„Akupunktur ist mehr als Placebo“ – Quark bei Quarks

Gestern – am 21.02.19 – veröffentlichte das WDR-Wissenschaftsmagazin „Quarks“ einen Videobeitrag und den zugehörigen Text unter dem Titel „Akupunktur ist mehr als Placebo“. Wohlgemerkt, das mit einem wissenschaftlichen Anspruch antretende TV-Magazin „Quarks“ tat das, nicht das Zentrum der Gesundheit oder der Zentralverein der deutschen Pseudomediziner.

Nein, Akupunktur ist NICHT mehr als Placebo (worunter ich in diesem Falle mal „unpräzise“ die Gesamtheit der non-specific-Effects, aller Kontexteffekte, verstehe), darüber besteht in der seriös-kritischen wissenschaftlichen Gemeinde kein Dissens. Was Quarks in der Diskussion auf Facebook für eine Engstirnigkeit gegenüber einer Vielzahl fundierter und belegter Einwände demonstrierte, das hat mich mehr verstört als der Beitrag selbst.

Akupunktur ist eine typische „Gemengelage“. Hier kommen viele Aspekte zusammen: Falsche historische Bezüge, soziokulturelle Gegebenheiten, New-Age-Gedankengut, die üblichen Fantasterein von der „sanften“ Medizin und pures Nichtwissen. Das Aufstreben der Akupunktur seit den 1970er Jahren ist geprägt von dieser Gemengelage (auf die Rezeption im Westen schon seit dem 17. Jahrhundert, die in Wellenbewegungen vonstatten ging, gehe ich in diesem Zusammenhang nicht weiter ein). Die bis heute anhaltende Akupunktur-Welle wurde ausgelöst vom Bericht des Journalisten J. Reston, der den damaligen US-Präsidenten Richard Nixon auf seiner China-Reise begleitete und der dort nachoperativ (nach einer Bildddarmentfernung) mit Akupunktur behandelt wurde. Davon war er so angetan, dass er dies als eine Art Wunder in etlichen Artikeln berichtete. Dies traf auf die New-Age-Stimmung der damaligen Zeit und löste einen Hype aus, der erst einen Pilgerzug nach China auslöste, dann auch die Hürde zur ernsthaften medizinischen Forschung überschritt und – erwartbar – zunächst scheinbar belastbare Evidenz pro Akupunktur zutage förderte. Genau die unsägliche Vermischung von Spekulation mit unkritisch angewandter evidenzbasierter Methodik, die mir schon länger suspekt ist, auch auf anderen Gebieten.

In der Tat. Wie auch bei anderen pseudomedizinischen Methoden ohne Grundplausibilität zeigt sich hier, wie sehr die evidenzbasierte Methode (die Schaffung belastbarer Evidenz durch Studien) ein Einfallstor für ihr glattes Gegenteil sein kann: für die Scheinlegitimation von Pseudomedizin. Quarks gab mit seinem Beitrag und vor allem mit der unsäglichen Diskussion auf seiner Facebook-Seite hierfür ein recht trauriges Beispiel.

Was meine ich damit? Nun, mehr oder weniger wird durch die wissenschaftliche Untersuchung nach den Methoden der evidenzbasierten Medizin von vornherein eine Legitimation dessen suggeriert, was sich die Wissenschaft da „vornimmt“. Wenn wissenschaftliche Studien durchgeführt werden, dann muss doch was dran sein, denkt sich Otto Normalpatient. Das wäre nun noch nicht so gravierend. Aber es kommt noch mehr dazu:

Belastbare Outcomes (Ergebnisse) von Studien sind nur bei höchster Qualität von Studiendurchführung und -design zu erwarten. Es ist bekannt, dass selbst auf den ersten Blick nicht erkennbare Unzulänglichkeiten in Studien (z.B. mangelnde Verblindung, Bildung von Gruppen, die für eine Vergleichbarkeit ungeeignet sind) den Outcome nahezu ins Gegenteil verzerren können. Und dies geschieht. Besonders bei Studien zu pseudomedizinischen Methoden, die meist einen confirmation bias schon deshalb haben (vom publication bias wollen wir gar nicht reden), weil sie im Grunde nicht ergebnisoffen, sondern als eine Art Bestätigungsforschung durchgeführt werden. Und diese vielfach nicht belastbaren Outcomes einzelner Studien oder auch von schlecht durchgeführten Reviews dienen den Proponenten pseudomedizinischer Methoden als wohlfeile Argumentationsgrundlagen, um ihren Methoden den Anstrich des Evidenzbasierten zu geben. Was der normale Rezipient schlicht nicht nachprüfen kann.

