Impfen? Na Mahlzeit…

Der nicht unbekannte „Ernährungsguru“ Udo Pollmer fühlt sich berufen, auf seinem Portal „EULE“, außerdem auch auf seinem Youtube-Kanal „Brotzeit.TV“ wo sonst durchaus lesens- und hörenswerte, auf jeden Fall unterhaltsame Beiträge zur Ernährungsforschung zu finden sind, Position zum Impfthema zu beziehen.

Pollmers Markenzeichen ist ein leicht sarkastisch eingefärbter Hang zur Kritik – will sagen, er steht – meist völlig zu Recht – den stets neu durchs Dorf getriebenen Ergebnissen der „Ernährungsforschung“ recht generell kritisch gegenüber und hält damit nicht hinterm Berg. Was Wunder – die Ernährungsforschung schleppt gleich einen ganzen Sack von empirisch-methodologisch-statistischen Problemen mit sich herum, was Pollmer immer wieder auch gut erklärt.

Leider hält er diese Sicht- und Vorgehensweise nun auch für angemessen, um über das Impfthema zu referieren. Jedoch ist er damit auf dem Holzweg. Was Pollmer hier zum Impfthema präsentiert, ist – ich sage es mal gleich deutlich – meines Erachtens nicht nur unverantwortliches Cherrypicking, sondern zeigt insgesamt eine bestürzende Schieflage.

Hauptvorwurf, ja, ist ein haarsträubendes Cherrypicking. Pollmer führt eine Reihe von durchaus realen Anekdoten, aber auch unsinnigen Alarmmeldungen an, deren Gemeinsamkeit darin liegt, dass sie mit dem Kontext der Impfwirklichkeit, mit den Empfehlungen der STIKO hier in Deutschland, nichts, aber auch nicht das Geringste zu tun haben – ebensowenig mit der Gesamtevidenz für das Impfen. Diesen Teppich von Anekdoten und Interpretationen auszulegen und dabei mit dem Anspruch aufzutreten, das Publikum zum Impfthema informieren zu wollen, ist entweder Überzeugungstat oder ein Ausdruck von Unwissenheit oder Naivität hohen Ausmaßes.

Man fühlt sich peinlich erinnert an die vielkritisierte Fehlleistung des unsäglichen „Eingeimpft“-Film aus dem Jahre 2018, die falsche Botschaft kommt sogar durch die gedrängte Vortragsform bei Pollmer noch weit alarmistischer (oder sagen wir: weniger subtil) herüber als die Botschaft des Films.

Eine „Impfdebatte“ dürfte es, wie schon vielfach dargelegt wurde, eigentlich (so) gar nicht geben. Erst recht nicht dürfte es einen Vortrag wie den von Herrn Pollmer geben, der ohne vernünftigen Sachbezug zum Gesamtkomplex Impfen Anekdoten erzählt mit der offensichtlichen Zielsetzung, Zweifel zu säen. Wenn er dies als verdienstvoll ansieht, könnte man ihn in der Tat nur mit Unwissenheit entschuldigen.

Aber kann man das wirklich? Pollmer versteht sich als wissenschaftlich denkender Mensch und tritt in seinem Fachgebiet auch mit diesem Anspruch auf (wobei, wie erwähnt, die Ernährungsforschung ein sehr spezielles Thema ist, das durchaus eine spezielle Sichtweise rechtfertigt). Seine Attitüde in seinem Fachgebiet ist ein genereller, aber nur bedingt konstruktiver Zweifel, mit einem deutlich destruktiven Einschlag. Zugegeben – seine Ernährungsbeiträge verfehlen gerade dadurch nicht ihre Wirkung.

Bild könnte enthalten: 1 Person, lächelnd, TextAber das hat Karl Popper nicht gemeint mit dem Prinzip des ständigen Hinterfragens. Und genau diese eher destruktive statt im wissenschaftlichen Sinne zweifelnd-objektive Grundhaltung wendet Pollmer nun auf das Impfthema an, einen Bereich, der – das ist das einzige, was man ihm zugutehalten kann – offenbar außerhalb seiner Kompetenz liegt. Hauptindiz dafür ist sein unreflektiertes Zusammentragen aller möglichen Geschichten, die – wir erwähnten es – mit der Impfwirklichkeit in Deutschland und der überwältigenden Gesamtevidenz pro Impfen nichts zu tun haben. Pollmer macht den „Fehler“ aller Impf“skeptiker“: Er stellt anekdotische Details, die es in jedem Forschungsgebiet gibt – auch in Medizin und Impfforschung, selbstverständlich –, so dar, als seien sie ein Schwergewicht, ja gleichwertig gegenüber der überwältigenden Evidenz des Impfens, der weltweit unbezweifelbar erfolgreichsten medizinischen Maßnahme, die buchstäblich Millionen von Menschenleben gerettet hat und zu der auch mehr empirische Daten vorliegen als zu irgendetwas sonst in der Medizin. Das ist, um es ganz nüchtern auszudrücken, unwissenschaftlich. Der Gedanke des wissenschaftlichen Fortschritts wird einem wilden Tontaubenschießen auf Details geopfert. Bei denen er zudem teils gewaltig danebenliegt mit seinen „Informationen“ und Deutungen.

Man mag über all das, über all die wilden Geschichten Pollmers sogar noch einen Diskurs führen können – ungern, da unnötig, aber es wäre möglich wie zu allen Sachfragen. Aber was mich veranlasst, nicht näher auf seine Anekdoten einzugehen, das ist der Schluss des Videos. Ganz unmissverständlich, in einem raunenden Verschwörungston, stellt Pollmer abschließend in den Raum, wem denn all die Impferei denn wohl nützen solle – der Gesundheit des Publikums ja wohl nicht. Das ist nichts weniger als der erklärte Übergang zur Verschwörungstheorie. Und eine Missdeutung, ja ein  Versagen des  aufklärerischen Anspruchs, der sich auf die drei Säulen von Vernunft, Wissenschaft und Humanität stützt. Schade.

PS

Ich nehme zur Kenntnis, dass die Kommentarfunktion bei Youtube zu diesem Video deaktiviert ist. Und den Beitrag auch noch mit „Viel Feind, viel Ehr‘ “ zu betiteln, das ist schon nicht mehr satisfaktionsfähig.