Die Impfaufklärung in Zeiten der Impfpflicht

Das „Informationsnetzwerk Impfen“ hat auf der Seite „eingeimpft.de“ (betrieben von der GWUP und vom Deutschen Konsumentenbund) vor kurzem den INIBlog eingerichtet, der sich gezielt der Aufklärung über Impfmythen widmen will, also der Klarstellung von Fehlinformationen welcher Art und von welcher Seite auch immer. Dem neuen Blog ist Erfolg zu wünschen. Ab sofort ist der Direktlink auf der Blogroll dieser Seite zu finden.

Beinahe zeitgleich dazu fand in Berlin eine Demonstration statt, die – ausgelöst vom politischen Beschluss pro Impfpflicht – als für eine von Zwang freie Impfentscheidung vor allem von Eltern angekündigt war. Es ging durch die Medien, dass diese Veranstaltung letztlich von politischen Aktivisten und Demagogen aus der Verschwörungsszene nahezu gekapert wurde, denen der auch gegen staatliche Autorität (Impfpflicht!) gerichtete Impetus der Impfkritik kompatibel zu ihren politischen und sonstigen Vorstellungen schien.

Diese beiden Ereignisse haben mich zu einer kleinen Reflexion veranlasst, auch, weil das Impfen von Anfang an ein wichtiges Thema auf diesem Blog war und es auch bleiben wird.

Der Diskurs über das Impfen ist ein wissenschaftlich fundierter Diskurs. Dies bleibt er auch, wenn er mit und von wissenschaftlichen Laien geführt wird. Sicher verlagert sich dabei das Gewicht der Argumentation; die Bringschuld der Vertreter der Wissenschaft, die Fakten auch Nichtwissenschaftlern zugänglich und verstehbar zu machen, wird größer. Das ist zwangsläufig. Aber was nicht zulässig ist: Dass man in diesem Diskurs die Ebenen wechselt. Dass man versucht, so zu tun, als sei die wissenschaftliche Ebene nur eine nachrangige, untergeordnete, womöglich unglaubwürdige und im Zweifel unmaßgebliche und statt dessen einen Diskurs über Freiheit, Autonomie und persönliche Unabhängigkeit ausruft. Und damit an durchaus positiv besetzte Werte appelliert, aber mit dem Ziel, über diese eine fatale Botschaft zu transportieren. Kein Zweifel – diese Werte sind nicht ohne Bedeutung in der Impfdiskussion. Aber wir würden endgültig die „postfaktische Revolution“ ausrufen, würden wir nicht für die Gültigkeit und Verbindlichkeit der wissenschaftlichen Fakten eintreten.

Erinnern wir uns: Wissenschaftliche Erkenntnisse sind belegbare Fakten. Wir können belegbare Fakten nicht durch Meinungen ersetzen, auch dann nicht, wenn diese Meinungen als Werteentscheidungen verstanden werden. Wir können sehr wohl gesellschaftlich relevante Entscheidungen treffen, wie mit den Fakten umzugehen ist. Das ist aber etwas anderes als das Relativieren, Leugnen, Verschweigen oder gar Manipulieren  von Fakten durch falsche Information, falschen Kontext und falsche Werturteile. Dass es leichter ist, Zweifel zu säen als Zweifel auszuräumen, ist eine Binsenweisheit. So gerät der offene, faktenbasierte Diskurs ins Hintertreffen bei einem solchen Ebenenwechsel.

Ohne Zweifel hat die politische Entscheidung für eine Impfpflicht den Diskurs genau in die Richtung einer reinen Wertedebatte verschoben. Sie wirkt auf viele Menschen, nicht nur auf Impfskeptiker, wie ein Ersetzen des so lästigen und mühsamen Faktendiskurses durch Autorität, was natürlich auch eine gewisse Entwertung des ersteren bedingt.  Dies wird den Diskurs wohl noch lange intensivieren und auch nicht leichter machen. Unter anderem deshalb gibt es gerade bei entschiedenen Impfbefürworten so manche, die die politische Entscheidung für eine Impfpflicht weder für gut noch für zielführend halten. Das Robert-Koch-Institut gehört dazu, auch viele Vertreter der Gesundheitswissenschaft. Ich verhehle nicht, dass ich – früher ein uneingeschränkter Befürworter der Impfpflicht – auch zu einer solchen kritisch-differenzierten Sicht gefunden habe.  Ein Beleg dafür, wie problematisch der Diskurs geworden ist, zeigt leider auch, dass differenzierte Stimmen entschiedener Impfbefürworter nach der Entscheidung pro Impfpflicht sich kaum artikulieren konnten, ohne – beispielsweise in den sozialen Medien – der Impfgegnerschaft verdächtigt zu werden. Sehr, sehr schade.