Dies ist ein weites Feld und soll hier auch nur angerissen werden. Und zwar deshalb, weil Quarks uns genau hierfür ein Musterbeispiel geliefert hat.


Trotzdem zur Verdeutlichung dessen, was ich meine, eine kleine Geschichte (eher Parabel) – sie stammt von einem der Urväter des kritisch-skeptischen Denkens, von Bernard le Bouvier de Fontenelle (1657 – 1757) und ist sehr illustrativ:

Im Jahr 1593 lief das Gerücht um, dass einem siebenjährigen Jungen in Silesia ein goldener Backenzahn an der Stelle eines ausgefallenen Milchzahns gewachsen war. Horatius, Medizinprofessor an der Universität von Helmstadt, schrieb 1595 eine „Historia“ über diesen Zahn und führte darin aus, dass es sich teils um ein natürliches, teils um ein mirakulöses Ereignis gehandelt habe, das offenbar von Gott zu diesem Kind geschickt worden sei, um die Christenheit angesichts der Bedrohung durch die Türken zu einigen. Man möge sich vorstellen, was für einen Trost für die Christenheit einerseits und welche Beängstigung für die Türken andererseits dieser Vorgang mit sich bringen mochte. Um in der Sache des Zahnes die historische Wissenschaft nicht zurückstehen zu lassen, schrieb Rollandus sein großes Geschichtswerk noch im gleichen Jahr um.
Zwei Jahre danach nahm Ingolsteterus, ein ebenfalls gelehrter Mann, scharf Stellung gegen die Ausführungen von Rollandus zum goldenen Zahn, worauf Rollandus wiederum eine wohlformulierte und scharfsinnige Replik verfasste. Ein weiterer Gelehrter, Libavius, kompilierte das bis dahin Geschriebene in dieser Sache und fügte seine eigene Sicht der Dinge hinzu. Nichts war an all diesen großartigen Büchern zu bemängeln, abgesehen davon, dass bislang nicht geklärt war, ob der Zahn tatsächlich aus Gold bestand. Als ein Goldschmied die Sache untersuchte, fand er heraus, dass es sich nur um eine dünne Goldfolie handelte, die kunstvoll auf dem Zahn angebracht worden war.
Fazit: Sie fingen alle an, gelehrte Bücher zu schreiben, konsultierten aber erst danach den Goldschmied…

(nach Fontenelle: Entreriens sur la Pluralité des Mondes suivi de Historie des Oracles)

Ich finde, das illustriert sehr gut, wie schnell die Schranke zur „Verwissenschaftlichung“ unplausiblen und / oder unbelegten Unsinns überschritten werden kann. Kluger Mann, dieser Fontenelle.


Die Einzelstudien zur Akupunktur sind unüberschaubar, selbst an Reviews gibt es eine Menge. Trotzdem wissen wir seit geraumer Zeit (man kann sagen, seit Ende der 1990er Jahre), dass sich ein klares Muster bei den Studien abzeichnet, vor allem, seitdem sie kritisch betrachtet, nach Qualität selektiert und ihre Ergebnisse in der Community diskutiert und geradegerückt werden. Gerade bei Akupunkturstudien gibt es geradezu einen Katalog von typischen Design- und Durchführungsfehlern, die in leichten Abwandlungen immer wieder auftauchen. Ich werde irgendwann noch einmal näher darauf eingehen. Es ist aber festzuhalten, dass „Cherrypicking“ im Meer der Akupunkturstudien ein weitaus geringeres Problem ist als das Herausarbeiten der tatsächlichen Evidenzlage – letzteres ist aber auch keineswegs unmöglich, sondern setzt nur eine gewisse Recherchefähigkeit und kritisches Herangehen an die Sache voraus.

