Si tacuisses …

Vor Kurzem erschien auf einer Webseite des Zentralvereins homöopathischer Ärzte ein Interview (natürlich mit einem hochrangigen Vertreter des Zentralvereins homöopathischer Ärzte). Darin wird die derzeit grassierende Missachtung der Hahnemannschen Lehre bejammert und die Verantwortung für diese beklagenswerte Situation den Skeptikern und Kritikern zugeschrieben. (Zuviel der Ehre.) Diesen kritischen Skeptikern wird so ziemlich alles abgesprochen, was man jemandem, dessen Position man nicht zu akzeptieren imstande ist, nur absprechen kann. Was schert mich die Botschaft, ich steinige den Überbringer! Den Versuch, das in eine Hülle von Satire und Ironie zu verpacken, halte ich für traurig gescheitert. Kaum wert, dazu ein Wort zu verlieren, der Text ist nach meiner Einschätzung selbstdiskreditierend und zeigt lediglich auf, wie tief sich Homöopathen – auch und gerade die ärztlichen – inzwischen in ihre Filterblase zurückgezogen haben.

Prof. Edzard Ernst hat zu diesem jüngsten Verzweiflungsausbruch der Homöopathen einen Text veröffentlicht, der seinerseits zum Stilmittel milder Ironie greift.

All das sollte aber nicht den mindesten Einfluss auf die Linie der wissenschaftsbasierten Homöopathiekritik haben, keine Debatte auf der persönlichen Ebene zu führen. Das wäre weder sinnvoll noch notwendig und zudem eine denkbar schlechte Grundlage für das Bemühen, mit Sachargumenten auch bei anderen als den direkt Betroffenen, nämlich den Entscheidern in Politik und Gesundheitswesen, durchzudringen. Wir Kritiker verzichten gern  darauf, uns selbst zu diskreditieren.

Jedoch gibt dieser Vorfall einmal mehr Anlass zu einigen Gedanken.

Die Selbsttäuschung und – blendung in der Sache, verbunden mit dem  Überschreiten der Grenzen des sachlichen Diskurses und der Diffamierung der anderen Seite mit fast jedem Mittel, die im “Interview” einmal mehr zum Ausdruck kommen, machen mich ehrlich immer wieder betroffen. Es muss doch möglich sein, eine rationale Einsicht in den wissenschaftlichen Konsens zur Homöopathie zu erlangen statt sich bedingungslos im “gallischen Dorf” der Homöopathie-Szene zu verschanzen?! Oder zumindest auf einer halbwegs haltbaren Faktenbasis zu diskutieren (was die Kritiker den Homöopathen schon oft angeboten haben)?

Zumindest muss es doch möglich sein, zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die eine dezidiert andere Sicht der Dinge vertreten als man selbst – ohne diese zu dämonisieren und durch ebenso fantasievolle wie unsinnige Vorhalte herabzuwürdigen!

Oder vielleicht doch nicht? Das wäre – schlimm. Aber ich glaube, nach vieljähriger Beschäftigung mit der Sache erkannt zu haben, dass es Überzeugungen gibt, die – warum und wie auch immer – so mit dem eigenen Selbstbild verschmelzen, dass sie buchstäblich unantastbar werden. Ich verstehe das zum Teil, im amerikanischen Sprachgebrauch gibt es dafür gelegentlich den Ausdruck “mybias”, im Sinne einer  Übersteigerung des “confirmation bias”, dem König der Wahrnehmungsfehler – dem wir alle unterliegen. Ich habe dazu unter dem Titel “Homöopathie – Eine Lüge?” schon einmal an anderer Stelle ausführlich geschrieben. Auch Dr. Natalie Grams hat sich in einem wissenschaftlichen Fachartikel am Rande in ähnlichem Sinne geäußert. (1)

Wir halten fest: In den allermeisten Fällen dürfte die Propagierung und ebenso die Verteidigung der Homöopathie nicht wider besseres Wissen geschehen, sondern auf komplexen Überzeugungsmechanismen beruhen. Auch der von mir schon einmal bei den Homöopathen diagnostizierte “Denialismus” lässt mich nicht anders urteilen, im Gegenteil. Die Merkmale des Denialismus (in der Coronakrise durch Prof. Drosten in der “deutschen  Version” als PLURV bekannt geworden) stellen eher eine Art Differenzialdiagnostik dieser besonderen Form der Selbstwahrnehmung und – überzeugung dar. Unter anderem deshalb habe ich auch schon mehrfach darauf hingewiesen, dass wir es bei der Fortexistenz der Homöopathie weit eher mit einem soziokulturellen und kognitionspsychologischen Phänomen als mit einem medizinwissenschaftlichen zu tun haben.

