Fake-Homöopathie-Fake

In Russland gibt es eine Firma namense OOO NPF Materia Medica Holding, unter Führung eines gewissen Oleg Epstein, die homöopathische Produkte herstellt. Wie nun offenbar wurde, stellte Epstein gleich auch die für diese Produkte passenden Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Journalen mit her. Und nicht nur das.

2018 hat PLOS ONE (Public Library of Science, ein Open-Access-Online-Journal) eine Arbeit von Epstein et al. mit dem Titel „Novel approach to activity evaluation for release-active forms of anti-interferon-gamma antibodies based on enzyme-linked immunoassay“ zurückgezogen. Für den Nichtfachmann ein Buch mit sieben Siegeln, dieser Titel. Jedoch, die Erklärung zum Retract von PLOS ONE hatte es in sich:

„Nach der Veröffentlichung dieses Artikels wurden Bedenken hinsichtlich der wissenschaftlichen Validität der Studie sowie eines potenziellen Interessenkonfliktes geäußert, […] … ziehen wir diesen Artikel zurück, da wir Bedenken hinsichtlich der wissenschaftlichen Gültigkeit der Forschungsfrage, des Studiendesigns und der Schlussfolgerungen haben.

Insbesondere sind wir besorgt über das Gesamtdesign der Studie, das darauf abzielt, die Auswirkungen eines Reagens zu erkennen, das so weit verdünnt ist, dass nicht zu erwarten ist, dass die Lösung biochemisch relevante Mengen an Antikörpern enthält.“

Kleiner Zwischenhalt. Wir merken uns an dieser Stelle, dass hier ein Journal – meines Wissens zum ersten Mal – an dem Postulat Anstoß nimmt, ultrahoch verdünnte Lösungen könnten eine biochemische Wirkung haben. Damit wird nicht nur auf die statistischen Methoden und Daten der Studie (die Ergebnisse im Sinne der evidenzbasierten Medizin) rekurriert, sondern auf die wissenschaftliche Grundplausibilität, die in diesem Fall dagegen spricht, dass allfällige Ergebnisse aus dem Datenmaterial überhaupt irgendeine Relevanz haben können. Ausgedrückt in dem Term von der „wissenschaftlichen Gültigkeit der Forschungsfrage“.

Weiter heißt es zum Retract:

„Die konsultierten Experten äußerten auch Bedenken hinsichtlich der Gültigkeit und Strenge des in der Studie verwendeten Immunoassay-Systems. Der verwendete enzymgebundene Immunosorbent-Assay (ELISA) wurde so eingestellt, dass er kaum nachweisbare Signale liefert, was den Assay besonders anfällig für Störungen macht. In Anbetracht dieser Fragen sind wir der Ansicht, dass der Artikel keine ausreichenden oder zuverlässigen Beweise für die Schlussfolgerungen liefert.
Andere Probleme sind nicht deklarierte Interessenkonflikte ….“

Noch ein Zwischenhalt. Hier wird zusätzlich der Vorwurf erhoben, das Messsystem sei so kalbriert worden, dass Messartefakte (ersichtlich, um diese dann als positive Messsignale deuten zu können) geradezu provoziert wurden. Das muss man sich einmal vorstellen. Und hier wird auch deutlich, wie sich diese Mittel eine Mimikry zulegen, die sie von „Alltagshomöopathie“ unterscheiden soll: Nicht schlichte „gewohnte“ Grundstoffe wie Sulphur oder Belladonna machen die nichtvorhandenen Wirkstoffe aus, es wird hier mit hochkomplexen „Ursubstanzen“ (anti-interferon-gamma antibodies based on enzyme-linked immunoassay) und der Bezeichnung „release-activated forms“ (also ungefähr „freisetzend-aktivierte Medikamente“, offenbar ein Euphemismus für homöopathisch potenzierte Substanz) ein gänzlich unzutreffender Eindruck seriöser biochemischer Forschung erweckt.

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PLOS ONE wurde tätig aufgrund von Kommentaren eines russischen Skeptikers, Alexander Panchin, auf deren Webseite. Panchin forscht an der Russischen Akademie der Wissenschaften zu molekularer Evolution und ist – kaum verwunderlich – erklärter Gegner der Homöopathie.

Panchin sieht die verschleiernde Bezeichnung „Release-active drugs (RADs)“ für solche Mittel – zutreffend – schlicht als Synonyme für Homöopathie an. Diese Präparate würden bereits in Mexiko, Vietnam, der Mongolei, Weißrussland, der Ukraine und anderen Ländern verkauft.
Derzeit ist Panchin auf der Fährte weiterer solcher Veröffentlichungen in weiteren Journalen.