Falsche Information (fake news, „alternative Fakten“), falscher Kontext (für durchaus richtige Informationen) und falsche Werturteile (eine irreale Sicht auf Autonomie und Eigenverantwortlichkeit) – das sind die wesentlichen Charakteristiken, mit denen der Diskurs bestritten wird, beginnt er, eine klare Sicht auf die Fakten hinter sich zu lassen. Warum? Ist es nicht gelungen, die Faktenbasis verständlich und glaubhaft zu übermitteln? Sind Angst, Besorgnis, Misstrauen und grundsätzliche Opposition gegen Autoritäten, politisch oder wissenschaftlich, wirklich so groß, dass sie in Teilen der Allgemeinheit die Oberhand gewinnen?

Schwierige Fragen. Sie führen uns zu einer weiteren, letzten in dieser kurzen Betrachtung. Was treibt die Impfskeptiker, die Impfgegner an? Was sind ihre Motive? Sehen sie sich ebenso redlich am Werke wie die Aufklärer pro Impfen, sehen sie sich in der (moralischen) Pflicht, eine Botschaft zu vermitteln? Ist das Impfen überhaupt ihr wirkliches Thema oder nutzen sie es nur als Vehikel für gänzlich andere Botschaften? Wie könnte man dem beikommen? Oder wird die Szene doch beherrscht von einer Koalition der Uneinsichtigen (die zur Einsicht nicht fähig sind) mit Bösgläubigen (die zur Einsicht fähig sind)?

Bitte erwartet hier keine abschließende Antwort auf diese Fragen. Es soll für den Moment genügen, sie zu stellen. Wer trotzdem ein vorläufiges Fazit sucht: Es bleibt, wie so oft, nur die Bemühung um Aufklärung, sei es durch aktive Bereitstellung von Informationen, sei es durch die Entkräftung alternativer Fakten, falscher Kontexte und auch falscher Werturteile. Und wir dürfen dabei nicht vergessen, eine Geschichte zu erzählen: Die Geschichte der erfolgreichsten medizinischen Maßnahme aller Zeiten.


Bildnachweis: Heather Hazzan – SELF Magazine

Impfen? Na Mahlzeit…

Der nicht unbekannte „Ernährungsguru“ Udo Pollmer fühlt sich berufen, auf seinem Portal „EULE“, außerdem auch auf seinem Youtube-Kanal „Brotzeit.TV“ wo sonst durchaus lesens- und hörenswerte, auf jeden Fall unterhaltsame Beiträge zur Ernährungsforschung zu finden sind, Position zum Impfthema zu beziehen.

Pollmers Markenzeichen ist ein leicht sarkastisch eingefärbter Hang zur Kritik – will sagen, er steht – meist völlig zu Recht – den stets neu durchs Dorf getriebenen Ergebnissen der „Ernährungsforschung“ recht generell kritisch gegenüber und hält damit nicht hinterm Berg. Was Wunder – die Ernährungsforschung schleppt gleich einen ganzen Sack von empirisch-methodologisch-statistischen Problemen mit sich herum, was Pollmer immer wieder auch gut erklärt.

Leider hält er diese Sicht- und Vorgehensweise nun auch für angemessen, um über das Impfthema zu referieren. Jedoch ist er damit auf dem Holzweg. Was Pollmer hier zum Impfthema präsentiert, ist – ich sage es mal gleich deutlich – meines Erachtens nicht nur unverantwortliches Cherrypicking, sondern zeigt insgesamt eine bestürzende Schieflage.

Hauptvorwurf, ja, ist ein haarsträubendes Cherrypicking. Pollmer führt eine Reihe von durchaus realen Anekdoten, aber auch unsinnigen Alarmmeldungen an, deren Gemeinsamkeit darin liegt, dass sie mit dem Kontext der Impfwirklichkeit, mit den Empfehlungen der STIKO hier in Deutschland, nichts, aber auch nicht das Geringste zu tun haben – ebensowenig mit der Gesamtevidenz für das Impfen. Diesen Teppich von Anekdoten und Interpretationen auszulegen und dabei mit dem Anspruch aufzutreten, das Publikum zum Impfthema informieren zu wollen, ist entweder Überzeugungstat oder ein Ausdruck von Unwissenheit oder Naivität hohen Ausmaßes.

Man fühlt sich peinlich erinnert an die vielkritisierte Fehlleistung des unsäglichen „Eingeimpft“-Film aus dem Jahre 2018, die falsche Botschaft kommt sogar durch die gedrängte Vortragsform bei Pollmer noch weit alarmistischer (oder sagen wir: weniger subtil) herüber als die Botschaft des Films.

