Spiegel-Beilage vom 10.11.2018: War wohl nichts

Aus dem heute erschienenen SPIEGEL fällt einem eine Beilage entgegen, ein Heftchen namens „wohl – Das Gesundheitsmagazin“, das viermal jährlich in dieser Form unter die Leute gebracht wird. Ab der Seite 6 findet sich ein Artikel mit dem Namen „Sanfte Fördermittel“, der mich zunächst verwundert an die Kreditanstalt für Wiederaufbau denken ließ… Aber nein. Es handelt sich um einen Propagandaartikel pro Homöopathie, und zwar einen, der richtig dick aufträgt.

Nein, nichts für Presse- oder Werberat. Es ist eben „nur“ eine Beilage, verantwortlich herausgegeben von einer Agentur, die allerlei Anzeigen mit passenden Fachartikeln „einrahmt“. Ein Presseorgan im Sinne des Pressekodex ist das nicht. Und was den SPIEGEL angeht, so vermute ich mal zu dessen Gunsten, dass außer der Marketingabteilung, die die Möglichkeit verkauft, über das Heft Beilagen unters Volk zu bringen, niemand etwas groß von dieser Sache gewusst hat, insbesondere nicht im Detail und nicht die Redaktion (zumal dieses Heftchen ja wohl auch bisher schon mehr oder weniger regelmäßig Beilage war).

Nun kann man das Ganze als unvermeidbares Ärgernis abtun, gegen das es sich eigentlich nicht einmal lohnt, Position zu beziehen. Der Homöopathiebeitrag strotzt jedoch derart vor fachlichen Fehlern und Falschdarstellungen, bei denen einen doch das Gefühl beschleicht, dass dazu doch ein paar Worte gesagt sein wollen.

Autoren des Beitrags sind Dr. Martin Frei-Erb, Homöopathiedozent am Institut für Komplementärmedizin an der Uni Bern (aktuell dazu mein Beitrag zum Thema „komplementär“) und Dr. Annette Schönauer, tätig am Kinderkrankenhaus St. Marien, Landshut, vielfach vertreten in den Publikationen der Carstens-Stiftung. Zwei Experten, die doch wohl wenigstens die Details ihres Faches beherrschen sollten. Nun ja.

Gleich zu Beginn wird die geneigte Leserschaft mit vorgeblich „drastischen“ homöopathischen Mitteln konfrontiert (nicht ohne Absicht, wie wir gleich sehen werden). Sicher würde es den Leser über die Namen der Substanzen hinaus viel mehr interessieren, wie es zu dem phänomenalen Remedium Hekla Lava gekommen ist, denn diese lesenswerte Story zeigt überdeutlich die skurrile Denkweise der Homöopathen und würde vielleicht eine gewisse Skepsis einsetzen lassen. Und nein, Apis mellifica beruht nicht auf einer Ursubstanz „Bienengift“. Die Ursubstanz ist ein alkoholischer Auszug aus der ganzen Biene, die lebend der Prozedur des Einlegens in Alkohol unterzogen wird. Das „Bienengift“ macht nicht mehr als etwa  ein Promille der Masse des Tiers aus, wenn die Biene überhaupt Giftträgerin war (was nicht unbedingt der Fall sein muss). Darüber aufzuklären, scheuen die Autoren ganz offensichtlich. Vielmehr machen sie mit diesen Mitteln erstmal „Drama“, um danach mit der Auflösung zu kommen:

Nämlich mit dem „Killersatz“: „Homöopathie hat eine lange Geschichte und Tradition als naturheilkundliche Behandlungsmethode.“

Äh nein. Hat sie nicht. Darüber sollten sich die beiden Experten doch wohl klar sein. Da ist sie wieder, die völlig fehlgehende Gleichsetzung von Hahnemanns Methode mit sanfter, schonender, wirksamer und auch noch möglichst nebenwirkungsfreier „Naturheilkunde“. Zum hunderttausendsten Mal: Homöopathie hat mit Naturheilkunde nichts zu tun! Homöopathie ist eine Arzneimittellehre, eine Form von Pharmazie, die Arzneimittel herstellt, die keine wirksamen oder gar keine Inhaltsstoffe enthalten und auf Ursubstanzen beruhen, deren Eignung für spezifische Indikationen völlig unbelegt ist. In der Homöopathie darf man mit Fug und Recht das glatte Gegenteil von Naturheilkunde erkennen. Aber wir sehen hier einmal mehr die seit Jahrzehnten im wohlverstandenen Eigeninteresse bei der Kundschaft gepflegte Imagination von Blümchen, Schmetterlingen, sanfter Musik und engelsgleich schwebenden Globulipflückfeen. Bar jeder Redlichkeit wird gleich zu Anfang die Leserschaft so eingestimmt.

