Können Homöopathen “zur Behandlung von Covid-19 beitragen”?

Bei „Homöopathie online“, dem Portal des Zentralvereins homöopathischer Ärzte, ist ein längerer Beitrag mit dem Titel “Wir können zur Behandlung von Covid-19-Erkrankungen beitragen” erschienen. Es handelt sich um ein Interview mit dem homöopathischen Arzt Dr. Wolfgang Springer (1).

Ich habe schon darauf hingewiesen, dass es eine Frage der Zeit sei, bis die Vertreter der Homöopathie mit etwas Derartigem an die Öffentlichkeit treten würden, wenn es auch schon hier und da eher vorsichtige, nichtsdestoweniger obsolete Vorstöße gab. Auch diesem Interview wird vorangestellt, dass zuvörderst die Empfehlungen des RKI in der Corona-Krise Maßstab für ärztliches Handeln sein müssten. Was nach anfänglicher – sagen wir mal, Verwirrung in der homöopathischen Szene dann letztlich doch erst einmal zum vorläufigen Konsens erhoben wurde. Nun, man hätte ja auch schlecht etwas anderes schreiben können. Diese Einleitung ist jedoch in Bezug auf das Nachfolgende im aktuellen Beitrag auf Homöopathie online Irrelevant und leicht als taktisches Schutzschild auszumachen.

Warum? Weil sich der Beitrag beim Zentralverein auf ein Feld kapriziert, das mit den RKI-Empfehlungen wenig bis nichts zu tun hat: Die „homöopathische Behandlung“ von Covid-19. Genauer, das “Beitragen” dazu, auch als “komplementär anzuwenden” übersetzbar, man behalte das im Kopf.

Es ist nun mal eine homöopathische Spezialität, in Bereichen die Homöopathie anzudienen, bei denen es keine Maßstäbe für eine Behandlung und deren Kontrolle gibt und damit auch nicht dafür, Effekte konkret auf eine bestimmte Intervention zurückzuführen. Und natürlich hinterher mit angeblichen Erfolgen zu renommieren. Wenn man recht hinschaut, wird kaum noch behauptet, dass Homöopathie „allein“ Krankheiten heilen könne – dies ist inzwischen offenbar doch allzu diskreditiert. Es hat seine Gründe, weshalb man sich auf „komplementär“ und neuerdings „integrativ“ kapriziert. Zu diesen Gründen habe ich hier mehr geschrieben.

Nun zu den wesentlichen Inhalten des Interviews bei Homöopathie online. Ich möchte es kurz machen (ob es gelingt, werden wir sehen), denn im Kern gibt’s gar nicht so viel zu sagen. Es geht nur um zwei Punkte: Um die Beschwörung der Homöopathie als “Erfahrungsmedizin” mit allen Mitteln und um eine Demonstration von inneren Widersprüchen der Lehre par excellence – mal wieder. Na, sehen wir mal.

Die großen Erfolge der Homöopathie bei Epi- und Pandemien – schon (fast) immer! Echt?

Der Interviewte bemüht sich, den Eindruck zu vermitteln, als habe die Homöopathie im 19. Jahrhundert gerade wegen ihrer Erfolge bei Epidemien eine Hochzeit erlebt. Diese Erfolge seien „medizinisch gut dokumentiert“ – was ich bezweifle. Erstens, weil mit hinreichender Sicherheit davon auszugehen ist, dass auch damals die Homöopathie jeder spezifischen Wirkung entbehrte und von der Selbstbestätigung der homöopathischen Community und den Effekten und Wahrnehmungsfehlern von Scheinbehandlungen lebte. Das ist es, was “dokumentiert” wurde. Darf man wirklich annehmen, dass derartige Erfolge, wie sie hier für die Homöopathie reklamiert werden, spurlos an der wissenschaftlichen Medizin vorbeigegangen wären? Ohne irgendwelche Konsequenzen für die Forschung und die Praxis der Medizin geblieben wären? Das impliziert eine Verschwörungstheorie zur Unterdrückung der Homöopathie von einer Dauer und einer Großenordnung, mit der so leicht keine andere dürfte mithalten können. Sie müsste bis heute andauern und praktisch alle in der wissenschaftlichen Medizin Tätigen einschließen…

Dr. Norbert Aust hat gerade erst die stets hoch aufs homöopathische Schild gehobenen „Erfolge“ bei der Cholera-Epidemie in Wien 1831/32 analysiert (auf dem Blog von Dr. Aust findet sich ein noch breiter angelegter Beitrag zum Thema, der auch Epidemien aus neuerer Zeit einbezieht). Ergebnis dieser “gut dokumentierten” Geschichte: Auf so manches waren Erfolge zurückzuführen, nur nicht auf die Homöopathie (in diesem Fall kam groteskerweise gar keine Homöopathie zum Einsatz). Gleiches gilt für andere Erfolgsberichte aus früheren Zeiten.