Man muss also, um eine gültige Aussage zum wissenschaftlichen Stand der Akupunktur treffen zu können, das „Muster“ erkennen können, das sich aus einer kritischen Gesamtbetrachtung der gesamten Studienlage zur Akupunktur ergibt. Und dieses Muster ist vorhanden und inzwischen eindeutig: Nirgends ergeben sich messbare Unterschiede zwischen Akupunktur und Scheinakupunktur (auch nicht beim Pieksen mit einem Zahnstocher, ernsthaft…). Eine reaktive Variable ist allein der Grad der Zuwendung des Therapeuten im Setting. Woraus folgt: Eine spezifische Wirkung KANN nicht vorhanden sein. Akupunktur ist Placebo. Ein Placebo besonderer Art, sicher, mit einem hohen Suggestivfaktor, zutreffend „Theatrical Placebo“ genannt, in dem gleichnamigen Artikel von Steven Novella und David Calaquhoun in „Anestesia and Analgesia“ von 2013, der so etwas wie das ultimative Fazit der Studienlage zur Akupunktur darstellt. Um Missverständnissen vorzubeugen, er ist nicht das einzige hochrangige Statement, das zu diesem Ergebnis kommt. Eine spezifische, auf die Methode selbst (intrinsisch) zurückzuführende Wirkung hat Akupunktur nicht. Ihre Grundannahmen von „Qi“ und „Meridianen“ bestehen aus dem schon erwähnten Wust von soziokulturellen Missverständnissen, Bedingtheiten und Wunschvorstellungen. Nicht einmal den Wunsch nach „östlicher Weisheit“ erfüllt all dies. Es ist längst – anthropologisch und medizinhistorisch – belegt, dass diese vitalistischen Vorstellungen sehr eng mit solchen der nahöstlichen und früheuropäischen Kulturen korrelieren und die „östliche Weisheit“ darin eine Illusion ist, die von heutigem Wunschdenken beflügelt wird.


Auf diese Umstände hingewiesen und auf die Forschung von Ted Kaptchuk, der nach langjähriger Beschäftigung mit TCM und Akupunktur zu dem Schluss kam, dies alles könne nur Placebo sein, antwortete Quarks allen Ernstes mit einer Handvoll Einzelnachweise, die nun wirklich mit einer wissenschaftlichen Gesamtschau auf die Akupunktur nichts zu tun haben, ja, teils nicht einmal die behaupteten Schlüsse überhaupt zuließen. Eine dieser „Quellen“ war zudem ein tendenzieller Besinnungsaufsatz in einem Akupunktur-Journal – was für ein Evidenzbeleg…

Keinen Millimeter ist Quarks in der langen Diskussion von seiner Grundposition abgewichen, Akupunktur sei „mehr als Placebo“ – mit anderen Worten, verfüge über nachgewiesene Evidenz. Ich möchte das gar nicht weiter bewerten, weil mir nahezu die Worte dafür fehlen. Verhehlt sei aber nicht, dass mich ein Umstand bei alledem besonders aufgebracht hat: Dass die Quarks-Redaktion Kommentatoren mit berechtigten Einwänden in geradezu rüdem Ton aufgefordert hat, „Belege“ beizubringen, damit man „evidenzbasiert weiterreden“ könne. Angesichts der eigenen unbelegten Position schon ein starkes Stück. Kritische Reflexion: Nulllinie.

Und das geht so nicht. Hier hat sich nicht irgendwer zu Wort gemeldet, sondern ein Magazin, das für das Wissenschaftsinteresse vor allem junger Menschen seit langen Jahren mit prägend ist. Damit ist erhebliche Verantwortung verbunden. Was sich mit einer bar jeder fundierten Wissenschaftlichkeit in den Raum gestellten Veröffentlichung „Akupunktur ist mehr als Placebo“ schlicht nicht vereinbaren lässt. Und die atemberaubende „Verteidigung“ dieser Position in der Online-Debatte war nichts weniger als ein echtes Ärgernis. Wäre es nicht so, säße ich jetzt hier nicht und würde diesen Beitrag schreiben.


Mein Tipp an alle, die mit Pseudoevidenz zur Akupunktur behelligt oder gar aufgefordert werden, „Gegenbeweise“ anzutreten: Bitte nicht auf der Grundlage einzelner Studien so etwas versuchen und umgekehrt auch Beweisversuche auf diesem Level zurückweisen. Immer konsequent auf die Gesamtlage verweisen, unter diesem Beitrag einige wichtige Linktipps zu Beiträgen und Aufsätzen, die sich genau mit dieser Gesamtlage befassen.

