Hochpotenzen, Ratten und eine Menge Unsinn

Aufmerksame Leser dieses Blogs werden sich noch an den Namen Oleg Epstein erinnern können. Richtig, das ist der „Pharmaunternehmer“ aus Russland, der mit verschwurbelten Bezeichnungen irgendwelche ominösen „Hochpotenzen“ bevorzugt in den USA zum Patent einreicht, daraus Fantasiemittelchen produziert und die passenden Studien mit ein paar Kumpels aus der wissenschaftlichen Szene gleich auch noch selbst verfasst. Den ursprünglichen Artikel dazu hatte ich mit „Fake – Homöopathie – Fake“ betitelt.

Es gibt den nächsten einigermaßen spektakulär-lächerlichen Fall, bei dem eine „Studie“ von Epstein und Kollegen retracted, also vom veröffentlichenden Journal zurückgezogen wurde. Darin ging es um so unfassbar elementare Dinge wie „Auswirkungen einer chronischen Behandlung mit dem eNOS-Stimulator Impaza auf die Penislänge und das Sexualverhalten bei Ratten mit einem hohen Ausgangswert an sexueller Aktivität“ (Effects of chronic treatment with the eNOS stimulator Impaza on penis length and sexual behaviors in rats with a high baseline of sexual activity). Der inkriminierte „Bestandteil ohne Moleküle“ nennt sich hier „Affinity-purified antibodies to the C-terminal fragment of eNOS at ultra-low doses“ – ein wenig Blauäugigkeit muss man den Reviewern angesichts dessen schon bescheinigen. Nun gut, man ist aufgewacht.

Ich sag da mal nichts weiter zu – aber klar ist, dass diese Studie der Promotion von „Impaza“ (Handelsname) dient, das längst von Epsteins Firmengruppe in Russland als Potenzmittel vertrieben wird. Es ist ganz offensichtlich als „Alternative“ zu Sildenafil (Viagra) gedacht, auch die Studie vergleicht die beiden Präparate miteinander. Wobei wir die positiven Aspekte nicht unterschlagen wollen: Das Zeug ist nebenwirkungsfrei und selbst bei Überdosierung unschädlich, heißt es in der Produktinfo. Das bezweifle ich nicht! Und das ist wahrhaftig ein Unterschied zu Sildenafil.


Lassen wir mal alles Absurd-Skurrile beiseite und konzentrieren wir uns auf den wesentlichen Punkt. Nämlich auf den Kern der Begründung des Retracting durch das Journal International Journal of Impotence Research (eine Tochterpublikation von – immerhin! – Springer Nature). Die Veröffentlichung datiert schon von März 2013, es sieht ganz so aus, als sei man Herrn Epsteins Beiträgen zur medizinischen Forschung inzwischen gezielt auf den Fersen. Wer sich einen Überblick über die bisherigen „Retractions“ im Zusammenhang mit Herrn Epsteins Forschungsaktivitäten verschaffen will, kann das über die Datenbank von Retraction Watch, vorkonfigurierte Abfrage hier.

Das Journal schreibt:

„Der Herausgeber hat diesen Artikel zurückgezogen, weil es Bedenken hinsichtlich der wissenschaftlichen Validität der Studie gibt. Insbesondere wird das Reagens über den Punkt hinaus verdünnt, bis zu dem noch das Vorhandensein aktiver Moleküle zu erwarten ist, und es gibt keine molekulare Analyse, die das Vorhandensein von Molekülen in diesen Verdünnungen belegt. Diese Bedenken haben dazu geführt, dass der Herausgeber kein Vertrauen mehr in die Zuverlässigkeit der Ergebnisse hat.“

Wir konstatieren: Ein weiteres Journal weigert sich, Publikationen, die von über die Avogadro-Grenze hinaus verdünnten Mitteln handeln, als wissenschaftlich valide anzusehen und zu veröffentlichen. Ganz grundsätzlich. Wahrhaftig ein großer Schritt nach vorn, um der Pseudomedizin die Schlupflöcher zu stopfen, die ihnen die evidenzbasierte Medizin mit ihrem rein auf den „Outcome“ fokussierten Pragmatismus geöffnet hat. Wissenschaftliche Basics und Plausibilitäten scheinen wieder etwas zu zählen bei seriösen Publikationen! Eine gute Nachricht.


PS
Alle Verfasser der Studie haben dem Retract heftig widersprochen. Der korrespondierende Autor, Anders Ågmo von der University of Tromsø (The Arctic University of Norway) wurde von Retraction Watch mit dem ganzen Zeugs, was bisher zu diesen Geschichten rund um Epstein bekannt geworden ist, konfrontiert. Seine Stellungnahme:

„Es ist sicherlich möglich, dass das Medikament keinen klinischen Nutzen hat. Ich habe keine Daten gesehen, die einen solchen Nutzen untermauern. Ich sehe jedoch a priori keinen Grund, den russischen Kollegen oder der russischen Arzneimittelzulassung zu misstrauen.“ (Er nimmt dabei Bezug auf den Umstand, dass Impaza in Russland in der Tat ein „registriertes Arzneimittel“ ist – siehe PSS.)

Nach dem Motto: Mir doch egal, wer was mit meinen halbseidenen Studien anfängt! Und: a priori vielleicht nicht. Das würde sich auf 2013 beziehen. Aber wie wäre es mit a posteriori, Herr Ågmo?


PSS

Trotz der eindeutigen Aufforderung der Russischen Akademie der Wissenschaften im Jahr 2017, flächendeckend Homöopathie aus dem Gesundheitssystem zu verbannen, scheint es immer wieder „Löcher“ zu geben. Tatsächlich hat das russische Gesundheitsministerium ein homöopathisches Produkt zur Behandlung von zeckeninduzierter Enzephalitis (!) empfohlen, und eine ähnliche Substanz gehörte mit einem Umsatz von 3,8 Milliarden Rubel im Jahr 2017 (62 Mio. USD) zu den 20 umsatzstärksten Medikamenten des Landes.

In diesem Zusammenhang ist eine Meldung bemerkenswert, die nahelegt, es gebe eine neuerliche Regulationsinitiative zur Homöopathie seitens der Russischen Akademien der Wissenschaften (RAS). Edzard Ernst berichtet auf seinem Blog. Inhaltlich, teils bis in die Wortwahl hinein liest sich das allerdings genau so wie die Statements von 2017. Die einzige Quelle weltweit (das ist auch die von Prof. Ernst) ist die indonesische Nachrichtenquelle „Manila Bulletin“ , die hierzu am 13.07.2020 berichtete. Ich zweifle deshalb im Moment daran, ob es sich hier überhaupt um eine aktuelle Nachricht handelt. Auf den Webseiten der RAS findet sich nichts dazu. Russland bleibt bei mir im Fokus.


Bild von sibya auf Pixabay

Eine Antwort auf „Hochpotenzen, Ratten und eine Menge Unsinn“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.