Interview mit einem Homöopathen (1)

Nein, es soll hier nicht um den schon vieldiskutierten Beitrag von Frau Bajic in der ZEIT gehen, in dem sie auf etwas eigenartige Weise ihre eigene Profession nicht gerade verteidigt. Es geht um ein Interview mit Dr. Jens Behnke, bei der Carstens-Stiftung zuständig für „Homöopathie in Forschung und Lehre“, auf heilpraxisnet.de.  Als Teil einer dort erscheinenden Reihe zur Homöopathie, dessen einleitenden Beitrag ich in diesem Blog auch gewürdigt habe.

Da das Behnke-Interview sehr umfangreich ist und von daher den Anscheinsbeweis der vielen Worte in Anspruch nimmt, erfordert es auch eine umfangreichere Auseinandersetzung. Versuchen wir es. Vorab aber noch eine kritische Anmerkung:

Ganz offensichtlich handelt es sich nicht um ein Interview im normalen Sinne, also ein „Gespräch mit Blickkontakt“, sondern um die schriftliche Beantwortung eines Fragenkataloges, der gesamte Duktus spricht dafür. Warum ist das von Bedeutung?  Es macht auch journalistisch einen großen Unterschied, ob ich jemand direkt zu seinen Ansichten befrage oder ob ich ihm Gelegenheit gebe, sorgfältig ausgearbeitet ein Statement abzugeben. Ja, der Befragte hat gegenüber dem Abfassen eines Fachartikels sogar noch eine bessere Position: Er kann sich mit dem vorgelegten Fragenkatalog in Ruhe auseinandersetzen, auf die Tendenz der Fragestellung reagieren und braucht keine Rück- oder Zwischenfragen zu befürchten. Eine bessere Möglichkeit zur Absicherung und Immunisierung eigener Aussagen kann man überhaupt nicht mehr haben. Ich verhehle auch nicht, dass ich die gestellten Fragen für recht unkritisch (und auch für wenig fachlich fundiert) halte.

Es tut mir leid, diesmal wird es länger. Deshalb lasse ich diesen Beitrag in meheren Teilen erscheinen. Ich folge in der Darstellung einfach den Überschriften des „Interviews“.

Samuel Hahnemann begründete die Homöopathie. Wer war das?

Behnke versucht hier vor allem, den Boden für die nachfolgenden Ausführungen durch seine Deutung des Chinarindenversuchs zu bereiten. Er identifiziert hier den zentralen Glaubwürdigkeitsfaktor für das Simileprinzip und stellt die Gültigkeit von Hahnemanns Bewertung seines Selbstversuches in keiner Weise in Frage.

Selbst wenn wir uns nur auf der Basis der reinen Empirie, der Einzelfallerfahrung, bewegen und jedes ursächliche Hinterfragen hintanstellen, bleibt festzuhalten, dass der Chinarindenversuch schon zu Hahnemanns Lebzeiten niemals reproduziert werden konnte und es auch keine allgemeine Erklärung für Hahnemanns Bericht gibt.

Schon 1821 versuchte Jörg in Leipzig, den Chinarindenversuch zu reproduzieren. Er bediente sich einer Gruppe von neun nahezu konstitutionell gleichen Personen, die bislang nichts von Homöopathie gehört hatten. Die Probanden wurden gar vor einer möglichen Lebensgefahr gewarnt und zu genauester Selbstbeobachtung verpflichtet. Es trat nicht nur bei keinem der Probanden das von Hahnemann beschriebene Fieber ein, es ergaben sich auch zu den anderen von Hahnemann beschriebenen Symptomen keine Übereinstimmungen. Dazu muss man wissen, dass der Chinarindenversuch sich nicht auf das Fiebersymptom beschränkte, sondern insgesamt 1.143 (!) Symptome von Hahnemann niedergelegt wurden. Ein erster Beleg – aber keineswegs für einen Beweis des Simileprinzips, sondern für den völlig verfehlten, da grenzenlos subjektiven Ansatz der homöopathischen Arzneimittelprüfung.

