Bodensatz der Verblendung – das Update

Es geht um Covid. Lasst uns mal gleich mit Zitaten anfangen.

Auf Bryonia/Stannum besserte sich der Zustand schnell, waren fast alle Symptome nach drei Tagen der Einnahme nahezu verschwunden und sie selber erstaunt ob der Wirkung. Ähnlich erging es anderen.“

Oft habe sich schon nach den ersten zwei Gaben der Husten gelindert, die Geschmacksstörungen oder der Geruchssinn gebessert, die Last von der Lunge gelegt und die Post-Corona-Schwäche zügig verbessert.

Nur selten seien andere Heilmittel vonnöten gewesen. Dabei habe bei Schwäche in Verbindung mit starken Kopfschmerzen noch das homöopathische Mittel Chininum arsenicoscum D12 besonders geholfen und bei nächtlichem Husten und Alpträumen Cuprum arsenicosum D12 (Schüssler Salz Nr. 19). Überhaupt könnten bei Covid-19 Arsenverbindungen sinnvoll sein, denn Arsen helfe immer bei Ängsten, die gerade in diesen Zeiten erstaunlich viele Menschen haben.

Zinn (Stannum) sei in der Therapie wenig bekannt, noch weniger die Verbindung mit Bryonia. Aus der homöopathischen Erfahrung sei aber gerade Zinn bei enormer Erschöpfung in Verbindung mit schweren Lungenerkrankungen sowie Geschmacks- und Geruchsstörungen – drei zentralen Symptomen von Corona – wirksam.

Bryonia hingegen sei das Mittel schlechthin für den schmerzhaften Husten und Kopfschmerz. „Faktisch ist mit dieser Kombination eine erste Arznei zumindest für die Folgen einer Corona-Erkrankung gefunden.“

Netzfund. O-Ton eines klinischen Praktikers, gar ärztlichen Direktors einer integrativen Reha-Klinik für Geriatrie, der sich zur Anthroposophie bekennt. Veröffentlicht in einem einschlägig bekannten Magazin, das nicht zum ersten Mal zum Zwecke des Lobpreises von hochverdünntem Nichts zur Behandlung der schwersten Pandemie-Erkrankung der letzten 100 Jahre angetreten ist.

Pillen…

Dass er hier auch noch die Schüßler-Salze ins Spiel bringt, ist nur ein weiteres Highlight. Aber was solls – in einem Rutsch gleichzeitig Homöopathie, Anthroposophie und Schüßler zu vermischen, alles “Heilmethoden”, die sich in ihren Ansätzen und ihren Krankheitsentstehungstheorien unvereinbar unterscheiden, das nenne ich mal Pragmatismus! Oder doch besser Pseudopragmatismus?

Ich möchte dem Zitierten nicht persönlich nähertreten, da er für mich ohnehin nur exemplarisch für eine Spezies steht, die ich – parallel zum Begriff Pseudomedizin – als Pseudoexperten bezeichnen möchte. Ja, es gibt auch den Begriff der Imperten, also derer, die das vorgebliche Wissen “aus sich heraus” produzieren. Aber der Pseudoexperte ist davon noch eine Überhöhung. Denn er hätte aufgrund seiner Ausbildung das Rüstzeug, eben NICHT pseudowissenschaftlichem Unsinn zu verfallen, sich eben NICHT anzumaßen, er sei über seine spezielle Profession wirklich kompetent, etwas zur Covid-19-Erkrankung im wissenschaftlichen Sinne zu sagen, eben NICHT dem grundlegenden Irrtum zu verfallen, persönliche “Erfahrungen”, die seit Äonen als das Fehleranfälligste schlechthin in der menschlichen Wahrnehmung erkannt sind, zur Weisheit zu erheben.

