Gedanken über IGeL

Ich find Wortspiele dooooof…

Wer ist ihnen nicht schon einmal begegnet, den IGeL-Angeboten in der Arztpraxis, den „individuellen Gesundheitsleistungen“, deren augenfälligster Aspekt erst einmal ist, dass man sie aus eigener Tasche bezahlen darf?

Zu diesem Thema überraschte kürzlich der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) mit einer sehr deutlichen Pressemitteilung [1] zu seinem „IGeL-Report 2018“. Dort heißt es u.a.:

„Jeder Zweite bekommt beim Arztbesuch Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) angeboten, die privat zu bezahlen sind. Der IGeL-Monitor hat in einer repräsentativen Umfrage erstmals die Top 10 der meistverkauften IGeL ermittelt. Fazit: In den Praxen werden häufig Früherkennungsuntersuchungen wie Ultraschall, Augeninnendruckmessung und Ähnliches verkauft. Viele der Topseller widersprechen Empfehlungen medizinischer Fachverbände, weil ihr Schaden den Nutzen überwiegt.“

Harte Worte, die aber durch die Erhebungen des „IGeL“-Monitors [2] belegt werden, einer Einrichtung des MDS, der die in Arztpraxen angebotenen IGeL-Leistungen mit den Leitlinien der medizinischen Fachverbände abgleicht und die Maßstäbe der evidenzbasierten Medizin zugrunde legt. Das sind Fakten, die auch von den natürlich sofort erschallenden Gegenvorstellungen von Ärzteseite nicht ausgehebelt werden können.

Das Fazit des Geschäftsführers des MDS, Dr. Peter Pick, fällt demgemäß ebenso vernichtend wie deutlich aus:

„Unser Fazit ist: Die IGeL-Angebote orientieren sich nicht am nachgewiesenen medizinischen Nutzen, sondern an den Vorlieben einzelner Arztgruppen und an den Umsatzinteressen der Praxen. Zum Teil werden Patienten unter Druck gesetzt, damit sie solche Leistungen annehmen. Das ist nicht hinnehmbar.“

Der Projektleiter des IGeL-Monitors, Dr. Christian Weymayr, wird gar mit der Anmerkung zitiert, dass mehr als jeder dritte Patient angegeben habe, dass er sich bedrängt oder unter Druck gesetzt fühlte, was sich auch in den Zuschriften an den IGeL-Monitor bestätige.

Und schon sind wir mittendrin in einem Konglomerat von Interessen, von Evidenz und fehlender Evidenz, von Problemen im Leistungskatalog der Kassen und Problemen beim IGeL-Katalog der Ärzte.

Verwerfungen gibt es schließlich keineswegs nur auf einer Seite. Vielmehr zeigt die längerfristige Betrachtung, dass es durchaus „Positionswechsel“ zwischen IGeL und erstattungsfähigen Leistungen gab; immer wieder wurden IGeL-Leistungen einmal zu Regelleistungen der Kassen nach Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses. Ob der IGeL-Monitor wirklich immer dem Anspruch gerecht wird, nach der aktuellen Evidenzbasierung und den Leitlinien der Ärztegesellschaften zu urteilen, sei auch dahingestellt. Wir sehen hier eine typische „Gemengelage“, die zudem in ständiger Bewegung begriffen ist.

Um aber auf das eigentliche Thema der IGeL-Leistungen zurückzukommen: Es geht mir hier nicht um die Lösung dieses gordischen Knotens, sondern um einen aus meiner Sicht bislang zu kurz gekommenen Gesichtspunkt: Nämlich, dass mit IGeL den Patienten auch suggeriert wird, die Versorgung durch die gesetzliche Krankenkasse sei lückenhaft, minderwertig, sei Arme-Leute-Medizin und man werde für seine hohen Beiträge mit Minimalversorgung abgespeist. Diese Haltung hört man ohnehin schon allzu oft. Natürlich ist es nicht die Intention von IGeL, aber diese Schlussfolgerung liegt nahe – und wird auch gezogen.