Abgesehen davon hat es Hahnemann beim späteren Ausbau seines Gedankengebäudes offenbar nicht interessiert, dass er keine homöopathischen, sondern „allopathische“ Dosen eingenommen hatte. Nach seinem eigenen Bericht nahm er „einige Tage zweimal täglich 4 Quentchen pulverisierter guter Chinarinde“ ein, insgesamt waren das rund 14 Gramm. Das entspricht einer Menge an reinem Alkaloid von etwa 1,0 bis 1,5 Gramm (qualitätsabhängig, nach Kritzschler-Kosch).

Durchweg wird der Chinarindenversuch bzw. Hahnemanns Interpretation heute entweder auf eine selbstsuggestive Fehldeutung (es gab damals keine Messgeräte für Fieber!), auf eine allergische Reaktion (Lendle 1952) oder auch eine sehr seltene paradoxe Wirkung (Eichholz 1936) zurückgeführt, jedenfalls als eine sehr subjektive Feststellung angesehen. Was noch eher wahrscheinlich erscheint,  ist eine Verbindung zu den Umstand, dass Hahnemann selbst malariainfiziert war. Eine physiologische Reaktion eines Malariakranken auf die Chiningabe in Form eines Anstiegs der Körpertemperatur mag denkbar sein, was aber nicht im homöopathischen Sinne als eine Art Wirkungsumkehr interpretiert werden kann. Selbst der kritische Fritz Donner hat noch 1948 versucht, den Chinarindenversuch mit dieser Erklärung zu retten (später gab er diese Ansicht auf). Trotzdem wird -wie wir auch bei Behnke sehen- der Chinarindenversuch noch heute als Geburtsstunde des Similieprinzips und damit des ersten, entscheidenden Standbeins der Homöopathie angesehen. Hierzu gibt es aber bei objektiver Betrachtung keinen Anlass.

Die Aussage, Hahnemann habe seine Schlüsse aus dem Chinarindenversuch später systematisch erforscht, ist ein Euphemismus. Eine falsche Prämisse kann nicht zu richtigen Ergebnissen führen. Man wird davon sprechen müssen, dass Hahnemann mit bemerkenswertem Geschick ein System zur Erzeugung selbsterfüllender Prophezeihungen aufgebaut hat.

Diese Ausführungen erscheinen mir wichtig, weil Behnke gerade mit dieser Einleitung eine Prämisse setzt, die später nicht mehr hinterfragt, sondern als Baustein für weitere Ausführungen benutzt: Die Originalität und die Tragfähigkeit des Simileprinzips als Begründung für die ganze Homöopathie. Man bemerkt hier deutlich, welche Folgen es hat, wenn kein informierter Interviewer zugegen ist, der ergänzende Fragen stellen kann.

Auf welchen medizinischen Vorstellungen basierte Hahnemanns Lehre? Was bedeuten „Lebenskraft“, „Lebensenergie“ oder „Miasmen“? Was ist das Similie-Prinzip und aus welcher medizinischen Tradition stammt es? Welche Nachweise für die Wirksamkeit seiner Ideen und Methode erbrachte Hahnemann?

Ein derartiges Konglomerat von Einzelfragen lädt den Antwortenden natürlich geradezu ein, eine Darstellung zu liefern, die den Blick auf die Einzelaspekte eher vernebelt.

Zu widersprechen ist zunächst Behnkes Feststellung, dass Hahnemanns Simileprinzip nichts mit der „mittelalterlichen Signaturlehre“ zu tun habe, womit er ihm einerseits für das Simileprinzip die originäre Urheberschaft zuspricht und andererseits versucht, ihn gegen Kritik, die sich -zu Recht- gegen die „alten Vorstellungen“ der Isopathie, der Signaturen- und der Sympathielehre richtet, zu immunisieren. Nein, Hahnemann hat hier nichts so Originäres geschaffen. Die Strategie, Hahnemann als insgesamt revolutionären Neuerer hinzustellen, verfängt nicht.

