Art Katalysator zur Wirkungsfreisetzung im menschlichen Körper gebraucht.. Das Europäische Arzneihandbuch schreibt einen Grenzwert von 1,25 Milligramm Aluminium pro Impfdosis fest. Die in Deutschland zugelassenen Impfstoffe unterschreiten diesen Grenzwert gewaltig, um bis zu 90 Prozent: Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) beziffert deren Aluminiumanteil auf zwischen 0,125 und 0,82 Milligramm je Impfdosis.. In der MMR-Standardimpfung ist gar kein Aluminium enthalten.

Wie aber steht es, mal von alledem abgesehen, von der Gesundheitsschädlichkeit dieser Aluminiumanteile insgesamt?

Die Aluminiumwarner behaupten -neben allerlei widerlegtem bzw. völlig unbelegtem Blödsinn, siehie den Psiram-Artikel- in letzter Zeit vor allem, dass die „belasteten“ Impfdosen makrophagische Muskelentzündung (MMF) auslösen können. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass Aluminiumhydroxid maßgeblicher Auslöser für MMF , eine sehr seltene, erstmals 1998 aufgetretene Krankheit übrigens, ist. Das Paul-Ehrlich-Institut ist auch die Überwachungsstelle für gemeldete Impfschäden. Als solches betont es,  dass sich „auch aus der regelmäßigen Auswertung der Verdachtsfälle von Impfkomplikationen […] kein Risikosignal für MMF und systemische Reaktionen nach aluminiumhaltigen Impfstoffen […] ergibt.“ Es ist schon so, dass in der Nähe von Einstichstellen auch „eingekapselte“ mikroskopische Aluminiumhydroxidkristalle gefunden werden können. Da lag es zwar nahe, auch einen Zusammenhang mit lokal auftretender MMF zu vermuten. Nur – diese Vermutung blieb unbestätigt. Dies hat bereits 2003 die zuständige Kommission der Weltgesundheitsorganisation festgestellt und 2008 aufgrund weiterer Untersuchungen ausdrücklich nochmals unterstrichen. Vielleicht sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass Aluminiumhydroxid seit über 80 Jahren als Impfstoff-Adjuvans verwendet wird, früher in weitaus höheren Dosen als heute…

In sehr seltenen Fällen gibt es eine Kontaktallergie auf Aluminium, die sich aber nur in einer kurzfristigen Rötung der Kontaktstelle bemerkbar macht und damit um ein Vielfaches geringer ist als z.B. die durch Brennnesseln ausgelöste Kontaktreaktion. Wer Genaueres wissen möchte, findet dies hier:
http://www.pei.de/DE/infos/fachkreise/impfungen-impfstoffe/faq-antworten-impfkritische-fragen/impfung-aluminium/impfung-aluminium-node.html

Trotz alledem wird weiter auf der angeblichen krankheitsauslösenden Wirkung von Impfdosen mit Aluminiumhydroxid herumgeritten. Das ist fast vergleichbar mit der alten Geschichte, wonach Impfungen Autismus auslösen würden. Wer diese Sache nicht oder nicht mehr im Hinterkopf hat: Der Verantwortliche, eine gewisser Dr. Andrew Wakefield, musste nach scharfer Kritik seine Studie zurückziehen und sogar einräumen, Ergebnisse manipuliert zu haben. Außerdem kam raus, dass er von Anwälten, die Prozesse gegen Impfmittelhersteller wegen des angeblichen Autismus-Risikos führten, auch noch recht großzügig geschmiert worden war. Ihm wurde Berufsverbot erteilt, was ihn nicht daran hindert, bis heute -vor allem in den USA- mit seinen auf übelste Art und Weise zustande gekommenen Thesen hausieren zu gehen.Er dürfte so manche vermeidbare impfpräventable Krankheit, vor allem in Großbritannien, auf dem Gewissen haben.

Nebenbei ist Aluminium das in der Erdkruste mit Abstand am häufigsten vorkommende Metall. Wir werden alle sterben!

Das Risiko von Impfschäden ist viel zu groß, mein Kind soll lieber natürlich krank werden!

Die Sache mit der Natürlichkeit haben wir oben ja schon erledigt. Deshalb hier noch der Teil mit den Impfschäden.

Wie schon erwähnt, sind Impfschäden und der Verdacht darauf meldepflichtig. Das Paul-Ehrlich-Institut führt die Daten zusammen, beurteilt im Einzelfall, ob tatsächlich ein Impfschaden vorliegt und behält den Gesamtüberblick, um die eigentlichen, über die Meldung von Einzelfällen hinausgehenden Alarmzeichen erkennen zu können: Die Häufung von gleichen Symptomatiken in gleichen Alterskohorten. Immerhin garantiert der Staat, auch wenn er derzeit keine Impfpflicht verhängt hat, den Ersatz für Schäden, falls solche die im Rahmen der empfohlenen Schutzimpfungen auftreten sollten. Irgendwelche Warnrufe oder sonstige spektakuläre Äußerungen des PEI hat man sehr lange Zeit nicht vernommen.

Es gibt aber noch andere „Überwacher“, nämlich das eine oder andere Portal im Internet, das sich tatsächlich oder angeblich mit der „Dokumentation von Impfschäden“ und womöglich mit der „Interessenvertretung von Geschädigten“ befassen. Auf diesen Seiten findet man manche Erlebnisberichte, die durchaus auch traurige Schicksale beschreiben. Was man aber durchweg nicht findet: Fälle, bei denen die Kausalität, also der ursächliche Zusammenhang zwischen Krankheit bzw. Behinderung und Impfung belegt ist. Wie auch. Die kann man nur beim PEI finden. Was man aber noch findet – fanatische Impfgegnerschaft. Leider.

Kurz und knapp: Das Risiko eines Impfschadens ist um mehrere Zehnerpotenzen kleiner als das Risiko, eine ernsthafte Komplikation einer impfpräventablen Krankheit zu erleiden.

Herdenschutz ist Quatsch, gibt es gar nicht!

Das hört man von vielen Impfgegnern. Ein Einwand, den ich eigentlich nie habe nachvollziehen können (und ich bin schon einiges gewohnt).

Es scheint so zu sein, dass das Konzept des Herdenschutzes wohl wirklich weitgehend intellektuell nicht verstanden wird. Wenn ich höre und lese, wie sich manche Leute mit ihrer eigenen Gesundheit und der ihrer Kinder brüsten und gleichzeitig den Begriff des Herdenschutzes lächerlich machen, vergeht mir jede gute Laune. Sie profitieren vom Herdenschutz und leugnen ihn gleichzeitig.

