Favete linguis! *

*) „Enthaltet euch unheiliger Rede, schweigt!“ (Horaz)

Der 121. Deutsche Ärztetag ist inzwischen Geschichte. Die novellierte Muster-Weiterbildungsordnung ist verabschiedet.

Warum das wichtig ist? Wir erinnern uns: Anfang März dieses Jahres veröffentlichte der Münsteraner Kreis sein „Münsteraner Memorandum Homöopathie“, auf diesem Blog wurde ausführlich dazu kommentiert.  Es stellte einen wohlbegründeten Appell an den Ärztetag dar, bei der Novellierung der Musterweiterbildungsordnung die Streichung der „ärztlichen Zusatzbezeichnung Homöopathie“ zu beschließen. In einer auf Wissenschaftlichkeit verpflichteten Ärzteschaft könne eine nach nahezu einhelliger Auffasssung der weltweiten Wissenschaftscommunity wissenschaftlich nicht begründbare Methode keinen Platz haben.

Dazu ist es nicht gekommen. Es gab auf dem Ärztetag keinen Beschlussantrag zu einer Streichung der Zusatzbezeichnung Homöopathie, über den abzustimmen gewesen wäre. Es ist schlicht und einfach nichts anderes passiert, als dass die unverändert in der vorgelegten Beschlussvorlage enthaltene Zusatzbezeichnung unangetastet geblieben ist. Ich kann und will das an dieser Stelle nicht kommentieren und nicht bewerten – ich war nicht dabei und fühle mich nicht berufen, hierzu Interpretationen und Spekulationen zu liefern.

I.

Solche Zurückhaltung legt sich die homöopathische Fraktion nicht auf. Diese deutete die kommentarlose Beibehaltung des bisherigen Status quo nicht nur in einen Sieg um, sondern gleich gar in eine ausdrückliche Bestätigung der Homöopathie durch den Ärztetag und zeigte auch keine Neigung, damit hinter dem Berg zu halten. Favete linguis? Keine Spur.

So berichtete etwa DAZ online:

„Wir freuen uns, dass die deutsche Ärzteschaft den therapeutischen Nutzen und die ärztliche Weiterbildung in Homöopathie bestätigt hat“, erklärte Cornelia Bajic, Erste Vorsitzende des DZVhÄ. „Qualitativ hochwertige Studien belegen heute die Wirksamkeit der Homöopathie und haben dazu einen entscheidenden Beitrag geleistet“, so Bajic.“

Es ist leider nicht bis zu mir durchgedrungen, dass „die deutsche Ärzteschaft den therapeutischen Nutzen und die ärztliche Weiterbildung in Homöopathie bestätigt hat“, denn das hätte in dieser Ausprägung doch zweifellos eine ausdrückliche Stellungnahme und ein deutliches Abstimmungsergebnis erfordert. Nichts dergleichen gab es. In Anbetracht des Zahlenverhältnisses von rund 7.000 Ärzten „mit Zusatzbezeichnung“ zu insgesamt rund 150.000 ambulant tätigen Ärzten in Deutschland ist die verbale Inanspruchnahme „der deutschen Ärzteschaft“ – sagen wir mal – mutig. Und mit der Position, „qualitativ hochwertige Studien belegen heute die Wirksamkeit der Homöopathie“, steht Frau Bajic der weltweiten Wissenschaftsgemeinde in einer fast bedauernswerten Weise allein gegenüber. Nein, das stimmt einfach nicht. Das kann die homöopathische Fraktion behaupten, so oft sie will, sie kann Einzelstudien anführen, so viel sie will (die sind eh nicht geeignet als Beleg und haben bei der Homoöpathie durchweg die unangenehme Eigenschaft, nicht reproduziert worden zu sein) und mit dem ständigen Anführen von Versorgungsstudien kann sie nur das nicht informierte Publikum beeindrucken – wer den Unterschied zwischen Versorgungs- und Beobachtungsstudien einerseits und randomisierten kontrollierten Blindstudien andererseits kennt, geht dem nicht auf den Leim.

II.

Auf das Polemisieren homöopathischer Ärzte einzugehen, man dürfe sprechende Therapieformen nicht benachteiligen (nanu – führende Homöopathen wollen doch von Mini-Psychotherapie nichts wissen) spare ich mir an dieser Stelle (zur Problematik von „mehr Zeit“ findet sich auch einiges in dem oben verlinkten Blogartikel zum Memorandum Homöopathie).  Ebenso jeden Kommentar zu intellektueller Tieffliegerei bei Kommentaren in Pressepublikationen, die ihre Meinungsäußerung an dem so abgedroschenen wie falschen Argument des „Wer heilt hat Recht“ aufhängen und ernsthaft formulieren:

