Hightech-Medizin und homöopathische Sandkastenspiele (2)

Heute mal ein Video zum Thema – unter 4 min

Es ist mal wieder an der Zeit, die Entfernungen zu dokumentieren, die die Homöopathie vom wissenschaftlichen Fortschritt in der Medizin trennen. Sonst glaubt hinterher tatsächlich noch einer, Verdunstungsrückstände von Wasser, in dem irgendwann mal Reste irgendeiner Ursubstanz enthalten waren, hätten eine medizinische Wirkung.

Wisst ihr, was das Problem der Proteinfaltung ist?

Proteine sind organische Makromoleküle, also winzige, aber als solche doch ziemlich große Dinger, die aus der Verkettung von Aminosäuren bestehen und von Peptiden (selbst so eine Art Mini-Proteine) zusammengehalten werden. Gibts überall in den organischen Lebewesen. Sie sind so eine Art Schweizer Messer der biologischen Funktionen. Zum Einstieg sei das heute anstelle eines Bildes oben verlinkte Kurzvideo sehr empfohlen.

Inzwischen ist das “Spike-Protein”, das die “Stacheln” des Corona-Virus bildet, ja in aller Munde. Bei der Impfstoffentwicklung des mRNA-Vakzins wird die “Beschreibung” des Spike-Proteins (der RNA-Abschnitt, der für den “Spike” zuständig ist) verwendet und dem Immunsystem als “Bauanleitung” für Antikörper (die selbst auch Proteine sind) präsentiert – mehr braucht es nicht. Den Rest macht das Immunsystem, auch ohne orthomolekulare Medizin oder schamanische Bemühungen. Nun ja, so einfach wie es sich anhört, war es sicher nicht. Man musste auch das Spike-Protein erstmal “entschlüsseln”, um überhaupt den richtigen RNA-Abschnitt zu finden.

Wie ein Protein “aussieht”, das kann man durch sehr aufwändige (und sehr teure) Verfahren feststellen, die Röntgenkristallographie oder die Kryo-Elektronen-Tomografie (mit deren Vorläufer schon Rosalind Franklin seinerzeit Watson und Crick bei der Entdeckung der DNA-Doppelhelixstruktur bekannt machte). Moment – war da nicht was mit Bauplan? Ja…. bloß enthält die RNA “nur” den Plan für die Aneinanderreihung der Aminosäuren. Die Proteine haben aber eine weitere entscheidende Eigenschaft, die Faltung. Und diese determiniert die Funktionalität von Proteinen, im Guten (als medizinische Option der Zukunft) wie im Schlechten (als Auslöser von Krankheiten). Die Faltung geschieht “einfach” bei der Aneinanderreihung – das genaue “Wie” ist letztlich ein gewaltiges Komplexitätsproblem. Nicht einfacher wird es dadurch, dass mehrere “Ebenen” der Faltung sich auch noch miteinander verschränken (siehe Video).

Wäre es nicht toll, könnte man ganz unmittelbar solche Proteine “designen” und therapeutisch verwenden, auch ohne die Tricks mit dem Immunsystem? Für die Alzheimer-Forschung beispielsweise verspricht man sich davon einiges – und nicht nur dort. Manche sprechen schon jetzt von einer bevorstehenden Revolution in der Biomedizin. Bloß gibts dabei eben ein Problem: die Proteinfaltung.

Jahrzehntelang wird dazu bereits geforscht. Nun scheint sich etwas anzubahnen: Es ist gelungen, mittels KI (künstlicher Intelligenz) mit einer enormen Trefferrate von rund 70 Prozent aus der Abfolge der Aminosäuren die Faltung der Proteine vorherzusagen. Ohne Zweifel ein Durchbruch, der über immer bessere werdende statistische Korrelationen (deep learning) den Schleier lüftet und irgendwann hoffentlich so etwas wie den “Generalschlüssel” für das Faltungsproblem liefert.

Bislang jedoch erreicht diese hohe Trefferrate nur ein Supercomputer: Deep Mind, seit langem bekannt für seine Fähigkeit, Großmeister in Schach und Go auf die Plätze zu verweisen. Auch nicht gerade billig, die Rechenzeit dort… .