Deshalb hier noch einmal eine ganz einfache Erklärung. Wie oben schon ausgeführt, besteht die einzig erfolgversprechende Taktik der Abwehr von epidemiologischen Viruserkrankungen darin, zu verhindern, dass eine ununterbrochene Kette potenziell ansteckungsfähiger Menschen entsteht. Dies erreicht man durch ein Netz der Immunisierung durch Impfung. Dies wiederum setzt aber voraus, dass ein hoher Prozentsatz der Population (den man berechnen kann) wirklich immunisiert sein muss. Wird das Netz an zu vielen Stellen löchrig, entstehen Brücken, über die hinweg das Virus wieder eine Kette bilden und sich damit epidemisch, also durch fortlaufende Ansteckung, verbreiten kann. Dann ist Schluss mit Herdenschutz. Dann trifft es die nicht Immunisierten. Und dazu gehören nun nicht einmal nur die Impfgegner, sondern auch Menschen, die aus verschiedensten Gründen nicht immunisiert werden können. Und für deren Ansteckung trägt derjenige die Verantwortung, der mit seinem gleichgültigen Verhalten dazu beigetragen hat, das Netz der Immunisierung zu durchlöchern.

Auch Impfgegner geraten in eine veritable Panik, wenn zum Beispiel ein Ebolafall bekannt wird, der nach Deutschland eingeschleppt wurde. Alle sind froh, wenn der Betroffene und seine Kontaktpersonen so schnell wie möglich in die Seuchenquarantäne gesteckt werden. Warum eigentlich? Ganz einfach. Weil es für diese Virusinfektion keine Durchimpfung hier bei uns gibt. Und damit auch keinen Herdenschutz. Was ja eigentlich einen gestandenen Impfgegner nicht groß beunruhigen dürfte…

Bitte mal intensiv drüber nachdenken.

Und der derzeitige Hit:
Mein Kind gehört mir! Ich treffe meine selbstverantwortliche Impfentscheidung!

Das Kind „gehört“ mir keineswegs, ich trage nur Verantwortung für es. Nur… Nie steht man der Verantwortungslosigkeit näher als in dem Moment, wo man glaubt, eine verantwortliche Entscheidung zu treffen.

Bei einer so gut erforschten und unglaublich erfolgreichen  Maßnahme wie dem Impfen -jedenfalls bei den offiziell empfohlenen Schutzimpfungen- tritt der Aspekt der individuellen Abwägung von Chancen und Risiken doch eindeutig in den Hintergrund. Sobald ich die Berechtigung einer solchen Chancen-Risiken-Abwägung für durchweg nicht- bis desinformierte medizinische  Laien bejahe, überschreite ich die Grenze zur Irrationalität. Ich glaube nicht, dass z.B. ein Facharzt oder ein Immunologe von einer individuellen Chancen-Risiken-Abwägung sprechen würde, wenn er seine Kinder zum Impfen bringt.

Die offiziellen Impfempfehlungen beruhen auf vielfach gesicherten epidemiologischen Daten, die die Chancen-Risiko-Abwägungen sozusagen eingebaut enthalten. Wer glaubt, ungeachtet dieser vielfach abgesicherten Empfehlungen als Laie  eine „individuelle Impfentscheidung“ treffen zu können, der handelt -höflich ausgedrückt- schlicht irrational und damit verantwortungslos. Es kann allenfalls die Aufgabe eines kundigen Arztes sein, im Einzelfall zu prüfen, ob möglicherweise eine Kontraindikation vorliegt. Das wird der Impfarzt auch tun, gern auch ein anderer Arzt des Vertrauens. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden.

Ich glaube übrigens persönlich gar nicht, dass es individuelle Impfentscheidungen vor einem solchen scheinrationalen Hintergrund überhaupt in nennenswertem Umfang gibt. Abgewogen wird doch nicht, allenfalls abgeurteilt:  Kinderkrankheiten gibt es entweder gar nicht, nicht mehr, sind harmlos oder gar nützlich; Impfungen sind wahlweise Goldesel für die Pharmaindustrie, Maßnahme zur Ausrottung des Volkes oder widersprechen der natürlichen Lebensweise. Ich hoffe sehr, dass ich einiges von diesen immer wiederkehrenden Irrtümern und Fehldeutungen hier habe geraderücken können.

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Zum Schluss noch einmal ein Zitat von Prof. Dr. Beda Stadler:
„Es gibt kein Menschenrecht auf Ansteckung von anderen Menschen.“

Liebe Impfgegner, schreibt euch das hinter die Ohren. Werft eure irrationalen Feindbilder über Bord und lasst euch überzeugen. Es geht um unsere Kinder.

Homöopathie unter Ockhams Rasiermesser

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William Ockham, offensichtlich nach der Rasur. (Titelbild der „Logica“)

Ein wenig Wissenschaftstheorie – keine Angst!

Wissen Sie, lieber Leser, was man unter „Ockhams Rasiermesser“ versteht? Nein, liegt nicht im British Museum. Es ist ein auf William Ockham (1288–1347) einem Philosophen und Naturforscher der späten Scholastik, zurückgehender Begriff, der als einer der wenigen aus so früher Zeit auch heute noch wissenschaftstheoretisch Bedeutung hat. Ockhams Rasiermesser hat sich sehr darin bewährt, pseudowissenschaftliche Streu vom wissenschaftlich interessanten Weizen zu unterscheiden. Nun ja, mit ihrer Pflicht zur Tonsur war das Wissen über ordentliche Rasiermesser zweifellos auch schon in mittelalterlichen klerikalen Kreisen weit verbreitet.

Es wird auch das Prinzip der „Sparsamkeit statt Vielfalt“ genannt. Einer der zugrunde liegenden Gedanken ist, dass die Hinzunahme immer neuer Hypothesen und Variablen eine Theorie immer schwerer verifizierbar macht und diese im Endeffekt im Nebel der Nicht-Verifizierbarkeit entschwindet. Was diejenigen, die eine Behauptung aufstellen, in eine komfortable Situation bringt: Sie versuchen mit dem Hinweis, eine Widerlegung sei ja nicht gelungen, ihre eigene positive Beweispflicht umzukehren. Kommt das jemand bekannt vor?

Ockhams Prinzip kommt in zwei Sätzen zum Ausdruck:

  • Von mehreren möglichen Erklärungen für den gleichen  Sachverhalt ist die einfachste Theorie bis zum expliziten Beweis des Gegenteils allen anderen vorzuziehen.
  • Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt kausal-logisch folgt.

Achtung, Benutzerhinweis: Ockhams Rasiermesser ist kein Kriterium für die Richtigkeit einer Theorie oder Hypothese im Sinne heutiger Wissenschaftlichkeit. Sie ist aber ein sehr wirkungsvolles Instrument,  um auf den Schlüssigkeitsgehalt, die Konsistenz, einer solchen zurückzuschließen, eine der Methoden, um Bullshit von Diskutablem zu unterscheiden, und hat sich dabei außerordentlich bewährt. Die Wissenschaftsgemeinde betrachtet neue Theorien, die offensichtlich allzuviel Nebenannahmen und Variablen anführen, mit äußerstem Misstrauen. Zu Recht.

