Heilpraktikerdebatte: Eine kleine Hilfestellung

Noch einmal Heilpraktikerdebatte. Ich komme auf des Pudels Kern zurück: Auf die Existenz einer „zweiten Medizin“, deren Vorhandensein weder materiell-inhaltlich noch rein logisch mit der Tatsache vereinbar ist, dass ansonsten die Ausübung der Heilkunde an ein Hochschulstudium und umfangreiche Nachweise von medizinischem Wissen und ebensolcher Erfahrung gebunden ist.

Ein Arzt ist verpflichtet, seinem Patienten die jeweils beste Behandlung für seinen Krankheitsfall zukommen zu lassen. Dazu ist eine breite Evidenz- und Wissensbasis nötig, um mit dem Kanon der indikationsbezogenen Mittel und Methoden der Medizin umgehen zu können. Ansonsten gerät der Arzt in Konflikt mit den „Regeln der ärztlichen Kunst“, gegen die er, wie ich immer gern anführe, schon verstoßen kann, wenn er eine notwendige Überweisung zu einem fachärztlichen Kollegen unterlässt. Ein Ausübender der Heilkunde ohne ärztliche Vollausbildung, der ein Sammelsurium evidenzfreier oder -armer Methoden mehr oder weniger unbefangen nebeneinander wie aus einem Bauchladen anbietet, kann diesen Anforderungen zwangsläufig nicht gerecht werden.

Die Unsinnigkeit und Unhaltbarkeit dieser „falschen Dualität“ der Zwei-Ebenen-Medizin wirklich in Diskussionen deutlich zu machen und zu vermitteln, ist nach meiner Erfahrung erstaunlich schwierig. Deshalb möchte ich heute einmal in die historische Kiste greifen.

Im Jahre 1925 hielt der damals scheidende Präsident der Medical Society of London, Sir H.J. Waring, auf Bitten seines Nachfolgers einen Abschiedsvortrag zu einem Thema, das sich mit elementaren Problemen des medizinischen Standes beschäftigen sollte. Sir Waring wählte die Problematik der Einordnung von Osteopathen und Chiropraktikern in die Medizin als „Aufhänger“ für die Frage des Umgangs mit der Zulassung zur „Ausübung der Heilkunde“. Der Spezialfall Osteopathen / Chiropraktiker soll hier nicht weiter interessieren. Der Vortrag enthält aber elementare Aussagen, die für die richtige Einordnung der nach wie vor diffusen Debatte zur Heilpraktikerproblematik erhellend sein mögen.

Sir Warings Vortrag erschien als „Presidential Address“ an die Medical Society of London in der Ausgabe des British Medical Journal vom 17. Oktober 1925. Ich erlaube mir die nachstehende auszugsweise Übersetzung:

„Die Zahl der Osteopathen, Chiropraktiker und Vertreter anderer „Heilkulte“ in diesem Land ist beträchtlich. Da sie alle nach einer Lizensierung für die Ausübung ihrer Art der „Heilkunde“ verlangen, erscheint es mir unausweichlich, staatliche Regulierungen auf alle auszuweiten, die die Verantwortlichkeit für das Leben und die Gesundheit anderer in Händen halten und dass dabei jedermann, dem die Ausübung der Heilkunde in irgendeiner Form gestattet wird, den gleichen Anforderungen an Wissen und Erfahrung unterworfen sein muss. Eine solche Regulation bzw. Lizensierung des Zugangs zur Ausübung der Heilkunde ist nicht nur im Interesse der medizinischen Praktiker, sondern im Interesse der gesamten Bevölkerung. Der gesellschaftliche Fortschritt verlangt ein hohes Maß an Aufmerksamkeit hinsichtlich der Gesundheit der Bevölkerung. Der Staat sollte sich daher beim Schutz und Erhalt von Leben und Gesundheit all seiner Bürgerinnen und Bürger entschieden positionieren.

Im Wissen um all die bekannten Fakten zur Pathologie und den Ursachen von Krankheiten ist es vor dem Beginn von Behandlungen am Menschen essentiell, dass der Heilkundeausübende vor allem anderen in der Lage sein muss, eine Diagnose zu stellen, auch, um klar zu erkennen, ob der Patient überhaupt an einer Krankheit leidet, die einer Behandlung bedarf, oder nicht. Wenn nicht, ist der Behandler ja redlicherweise gar nicht in der Position, den Patienten mit irgendeiner Methode sinnvoll zu behandeln und zu betreuen. Darüber hinaus ist es notwendig, dass er über Kenntnisse der verschiedensten therapeutischen Maßnahmen und materiellen Voraussetzungen verfügt, die bei der Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden, damit jeder einzelne Patient richtig und angemessen behandelt werden kann.

