Das Heu im Nadelhaufen?

Vernebelt

In jüngster Zeit sind mir wieder Studien bzw. gar zusammenfassende Arbeiten aus dem homöopathischen Universum zu Augen gekommen, die unverdrossen das Lied der Wirksamkeit, ja gar der evidenzbasierten Homöopathie singen. Business as usual, ja. Aber irgendwann…

Gleich zu Beginn die ketzerische Frage: Wozu machen Homöopathen eigentlich ihre Studien? Scheren sie sich um deren wissenschaftliche Bewertung? Nehmen sie zur Kenntnis, dass ihre “Ergebnisse” keinerlei Auswirkungen auf die medizinische Praxis außerhalb des homöopathischen Universums haben? Ja, ziehen sie überhaupt selbst Konsequenzen aus den Ergebnissen ihrer eigenen Studien und Reviews?

Die Antwort ist meiner Ansicht nach auf alle diese Fragen: Nein. Gehen wir die genannten Punkte einmal exemplarisch durch:

  • Der Versuch von Robert T. Mathie, im Auftrage des Homeopathy Reseach Institute in den Jahren von 2014 bis 2019 die gesamte Studienlage zur Homöopathie zu reviewen, mündete in einen kümmerlichen Artikel auf der Webseite des HRI, der versucht, die Atemöffnung über der Wasserlinie zu halten, aber dabei in denkbarem Gegensatz zu den meisten (allen?) anderen Statements aus gleichem Hause steht, die der Homöopathie medizinische Relevanz mindestens der wissenschaftlichen Medizin gleichwertig zuschreiben wollen. Aber hier: Kein Jubel, keine Einreichung eines Fazits, eines zusammenfassenden Reports von Mathies Arbeit bei einem der großen medizinischen Journale. Nichts dergleichen, zu einer ganzen Reihe von Arbeiten, die den Anspruch erheben, die gesamte Studienlage zur Homöopathie zusammenzufassen und zu bewerten.
  • Die Bemühungen der homöopathischen Szene, Therapeuten und Kliniken (und Universitäten / Studierende) für die sanfte, nebenwirkungsfreie und durchschlagende Methode aus ihrem Portfolio zu begeistern, beruhen weit eher auf den Zuwendungen aus diversen Stiftungstöpfen als auf der Überzeugungskraft wissenschaftlich solider Belege pro Homöopathie. Woraus wiederum Renommee und in der Folge wieder die berühmte “Beliebtheit” der Methode als politisches “Argument” abgeleitet werden kann.
  • Für die homöopathische Praxis sind die teils höchst aufwändig dargelegten, mit großem wissenschaftlichen Apparat daherkommenden Forschungsergebnisse durchweg bedeutungslos. Ein überragendes, aber kein solitäres Beispiel ist die “Münchner Kopfschmerzstudie” aus dem Jahre 1997, konzipiert, durchgeführt und ausgewertet von einer Reihe handverlesener Homöopathie-Experten. Ergebnis: Vernichtend, insofern, als dass Placebo und individuelle Homöopathie keine signifikanten Unterschiede zeigten. Szenenwechsel: Kopfschmerzen sind, ein Blick ins Internet genügt, noch heute unverändert eine der hauptsächlichen “Indikationen” für Homöopathie.

Angesichts dessen sei die Frage erlaubt: Was sind klinische Studien zur Homöopathie denn dann überhaupt (wobei wir hier nicht Beobachtungsstudien meinen, die für Wirkungsnachweise ohnehin nicht geeignet sind)? Wie “wissenschaftlich” sind sie ganz grundsätzlich und wie muss man sie redlicherweise verorten?

Als Co-Autor schrieb ich an anderer Stelle bereits einmal:

“[,,,] Homöopathie erfüllt entscheidende Kriterien für eine als wissenschaftlich anzusehende Methode nicht. Da sie gleichwohl einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, präsentiert sie sich mit einem scheinwissenschaftlichen Anstrich. Sie tut dies mit einer gewissen Virtuosität, was sich darin zeigt, dass einerseits die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft sich über die wissenschaftliche Wertlosigkeit der Methode einig ist, andererseits jedoch die scheinwissenschaftliche Mimikry mit Forschung, Studien, Therapiemodellen, Pseudo-Qualifikationen, der Adaption wissenschaftlicher Terminologie und dergleichen ihren Eindruck auf das mit wissenschaftlichen Grundannahmen, ja dem Wissenschaftsbegriff selbst nicht vertraute Publikum nicht verfehlt.