 

Bitte entspannt sitzenbleiben, wir schreiten zur Rasur!

Die Homöopathie erscheint auf den ersten Blick so schön „ganzheitlich“, so „einfach“, so geschlossen. Einem Test mit Ockhams Rasiermesser hält sie aber nicht stand. Warum?

Es liegt an den Variablen, der Subjektivität und Unverbindlichkeit der Arzneimittelprüfung und der darauf beruhenden Repertorien, der Verzeichnisse, die die Symptombilder und die angeblich dazu gehörenden homöopathischen Mittel enthalten. Sie sind die „undichte Stelle“ der Homöopathie, an der schon die früheste Kritik der Methode ansetzte, als man Hahnemanns Konzepte von der gestörten „geistartigen Lebenskraft“ noch für immerhin diskutabel hielt.

Hahnemann hatte sein schönes Gedankengebäude, vom Similieprinzip bis zur Potenzierung, dogmatisch, auf wenigen Hypothesen beruhend. Man hätte also annehmen können, dass es dem Prinzip der Einfachheit durchaus genügte. Was die Hypothesen betrifft. Aber das waren ja nur die Hypothesen, das noch leere Gefäß, dass mit den Variablen gefüllt werden musste, mit denen überhaupt erst eine Relevanz für die Praxis der „einzig wahren Heilkunst“ gegeben war.

Hahnemann und seine Jünger begannen dann damit, alle möglichen und unmöglichen Stoffe im Rahmen von Arzneimittelprüfungen am Gesunden zu „testen“. Schon dieser „Blindflug“ nach dem Motto „Masse statt Klasse“ bzw. „Irgendwas wird schon rauskommen“ fällt Ockhams Rasiermesser zum Opfer. Diese Vorgehensweise infiziert nämlich das schöne Gedankengebäude der Homöopathie mit dem Virus der Beliebigkeit, man könnte auch sagen, der Grenzenlosigkeit. Denn es geht ja erst einmal davon aus, dass unendliche viele Prüfstoffe mehr oder weniger unendlich viele Symptombilder ergeben können.

Ja, und das tun sie auch. Das kommt dann in den immer dicker werdenden Repertorien zum Ausdruck. Die werden nicht nur deshalb immer dicker, weil sich die Homöopathen nach wie vor mangels Kriterien auf jeden neuen Stoff stürzen, dessen sie habhaft werden können (Plutonium, Berliner Mauer, Weltraum-Vakuum), sondern auch daher, dass die Symptombeschreibungen bei den Arzneimittelprüfungen völlig unspezifisch sind. So tauchen z.B. „leichte Magenbeschwerden“ zusammen mit „Träumen von Feen“ auf, bei einem anderen „Träumen von Feen“ zusammen mit andauerndem Kopfschmerz, bei einem dritten der andauernde Kopfschmerz zusammen mit einem deutlichen Unwohlsein bei schlechtem Wetter. Da werden dann Symptomsammlungen in den Repertorien kombiniert und differenziert, was das Zeug hält. Und es wird immer mehr. Eine Flut von Variablen, geradezu ein Meer. Potenziell unendlich. Wo bleibt hier die Begrenzung der Variablen, die in klaren, logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt -in diesem Fall Diagnose und Therapie am homöopathischen Patienten- logisch folgt? Von Widersprüchlichkeiten ganz abgesehen.

Es kommt aber noch schöner. Prokop (Der moderne Okkultismus, Voltmedia / Urban & Fischer, 2006) weist darauf hin, welche Unlogik der Tatsache innewohnt, dass man auch schon das eine oder andere homöopathische Mittel „aufgegeben“ hat, obwohl dieses doch erst durch Ergebnisse der Arzneimittelprüfung mit angeblich klarer Symptomatik in die Repertorien gelangt ist!?! Genau wie die anderen, die man belassen hat! Wie kann das sein? Haben sie keine Wirkung gezeigt? Sind bei erneuten Arzneimittelprüfungen andere Symptome herausgekommen? Na, das wären ja dann schöne Beweise gegen das ganze Konzept der Homöopathie… Das ultimative Rasiermesser, sozusagen.

 

Wie war das noch mit dem Ausspruch Einsteins über die Unendlichkeit?

Die einzigen, die mit potenziell unendlichen Variablen in der Wissenschaft arbeiten, sind meines Wissens die Astrophysiker. Aber die sind sehr vorsichtig mit ihren Aussagen, so lange nur mathematische Modelle ohne Bestätigung durch wiederholte Beobachtung vorliegen. Im Gegensatz zu den Homöopathen, die kein Problem damit haben, ihre „Heilkunst“ potenziell ins Unendliche ausdehnen.

Nach Einstein gibt es nur zwei potenziell unendliche Phänomene. Eins davon ist das Universum. Zudem sind wir heute schon weiter als Einstein. Wir wissen, dass beide Phänomene sich trotz ihrer potenziellen Unendlichkeit immer weiter ausdehnen.

 

 

Bildnachweis:

1: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=457963

El Cid und die Homöopathie II

burg
Da wohnen noch welche drin…

Hier nun die angekündigte Fortsetzung der Moritat vom Leben und vom langem Tod der Homöopathie…

… wobei in Ergänzung zu Teil 1 noch erwähnt werden soll, dass es schon recht früh im 19. Jahrhundert ganz ordentlich konzipierte Versuche gab, die Wirkung der Homöopathie zu verifizieren. Mit nicht sehr schmeichelhaften Ergebnissen für Hahnemanns Methode. Zum Beispiel:

  • 1834: Seidlitz / Gödecken, St. Petersburg: Die ersten Versuche gegen echte Placebos. Ergebnis für die Homöopathie: Negativ. Gleiche Effekte bei Leerpräparaten und bei homöopathischen Mitteln.
  • 1834: Trousseau / Gouard, Paris. Ausschließliche Gabe von Scheinpräparaten. „Gute Erfolge“ bei Phtisis (Schrumpfung und Atropie des Augapfels) nach Beurteilung von homöopathischen Ärzten, die von einer Einnahme homöopathischer Präparate ausgingen.
  • 1834: Andral (Pitié, Paris). Erprobung von fünf hahnemannschen Standardpräparaten. Ergebnis für die Homöopathie: negativ. Keine spezifische Wirkung feststellbar.
  •  1835: „Nürnberger Kochsalzversuch“ an 55 Probanden, bei dem potenziertes Kochsalz gegen potenzierte Holzkohle geprüft wurde. Das Ergebnis für die Homöopathie: Negativ. Keine Spezifika in den Symptombildern bei den Prüfgruppen erkennbar.
  • 1837: Stürmer, Civilhospital St. Petersburg. Behandlung unterschiedlicher syphilitscher Symptome. Ergebnis für die Homöopathie: negativ. Eine Behandlung mit „Brotpillen“ ergab gleiche Ergebnisse wie die mit homöopathischen Präparaten.