Der Artikel spannt den Bogen des Lobpreises alternativer Corona-Behandlungen noch weiter und führt dabei allerlei Pseudobelege an, um das geschätzte, meist ohnehin geneigte Publikum zu beeindrucken. Etliche teils exotische Namen werden genannt, als Experten vorgestellt, die in fernen Ländern – bevorzugt Indien – größte Erfolge erzielt haben sollen. Irgendwie belegbar nachzuvollziehen ist das natürlich nicht. Das Pharma-Bashing darf natürlich nicht zu kurz kommen, ganz im Gegenteil, es wird zur allesverschlingenden Medusa hochstilisiert, selbst Harvard muss mit seiner – verdienstvollen – Studie über den Einfluss wirtschaftlicher Interessen auf die Medikamentenzulassung herhalten (wobei übersehen wird, dass davon sehr stark gerade die Länder betroffen waren, deren Loblied hier gesungen wird). Dass das indische Gesundheitsministerium z.B. sich von den Kollegen vom AYUSH, dem seit 2014 existierenden Schwurbelministerium, längst massiv distanziert hat – auch und gerade zu Homöopathie und Covid – sagt uns dort niemand. Auch nicht, dass das “richtige” indische Gesundheitsministerium gerade ein großes wissenschaftliches Programm zur Förderung von Infektiologie und Epidemiologie aufgelegt hat.

Selbst von Studien ist irgendwann die Rede – ein Herr Dr. XYZ stelle sie auf Youtube vor, man möge sich dort informieren… No comment. Dazu kommt noch der Verweis auf die unsäglichen UnitedToHeal-Kongresse, angebliche hochbedeutende medizinische Weltereignisse, ihrer Bedeutung allenfalls dem Milleniumstreffen der Nobelpreisträger gleichzustellen… (das war übrigens im Jahre 2000 in Lindau). Nun, von diesen “United”- Versammlungen der Creme de la creme des Schwurbeluniversums war hier schon die Rede.

Nimmt man das alles mal zusammen, so wird hier einmal mehr nichts weniger entworfen als eine veritable Verschwörungstheorie des “medizinischen Establishments” gegen sanfte, natürliche, preiswerte, nebenwirkungsfreie, vielfach gesegnete, von lupenreinen Philanthropen der Menschheit auf dem Jadetablett feilgebotene einzig wahre Medizin. Engelsrein und nahe dem Elysium. So was aber auch.

Das ist viel, viel schlimmer als jeder Laienirrtum, als jede unsinnige Käseblattwerbung für irgendwelche ins Nichts hinein verdünnte Substanzen, denen das Odium natürlicher Pflanzenheilkunde angeheftet wird, ja selbst als eine Falschberatung zur Homöopathie in einer Apotheke. Ich möchte es als Pseudoexpertisen-Expertise bezeichnen (in Anlehnung an den schönen Begriff der Kompetenz-Kompetenz, der im Staatsrecht die Befugnis von Organen meint, sich selbst neue Kompetenzen geben zu können). Es ist Gefährdung ratsuchender Menschen. Und das geht auch an die Adresse von Hochglanzmagazinen wie “Natur & Medizin”, die alledem einen optisch sehr ansprechenden Rahmen geben und damit die Scheinseriösität solchen Unsinns noch unterstreichen.

Dass unser Netzfund mit einem herzzerreißenden Appell an die Allopathen und Schulmediziner endet, diese großartigen Erfolge von Homöopathie und Anthroposphie wenigstens mal auszuprobieren – NICHT geschenkt. Wenn diese Leute nur einen Schimmer einer Ahnung hätten, dass sie damit zu Verstößen gegen grundlegende medizinische Ethik auffordern… aber nein. Homöopathische ärztliche (!) Verbände hierzulande, angeblich bedeutend und einflussreich (was im Auge des Betrachters liegt…) fordern ja auch den Einlass von Homöopathen in die Intensivstationen. All das unter der freundlichen Wärme des Schutzschirmes, den der Gesetzgeber mit dem Binnenkonsens im Arzneimittelgesetz aufgespannt hat.

… und Pülverchen

Ein etwas anders gelagertes Kapitel ist der Vertrieb einer TCM-Kräutermischung durch eine nicht unbekannte Apotheke im süddeutschen Raum, die selbst über Youtube-Videos beworben wird und ihren Weg durch das Internet längst angetreten hat. Das ist immerhin real und fassbar und nicht im Bereich bloßer Kopfgeburten (aka Hirngespinste) wie Homöopathie und Anthroposophie anzusiedeln. Immerhin eine reale Substanz. Zu ordentlichen Preisen…

