Neue Richtlinien für die Heilpraktikerprüfung: Spiegelfechterei!

Das Bundesministerium für Gesundheit hat im Bundesanzeiger vom 22.12.2017 die neuen „Leitlinien zur Überprüfung von Heilpraktikeranwärterinnen und -anwärtern“ vom 7. Dezember 2017 bekannt gegeben. Die Leitlinien treten am 22. März 2018 in Kraft.

Naja. Damit ist der Auftrag, der im Zusammenhang mit der Miniänderung durch das 3. Pflegestärkungsgesetz ergangen ist, der Form nach erfüllt. Und jetzt? Ist so ziemlich das eingetreten, was an dieser Stelle dazu prognostiziert worden ist. Neue Richtlinien für die Heilpraktikerprüfung: Spiegelfechterei! weiterlesen

Heilpraktiker, Homöopathie & Co. – Politik als Kunst des Notwendigen

Immer dieser Wissenschaftskram!

In meinen aktuellen Beiträgen zur Heilpraktikerdiskussion auf Die Erde ist keine Scheibe habe ich die Notwendigkeit betont, Gesundheitspolitik und Aufklärung auf rationaler, will heißen, wissenschaftlich fundierter Basis zu betreiben und die vielfach offene Geringschätzung von Wissenschaftlichkeit und Rationalität als unvertretbar zurückzuweisen.

In mancher Reaktion musste ich zu meinem Bedauern und auch zu meinem Erschrecken feststellen, dass die darin liegende Botschaft, trotz deutlicher Gegenüberstellung der Positionen, offenbar nicht recht angekommen ist. Nicht die argumentativen Defizite der alternativmedizinischen Seite werden erkannt, ganz im Gegenteil werden „Argumente“ von der kritischen Seite eingefordert, was die Situation einigermaßen auf den Kopf stellt. Dies, obwohl diese kritischen Argumente seit langem -und aktuell nochmals präzisiert und wiederholt– offenliegen und darauf warten, in einem sinnvollen faktenbasierten Diskurs betrachtet zu werden. Allein- dies geschieht nicht. Heilpraktiker, Homöopathie & Co. – Politik als Kunst des Notwendigen weiterlesen

Nachtrag zu: Ich weiß es doch auch nicht…

Der Independent spricht es offen aus: Die derzeitigen Masernausbrüche in Italien und Rumänien – am Rande einer regelrechten Epidemie – sind fraglos zu einem erheblichen Teil den „Aktivitäten“ der „Impfskeptiker“ zu verdanken. Übrigens: Die Durchimpfungsrate in Deutschland ist nicht ausreichend. 

Aber ja, ich vergaß – Wakefield ist ja gar kein Impfgegner, nein, sein unsäglicher Film ja auch keineswegs gegen Impfungen…

Sorry.

Hier geht es zum Online-Artikel.

 

Und das verdienstvolle Portal „Refutations to Anti-Vaccine Memes“ (zum Folgen auf Facebook sehr empfohlen) setzt noch einen drauf zum Independent-Artikel:

„Sick and dead children are your legacy Andrew Wakefield.“

So ist es.

Und in unserem schönen Land hier?

Öffentliche Meinung und Presse schlafen. Tief und fest. In Großbritannien erledigt allein der common sense im Verein mit der Presse die ganze Wakefield-Geschichte! Und hier müssen sich die Einzelnen, die gegen Wakefields miese Tour (haha, Wortspiel) angehen, als gewaltbereite Faschisten und Antidemokraten beschimpfen lassen.

Vielen Dank auch. Wir wissen es zu schätzen. Denn wir wissen, von wem es kommt.

 

 

Ich weiß es doch auch nicht…

 

… wie man mit der VAXXED-Geschichte noch umgehen soll.

