Impfen – Jabitteneindanke!

In der Krise zeigen sich einmal mehr die Wunder der menschlichen Wandlungsfähigkeit. Wütete man noch vor kurzem breit gegen den menschheitsvernichtenden mRNA-Impfstoff, so ist er nun die Quelle allen Heils und die kollektive Abneigung richtet sich auf den AstraZeneca-Impfstoff. Ein Vorgang übrigens, der so manchen “Impfexperten” ex post als Dampfplauderer entlarvt. Wer dafür eine Erklärung sucht, dem empfehle ich die Lektüre von Gustave LeBons “Psychologie der Massen” (kostenlos auf ResearchGate, aber für den Bücherschrank auch günstig zu erwerben), auch nach 100 Jahren immer noch das Grundlagenwerk zu diesem Thema.

Nun ist dies leider nicht mit einem Kopfschütteln zu quittieren. Das eine wie – aktuell – das andere gefährdet jede Impfstrategie, zumal eine, die sich nun mal faktisch mit einer Mangelsituation herumschlagen muss.

Die Verweigerung des AstraZeneca-Impfstoffs, die inzwischen offenbar kein vernachlässigbares Phänomen mehr ist, lässt mir die Haare zu Berge stehen. Denn das wird schlicht und ergreifend die Pandemie verlängern, die Durchimpfung hinauszögern, mit der Folge vieler eigentlich unnötiger Infektionen, Krankheitsverläufe und auch Todesfälle. Und oft sind es diejenigen, die (mit einigem Recht) darauf hinweisen, dass es nicht ewig beim Lockdown bleiben kann, die dann auf der anderen Seite alles – u.a. durch die Verteufelung des AstraZeneca-Impfstoffs –  dafür tun, dass sich die Voraussetzungen für eine Lockerung oder Aufhebung nicht bessern.

An meinem Beispiel: Ich bin 65+ und habe relevante Vorerkrankungen. Nach dem derzeitigen Stufenplan der STIKO bin ich in Stufe 4, also noch weit weg vom Impftermin. Noch weiter weg bin ich dadurch, dass für mich nach den STIKO-Empfehlungen nur mRNA-Impfung in Betracht kommt – jeder, für den AstraZeneca von der EMA zugelassen ist und der auf einer mRNA-Impfung besteht, schiebt mich folglich noch weiter nach hinten.

Die ursprüngliche Impfstrategie – vor Bekanntwerden der Engpässe – zielte wohl darauf ab, die erstverfügbaren mRNA-Impfstoffe anfangs gezielt an die vulnerablen Bevölkerungsgruppen zu verimpfen und dann – bei Verfügbarkeit weiterer, insbesondere nicht so transport- und lagerkritischer Impfstoffe – nach und nach zu Flächenimpfungen in den Arztpraxen überzugehen. Vernünftig!

Statt dessen ist jetzt Astra-Zeneca-Impfstoff “übrig”, der aber nicht mal eben so verimpft werden kann – u.a. wegen der Priorisierung im Stufenplan der STIKO. Für eine Flächenimpfung – die in der Tat schnellstmöglich kommen sollte  – fehlt es aber noch an Menge. Gäbe man die Flächenimpfung jetzt frei, wären vermutlich die Arztpraxen not amused – denn insgesamt reicht es längst noch nicht für eine ungezielte Impfung von jedermann und damit dürften sich dann die Niedergelassenen herumschlagen. Gleichwohl müsste eine schnelle Allgemeinimpfung das primäre Ziel sein. Die Zwänge der Tatsachen bringt diese Erkenntnis allerdings nicht zum Verschwinden.

(Ich kann mich tatsächlich noch an 1962 erinnern, als der Polioimpfstoff zum Einsatz kam, übrigens unnötig spät in Deutschland. Da wurde im Wesentlichen in den Gesundheitsämtern und Bezirksarztstellen geimpft. Ich habe noch gute Erinnerung daran, dass ich mit meiner Mutter in einer langen Schlange vor unseren örtlichen Impfstelle im Rathaus auf die damals als Erlösung empfundene Impfung gewartet habe.

Damals noch mit dem Sabin-Lebendimpfstoff auf Zucker, Schluckimpfung, wie toll war das denn? Dass dieser Impfstoff heute wegen einer zu hohen Impfinfektionsrate keine Zulassung außer in epidemischen Gebieten mehr bekäme, das wussten wir damals nicht und es wäre uns auch angesichts der damals sehr realen Bedrohung durch Poliomyelitis egal gewesen. Man erreichte jedenfalls sehr schnell eine hohe Durchimpfungsrate. Spekulationen über die Auswirkungen einer massiven Schrumpfung des öffentlichen Gesundheitsdienstes auf die heutige Situation sparen wir uns hier mal.)

Wie auch immer – Ablehnung von AstraZeneca ist kontraproduktiv in jeder Hinsicht. Und – erlaubt sei mir diese Anmerkung – eine echte mentale Fehlleistung, da auf Desinformation und Verbreitung von Unsinn und gänzlich falschem Verständnis der entscheidenden Faktoren beruhend. Und das Gerede von “nur” 70 Prozent Wirksamkeit zerfetzt mir wirklich die Nerven. Das ist eine ENORME Wirksamkeitsrate für einen – zumal neuen – Impfstoff, er wäre auch bei weniger sicherlich zugelassen worden! Alle Leute haben nur die über 90 Prozent der mRNA-Impfstoffe vor Augen und machen sie fälschlich zum Maßstab. Diese Rate, das muss man klar sagen, ist aber schlicht sensationell und war nie vorher erwartet worden. Aber das ist KEIN Grund, AstraZeneca als Impfstoff 2. Klasse abzuqualifizieren. Unter anderem müssten dann nämlich auch einige längst bewährte Standardimpfstoffe in die Tonne wandern.

