Was ist die “schlimmste” Homöopathie?

Ich will es euch verraten.

Zuerst kommt die “Behandlung” von kranken Kindern  mit unwirksamen Zuckerkugeln.

Danach kommt, gesunde Kinder mit Globuli-Scheinmedizin vollzustopfen, ihnen damit die Möglichkeit zu rauben, ein gesundes Körpergefühl und ein Empfinden dafür zu entwickeln, wo Befindlichkeit aufhört und Krankheit beginnt und sie womöglich lebenslang auf den Griff zum Mittelchen “in allen Lebenslagen” zu konditionieren.

Als drittes kommt bei mir die Tierhomöopathie. Ihr merkt schon, welche Kriterien ich für das Ranking zugrunde lege: die der fehlenden Möglichkeit der Selbstbestimmung, dem Ausgeliefertsein an pseudomedizinische Verblendung.

Danach kommt noch so einiges mehr. Aber heute wenden wir ums einmal einem besonderen Aspekt der Tierhomöopathie, einem speziellen Auswuchs der Kategorie III, zu.

Tiermedizinische Behandlung im Recht der Europäischen Union

Die tiermedizinische Behandlung mit Arzneimitteln ist schon lange Gegenstand europarechtlicher Regelungen:

Für landwirtschaftliche Betriebe (die Produkte erzeugen, die für den menschlichen Verzehr bestimmt sind) regelte ursprünglich Ziff. 5.4 lit. a der EU-Verordnung 2092/91, dass homöopathische Erzeugnisse dann einer medizinischen Behandlung vorzuziehen sind,

sofern sie tatsächlich eine therapeutische Wirkung auf die betreffende Tierart und die zu behandelnde Krankheit haben.

Immerhin recht eindeutig. Im Zuge eines langwierigen Revisionsprozesses der “alten” EU-Bio-Verordnung wurde zunächst die sogenannte EU-Öko-Basisverordnung 834/2007 vom 28. 06. 2007 “über die ökologische/biologische Produktion und die Kennzeichnung von ökologischen/biologischen Erzeugnissen” erlassen.  Darin findet sich folgende Formulierung:

Tierarzneimittel einschließlich Antibiotika dürfen erforderlichenfalls unter strengen Bedingungen verwendet werden, wenn die Behandlung mit phytotherapeutischen, homöopathischen und anderen Erzeugnissen ungeeignet ist.

Die stärkere ideologische Einfärbung ist offensichtlich, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Regelungsinhalt sich nicht geändert hat: nach wie vor ist Voraussetzung für den Einsatz von Homöopathika ihre reale Eignung. Was hier mit “anderen Erzeugnissen” gemeint sein mag, will ich lieber gar nicht wissen.

Die “neue” EU-Bio-Verordnung (Verordnung (EG) Nr. 889/2008) stellte ab dem 01.01.2009 die alte Regelung sprachlich sozusagen auf den Kopf, siehe  § 24 (2):

Phytotherapeutische und homöopathische Präparate, Spurenelemente und die Erzeugnisse gemäß Anhang V Teil 3 sowie Anhang VI Teil 1.1 sind gegenüber chemisch-synthetischen allopathischen Tierarzneimitteln oder Antibiotika bevorzugt zu verwenden, sofern ihre therapeutische Wirkung bei der betreffenden Tierart und der zu behandelnden Krankheit gewährleistet ist.

Jetzt gehts aber richtig los! Sicher glaubt ihr mir, wenn ich versichere, dass die Formulierung “chemisch-synthetische allopathische Tierarzneimittel” in einer Rechtsquelle der EU mir mehrfachen Brechreiz verursacht. Was Spurenelemente hier verloren haben, mag das Geheimnis der EU-Bürokratie bleiben. Die Phytotherapie, der auch in diesem Zusammenhang mal wieder bitter Unrecht getan wird, lassen wir mal raus aus unseren Betrachtungen.

Die sich ständig steigernden Verrenkungen, dem Bemühen geschuldet, es den Öko-Fans nur ja recht zu machen, sind offensichtlich. Aber inhaltlich hat sich wiederum nichts geändert, man möge sich nicht blenden lassen!

Hinter allen Formulierungen steht eindeutig – bei allen sprachlichen Kratzfüßen vor den “natürlichen” Heilmitteln – die Absicht des Verordnungsgebers, die „Eignung“ von Homöopathie und Co. zur Behandlung erkrankter Tiere ex ante (also “im Vorhinein”, als zwingende Voraus-Setzungman nehme diesen Begriff wörtlich!) von der “Gewährleistung” realer therapeutischer Wirkung abhängig zu machen. Offensichtlich waren sich zumindest einige der Verantwortlichen für die Verordnungstexte klar darüber, dass der Schutz von Tieren vor unwirksamen Behandlungen bewahrt werden musste.

Nun gut, trotz sprachlich auf den Kopf gestellter Logik kann man das als den Niederschlag eines überzogen ideologisch gefärbten  Natürlichkeitsverständnisses ansehen, letztlich zurückzuführen auf eine entsprechend wirkmächtige Lobby. Damit könnte man noch leben. Aber:

Wie mir mehrere VeterinärmedizinerInnen versicherten, sieht in Kreisen der Tiermedizin gelegentich die Anwendung dieser Vorschriften so aus, dass zu “chemisch-synthetischen allopathischen Tierarzneimitteln einschließlich Antibiotika” – also nachgewiesen wirksamer Medizin – in der Praxis erst dann gegriffen wird, wenn eine Behandlung mit homöopathischen und/oder anthroposophischen Mitteln sich im Einzelfall als vergeblich erwiesen hat. Man legt also die Verordnungen dahin aus, dass es “Try and Error”-Behandlungen im konkreten Behandlungsfall überlassen bleiben soll, die gesetzliche Voraussetzung der “Eignung” von Homöopathie und Co. zu erweisen. Danach könne man ja dann -scheinbar gesetzeskonform – immer noch zu wirksamen Mittel greifen.

