Was erlaube Homöopathen?

Zum 20. Jahrestag der legendären Münchner Pressekonferenz vom Meister des gepflegten Wutausbruchs Giovanni Trappatoni sei diese leicht abgewandelte Einleitung eines durchaus ernstgemeinten Artikels einmal gestattet – unpassend ist sie auf keinen Fall. Passend ist rein zufällig in unserem Zusammenhang auch ein anderes 20-jähriges Jubiläum, das mit dem Wort „Retracted“ in enger Verbindung steht.

Aber zum aktuellen Fall:

Was soll man dazu sagen, wenn eine Zeitschrift namens „Evidenzbasierte komplementäre und alternative Medizin“ (Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine, wo ist mein Riechsalz… ) eine Arbeit zur homöopathischen Krebsbehandlung zurückzieht? Der Blog Retraction watch berichtet.

Man ist sprachlos. In mancher Hinsicht.

So geschehen am 26. Februar 2018 mit einem Beitrag namens „Psorinum Therapy in Treating Stomach, Gall Bladder, Pancreatic, and Liver Cancers: A Prospective Clinical Study“ (Therapeutische Anwendung von Psorinum bei der Behandlung von Magen-, Gallenblasen-, Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs: Eine prospektive klinische Studie), veröffentlicht 2010. Allein der Titel lässt Schlimmes befürchten…

Es sei hier gleich eingeschoben, dass man wohl mit dem Anspruch eines seriösen medizinischen Fachblattes diesen Artikel niemals hätte veröffentlichen dürfen. Wir werden aber noch sehen, wie es zu dem Zurückziehen des Beitrages kam.

Als erstes tauchten diverse Fragen auf.

  • Angeblich gab es von der Registrierungsstelle für Studien (Institutional Review Board) eine Genehmigung für die „Studie“ aus dem Jahre 2001, was doch ein wenig unglaubwürdig wirkt, wenn man bedenkt, dass die Privatklinik, in der die „Studie“ durchgeführt wurde, erst 2008 gegründet worden war.
  • „Die Teilnehmer haben das Medikament Psorinum zusammen mit allopathischen und homöopathischen unterstützenden Behandlungen erhalten, ohne konventionelle oder andere Krebsbehandlungen zu versuchen“ – heißt es in der Studie. Was insofern erschrecken lässt, als hier die Standardtherapie vorenthalten wurde – was zumindest Fragen nach der ethischen Bewertung des Vorgangs aufwirft.

Nun gut – obwohl das doch im Grunde auf einen Blick schon 2010 hätte erkannt werden sollen / müssen. Jedenfalls wurde bei den Autoren angefragt. Man erbat die Unterlagen zur Ethikprüfung, das vollständige Studienprotokoll und das Formblatt, das für die Einverständniserklärung der Patienten verwendet worden war.

Ja und dann – dann stellte sich heraus, dass die Hauptautoren, Vater und Sohn Chatterjee, Besitzer und Betreiber des Critical Cancer Management Research Centre and Clinic (CCMRCC; wie schön…) seit Mitte 2017 in Haft sitzen. Wegen „Ausübung von Medizin ohne Qualifikation“.

Nachfragen bei drei angegebenen Co-Autoren ergab, dass sie sich dagegen verwahrten, als Autoren der Arbeit genannt worden zu sein und dass sie niemals ein solches Einverständnis gegeben hätten. Ein vierter Co-Autor antwortete nicht.


Und was für eine tolle Krebstherapie hatte man da „entdeckt“?

Das Papier untersuchte die Wirkungen von Psorinum, einem homöopathischen Präparat, das offenbar schon in der Vergangenheit zur Krebstherapie benutzt wurde:

Psorinum, ein alkoholischer Extrakt aus Krätze-, Schorf- und Eiterzellen…[der] verschiedene Immuneffektorzellen (z.B. T-Zellen und akzessorische Zellen wie Makrophagen, dendritische Zellen und natürliche Killerzellen) aktiviert, die eine komplexe Antitumor-Immunantwort auslösen können.

Nosodenkram, aha. Nett.


Und jetzt lichtet sich ein wenig das Dunkel:

Hindawi, einer der größten medizinischen Fachverlage, unter deren Flagge auch das Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine-Magazin segelt, war nach eigenen Angaben durch einen Leser auf die Verhaftung der Chatterjees aufmerksam gemacht geworden und hatte die Untersuchung initiiert. Zudem waren dort Beschwerden aufgelaufen, unter anderem -und das ist wichtig- über PubMed Central, also dem Meldewesen der großen Studiendatenbank PubMed/NCBI. Stichwort: Wissenschaftsgemeinde.

Der Kern der Untersuchung stammte dann auch von Hindawis Research Integrity Team. Falsche Angaben zur Autorenschaft und zum Genehmigungsdatum und vor allem das offensichtliche Ethikproblem der Studie (wenn sie denn überhaupt durchgeführt wurde…) reichten nach Ansicht von Hindawi allein aus, um die Veröffentlichung zurückzuziehen. Diese Entscheidung wurde denn auch von Hindawi getroffen.

Es gab aber noch mehr Unangenehmes. Die Diskussion der Studienergebnisse („Diskussion“ als Abschnitt in der Studie selbst ist hier gemeint, als Darlegung dessen, wie man die Daten warum beurteilt) stand in Widerspruch zur Zusammenfassung. Die Diskussion räumte eine eingeschränkte Aussagefähigkeit nach den Maßstäben wissenschaftlicher klinischer Studien ein, weil die Studie weder eine Placebo- noch eine Standardbehandlungsgruppe (!) besaß; die Zusammenfassung lavierte daran vorbei, indem sie eine Wirksamkeit von Psorinum als Krebsmittel implizierte. Und -endlich- wurde man darauf aufmerksam, dass das Studiendesign nicht weniger beschrieb als eine eierlegende Wollmilchsau – nämlich eine „prospektive klinische Beobachtungsstudie“. Es sei, um nicht noch mehr in die Breite zu gehen, nur angemerkt, dass eine Studie schlecht gleichzeitig „klinisch“ (also Anwendungsstudie) und „Beobachtungsstudie“ sein kann. Näheres für den Interessierten hier.