„Wahr aber ist, dass alle, die behaupten, nur allein zu wissen, was gesund macht, mit Vorsicht zu genießen sind. Viel vertrauenserweckender sind die Mediziner, die zugeben: „Wer heilt, hat recht“. Das können auch Homöopathen sein.“

Selbst Fachpublikationen bringen Erstaunliches hervor. In einem neueren Beitrag versteht sich Apotheke ad hoc selbst zu einer Deutung, für die es nicht den mindesten Anhaltspunkt gibt und bezieht damit auch redaktionell Position pro Homöopathie:

„Auf dem 121. Ärztetag in Erfurt hatte sich die Mehrheit der Ärzteschaft explizit zu dieser im Vorfeld umstrittenen Zusatzbezeichnung bekannt. Denn die Mehrzahl weiß aus der Erfahrung, dass etliche Patienten auch den ganzheitlichen Behandlungsansatz wünschen und dafür aus- und weitergebildete Mediziner benötigen.“

Unter „explizit bekennen“ verstehe ich nun wirklich etwas ganz anderes als die Tatsache, dass die Zusatzbezeichnung Homöopathie ein absolutes Nicht-Thema beim Ärztetag war. Das ist nicht nur eine unzutreffende Berichterstattung, sondern eine unzulässige Umdeutung. Von Seiten des Zentralvereins homöopathischer Ärzte immerhin irgendwie verständlich, von Seiten einer redaktionell betriebenen Publikation nach meiner bescheidenen Ansicht glatte Fake News. Ganz nebenbei hätte man auch darauf kommen können, dass die Zusatzbezeichnung Homöopathie nicht nur „im Vorfeld“ des Ärztetages „umstritten“ war. Sie ist es nach wie vor. Übrigens ist eigentlicher Gegenstand dieses interessanten Artikels, dass der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie ebenfalls die Fortexistenz der Zusatzbezeichnung Homöopathie bejubelt.

III.

Jedoch: Was der Ärztetag beschlossen hat, ist die Musterweiterbildungsordnung, die nur empfehlenden Charakter für die verbindlichen Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern hat. Ob die stattgefundene und sicher auch anhaltende Debatte über die Zusatzbezeichnung ihre Wirkung bei den in der Praxis weit bedeutsameren Landesärztekammern tun wird, das bleibt zumindest abzuwarten. Dort dürfte man sich auch durchaus darüber im Klaren sein, dass keineswegs halbstündige stehende Ovationen zugunsten der Homöopathie beim Ärztetag stattgefunden haben, wie uns der DZVhÄ im Verein mit willfährigen Publikationen suggerieren will. Dass man sich in den Länderorganisationen von der Bundesärztekammer und ihrer Führung nicht in jedem Fall repräsentativ vertreten sieht, fällt auch nicht gerade unter die Rubrik Geheimnisse.

Muss ich noch ergänzend etwas zur „Begründung“ bei Apotheke ad hoc pro Homöopathie und pro Zusatzbezeichnung sagen, die zum gefühlt hundertmillionsten Mal ein „Wünsch-Dir-Was“ von Patientenseite anführt? Ein „Argument“, das wir Kritiker übrigens nach vielen Erfahrungen in Aktionen auf Twitter und vielen Zuschriften, die uns zu unserer Kritik gerade im Hinblick auf die Kassenleistungen für Homöopathie erreicht haben, inzwischen sehr stark bezweifeln.

IV.

Eines sei noch zum beherrschenden „Argument“ der homöopathischen Ärztefraktion im Vorfeld des Ärztetages angemerkt: Zur Behauptung, die Beibehaltung der „Zusatzbezeichnung Homöopathie“ sei unabdingbar, um die „Patientensicherheit“ zu gewährleisten. Zunächst einmal zweifle an diesem Aspekt ganz pragmatisch. Immer und überall stößt der Kritiker auf ärztliche Statements, was alles erfolgreich mit Homöopathie behandelt werden könne und welche „persönlichen Erfahrungen“ den homöopathischen Arzt zu diesem Urteil berechtigen würden. Zum einen wird da häufig das Spektrum ersichtlich allzu weit ausgedehnt, bis zur Behandlung chronischer und schwerer Krankheiten. Zum anderen ist das Anführen der berühmten „Erfahrungen“ nur ein Alarmzeichen für einen stark ausgeprägten confirmation bias, einen Bestätigungsirrtum. Insofern müssen erhebliche Zweifel angebracht sein, ob in allen Fällen der homöopathisch tätige Arzt wirklich die Grenzen erkennt, ab der eine wissenschaftlich fundierte Behandlung unabdingbar ist. Es will mir ganz persönlich einfach nicht einleuchten, weshalb ich mich überhaupt auf diese Fähigkeit bei einem Arzt verlassen soll, der kein Problem damit hat, eine unwissenschaftliche Methode neben wissenschaftlicher Medizin zu praktizieren. Warum nicht Patientensicherheit von vornherein – durch Verzicht auf Homöopathie?