 – Aktualisierung, 23.02., 17:00 Uhr –
Ob die gestern verlautbarte geänderte Impfstrategie irgendwas ändert, wonach die verschmähten AstraZeneca-Dosen nun insbesondere Kita- und Grundschulpersonal vorrangig angeboten werden sollen, das scheint mir sehr fraglich. Erstens bleiben die Impfdosen dann möglicherweise bis wahrscheinlich einfach woanders liegen – nach meiner Erfahrung finden sich gerade unter den Kita- und Grundschulbeschäftigten viele, sagen wir mal, überkritische Leute. Zweitens soll mir mal einer zeigen, wie die derzeit eng im Korsett steckende Logistik eine “Umverteilung” auf diese Gruppen praktisch möglich machen soll. Nun, kein Vorwurf, ist ja nicht einfach – aber ist eben so.
– Aktualisierung Ende – 

Zuletzt sind ja die ach so massiven Nebenwirkungen ordentlich gehyped worden. Echt jetzt? Lasst euch mal gegen Gelbfieber impfen und macht gleichzeitig eine Malaria-Prophylaxe – ich habs vor Jahren mal ausprobiert. Dann reden wir weiter.

Wovon so aufgeregt die Rede ist allerorten, ja, das sind Impfnebenwirkungen. NEBENWIRKUNGEN! Ja, ein zwei, auch drei Tage Unwohlsein auch mit Fieber sind weder Impfkomplikationen  noch – bewahre – Impfschäden. Die Nomenklatur ist ganz eindeutig, und so ist auch hinsichtlich der Meldepflicht von Komplikationen (!) an das Paul-Ehrlich-Institut schon seit Jahr und Tag – also für JEDEN  Impfstoff – zu den Nebenwirkungen folgendes geregelt:

Aus dem Meldeformular des PEI für Impfkomplikationen.

Es ist aber offenbar viel trivialer. Das Anspruchsdenken, alles und jedes sofort, in bester Qualität und natürlich ohne unerwünschte Wirkungen (ein Ergebnis pseudomedizischer Propaganda, besonders der homöopathieaffinen) haben zu wollen, scheint inzwischen die schlichte, früher allgemein bekannte Tatsache zu verdrängen, dass das Immunsystem auf Impfungen reagiert und ein, zwei Tage gesundheitlicher Beeinträchtigung ein mehr als geringer Preis für den erlangten Impfschutz sind. Echte Risiken sind verschwindend gering. Und dass selbst Krankenhäuser dies nicht zu berücksichtigen imstande sind und die Großtat vollbringen, ihr gesamtes Personal an einem Tag durchzuimpfen und dann Pressemitteilungen des Inhalts herausgeben, die Impfung habe ihren Krankenhausbetrieb lahmgelegt (die allgemeine Rezeption kann man sich vorstellen), wenn am Folgetag sinnvollerweise so mancher lieber zu Hause bleibt, das lässt mir beinahe den Rechner abstürzen.

Wer diesen Preis nicht mal für den eigenen unbezweifelbaren Benefit zu zahlen bereit ist, der handelt irrational. Den sozialen Aspekt des Impfens brauche ich da gar nicht ins Feld zu führen. Es ist letztlich Selbstschädigung. Ich sag euch was: uns gehts noch zu gut, offenbar selbst angesichts von Covid. Sonst gäbe es all diesen Unsinn gar nicht.

Und ich sag euch noch was: Ich als mRNA-Kandidat würde mich heute am Tag mit AstraZeneca impfen lassen, würde es mir angeboten.

Derweil im Vereinigten Königreich… (Twitter, 23.02.2021)

Wenigen ist ja überhaupt bekannt, dass die EMA diesen Impfstoff ja durchaus ohne Altersbegrenzung freigegeben hat, die STIKO aber wegen fehlender Daten die Empfehlung auf die Altersgruppe unter 65 beschränkt hat. Sage nochmal einer, STIKO, RKI und PEI würden ihren Job nicht ernsthaft machen! Allerdings war das wohl doch ein wenig übervorsichtig. Erste Daten aus Verlaufsstudien (ganz frisch vom Preprint-Server) zeigen hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit keine Einschränkungen auch bei Patienten 80+. Da wird nachzusteuern sein. Und was den “Zweite-Klasse-Impfstoff” angeht, so empfehle ich nachdrücklich ein Interview mit Prof. Bogdan beim BR, das auch die STIKO offiziell auf ihrer Webseite und in der STIKO-App verlinkt.

Bleibt vernünftig, auch wenns wirklich manchmal schwerfällt! Und bleibt fokussiert auf den Outcome, auf den anzustrebenden Erfolg: die Verringerung der Krankheitslast durch die Schutzimpfung. Und fokussiert nicht auf Nebenkriegsschauplätze, geschweige denn auf sinnbefreite Spekulationen im Dunstkreis alter und neuer Hardcore-Impfgegner und Berufsopponenten. Die nicht grundlos gegebenen Empfehlungen der STIKO beziehen sich auf diejenigen Impfungen, die nach der epidemiologischen Lage unseres Landes und unserer Vulnerabilität als notwendig erachtet werden. Sie abzulehnen, wenn keine medizinischen Gründe dafür sprechen, hat niemals einen wirklichen persönlichen Benefit.


Zur STIKO, ihren Aufgaben und ihrer Arbeitsweise beim Podcast von Natalie Grams “Echt gute Medizin” (mit Dr. Martin Terhardt von der STIKO – ca 34 Min.)


Bild von SplitShire auf Pixabay

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