Selbstverständlich war Hahnemann, wie seine ganze Medizinergeneration, von den verschiedenen Ausprägungen des Ähnlichkeitsprinzips immer noch stark beeinflusst. Der natürliche Hang des Menschen, scheinbar Zusammengehörendes auch in einen Zusammenhang zu bringen, ist offensichtlich. Eine sehr typische Vorgehensweise für die vorwissenschaftliche Zeit – damals so ziemlich die einzige Möglichkeit, das Selbstverständnis vor dem Gefühl völliger Beliebigkeit zu schützen und einen (scheinbar) rationalen Boden unter den Füßen zu gewinnen. Wobei das schon eine gewisse Emanzipierung vom rein „magischen“ Denken, vom „Ähnlichkeitszauber“ darstellt. Der Weg führt -wenn wir die Antike mal außer acht lassen, dabei wäre ohnehin Plinius d.Ä. (1) eher zu nennen als Hippokrates- von Agrippa von Nettesheims (geb. 1456) offen okkulten Vorstellungen („De occulta philosophia„) über Paracelsus (geb. 1491, der Agrippas Lehren neuen Auftrieb verschaffte) über verschiedene Zwischenstationen bis zu Hahnemann. Natürlich würde Hahnemann sein Simileprinzip nicht als „Signaturlehre“ bezeichnen, aber die Ursprünge sind unverkennbar. Es gab bereits vor Hahnemann sehr ernsthafte „schulmedizinische“ Auseinandersetzungen mit dem Wert von Similia für Arzneimittel (Brown und Cullen, von denen Hahnemann zweifellos geschöpft hat; „De curatione per similia“ von Michael Alberti, rund 60 Jahre vor Hahnemann). Und dass Paracelsus Hahnemann sehr beeinflusst hat, dürfte außer Frage stehen. Oosterhuis hat noch 1937 eine Dissertation „Paracelsus in Hahnemann“ (2) an der Universität Leiden verfasst, die eine Vielzahl von Ursprüngen und Parallelen nachweist.

Kurz: Der Versuch, Hahnemann als originären Schöpfer des in der Homöopathie definierten Similieprinzips zu präsentieren, geht fehl. Vielmehr ist es eher so, dass Hahnemann dieses Prinzip mit der Homöopathie noch einmal zu einer Scheinblüte geführt hat. Man darf nicht vergessen, dass Hahnemann in einer Zeit lebte, als die ersten Anfänge des auf Zweifel beruhenden Wissenschaftsgedankens bereits spürbar waren. Es ist also abwegig, ihn genau im Hinblick auf das Simileprinzip als Neuerer zu betrachten. Die jahrhundertealten Grundgedanken der Isopathie, der Sympathie- und der Signaturenlehre wirken in ihm fort.

Die Fragen nach Lebenskraft, Lebensenergie und Miasmen behandelt Behnke dann mit der Strategie des Kleinredens. Er geht so weit, die im Zusammenhang mit den nachgefragten Aspekten stehenden Theorien als „damals wie heute sekundär“ zu qualifizieren und als Beleg dafür die Uneinigkeit der Homöopathen in diesen Zusammenhängen herauszustellen.

Sekundär? Geht es aber hier denn nicht um grundsätzliche, die Homöopathie mit konstituierende Fragen? Stellt sich damit nicht gleich die Frage, was Behnke überhaupt unter Homöopathie versteht? Ganz offensichtlich doch kein in sich schlüssiges System, denn diese Ausführungen laufen Hahnemanns Postulaten von der „verstimmten geistigen Lebenskraft“, die es mit der „geistigen Kraft“ der potenzierten Mittel zu beeinflussen gelte, völlig zuwider und gehen an die Wurzeln der Lehre. Und das ist keine Kleinigkeit, zumal Behnke die Prämissen von Lebenskraft und Co. einfach als unwichtig darstellt und nicht etwa eine konsistente alternative Erklärung anbietet. Woher soll ein schlüssiger Ansatz für eine therapeutische Methode aber kommen, wenn er nicht seinerseits auf einer schlüssigen Deutung des Krankheitsgeschehens beruht? Es geht nicht einmal so sehr um richtig oder falsch, sondern um die innere Schlüssigkeit, denn Behnke entzieht dem Hahnemannschen Modell durch seine nonchalante Relativierung komplett entscheidenden Boden.

