Eigentor der Woche

Auf Twitter bekamen die Homöopathiekritiker in der vergangenen Woche dieses vernichtende Statement entgegengeschleudert:

„Liebe Skeptiker und schon wieder eine signifikant positive Studie zur Homöopathie bei Pubmed. Wenn ihr für die Homöopathie Kritik nicht bezahlt werdet, würde ich mir jetzt ein anderes Betätigungsfeld suchen, z.B. Impfkritik.“

Die Vielzahl von interessanten Implikationen und Schlussfolgerungen, die dieser eindrucksvolle Text enthält, wollen wir an dieser Stelle gar nicht weiter würdigen. Denn unser twitternder Freund aus der Zunft der Heilpraktiker verkennt unsere kritische Motivation: Wir warten doch darauf, dass endlich mal jemand mit etwas Handfestem zur Homöopathie um die Ecke käme (dann wäre es auch nicht mehr so langweilig). Sicher ist es für unseren Freund unvorstellbar, aber es ist so: Gäbe es endlich wirklich signifikante Nachweise für eine spezifische Wirksamkeit der Homöopathie, würden wir ohne Umschweife unsere Sachen packen und uns nach einer sinnvolleren Tätigkeit umschauen. (Impfkritik wäre das nicht, allenfalls Impfgegnerkritik.) Skepsis ist weder unverrückbare Überzeugung noch Allwissenheit, das verorten wir eher woanders.

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Neue Richtlinien für die Heilpraktikerprüfung: Spiegelfechterei!

Das Bundesministerium für Gesundheit hat im Bundesanzeiger vom 22.12.2017 die neuen „Leitlinien zur Überprüfung von Heilpraktikeranwärterinnen und -anwärtern“ vom 7. Dezember 2017 bekannt gegeben. Die Leitlinien treten am 22. März 2018 in Kraft.

Naja. Damit ist der Auftrag, der im Zusammenhang mit der Miniänderung durch das 3. Pflegestärkungsgesetz ergangen ist, der Form nach erfüllt. Und jetzt? Ist so ziemlich das eingetreten, was an dieser Stelle dazu prognostiziert worden ist. „Neue Richtlinien für die Heilpraktikerprüfung: Spiegelfechterei!“ weiterlesen

Heilpraktiker, Homöopathie & Co. – Politik als Kunst des Notwendigen

Immer dieser Wissenschaftskram!

In meinen aktuellen Beiträgen zur Heilpraktikerdiskussion auf Die Erde ist keine Scheibe habe ich die Notwendigkeit betont, Gesundheitspolitik und Aufklärung auf rationaler, will heißen, wissenschaftlich fundierter Basis zu betreiben und die vielfach offene Geringschätzung von Wissenschaftlichkeit und Rationalität als unvertretbar zurückzuweisen.

In mancher Reaktion musste ich zu meinem Bedauern und auch zu meinem Erschrecken feststellen, dass die darin liegende Botschaft, trotz deutlicher Gegenüberstellung der Positionen, offenbar nicht recht angekommen ist. Nicht die argumentativen Defizite der alternativmedizinischen Seite werden erkannt, ganz im Gegenteil werden „Argumente“ von der kritischen Seite eingefordert, was die Situation einigermaßen auf den Kopf stellt. Dies, obwohl diese kritischen Argumente seit langem -und aktuell nochmals präzisiert und wiederholt– offenliegen und darauf warten, in einem sinnvollen faktenbasierten Diskurs betrachtet zu werden. Allein- dies geschieht nicht. „Heilpraktiker, Homöopathie & Co. – Politik als Kunst des Notwendigen“ weiterlesen

Heilpraktikerwesen: Gesetzgebung in homöopathischer Hochpotenz!

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Synonym für die aktuelle Gesetzgebung: Vorhanden, aber wirkungslos.

Nach meinen diversen Zwischenrufen zum Handlungsbedarf in Sachen Heilpraktikerwesen (zuerst hier, dann auch hier und auch noch hier) ist wieder etwas zu vermelden. Und zwar wenig bis gar nichts Erfreuliches.