Leider ist praktisch nichts Wesentliches in deutscher Sprache verfügbar. Man kann aber sehr gut darauf hinweisen, dass die GERAC-Studien (German Acupuncture Trial) aus den Jahren 2002 bis 2007 eben NICHT zu einer breiten Legitimation der Akupunktur im deutschen Gesundheitswesen geführt haben. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat, ohne die Akupunktur als Methode mit spezifischem Wirkungsnachweis damit anzuerkennen, rein pragmatisch für Knie- und Rückenschmerzen (ausdrücklich NICHT für Kopfschmerzen und Migräne) eine Kassenerstattung zugelassen, weil der damalige Stand der Schmerztherapie nicht ausreichte, um die Kontexteffekte der Akupunktur (die es fraglos gibt) auf die Plätze zu verweisen. Nicht mehr – nicht weniger. Diesem Beschluss lag eine Unmenge wissenschaftlichen Materials und auch eine Reihe gutachtlicher Stellungnahmen zur Akupunktur zugrunde.

Und dieser Beschluss ist nach meiner bescheidenen Ansicht inzwischen auch revisionsbedürftig. Die NICE-Guideline für Muskel-Skelett- Beschwerden des National Health System (NHS), weltweit als maßstabsetzend anerkannt, hat Akupunktur aus ihren Therapieempfehlungen in der Neufassung 2018 verbannt (übrigens auch einige medikamentöse Therapien). Der ärztliche Direktor von NICE sagte dazu:
„Regrettably there is a lack of convincing evidence of effectiveness for some widely used treatments. For example acupuncture is no longer recommended for managing low back pain with or without sciatica. This is because there is not enough evidence to show that it is more effective than sham treatment.” Zitierfähig.


Links:

Acupuncture is Theatrical Placebo“ – der Schlüsselartikel von Colquhoun / Novella (2013) zur wissenschaftlichen Gesamtschau auf die Akupunktur – Link

Is Acupuncture Winning“ – ein aktueller Artikel (Januar 2019) von Dr. Harriet Hall, weltweit bekannt als „The SkepDoc“, über ihre persönliche „Laufbahn“ in Sachen Akupunktur – Dr. Hall war Mitarbeiterin von Prof. Bonica, der als einer der ersten begann, dem von J. Reston losgetretenen Hype nach anfänglicher eigener Begeisterung auf den Grund zu gehen – Link

Moffet HH: Traditional acupuncture theories yield null outcome: a systematic review of clinical trials. Diese Arbeit legte als erstes übergreifendes Review dar, dass bei kritischer Betrachtung die bisherige Bewertung der Studienlage viel zu optimistisch war und letztlich über Placebo hinaus keine Wirkung nachweisbar ist. Moffets Forschung stellte die Gegenposition zum „Consensus Statement Acupuncture“ des National Health Institute aus dem gleichen Jahr dar, das sich vorsichtig, aber immerhin zu „vielversprechenden Resultaten bei einer Vielzahl von Indikationen“ geäußert hatte – Link
Seit Moffet hat sich die Gesamtbewertung der Akupunktur immer mehr zu ihren Ungunsten konkretisiert.

Zusammenstellung sämtlicher Cochrane-Reviews zur Akupunktur nach dem Stand von März 2018 – Link

Acupuncture for migraine“ – eine Kritik zur Li-Migräne-Studie von 2013 aus evidenzbasierter Sicht, als (noch recht harmloses) Beispiel für typische Fehlschlüsse in Akupunktur-Studien – Link

Chinese Medicine: Nature Versus Chemistry and Technology“ – von Paul Unschuld, dem Experten schlechthin für die Einordnung der Mythen über die „Traditionelle chinesische Medizin“ – als Kurzbeitrag zu der oben angesprochenen „soziokulturellen Gemengelage“ – Link

Mit chinesischer Tradition hat das wenig zu tun“ – Interview mit Paul Unschuld im SPIEGEL – Link

Ernst E: The recent history of acupuncture. AmJMed 2008 – Link
Das Fazit sei hier kurz zitiert:
„So, after 3 decades of intensive research, is the end of acupuncture nigh? Given its many supporters, acupuncture is bound to survive the current wave of negative evidence, as it has survived previous threats. What has changed, however, is that, for the first time in its long history, acupuncture has been submitted to rigorous science—and conclusively failed the test.“

Unverzichtbar dieser erhellende Blick von Lehmann „Akupunktur im Westen: Am Anfang stand ein Scharlatan“ im Ärzteblatt, auch international nachgedruckt, auf das Thema der „Adaption“ von „altem fernöstlichen Wissen“ im Europa des 20. Jahrhunderts – Link

G-BA: Pressemitteilung „Akupunktur zur Behandlung von Rücken- und Knieschmerzen“ – Link

Das soll an dieser Stelle genügen. Ist eh wieder zu lang geworden. Bitte um Entschuldigung. Nur noch eins: Bei „Susannchen braucht keine Globuli“, der Familienseite des Informationsnetzwerks Homöopathie, gibt es einen sehr schönen Überblicksartikel zur Akupunkur in zwei Teilen – Link.


