„High dilution research“ – Forschung oder Verirrung?

Das Informationsnetzwerk Homöopathie hat vor kurzem die Frage erreicht, weshalb bei diesem keine Auseinandersetzung mit der Forschung zu ultrahohen Verdünnungen, dem sogenannten high dilution research, stattfinde. Das ist die Forschungsrichtung, die -soweit sie in Bezug auf Homöopathie stattfindet- in weit höherem Maße im „Nichts“ forscht als jeder Astrophysiker und in der Vorstellung lebt, irgendein Nachweis irgendeines auffälligen Verhaltens von hochverdünnten Lösungen sei per se der ultimative Nachweis der Richtigkeit von Hahnemanns Lehre.

Dass dem keineswegs so ist und weshalb sich eine Auseinandersetzung mit ihr im Rahmen von Homöopathiekritik nicht lohnt, hat Dr. Norbert Aust in einer Antwort begründet, die er auf seinem Blog veröffentlicht hat.

Der Blogbeitrag von Dr. Aust sei jedem am Homöopathieproblem Interessierten sehr zur Lektüre empfohlen. Kurz gesagt, wird dort dargelegt, dass selbst irgendwelche Ergebnisse, auch ohne diese zu qualifizieren, letzten Endes ohne Bedeutung für die zentrale Frage sind, ob Homöopathie wirkt oder nicht.

Ich möchte Dr. Austs Gedanken noch etwas erweitern.

Was wir hier mit dem high dilution research vor uns sehen, ist Bestätigungsforschung, also kein neutraler prospektiver Blick zur Klärung einer Ausgangshypothese, sondern die „Suche“ nach einem bestimmten Ergebnis. Soweit diese Forschung mit Blick auf die Homöopathie durchgeführt wird, ist sie selbst als Bestätigungsforschung ein Auswuchs, eine Verirrung. Denn: Es wird „auf Teufel komm raus“ nach einem Einzelaspekt geforscht, der -wie Dr. Aust darlegt- für das eigentliche Grundproblem, nämlich den Nachweis einer spezifischen Wirkung der Homöopathie, bedeutungslos ist.

Bei solcher Forschung verliert man offenbar vollkommen aus dem Auge, worum es eigentlich geht. Statt dessen kapriziert man sich auf einen Beleg für einen einzigen, in der Hierarchie des Gedankenmodells „Homöopathie“ weit oben stehenden Aspekt, die angebliche Wirkung von Hoch- und Höchstpotenzen. Da sind wir Kritiker weitaus bescheidener. Wenn erst einmal ein Wirkungsnachweis überhaupt gelänge, wären wir gern bereit, uns mit der Frage nach dem Wirkungsmechanismus zu befassen. Und da käme doch wohl zuerst einmal die Gültigkeit des Similieprinzips (leider bereits widerlegt) und der Arzneimittelprüfung am Gesunden (leider bereits widerlegt) zum Zuge. Deren Nachweis könnte dann allenfalls Anstoß zu einer Befassung mit der Wirkungsmethodik von Hoch- und Höchstpotenzen sein. Wie die Vergangenheit zeigt (ich erinnere an die Fälle Montagnier und Benveniste), neigt man gleichwohl dazu, bei jedem Strohhalm, der als Fata Morgana bei solcher Art Forschung erscheint, den Rückschluss auf die Wirksamkeit und den kompletten Wirkungsmechanismus der Homöopathie zu ziehen. Unwissenschaftlich zur 23. Potenz.

Gerade die Idee der wirksamen Hochpotenzen ist doch mit dem Gedanken der Wirkung einer „geistigen Kraft“ untrennbar verbunden. Hahnemann selbst war womöglich klüger war als seine in high dilution research forschenden Jünger. Er war nämlich durchaus Chemiker genug, um nicht von einer materiell organisierten Wirkungssteigerung durch Potenzieren auszugehen. Natürlich wusste er noch nichts von der Avogadro-Grenze als Ausfluss der strukturellen Organisation der Materie, aber man darf ihm durchaus zutrauen, die Diskrepanz zwischen alltäglicher Erfahrung beim Verdünnen und dem Gedanken einer Wirkungszunahme trotz immer geringer werdenden Wirkstoffanteils erkannt oder erspürt zu haben – weshalb er die erklärenden Postulate der „geistigen Arzneikraft“ und der „geistigen Lebenskraft“ einführte. Wer weiß – vielleicht würde er über seine heute nach direkten Wirkungsspuren in Hochpotenzen suchenden Exegeten den Kopf schütteln und ihr Treiben als „unverstandene Kinderey“ ansehen…

Erstaunlich ist, dass wir hier etwas vor uns sehen, was eigentlich immer den Kritikern der Homöopathie (zu Unrecht) vorgeworfen wird: Die Ausrichtung an einer strikt materialistisch-mechanischen Sichtweise. Um nichts anderes geht es nämlich bei dem high dilution research: Um die Suche nach einem mechanistisch-funktionalen Aspekt, der zum archimedischen Punkt für die wissenschaftliche Rechtfertigung der Homöopathie gemacht werden soll. Eigentlich angesichts von Hahnemanns Lehre ganz unglaublich, denn damit wird der Grundgedanke Hahnemanns von der „geistigen Arzneikraft“ die korrigierend auf die „geistige Lebenskraft“ des Patienten einwirkt, doch vollkommen negiert – ich habe an anderer Stelle schon einmal darauf hingewiesen. Jeder klassische Homöopath müsste sich doch eigentlich gegen diese Art von Forschung verwahren… Wieder einer der großen, letztlich unauflöslichen Widersprüche, die die Apologeten der Homöopathie häufig selbst produzieren und nicht aufzulösen in der Lage sind (mit anderen Worten, sie widerlegen ihre eigenen Grundlagen). Insofern zu glauben, man habe mit einem „naturwissenschaftlichen Nachweis“ irgendwelcher chemischer oder physikalischer Eigenschaften von hochverdünnten Lösungen den „Stein der Weisen“ der Homöopathie in der Hand, ist doch ein geradezu grotesker Irrtum.

Bei alledem fasst man sich doch an den Kopf und fragt sich, was denn nun eigentlich für die Homöopathie aus dem ganzen high dilution research überhaupt herauskommen soll. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung ist das Verschwendung von Ressourcen – nicht nur finanzieller, sondern auch an wissenschaftlichen Kapazitäten personeller und materieller Art. Ein Grundsatzproblem: Die Priorisierung von Forschungskapazitäten, die in Zukunft breiten Raum einnehmen wird. Für die könnte die homöopathische „Grundlagenforschung“ das Modell eines Negativbeispiels abgeben.

Vielleicht ähneln sich die Worte Dilution und Delusion nicht zufällig.

 

 

Bildnachweis: gemeinfrei

3 Gedanken zu „„High dilution research“ – Forschung oder Verirrung?

    1. Im Link unter „Fata Morgana….“ vollständig dokumentiert bei der Homöopedia, dem wissenschaftlichen Wiki des Informationsnetzwerks Homöopathie. Es gibt aber auch noch ganz andere „Ansätze“ für angebliche „Anomalien“ in Hochverdünnungen oder in einem „Vergleich“ zwischen dilutierten Lösungen und reinem Lösungsmittel. Die sind aber alle nicht besser, sei es die angebliche Detektion unterschiedlicher elektromagnetischer Felder außerhalb der Lösungen oder die „Feststellung“ von Unterschieden per UV-Spektralanalyse. Der Anfrager wies ja auf ein „breites Forschungsfeld“ hin und auf einen Fachartikel, der allein 158 Quellen für high dilution research aufweise. Aber, wie ausgeführt – was solls…

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