Bemerkenswert ist, dass der Interviewte bei der Spanischen Grippe 1919/20 eher zurückhaltend ist (die er übrigens fälschlich „in Kriegszeiten“ verortet – die pandemische Phase spielte sich aber in den Nachkriegsjahren 1919/20 ab). Das mag darauf zurückzuführen sein, dass auch homöopathische Forscher noch auf dem LHMI-Kongress 2017 davor warnten, „Erfolge“ der Homöopathie als Referenz zu nutzen. Ein Paper zum LHMI Homeopathic World Kongress 2017 führte aus:

„Die Behandlung durch Homöopathen war nicht eindimensional, sondern es handelte sich um ein komplexes polytherapeutisches Vorgehen. Die Behandlungsresultate differierten sehr (Schwerstkranke/Kliniken versus früher Behandlungsbeginn/ambulant sowie abhängig von Zeit und Ort). Einige Auswertungen deuten darauf hin, dass es beeindruckende Erfolge gab. In Frage gestellt werden muss, ob diese als Belege taugen. Generell waren Forschungsbegriff/-kriterien weniger stringent als heute.“

Vortragende zum Thema beim LHMI-Kongress 2017 war Stefanie Jahn, die zum Thema auch die Arbeit  “Spanische Grippe und Homöopathie: die Behandlung der Pandemie im internationalen Vergleich“ (Quellen und Studien zur Homöopathiegeschichte“, Band 21) veröffentlicht hat. (Details und Quellen dazu auf der Corona-Mythen-Seite der GWUP unter “Homöopathie / Spanische Grippe / Cholera”).

Der Interviewte greift auch den Aspekt der uneinheitlichen Therapien bei der Spanischen Grippe auf, ihm ist mit hoher Wahrscheinlichkeit diese homöopathieinterne Relativierung bekannt. Immerhin – Widerlegungen oder Richtigstellungen aus der eigenen Szene lässt man gelten, was allerdings auch dem Bemühen geschuldet sein kann, sich keiner internen Uneinigkeit bezichtigen zu lassen.

Dies aber führt mich zu einem kleinen Exkurs am Rande: Gerade einmal 100 Jahre ist es her, dass die Spanische Grippe wütete. Die ist also wegen der gänzlich anderen Zeitläufte, anderer Begriffe von Wissenschaftlichkeit, nicht ausreichender Quellenlage und einigem mehr nach Ansicht von Homöopathen obsolet und nicht brauchbar als Referenz – aber weit ältere, weit weniger “dokumentierte” und unter noch ganz anderen Lebensverhältnissen abgelaufene Epidemien sollen  als Referenz dienen können? Der Bruch in der Argumentation ist evident.

Wie dem auch sei, all diese „Erfolge“ vergangener Zeiten bei Epi- und Pandemien sollen letztlich nur das „Kernargument“ des Beitrags beim DZVhÄ stützen. Und das ist einmal mehr die „Erfahrung“ der Homöopathen, diese ominöse Mischung aus Selbst- und Fremdtäuschung, die den Kern der Selbstrechtfertigung der homöopathischen Szene ausmacht. Hier zudem vorgetragen mit der Autorität der ärztlichen Homöopathen. Was aber nicht mehr als ist das hochgehaltene Schild mit dem bekannten Spruch: „Trust me, I’m a homeopath!“ Immerhin bezieht sich die Schulmedizin ja auch nicht explizit auf die Aufzeichnungen von Ignaz Semmelweis, um die Verfahren der klinischen Hygiene zu begründen, sondern erklärt und begründet sie auf der Grundlage neuester mikrobiologischer Forschung (was Semmelweis keinen Abbruch tut, im Gegenteil). Etwas Vergleichbares zum Letzteren – nämlich einen bestätigenden und den Horizont ständig erweiternden Fortschritt –  kann die Homöopathie nicht vorweisen, was sie zu Versuchen zwingt, Legitimation in Tradition und Geschichte zu suchen. Q.e.d.  Welche Absurditäten genau dadurch entstehen, zeigt der gleich folgende Abschnitt.