Was die Ausübung der Heilkunde betrifft, so wird von manchen die Auffassung vertreten, die Krankheit des Einzelnen sei seine eigene Angelegenheit und er habe das uneingeschränkte Recht, jeden, ob ausgebildet oder nicht, zur Behandlung heranzuziehen. (Die vielbeschworene „Patientenautonomie“. Es folgt nun richtigerweise die „andere Seite der Medaille“) Es kann aber doch kein Zweifel daran bestehen, dass es nichts anderes als gefährlicher Betrug ist, sich dem Ratsuchenden als qualifiziert für die Behandlung von Krankheiten und die Betreuung von Kranken darzustellen, indem man fälschlich behauptet, man sei im Besitz von entsprechendem Wissen und Erfahrung. Niemand hat das Recht, eine solche Täuschung zu begehen. Es sollte doch wohl die Pflicht des Staates sein, solche gefährlichen Täuschungen und Irreführungen zu verhindern, insbesondere wenn sie nicht nur eine einzelne Person, sondern potenziell auch andere Menschen betreffen.

Mir scheint es für das Wohl der Gesellschaft deshalb essentiell zu sein, dass alle Personen, denen die Ausübung der Heilkunde erlaubt wird, über die gleiche medizinische Grundausbildung verfügen müssen, was auch die Absolvierung praktischer Abschnitte beinhaltet. Nur eine solche geregelte Ausbildung kann zur Vergabe von Diplomen oder akademischen Graden führen. (Zu Sir Warings Zeiten, vor fast 100 Jahren, waren diese Mindestanforderung im Vereinigten Königreich schon ein fünfjähriges Studium, für das Vorprüfungen in Allgemeinwissen und speziell in elementarer Physik und Chemie Zulassungsvoraussetzungen waren.)

(…) Die einzige zufriedenstellende Methode, die Gesellschaft vor Täuschungen und Irreführungen im Zusammenhang mit Krankheit zu schützen, scheint mir, sicherzustellen, dass jede Person, die Krankheiten behandelt, hierzu nur die Erlaubnis erhalten kann, wenn er oder sie einen angemessenen Ausbildungsgang zufriedenstellend abgeschlossen hat. … Auch kann es nicht in Frage kommen, irgendwie „limitierte“ Zulassungen für die Ausübung der Heilkunde zu vergeben, die gesetzlichen Regelungen sollten dies ausschließen, um die Gesellschaft nicht dem Risiko auszusetzen, dass sich auf einer solchen Grundlage unqualifizierte Scharlatane oder Quacksalber breitmachen.“


Soweit Sir Waring, obwohl der Vortrag noch weit mehr Essentielles zu diesem Problem enthält. Insbesondere weist er auch darauf hin, dass ein gleicher Maßstab für alle Ausübenden der Heilkunde insbesondere dann unungänglich ist, wenn diese den Anspruch erheben, mit ihrer Methode den ganzen humanmedizinischen Formenkreis zu behandeln. Und davon haben Heilpraktiker bekanntlich meist gleich mehrere (miteinander unvereinbare) im Portfolio.


Schon wieder viel zu lang. Ich verzichte aber nicht auf mein ceterum censeo zum Heilpraktikerthema, einem Zitat von Prof. Dr. Otto Prokop, der als langjährig erfahrener Gerichtsgutachter wusste, wovon er sprach:

“Wenn zum Beispiel darauf hingewiesen wird, es gebe für Ärzte einen höheren Voraussehbarkeitsgrad als für Heilpraktiker, also könne man letzteren nicht so schnell einen Schuldvorwurf machen wie etwa Ärzten, die den gleichen Fehler machen, so ergibt sich aus dieser Interpretation, dass es der Staat, der Personen zu solchen Praktiken ohne Auflagen zulässt, mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst nimmt”.


Und eine Bitte noch zum Schluss. Hört auf mit dem Whataboutism. Ja, im ärztlichen Bereich wie im Gesundheitssystem insgesamt ist nicht alles eitel Sonnenschein. Und ja, es gibt wohlmeinende und empathische Heilpraktiker. Beiden Argumenten ist gemeinsam, dass sie am Grundproblem der „zwei Medizinen“ rein gar nichts ändern.


Bildnachweis: British Virgin Islands Postage

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