Auch eine Einrede, dies sei eben so etwas wie die „Modernisierung“ der alten Lehre, könnte nicht verfangen. Vielmehr muss geschlossen werden, dass die Homöopathie als System oder Hypothese nicht einmal die Anforderung erfüllen kann, in einem ersten Schritt innere Konsistenz (Schlüssigkeit und Widerspruchsfreiheit ihrer Teile untereinander) aufzuweisen. Wenn es aber schon daran fehlt, kann es auch nicht zu einer äußeren Konsistenz kommen, die Möglichkeit, ein System (eine Hypothese oder Theorie) widerspruchsfrei in den Gesamtkonsens der Wissenschaft einzugliedern. Und das ist dann nicht die Schuld des Gesamtkonsenses der Wissenschaft. Auch daraus folgt, dass die Hoffnung der Homöopathen auf den Tag, an dem ihre Grundlagen wissenschaftlich bewiesen werden, mit Sicherheit vergeblich ist.

Hier sei gleich einiges an Grundsätzlichem vorweggenommen, dass auch später noch zu berücksichtigen sein wird. Denn an dieser Stelle wird sehr deutlich, dass im Grunde bei den Homöopathen eine heillose Uneinigkeit (die fehlende innere Konsistenz) über die Grundlagen ihrer Methode besteht. Die Berufung auf den Altmeister Hahnemann ist allgegenwärtig, die Versuche, an seinem Gedankengebäude an allen Stellen herumzuflicken, aber ebenso. Das hat aber fatale Folgen.

In der „Kritik der reinen Vernunft“ unterscheidet Kant zwischen zwei Methoden menschlicher Erkenntnisbemühungen: Einerseits dem „bloßen Herumtappen“ durch das mehr oder weniger unsystematische Anhäufen empirischer Daten und andererseits einem „sicheren Gang einer Wissenschaft“ unter „systematischer Bearbeitung ihrer Erkenntnisse“. EIn Merkmal der letzteren ist nach Kant, dass sie nicht gleich mit ihren Hypothesen „ins Stocken gerät“. Der eigentliche Zweck echter Wissenschaft sei die Erlangung wissenschaftlicher Erkenntnisse im Sinne der Allgemeingültigkeit von Hypothesen. Eine Erkenntnislage, die sich nur durch ständige Revisionen ihrer Grundlagen erhalten könne, sei laut Kant dazu nicht geeignet. Eine „sichere Wissenschaft“ in Kants Sinne verzeichnet systematische (d.h. nicht sprunghafte, ständig neue und widersprüchliche) Erkenntnisfortschritte. Sie muss sich „ihres Gegenstandes und der Prinzipien ihrer Erkenntnis sicher“ und in der Lage sein, „die verschiedenen Mitarbeiter in der Art, wie die gemeinschaftliche Absicht erfolgt werden soll, einhellig zu machen“. (3)

Genau der Versuch Behnkes, Kritik an immanenten Grundlagen der Hahnemannschen Methode mit dem Hinweis auf geringe Relevanz und unterschiedliche Auslegungenin der eigenen Szene kleinzureden, erweist sich vor diesem Hintergrund als höchst fatal. Denn es bedarf an sich keiner weiteren Ausführungen, um zu verdeutlichen, dass dieses Vorgehen die Homöopathie der Kantschen „Scheinwissenschaft“ des bloßen Herumtappens zuordnet und nicht die einer Wissenschaft des „sicheren Ganges“. Und das nach 200 Jahren ihrer Existenz.