Die wissenschaftlich fundierte Homöopathiekritik legt immer wieder dar, dass die (reine, individuelle, nicht systematisch erfasste und um nicht intersubjektive Bestandteile bereinigte* ) Erfahrung kein gültiger Maßstab für eine allgemeine Aussage ist, wie beispielsweise die, dass eine bestimmte medizinische Intervention gerechtfertigt, weil valide sei. Der Rekurs auf Erfahrungsheilkunde allein, wie er auch hier sehr wortreich mit Rückgriff auf die Historie bemüht wird, sticht nicht. Zumal im Falle der Homöopathie noch die fehlende Plausibilität der Grundannahmen, ferner das Fehlen valider Ergebnisse aus der empirischen Forschung hinzukommen (wobei letzteres klar gegen das Vorhandensein von relevantem Erfahrungswissen steht *).

Der Eiertanz um den “Genius epidemicus”

Dass die Homöopathie durch ihre ständigen inneren Widersprüche ausgezehrt wird wie Prometheus’ Leber durch den Adler, belegt einmal mehr die im Interview dargelegte Sicht auf die Mittelfindung in Zeiten der Pandemie, bei der die Homöopathen keinen Zugriff auf repertorisierte, durch Arzneimittelprüfung am Gesunden ermittelte Arzneimittelbilder haben. Hahnemann war sich dessen bewusst – und ganz offensichtlich auch des damit verbundenen Dilemmas, die ihn von der Individualität des homöopathischen Ansatzes mit Macht wegzuzwingen schien. Er beschrieb dann auch – gegen das Individualitätsprinzip der homöopathischen Behandlung und gegen sein Postulat, es gebe keine überindividuellen Krankheiten, Krankheit sei nur über das Symptombündel im einzelnen Patienten erkennbar – in den Paragrafen 100 ff. des „Organon der rationalen Heilkunde“, dass in einem solchen Falle der „Genius epidemicus“ aufzuspüren sei. Und das ist interessant.

In § 100 des Organon baut Hahnemann erst einen Schutzwall gegen den zu erwartenden Vorwurf, er werfe sein Individualitätsprinzip über Bord – indem er die Individualität auf die Epidemie und nicht auf den Patienten bezieht:

Bei Erforschung des Symptomen-Inbegriffs der epidemischen Seuchen und sporadischen Krankheiten, ist es sehr gleichgültig, ob schon ehedem etwas Aehnliches unter diesem oder jenem Namen in der Welt vorgekommen sei. Die Neuheit oder Besonderheit einer solchen Seuche macht keinen Unterschied weder in ihrer Untersuchung, noch Heilung, da der Arzt ohnehin das reine Bild jeder gegenwärtig herrschenden Krankheit als neu und unbekannt voraussetzen und es von Grunde aus für sich erforschen muß, wenn er ein ächter, gründlicher Heilkünstler sein will, der nie Vermuthung an die Stelle der Wahrnehmung setzen, nie einen, ihm zur Behandlung aufgetragenen Krankheitsfall weder ganz, noch zum Theile für bekannt annehmen darf, ohne ihn sorgfältig nach allen seinen Aeußerungen auszuspähen; und dieß hier um so mehr, da jede herrschende Seuche in vieler Hinsicht eine Erscheinung eigner Art ist und bei genauer Untersuchung sehr abweichend von allen ehemaligen, fälschlich mit gewissen Namen belegten Seuchen befunden wird; – wenn man die Epidemien von sich gleich bleibendem Ansteckungszunder, die Menschenpocken, die Masern u.s.w., ausnimmt. (Hahnemann, Organon, 5 Auflage, § 100)

Das ist schon ein rechter Eiertanz, möchte man sagen – dass er seine „individuellen Epidemien“ vom damals schon bekannten „Ansteckungszunder“ zu unterscheiden bemüht ist, macht es nicht besser – wirft aber einen bezeichnenden Blick darauf, mit welchem Kenntnisstand damals gearbeitet werden musste. Medizinhistorisch interessant, immerhin. Allerdings – hier würde sich ein wirklich logischer Ansatz dafür bieten, die Idee des Genius epidemicus zu verwerfen: nämlich deshalb, weil wir heute wissen, dass Epidemien sämtlich “Ansteckungszunder” sind… Aber diese naheliegende Schlussfolgerung habe ich noch bei keinem Homöopathen gefunden.