Wie in einem aktuellen Beitrag in der Deutschen Apotheker-Zeitung online berichtet wird, sieht alles danach aus, als sei -trotz aller öffentlichen Aufregung, trotz vieler Stellungnahmen aus fachlicher Sicht- das Thema einer höchst notwendigen durchgreifenden Reform des Heilpraktikerwesens vom Tisch. Allen Ernstes hat Gesundheitsminister Gröhe die lächerliche Änderung, dass

künf­tig eine Erlaubnis auch dann versagt werden können [soll], wenn die Überprüfung ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für jeden einzelnen Pa­tienten (statt bisher „nur“ für die Volksgesundheit) bedeuten würde“ 

als Wurmfortsatz an das „Dritte Pflegestärkungsgesetz“ angehängt – so beschlossen vom Deutschen Bundestag, ohne dass auch nur das Wort „Heilpraktiker“ irgendwo im Reichstagsgebäude gefallen wäre.

Ich habe mir schon früher erlaubt, dies als belangloses Wortgeklingel abzutun. Diese Regelung ist, zumal in der Form, in der sie jetzt Gesetzeskraft erlangt hat, wirklich nicht mehr als eine in homöopathischer Hochpotenz verabreichte, demgemäß wirkungslose Beruhigungspille.

Nun ja, das Ministerium steht unter dem Dach dieser höchst umwälzenden Änderung jetzt in der Pflicht, bis Ende 2017 „Leitlinien“ für die Heilpraktikerprüfung auszuarbeiten.  Nun könnte man ja sagen, das ist doch schon mal was (zumal hier der Bund endlich einmal seine zentrale Befugnis wahrnimmt und nicht gleich alles an die Länder abschiebt), aber es seien die folgenden -nicht neuen- Fragen gestattet:

  • Wird es wirklich nicht für notwendig gehalten, den Stand des „Heilpraktikers“ auch im Hinblick auf seine historische Entstehung grundsätzlich neu zu definieren und ihm einen angemessenen und vertretbaren Platz im Gesundheitswesen zuzuweisen? Anders gefragt: Werden die offen zutage liegenden und vielfach deutlich benannten Probleme nicht verstanden oder schlicht ignoriert?
  • Was sollen Prüfungsleitlinien ohne festgelegte Berufs-, Qualifikations- und Ausbildungsregeln?
  • Wie soll ohne neue Grundsatzregelungen eine Eindämmung der de-facto-Therapiefreiheit von Heilpraktikern, einem der Hauptprobleme, erreicht werden?
  • Weshalb wird weiterhin suggeriert, es gebe eine „Medizin“ unterhalb der Schwelle der akademischen, der Evidenz verpflichteten Medizin, die sich mit irgendeinem Recht „alternativ“ oder „komplementär“ nennen könnte? Wird immer noch nicht verstanden, dass es mehrere Medizinen ebenso wenig geben kann wie mehrere Physiken, Biologien, Chemien… ?
  • Ist -und das ist die Kernfrage- der Bundesregierung und dem Bundestag der Patientenschutz im Gesundheitsbereich so unwichtig? Gegen die hier zu schließenden Untiefen nehmen sich doch „Schutzmaßnahmen“ anderer Art, die der Gesetzgeber, oft gar die EU-Bürokratie, für notwendig gehalten hat, eher marginal aus! Vielleicht nicht in der Quantität, sicher aber in der Qualität.

 

Für mich folgt daraus: Ich muss mich korrigieren. In aller Form nehme ich hiermit den früher geäußerten Vorwurf zurück, die Gesundheitspolitik sei postfaktisch. Das ist sie nicht. Sie ist kontrafaktisch.

Ich kann nur hoffen, dass die öffentliche und die fachliche Diskussion zum Thema nicht verebbt, sondern durch sie weiter Druck auf die Entscheidungsträger ausgeübt wird, sich dem Handlungsbedarf zu stellen.

 

Vielleicht ist noch die folgende Information interessant.

In der öffentlichen Liste über die Registrierung von Verbänden und deren Vertretern (sog. Lobbyliste) des Deutschen Bundestages findet sich eine eigene Kategorie folgenden Namens:

„Allgemeines Gesundheitswesen, speziell alternative Heilweisen, hier Homöopathie und Heilpraktiker“.

