Der DA Award 2020 – Kunstpreis unter dem Motto “… nicht über den Placeboeffekt hinaus”

1. Preis für das Künstlerduo Lea & Adrian, Berlin (Klick für größere Darstellung)

Heute wurde der jährliche DA Award, der Kunstpreis des Düsseldorfer Aufklärungsdienstes, verliehen. Sinn und Zweck dieser Veranstaltung ist, die Verbindung zwischen bildender Kunst und den Anliegen der Aufklärung zu verdeutlichen. In diesem Jahr stand der Award unter dem Motto “… wirkt nicht über den Placeboeffekt hinaus”, Schirmherrin war – wer sonst – Dr. Natalie Grams. Ihr Grußwort ist hier nachzulesen.

Dieses schon ungewöhnliche Motto hat eine erstaunliche Zahl bemerkenswerter Beiträge hervorgebracht. 69 der eingereichten Kunstwerke haben es in die Vernissage mit anschließender Ausstellung im Stadtmuseum Düsseldorf geschafft. Die drei von der Jury ausgewählten Preisträger und der Publikumspreis wurden heute bekanntgegeben.

Mein Augenmerk war schon vor der Preisverleihung auf das Werk der späteren Preisträger gefallen. Ich will gern erläutern, warum ich es sehr treffend in Bezug auf das Anliegen finde, das Spannungsfeld zwischen Rationalität und Irrationalität zu verdeutlichen. Sicher bin ich kein Kunstexperte, interessiere mich aber seit jeher recht intensiv für bildende Kunst, Literatur und vor allem Musik (und habe immerhin einmal längere Zeit in einer Studentenzeitschrift eine Kolumne “Meine Meisterwerke” über meine Favoriten aus dem Bereich der bildenden Kunst geschrieben). Auch den Ausdrucksformen der Moderne vermag ich durchaus einiges abzugewinnen. Man möge aber nicht allzu viel erwarten – nicht mehr als ein persönliches Echo, eine individuelle Assoziation.

Sechs Farben, auf Tafeln neben- und übereinander platziert. Eine Reihe von Objekten, gänzlich wertfrei, der freien Assoziation überlassen. Man mag dabei an die üblichen psychologischen Farbassoziationen denken, vielleicht auch an die Aufarbeitung des Themas der Farbflächen durch Yves Klein oder Mark Rothko. Dann lenkt eine dazwischen gehängte Tafel mit einer kurzen Botschaft die Aufmerksamkeit auf sich.

“one of these colors has a deeper meaning.” Man liest dies – was geschieht? Die freie Assoziation wird gebrochen, abgelenkt. Die Frage nach der Bedeutung dieses Satzes taucht auf. Man sucht unwillkürlich nach bislang vielleicht nicht erkannten, verborgenenen Unterschieden auf den Farbtafeln. Aus der Frage nach Bedeutung erwächst der Wunsch nach Deutung, unser evolutionär erworbener Drang nach der Zuweisung von Bedeutungen und Mustern wird geweckt.

Und nun sind wir an einem Scheideweg. Erliegen wir der Mystifikation, die dadurch geweckt wird, dass uns ein tieferer Bedeutungsinhalt einer der Farben suggeriert wird? Kommen wir ins Grübeln? Führt uns der Wunsch, der Mystifikation auf den Grund zu kommen, weiter zu Spekulationen, was wohl gemeint sein könnte? Gehen wir so weit, tatsächlich einer der Farben eine “tiefere Bedeutung” zuzuschreiben, nach unserer eigenen Vorstellung und unseren Präferenzen? Und damit der “Absicht” zu entsprechen, die offensichtlich – von wem? wozu? warum? – verfolgt wird?