Es geht aber noch um etwas anderes. Ist den Argumentierenden denn nicht bekannt, dass rund fünf Sechstel des Umsatzes an Homöopathika ohne Verordnung,  zur Selbstmedikation, über die Apothekentheke gehen? Und dass vom verbleibenden Umsatz die Verschreibungen von Heilpraktikern auch noch abgezogen werden müssen? Was bleibt denn dann noch? Nur ein kleiner Anteil der gesamten homöopathischen Behandlungen im Lande, die „wegen der Patientensicherheit“ den Ärzten vorbehalten bleiben! Wenn sich also dieses Argument nicht sofort als Scheinargument enttarnen soll, müssten die homöopathischen Ärzte konsequenterweise vom Gesetzgeber das sofortige Verbot des Freiverkaufs von Homöopathika verlangen und die Verschreibungspflicht einfordern. Tun sie das nicht, scheint ihnen die Patientensicherheit bei Heilpraktikern genauso gleichgültig zu sein wie die bei den Selbstbehandlungen, die bekanntlich laut Allensbach-Umfrage ganz überwiegend auf der „Empfehlung von Bekannten und Famlienmitgliedern“ beruhen. Die Reaktion der Heilpraktikerszene und der Homöopathiehersteller auf eine solche Forderung von Ärzteseite würde mich außerordentlich interessieren.

V.

Letzte Meldung: Die Vorsitzende des Zentralvereins homöopathischer Ärzte hat nach dem Ärztetag im Überschwang ihres vorgeblichen Sieges eine Offensive zugunsten der Homöopathie angekündigt. Wir sind gespannt. Wenn die hier wiedergegebenen Äußerungen direkt nach dem Ärztetag dafür die Blaupause sein sollen oder gar die grandiose Werbekampagne, die die DHU kurz vor dem Ärztetag auf eine ungewisse Reise geschickt hat, dann bleibt es langweilig.

Und wenn sich nicht bald etwas Vernünftiges tut in Sachen Adelung von Pseudomedizin durch Gesetzgeber und Ärztetage, dann wird Deutschland zum größten gallischen Dorf aller Zeiten mutieren.


Bildnachweis: Pixabay / Creative Commons Lizenz CC0

6 thoughts on “Favete linguis! *”

  1. Die Westfälischen Nachrichten zitieren den Homöopathen Herrn Holling: …eine „sprechende und zuhörende“ Medizin zu verbannen…

    Es gilt hier nicht, die Sprechende Medizin zu verbannen, sondern die Sprechende Medizin für Kassenpatienten (90%) endlich vernünftig zu honorieren.

    4,86 Euro bekommt der Hausarzt für eine Beratung eines GKV-Patienten.

    Für die Beratung eines PKV-Patienten 61.- Euro.

  2. Ich bin da mal pessimistisch: Zwar gibt es bei den Ärztekammern die föderale Ordnung (historisch begründet durch die unselige Rechsärztekammer 33-45), die heutzutage einen wahrhaft chaotischen Flickenteppich verursacht hat – Beispiele gefällig? Man vergleiche die Facharztausbildung Allgemeinmedizin in Berlin und in Brandenburg, die unterschiedlichen Voraussetzungen für das Fach Arbeitsmedizin, die verschiedenen Wege zum Geriater, die in einigen Kammerbezirken nicht mehr mögliche Zusatzweiterbildung Betriebsmedizin, die Frage, ob Nuklearmedizin ein Fach der unmittelbaren Patientenversorgung ist oder nicht – aber ich bin mir sicher, daß keine einzige der 17 Ärztekammern Deutschlands die ZWB Homöopathie abschaffen wird! So viel Einigkeit in Einfältigkeit muß dann schon sein.

    1. Ich würde auch nicht formulieren, dass ich optimistisch bin… Es ist eine Stimmungsfrage. Kann natürlich genauso erst dann klappen, wenn bei der Bundesärztekammer eine andere Führung mit weniger Verbindung zum neomystischen Zeitalter des letzten Jahrhunderts das Ruder ergreift. Aber auch das ist – wie ich gern zugebe – Spekulation. Es mehren sich die Anzeichen, dass wegen der für den Ärztetag vergleichsweise marginalen Sache der Zusatzbezeichnung Homöopathie es niemand für wert hielt, sich mit einem nicht mehr lange amtierenden Vorstand anzulegen.
      Ich glaube nicht, dass der Münsteraner Kreis ernsthaft mit einem Erfolg im ersten Anlauf gerechnet hatte. Es gab viel Publizität im Vorfeld, die Debatte lebt. Das ist gut und wichtig.
      Der Artikel sollte ja auch mehr die Kakophonie der homöopathischen Szene im Hinblick auf die herbeihalluzinierte „Bestätigung“ der Homöopathie durch den Ärztetag thematisieren…

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