Bei den Ausführungen Behnkes über die Wirksamkeitsnachweise, die Hahnemann erbracht habe, hätten sich schon Platon und Aristoteles befremdet gezeigt. Denn diese beiden hatten bereits erkannt, dass die Sammlung anekdotischer Einzelerfahrungen, so umfangreich sie auch immer sein mag, nichts anderes ist als das Kantische „unsystematische Anhäufen empirischer Daten“, das nicht zu allgemeingültigen Aussagen führen kann. Richtig spricht Behnke später dann auch von der Homöopathie als einer „phänomenologischen“ Methode der vielen einzelnen Erfahrungen. Er ist offensichtlich der Ansicht, dies reiche völlig aus und scheint nicht zu bemerken, dass er im besten Falle bei dem unvollständigen Erkenntnisbegriff  eines Francis Bacon stehengeblieben ist und seinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit der homöopathischen Thesen so niemals einlösen kann. Insofern es ist auch nicht ungewöhnlich, dass Behnke meines Wissens früher auch schon davon gesprochen hat, „es gehe auch ohne Studien“. Mit einem Angebot eines methodischen Nachweises allein aufgrund einer Anhäufung empirischer Daten ist schon lange wissenschaftlich kein Staat mehr zu machen. Vor allem dann nicht, wenn die beobachteten Effekte auch außerhalb der reklamierten Methode gut erklärt werden können, was in einem Artikel von Dr. Natalie Grams auf dem Blog Die Erde ist keine Scheibe ausgezeichnet beschrieben wird.

Wie ließen sich Hahnemanns Vorstellungen mit Viren und Bakterien als Krankheitserregern und der Ätiologie vereinbaren?

Eine mehr als berechtigte Fragestellung, denn Hahnemann leugnete ja, dass außer den Symptomen von der Krankheit des Patienten „etwas zu wissen sei“. Er weigerte sich ja sogar, den Krankheiten Namen zu geben und vertrat entschieden die Ansicht, dass es so etwas wie gleichförmige wiederkehrende Krankheiten nicht gebe, nur die individuelle Erscheinungsform des Symptombildes.

Wie oben schon erwähnt, ist keine sinnvolle Therapie denkbar, der nicht eine Vorstellung von der Krankheit und ihrer Ursache zugrunde liegt. Hahnemann „ersetzte“ dies -nicht ungeschickt- durch die Lehre der allein maßgeblichen Symptomenschau (weshalb seine Methode von zeitgenössischen Kritikern auch als „Symptomendeckerei“ bezeichnet wurde, was sich jeder einmal vor Augen halten möge, der die „Schulmedizin“ der Symptombehandlung bezichtigt und für die Homöopathie das „Ganzheitlichkeitsprädikat“ in Anspruch nimmt). Aber immerhin – bei Hahnemann fußt der therapeutische Ansatz eben auf seinen Vorstellungen von Krankheit und lässt sich eigentlich auch nicht davon trennen. Es ist ein „System“, gleich, ob richtig oder falsch. Auch hier sehen wir wieder eine für die Homöopathie konstituierende Annahme.

Und was tut Behnke? Er bezeichnet -völlig zutreffend- die Homöopathie als eine „phänomenologische Methode“, also eine Methode, die nach einem „Anschein“ vorgeht, und rechtfertigt damit, dass „jede Theorie über Krankheitsursachen in diesem Zusammenhang zweitrangig“ sei. Das macht selbst mich erst einmal einigermaßen sprachlos.

Das ist ganz einfach nichts anderes als die berühmte Antwort „Das interessiert mich nicht, das haben wir schon immer so gemacht“ oder auch „Kommen Sie mir nicht mit Sachargumenten!“. Es kommt also nicht darauf an, Widersprüche aufzuklären, sondern es wird die Definition der Methode zur Grundlage der Wirklichkeit gemacht – nicht umgekehrt. Die Realität ist zweitrangig, weil sie nicht in die Methode passt… Palmström lässt grüßen.

Die nachfolgenden wortreichen Ausführungen, ob nun eine Infektionskrankheit eine homöopatische Indikation sein könne oder nicht, beziehen letztlich keine wirkliche Position. Es bleibt „unentschieden“ zwischen dem Anspruch Hahnemanns, über die richtige Symptomdeutung immer das eine richtige Mittel finden zu können und einem Eingeständnis, dass jedenfalls exogene Krankheitsursachen wie eine Infektion nicht Gegenstand der Homöopathie sein können. Das Zugeständnis, dass eine „direkte pharmakologische Bekämpfung von Krankheitserregern … mit Homöopathika weder beabsichtigt noch möglich“ sei, wirft die Frage nach dem Warum auf. Ist die Methode definitionsgemäß hier lückenhaft? Wieso „nicht beabsichtigt“? Oder gibt die Methode schlicht auf, wenn mit der Methode der Anhäufung „positiver Erfahrungen“ kein Staat mehr zu machen ist?