In § 102 aao kommt Hahnemann dann zur Sache und überträgt das für die Homöopathie doch konstituierende therapeutische Individualitätsprinzip schlanker Hand auf die Epidemie selbst:

Bei Niederschreibung der Symptome mehrer Fälle dieser Art wird das entworfene Krankheitsbild immer vollständiger, nicht größer und wortreicher, aber bezeichnender (charakteristischer), die Eigenthümlichkeit dieser Collectivkrankheit umfassender; die allgemeinen Zeichen (z. B. Appetitlosigkeit, Mangel an Schlaf u.s.w) erhalten ihre eignen und genauern Bestimmungen und auf der andern Seite treten die mehr ausgezeichneten, besondern, wenigstens in dieser Verbindung seltnern, nur wenigen Krankheiten eignen Symptome hervor und bilden das Charakteristische dieser Seuche. (Hahnemann, Organon, 5. Auflage, § 102)

Am interessantesten ist aber, dass der für Homöopathie online interviewte homöopathische Arzt seinerseits die ganze Sache mit dem Genius epidemicus praktisch verwirft:

Hinzu kommt bei der Betrachtung heutiger Patienten ein Ausmaß an individualisierten Lebensformen, dass allein schon deshalb die Suche nach einem Genius Epidemicus einen Widerspruch darstellen würde zu dem womöglich elementarsten aller Wesensmerkmal unserer Epoche: Eben dem der Individualisierung. 

Praktizierende Homöopathen, die auf ihren Webseiten mit unbestreitbarem Fleiß “Ergebnisse” der Suche nach dem genius epidemicus zusammentragen, werden sich sicher über dieses Statement freuen. Auch die österreichische Gesellschaft für homöopathische Medizin sogar schon über einen Katalog “wirksamer” Mittel verfügt, die aus der weltweiten Beobachtung des Genius epidemicus erwachsen sind … der allerdings mit anderen Angaben nicht so recht übereinstimmen will. Mal ganz abgesehen davon, dass die Sektion Bayern des nämlichen Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte auf seiner eigenen Homepage vor nicht allzu langer Zeit schrieb, dass man darauf harre, dass “Daten über tatsächliche schwere Corona-Verläufe vorliegen, um ausreichend sicher einen Genius epidemicus im homöopathischen Sinne erkennen zu können“. Sic! Der Verfasser dieser Zeilen dürfte vermutlich auch nicht gerade ein Büropraktikant des DZVhÄ gewesen sein.

Die weiteren Ausführungen enthalten das (eigentlich nur auf das Verwerfen des Genius epidemicus bezogene) Zugeständnis, dass viele andere Faktoren für „Heilungen“, auch im Falle epidemischer Erkrankungen, maßgeblich sein können. Was für eine argumentative Rutschbahn. Ist nicht genau das auch wieder ein mehr als schwankendes Brett bei einer Verteidigung der Homöopathie als “Erfahrungsheilkunde”? Denn wie will dann (wir kommen auf den Anfang zurück) die Homöopathie nachweisen, ob und welchen spezifischen Beitrag sie leisten kann? Antwort: Sie kann es nicht. Sie wird es nicht können. Sie konnte es nie. Gleichwohl stellt sie Behauptungen auf, die sie nur mit Rückgriff auf ihre Denkfehler, Irrtümer, Widersprüche und kognitiven Selbsttäuschungen wird wieder bemänteln können. Was, bitte, hat das alles mit solider, unvoreingenommener Wissenschaft zu tun?

Bitte – ist das an Selbstwidersprüchlichkeiten und verquerem Denken noch zu überbieten? Wenn man recht hinschaut, wird im Interview hier das Hahnemannsche Problem des individuellen Behandlungsansatzes mit dem Genius epidemicus durchaus erkannt – nur wird es einerseits verworfen und andererseits verteidigt. Das muss man erst einmal schaffen. Hahnemann hätte das wohl nicht gefallen, letztlich ist das ja eine ganz offene Infragestellung des “Organon”, wenn auch nur unter dem Druck der diesen Paragrafen schon seit Hahnemann innewohnenden Widersprüchlichkeit. Man sollte eben nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben wollen.