Panchin hat in BMJ EBM zu dieser „russischen Homöopathie“ einen Fachartikel veröffentlicht (Panchin AY, Khromov-Borisov NN, Dueva EV: Drug discovery today: no molecules required BMJ Evidence-Based Medicine 2019;24:48-52). Darin heißt es:

…. diese innovativen „Medikamente“ enthalten keine aktiven Moleküle und können als eine neue Spielart der Homöopathie angesehen werden. Dies deutet auf eine von zwei Möglichkeiten hin: Entweder stehen wir kurz vor einer Revolution in der Medizin oder es ist etwas schief gelaufen mit der Forschung und ihren Veröffentlichungen in zahlreichen wissenschaftlichen Journalen. Wir halten dafür, dass die letztgenannte Erklärung wahrscheinlicher ist und dass diese Schlussfolgerung schwerwiegende Auswirkungen auf die Unternehmen und Organisationen im Wissenschafts- und Gesundheitssektor hat. Das Opfer war diesmal Antiviral Research, eine Zeitschrift von Elsevier, die zwei Artikel von Epstein und Kollegen zurückgezogen hat. Eines davon trug im Juni 2017 den Titel ‚Wirksamkeit neuartiger antikörperbasierter Medikamente gegen Rhinovirusinfektionen‘: In vitro und in vivo Ergebnisse.‘

Dieser Beitrag ließ nicht erkennen, dass die auf antivirale Aktivität getesteten Produkte in Wirklichkeit ‚homöopathisch aktivierte Formen von Antikörpern‘ waren, wie im US-Patent 8,535,664 B2 beschrieben, das von O. I. Epstein und anderen eingereicht wurde.

Die Homöopathie ist eine veraltete Therapieform, die von der modernen medizinischen Praxis nicht akzeptiert und von der modernen Wissenschaft abgelehnt wird. Wenn das bei Antiviral Research eingereichte Manuskript die Art der zu prüfenden Materialien als homöopathische Produkte identifiziert hätte, wäre es abgelehnt worden. Nachdem der Chefredakteur nun von diesen Informationen Kenntnis hat und die Frage ausführlich mit anderen Experten diskutiert hat, hat er beschlossen, diesen Artikel offiziell zurückzuziehen.

Die andere, „Aktivität von extrem niedrigen Dosen von Antikörpern gegen Gamma-Interferon gegen die tödliche Influenza A(H1N1)2009 Virusinfektion bei Mäusen“, erschien 2012. Auch hier blieb unerwähnt, dass es sich bei den getesteten Produkten um „homöopathisch aktivierte Formen von Antikörpern“ im Sinne des schon erwähnten US-Patentes handelte.“

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Was für eine Spiegelfechterei. Da lässt sich jemand „homöopathisch aktivierte Antikörper“ in den USA patientieren, im Patent ganz offen bezugnehmend auf homöopathische Potenzierung (von 10^23 bis 10^99, also de facto wirkstoffrei), stellt „Medikamente“ (mehrere „unterschiedliche“!) auf dieser Basis her, vertreibt sie in Schwellen- und Entwicklungsländern und hat zudem auch noch die Stirn, die passenden Anwendungsstudien dazu selbst zu verfassen und – neben der Vorspiegelung, es handele sich um moderne biochemische Präparate – darin mit keinem Wort zu erwähnen, dass sie auf den „homöopathisch aktivierten Formen“ im Sinne des US-Patentes beruhen. Ganz abgesehen von der Unverfrorenheit, die massiven Interessenkonflikte (massiver geht nicht mehr) auch nur anzudeuten. Dem peer review der Journale stellt dieser Vorgang allerdings auch ein vernichtendes Zeugnis aus.

Und um Kleinigkeiten geht es nicht. Epstein bewirbt seine „Mittel“ als Beitrag gegen Antibiotikaresistenzen (das ist wohl derzeit die neue Sau, die von den Homöopathievertretern durchs Dorf getrieben wird), aber auch zur Behandlung von allerlei Kleinigkeiten, die einem den Atem stocken lassen. Homöopathika in 10^24 und höher, wohlgemerkt. Für starke Nerven hier ein Link zu einer deutschsprachigen Werbeseite eines der Präparate mit einer Indikationsliste.