Unter diesem Label finden sich die großen Dachverbände der Homöopathen und Heilpraktiker. Nach den zugänglichen Informationen haben darüber hinaus folgende Organisationen Hausausweise der Fraktionen von SPD, Grünen und Linken, die einen jederzeitigen und ungehinderten Zugang zum Bundestag und seinen Einrichtungen ermöglichen:

Dachverband Deutscher Heilpraktikerverbände e.V. (DDH) und Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland e.V.

Nur so, als reine Information.

Ach ja, welche Hausausweise die CDU/CSU-Fraktion ausgegeben hat, ist nicht bekannt. Noch nicht.

Zu Wahrsagern, Astrologen und sonst vergleichbaren Berufsgruppen konnte ich allerdings in den Lobby- und Hausausweisverzeichnissen keine Einträge finden. Immerhin.

 

 

 

Foto: GWUP

Geht’s noch? Die Katastrophen der Woche. Zum Anklicken.

Erstmals heute auf diesem Blog: Aktuelle Links zum Lesen und Staunen.

DCF 1.0
Echt jetzt?

http://news.doccheck.com/de/149600/zahnungspraeparate-giftige-globuli/?tag_id=245&context=post_tag

Wie unangenehm… passiert mal eine Panne bei der Herstellung und es ist relevanter Wirkstoff in den Globuli, wirken sie tatsächlich… Wie war das mit dem Umkehrschluss? 

„Sorry, aber wir können leider für die völlige Wirkungslosigkeit unserer Präparate nicht in jedem Fall garantieren. Ihre homöopathische Pharmazeutik.“

 

DCF 1.0

 

https://www.pressetext.com/news/20161019007

Aus unserem Nachbarland, das ja immer die Tendenz hat, uns Piefkes noch zu überholen. „Parlamentarische Bürgerinitiative“ für die Zementierung der Homöopathie im Gesundheitswesen! Demokratie ist natürlich auch, Unsinn fordern zu dürfen. Ebenfalls Demokratie ist, den Unsinn öffentlich Unsinn nennen zu dürfen. Die Truppe wird angeführt vom bekannten Homöopathie-Propagandisten Prof. Frass. Angeführt…

 

DCF 1.0

 

http://www.augsburger-allgemeine.de/aichach/Neue-Praxis-fuer-Homoeopathie-id39433517.html

Nur eine kleine Meldung aus einem regionalen Blatt. Die Homöopathin zieht um! Und alle Honoratioren sind da! Da freuen wir uns aber über die kostenlose Werbung im Lokalblatt. Wieder ein Globuli mehr auf den Zuckerhut der Begeisterung. Damit er weiter wächst.

DCF 1.0

 

http://www.regiotrends.de/de/vorschau-anmeldungen/index.news.322924.fortbildungsveranstaltung-prophylaktische-behandlungsmoeglichkeiten-von-milchkuehen-durch-homoeopathie—anmeldungen-bis-27.-oktober-2016.html

Tierhomöopathie ist Unsinn und zudem Tierquälerei (http://www.netzwerk-homoeopathie.eu/kurz-erklaert/135-argument-tierhomoeopathie-funktioniert). Homöopathische Prophylaxe ist gesteigerter Unsinn. Wie erst kürzlich in diesem Blog dargelegt wurde (Homöopathie und Impfen). Beides zusammen ist hochpotenzierter Unsinn. Vulgo Schwachsinn. Naja, Aus- und Fortbildung kann ja nie schaden. Aber man sollte erst einmal bei den Ausbildern anfangen. 

 

DCF 1.0

 

http://m.morgenpost.de/incoming/article208430093/Mit-der-Kraft-der-heilenden-Haende.html

Der erste Satz reicht schon völlig. „Osteopathie ist eine ganzheitliche Medizin.“ Wir brauchen gar nicht näher in die Osteopathie einsteigen, mit „ganzheitlich“ ist sie ausreichend abqualifiziert. (Trotzdem werde ich mich dieser Methode wohl auch noch annehmen müssen.)
Prof. Edzard Ernst meint zum Ganzheitlichkeitsargument unter anderem:

„Die Suggestion der Vorstellung, dass alternative Medizin sich des „ganzen Menschen“ annimmt, ist ein höchst attraktiver und leistungsfähiger Trick. Es spielt dabei gar keine Rolle, dass nichts von „Ganzheitlichkeit“ weiter entfernt sein könnte, als eine isolierte Methode wie zum Beispiel die Diagnose aller möglichen Dinge aus der Betrachtung der Iris  oder die Fokussierung auf die Wirbelsäule (Chiropraktik, Osteopathie) oder Massieren der Fußsohlen (Fußreflexzonenmassage). … 

Und es ist offenbar ebenso egal, dass andererseits jede Art von guter konventioneller Medizin per Definition ganzheitlich ist. Was (bei der Pseudomedizin) zählt, ist das Etikett, und „ganzheitlich“ ist in der Tat ein höchst attraktives und wünschenswertes. Nichts verkauft Quacksalberei besser als das Etikett der ‚Ganzheitlichkeit‘.