Eine „Impfdebatte“ dürfte es, wie schon vielfach dargelegt wurde, eigentlich (so) gar nicht geben. Erst recht nicht dürfte es einen Vortrag wie den von Herrn Pollmer geben, der ohne vernünftigen Sachbezug zum Gesamtkomplex Impfen Anekdoten erzählt mit der offensichtlichen Zielsetzung, Zweifel zu säen. Wenn er dies als verdienstvoll ansieht, könnte man ihn in der Tat nur mit Unwissenheit entschuldigen.

Aber kann man das wirklich? Pollmer versteht sich als wissenschaftlich denkender Mensch und tritt in seinem Fachgebiet auch mit diesem Anspruch auf (wobei, wie erwähnt, die Ernährungsforschung ein sehr spezielles Thema ist, das durchaus eine spezielle Sichtweise rechtfertigt). Seine Attitüde in seinem Fachgebiet ist ein genereller, aber nur bedingt konstruktiver Zweifel, mit einem deutlich destruktiven Einschlag. Zugegeben – seine Ernährungsbeiträge verfehlen gerade dadurch nicht ihre Wirkung.

Bild könnte enthalten: 1 Person, lächelnd, TextAber das hat Karl Popper nicht gemeint mit dem Prinzip des ständigen Hinterfragens. Und genau diese eher destruktive statt im wissenschaftlichen Sinne zweifelnd-objektive Grundhaltung wendet Pollmer nun auf das Impfthema an, einen Bereich, der – das ist das einzige, was man ihm zugutehalten kann – offenbar außerhalb seiner Kompetenz liegt. Hauptindiz dafür ist sein unreflektiertes Zusammentragen aller möglichen Geschichten, die – wir erwähnten es – mit der Impfwirklichkeit in Deutschland und der überwältigenden Gesamtevidenz pro Impfen nichts zu tun haben. Pollmer macht den „Fehler“ aller Impf“skeptiker“: Er stellt anekdotische Details, die es in jedem Forschungsgebiet gibt – auch in Medizin und Impfforschung, selbstverständlich –, so dar, als seien sie ein Schwergewicht, ja gleichwertig gegenüber der überwältigenden Evidenz des Impfens, der weltweit unbezweifelbar erfolgreichsten medizinischen Maßnahme, die buchstäblich Millionen von Menschenleben gerettet hat und zu der auch mehr empirische Daten vorliegen als zu irgendetwas sonst in der Medizin. Das ist, um es ganz nüchtern auszudrücken, unwissenschaftlich. Der Gedanke des wissenschaftlichen Fortschritts wird einem wilden Tontaubenschießen auf Details geopfert. Bei denen er zudem teils gewaltig danebenliegt mit seinen „Informationen“ und Deutungen.

Man mag über all das, über all die wilden Geschichten Pollmers sogar noch einen Diskurs führen können – ungern, da unnötig, aber es wäre möglich wie zu allen Sachfragen. Aber was mich veranlasst, nicht näher auf seine Anekdoten einzugehen, das ist der Schluss des Videos. Ganz unmissverständlich, in einem raunenden Verschwörungston, stellt Pollmer abschließend in den Raum, wem denn all die Impferei denn wohl nützen solle – der Gesundheit des Publikums ja wohl nicht. Das ist nichts weniger als der erklärte Übergang zur Verschwörungstheorie. Und eine Missdeutung, ja ein  Versagen des  aufklärerischen Anspruchs, der sich auf die drei Säulen von Vernunft, Wissenschaft und Humanität stützt. Schade.

PS

Ich nehme zur Kenntnis, dass die Kommentarfunktion bei Youtube zu diesem Video deaktiviert ist. Und den Beitrag auch noch mit „Viel Feind, viel Ehr‘ “ zu betiteln, das ist schon nicht mehr satisfaktionsfähig.

„Eingeimpft“: Kein Impfgegner-, eher ein Katastrophenfilm.

Das Impfthema hatte seit jeher auf diesem Blog breiten Raum, ich erinnere an die Beiträge zu Wakefields „Vaxxed“ im ersten Halbjahr 2017. Dass noch einmal eine umfangreiche Befassung mit einem Kinofilm zum Impfthema anstehen würde, hätte ich nicht gedacht – die Arbeit mit dem anthroposophischen Vaxxed-Abklatsch „A Man Made Epidemic“ hatte mir Jan Oude-Aost auf dem Blog „diaphanoskopie“ freundlicherweise abgenommen.