Das Beispiel der Sepsis, das Behnke anführt, unterstreicht diese Irritation. Denn letztlich laufen seine Ausführungen hierzu bezeichnenderweise auf das Eingeständnis hinaus, dass Homöopathie nur „wirke“ (phänomenologisch…), soweit die Selbstheilungskräfte des Körpers genug Reserven besitzen, um eine Genesung herbeizuführen. Sehr bemerkenswert. Eine zentrale Position der Homöopathie-Skeptiker. Und nein, Herr Behnke, Sie können das nicht dadurch wegdefinieren, indem Sie das auf schwere Krankheitsbilder beschränken – das wäre ein negativer Zirkelschluss, denn genau die sind es ja, die die Selbstheilungskräfte überfordern. Im Grunde wird hier nichts anderes gesagt, als dass nach dem Versagen der Selbstheilungskräfte die evidenzbasierte Medizin einzutreten hat. Danke dafür.

Um aber das Renommee der Homöopathie auch an dieser Stelle noch zu retten, verweist Behnke auf die unterstützende Funktion der Homöopathie bei solchen schweren Erkrankungen und führt als Beleg die Sepsis-Studie von Prof. Frass, Wien, an. Das hätte er vielleicht lieber lassen sollen. Um es hierzu kurz zu machen: Frass beabsichtigte mit seiner Studie zu zeigen, dass bei einer Gruppe von Patienten, die ergänzend zur Antibiose mit Homöopathika behandelt wurden, die Werte für ein Langzeitüberleben besser seien als die einer nur mit Antibiose behandelten Gruppe. Die Studie muss sich jedoch erhebliche Kritik gefallen lassen. Sie ließ beispielsweise die Vergleichbarkeit der Gruppen im Hinblick auf die Ausgangserkrankungen nicht erkennen (Inhomogenität, was in Ansehung der sehr kleinen Patientengruppen ein besonderes Problem darstellt) und sie belegte nicht den Zusammenhang zwischen der Sepsis und dem Versterben bei den Nichtüberlebenden (die Patienten waren durchweg schwer multimorbid). Wer sich davon überzeugen will, was die Zeugenschaft der Studie für Behnkes Ausführungen wirklich wert ist, der kann sich hier und hier im einzelnen informieren.

Ist Homöopathie Naturheilkunde?

„Das kommt auf die Definition an.“ Ja, zweifellos. Und auch richtig, zu den klassischen Begriffsinhalten der Naturheilkunde ist die Homöopathie nicht zu subsumieren. Die darauf folgende Gleichsetzung von Naturheilkunde mit Komplementärmedizin ist dann allerdings wieder ein Griff in die definitorisch-rhetorische Trickkiste. Aber kein guter. Wieso sollte „Naturheilkunde“ mit „Komplementärmedizin“ gleichzusetzen sein? Das eine ist eine Definition, die an die materiellen Grundlagen einer Methode anknüpft, das andere hat bezeichnet gar nichts materiell-inhaltliches, sondern drückt lediglich aus, dass eine Methode nicht den Anspruch erhebt, als „Stand Alone“ angewendet zu werden.

Was uns zu der nach einfacher Logik sich aufdrängenden Frage führt, ob Behnke uns damit sagen will, dass die Homöopathie nur eine komplementäre Methode sein will, da er sie ja über diesen Begriff in die Naturheilkunde einführt?

Besser scheint es, die Homöopathie von der Naturheilkunde negativ abzugrenzen, also zu fragen, wieso sie es nicht ist. Eine hinreichende Erklärung findet sich hier.

Was bedeutet Erstverschlimmerung?

Hier bewegt sich Behnke nun wieder auf dem ursprünglichen Hahnemannschen Terrain. Die von ihm gelieferte Erklärung bedient sich der Hahnemannschen Grundannahme der verstimmten Lebenskraft, die bei ihm nun der „Organismus als Regelkreis in einem Fließgleichgewicht“ ist. Ganz richtig im Hahnemannschen Sinne definiert er Krankheit als „Störung“ dieses Gleichgewichs durch innere oder äußere Einflüsse.