Mein Rat: Bietet Ihnen Ihr Therapeut seine Methode als „ganzheitlich“ an – nehmen Sie es nicht so wörtlich.“
(http://edzardernst.com/2016/07/the-tricks-of-the-quackery-trade-part-2/)

 

Der Interviewte in dem Morgenpost-Artikel schreit nach einer Adelung der Methode durch universitäre Anerkennung. Also dann: Glückwunsch, Dr. schwurb. ost., gaudeamus igitur!

 

DCF 1.0

 

https://www.meine-krankenkasse.de/naturheilkunde/?pk_campaign=facebook_Q4_2016&pk_kwd=baum_naturheilkunde_ads_03

Demnächst wird es Krankenkassen geben, die im Dunklen leuchten. Und der Patient des Jahres kriegt einen nächtlichen Besenritt auf den Brocken spendiert.

„Werden Sie Naturheilkunde.“  Was für ein Satz. Schnell ein Nux vomica einwerfen gegen „Überempfindlichkeit gegen sinnliche Eindrücke“.

 

DCF 1.0

 

Nee, reicht für heute. Nur ein kleiner Griff in die große Überraschungskiste des Internets.

Bis bald!

 

Bildnachweis: Eigene Bilder

 

 

Nachtrag zu: Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass (27.9.2016)

(K)Ein bisschen reformieren…

Das Portal DocCheck berichtet heute unter seinen News wie folgt:

[…] Die Bundesregierung ‚bedauert die Todesfälle‘, hält es aber für geboten, eine ’sachliche Diskussion zu führen‘, heißt es im Antwortschreiben. Dazu gehöre auch, dass ‚es in Deutschland viele Menschen gibt, die über eine Behandlung beim Heilpraktiker Gutes berichten und sich für diesen Beruf einsetzen.‘ Grundsätzlich beinhalte die Erteilung der Heilpraktikererlaubnis auch, dass sich Heilpraktiker der ‚Grenzen ihres Wissens und Könnens‘ bewusst seien. Weitere Überprüfungen sowie die Überwachung seien Aufgabe der Länder. Ganz so leicht wird Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) aber nicht davonkommen.

Ein bisschen reformieren

Bereits im Juni hatte die Gesundheitsministerkonferenz der Länder den schwarzen Peter zurück nach Berlin gespielt. Vertreter waren sich darin einig, dass die Bundesregierung selbst bestehende Regelungen überarbeiten müsste. Jetzt heißt es dazu: ‚Die Bundesregierung hält den Vorschlag der Gesundheitsministerkonferenz für grundsätzlich geeignet, um den  Patientenschutz im Bereich der Zulassung von Heilpraktikeranwärterinnen und -anwärtern zu verbessern, und prüft derzeit die Möglichkeit einer Umsetzung.‘ Man habe ‚Verständnis für Stimmen, die eine grundlegende Reform des Heilpraktikerrechts einschließlich seiner Anpassung an die Qualitätsstandards anderer heilberuflicher Regelungen fordern‘. Mit Verweis auf ‚laufende Prüfungen‘ werden im Papier jedoch keine weiteren Details genannt.

Gesundheitspolitiker nahezu aller Couleur halten höhere Hürden beim Zugang, aber auch Vereinheitlichungen bei der Ausbildung für denkbar. Wer die Heilpraktikerprüfung bereits absolviert hat, braucht nach jetzigem Diskussionsstand keine Einschränkungen zu fürchten. […]“

 

Was soll denn eigentlich noch auf den Tisch, bis wirklich mal etwas geschieht? Die Linie ist klar: Man rührt wieder ein Gemisch aus  Schönrednerei, Zuständigkeitsfragen, geheuchteltem Reformwillen an, würzt das Ganze mit einer guten Portion Nichtverstehen und das wars dann mal wieder.