Aber: Aktuelles ist zu betrachten. Zu David Sievekings Buch und Film „eingeimpft – Familie mit Nebenwirkungen“ ist schon sehr viel gesagt worden. Die Presse sieht beides ziemlich einhellig als das an, was man in meiner Heimat als „Schuss in den Ofen“ bezeichnet. Sieveking und seine Berater haben sich offensichtlich gewaltig überhoben mit der Idee, ein gesundheitlich relevantes Thema wie das Impfen als Aufhänger für die bei ihm übliche autobiografische Story zu verwenden. „„Eingeimpft“: Kein Impfgegner-, eher ein Katastrophenfilm.“ weiterlesen

Nichtimpfen als okkulte Ideologie – die Schleimspur der „eigenverantwortlichen Impfentscheidung“

I

Auf diesem Blog ist schon reichlich viel zum Thema „Impfen“ erschienen, Grundsätzliches ebenso wie aus aktuellen Anlässen heraus. Ich bilde mir nicht ein, hiermit die Impfgegner-Szene irgendwie beeinflusst, aber vielleicht ein Fünkchen Licht in die Debatte gebracht zu haben

Im Abstand von über einem Jahr zu Andrew Wakefields faktischem Scheitern in Deutschland und Europa mit seinem Machwerk „Vaxxed“ meine ich nun allerdings eine Front der Impfgegnerschaft aktiv werden zu sehen, die aus einer anderen „ideologischen Ecke“ kommt: Aus der der Anthroposophie. „Nichtimpfen als okkulte Ideologie – die Schleimspur der „eigenverantwortlichen Impfentscheidung““ weiterlesen

Schatten und Licht…

… sind heute wieder zu vermelden, und ja, leider mal wieder aus der Impfgegnerszene.

Ich fange mal gleich mit zwei Dingen an, die gemessen an dem, was mir das Internet so Tag für Tag zum Thema Impfgegnerschaft hereinspült, zwar marginal erscheinen mögen, aber in der Tendenz und auch als besondere Einzelfälle für sich sprechen.

 

Die Rhein Main Presse berichtet unter dem 08.06.2017:
„Impfgegnerin doziert im Mainzer Rathaus – Unwissenschaftlicher Vortrag schürt Angst“

Was dort zu lesen ist, zieht einem schon die Schuhe aus.

„Hier trauen sich nicht viele dran“, eröffnet Karin Dorner ihren Vortrag, der sich zu einer Mobilisierung gegen das Impfen inklusive Verschwörungstheorien ausweiten wird. Wer sich aber „herantraut“ ist die Stadt: Dorner steht im Haifa-Saal des Mainzer Rathauses und erklärt zwei Stunden lang, warum Impfen eine tödliche Gefahr sei, Schuld an AIDS, Multipler Sklerose und Kriminalität. „Schatten und Licht…“ weiterlesen

Mehr als traurig.

Die meisten werden es schon erfahren haben: Den ersten Masern-Todesfall in diesem Jahr beklagen wir ausgerechnet in meiner Heimatstadt Essen. Eine Mutter von drei Kindern, 38 Jahre alt, ist an dieser teuflischen Krankheit im Essener Universitätsklinikum verstorben. Sie verfügte offenbar aufgrund nur einer ersten Masernimpfung im Kindesalter nicht über ausreichenden Schutz. In Essen sind inzwischen über 30 Masernfälle gemeldet, eine Verdreifachung in den letzten zwei Wochen. Das Gesundheitsamt geht von einer hohen Dunkelziffer aus. „Mehr als traurig.“ weiterlesen

Och nee… Doch!

Bei Amazon kann man jetzt den nicht völlig unbekannten Film VAXXED auf DVD vorbestellen, sofern man 13,99 Euro dafür ausgeben möchte. Dies bietet immerhin den Vorteil, dort Rezensionen hinterlassen zu können. Derzeit steht es 21 zu 20 gegen die Impfgegner. Knapp, man ist mal wieder sehr aktiv und nutzt jede Gelegenheit für Agitation und Propaganda.

Können wir auch. Man kann dort die Kommentare auch hoch- und auch runterliken oder auch mal einen Kommentar zum Kommentar hinterlassen. Wollte ich nur mal erwähnt haben.

Mein Kommentar jedenfalls ist der Folgende dort:

„Die Großmutter aller Lügenfilme

Übrigens…

… geht es auch in Irland antidemokratisch und meinungsfreiheitsfeindlich zu, denn man bereitet sich auf die Wakefield-Invasion vor.

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… haben wir es in Essen seit gestern abend hinter uns, die Studentenschaft der Uni Essen-Duisburg veröffentlicht in ihrem Publikationsorgan ak[due]ll einen Gastbeitrag über den gestrigen Abend. Vielen Dank dafür!

Man beachte daraus:

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