Und wäre das nicht alles schon genug Tricksen, Täuschen und Tarnen: Die hier in Rede stehenden Präparate lehnen sich auch noch namentlich an die hochwirksamen – und sehr teuren – Interferon-Präparate an, betreiben also auch hier noch Trittbrettfahrerei. Im Preis, soweit ich das recherchieren konnte, allerdings nicht – ein Interferon-Präparat kostet in der Regel vierstellig, das „Trittbrettpräparat“ aus Russland ist für wenige Euro zu haben, hat aber – soweit bekannt – dem Hersteller bereits hohe zweistellige (Euro-)Millionenumsätze erbracht. Nun ja, in den Indikationsangaben stehen sie echten Interferonpräparaten ja auch kaum nach…

Panchin berichtete gegenüber Retraction Watch, ihm seien drei Klagen von Homöopathieherstellern gegen Kritiker bekannt. Zwei gegen die Russische Akademie der Wissenschaften wegen einer Veröffentlichung, die Behauptungen, Homöopathie sei zur Behandlung von Krankheiten geeignet, als unhaltbar zurückwies. Diese Klagen scheiterten.

Eine weitere, noch nicht entschiedene Klage stammt von Epsteins Firma Materia Medica gegen die russische (fundraisingfinanzierte) Wissenschaftspublikation „Troitsky Variant – Nauka“ und drei Autoren (Mitglieder der Kommission gegen Pseudowissenschaften der Russischen Akademie) wegen eines kritischen Artikels über die Firma Materia Medica, ihre „Medikamente“ und ihren Gründer Epstein.

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Und was hat das alles mit der Homöopathie in Deutschland zu tun?

Wie ich finde, eine ganze Menge. Beispielsweise trägt das unbeirrte Festhalten an Homöopathie im deutschen Gesundheitssystem auch dazu bei, deren falsche Reputation in der Welt, besonders in Schwellen- und Entwicklungsländern zu befördern. Letztlich wird auch den „Medikamenten“ von Epsteins Materia Medica Holding in den Absatzländern der Weg geebnet. Ich zweifle nicht daran, dass Deutschland mehr oder weniger offen als eine Art internationale Referenz pro Homöopathie „vermarktet“ wird, solange es eine Insel der Zuckerkugeltherapie darstellt. Und das ist mehr als ein Unding.

Ein Grund mehr für eine klare Positionierung des deutschen Gesundheitssystems, der Ministerial- und der Parlamentsebene gegen die Scheinmethode Homöopathie.

Worüber ich mich ehrlich freue: Dass die Chefredaktion einer wissenschaftlichen Publikation sich offen auf den Standpunkt gestellt hat, dass jedenfalls „Forschungen“ zu homöopathischen Hochpotenzen den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit nicht erfüllen, die zur Veröffentlichung in einem peer-reviewten Journal Mindestvoraussetzungen sind.


Bildnachweis:Gerd Altmann auf Pixabay

3 Antworten auf „Fake-Homöopathie-Fake“

  1. Forschung in der Homöopathie ist ja immer mal wieder merkwürdig.
    So hat zB Endler PC aus der Steiermark schon ab den 90ern Kaulquappen bzw deren Entwicklung mit Thyroxin in hoher verdünnung „beforscht“. In den damaligen Publikationen fehlte allerdings ein Hinweis, dass Tierversuche mit Kaulquappen nach Tierversuchsgesetz (Wirbeltiere !) bewilligungspflichtig sind. Also ethisch problematisch und ein Verstoß gegen gute wissenschaftliche Praxis.

    Aber Endler publiziert weiter und macht ein update zu seinen damaligen Versuchen.
    Und da steht dann auf einmal „Although a perfect reproducibility was not obtained“ ….. Das ist schon ein highlight. Die Versuche waren nicht reproduzierbar, schön verpackt in „perfekte Reproduzierbarkeit war nicht gegeben“
    heute sagt man dazu „Fake-Experiment“
    Details hier:
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26678725

    Sucht man in pubmed nach Endler PC findet man aber auch noch andere Merkwürdigkeiten.

    1. Endler beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesem blanken Unsinn, sieht also offenbar in dem Kaulquappenzeugs ein Lebenswerk. Im Grunde zu bedauern.
      DIese Leute nutzen alle die Unvoreingenommenheit und Ergebnisoffenheit der Wissenschaft schamlos aus, der gleichen Wissenschaft, der sie Dogmatismus vorwerfen, wenn sie Kritik erfahren.
      Inzwischen ist mir ein Fall bekannt geworden, bei der für ein ganz ähnlich präsentiertes „Präparat“, diesmal recht hochpreisig, Erstattung von einer deutschen Krankenkasse im Rahmen von Homöopathie als Satzungsleistung verlangt wird. Die Sache ist noch nicht ausgestanden, aber an sich klar: Es ist ja keine Homöopathie, da hier nichts auf dem Similieprinzip beruht. Der Ansatz ist ja „allopathisch“.
      Wie gesagt, Täuschen, Tricksen, Tarnen – und das alles ist nur möglich, weil diese Kameraden unter das gesetzliche Schutzdach der Homöopathie kriechen können.

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