Retraction watch hat noch recherchiert, dass die Chatterjees Papiere über ihr Wundermittel allen Ernstes im Journal of Clinical Oncology (2009, 2010) veröffentlichen konnten. Die Herausgeberin, die American Society of Clinical Oncology, teilte mit, die Angelegenheit zu überprüfen…

Ich kann hier wirklich nur einigermaßen verzweifelt auf David Gorskis Beitrag aus dem vergangenen Jahr über die „Flut der Pseudomedizin“ hinweisen…


Was haben wir nun hier?

Ein weiteres – dreistes – Beispiel für den Missbrauch der Wissenschaft als wohlfeiles Deckmäntelchen dort, wo es nichts Wissenschaftliches gibt. Für das Vortäuschen von Wissenschaftlichkeit, ohne sich im Mindesten an deren Regeln zu halten – dieser Vorwurf trifft auch das Magazin, ganz klar. Auf der einen Seite eine ethische Insolvenzerklärung allerersten Ranges, auf der anderen Seite aber auch ein weiteres Beispiel für die im Wissenschaftssystem „eingebaute“ Selbstreinigungskraft. So mancher, der sich traut, seine Machwerke in Publikationsdatenbanken einzustellen und gern über den inneren Zirkel der selbstbestätigenden „Fachzeitschriften“ hinaus Ruhm und Ehre erlangen möchte, hat diese „eingebaute Selbstkorrektur“ des wissenschaftlichen Systems unterschätzt. Oder gleich gar nicht wahrgenommen, weil ohnehin nie zum Grundgedanken der Wissenschaftlichkeit durchgedrungen.

Als einzelner Vorgang mag diese Geschichte wie ein Kuriosum aus dem Morgenland erscheinen. Gut, die Zitationen hielten sich immerhin in Grenzen. Eine Marginalie oder ein als solitär zu betrachtender Vorgang ist es aber keineswegs. Indien, das gelobte Land der Homöopathie (wir erinnern uns an die Besucher aus Indien anlässlich des Welt-Homöopathie-Kongresses 2017 in Leipzig), auch von westlichen Homöopathen stets als gelobtes Land beschworen und als Beleg für die „hunderte Millionen erfolgreichen Anwendungsfälle“ hervorgehoben, mit hohen Beträgen für „Forschung“ aus staatlichen Mitteln ausgestattet – das ist nicht „weit weg“. Die indische Homöopatheszene dient (sogar gegenüber Patienten, wie mir persönlich bekannt ist)  immer wieder als Referenz – und ist insofern schon von zentraler Bedeutung.

Und so ist auch dieser Vorgang symptomatisch, ja systemisch für die homöopathische Szene. Über die einzelnen Mängel der Studie verzieht der Kummer gewohnte Kritiker zwar kaum eine Miene,  so etwas findet man auch woanders. Aber ist das nicht ab einem gewissen Punkt zwangsläufig bei der Homöopathie, weil sie ja an gut designten und durchgeführten Studien scheitern muss? Und welchen Sinn sollen Zeitschriften haben, die nichts anderes darstellen als den gedruckten Teil der Filterblase Homöopathie? Die keine wissenschaftlichen Publikationsregeln einhalten? Die zu nichts anderem dienen als zur Selbstbestätigung der Homöopathen und allenfalls zum Marketing beim unkritischen Publikum?

Ein Zerrbild. Eine Groteske.


Bildnachweise: dpa / Screenshot Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine

5 thoughts on “Was erlaube Homöopathen?”

  1. Wenn man sich das ganze mal kurz bei Google ansieht, gibt es mehrere Konferenzbeiträge zur ASCO (American Society of Clinical Oncology), eine der wichtigsten Krebskonferenzen zu diesem Thema und diesem Autor, wo ebenfalls Patienten nur homöopathisch behandelt wurden. Das ganze nennt sich dann „Phase II trial“. Siehe auch: https://www.google.de/search?ei=Up2pWtq0EMKC6ASbiYDoCg&q=Journal+of+Clinical+Oncology+chatterjee+psorinum&oq=Journal+of+Clinical+Oncology+chatterjee+psorinum&gs_l=psy-ab.3…84207.89743.0.89951.25.23.2.0.0.0.166.2001.15j7.22.0….0…1c.1.64.psy-ab..1.18.1579…33i160k1j33i21k1.0.rTEwl7Fiu6c

    1. Ja, im meinem Blogbeitrag wird im Grunde nur das „Finale“ dieser unsäglichen Geschichte wiedergegeben, natürlich gibt es noch eine Vorgeschichte.
      Die wurde schon 2013 von Dr. Norbert Aust in seinem Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ aufgegriffen: http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=1006 . Insofern war mir der Name Chatterjee schon ein Begriff.
      Danke für den Hinweis!

  2. Die folgende Pedanterie bitte als konstruktive und wohlwollende Kritik auffassen:

    1. In den Absatz, der mit „Es gab aber noch mehr Unangenehmes“ beginnt, hat sich Tippfehler eingeschlichen – „Psiorium“ statt Psorinum.

    2. Der Bandwurmsatz im vorletzten Absatz lautet, wenn man die langen Einschübe weglässt, im Hauptsatz schlicht „Indien – das ist schon zentral für die Homöopathieszene an sich“. Mir ist unklar, was damit in diesem Kontext ausgedrückt werden soll.

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