Im Grunde: die alte Leier

Und insofern bleibt zu konstatieren, dass dieser Vorstoß bei Homöopathie online, der –  erwartbar – nach einer Phase öffentlicher Zurückhaltung wieder Relevanzanspruche erhebt, nicht mehr enthält, als den hier mit vielen Worten vorgetragenen Anspruch, als „Erfahrungsheilkunde“ Teil der Medizin sein zu wollen. Als „Erfahrungsheilkunde“, die ihre Selbstwidersprüchlichkeiten ungeniert vorführt, die die fehlende systematische empirische Bestätigung ihrer “Erfahrungen”, ohne die es nun mal seit Beginn des wissenschaftlichen Zeitalters nicht geht, nicht schert und die, was die Grundlagen ihrer Methode anbelangt, reinem Wunderglauben anhängt. Nämlich dem, dass Naturgesetzte ausgerechnet für die Homöopathie eine Ausnahme machen würden. Wie sehr die Homöopathie außerhalb des Kontextes soliden wissenschaftlichen Vorgehens steht, kann kaum offensichtlicher demonstriert werden als hier von ihr selbst.

Das macht mich nicht wütend, das schmerzt mich geradezu körperlich. Ich hege die Hoffnung, dass die Anmaßung und die Entfernung von jeglichem konsistenten Denken, die die homöopathischen Ärzte mit dieser Veröffentlichung demonstrieren, dazu beitragen wird, beizeiten (wenn Corona nicht mehr allein im Fokus steht), die Entscheidungsträger ernsthaft zum Nachdenken darüber zu bewegen, ob so etwas innerhalb des öffentlichen Gesundheitssystem wirklich weiterhin einen geschützten Platz beanspruchen darf.

Und so langsam mache ich mir Gedanken darüber, warum ich mir um solche Auftritte der Homöopathen solche Gedanken mache. Denn es bleibt doch schlicht dabei: Homöopathie hat weder eine mit gesichertem Wissen vereinbare Grundlage noch war sie imstande (und die Chance hatte sie) einen belastbaren Nachweis nach wissenschaftlichen Kritierien für eine Wirkung über Kontexteffekte hinaus zu erbringen.


(1) Dr. Springer ist in der Homöopathie-Szene kein Unbekannter. Er praktiziert lange als Allgemeinarzt und Homöopath, ist in homöopathischen Interessenverbänden aktiv und erhielt 2012 vom bayerischen Gesundheitsminister das Bundesverdienstkreuz am Bande, ausdrücklich für seinen “Einsatz für die Homöopathie in Deutschland” (ich hoffe, zumindest das würde heute nicht mehr durchgehen). Ich erwähne das nur, weil ich Dr. Springer als Person hier gar nicht nähertreten will, was aber andererseits auch bedeutet, dass mich Argumente auf Autoritätsbasis nicht interessieren. Es geht um die Homöopathie und das, was diese Lehre hervorbringt.


*) Update, 25.05.2020: Einschübe zur Klarheit, ich danke dem Leserbriefschreiben 2xhinschauen für die konstruktive Kritik!


Bisherige Beiträge zu Homöopathie und Corona auf diesem Blog:

Bodensatz der Verblendung – Homöopathie in Corona-Zeiten

Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus – sagt wer…?


Bildnachweis (Argumentative Wüste): Marion auf Pixabay

6 Antworten auf „Können Homöopathen “zur Behandlung von Covid-19 beitragen”?“

  1. Über den GWUP Blog wieder einmal hierher geraten sage ich einfach mal danke für die immer wieder sehr lesenswerten Ausführungen!
    Ich halte diese Arbeit für wichtig. Denn wer in der Lage ist, die Widersprüchlichkeiten in der Lehre der Homöopathie zu ignorieren, der schafft auch leicht die Wege, sich zum Impfgegner und Coronaleugner zu entwickeln und schadet damit der gesamten Gesellschaft.