Quelle: O.u.L. Prokop, Homöopathie und Wissenschaft, Enke, Stuttgart 1957

So ist es kein Wunder, dass die Homöopathie in den zahlreichen medizinischen Handbüchern dieser Zeit nirgendwo mehr als einen Platz am Rand einnahm. Niemals den als lege artis.

So, nun aber.

Post mortem

Trotz ihres leisen Todes etwa um die 1850er Jahre hatten sich die Anhänger und Ausübenden der Homöopathie Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts relativ unbehelligt in ihrer Nische eingerichtet. Homöopathische Praxen gab es erstaunlicherweise in erheblicher Zahl, damals durchweg von approbierten Ärzten betrieben (den „Heilpraktiker“ gab es damals ja noch nicht). Übrigens flankiert von einer Reihe sogenannter „homöopathischer Laienvereine“.

Diese Zeit, etwa von der Mitte des 19. bis Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, war diejenige,  in der die rasante wissenschaftliche Entwicklung an den Homöopathen vorbeizog, ohne die notwendige Einsicht in den schon erfolgten Tod der Methode zu bewirken. Ein Effekt des Nicht-Wahrhaben-Wollens, des Leugnens aus Gründen der Selbsterhaltung und des Selbstbildes, der zudem die Begrifflichkeit der „alternativen“ oder „komplementären“ Medizin hervorbrachte. Man kann dem Ganzen vielleicht zugute halten, dass die Konsolidierung der Medizin als zunehmend objektivierte Naturwissenschaft bei Vielen gar nicht ins Bewusstsein eindrang und immer noch auf „Erfahrungsmedizin“ gesetzt wurde. Vielleicht ist es gar nicht so ein großer Zufall, dass in diese Zeit auch die Konzepte von Freud und Jung zum Verdrängungsmechanismus entwickelt wurden. Nicht nur auf dem Gebiet der Medizin veränderte sich die Welt wie nie zuvor. Die Zeit war reif, und nicht jeder konnte folgen.

Anfang der 20er Jahre wurde von rührigen Propagandisten, allen voran August Bier, die Einrichtung eines Lehrstuhls für Homöopathie an der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität erreicht. Nicht zuletzt dadurch ausgelöst, plante das Reichsgesundheitsamt (RGA) ab 1925, die Behauptungen und Versprechungen der Homöopathen in einer groß angelegten objektiven Untersuchung auf universitären Niveau, aber konzipiert und begleitet von den Homöopathen selbst, auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen.

Da gut Ding bekanntlich immer Weile haben will und sich der bekannte Zentralverein homöopathischer Ärzte (der stolz darauf hinweist, die älteste deutsche Ärztevereinigung in Deutschland zu sein, aber unterschlägt, dass er nur die Aufgabe hatte, über die Reinheit der Hahnemannschen Lehre zu wachen) auch nicht so recht bequemen konnte oder wollte, dauerte die ganze Sache. Bis von unerwarteter Seite Schub in die Angelegenheit kam.

 

Der Donner-Report und die Protokolle der Untersuchung durch das Reichsgesundheitsamt
1936 – 1939

Eins sei vorausgeschickt. Diese Untersuchung und ihre Ergebnisse sind völlig unverdächtig, irgendwie mit nationalsozialistischer Ideologie zusammenzuhängen. Es gibt nicht den mindesten Grund, sie etwa aus dieser Sicht zu diskreditieren. Im Gegenteil, die NS-Ideologen hatten auf ganz andere Ergebnisse gesetzt, als die, die hinterher zu konstatieren waren. Es handelt sich bei den Aktivitäten des RGA wohl um die fundiertesten und objektivsten Untersuchungen, die jemals zur Homöopathie durchgeführt worden sind.

Wie so vieles andere, fanden die Nationalsozialisten in den Schubladen des Gesundheitsministeriums auch die Vorüberlegungen zu der lange angedachten Großstudie über Wirkungskraft und Wirkungsweise (ja, das wollte man auch wissen) der Homöopathie. Dies verband sich nun mehr oder weniger mit dem sehr typischen NS-Gedanken, so etwas wie eine „deutsche Medizin“, weltweit überlegen und ideologisch unterfüttert, zu etablieren. Könnte das nicht die Homöopathie sein? Gesagt, getan.

Das Reichsgesundheitsamt meint es ernst

Nun muss man wissen, dass die Fachleute des Reichsgesundheitsamtes zum ganz überwiegenden Teil nicht Bürokraten oder Verwaltungsjuristen waren, sondern gestandene medizinische Fachleute, die ihren Job äußerst ernst nahmen. Eine Expertise irgendeines Verbandes oder „externer Sachverstand“, wie er heute üblich ist und immer die Gefahr von Lobbyismus und Verzerrungen der Ergebnisse in sich birgt, war damals nicht nötig. Das besorgten die Fachleute des RGA alles selbst. Sie öffneten dem Zentralverein der Homöopathen ihre Tore, stellten Ressourcen zur Verfügung, ließen ihm freie Hand bei Konzeption und Durchführung der einzelnen Prüfvorhaben und schauten kritisch zu. Bekannte Praktiker der homoöpathischen Szene wurden zur Begutachtung und Erklärung hinzugezogen – zu diesen gehörte auch Dr. Fritz Donner, der damals klinischer Homöopath an der Rudolf-Virchow-Klinik in Berlin war und kritische Praxiserfahrung schon aus dem Stuttgarter Homöopathischen Krankenhaus mitgebracht hatte.

„Der größte Tag in der Geschichte der Homöopathie“

Die Eröffnungstagung im Herbst 1937 feierten die Homöopathen schon als den „größten Tag in der Geschichte der Homöopathie“ (Dr. Stiegele, Direktor des homöopathischen Krankenhauses Stuttgart, nach Donner). Verständlich, in der Aussicht auf „hunderte Millionen Reichsmark“ Forschungs- und Unterstützungsgelder und die offizielle Etablierung der Homöopathie als herausgehobener Teil des Gesundheitswesens. Leider sorgte bereits gleich zu Anfang ausgerechnet der damalige Chef des DZVhÄ, Rabe, für eine gewisse Irritation, indem er im Überschwang der Begeisterung per Zwischenruf mal gleich klarstellte, dass die Homöopathie auf einer ganz anderen Ebene anzusiedeln sei als die schnöde Schulmedizin, was man an den „mit Sicherheit“ eintretenden Symptombildern beispielsweise bei Digitalis in Potenzierungen von C200 oder gar C1000 erkenne. Leider bezweifelte gleich an Ort und Stelle einer der führenden deutschen Pharmakologen höflich, aber bestimmt diese Aussage unter Hinweis darauf, dass gerade Digitalis die wohl (damals) am intensivsten erforschte Droge sei, er sich aber gerne so schnell wie möglich von Rabes hochgesteckten Versprechungen überzeugen lassen möchte. Was, da der im Brustton der Überzeugung versprochene klare Beweis ausblieb, gleich mal eine nette Peinlichkeit war.