Der Verleih, Buschmedia, ist voll in der Offensive, was die Verbreitung von Wakefields Machwerk angeht. Das Ganze wird massiv orchestriert von Jammern und Klagen der unschuldig verfolgten Impfgegner. Garniert zunehmend mit dem Vorwurf, die bösen Impfbefürworter würden zu nackter Gewalt greifen, um die Wahrheit und die Meinungsfreiheit zu unterdrücken.

Man stelle sich das bitte vor: In den angelsächsischen Ländern und einigen mehr ist Wakefields Film weitgehend als das entlarvt, als was er ist: Ein manipulatives Machwerk der allerschlimmsten Sorte, der die Schuld, die Wakefield schon lange wegen der Verunsicherung von Eltern auf sich geladen hat, noch einmal vervielfacht. Eine öffentliche Debatte unter Beteiligung der Presse hat zu dieser öffentlichen Wahrnehmung geführt. Vor kurzem ist es gelungen, diesen Schmutz aus dem Europaparlament herauszuhalten. Und hier, bei uns in Deutschland?

Könnte es kaum besser laufen für Wakefield. Der Verleih zieht die Sache durch. Die „Unterstützung“ der „Presse“ besteht bislang vor allem darin, dass über die angebliche Gewaltbereitschaft und Militanz der Gegner des Films berichtet wurde – unter anderem von einer so seriösen Publikation wie Epochtimes, auf die sich der Facebook-Auftritt von VAXXED ausdrücklich bezieht. Wer solche Verbündeten hat… naja. Selbst auf dem offiziellen Portal Berlin.de wird die übliche Propaganda weiterverbreitet. Es scheint sich auch niemand daran zu stören, dass Leute wie Tolzin sich für den Film stark machen.

Wo ist die kritische Presse? Ach, ich vergaß: Oberste journalistische Tugend ist ja bei uns bekanntlich die Ausgewogenheit. Eine Parteinahme kann man ja wohl nicht mehr erwarten.

Herrscht Unwissenheit? Völlige Gleichgültigkeit? Falsches Verständnis von Toleranz und Meinungsfreiheit? Muss es ein paar Leuten aus der Zivilgesellschaft überlassen bleiben, gegen diesen Wahnsinn zu protestieren? Ich weiß es auch nicht. Wirklich nicht.

Im Netz findet man dann Texte wie diesen:

Bedrohung von Kinos, die impfkritischen Film VAXXED ausstrahlen wollen

Heilpraktikerwesen: Gesetzgebung in homöopathischer Hochpotenz!

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Synonym für die aktuelle Gesetzgebung: Vorhanden, aber wirkungslos.

Nach meinen diversen Zwischenrufen zum Handlungsbedarf in Sachen Heilpraktikerwesen (zuerst hier, dann auch hier und auch noch hier) ist wieder etwas zu vermelden. Und zwar wenig bis gar nichts Erfreuliches.

Wie in einem aktuellen Beitrag in der Deutschen Apotheker-Zeitung online berichtet wird, sieht alles danach aus, als sei -trotz aller öffentlichen Aufregung, trotz vieler Stellungnahmen aus fachlicher Sicht- das Thema einer höchst notwendigen durchgreifenden Reform des Heilpraktikerwesens vom Tisch. Allen Ernstes hat Gesundheitsminister Gröhe die lächerliche Änderung, dass

künf­tig eine Erlaubnis auch dann versagt werden können [soll], wenn die Überprüfung ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für jeden einzelnen Pa­tienten (statt bisher „nur“ für die Volksgesundheit) bedeuten würde“ 

als Wurmfortsatz an das „Dritte Pflegestärkungsgesetz“ angehängt – so beschlossen vom Deutschen Bundestag, ohne dass auch nur das Wort „Heilpraktiker“ irgendwo im Reichstagsgebäude gefallen wäre.

Ich habe mir schon früher erlaubt, dies als belangloses Wortgeklingel abzutun. Diese Regelung ist, zumal in der Form, in der sie jetzt Gesetzeskraft erlangt hat, wirklich nicht mehr als eine in homöopathischer Hochpotenz verabreichte, demgemäß wirkungslose Beruhigungspille.