 

Mein Kommentar dort:

Ich habe es geahnt. Weiter wird das Lied der “zwei Medizinen” gesungen, als entscheidendes Kriterium angeführt, dass ja so viele Leute den Besuch beim Heilpraktiker so schätzen, mit dem Finger auf Probleme -ja auch Todesfälle- beim “Arzt” verwiesen und von “Reformen” geredet, wo es mangels bisheriger Regeln gar nichts zu reformieren gibt.

Otto Prokop, der Doyen der deutschen Gerichtsmedizin, schätzte schon in den 1980er Jahren die Zahl der Schäden, die außerhalb der wissenschaftlichen Medizin durch “modernen Okkultismus” insgesamt entstehen, auf mehrere hunderttausend.

Bundes- und Landesregierungen müssen die Segel streichen, wenn es um einen Überblick über die Zahl und die angewandten Methoden der Heilpraktikerszene geht. Offen muss eingeräumt werden, dass man sich hier einem “schwarzen Loch” gegenübersieht. Wo ist hier überhaupt eine Grundlage, um über “Reformen” diskutieren zu können?

Die Rechtsprechung stellt an Ärzte als “Ausübende der Heilkunde” die Anforderung, dem Patienten jederzeit die für ihn beste und nach neuestem Wissensstand wirksamste Therapie auszuwählen. Er kann sich nicht, so der Tenor des Bundesgerichtshofs, aus “Eigensinn oder Hochmut über gültige Regeln der medizinischen Wissenschaft hinwegsetzen, ohne vom Fortschritt der Wissenschaft Kenntnis zu nehmen”. Oft ist selbst ein wissenschaftlich ausgebildeter Arzt allein nicht in der Lage, diese Anforderung zu erfüllen. So kann logischerweise bereits eine unterlassene Überweisung an einen Facharzt als ärztlicher Fehler gewertet werden.

Aber ein Heilpraktiker soll das können. In seinem Universum. Ohne Kontrolle. Mit Verfahren, die er nach seinem eigenen Gusto aussucht und anwendet. Einschließlich der Applizierung von Medikamenten. Was beispielsweise einem ausgebildeten Rettungsassistenten, der täglich mit Ärzten zusammenarbeitet, verboten ist.

Dazu zitiere ich noch einmal Prokop:

“Wenn zum Beispiel darauf hingewiesen wird, es gebe für Ärzte einen höheren Voraussehbarkeitsgrad als für Heilpraktiker (wegen der umfassenderen wissenschaftlichen Ausbildung), also könne man letzteren nicht so schnell einen Schuldvorwurf machen wie etwa Ärzten, die den gleichen Fehler machen, so ergibt sich aus dieser Interpretation, dass es der Staat, der Personen zu solchen Praktiken ohne Auflagen zulässt, mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst nimmt”.

Dann lasst es doch ganz sein mit “Reformen”. Setzt weiter auf “Wohlfühlmedizin” und das, was “die Menschen” gerne wollen.

 

Manchmal glaubt man schon, das Leben ist nur ein übler Scherz eines psychopathischen Matrixprogrammierers.


 

Bildnachweis: dreamstime 67549618

Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass.

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Mir klingeln die Ohren. Wunderbar, dass die Debatte über die unsägliche Pseudomedizin in Deutschland endlich in Gang kommt. Wenn auch aus traurigem Anlass. Aber die Parolen, die so durch die Medien rauschen, rauben mir manchmal den letzten Nerv.

Deshalb hier ein kleines Vademecum der mich am meisten ärgernden „Argumente“ und Schlagworte mit meiner unmaßgeblichen Meinung dazu. Unter Heilpraktiker fasse ich summarisch die Anwender von Methoden außerhalb der wissenschaftsbasierten Medizin, also auch Homöopathen (selbst wenn sie Ärzte sind).

 

Politik: Die Prüfung für Heilpraktiker muss verschärft werden.