Diese Szene sollte sich als geradezu symptomatisch für den Fortgang des Projektes erweisen. Rabe wollen wir das mal nicht so übelnehmen, er war zwar Präsident des Zentralvereins, aber vorher Allgemeinmediziner gewesen und hatte nach einem vierwöchigen Homöopathiekurs kurzentschlossen seine Praxis voll auf Hahnemann ausgerichtet. Donner beschreibt seine Wissenslücken durchaus als peinlich. Er wird uns später nochmals begegnen.

Die Autopsie beginnt

Donner beschreibt umfangreich, wie die Homöopathen im Rahmen der Planungsphase der konkreten klinischen Prüfungen bereits mit angeblichen Evidenzen nur so um sich warfen, die er aus seiner Praxis als selbstkritischer und langjährig erfahrener Homöopath gegenüber den Vertretern des RGA, die ihn dazu befragten, ständig zurechtrücken musste. So kam es dann, wie es kommen musste.

apis
Apis D1 auf cape margeruite D1  – Test

Die Homöopathen konnten sich weder auf Arzneimittelbilder noch auf Arzneimittelprüfverfahren einigen, endlose Diskussionen gingen den konkreten Versuchen voraus. Dabei musste von vornherein viel ausgeschieden werden, was längst auch unter Homöopathen als unhaltbar galt. Das Reichsgesundheitsamt zeigte sich dabei offen und ging so ziemlich auf alles ein, was die Homöopathen vorschlugen. Um sich eine Vorstellung vom Umfang des Projektes zu machen, hier ein Auszug aus Donners Bericht:

„Es war geplant, dass, falls sich in den ersten Jahren eindeutig erweisen sollte, dass an der Homöopathie tatsächlich etwas dran ist, dann sämtliche Universitätsinstitute und Kliniken sowie alle führenden Krankenanstalten herangezogen werden sollten, um die Homöopathie zu erforschen. An jeder Universität sollte eine Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus einem Homöopathen, einem Internisten und einem Pharmakologen, aufgestellt werden, die dann Arzneiprüfungen und therapeutische Untersuchungen durchführen werden. An Prüfpersonen bestehe kein Mangel, da u.a. alle Mitglieder homöopathischer Laienverbände dazu aufgefordert werden können. Bei den jeweiligen Prüfungen dürften die homöopathischen Ärzte nur angeben, welche Art von Prüfpersonen sie hier für besonders geeignet halten. Wünschen sie etwa Frauen in den Wechseljahren für eine Sepiaprüfung, dann wird man eben Frauen in den gewünschten Altersstufen dafür gewinnen. Es wurden also der Homöopathie Möglichkeiten geboten, wie sie sie seit ihrem Bestehen noch nie gehabt hat.

Damals betrug die Zahl der medizinischen Fakultäten und Akademien in Deutschland rund 26; da man für große Universitäten nicht nur eine, sondern zwei Arbeitsgruppen plante, so kam man auf 30 Stellen für die Überprüfung der Homöopathie. Werden Arzneiprüfungen sowohl im Sommer- wie auch im Wintersemester durchgeführt, dann könnten 60 Mittel pro Jahr durchgenommen werden. Auch wenn man die ‚Großen Mittel‘ zweimal oder gar dreimal nachprüfen will, dann konnte man damit rechnen, dass in etwa 6 Jahren 250 der wichtigsten homöopathischen Medikamente jeweils an einer großen Zahl von Prüfpersonen mit allen heutzutage üblichen Kautelen überprüft sein werden.“

Donners Bericht enthält so viel Hinweise auf Fehler und Missdeutungen der damals tätigen Homöopathen, dass man kaum glauben mag, dass er zu diesem Zeitpunkt selbst als homöopathischer Kliniker tätig war. Seine Skepsis wuchs während der Überprüfungen mehr und mehr. Sein Bericht ist mehr als lesenswert, er steht unter http://www.kwakzalverij.nl/behandelwijzen/homeopathie/der-donner-bericht/
zum Lesen zur Verfügung. Die Rechte daran hält das Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, ein PDF des Donner-Berichts für persönliche Zwecke kann jedoch dort heruntergeladen werden. An dieser Stelle kann naturgemäß nur ein kleiner Teil des Inhalts wiedergegeben werden.

Hurra, wir kapitulieren!

Die dort berichteten Vorgänge sprechen für sich. Nach anderthalb Jahren an Testreihen und Therapien stellten die Vertreter des RGA als Zwischenergebnis fest, man müsse wahrheitsgemäß erklären, „dass bei der Arzneiprüfung nichts herausgekommen ist und dass bei den klinischen Versuchen bei keinem einzigen Patienten eine irgendwie für eine therapeutische Wirkung der eingesetzten Arzneien sprechende Reaktion eingetreten ist.“ Donner bat, dies zunächst noch nicht an den Präsidenten des RGA zu berichten und noch weitere Untersuchungen abzuwarten.

Nach den Erörterungen, wie man sinnvollerweise weiter vorgehen solle und der ungebrochenen Bereitschaft des RGA, den Homöopathen notfalls für die Untersuchungen ganze Klinikabteilungen einzurichten und mit Kranken zu belegen, kam es dann zu einer entscheidenden Äußerung des DZVhÄ-Präsidenten Rabe gegenüber Donner:

„Als anschließend H. Rabe mit mir das Krankenhaus verließ, überraschte er mich mit der Bemerkung, er müsse jetzt dringend sehen, wie er diese Überprüfungen sabotieren könne. Einen stichhaltigen Grund habe er zwar noch nicht gefunden, da alles so überaus korrekt und kollegial ihm gegenüber durchgeführt worden wäre. Hoffentlich falle ihm noch etwas ein, denn sonst müsse er zum Reichsgesundheitsführer Dr. Conti gehen und ihn dringend auffordern, die Überprüfungen der Homöopathie sofort abbrechen zu lassen, denn ‚wir können doch das gar nicht, was wir behaupten‘ (wörtlich gesagt!!). Aber nach all dem, was er mit Conti, Rudolf Hess und Prof. Reiter in Sachen Homöopathie vorgebracht habe, könne er doch letzteres kaum tun. Er fuhr dann fort, dass es doch ‚heller Wahnsinn‘ von den Beauftragten des RGA wäre, ‚das ernst zu nehmen, was wir, die wir doch nur kleine Praktiker sind, so sagen oder in unseren Zeitschriften veröffentlichen‘ und sie einer wissenschaftlichen Überprüfung zu unterziehen […] 

