WO SIND WIR HIER EIGENTLICH?!?

Die Debatte über Homöopathie in Apotheken hat seit kurzer Zeit aufgrund eines bemerkenswerten Vorganges zusätzlich Fahrt aufgenommen:  Apothekerin Iris Hundertmark aus Weilheim in Oberbayern hat viel Zuspruch für ihre Entscheidung erfahren, in ihrem Betrieb keine Homöopathika mehr vorzuhalten und aktiv zu vertreiben. Diese Entscheidung ist selbstredend eine persönlich verantwortete und steht ihr im Rahmen ihrer Betriebsfreiheit fraglos zu, zumal sie die Belieferung rezeptierter Homöopathika weiterhin garantiert. Aber siehe da  – in nicht geringem Ausmaß (jedoch für den erfahrenen Kritiker nicht unerwartet) war sie persönlich gefärbten, unsachlichen und von Unkenntnis über die Homöopathie strotzenden Anwürfen von vielen Seiten, vorrangig gar der Kollegenschaft, ausgesetzt. Der Grad von Irrationalität, mit dem die Homöopathie in Deutschland vielfach „verteidigt“ wird, zeigt sich in diesem Vorgang einmal mehr mit bestürzender Deutlichkeit.

Man sollte sich schon darüber klar sein,  dass die Position der Homöopathie als apothekenpflichtiges, vom Arzneimittelgesetz anerkanntes und privilegiertes Arzneimittel in Deutschland in weiten Teilen des Auslandes auf völliges Unverständnis stößt.

So hat in England beispielsweise nicht nur der National Health Service flächendeckend die Verschreibungs- und Erstattungsfähigkeit von Homöopathika beendet. Bereits im Verlauf der Diskussion darüber hat die British Pharmaceutical Society  – ungeachtet des Einflusses, der von allerhöchster Seite immer wieder gern geltend gemacht wird – sich in einem „Quick Reference Guide“ zu wesentlichen Punkten in Sachen Homöopathie in größtmöglicher Deutlichkeit positioniert. So schreibt sie auf ihrer Homepage:

  • Die Royal Pharmaceutical Society (RPS) unterstützt die Homöopathie als Behandlungsform nicht, da es weder eine wissenschaftliche Grundlage für die Homöopathie noch Belege für eine klinische Wirksamkeit homöopathischer Produkte über den Placebo-Effekt hinaus gibt.
  • Die RPS unterstützt keine Verschreibung homöopathischer Produkte im Rahmen des NHS (inzwischen erledigt mit der Übernahme der NHS-Empfehlungen zur Homöopathie durch sämtliche englischen Regionalorganisationen).
  • Apotheker sollten sicherstellen, dass Patienten die Einnahme ihrer verschriebenen konventionellen Medikamente nicht einstellen, wenn sie ein homöopathisches Produkt einnehmen oder dies in Erwägung ziehen.
  • Apotheker müssen sich darüber im Klaren sein, dass Patienten, die nach homöopathischen Produkten fragen, schwere, nicht diagnostizierte Krankheiten haben können, die die Inanspruchnahme eines Arztes erfordern.
  • Apotheker müssen Patienten, die ein homöopathisches Produkt in Betracht ziehen, über dessen mangelnde Wirksamkeit über Placeboeffekte hinaus beraten.

Auf der Homepage der RPS folgen hierzu nähere Empfehlungen für die Apotheker. Die RPS fordert die Apotheker sogar auf, nachfragende Kunden unbedingt über den Fehlschluss aufzuklären, Homöopathie sei Naturheilkunde.

Weiter sei die Behandlung des Themas Homöopathie auf dem diesjährigen Pharmazeuten-Weltkongress in Glasgow erwähnt, auf dem eine Mehrheit der Delegierten ausdrücklich der Ansicht war, Homöopathie habe in Apotheken nichts verloren, weil sie damit in unvertretbarer Weise Glaubwürdigkeit als wirksame Medizin gewinne. Die Gegenrede war ein Anlass zu heftigem Fremdschämen – jedoch wurde das wieder dadurch ausgeglichen, dass einer der Delegierten (aus Irland) öffentlich seiner Verwunderung darüber Ausdruck gab, dass im Jahre 2018 überhaupt noch das Thema Homöopathie auf einem Pharmaziekongress diskutiert werden müsse.

Und all dies passiert praktisch gleichzeitig mit den eingangs erwähntn Reaktionen von „Fachkreisen“ hierzulande, die von ehrenrührigen, ja justiziablen Vorwürfen an Apothekerin Hundertmark über die Lächerlichkeit, sie „beleidige“ die Ehre des homöopathischen Standes bis hin zu förmlichen „Beschwerden“ über sie beim aufsichtführenden Kreisrat reichen. Angesichts eines unglaublichen Maßes von Verblendung, Uninformiertheit und nur schwer erklärlicher persönlicher Betroffenheit vieler Leute, die – schlicht gesagt – eine unternehmerische Entscheidung von Frau Hundertmark ohnehin nicht das Mindeste angeht, sei die Frage erlaubt:

WO SIND WIR HIER EIGENTLICH?