Was nichts anderes heißt, als dass Forschung zur Homöopathie und ihre Ergebnisse – die Studien – unter einem generell wissenschaftskritischen Aspekt betrachtet werden müssen, und zwar unter besonderer Berücksichtigung der evidenzbasierten Medizin.

Das dabei grundsätzlich aufscheinende Problem für die Kritik an der Homöopathie sei gleich zu Anfang aufgezeigt, und zwar wiederum mit einem Zitat aus einer Veröffentlichung von Mitgliedern des Informationsnetzwerks Homöopathie:

Dadurch (durch das ständige Erscheinen immer neuer Homöopathie-Studien und die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit diesen) wird allerdings auch – im Sinne interessierter Kreise – eine Diskussion über die Wirksamkeit der Homöopathie stets neu befeuert und in der Öffentlichkeit als wissenschaftlicher Streit um gleichwertige Positionen wahrgenommen.

Dies kann sich als besonderes Problem der Kritik darstellen, da einerseits diese vorgeblichen Belege pro Homöopathie nicht einfach ignoriert werden können, andererseits durch die Gegenvorstellungen seitens der Kritik dem erwähnten Eindruck einer „Debatte auf Augenhöhe“ ungewollt auch ein gewisser Anschein von Glaubwürdigkeit verliehen wird.

Ergo: Jede Studie zur Homöopathie, ja, jeder Review, egal welchen Inhalts, hält im Publikum den Irrtum aufrecht, es ginge um ein wissenschaftlich valides Thema, das “noch offen”, “umstritten” und dergleichen sei. Man muss nur ein wenig Öffentlichkeitsarbeit betreiben… fast ist man an den alten Spruch der Werbetreibenden erinnert, dass es negative PR gar nicht gebe. Und wenn es mal nicht so gut läuft, vorzugsweise mit Veröffentlichungen von renommierter und neutraler Seite, so starte man eine Glaubwürdigkeitskampagne und bezichtige die Urheber und deren Umfeld sinistrer Absichten – wie dies in wahrlich bemerkenswertem Umfang mit dem Review des australischen NHMRC geschehen ist, das mit einer jahrelangen Unsinnskampagne über den angeblichen “First Draft” überzogen wurde, der wegen noch angeblicherer positiver Ergebnisse zur Homöopathie “unterdrückt” worden sei.


Ausgerechnet die Methodik der Evidenzbasierten Medizin, die grundsätzlich vom “blank sheet” ausgeht, also unabhängig von Plausibilitäten und Unvereinbarkeiten allein nach dem empirischen “Outcome” klinischer Studien fragt (und damit “jedem eine Chance” gibt), kommt den forschenden Homöopathen dabei entgegen.

Die Homöopathen (gerechterweise: nicht als einzige) missbrauchen die EBM. Denn die Empirie der EBM beruht auf Statistik, und zwar auf keiner trivialen. Allein diese erzeugt eine lange Reihe von Unwägbarkeiten, denen methodische Probleme bei Konzeption und Durchführung von Studien noch vorausgehen. All dies bleibt dem Publikum, dem hinterher mit “der neuen Studie” triumphierend zugewunken wird, verborgen. Dass Studien lediglich “statistische Messinstrumente” sind und ihren Anteil an der “Wahrheit” oft verbergen und nur höchst widerwillig preisgeben, das weiß das – meist ohnehin schon geneigte – Publikum nicht. Und außer diesen ewigen Skeptikern erklärt es ihnen auch niemand. Also wird „nach EBM-Kriterien geforscht“, was das Zeug hält. Und damit Material fürs Cherry-Picking produziert. Aber keine ernsthafte ergebnisoffene Forschung betrieben.

Dabei berufen die Homöopathen sich auch noch explizit auf Sacketts Definition der EBM (deuten sie allerdings z.B. so, dass – was stimmt – schon Expertenmeinungen und Fallstudien “Evidenz” sein können, aber eben nicht, wenn wie in unserem Falle Ergebnisse auf höheren Evidenzstufen vorliegen) und rufen „die evidenzbasierte Homöopathie“ aus. Beispiele auch auf diesem Blog. Steven Novella schrieb mal, kein Mensch sei bei der Konzeption der EBM auf die Idee gekommen, dass sich Proponenten unplausibler Heilslehren erdreisten könnten, überhaupt die Methode des „blank sheet“, der völlig unvoreingenommenen Empirie in der EBM, für ihre Heilslehren in Anspruch zu nehmen.

Ein Irrtum, wie wir heute wissen. Leider ist in der Tat mit der “reinen Empirie” der EBM die wissenschaftliche Plausibilität allzu sehr in den Hintergrund geraten, was aber m.E. vielen Forschern langsam dämmert. Denn die Nichtberücksichtigung von inneren wie äußeren Unvereinbarkeiten (Inkonsistenzen) und Unplausibilitäten ist eine wohlbegründete Methodik innerhalb der EBM, aber doch kein Freibrief, diese in einer wissenschaftlichen Gesamtbeurteilung völlig auszublenden.

