Verbraucherschutz-Zitrone für Homöopathie!

Wem ist der Begriff „shonky“ geläufig? Er gehört in Australien und Neuseeland zur Umgangssprache und bedeutet so viel wie unehrlich, unzuverlässig, auf hinterhältige Weise, schäbig – oder alles zusammen. Das australische Verbraucherschutzportal „Choice“ verleiht seit 2008 für schlechte, unsinnige und manchmal gefährliche Produkte die „Shonkys of the Year“ – in Form einer symbolischen Zitrone.

In diesem Jahr gehört zu den neun Ausgezeichneten auch ein homöopathisches Produkt. Homöopathisches Melatonin, angepriesen zur Vermeidung vorübergehender Schlafstörungen und leichter nervöser Spannungen. Hergestellt und vertrieben von Pharmacare, nach eigenen Angaben das größte australische Unternehmen für Gesundheit, Fitness und Konsumgüter mit riesigem, auch internationalem Vertriebsnetz. Zu den 23 von Pharmacare geführten Marken gehört auch „Bioglan“ die Vertriebsmarke des Melatonin-Homöopathikums.

Melatonin ist ein Hormon der Hirnanhangdrüse, das für die Steuerung des Tag-Nacht-Rhythmus zuständig ist. Es kann insofern schlaffördernd wirken; in den Industrieländern gibt es deswegen einen gewissen Melatonin-Hype, der aber offenbar schon wieder am Abflauen ist. In den USA werden Melatonin-Produkte als Nahrungsergänzungsmittel gehandelt, in Australien sind sie verschreibungspflichtig.

Gehen wir einmal von einer entsprechenden Wirkung des Melatonin bei ausreichender Dosis aus – wie kommt man auf die Idee, ein Mittel, das allopathisch dosisabhängig wirkt, als hochverdünntes Homöopathikum anzupreisen und die gleiche Wirkung wie beim allopathisch normal dosierten Mittel zu versprechen? Wie ist das mit den elementarsten Grundsätzen der Homöopathie vereinbar? Vor allem mit dem Simileprinzip – denn nach dem müsste dann ja Melatonin in Hochdosis Schlaflosigkeit verursachen (Ähnliches…) und in homöopathischer Dosierung die Schlaflosigkeit beseitigen (… heilt Ähnliches)? Oder meinetwegen auch umgekehrt – aber eben in dem Sinne.

Das ist ersichtlich blanker Unsinn selbst bei Anlegung homöopathischer Maßstäbe. Man kann hier wirklich nicht mehr irgendwelchen guten Glauben an Homöopathie unterstellen, sondern schlicht und einfach die Absicht, mit drastischer Verringerung des Materialeinsatzes bei gleichzeitiger Erhöhung der Preise die Gewinnspanne aus dem homöopathischen in den allopathischen Bereich zu verlagern.

Auf der Webseite des Produkts heißt es: „Die Ergebnisse hängen davon ab, wie oft das homöopathische Mittel eingenommen wird, nicht von der Menge, die verwendet wird“, denn in der Homöopathie ist „die konsumierte Menge nicht relevant, Kinder werden genauso behandelt wie Erwachsene“. Nun, die Dosierung homöopathischer Mittel ist eines der ungeklärten Geheimnisse dieses Universums, das Spektrum der Ansichten bei den Homöopathen selbst geht von „nur einmal“ über „x-mal täglich in Wasser, mit Holzlöffel linksrum umgerührt“ bis „egal, solange nehmen, bis es besser wird“. Über die kühnen Thesen auf der Webseite des Produkts (die vom DZVhÄ übrigens auch schon so vertreten wurden) kann man aber nach den Maßstäben von Hahnemann auch nur den Kopf schütteln.

Nach Hahnemann ist eine „Häufigkeit“, also eine Wiederholung der homöopathischen Gabe, grundsätzlich gar nicht vorgesehen. Die erste Gabe -immer unterstellt, der „Heilkundige“ hat das richtige Mittel gewählt – stimmt die „geistige Lebenskraft“ bei erster Einnahme bereits um. Eine weitere Gabe trifft also auf einen bereits veränderten Zustand der „geistigen Lebenskraft“ und kann damit nur als Störfaktor wirken:

Jede, in einer Cur merklich fortschreitende und auffallend zunehmende Besserung ist ein Zustand der, so lange er anhält, jede Wiederholung irgend eines Arznei-Gebrauchs durchgängig ausschließt, weil alles Gute, was die genommene Arznei auszurichten fortfährt, hier seiner Vollendung zueilt. Dies ist in acuten Krankheiten nicht selten der Fall; bei etwas chronischen Krankheiten hingegen, vollendet zwar auch bei langsam fortgehender Besserung, zuweilen Eine Gabe treffend gewählter, homöopathischer Arznei die Hülfe, die dieses Mittel in solchem Falle seiner Natur nach auszurichten im Stande ist, in einem Zeitraum von 40, 50, 60, 100 Tagen.