Auch über die vorgesehenen Arzneinachprüfungen und die damit zusammenhängenden Fragen äußerte er sich eindeutig: Wir sind einfache Praktiker, deren Interesse vor allem dem gilt, was man einem ins Sprechzimmer gekommenen Kranken gegen die von ihm geklagten Beschwerden geben soll. Und nun erwarte man, dass er Auskunft darüber geben könne, wie dieses oder jenes Mittel seiner Zeit geprüft worden ist und ob wir die darauf aufgebauten Arzneidarstellungen in diesem Falle für einigermaßen verlässlich und in jenem für in höchstem Grade fragwürdig ansehen. […] Möglicherweise sind alle in den Arzneimittellehren gebrachten (Sepia)symptome reine Phantasiegebilde! […] Den Beauftragten des RGA habe er immer die Homöopathie so vorgetragen, wie die homöopathischen Praktiker sich die Dinge vorstellen. Man konnte doch nicht ahnen, dass sie die Prüfungsquellen parat haben und somit vergleichen konnten, was tatsächlich gewesen ist und inwieweit die Realitäten von den Vorstellungen der Homöopathen divergieren. […]“
kapitulation

Eine Kapitulation erster Klasse, gestützt durch die letztlich verheerenden Ergebnisse der klinischen Arbeitsgruppen von 1937 bis zum Kriegsausbruch 1939, der das Projekt jäh stoppte.

Damit war das einzige Ergebnis, dass aus dieser Autopsie der Leiche namens Homöopathie herauskam, die Frage, ob sie überhaupt jemals gelebt hat.

Donner beschreibt, wie nach seiner Meinung Unzulänglichkeiten hätten ausgeräumt werden können und die Homöopathie eventuell doch noch eine Basis für verlässliche Ergebnisse gewinnen könnte. Völlig abgekehrt hatte er sich damals noch nicht. Allerdings, als 1946 frühere Kollegen sich mit dem Gedanken einer Wiederaufnahme der Untersuchungen an ihn wandten, zog man doch gemeinsam das Fazit, „dass abgesehen von gewissen pharmakologischen Arbeiten bisher bei den Überprüfungen nichts Positives für die Homöopathie herausgekommen wäre, es sei denn, dass einwandfrei klargestellt worden ist, dass viele Ansichten, auch die ‚kritischer Ärzte‘ auf Wunschvorstellungen basieren. Inzwischen habe aber die homöopathische Ärzteschaft ein Jahrzehnt Zeit gehabt, sich zu besinnen. Es wäre eine bedauerliche und für das Weiterbestehen einer Homöopathie gefährliche Illusion, wenn die homöopathischen Ärzte glaubten, sie könnten ruhig in derselben Weise weitermachen, wie sie es vor dem Kriege getan haben.

Donner wandte sich völlig von der Homöopathie ab und wurde angesehener Leiter einer internistischen Abteilung eines renommierten Krankenhauses. Die Universitäten trennten sich von den homöopathischen Fakultäten, die von Bier initiierte Berliner Fakultät wurde explizit geschlossen, weil sie keinerlei positive Leistungen vorzuweisen hatte. Rabe, auch nach dem Krieg noch Leiter des DZVhÄ, weigerte sich geradezu, sich jemals im Verband nochmals für Überprüfungen stark zu machen und dann „die Suppe nochmal auslöffeln“ zu müssen.

Die Erkenntnisse aus der Großaktion des Reichsgesundheitsamtes werden übrigens durchaus noch flankiert durch weitere, die Homöopathie diskreditierende Untersuchungen. Beispielsweise hat Prof. Dr. Paul Martini, der spätere erste Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), die Schlüssigkeit und Aussagefähigkeit der Hahnemannschen Arzneimittelprüfung untersucht – mit ebenfalls für die Homöopathie eindeutig negativem Ergebnis.

 

Nach dem Krieg – endlich Ruhe?

Unmittelbar nach Kriegsende und in den frühen 50er Jahren der jungen Bundesrepublik galt die Homöopathie -ganz der hier gezeichneten Entwicklung entsprechend-  als ernstzunehmende medizinische Methode nicht nur als tot, sondern als töter. Zu Recht, wie der geneigte Leser vielleicht nach der Lektüre auch finden wird. Die ersten öffentlichen Äußerungen zur Homöopathie sind denn auch von einer ganz neuen Tonlage:

  • 1955 urteilt der Bundesgerichtshof, dass „jedenfalls Potenzen ab D23 als jenseits einer Wirkungsmöglichkeit liegende Verdünnung“ anzusehen sind und bei Vorliegen der subjektiven Voraussetzungen gegebenenfalls wegen fahrlässiger Tötung zu verurteilen sei (BGH, Urteil vom 30.09.1955, 2 StR 206/55).
  • 1958 erklärte nach Beratung über eine mögliche Wiederbelebung der universitären Homöopathie die medizinische Fakultät der Humboldt-Universität Berlin:
    „Die medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin gibt folgende Erklärung ab:
    Auf Grund der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist die Homöopathie weder klinisch noch prophylaktisch in der Behandlung von schweren, insbesondere Organerkrankungen anwendbar.“
    Prokop berichtet, dass die Ursprungsfassung statt „weder … noch… anwendbar“ die Formulierung „ohne jeden Wert“ enthalten habe. In wissenschaftlicher Redlichkeit habe man diese Formulierung mit Rücksicht auf einen eventuellen psychosomatischen Gehalt der Methode, der allerdings allen Scheintherapien innewohnt, verworfen.
  • 1992 (zu einer Zeit, in der trotz allem die Homöopathie schon wieder als aufpolierte Leiche durchgereicht wird), gibt der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität zu Marburg eine scharfe Erklärung gegen Pläne ab, die Homöopathie wieder zum prüfungsrelevanten Inhalt des medizinischen Studiums zu machen:
    „... Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg verwirft die Homöopathie als eine Irrlehre. Nur als solche kann sie Gegenstand der Lehre sein. […]  Wir sehen jedoch die Gefahr, dass man von uns „Neutralität“ und „Ausgewogenheit“ in diesem Stoffgebiet fordern wird, und sind nicht bereit, unseren dem logischen Denken verpflichteten Standpunkt aufzugeben zugunsten der Unvernunft. Wir betrachten die Homöopathie nicht etwa als eine unkonventionelle Methode, die weiterer wissenschaftlicher Prüfung bedarf. […] Oft wird behauptet, der Homöopathie liege ein „anderes Denken“ zugrunde. Dies mag so sein. Das geistige Fundament der Homöopathie besteht jedoch aus Irrtümern („Ähnlichkeitsregel“; „Arzneimittelbild“; „Potenzieren durch Verdünnen“). Ihr Konzept ist es, diese Irrtümer als Wahrheit auszugeben. Ihr Wirkprinzip ist Täuschung des Patienten, verstärkt durch Selbsttäuschung des Behandlers. […].