Und deshalb ist es auch nicht im Interesse derer, die sich ernsthaft um Aufklärung über Pseudomedizin und Überzeugung von Entscheidungsträgern bemühen, dass Pseudomedizinkritik mit Häme, Spott und sogar mit dem Vorwurf justiziablen Handelns daherkommt. Milde ausgedrückt, ist so etwas nicht zielführend. Und liefert womöglich noch dem ständig von der pseudomedizinischen Fraktion erhobenen Vorwurf Nahrung, Pseudomedinkritik sei lediglich “Hass und Hetze”.

Nur ist diese Einsicht in die Probleme der Homöopathen mit ihrer Selbstwahrnehmung kein Grund, die Homöopathie (und andere Pseudomedizin) nicht weiterhin massiv zu kritisieren. Denn mit Scheinmethoden werden Tag für Tag Leute nicht nur über den Tisch gezogen, sondern erleiden konkret Schaden (der nicht immer gleich ein Todesfall sein muss, glücklicherweise). Aber jede unnötige Stunde Schmerz bei einem homöopathisch nicht-behandelten Kind ist inakzeptabel und, ja, ein Schaden. Wem dies und die medizinische Irrelevanz der Homöopathie klar ist, braucht auch keine ad-homines-Argumente, um die Berechtigung seines Standpunktes zu unterstreichen. Und deshalb erzähle ich hier auch nicht, welches ad hominem der Interviewte des DZVhÄ-Beitrags sich mir gegenüber einmal öffentlich erlaubt hat. Übrigens auch deshalb nicht, weil ich festgestellt habe, dass die Homöopathie davon keinen Deut wirksamer geworden ist. Die Mühe war also gänzlich umsonst.


(1) Aus: Grams N, Homeopathy—where is the science? – A current inventory on a pre-scientific artifact
EMBO Rep (2019)20:e47761 https://doi.org/10.15252/embr.201947761

“Die moderne kognitive Psychologie hat die Hypothese entwickelt, dass Individualität eine wichtige Orientierungsgrundlage für Handlungsentscheidungen ist. Albert Bandura (Bandura A 1977, Self-efficacy: toward a unifying theory of behavioral change. Psychol Rev 84: 191–215) etablierte das Konzept der Selbstwirksamkeitsüberzeugung: Dass schwierige Situationen und Herausforderungen durch die eigene Handlungsfähigkeit erfolgreich gemeistert werden können. Das Gefühl, den Sinn und den Verlauf des eigenen Lebens selbstständig bestimmen zu können, ist demnach ein Grund für Zufriedenheit. […] Wie weit diese Selbstwirksamkeitsüberzeugungen wirken, hängt von der Fähigkeit und Bereitschaft des Einzelnen ab, zu erkennen, wo legitime Subjektivität endet und die notwendige Intersubjektivität in der Interaktion mit dem “Rest der Welt” beginnt.

Wird diese Grenze nicht erkannt, wird der Rest der Welt (auch intersubjektive Fakten) als Hindernis wahrgenommen, das die individuelle Selbstwirksamkeit einschränkt. Dies kann eine Erklärung für die oft entschlossene und emotional besetzte Weigerung sein, wissenschaftliche Fakten anzuerkennen, wenn sie als Einschränkung der eigenen Handlungsfähigkeit angesehen werden. […] Je stärker die Selbstwirksamkeitsüberzeugungen ausgeprägt sind, desto größer ist die Tendenz, “individuelle” und “ganzheitliche” Mittel und Methoden gegenüber der etablierten Medizin zu bevorzugen und zu verteidigen. Kritik an der Pseudomedizin wird daher als Angriff auf die eigenen Selbstwirksamkeitsüberzeugungen wahrgenommen.”

(Übersetzung durch den Autor)

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