Bildnachweis: Pixabay License

13 Antworten auf „„Akupunktur ist mehr als Placebo“ – Quark bei Quarks“

  1. Eine Freundin von mir schwört auf Akupunktur. Ich Persönlich habe es noch nie ausprobiert. Ich habe mich schon häufiger gefragt, was passiert wenn diese nicht richtig ausgeführt wird, denn von weiten sieht es so aus also ob die Nadeln wahllos reingestochen werden. Am Ende denke ich kommt es einfach darauf an ob man das Professionell machen lässt oder von einem Anfänger und für mich ist klar, dass ich nur zur Professionellen Akupunktur gehe.

    1. Die allermeisten Studien zeigen, dass es egal ist, wo hingestochen wird. Was der Beleg dafür ist, dass der Akupunktur jegliche spezifische Wirkung (aufgrund von Medidianen, Punkten, fließender Lebenskraft und was es da angeblich alles so gibt) abgeht. Insofern ist es auch völlig egal, ob da ein „Spezialist“ am Werke ist oder nicht.
      Ja, die Akupunktur ist nicht risikolos. Es sind Todesfälle dokumentiert, meist durch die Folgen eines Pneumothorax. Infektionen der Einstichstelle sind niemals auszuschließen, es gibt sogar eine nachgewiesene Korrelation von Hepatitis B-Fällen zur Verbreitung von Akupunktur. Sollte zwar unter Praxisbedingungen ausgeschlossen sein, aber das Restrisiko ist vorhanden – und ich persönlich würde es nicht in Kauf nehmen für eine Methode, deren spezifische Wirksamkeit mehr als in Zweifel steht…

  2. „Wie auch bei anderen pseudomedizinischen Methoden ohne Grundplausibilität zeigt sich hier, wie sehr die evidenzbasierte Methode … ein Einfallstor für ihr glattes Gegenteil sein kann …“

    Seit langem warte ich darauf, so einen Satz zu lesen. Der seit Jahrzehnten von Medizinern vorgetragene Verweis auf Evidenz war (und ist) eine Rücknahme aller Wissenschaft hinter eine empiristische Weigerung, Kausalzusammenhänge zu argumentieren. Offenbar wird die Struktur von Erkenntnis nicht gelehrt im Medizinstudium, war mein Fazit.

    Spätestens seit den 1990ger Jahren hat die Verständnistiefe biologischer Vorgänge Ebenen erreicht, die kaum noch Spekulationsräume als Reservat für Restphantasien offen lassen. Zumindest folgt daraus eine Begründungspflicht für jede minimalredliche Reinempirie darüber, in welche noch leeren Stellen des Wissens hinein vermeintliche Befunde noch deutungsoffen verfolgt werden könnten.

    Da bliebe wohl, wenn überhaupt, nur noch der explizite Rückzug in die Psychosomatik. Und der ist Quarks-Publikum ohne Not zuzutrauen. Ich behaupte, das sucht mehrheitlich nicht nach „Alternativen“, sondern nach Argumentationshilfen für Gespräche im persönlichen Umfeld.

    A,K.

    1. Ich freue mich sehr über diese Antwort, warum wohl…
      Das Thema des „Einfallstors“ beschäftigt mich schon eine Weile, hier habe ich einmal eine Andeutung dazu untergebracht.
      Ich verspreche, dass dazu noch mehr kommt.

      1. Einfallstor ist es ja auch deswegen, weil über Jahrzehnte Mediziner oft nur auf die Evidenz verwiesen haben und gedacht, damit sei alles erledigt. Erst in den letzten Jahren findet man regelmäßig Verweise auf den fehlenden Wirkzusammenhang, meist aber nur mit einem „und außerdem“ hintendrangeklebt.