Endlich Rationalität !?

Was für Dokumentationen der Rationalität! Was für ein Erfolg – endlich, möchte man sagen. Und doch. Der Grund, weshalb ich all dieses schreibe, ist die Entstehung einer wirk- und ressourcenmächtigen Homöopathielobby in Deutschland mit Ursprung in den 70er Jahren, die inzwischen weltweite homöopathische Glaubensgemeinschaften befeuert und der es gelungen ist, trotz des eigentlich unübersehbaren Leichenodiums ihrer Methode die Politik für sich zu gewinnen mit dem Ergebnis, als „besondere Therapieeinrichtung“ unter Befreiung von Wirkungsnachweisen anerkannt zu werden und mit dem Segen des Gesetzgebers sogar die Krankenkassen für sich zu instrumentalisieren. Mit großem Aufwand verbreitet sie eine auf den ersten Blick eindrucksvolle „Aura der Scheinwissenschaftlichkeit“, die sich aber ebenso als Leichenschminke entpuppt wie alle bisherigen Beweisversuche. Hierzu verweise ich auf die vielfältigen Informationen der Blogs aus meiner Blogroll und auch auf meine vorausgegangenen eigenen Artikel in diesem Blog. Dort findet sich alles, was derzeit zur Homöopathielobby und ihren Bemühungen, Hömöopathie als Wissenschaft zu etablieren, zu sagen ist.

Wie war das möglich? Nun, Vergessen, Verdrängen und Wunschdenken sind natürlich nicht einfach verschwunden. Und dann trat wunderbarer- und unerwarteterweise Frau Dr. Veronica Carstens auf den Plan, damals Gattin des amtierenden Bundespräsidenten, und sammelte Sympathien für natürliche, sanfte Therapieverfahren, was ihr mit dem persönlichen Charisma und der Rolle der First Lady der Bundesrepublik nicht allzu schwer fiel. Eine völlig neue Taktik.

DCF 1.0
Ex. canis ist untendrunter, aber Plutonium find ich nicht…

Niemals zuvor war die Homöopathie derart als Naturmedizin und Gänseblümchentherapie propagiert worden als in der Ära von Frau Dr. Carstens.  Jubel, Tränen und Freudenschreie überall. Enge Beziehungen zur Politik auch nach der Amtszeit von Carl Carstens waren natürlich auch nicht von Nachteil. Das Ehepaar Carstens hat sein Vermögen 1982 in die Carl und Veronika Carstens-Stiftung  zur Förderung von Naturheilkunde und Homöopathie eingebracht, die inzwischen zusammen mit dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte und  der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie e.V. eine Lobbygemeinschaft von nie dagewesener Schlagkraft bildet.

Aber auch das, dieses mit einem gewaltigen Aufwand betriebene neue Schauspiel, konnte und kann Tote nicht wiedererwecken. Das heutige Fazit lässt sich nämlich kurz so zusammenfassen:

Nach Angaben der British Homeopathic Association existierten nach dem Stand von Ende 2014 weltweit insgesamt 189 auswertbare randomisierte Vergleichsstudien zur Homöopathie. Das bisher größte systematische Review unter Einbeziehung von 176 dieser Vergleichsstudien hat die Australische Gesundheitsbehörde NHMRC 2015 veröffentlicht. Dieses Review war ungewöhnlich umfangreich und präzise und gab den Homöopathen umfassend Gelegenheit, ihre Einwände einzubringen.  Das NHMRC kam zu dem eindeutigen Ergebnis, dass eine spezifische Wirksamkeit homöopathischer Mittel nicht belegt werden konnte, hat die Methode aus dem öffentlichen Gesundheitswesen verbannt und hat folgende Empfehlung veröffentlicht:

Die Homöopathie sollte nicht für Beschwerden eingesetzt werden, die chronisch oder gefährlicher Natur sind oder gefährlich werden können. Menschen, die sich für die Homöopathie entscheiden, könnten ihre Gesundheit riskieren, falls sie Behandlungen zurückweisen oder aufschieben, für deren Wirksamkeit und Sicherheit belastbare Evidenz existiert.

Oder so: In 200 Jahren intensiver Bemühungen ist es nicht gelungen, einen belastbaren spezifischen Wirkungsnachweis für die homöopathische Methode zu erbringen. Nie. Nirgends.

Ist das das endgültige Begräbnis? Jedenfalls sollte all das Anlass für die Politik sein, ihre schützende Hand von einer eindeutig nachweislich unwirksamen Scheintherapie abzuziehen und ihr die Adelung durch einen Anteil am öffentlichen Gesundheitssystem schnellstens wieder zu nehmen. Aus Gründen der Pietät der Homöopathie gegenüber und aus Gründen der Ehrlichkeit und Redlichkeit gegenüber den Patienten im öffentlichen Gesundheitswesen.
Ruhe in Frieden, Homöopathie. Und du, Hahnemann, genieße deinen Ruhestand im medizinhistorischen Panoptikum. Du warst ein Mensch Deiner Zeit, der sich ernsthaft bemüht hat und auch ein Rädchen im großen Uhrwerk des Fortschritts war. Stur wie ein Panzer und dogmatisch wie der Papst, aber wer wollte Dir das verdenken. Du verdienst es zumindest, Dein Kind, die Homöopathie, endlich anständig zu beerdigen.

Damit wären wir wieder beim Helden und seinem treuen Pferd des Anfangs:

pferdchen

 

 

Bildnachweis:

1, 2, 4: Eigene Bilder
3: photosearch

 

El Cid und die Homöopathie I

cid_burgos
Standbild des Cid in Burgos, Kastilien (nein, es ist wirklich nicht Kaiser Friedrich Barbarossa)

 

Kennen Sie, lieber Leser, die Geschichte von Rodrigo Diaz de Vivar, genannt El Cid, dem spanischen Nationalhelden? Großartig dargestellt vom unverwüstlichen Charlton Heston in CinemaScope (1961, Regie Anthony Mann, Oscar-preisgekrönte Musik von Miklós Rózsa). Zu empfehlen für Liebhaber gewaltiger Historienschinken und Besitzer großer Flachbildschirme.

Ja, um Himmels Willen, was hat der denn nun mit der Homöopathie zu tun?