Dies ist ein reines Narrativ innerhalb des homöopathischen Gedankengebäudes, das in der Physiologie keinerlei Stütze findet. Die falsche Prämisse besteht in der Aussage, die Krankheitssymptome seien der Ausdruck der Bemühungen des Körpers, per Selbstregulationsmechanismen das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Wie Prokop (1957)  (4) zutreffend ausführt, sind „die vom Patienten geklagten, also subjektiven Symptome nämlich nur selten Ausfluss einer zweckmäßigen Abwehr des kranken Organismus. Auch die meisten vom Arzt festgestellten Symptome haben nichts mit Zweckmäßigkeit zu tun. Sie sind meist der Ausdruck einer pathologischen Organfunktion, auch wenn solche Symptome durch an sich zweckmäßige Abwehrreaktionen des Körpers überlagert oder verändert werden können.“ Eine ärztliche „Erhöhung“ der Symptome im Sinne der homöopathischen Erstverschlimmerung könne „meist als sinnlos, wenn nicht gar verbrecherisch bezeichnet werden.“ Prokop führt das u.a. das Beispiel einer auch nur sehr geringen Erhöhung des HIrndrucks bei schon bestehender Anomalität an, die der Arzt als sogenanntes „Sektpfropfenphänomen“ fürchtet, also die Überschreitung einer Belastungsschwelle des Körpers mit schneller Todesfolge.  Prokop verweist darauf, dass die pathologisch-anatomische Lehre hierfür hunderte von Beispielen vorzuweisen in der Lage sei.

Behnke deutet nun die Erstverschlimmerung derart, dass ja das nach dem Simileprinzip verabreichte homöopathische Mittel ähnliche Symptome beim Gesunden hervorzubringen in der Lage ist und deshalb der „Reiz“ durch die Gabe dem Auslöser der Krankheit entspreche. Dies würde die „bereits in Gang gebrachten Steuerungsmechanismen“ -die körpereigene Abwehr- „heraufregeln“ – die Erstverschlimmerung sei der augenfällige Ausdruck dieser Intensivierung. Wie wir gesehen haben, eine nach den gültigen Erkenntnissen der Physiologie unhaltbare Konstruktion.

Nun fehlt mir da doch sogar die homöopathieinterne Logik. Wieso soll das Homöopathikum, das beim Gesunden (!) die Krankheitssymptome auslösen soll und beim Kranken heilend wirkt, plötzlich beim Kranken (!) doch wieder krankheitsauslösend statt heilend wirken und dadurch die „Erstverschlimmerung“ verursachen? Für einen bestimmten Zeitraum? Für welchen? Wie ist es zu erklären, dass das Homöopathikum nach dem Zeitraum X merkt, dasss es ja einem Kranken gegeben wurde, den es heilen und nicht krank machen soll? Und wieso soll das „Heraufregeln“ die Erstverschlimmerung bewirken? Das würde ja nur dann gelten, wenn die gesamte Symptomatik kausal eine Erscheinungsform der Körperabwehr wäre – was wir ja gerade widerlegt haben.

Nebenher konstatiert Prokop noch, dass die Vorstellung von einer Erhöhung der Krankheitssymptome durch homöopathische Dosen eklatant gegen die homöopathische Auffassung der Arndt-Schulzschen Regel (Hormesis, hier sehr gut erklärt) verstößt. Dies bedeutet, dass kleine Dosen eines Mittels erregen, mittlere fördern und hohe Dosen die Zelle, Zellkomplexe (Organe) oder den ganzen Organismus schädigen. Dieser Regel wird wissenschaftlich aber keine Allgemeingültigkeit zugesprochen. Sie gilt weder für jedes Mittel noch für jeden Zustand des Organismus. Die Physiologie belegt, dass die Anpassungsbreite, d.h. die Reizempfindlichkeit, bei ohnehin erhöhter spezifischer Ausgangslage (Krankheitszustand) gering ist – woraus folgen müsste, dass bei bestehenden Krankheitszuständen homöopathische Dosen jedenfalls nicht ausreichen können, um eine Steigerung von Symptomen herbeizuführen.