    1. Leider ist es genau so. Inzwischen vielfach auch empirisch belegt. Homöopathie ist durch ihre Scheinseriösität eine “Einstiegsdroge” in alles Mögliche. Eine Gewöhnung an unkritisches Denken. Danke für den Zuspruch!

  2. >> dass die Erfahrung (…), auch die kollektive, kein gültiger Maßstab für eine allgemeine Aussage ist <<

    Das würde ich so nicht stehenlassen, lieber Udo. Die Ingenieursfächer z.B. stützen sich ganz wesentlich auf die kollektive Erfahrung, vor allem die des Scheiterns. Man wächst natürlich bevorzugt an den Fehlern der anderen. Ein Theoretiker würde hier zwar einwenden, dass ein nicht-abstürzendes Flugzeug keine "allgemeine Aussage" über die Abwesenheit von Fehlern erlaubt. Aber was will man als Ingenieur oder Passagier mehr als nicht-abstürzende Flugzeuge?

    Der valide Kritikpunkt ist natürlich, dass die Homöopathen den eigentlich sauberen Begriff der "Erfahrungswissenschaft" für sich okkupieren und ihn allein auf die /persönliche/ und die tradierte ( = unhinterfragte ) Erfahrung beziehen. Niemals werden Behandlungsmethoden und -schulen miteinander verglichen, um empirisch die beste herauszuarbeiten und -igitt- die anderen fallenzulassen.

    Hier gut dokumentiert: https://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Varianten_der_Homöopathie

    Wobei, nach Hahnemann sind nicht-individualisierte Leitlinientherapien bekanntlich unmöglich, während die gesamte richtige Medizin sich auf diese Sammlungen kollektiver Erfahrung stützt.

    Wobei: Andere Homöopathen wie Scholten (https://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Gruppenanalyse_nach_Jan_Scholten) und Sankaran (https://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Empfindungsmethode_nach_Sankaran) können das durchaus, indem sie Patienten typisieren. Hahnemann hatte halt keine Ahnung von richtiger Homöopathie, nehme ich an.

    Und so ist Rajan Sankaran (unglaublich: entgegen den Empfehlungen des DZVhÄ!) im Nahen Osten unterwegs und führt "Studien" zur homöopathischen Behandlung von Corona durch, selbstverständlich mit großem Erfolg (https://www.narayana-verlag.de/spektrum-homoeopathie/update-zur-studie-ueber-die-homoeopathische-behandlung-von-covid-19-infektionen-im-iran).

    1. Das ist natürlich weitgehend richtig, aber ich sehe ja, dass Du weißt, wie ich den Begriff der “Erfahrungsmedizin” deute: als ALLEINIGE Erfahrungsmedizin. Der Begriff wurde als bewusste Abgrenzung von den wissenschaftlich fundierten Mitteln und Methoden ja schon in der Debatte um das AMG in den Jahren vor 1976 von den Homöopathen und Anthroposophen selbst so benutzt. Probleme hatte sie damit nie. Und ihre Allgemeinaussage ist denkbar einfach: Homöopathie wirkt, denn wir wissen das!

      Denn die Homöopathie bestreitet ja rundweg David Humes Erkenntnisse zum Induktionsproblem und negiert dabei, dass die Suche nach gültigen Erkentnismöglichkeiten seit Hume ja im Grunde nichts anderes war als der Versuch, die Konsequenzen aus dem unumgänglichen Induktionsproblem in den Griff zu bekommen. (In der neueren Epistemologie gibt es übrigens Stimmen, die behaupten, das Problem komplett gelöst zu haben.) Der kritische Rationalismus brachte den Durchbruch, indem er die wissenschaftliche Bescheidenheit gegenüber der Allmacht des nicht erreichbaren unendlichen Regresses in der Empirie einführte und gleichzeitig die Grenze dessen zog, was maximal gesichertes Wissen sein kann. Diese Grenze erkennen die Homöopathen nicht an. Ihre “Erfahrungsmedizin” ist unkritische, unreflektierte und letztlich anmaßende Empirie, aber keine wissenschaftlich und epistemisch unterlegte. Von der völligen Abwesenheit deduktiver Schlüsse hinsichtlich der Grundannahmen ihrer Lehre ganz abgesehen. Ist immer schwierig zu formulieren. (Hier in dieser Antwort hab ich mir vllt ein wenig mehr Mühe gegeben als sonst.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.