Seine Geschichte, genauer die Geschichte rund um seinen Tod, hat mich lebhaft an die Geschichte der Homöopathie erinnert. El Cid hatte bedauerlicherweise am ersten Tag der Entscheidungsschlacht um Valencia einen tödlichen Pfeiltreffer kassiert, wodurch er am nächsten Tag zwangsläufig nicht in der Lage war, seine Männer wieder in den Kampf zu führen. Man befürchtete -zu Recht- beim Bekanntwerden seines Ablebens einen gewaltigen Einbruch der Kampfmoral und die daraus folgende Niederlage.

Was also tun, um die Niederlage doch noch zu verhindern? Die Legende sagt, dass der Cid befohlen hatte, ihn herzurichten und mit dem Schwert in der Hand in voller Rüstung aufs Pferd zu binden. So führte der Tote seine Truppen an, die so motiviert einen glänzenden Sieg über die von der Erscheinung des Totgeglaubten erschreckten Berbertruppen erzielten. Leider musste kurz danach Valencia trotzdem vor den Almoraviden geräumt werden…

So etwa sehe ich auch die Geschichte der Homöopathie im 20. und 21. Jahrhundert. Nach langer Laufbahn mit wechselndem Kriegsglück entscheidende Treffer kassiert, für tot erklärt, etwas länger liegengeblieben als der Cid, aber dann von Begeisterten, die die Schlacht doch noch gewinnen wollten, her- und aufgerichtet, geschminkt und wieder ins Rennen geschickt, in der Hoffnung, sie möge nun endlich doch noch den Sieg über die medizinische Konkurrenz davontragen.  Zweifellos nicht ohne Erfolg, hochmotivierte Anhänger, die der tapferen Leiche hinterherjubeln, gibt es genug. Wir warten allerdings noch auf die endgültige Niederlage trotz dieses Schachzugs, ob vor Valencia oder anderswo.

kriegskasse
Kriegskasse

Wie? Sie glauben nicht, dass die Homöopathie schon tot war, bevor sie dank der Bemühungen der Carstens-Stiftung seit den 70er Jahren, festgebunden auf dem Ross der Pseudowissenschaftlichkeit und flankiert von einer ordentlichen Kriegskasse, als aufgemöbelte Leiche wieder reüssierte? Wobei so getan wurde und wird, als habe sich die Homöopathie seit Hahnemann mehr oder weniger siegreich behauptet und müsse nun endlich nur noch mit dem Segen der offiziellen Gesundheitswesens und der wissenschaftlichen Anerkennung gekrönt werden.

Denkste. Die Nummer ist schon sehr, sehr lange durch. Die heutigen Propagandisten setzen nur auf die Vergesslichkeit und Bequemlichkeit der Menschen, auf den Effekt der momentanen Beeinflussung und mehr oder weniger sanften Verführung.

Den Beweis möchte ich Ihnen nachstehend antreten. Und zwar -bequem wie ich bin- hauptsächlich unter Rückgriff auf die Berichte  des Donner-Reports, den Aufzeichnungen von Fritz Donner, einem der führenden homöopathischen Ärzte der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts, der sich später konsequent von der Homöopathie abwandte und Leitender Arzt einer internistischen Klinik wurde. Ein Vorgänger von Natalie Grams, der früheren Homöopathin und heutigen Leiterin des verdienstvollen Informationsnetzwerks Homöopathie (siehe Blogroll).

Donner bezieht sich auf die großangelegte Überprüfung der Homöopathie  durch das Reichsgesundheitsamt in den Jahren 1936 bis 1939. Er war direkt in diese Aktion eingebunden und berichtet aus eigener Anschauung und erster Hand.

Vorher aber ein kurzer Exkurs ins 19. Jahrhundert.

Die Homöopathie war nie lege artis

Zu keiner Zeit war die Homöopathie unumstritten. Schon unter Hahnemanns Zeitgenossen wurde sie -vor allem ihres dogmatischen Charakters wegen, aber auch wegen des Beginns wissenschaftlich-kritischen Denkens- argwöhnisch betrachtet. Was die frühe Anhängerschaft betrifft, so kann man das leicht verstehen. Natürlich war Hahnemann nicht der Einzige, der den Schaden wahrnahm, den vorsintflutliche Methoden wie Aderlass, Fontanellen, Haarseil und dergleichen beim Patienten anrichteten. Und nun hatte man plötzlich ein ganzes Lehrgebäude zur Verfügung, das mit der Autorität des Systematischen verführte und die Überlebensrate stark verbesserte. Sie „etablierte“ sich in weiten Kreisen, aber wie gesagt keineswegs unumstritten oder gar als Methode erster Wahl. Verschiedentlich wurde die Anwendung der Homöopathie von der Obrigkeit gar untersagt.

Mitte des 19. Jh. erlebte die wissenschaftliche Medizin ihren ersten entscheidenden Schub. Rudolf Virchow, gestützt auf die Vorarbeiten von Günzburg und Remak (um 1850), etablierte die Zellularpathologie, die Lehre von den Zellen und ihrer Funktion als kleinste Lebenseinheiten. Damit wurde das Tor zur modernen Ätiologie, der Lehre von der Krankheitsentstehung aufgrund von Zellveränderungen, weit aufgestoßen. Bis heute beruhen die Erklärungsmodelle der Ätiologen auf der Zellularpathologie (vom gebrochenen Bein mal abgesehen), das Modell hat sich glänzend bewährt. Man denke nur einmal an die bösartigen Tumorerkrankungen, ein Krankheitsgeschehen auf Zellebene par excellence. Aber genauso auch an alle Arten von Infektionen, die in einer Störung des Zellstoffwechsels zum Ausdruck kommen, ferner erst recht die klassischen internistischen Organerkrankungen, die auf Fehl- und Minderfunktionen auf Zellebene zurückgehen.

trauermarsch
Chopin: Klaviersonate Nr. 2, 2. Satz – Trauermarsch. Soweit bekannt, nicht ausdrücklich für die Homöopathie komponiert (1839).

Damit war die Hahnemannsche Lehre von der „Verstimmung der geistigen Lebenskraft“, die eine Krankheit ausmache und die nicht als solche erkannt werden könne, sondern nur durch Symptombilder in Erscheinung trete, erledigt. Und nicht nur diese Grundannahme, sondern die Homöopathie insgesamt, denn die geschlossene homöopathische Methode kann nicht „umgebaut werden“, ohne dass sie insgesamt inkonsistent wird. Siehe meine vorherigen Beiträge. Intellektuell und wissenschaftlich starb die Homöopathie ihren ersten leisen Tod.

Zweiter Teil in Kürze, der sich mit der Zwischenzeit bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts und der darauf folgenden Zeitspanne befasst. Wird spannend.

 

 

 

Bildnachweis:

1,2 : Eigene Bilder
3: Wikimedia Commons (Zitierausschnitt)