Welche Prüfpotenzen legte Hahnemann bei seinen Verdünnungen der verwendeten Substanzen zugrunde? Was enthält zum Beispiel eine „Bernsteinessenz“?

Wiederum eigentlich ein reines homöopathieinternes Narrativ ohne Erklärungswert. Bezeichnend ist aber, dass in diesem Zusammenhang nicht auf die Dosierungsproblematik in der Homöopathie eingegangen wird. Im echten Interview wäre hier sicher nachzufragen gewesen, ob Hahnemanns „Empfehlung“ zu C 30 als Prüfpotenz systematische Gründe hatte, warum man trotz der behaupteten Allgemeingültigkeit der Arndt-Schulzschen Regel das gleiche Mittel bei anderer Ausgangslage (gesund / krank) gibt und wo überhaupt die Dosierungsregeln zu finden sind. Unter Homöopathen ist ja sogar die Frage ungeklärt, ob unterschiedliche Potenzen des gleichen Mittels nur unterschiedliche Reizschwellen für die gleichen Symptome darstellen oder Spezifika für andere Symptomgruppen. Und hier liegt die Crux: Mittel, bei denen ein Wirkungsverlauf entsprechend der Arndt-Schulzschen Regel festgestellt werden kann, sind dazu auf exakt definierte Dosen angewiesen, bei deren Nichteinhaltung der Effekt nicht mehr auftritt. Die dazugehörigen Auswertungen zeigen also klar definierte, mittelspezifische Dosis-Wirkungs-Kurven, worauf sich die Homöopathen aufgrund ihrer „großzügigen“ Handhabung der Dosierung ihrer Potenzen nicht berufen können.

Bernsteinessenz war in der Tat kein Hahnemannsches Remedium. Unter dieser Bezeichnung auch heute nicht, allerdings wird unter esoterischer Flagge Bernsteinessenz nach dem Rezept des Paracelsus („Dieses ist ein edles Medicament in Haupt, Magen, Gedärmen und andern Sehnen-Beschwerden, ebenfalls auch wider den Stein“) vertrieben. Was nicht heißt, dass Bernstein kein Ausgangsstoff für homöopathische Mittel ist: Sie werden unter der Bezeichnung Succinum vertrieben. Es wäre aber sicher für den Leser interessant gewesen, dass Hahnemann noch mit um die 70 Ursubstanzen auskam, heutzutage aber der Bestand auf mehrere tausend ausgewuchert ist.

Fortsetzung in Kürze.

(1) C. Plinius Secundus d. Ä.: Naturalis historia, Bücher XX – XXXII

(2)  Oosterhuis,R.A.B., Paracelsus en Hahnemann, essentieele geneeskunst en homoeopathie. (Diss.); Leiden, 1937

(3) Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft – 2. Auflage – Kapitel 3 – Vorrede zur zweiten Auflage

(4) Prokop, O. u. Prokop, L.: Homöopathie und Wissenschaft, Stuttgart 1957

Bildnachweis: gemeinfrei

7 Gedanken zu „Interview mit einem Homöopathen (1)

  1. Sehr ausführliche Bewertung. Hoffentlich findet sie auch die Zahl von Lesern, die ihr gebührt. Wenn ich zum zweiten Teil, zu den Themen Studien und Naturwissenschaft etwas beitragen kann, lass‘ es mich wissen.

  2. Dr. Behnke verweist tatsächlich Prof. Frass? Der Frass, der sich aufgrund seiner obskuren Bewerbung eines Elektrosmog-Schutzprodukts und seiner Beweihräucherung der Homoöpathie einen eigenen psiram-Artikel verdient hat? Der sich regelmäßig auf Ulrich Bergers Blog „kritisch gedacht“ eine virtuelle Watschn abholen durfte? Na klar, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

    Ansonsten vielen Dank für die ausführliche Analyse und das Aufdröseln des Interviewgeschwurbels sowie das Lichten der homöopathischen Nebelkerzen.

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