Nun ja, das Ministerium steht unter dem Dach dieser höchst umwälzenden Änderung jetzt in der Pflicht, bis Ende 2017 „Leitlinien“ für die Heilpraktikerprüfung auszuarbeiten.  Nun könnte man ja sagen, das ist doch schon mal was (zumal hier der Bund endlich einmal seine zentrale Befugnis wahrnimmt und nicht gleich alles an die Länder abschiebt), aber es seien die folgenden -nicht neuen- Fragen gestattet:

  • Wird es wirklich nicht für notwendig gehalten, den Stand des „Heilpraktikers“ auch im Hinblick auf seine historische Entstehung grundsätzlich neu zu definieren und ihm einen angemessenen und vertretbaren Platz im Gesundheitswesen zuzuweisen? Anders gefragt: Werden die offen zutage liegenden und vielfach deutlich benannten Probleme nicht verstanden oder schlicht ignoriert?
  • Was sollen Prüfungsleitlinien ohne festgelegte Berufs-, Qualifikations- und Ausbildungsregeln?
  • Wie soll ohne neue Grundsatzregelungen eine Eindämmung der de-facto-Therapiefreiheit von Heilpraktikern, einem der Hauptprobleme, erreicht werden?
  • Weshalb wird weiterhin suggeriert, es gebe eine „Medizin“ unterhalb der Schwelle der akademischen, der Evidenz verpflichteten Medizin, die sich mit irgendeinem Recht „alternativ“ oder „komplementär“ nennen könnte? Wird immer noch nicht verstanden, dass es mehrere Medizinen ebenso wenig geben kann wie mehrere Physiken, Biologien, Chemien… ?
  • Ist -und das ist die Kernfrage- der Bundesregierung und dem Bundestag der Patientenschutz im Gesundheitsbereich so unwichtig? Gegen die hier zu schließenden Untiefen nehmen sich doch „Schutzmaßnahmen“ anderer Art, die der Gesetzgeber, oft gar die EU-Bürokratie, für notwendig gehalten hat, eher marginal aus! Vielleicht nicht in der Quantität, sicher aber in der Qualität.

 

Für mich folgt daraus: Ich muss mich korrigieren. In aller Form nehme ich hiermit den früher geäußerten Vorwurf zurück, die Gesundheitspolitik sei postfaktisch. Das ist sie nicht. Sie ist kontrafaktisch.

Ich kann nur hoffen, dass die öffentliche und die fachliche Diskussion zum Thema nicht verebbt, sondern durch sie weiter Druck auf die Entscheidungsträger ausgeübt wird, sich dem Handlungsbedarf zu stellen.

 

Vielleicht ist noch die folgende Information interessant.

In der öffentlichen Liste über die Registrierung von Verbänden und deren Vertretern (sog. Lobbyliste) des Deutschen Bundestages findet sich eine eigene Kategorie folgenden Namens:

„Allgemeines Gesundheitswesen, speziell alternative Heilweisen, hier Homöopathie und Heilpraktiker“.

Unter diesem Label finden sich die großen Dachverbände der Homöopathen und Heilpraktiker. Nach den zugänglichen Informationen haben darüber hinaus folgende Organisationen Hausausweise der Fraktionen von SPD, Grünen und Linken, die einen jederzeitigen und ungehinderten Zugang zum Bundestag und seinen Einrichtungen ermöglichen:

Dachverband Deutscher Heilpraktikerverbände e.V. (DDH) und Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland e.V.

Nur so, als reine Information.

Ach ja, welche Hausausweise die CDU/CSU-Fraktion ausgegeben hat, ist nicht bekannt. Noch nicht.

Zu Wahrsagern, Astrologen und sonst vergleichbaren Berufsgruppen konnte ich allerdings in den Lobby- und Hausausweisverzeichnissen keine Einträge finden. Immerhin.

 

 

 

Foto: GWUP