Ein Einzelfall! – Ein Einzelfall?

Mal wieder hat ein Presseorgan der Heilpraktikerszene Gelegenheit zur Selbstdarstellung in einem redaktionellen Beitrag gegeben. Zugegeben, als „ausgewogene“ Replik zu einer kürzlich am gleich Ort erschienenen Kritik. Gleichwohl.

Ein Verbandsvertreter kam zu Wort, mit der Attitüde der „besseren Medizin“ und des guten (besseren?), empathischen Heilkünstlers, selbstverständlich. Dementsprechend auch mit den üblichen Whataboutisms und den Vorwürfen gegen die Ärzteschaft, es gehe ihr bei der Kritik an den HP nur um die Sicherung eigener Pfründe, ja, es sei eine „Hexenjagd“ zu konstatieren. Nun, dazu braucht man nichts mehr zu sagen, die Würdigung dieser immer wiederkehrenden, „sachbezogenen“ Sprechblasen findet sich z.B. hier, hier und hier.

In dem Zusammenhang wurde der selbst praktizierende Verbandsobere mit der Bemerkung zitiert, er sei kein Guru, sei der Schulmedizin (sic!) verbunden und habe keine esoterische Ader.

Nun, wollen wir mal sehen.

Die Praxishomepage des Herrn offenbart uns sein Angebotsspektrum, zunächst eine Auslese aus den die Diagnostiken:

– allgemeine, sowie klassische homöopathische Anamnese
– körperliche Untersuchung incl. Osteopathie / Chiropraktik
– Antlitzdiagnose
– chin. Zungendiagnostik und Pulsdiagnose
– Segment und Reflexzonendiagnose
– I-health Akupunktur-Meridiandiagnostik
– Irisdiagnostik Computergestützt
– Elektroakupunktur nach Voll
– Dunkelfelddiagnostik nach Enderlein (Blutdiagnostik)

Der Vollständigkeit halber aus dem Therapieangebot:

– Chiropraktik
– Osteopathie
– Homöopathie
– ausleitende Verfahren Schröpfen, Baunscheidtieren, Blutegel
– Ozontherapie
– Sauerstoffmehrschrittherapie
– Akupunktur/Akuinjektion Ohrakupunktur
– Darmsanierung
– Neuraltherapie Behandlung akuter und chronischer Schmerzen und Funktionsstörungen mit Procaininjektionen
– Colon-Hydro-Therapie
– SCENAR Therapie (Regulationstherapie des körpereigenen Energie- und Nervensystems)
– V-sonic Vital-Wellen-Therapie (Schmerztherapie)
– Magnetfeldtherapie
– ihealth Therapie
– Leber- und Gallenblasenreinigung nach Andreas Moritz

Das ist ein Berg von Unsinn ohne jeden Benefit für den Patienten (außer dem Gefühl, ihm sei etwas ganz Tolles widerfahren). Eine größere kognitive Dissonanz zwischen diesen evidenzbefreiten Angeboten und der Beteuerung, man sei ü-ber-haupt nicht esoterikgeneigt und der Schulmedizin verbunden, geht kaum.

Mir geht es aber gar nicht um eine Kritik oder Erörterung all dieser Unsinnigkeiten (die sich so oder ähnlich auf unzähligen Heilpraktiker-Webseiten wiederfinden, ruhig mal ausprobieren). Mir geht es ein weiteres Mal darum, einen Blick auf das Selbstbild von Heilpraktikern zu werfen. Klar, ein Einzelfall, aber nach meiner Erfahrung eben auch nicht. Und hier präsentiert sich der Herr ja als Repräsentant der Szene, als Verbandsvertreter, der sich in dieser Rolle über einen kritischen Artikel empört, der kurz zuvor im gleichen Blatt zum Thema erschienen war. Da muss er sich schon mal gefallen lassen, als Teil für das Ganze zu stehen (wie ich ansonsten zur Evidenz von Einzelfällen stehe, dürfte ja kein Geheimnis sein).

Hier tritt jemand mit dem Aplomb auf, seine „gute Sache“ zu verteidigen – und merkt nicht einmal, dass er das Urteil in dieser Sache gleich selbst spricht. Eine Dokumentation von „Parallelmedizin“ par excellence. Und, worauf es ankommt: Der potenzielle oder gar bereits vorhandene Patient hat praktisch keine Möglichkeit, das System unsinniger Parallelmedizin hinter all diesen Euphemismen und Überheblichkeiten, hinter dem falschen Selbstbild und dessen Präsentation zu erkennen. Und ceterum censeo: Der Patient hat im Grunde auch gar keinen Anlass dazu, weil es ja hier nicht um einen Jahrmarkt-Scharlatan, sondern um einen „Ausübenden der Heilkunde“ geht, der gesetzlich dazu privilegiert ist und einen – zweifellos seinem eigenen Selbstbild entsprechenden – seriösen Eindruck vermittelt.

Die Diskrepanzen sind offensichtlich. Sie wirken in das verzerrte und überhöhte Selbstbild sich selbst für völlig seriös und teils sogar für überlegen haltenden Heilpraktiker ebenso hinein wie in die Wahrnehmung der Patientenschaft. Um dies zu verdeutlichen, habe ich mir hier einmal eine „Einzelfallbetrachtung“ erlaubt. Ich bin mir sehr sicher, dass er für wesentliche Teile des Ganzen steht.

Seitdem das Münsteraner Memorandum Heilpraktiker erschienen ist, haben die Heilpraktiker nur eines getan: Belege dafür geliefert, dass ihnen das Memorandum mit dem Vorschlag des „Fachheilpraktikers“ vermutlich viel zu weit entgegengekommen ist. Sie sägen laufend an ihren eigenen Stühlen. Ceterum censeo: Der Heilpraktikerstatus gehört abgeschafft.


PS Dieser exzellente rechtshistorische Beitrag auf Legal Tribune Online verdeutlicht präzise und unter Vermeidung immer wieder zu hörender Fehldeutungen die Geschichte des Heilpraktikergesetzes und der Entwicklung der Causa in der Bundesrepublik. Noch Fragen?


Bildnachweis: by silviarita on Pixabay

3 Antworten auf „Ein Einzelfall! – Ein Einzelfall?“

  1. Mir gefällt die „Antlitzdiagnose“. Lt BdH teilt der Kundige dabei „das Gesicht in Ausdruckszonen ein, die mit bestimmten inneren Organen und Befindlichkeiten in Zusammenhang stehen sollen.“ Andere machen das mit den Füßen, den Augen oder der Zunge. Manche halten auch die Analogie für solch ein Verfahren: alles im A …

    1. Was für eine Abkupferei! Jeder weiß doch, dass die Antlitzdiagnose, abgesehen davon, dass auch die alten Ägypter ihren Patienten schon ins Gesicht geschaut haben, eigentlich von Schüßler stammt, als „Antlitzanalyse“ speziell für die Diagnostik zur Verordnung seiner „Salze“ entwickelt wurde. Weiterentwickelt von einem gewissen Hickethier, der das dann „Sonnerschau“ nannte – und auch bei manchen Heilpraktikern heute unter diesem Namen auftaucht (je nach Stärke der esoterischen Drift).
      „Der Apotheker“, bekannt geworden mit seinem Twitter-Account, hat im Interview mit Susannchen, die keine Globuli braucht, davon berichtet, dass die Antlitzanalyse durch besonders fähige ApothekerInnen und PTA zumindest in seinem Einzugsgebiet gar nicht so selten sei als „Kundenservice“ in der Offizin… und er meinte damit keine Kosmetikberatung.

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