Natürlich schreckt man aus Gründen der wissenschaftlichen Redlichkeit davor zurück, irgendetwas völlig von der Forschung auszuschließen. Aber ebensowenig ist es akzeptabel, die EBM so auf Empirie einzuengen und dabei auch noch alle methodischen und statistischen Möglichkeiten und Grauzonen so zu nutzen, dass es mühsamer Nachschau durch die wissenschaftliche Homöopathiekritik (und ganz gelegentlich der Wissenschaftsgemeinde, wenn die Homöopathen den Fehler machen, in einem wirklich großen Journal zu veröffentlichen) bedarf, um immer wieder darzulegen, dass auch reine Empirie die Homöopathie nicht als wirksam erweist.

Steven Novella und David Gorski (sciencebasedmedicine.org) schlagen z.B. vor, in die statistische Bewertung nicht nur lineare, auf die jeweils einzelne Studie bezogene Faktoren aufzunehmen, sondern auch nach der Bayesschen Methode (Bayessches Theorem der bedingten Wahrscheinlichkeit) die bisher vorliegende Gesamtevidenz in die Einzelbewertung einfließen zu lassen. Was in der Tendenz zu einem immer realistischeren Bild der Evidenz in wissenschaftlicher Sicht führen müsste (aber auch methodisch wie statistisch korrekte Forschung und deren offene Kommunikation voraussetzt). Dies aber an dieser Stelle nur als Ausblick auf einen Folgebeitrag dazu.


Wir halten fest: Homöopathische klinische Forschung hat per se etwas von einem Ärgernis. Sie dient nicht medizischer Praxis, erhält fälschlich den allgemeinen Eindruck, Homöopathie habe wissenschaftlich durchaus noch nicht abgewirtschaftet und befördert die Selbsttäuschung der Praktiker, Anwender und Fürsprecher der Homöopathie.

Zur homöopathischen Grundlagenforschung ist bereits an anderer Stelle alles Notwendige gesagt, sei noch hinzugefügt.


 

Bild von ulieitner auf Pixabay

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4 Gedanken zu „Das Heu im Nadelhaufen?“

  1. Hallo Udo,

    Zur Anzahl notwendiger Tiere (Ratten) zur Prüfung auf chronische Toxizität gibt es auch von der OECD Guidelines.
    Darin wird genannt mehr als 20 Tiere von jedem Geschlecht. Für jede Gruppe.

    https://www.oecd-ilibrary.org/environment/test-no-452-chronic-toxicity-studies_9789264071209-en

    40 Tiere in 5 Gruppen einzuteilen – waren das je 4 females und 4 males ?

    Dann gibt es auch noch den “großen Fehler der kleinen Zahl”.
    Viele Homöopathen sind ja auch Impfgegner. Derzeit wird die klinische Wirksamkeit der SARS-CoV-2 Impfung mehrerer Hersteller jeweils an etwa 40.000 Probanden überprüft. Und da wollen sie mit 40 Ratten die Wirksamkeit der Gesmaten HP beweisen. Kümmerlich.

    1. Ja, das mit der Legende von den Ratten war einer der ” taktischen Fehler” der Veröffentlichung in einem breit aufgestellten Journal… Ich hab das damals für das INH aufgegriffen. In Italien wurde das in der Tat als ultimativer Beweis der Homöopathie überall in der Publikumspresse verkauft, zu einer Zeit, als dort die Debatte im Gange war, Homöopathika von Arznei- zu “Hilfsmitteln” herunterzustufen. Honi soit qui mal y pense…

      Da hat die Community dann auch sofort reagiert, ich habe dann nur noch auf den Retract gewartet, der dann ja auch kam. Das war Nature als Mutterverlag schon ein wenig peinlich… Inzwischen gibts ja – wie ich hier auf dem Blog schon gezeigt hatte – einige Journale, die Studien “jenseits von Avogadro” gar nicht mehr zum Review annehmen. Aber eben nur einige wenige.

      Auch hier wieder mein ceterum censeo: Wir haben ein gewaltiges Bildungsproblem, wenn Redakteure großer Zeitungen einen solchen ziemlich offensichtlichen Quatsch sofort zum “Beweis der Homöopathie” hochjubeln.

      Aber die Rattengeschichte ist ja sozusagen nur der Fauxpas inmitten der als “seriös” daherkommenden “Studien”, von denen der neue Blogartikel handelt…

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