Ok, ich verstehe schon, dass ein derartiges Zuwarten im Vertrauen darauf, man habe das richtige Mittel erwischt, im Falle von Schlaflosigkeit nicht so optimal ist…

Ungeachtet dieser Dosierungstipps auf der Produktwebseite heißt es aber bei den Einnahmevorschriften für die Tabletten-Version: „Um den Schlaf zu erleichtern: Kauen Sie 3-5 Tabletten eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen“. Für die Ungeduldigen gibt es zudem noch ein Spray, das „schnell einzieht, um schnell zu wirken“. Das lassen wir hier mal aus Gründen der Übersichtlichkeit beiseite… ich bin kein Fachmann für homöopathische Sprays.

Warum man die Leute nun doch entgegen dem Postulat, es komme auf die Menge nicht an, zum Konsum von täglich 3 bis 5 Tabletten veranlasst, ist klar. Bei der Hahnemannschen Dosierung von einer Gabe innerhalb – im günstigsten Falle – 40 Tagen dürfte der Umsatz sehr schnell wieder im homöopathischen Bereich angekommen sein. Das Zeugs wird auch nicht gerade verschenkt – 90 Tabletten D6 (platte Globuli sozusagen) kosten den Schlaflosen immerhin 24,50 Australische Dollar (etwa 15 Euro). (Noch) erhältlich in australischen und neuseeländischen Apotheken in der Anmutung einer Arzneimittelpackung (die Kunststoffdose dürfte das Wertvollste an dem Artikel sein). Die Preisverleiher von „Choice“ meinen, es dürfte wohl eher den Schlaf rauben: Nämlich dem, der das Zeug gekauft hat und den „dreisten Trick“ durchschaut, mit dem ihm Geld für Nichts aus der Tasche gezogen wird.

Selbstredend steht das homöopathische Melatonin nur stellvertretend für andere homöopathische Mittel, die – vom grundsätzlichen Unsinn der Methode ganz abgesehen – keinen Deut besser sind. Vor allem für die, bei denen mit Fug und Recht bezweifelt werden kann, dass sie in einer „Arzneimittelprüfung am Gesunden“ wirklich die Symptome hervorgerufen haben, die sie als Homöopathikum angeblich zu heilen imstande sind. Was halten sie vom Homöopathikum „Terra C30“ beispielsweise, hochverdünntem Dreck? Soll  bei Heimatvertriebenen, aber auch anderen „Entwurzelten“ wie Geschiedenen helfen. Glauben Sie wirklich, es habe eine Arzneimittelprüfung gegeben, in der ein Löffel Dreck – oder meinetwegen auch eine C30-Prüfpotenz davon – bei jemand (einem „Gesunden“), der vorher nie an den Missempfindungen eines Heimatvertriebenen oder eines Geschiedenen gelitten hat, diese hervorgerufen hätte?

Wir können zum wiederholten Male feststellen: Bei der Beschäftigung mit Homöopathie braucht man eine stabile Gemütsverfassung angesichts des verschränken Unsinns, der einem auf Schritt und Tritt begegnet und das vernünftig und logisch denkende Gehirn ein ums andere Mal provoziert.

Nehmen wir deshalb zur Kenntnis, dass seit nunmehr 117 Jahren die Homöopathie keinen Nobelpreis erringen konnte (ein schlauer Mensch hat mal überschlagen, dass bei einem Wirkungsnachweis der Homöopathie und einer fundierten Erklärung dazu so etwa 90 Nobelpreise fällig wären), aber wir Kritiker geben uns durchaus mit dem „Shonky“ zufrieden, der ja stellvertretend für Unmengen gleichen Unsinns steht.

Ceterum censeo: Homöopathie hat im gesamten Gesundheitssystem nichts verloren. Wers mag, soll es sich in Drogerien und Supermärkten besorgen, sich aber zweckmäßigerweise vorher darüber informieren, wofür er sein Geld ausgibt.


Bildnachweise: Screenshots Choice Australia / Bioglan Melatonin Produktseite

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