Nein. Es gibt überhaupt keine Kriterien, nach denen diese Prüfung verschärft werden könnte. Die Kriterien gibt es deshalb nicht, weil es keine festgelegten Ausbildungsinhalte und -gänge gibt. Aus diesem Grund ist Heilpraktiker auch kein Beruf. Die bisherige Prüfung ist genau aus diesem Grund keine mit einem Examen vergleichbare Prüfung, sondern lediglich ein Frage-Antwort-Spiel, das einen Eindruck davon verschaffen soll, ob der Proband womöglich doch eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

 

Heilpraktikerverband: Die Prüfung muss keineswegs verschärft werden, denn sie ist jetzt schon waaahnsinnig schwer, das sieht man daran, dass 80 Prozent durchfallen.

Quatsch. Die Prüfung ist für jemanden, der ernsthaft auf kranke und hilfesuchende Menschen losgelassen werden soll, ein dummer Witz. Sie erhebt ja nicht einmal den Anspruch, Heilwissen abzufragen und kann zudem beliebig oft wiederholt werden. Jede Prüfung hat zwei Seiten – die Prüfungsaufgaben und die Prüflinge. Ich spare mir mal, deutlich auszusprechen, auf welcher Seite ich die Unzulänglichkeiten verorte, auf denen die berühmten 80 Prozent beruhen.

 

Politik: Die Heilpraktikerausbildung muss reformiert werden.

Wie denn? Wo denn? Was denn? Es gibt keine Ausbildung, weil es keine Inhalte gibt. Kein Prüfling ist verpflichtet, vorher eine „Heilpraktikerschule“ besucht zu haben.  Eine halbe Stunde Google zeigt, dass durch die Bank die „Heilpraktikerschulen“ neben dem Einbimsen von Prüfungsbögen völlig uneinheitliche, vielfach ins eindeutig esoterische abgleitende Inhalte anbieten, die dann hinterher den Gemischtwarenladen der Heilpraktikerszene beherrschen. Evidenzbasiertes? Fehlanzeige. Mal abgesehen von Phytotherapie und Reizbehandlungen wie Kneippsche Anwendungen (die Phytotherapie als teilweise hochwirksame Arzneimitteltherapie gehört auch allein in ärztliche Hände!) Im schlimmsten Falle kommen noch selbstgebastelte Eigenkreationen an „Therapien“ dazu. Nichts kann man nicht reformieren.

 

Heilpraktiker, Homöopathen und Politik (teilweise): Die Praktizierung alternativer und komplementärer Methoden wird von der Bevölkerung gewünscht und gibt vielen Trost und Hilfe!

„Wünsch Dir was“ ist im Deutschen Fernsehen schon 1992 eingestellt worden. Seit wann kommt es bei der Anwendung von Mitteln und Methoden, zumal im Gesundheitswesen, darauf an, was sich der Patient „wünscht“? Soll „Wohlfühlmedizin“ ernstlich den Vorrang vor Wirksamkeit bekommen?

 

Heilpraktikerverband: Die Heilpraktiker in Deutschland sind ein wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung!

Sie sind höchstens der entzündete Wurmfortsatz an der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Würden sie sich auf kleinere Befindlichkeitsstörungen beschränken und durch sinnvolle Gespräche den Patienten stabilisieren, gleichzeitig ein scharfes Auge auf die Notwendigkeit einer evidenzbasierten Behandlung beim Arzt haben, ginge das ja noch alles an. Ist aber nicht so. Die Leute maßen sich an, ernsteste Organerkrankungen mit großenteils nachgewiesen unwirksamen Mitteln zu behandeln und sind keineswegs so bescheiden, sich auf eine Beratung der Hilfesuchernden zu beschränken. Eine Folge der seit 1939, dem Jahr des Inkrafttretens des Heilpraktikergesetzes, völlig ungeregelten Wildwuchses auf diesem Sektor. Wie konnte man das zulassen?

 

Heilpraktiker und Lobbyisten der Szene: Die Schulmedizin….