Was ist dazu zu sagen? Dieses Mittel fungiert nicht als Arzneimittel im Sinne des deutschen Arzneimittelrechts. Dazu hätte ein wissenschaftlich fundierter Wirkungsnachweis mit einem Zulassungsantrag nach dem Arzneimittelgesetz vorlegen müssen. Die medizinischen Datenbanken allerdings spucken zu dieser TCM-Mischung tatsächlich die eine oder andere Studie aus. Schaut man sich die an, findet man viel – aber einen klinischen Wirksamkeitsnachweis nach den Maßstäben der evidenzbasierten Medizin nicht. Dafür Erstaunliches. Z.B. dass es (mindestens) eine umfangreiche Untersuchung gibt, welche Gensequenzen des Menschen mit Covid-19-Symptomen zusammenhängen und welche Gensequenzen irgendwie mit den Wirkungen der verwendeten Substanzen des TCM-Gemisches zusammenhängen.

Ach.

Interessant.

Nur eben klinisch ohne Bedeutung.

Angst vor mRNA-Impfungen. Aber in die Apotheke laufen, sich zu 100-g-Preisen nahe der 500-Euro-Grenze Kräutermischungen unbekannter Wirkung kaufen, für die es Studien gibt, die nahelegen, dass die “über die Gene” wirken? Nur am Rande – nach meinen Recherchen wird auf chinesischen Versandseiten im Internet die gleiche Menge Zubereitung für wenig mehr als 30 Euro angeboten. Nun, jedem unbenommen. Zweifellos gibt es Menschen, die sich über dieses großartige Angebot freuen, vor allem die auf der anderen Seite der Verkaufstheke. Und solche, die sich damit in falscher, jedenfalls unbelegter Sicherheit wiegen… Würde man derartigen Angeboten das Misstrauen entgegenbringen, das z.B. dem mRNA-Impfstoff noch vor kurzer Zeit entgegenschlug, dann könnte die Apotheke ihr Pülverchen in die Tonne werfen. Ist aber offenbar nicht so…

Eine antivirale Wirkung mag das Zeug haben, das will ich gar nicht mal bestreiten. Aber das haben auch Zitronensaft, Knoblauch und – wie der unvergleichliche Randall Munroe sagte – ein Pistolenschuss auf eine Petrischale mit Virenkulturen. Die Frage ist eben nur, ob das im menschlichen Körper funktioniert, nachvollziehbar und reproduzierbar. Diese Frage beantwortet uns die wissenschaftliche Forschung, leider nicht der vertreibende Apotheker. Auf Anfrage teilt er mit, er “berate” dazu nicht. Na dann.

Sorry. Das ist natürlich sehr plakativ. Und das hier ist ein kleiner Rant und kein wissenschaftlicher Fachbeitrag. Aber ich will mit beiden Beispielen nur ein weiteres Mal verdeutlichen, wie mit dem Vertrauen – und den Ängsten – der Menschen Schindluder getrieben wird, auch von Menschen wie promovierten Medizinern und Apothekern, die die Pseudoexperten geben.

Und ehrlich? All dies, was ja nur herausgegriffene Beispiele für so vieles sind, widert mich an. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Und ihr wisst: hauptsächlich wegen der Gefahr, dass Menschen durch solche “Heilsversprechen”, die Lockung einfacher Antworten auf ein komplexes Problem, dazu gebracht werden, der wissenschaftlichen Medizin zu misstrauen. Skepsis im Sinne von Hinterfragen und Informieren ist gut und nützlich, aber Misstrauen und darauf aufbauende Pseudoskepsis aka Rezeption nur von dem, was zu den eigenen Vorurteilen, Ängsten und Wünschen passt, nicht. Und: Ohne Vertrauen in wirkliche Experten, in wirkliche Expertise geht es nicht. Wir müssen alles, wirklich alles dagegen unternehmen, dass unsere wissenschaftliche Medizin und ihre unglaublichen Errungenschaften der letzten 150 Jahre nicht in einem Wust von Lügen, Verschwörungstheorien und – ja! – skrupelloser Geschäftemacherei unter die Räder kommen. Eigentlich – ja, eigentlich kommen dabei Menschen unter die Räder. Schon jetzt. Jeden Tag.

Und die Sache mit den Bildungsdefiziten, die erspare ich mir heute. Hier geht es nicht um die Rezipienten, sondern um die Proponenten des Irrsinns.


Verwandtes:

https://www.derstandard.at/story/2000123528551/homoeopathischer-corona-impfersatz-aus-der-apotheke

 

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