Herr Frei-Erb möchte sodann damit punkten, dass eine Kassenerstattung für Homöopathie in der Schweiz seit 2012 gegeben sei. Schon wieder das Verkaufen der Schweiz als gelobtes Land der Zuckerkugeltherapie, nichts anderes als die nächste Fliegenfalle mit einem scheinbaren Pro- oder Autoritätsargument, dem kürzlich sogar die Neue Zürcher Zeitung in einem Artikel klarstellend entgegengetreten ist. Hier muss man festhalten, dass – kein Ruhmesblatt für die direkte Demokratie – trotz fehlender Wirksamkeitsnachweise und nicht, weil solche vorlägen, 2017 die Erstattungsfähigkeit von fünf „komplementären“ Methoden (u.a. Homöopathie) nach gewaltigem Hin und Her wieder aufgenommen wurde. Trotz. Die ganze Geschichte findet sich hier. Also bitte, nicht wieder mit dem „Schweiz-Argument“ daherkommen, Herr Frei-Erb, auch das ist ein Scheinargument, das den nicht infomierten Leser in die Irre führt! Dass Australien, Russland, England die Homöopathie aus dem Gesundheitswesen verbannt haben, dass Spanien und Frankreich dabei sind, das Gleiche zu tun und dass in den USA die Auflagen für die Verkaufskennzeichnung von Homöopathika immer strenger werden, das ist den Freunden der Zuckerpille keine Silbe wert. Fehlinformation durch Weglassen.

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Aber es wird jetzt erst richtig interessant, denn nun wendet sich der Artikel den bösen Kritikern, auch Skeptiker genannt, zu. Und das beginnt gleich mit dem Satz: „Hierzulande werden Skeptiker nicht müde, die Studienlage zum Thema Homöopathie zu kritisieren“.

Also, jetzt bin ich aber wirklich geplättet. Das ist mir nun gänzlich neu. Denn die Studienlage, die globale, die der höchsten Evidenzstufe, derjenigen der zusammenfassenden Reviews und Metaanalysen – die kritisieren wir Skeptiker keineswegs. „Die Studienlage“ steht auf unserer Seite, sie ist eine der Säulen unserer wissenschaftlich begründeten Kritik, denn sie hat keinerlei belastbare Evidenz zugunsten einer spezifischen Wirksamkeit der Methode bei irgendeiner Indikation ergeben. Kein einziges der insgesamt neun Reviews seit 1999 hat dies getan. Wovon man sich bei mir im Blog und bei der Homöopedia schnell und umfassend überzeugen kann. Wir kritisieren nicht die „Studienlage“, wir kritisieren Missdeutungen des Gegebenen und immer wieder neu auftauchende einzelne Studien, die sich abmühen, gegen dieses evidente Ergebnis anzuargumentieren und damit aus verschiedenen Gründen regelmäßig scheitern (nur zwei Beispiele hier und hier). Und wenn es hier und da mal eine Studie gibt, die auch bei kritischer Betrachtung eine Tendenz pro Homöopathie erkennen lässt, was geschieht dann? Nichts. Denn diese Studien werden niemals, niemals repliziert, was die Vermutung nahelegt, dass die Homöopathien sie selbst als ein Ergebnis des sogenannten Alpha-Fehlers (falsch-positives Ergebnis) ansehen. Und sind damit für einen evidenten Wirksamkeitsnachweis wertlos.