Oder schlagen wir den Weg der rationalen Überprüfung ein, die uns nach einiger Überlegung zu dem Ergebnis kommen lässt, hier sei nichts verborgen und der Hinweis auf eine tiefere Bedeutung von einer der Farben halte dem kritisch-prüfenden Blick nicht stand? Sind wir imstande, uns von der uns anspringenden Mystifikation zu lösen und die Verlockung zu verwerfen, ins Spekulativ-Irrationale abzugleiten? Vermeiden wir es, dem suggerierten Mystisch-Irrationalen in unseren Gedanken mehr Bedeutung beizumessen als dem rational Wahrnehmbaren?

Viele Wege können in die Irrationalität führen. Das Wecken von Zweifeln gegenüber dem Offensichtlichen gehört dazu – q.e.d.

Ist dies nicht eine sich über diese Überlegung erschließende treffende Illustration der Antipoden des “schnellen” und des “langsamen”, des rein intuitiven und des abwägend-rationalen Denkens, wie es der Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinem Buch “Schnelles Denken – langsames Denken” so eindrucksvoll dargelegt hat? Man könnte sich gar vorstellen, dass dieses Werk der beiden Künstler Kahneman geradezu als Objekt für einen seiner kognitionspsychologischen Tests gedient haben könnte.

Ganz unabhängig davon, ob die Künstler selbst den “Sinn” ihres Werkes so oder so ähnlich verbalisieren würden – sie haben den Sinn und Zweck eines Kunstwerkes bei mir erfüllt: Ich vermag das Werk zu reflektieren und darin eine stimmige Ausdeutung des gestellten Themas zu finden. Und das ist, wie ich finde, viel!


In einer Zeit, die über nie da gewesenes Wissen verfügt, sollte es mitmenschliche Pflicht sein, der Irrationalität in all ihren Facetten entgegenzuwirken.” So Natalie Grams in Ihrem Grußwort zum DA Award 2020. Könnte es eine bessere Begründung dafür geben, auch einmal einen Beitrag wie diesen hier erscheinen zu lassen?


Die Preisverleihung einschließlich eines kurzen Gesprächs mit den Künstlern ist auf Youtube verfügbar, ebenso wie der die Schlussrunde des Awards abschließende Vortrag von Dr. Natalie Grams “Ist das Heilkunst – oder kann das weg?”

2 Antworten auf „Der DA Award 2020 – Kunstpreis unter dem Motto “… nicht über den Placeboeffekt hinaus”“

  1. Immer wieder faszinierend, wie tief manche Menschen in Themen, Sachverhalte, Phänomene einzudringen vermögen, zu denen man selbst so gar keinen Zugang hat. So hat sich mir bei vielen der Kunstwerke (https://www.kunstbuero-duesseldorf.de/projekte/da-art-award-2020/) weder Sinn noch Themenbezug erschlossen, während die Organisatoren, Künstler und Besucher da gewiss jetzt noch debattieren und Fachartikel drüber schreiben. Allerdings geht es mir in meinem Beruf umgekehrt genauso. Man kann nicht alles haben (“wo würde man es hinstellen?” – Woody Allen).

    Mein Beitrag zum Wettbewerb wäre wohl das Flaschenetikett eines möglichst namhaften und teuren Weinguts gewesen – stehlen, ablösen, aufkleben, einrahmen, fertig. Aber das fällt offenbar in eine Kategorie der Einreichungen, die durchweg als nicht preiswürdig angesehen wurden. Nicht kunsthaltig genug.

    Immerhin hat mein Favorit gewonnen. Ein einfacher Trick, um auch Laien in die nachdenkliche Betrachtung eines simplen und sinnfreien Ensembles hineinzuzwingen. Fachkundige Kunstliebhaber würden das gewiss auch ohne den im Werk enthaltenen Hinweis tun, zumal es ja nach den Worten eines Jurors “zahlreiche” kunstgeschichtliche Bezüge aufweist (Mondrian? Vasarely? Magritte (“Dies ist keine Pfeife”)? – würde mich interessieren). Herrlich auch die Selbstbezüglichkeit – es ist ja das Werk selbst, das einen der im Thema vorgegebenen Placeboeffekte auslöst.

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