Es gibt aber ein Projekt, das hier weiterhilft. Statt teurer Supercomputer werden weltweit freie Prozessorkapazitäten von Home-Rechnern genutzt, um solche Berechnungen en masse durchzuführen und Erkenntnisse daraus zu gewinnen. Das Projekt “Rosetta”, das schon eine ganze Weile meinen Prozessor in Arbeitspausen mit der Berechnung von 3D-Proteinshapes fit hält, lege ich euch gern ans Herz, hier die Projekt-Webseite:

https://boinc.bakerlab.org/rosetta/

Rosetta läuft auf dem Client “Boinc”, der eine allgemeine Plattform für unterschiedliche solche Anwendungen zur Verfügung stellt (die man auswählen kann). All das ist in der Nachfolge des inzwischen nicht mehr laufenden SETI-Projektes entstanden, das als erste Public-Net-Anwendung lange Jahre Signale aus dem Weltall auf Zeichenfolgen untersuchte, die auf außerirdische Intelligenzen hätten hindeuten können. Meine Empfehlung für nicht ausgelastete Prozessoren: Rosetta!


Ist das nicht geradezu überwältigend? Wie entfaltet (Achtung, Wortspiel!) sich hier der menschliche Geist, sein Hang zu beständiger Neugier, seine Kreativität, aber vor allem auch seine Kritikfähigkeit! Ohne die Methode des konstruktiven Zweifels wären all die wissenschaftlichen Details solcher Projekte nie zustande gekommen.


Und was machen die Homöopathen so derweil?

  • Man streitet sich innerhalb des Zentralvereins homöopathischer Ärzte darum, ob Hahnemanns Anweisungen zur Findung des “Genius epidemicus” noch gültig seien oder nicht. Ruft aber – nach anfänglicher Zurückhaltung in Sachen Corona – die große Fallsammlung zu homöopathischen Behandlungen in der Pandemie aus.
  • “Gesundheitsmagazine” veröffentlichen auf Hochglanzpapier “Fallberichte” über “Corona-Heilungen” per Homöopathie und über vorgebliche “Erfolge” der Homöopathie bei früheren Epidemien.
  • Öffentlich-rechtliche Fernsehsender verbreiten die Agenda der Homöopathie-Lobby nahezu eins zu eins und finden, das sei eine dem Programmauftrag entsprechende Information der Zuschauer.
  • Vorsitzende homöopathischer Vereinigungen, nicht unbekannte Homöopathen und gar ein Forscher, dessen wohl bekannteste Arbeit ich ernsthaft zu besprechen unternommen habe, reihen sich in die illustren Kreise der Vortragenden auf UnitedToHeal-“Kongressen” ein. Obwohl doch die Vermutung naheliegt, dass sie jedenfalls in der homöopathischen Sphäre auch weiterhin ernstgenommen werden wollen.
  • Besorgte Homöopathie-Fans fordern, Homöopathen in die Intensivstationen zu schicken und dort einen “Dialog” mit den Intensivmedizinern aufzunehmen.
  • … und so weiter. Ohne den Funken eines Beleges dafür, dass ihr Treiben etwas zum medizinischen Erkenntnisfortschritt, geschweige denn zu unseren akuten Problemen beitragen könnte. Einfach so. 224 Jahre business as usual statt per aspera ad astra.

Man sollte es nicht glauben wollen müssen. Doch all dies ist – Fakt.

Und die Politik- schaut derweil diesem fröhlichen Treiben weiterhin untätig zu. Ok, liebe Leute in Berlin, klar, ihr habt im Moment größere Sorgen als die medizinischen Süßwarenhändler. Aber verliert bitte nicht aus den Augen und aus dem Sinn, wie diese Truppe sich in der Corona-Krise aufführt und ob dies möglicherweise für eure eigenen Bemühungen kontraproduktiv sein könnte – und fragt euch zu gegebener Zeit, ob ihr ernsthaft diesem Paralleluniversum weiterhin seine gesetzlichen Privilegien erhalten wollt. Die wissenschaftsbasierte Homöopathiekritik wird euch sicher rechtzeitig erinnern.


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