Man mag über das deutsche Gesundheitssystem nun denken was man will, aber Tatsache ist, dass es eines der weltbesten ist. Vor allem deshalb, weil es keinerlei Unterschiede beim Zugang zu den zugelassenen Behandlungen macht. Ob es ein Antibiotikum gegen eine akute Infektion ist oder die Behandlung eines chronischen Diabetes, ein Transplantationseingriff oder die kurative Behandlung einer Hepatitis C (das gibt es inzwischen) – jeder hat ungeachtet seiner persönlichen Verhältnisse gleichermaßen Zugang dazu. Wenn – aus teils nicht medizinisch begründbaren Aspekten heraus – Einschränkungen gemacht werden (müssen), dann betreffen sie eben auch gleichermaßen alle Versicherten und verwirklichen damit immerhin auch das Solidarprinzip. Dass dies durch Fehlanreize wie IGeL aus dem Blickfeld der Patienten rückt, ist allein schon ein Grund, um über die Zukunft dieses Systems ärztlicher Zusatzangebote nachzudenken. Das Vertrauen der Patienten und Versicherten nicht nur in die Ärzte, sondern auch in das Gesundheitswesen selbst ist von elementarer Wichtigkeit.

Die „Botschaft“ an die Patienten, um die es mir hier geht, wird auch noch durch andere Gesichtspunkte verkompliziert. Leistungsausschlüsse der GKV, die allein wirtschaftlichen Überlegungen geschuldet sind – wie Nichterstattung von leitliniengerechten, jedoch nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten oder der Erstattung für Sehhilfen – haben eben nichts mit medizinfachlichen Gesichtspunkten zu tun und sind denn auch Gegenstand ständigen Ärgernisses bei den Versicherten. Andererseits gibt es – Leser meines Blogs ahnen natürlich, was jetzt kommt – Erstattungen für Dinge wie Homöopathie und Anthroposophie, innerhalb der Satzungsleistungen auch für andere Dinge, die keinesfalls dort hingehören, da ihnen die Evidenz schlicht fehlt. Für Satzungsleistungen insgesamt wurden nach den letzten Zahlen von den Krankenkassen immerhin 1,5 Mrd. Euro (2016) aufgewendet [3]. Da wiederum trifft die vom Bundesversicherungsamt an den Kassen hierzu geübte Kritik eben auch völlig zu – und ist inhaltlich doch gar nicht groß etwas anderes als die Kritik des MDS an IGeL. Oder soll die Kritik der Kassen an IGeL womöglich von der Kritik des Bundesversicherungsamtes an ihren Satzungsleistungen ablenken? Oh, nur so ein beiläufiger Gedanke – man weiß es nicht.

Die Frage sei erlaubt, ob IGeL nicht Fehlanreize auf allen Seiten setzt bzw. Schlussfolgerungen impliziert, die vor allem auf Patientenseite nicht gewollt und nicht wünschenswert sind. Dass wirtschaftliche Gesichtspunkte einen niedergelassenen Arzt nicht dazu nötigen dürfen, einen derartigen Bauchladen anzubieten, sollte selbstverständlich sein. Die Gemengelage Kassenleistungen / IGeL-Zusatzangebote enthält – darauf möchte ich hier nur hinweisen – einiges an Sand im Getriebe. Eine Frontstellung deswegen zwischen den GKV-Kassen und den Ärzteverbänden ist das Letzte, was man sich wünschen würde. Die Gesundheitspolitik muss sich des Puzzles aber einmal annehmen – als Teil auf einem Weg zu einer besseren Medizin.


[1] https://www.mds-ev.de/presse/pressemitteilungen/neueste-pressemitteilungen/2018-05-03-pm-igel-report-2018.html

[2] https://www.igel-monitor.de/

[3] https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/krankenkassen/article/932760/satzungsleistungen-kassen-ausgaben-fast-verdoppelt.html


Bildnachweis: Pixabay

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