Ich spare mir an dieser Stelle eine ausformulierte Antwort, obwohl mir das durchaus schwerfällt. Nicht ersparen möchte ich mir den Hinweis, dass die Notwendigkeit eines Eintretens gegen Pseudomedizin auf allen Ebenen notwendig ist wie eh und je, wobei die Homöopathie bekanntlich das „Einfallstor“ für manch anderen evidenzbefreiten Unsinn bis hin zur Impf“skepsis“ darstellt und deshalb, aber auch wegen ihrer Privilegierung durch die Gesetzeslage völlig zu Recht im Fokus der Kritik steht.

Mit diesem Beitrag wird dieser Blog genau zwei Jahre alt. Mir scheint, er ist noch nicht vollständig überflüssig. Schaue ich mich aktuell um, sehe ich durchaus erhebliche Fortschritte, die mit der Homöopathie- und der Pseudomedizinkritik in dieser Zeit erreicht wurden. Über die Des- und Uninformiertheit weiter Teile der Öffentlichkeit mache ich mir keine Illusionen, auch angesichts der sich verstärkenden Bemühungen der PR-Abteilungen der Homöopathie-Hersteller.

Aber nach wie vor herrscht auch in vielen Presse- und Rundfunk-Redaktionen eine himmelschreiende Unkenntnis zur Homöopathie, was sich zumeist in grotesk-absurden, einer völlig fehlgehenden „Ausgewogenheit“ verpflichteten Berichterstattungen niederschlägt. Nach wie vor gibt es eine – sogar zunehmend aktive – „Opposition“ gegen die Homöopathiekritik von interessierter Seite, die völlig ungeachtet der einhelligen Meinung der weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft versucht, die Kritiker als Ignoranten hinzustellen, über irgendwelche abstrusen Motive zu spekulieren (was ein bezeichnendes Licht auf die Kritiker der Kritik insofern wirft, als dass sie sich ein Engagement um der Sache willen ohne materielle Anreize offenbar nicht vorstellen können) und so zu tun, als sei die ganze Homöopathiekritik eine zentral orchestrierte Kampagne gegen Therapiefreiheit und Patientenautonomie (umso lächerlicher, als es genau die Homöopathie-Vertreter an Informationen für die Patienten über ihre Heilsversprechen fehlen lassen, die Therapiefreiheit und autonome Patientenentscheidung erst möglich machen). Dabei fehlt es zwar an Sachargumenten (völlig, wie ich hinzufügen möchte), jedoch nicht an Versuchen persönlicher Diffamierung.

Nein, liebe Kritik-Kritiker. Ihr liegt maximal daneben mit eurer „Feldforschung“.  Es ist ganz einfach und kann auf der Homepage des Informationsnetzwerks Homöopathie nachgelesen werden:

„Wir wollen nicht länger dazu schweigen, …

  • dass Patienten falsch oder unzureichend informiert werden und falschen Heilsversprechen Glauben schenken, die zu gesundheitlichen Schäden führen können.
  • dass wir Forschung gutheißen, die keinerlei Auswirkung auf die homöopathische Behandlungspraxis hat. Und die nur dem einen Zweck dient, dem Patienten vorzugaukeln, man wäre etwa nahe daran, einen Nachweis zu finden, dass bloße Zuckerkugeln gezielte Wirkungen entfalten können.
  • dass angehende Ärzte auf Universitäten pseudowissenschaftliche Inhalte wie die Repertorien und das im Widerspruch zur Physik stehende Prinzip der Potenzierung lernen. Dass wir also eine Generation Ärzte ausbilden, von der wir gar nicht mehr wissen, ob sie überhaupt weiß, dass Homöopathika Placebos sind.
  • dass Bauchgefühl und saubere wissenschaftliche evidenzbasierte Methodik als gleichberechtigte Nachweisverfahren zur Bestimmung des Risiko-/ Nutzenverhältnisses medizinischer Verfahren dargestellt werden – ebenso wie wissenschaftlich kritisches Denken und vorwissenschaftliche Weltbilder.“

Wer mehr zur Motivation und Notwendigkeit der Homöopathie-Kritik erfahren will, kann dies in der Freiburger Erklärung zur Homöopathie hier finden.

Und natürlich weiterhin auf diesem Blog.

Ich würde noch mehr schreiben, aber gerade läuft im TV beim SWR BW „Zur Sache“ – In Sachen Homöopathie – ächz – Robert Bosch-Stiftung – Prof. Jütte – Glauben in der Medizin ist das Kriterium – Anekdoten – Märchengeschichten… braucht keine Studien… mir hats aber geholfen… – Danke, Dr. Natalie Grams, fürs Standhalten unter solchen Bedingungen, unter einer Defensive, die allein schon durch die reaktionelle Anlage der Sendung entsteht.
Bis zum nächsten Beitrag. Brauche Erholung.

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