Heilpraktikerdebatte: Ein neuer Anfang?

Nachdem – wie erwartet – jedenfalls bislang die „Reformbemühungen“ zum Heilpraktikerwesen in etwa die Wirkung einer homöopathischen Behandlung hatten (letzte kritische Stellungnahmen auf diesem Blog hier und hier), scheint nun doch auf der politischen Ebene Einiges in Gang zu kommen. Und zwar Grundsätzlicheres.

Es bedarf keiner erneuten langen und breiten Ausführungen zum Thema an sich. Es reicht der Verweis auf das Münsteraner Memorandum Heilpraktiker und vielleicht auf diesen und diesen Beitrag bei „Die Erde ist keine Scheibe“. Die letzteren dokumentieren die „Reaktionen“ der Heilpraktikerszene, die es bislang nicht hinbekommen hat, sich mal hinzusetzen und ein argumentatives Papier als Gegenposition zum Münsteraner Memorandum (und vielen anderen in die gleiche Richtung zielenden Statements) vorzulegen. Auch gehen sie auf den „Vorwurf“ ein, mit Einschränkungen des Heilpraktikerwesens werde an den Grundfesten der Patientenautonomie und der Therapiefreiheit gerüttelt (Spoiler: Ist Unsinn). Insgesamt: An dem in diesem Psiram-Beitrag dokumentierten Sachstand hat sich bislang nichts geändert.

Deshalb möchte ich der Politik (naja, ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass „die Politik“ meinen Blog liest), aktuell nur drei Dinge mit auf den Weg geben für die allfällige, möglicherweise in Gang kommende Diskussion.

Erstens:

Ich neige bei einer Sache zu Unverständnis. Die Heilpraktiker selbst sind – wie eben kurz ausgeführt – offenbar entweder nicht willens oder nicht in der Lage (oder beides) auf argumentativer Basis der vielfältigen Kritik an der gesetzlich imaginierten „zweiten Medizin“, wie ich das Heilpraktikerwesen zu bezeichnen pflege, entgegenzutreten. Warum, bitte, sollte die Politik sich berufen fühlen (was ich gelegentlich zu registrieren glaube), ihnen diese Arbeit abzunehmen und Argumente „pro Heilpraktiker“ ihrerseits zu suchen und zu diskutieren?

Zweitens:

Liebe Politiker, ich weiß sehr wohl, dass in vielen Hinterköpfen herumspukt, dass die Heilpraktiker ja nun faktisch eben doch ein Teil der Gesundheitsversorgung seien, bei deren Wegfall sich möglicherweise Engpässe im Vertragsärztesystem ergeben könnten. Nur ist die damit verbundene Vorstellung falsch, es gehe bei der so „versorgten“ Klientel ja doch „nur“ um Menschen mit allenfalls Befindlichkeitsstörungen, die ohnehin in einer Arztpraxis eher fehl am Platze seien. Das ist meiner Ansicht nach eine Fehleinschätzung. Der Grund dafür ist eine illusionäre Haltung der Patientenschaft zum Thema Heilpraktiker, die keineswegs die Annahme rechtfertigt, der mündige Bürger wisse schon, was er in einer Heilpraktikerpraxis zu erwarten habe. Denn das Wissen der Bevölkerung darum, auf was sie sich mit dem Besuch in einer HP-Praxis einlassen, ist beklagenswert gering, was nicht zuletzt gerade an der gesetzlichen „Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde“ liegt, die vom Durchschnittspatienten ohne Umschweife als staatliches Gütesiegel wahrgenommen wird. Vielleicht ist auch schon mal aufgefallen, dass große Teile der Heilpraktikerszene sich unverblümt für die „bessere Medizin“ halten und wenig Hemmungen haben, die wissenschaftliche Medizin und ihre Vertreter zu diskreditieren, offen oder eher subtil?

Und fragen sie mal die Vertreter der Ärzteschaft (nein, die sind nicht von Futterneid gegenüber den HP geprägt, das ist lächerlich – siehe dazu Dr. Christian Weymayr hier), was sie so erleben Tag für Tag mit Patienten, die aus HP-Praxen zu ihnen überwechseln…

Nein, der Hintergedanke des „Auffangnetzes“ gegen eine Überlastung des ärztlichen Systems in der Gesundheitsversorgung ist falsch. Wäre er ernst zu nehmen, hätten die Befugnisse von Heilpraktikern längst massiv eingeschränkt werden müssen, z.B. durch eine Positivliste der ausschließlich erlaubten Interventionen.

Drittens:

Mir ist ebenso geläufig, dass bei vielen Politikern eine erhebliche Abneigung gegen „Verbote“ besteht. Nun, genau die besteht bei mir auch. Ganz massiv sogar. Im Zusammenhang mit dem Heilpraktikerproblem geht es aber nicht um ein „Verbot“. Es geht um die Rücknahme ungerechtfertigter Privilegien, wobei ich mir einen historischen Rückblick auf die Entstehung des heutigen Heilpraktikerwesens erspare. Es geht um die in fast allen Industrieländern bestehende Selbstverständlichkeit, die Ausübung der Heilkunde an ein Hochschulstudium und die ärztliche Approbation zu binden. Also um den sogenannten Ärztevorbehalt. Diesen durch ein Ende des Heilpraktikerwesens herzustellen, würde ich nicht mit dem Buzzword „Verbot“ belegen. Und er braucht auch keineswegs unter diesem Label kommuniziert zu werden.

Ergänzend weise ich auch noch einmal darauf hin, dass ein Rekurrieren auf die „Freiheit der Berufswahl und -ausübung“ ebenfalls nicht durchgreift. Zum einen steht dieses Recht unter einfachem Gesetzesvorbehalt, kann also, wenn die Voraussetzungen der Notwendigkeit und der Verhältnismäßigkeit erfüllt sind, ohne weiteres einfachgesetzlich beschränkt werden. Selbst die Regelungen zur Gewerbeausübung mit Meisterqualifikation sind solche einfachgesetzlichen Einschränkungen und haben bislang jeder gerichtlichen Prüfung standgehalten. Wieviel unkritischer ist es, im Interesse der Gesundheit der Bevölkerung den Ärztevorbehalt durchzusetzen?

Dazu sei mir gestattet, ein von mir schon öfter zitiertes Beispiel noch einmal hervorzuholen:

Die in Rechtsfragen beratende Tätigkeit des Rechtsanwaltes schützt der Gesetzgeber dadurch, dass er per Rechtsberatungsgesetz Laien und Privatpersonen, selbst Menschen, die beispielsweise Wirtschaftsjura studiert haben, bei Strafe von der rechtlichen Beratung von Mandanten ausschließt. Der laut Gesetzesbegründung damit verfolgte Zweck ist, die ratsuchenden Mandanten vor unzureichender Sachkunde im Zivilrecht (Vermögensschäden) wie im Strafverfahren zu schützen.
Die in Fragen der Gesundheit beratende und handelnde Tätigkeit des Arztes schützt der Gesetzgeber vergleichbar – überhaupt nicht. Und damit vor allem nicht den in Sachen Gesundheit rat- und hilfesuchenden Patienten. Ist dem Gesetzgeber folglich das Vermögensinteresse eines Mandanten im Zivilprozess als Schutzgut wichtiger als die Gesundheit seiner Bürger? 

So. Meine fünf Cent zur hoffentlich in Gang kommenden Debatte.


Bildnachweis: Pixabay Lizenz CC0

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