Es kommt aber noch toller. Zur Stützung der eben kritisierten Aussage zu den Skeptikern führt der „wohl“-Artikel ausgerechnet den englischen Homöopathen und Forscher Robert T. Mathie ins Feld, mit einer Aussage beim Homöopathie-Weltkongress 2017 in Leipzig, mit dem Satz: „Es gibt für homöopathische Mittel Behandlungseffekte, nachgewiesen durch Studien, die dem höchsten medizinischen Standard entsprechen“. Mag sein, dass er das so gesagt hat. Vermutlich auch noch einiges mehr, was den Satz in einem anderen Licht erscheinen lassen könnte. In Leipzig 2017 wurde viel gesagt, auch dass Krebs mit Homöopathie heilbar sei, und zur Zeit des Kongresses bekam das Hahnemann-Denkmal am Leipziger Richard-Wagner-Platz auch einen Aluhut aufgesetzt, das wollen wir auch nicht unterschlagen.

Ja. Dass es einzelne Studien in diese Richtung gibt, ok, aber: siehe vorletzten Absatz. Und was sagt Mathie, der Autor von inzwischen drei großen zusammenfassenden Arbeiten zur Homöopathie, über diese vorsichtig relativierenden Sätze hinaus, die im Kreise von Homöopathien gesprochen wurden, wirklich als Fazit seiner beiden Reviews? Folgendes:

„Arzneien, die als Homöopathika individuell verordnet wurden, haben vielleicht einen kleinen spezifischen Effekt. (…) Die generell niedrige und unklare Qualität der Nachweise gebietet aber, diese Ergebnisse nur vorsichtig zu interpretieren.“ (2014)

„Die Qualität der Nachweise als Ganzes ist gering. Eine Meta-Analyse aller ermittelbaren Daten führt zu einer Ablehnung unserer Nullhypothese [dass das Ergebnis einer Behandlung mit nicht-individuell verordneten Homöopathika nicht von Placebo unterscheidbar ist], aber eine Analyse der kleinen Gruppe der zuverlässigen Nachweise stützt diese Ablehnung nicht. Meta-Analysen für einzelne Krankheitsbilder ergeben keine zuverlässigen Nachweise, was klare Schlussfolgerungen verhindert.“ (2017)

Das ist – gemessen am Datenmaterial – sehr euphemistisch-wohlwollend in Richtung Homöopathie formuliert, wer wollte Mathie das übelnehmen. Aber auch in dieser Formulierung ist das Lichtjahre von einem Evidenzbeleg pro Homöopathie entfernt! Sein neuestes Review von 2018 präsentiert ein ganz ähnliches Ergebnis.

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Der Rest ist das übliche Gemenge vom Loblied auf die allseits einsetzbare Homöopathie und ihren großen Wert als „komplementäre Methode“ – ironischerweise laut Artikel gerade dort, „wo die Schulmedizin große Erfolge hat“, bei Krankheiten von Krebs über schwere Depressionen, Parkinson und gar Multipler Sklerose. Immerhin wird dort betont, dass Homöopathie bei diesen Erkrankungen nicht „allein“ anzuwenden sei. Das Lob der Trittbrettfahrerei?

Hervorgehoben seien die Ausführungen zu Homöopathie bei Migräne, die angeblich zur Verringerung der Anfallshäufigkeit mit einer „Konstitutionsbehandlung“ anzugehen sei, also einer Mittelgabe nach (homöopathisch gedachtem) persönlichen Typus. Ich halte jede Wette, dass damit nie auch nur einem einzigen Migräne-Patienten mit Ausnahme eines gelegentlichen anfänglichen Placebo-Effekts geholfen worden ist, was heißt, dass die Entscheidung für eine homöopathische Behandlung nichts anderes bedeutet als vermeidbares, schweres, vielleicht jahre- oder gar lebenslanges Leiden. Und das zu einer Zeit, wo endlich echte Durchbrüche beim Verständnis von Migräne und ihrer effektiven Behandlung gelungen und verfügbar sind!

Eines noch. „Wenn man Homöopathie als Option aktiv anbietet, möchten 80 Prozent der Eltern, dass ihre Kinder homöopathisch behandelt werden“. O-Ton Dr. Schönauer. Bitte, was soll uns das denn nun sagen? Dass konfrontiert mit der ärztlichen Autorität, möglichst auch noch im Zusammenhang mit einem stationären Aufenthalt der Kinder, die Eltern wohl kaum geneigt sind, einem „aktiven Angebot“ der behandelnden Ärzte zu widersprechen? Frau Dr. Schönauer sollte  einmal über die ethischen Implikationen einer solchen Vorgehensweise nachdenken, statt das auch noch als „Argument pro Homöopathie“ zu präsentieren!