        Die sogenannte Evidenz meint aber nur eine empirische Befundaufnahme, die anhand von Korrelationen einen Kausalzusammenhang vermuten lässt. Da hat man zunächst mal sämtliche Tücken der statistischen Erfassung an der Backe. Ohne Wissen um die Sache stochert man dabei ziemlich im Nebel und müsste dann ehrlicherweise sogar bei signifikanter Korrelation sagen, dass die kausale Zuordnung noch Gegenstand der Forschung ist (diplomatisch formuliert).

        Und siehe da, die durch Kostendruck weiterentwickelten empirischen Methoden haben auch viele Wirkstoffe und Therapien der vermeintlich wissensbasierten Medizin ziemlich alt aussehen lassen. Man denke z.B. an SSRI, bei denen nach öffentlich werden der recht mäßigen „Evidenz“ auch eine sehr vage Theorie zum Vorschein kam.

        Die ungerechtfertigte Aufwertung von Empirie gegenüber Erklärung macht es nun doppelt schwer, jemandem noch nahezubringen, dass es sehr wohl möglich ist, zu wissen und aufzuzeigen, dass etwas nicht, wie behauptet wirken kann.

      2. So sehe ich das auch.
        Mit dem, was man alles an Unwägbarkeiten und methodischen Problemen „an der Backe hat“, schafft es die Pseudomedizin derzeit, die Diskussion zu steuern. Ein Unding. Wenn es eines Paradigmenwechsels bedarf, dann dabei, dass sich die Kritik diese nicht zielführende Debatte im Stile einer „never ending story“ nicht weiter aufzwingen lassen darf und wieder auf die Plausibiliätsgrundlagen rekurrieren muss – jedenfalls bei den insoweit klaren Sachverhalten.
        Leider hat das bei den professionellen EbM-Vertretern derzeit keine rechte Stütze, sie sehen im Rekurrieren auf die Anfangsplausibilität irgendwie einen Angriff auf das EbM-Konzept. Was ich nicht so sehe.
        Ich komme darauf zurück…
        Einstweilen empfehle ich diesen Grundsatzbeitrag von Steven Novella zu diesem Thema: https://www.csicop.org/si/show/its_time_for_science-based_medicine
        Ich fühle mich ermutigt in dieser Hinsicht. Danke dafür.

  3. Zumindest in der Österreichischen Ärztezeitung gab es in den 80er Jahren Werbung für die selbststerilisierenden Akupunkturnadeln, das waren sauteure goldene Nadeln, die mußte man lt Werbung nicht sterilisieren, es waren auch keine Einmal Nadeln.
    Und in diesem Zusammenhang wären neben Wirksamkeitsaspekten auch Sicherheitsaspekte (safety) zu beachten.
    Akupunkture in China und Indien ist ja schon über 2500 Jahre alt, als man noch keine Viren kannte; und Hygiene ein Fremdwort war. Aber dort wo Hepatitis B Infektionen am verbreitesten sind, da gibt es auch traditionell Akupunktur.

    Im „Westen“ werden Hepatitis B Ausbrüche in Zusammenhang mit Akupunktur selten berichtet, es gibt sie aber doch

    link : https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29770025

    Na und durch eine Placebo Therapie sich eine Hepatits B oder C aufzu zwicken- das geht gar nicht.

  4. Leider ist derart unkritischer Umgang mit Pseudomedizin in an sich seriösen TV-Formaten kein Einzelfall. Nach einer äußerst ärgerlichen Folge über Homöopathie der von mir eigentlich sehr geschätzten Sendung „Xenius“ (arte) habe ich denn auch mal reagiert und dem Sender auf der dafür vorgesehenen Seite geschrieben. Was soll ich sagen – null Reaktion.
    Wenn das schon am grünen Ast…..
    Dennoch Danke für die Links und Argumentationshilfen!
    „Weitermachen!“…

    1. In der Tat, leider ist das so.
      Und das trifft mich, denn so etwas macht Aufklärungsbemühungen von Monaten und Jahren auf einen Schlag zunichte. Gerade Quarks hatte einen sehr guten Beitrag zum Methadon-Krebs-Hype vor gar nicht langer Zeit und es gab auch schon mal einen wirklich guten Beitrag über Homöopathie. Insofern ist diese Geschichte hier unbegreiflich – und Quarks rückt selbst einen Tag danach keinen Millimeter von ihrem Beitrag ab und weist jede noch so fundierte und belegte Kritik zurück…

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