Ich konnte das erst kaum glauben, habe es aber mehrfach  bestätigt bekommen. Wer pseudomedizinisch verblendet ist, liest also auch Gesetzestexte im Zweifel so, wie es der vorgefassten Meinung entspricht. Keine Entschuldigung  ist, dass die Formulierung der Richtlinie beinahe dazu einlädt – wir reden hier von Menschen, die die Tiermedizin als Profession ausüben.

Denn dieses Vorgehen ist ein krasser Verstoß gegen Wortlaut und Intention der EU-Verordnungen, wie sie auch immer unwirksamen Mitteln in ihren euphemistischen Formulierungen das Wort reden mögen. Die “Eignung”  homöopathischer Mittel für eine tiermedizinische Behandlung ist klar als ex-ante-Voraussetzung (… gewährleistet IST), nicht als ex-post-Bedingung  geregelt. VOR jeder Behandlung muss also die “Eignung” von Homöopathika nach objektiven, belegbaren Maßstäben feststehen. Für einen “Versuch am lebenden Objekt” (eine “Anbehandlung” mit Homöopathika nach dem Motto: mal schauen, ob es wirkt), gibt KEINE der Formulierungen der Richtlinien Raum, weder aktuelle noch frühere. Alles andere wäre geradezu  ein Aberwitz. Rechtliche Regelungen müssen stets auf intersubjektiven Prämissen beruhen, sonst würden sie ihrem Zweck, nämlich der verbindlichen Regelung gleichartiger Umstände, nicht gerecht werden können. Darauf beruht ja auch die Annahme, dass es auch bei “unbestimmten Rechtsbegriffen” nur EINE richtige Anwendungsweise geben könne, weil ansonsten die Voraussetzung der Intersubjektivität gebrochen würde – Alltag für Juristen und Gegenstand der Grundvorlesung Verwaltungsrecht.

Das anders auszulegen, zeugt von einer erschreckenden Unkenntnis der Grundlagen der eigenen Profession und generell von einer voreingenommenen Denkweise, die mich schaudern lässt. Gesetze und Verordnungen regeln in den allerseltensten Fällen Einzelfälle (eigentlich nie) sondern beschreiben Tatbestände und ihre Voraussetzungen. Keine Art der Gesetzesauslegung  (weder die am Wortlaut orientierte noch die teleologische, die nach dem “Zweck” der Regel fragt) der EU-Verordnungen lässt hier eine andere Sichtweise auch nur denkbar  erscheinen. Einer Rechtsnorm zu unterschieben, sie regele die Möglichkeit, Tatbestandsvoraussetzungen  im Einzelfall und zudem ex ante (nachdem das Rind in den Brunnen gefallen ist) subjektiv festzustellen, ist eine Absurdität sondergleichen.

Conclusio: Die “Freiräume”, die die EU-Verordnungen der Anwendung von Homöopathika und Anthroposophika scheinbar einräumen, sind keine. Es sind inhaltsleere Formulierungen, letztlich (gefährliche) Zugeständnisse an eine unwissenschaftliche Denkweise, was aus der  schlichten Tatsache folgt, dass für keines dieser Mittel jemals ein auf wissenschaftlichen Grundsätzen beruhender valider Wirkungsnachweis erbracht wurde – und damit eben ex ante auch nicht vorhanden ist.

Fazit: Sofern es tatsächlich TiermedizinerInnen gibt, die glauben, die Eignungsvoraussetzungen für den Einsatz von Homöopathika und Anthroposophika im “Tierversuch” ex post feststellen zu dürfen, bewegen sich diese nicht nur auf dünnem Eis. Sie sind bereits eingebrochen – und verletzen geltendes Recht. Die Konsequenzen zu bewerten, ist nicht mein Geschäft. Es sollte der Hinweis reichen, dass auch die EU-Verordnungen unmittelbar tierschützenden Charakter haben und somit eine tatsächliche und rechtliche Verbindung zum  deutschen Tierschutzrecht besteht.

Ich kanns immer noch nicht glauben…

Und vielleicht stimmt ihr mir darin zu, dass das Ranking der schlimmsten Homöopathie-Anwendungen vielleicht noch weiter differenziert werden muss.


Bild von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay

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2 Gedanken zu „Was ist die “schlimmste” Homöopathie?“

  1. Ich hätte zu “kinder” noch “jegliche Person welche nicht in der Lage ist eine informierte Entscheidung zu fällen” hinzugefügt. da schließe ich alle, von der daheim gepflegten 80 jährigen demenzkranken, psychisch oder geistig eingeschränkte, in einer Ausnahmesituation befindliche Person ein.

    Ich bin psychisch behindert, und es fiel schon mir schwer mich gegen die empfehlung homöopathischer Mittel durch meine Hausärztin zu wehren.

    Danke für den Artikel

    1. Hast natürlich Recht. Ich zähle sum Problemkreis zudem auch Tiere, die menschlicher Obhut anvertraut sind und sehe pseudomedizinische Behandlung als Verstoß gegen das Tierschutzgesetz an.

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