Was liest man noch, wenn man noch kann? Ach ja, das Hohelied von der Beliebtheit der Homöopathie. Wie ich vor kurzem erst an anderer Stelle schrieb: Die Beliebtheit zeigt sicher den Wunsch vieler Menschen nach einer möglichst schonenden, einfachen und dabei effektiven Behandlungsform. Dieser Wunsch war schon zu Hahnemanns Zeiten mit ausschlaggebend für dessen Erfolg (wie Heinroth schon 1825 in seinem „Anti-Organon“ ausführte), wurde aber auch schon damals genau wie heute mit dem Hinweis kritisiert, dass dieser Wunsch legitim und verständlich sei, aber nichts mit einem Wirksamkeitsnachweis der Homöopathie zu tun hat.

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Hätte ich als Autor einen sinnvollen und guten Artikel in dieser Beilage veröffentlicht,  würde ich gegen die Kontamination durch einen so manipulativen, da für Laien in seinen halb- bis unwahren, teils irreführenden Aussagen nicht durchschaubaren Artikel pro Homöopathie protestieren. Für mich jedenfalls ist er schlicht ein Beispiel für Unredlichkeit.


Bildnachweis: Titel SPIEGEL-Beilage „wohl – Das Gesundheitsmagazin“ / Pixabay CC0

9 thoughts on “Spiegel-Beilage vom 10.11.2018: War wohl nichts”

  1. Schöner Beitrag, den ich fast komplett so unterschreiben würde. Schade nur, dass ihn vermutlich ein nur sehr geringer Bruchteil der Leser von „wohl“ zu Gesicht bekommen wird.

    1. Ja, das ist sehr schade. Leider verfüge ich – wie die Kritikergemeinde insgesamt – nicht über die Möglichkeiten, so was bundesweit unter die Leute zu bringen. Ich erwäge aber ernsthaft, mich mit meiner Kritik direkt an den Spiegel zu wenden. Momentan für mich allerdings auch eine Zeitfrage.

  2. Konsequenterweise müßte sich das Gesundheitsresort des Spiegels sich in einer der nächsten Ausgaben von der Beilage distanzieren. Das dies nicht geschehen wird, liegt schon auf der Hand, aber ein paar Träume werde ich ja wohl noch haben dürfen.

    1. Ein Trauerspiel. In der Tat, mit dem redaktionellen SPIEGEL hat das hier nichts zu tun. Die Vermarktungsgesellschaft, SPIEGEL MEDIA, ist bewusst weit weg vom redaktionellen SPIEGEL, was im Grundsatz auch vernünftig ist, um die Redaktion nicht Einflüssen Werbender auszusetzen. Zumindest nicht direkt. Aber hier darf man darüber nachdenken, ob diese Geschichte nicht ganz grundsätzlich auf die redaktionelle Position des SPIEGEL durchschlägt und deshalb auf Chefebene mal kritisch betrachtet werden sollte.
      Ich denke dabei auch an die Äußerungen von Gruner+Jahr- Chefin Julia Jütte (im Handelsblatt), die dazu aufrief, dass Preis für Werbeeinnahmen nicht ein schleichender Vertrauensverlust der jeweiligen Publikation als solcher sein kann und darf. (Nun, man darf die Frage aufwerfen, wie weit sich die Blätter ihres Hauses daran halten…)
      Ich erwäge ernsthaft, mich mit diesen Gedanken an die SPIEGEL-Chefetage zu wenden. Der SPIEGEL ist viel zu wichtig mit seiner klaren Position gegen Pseudomedizin, als dass er sich durch solch eine Marginalie Zweifel der Leserschaft einhandeln dürfte.

  3. Danke für die Analyse. Das Loblied auf Homoöpathie besteht also aus einer Gemengelage von Halbwahrheiten, Nebelkerzen, Roten Heringen und Selbstbeweihräucherung. Das übliche Schema der Pro-Homöopathiefraktion.

    Auch wenn die SPIEGEL-Redaktion wohl keine Schuld an diesem Fauxpas hat, so wirft es auf den SPIEGEL als ganzes doch einen Schatten, insbesondere im Hinblick auf die hervoragenden kritischen Artikel zu alternativen Heilmethoden, die in der Ausagbe vom 18.8.18 erschienen sind.

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