Fällt dieses diskriminierende Unwort, höre ich gar nicht mehr weiter hin. Die Heilpraktikerszene diffamiert ständig die wissenschaftsbasierte Medizin als „Schulmedizin“. Was für eine Arroganz! Die Szene tut so, als gebe es eine „zweite Medizin“ neben der vielgeschmähten „Schulmedizin“. Gibt es eine zweite Physik, eine zweite Chemie, eine zweite Biologie? Früher mag es angegangen sein, im mehr oder weniger spekulativen Raum Prozeduren und Therapieformen zu entwickeln und anzuwenden, als es noch keine wissenschaftlichen Prüfmethoden und keine tieferen Einblicke in Ätiologie und Pathologie gab. Da war die Medizin, wenn überhaupt, eine reine Erfahrungswissenschaft. Ein Beispiel dafür ist die Homöopathie.
Heute ist die Medizin zwar auch Erfahrungswissenschaft, aber viel, viel mehr reine Naturwissenschaft als noch vor 90, 100 oder mehr Jahren. Sie ist in der Lage, ihre Erfahrungen zu testen und zu verifizieren. Sie entwickelt sich ständig durch schrittweise Verbesserung.
Und da redet die Schwurbelszene von Schulmedizin? Was ist denn dann die Tätigkeit der Heilpraktiker, die für einen Multiple-Choice-Test büffeln, stur ein paar Bögen ausfüllen und dann in ihre private Welt entlassen werden, ohne auch nur im Geringsten zu so etwas wie Fortbildung verpflichtet zu sein? Also bitte.

 

Heilpraktiker: Äh, Grundrechte… Berufsfreiheit… und so .. 

Erstens ist -wie schon gesagt- der Heilpraktiker kein Beruf. Zweitens folgende Überlegung: Die akademische Profession des Rechtsanwaltes, der sich auf Studium, praktische Ausbildung und Erfahrungswissen stützt, schützt der Gesetzgeber dadurch, dass er per Rechtsberatungsgesetz Laien und Privatpersonen, selbst Menschen, die beispielsweise Wirtschaftsjura studiert haben, bei Strafe von der rechtlichen Beratung von Mandanten ausschließt. Der damit verfolgte Zweck ist -jedenfalls offiziell- die Interessen des Mandanten vor unzureichender Sachkunde im Zivilrecht wie im Strafverfahren zu schützen. Die akademische Profession des Arztes, der sich auf Studium, lange praktische Ausbildung und erworbenes Erfahrungswissen stützt, schützt der Gesetzgeber vergleichbar – überhaupt nicht. Und damit vor allem nicht den Patienten. Ist dem Gesetzgeber folglich das Vermögensinteresse eines Mandanten im Zivilprozess als Schutzgut wichtiger als die Gesundheit seiner Bürger? Bitte mal zu Ende denken!

Ein Zitat von Prof. Otto Prokop, Doyen der deutschen Gerichtsmedizin:
„Wenn … darauf hingewiesen wird, für Ärzte gebe es einen höheren Grad der Voraussehbarkeit als für Heilpraktiker (weil der erstere entsprechend ausgebildet und examiniert ist), also könne man letzteren nicht so schnell einen Schuldvorwurf machen wie etwa Ärzten, die den gleichen Fehler machen, so ergibt sich aus einer solchen Interpretation, dass es der Staat, der Personen zu solchen Praktiken ohne besondere Auflagen zulässt, mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst nimmt.“

 

Die ganze Szene: Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde…

Klar. Näheres darüber wissen aber auch die Heilpraktiker nicht. Und deshalb ist es unehrlich und unredlich, die Lücke „zwischen Himmel und Erde“ mit unbelegten Behauptungen und Versprechungen zu füllen. Möchten die Heilpraktiker das trotzdem tun, müssten sie in der Liste der Professionen nur ein wenig tiefer rutschen: Auf die Position „Hellseher“.

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Ceterum censeo: Wir brauchen keine strengeren Prüfungen, wir brauchen keine „Reformen“ des Heilpraktikerwesens und seiner Ausbildung. Wir brauchen überhaupt keine Heilpraktiker, denn es gibt keine „alternative“ und keine „komplementäre“, auch keine „integrative“ – es gibt nur die wissenschaftsbasierte Medizin, die einen validen Nachweis ihrer Wirksamkeit führen kann. Man könnte allenfalls darüber nachdenken, Heilpraktikern mit ausreichender Qualifikation (klar gibt es Unterschiede dabei) im Rahmen streng gefasster Befugnisse und nachgewiesener Fähigkeiten so etwas wie den Status von „Gesundheitsassistenten“ zuzuweisen, wenn man sich schon nicht dazu durchringen kann, im Interesse einer modernen, glaubwürdigen und verlässlichen Gesundheitspolitik tabula rasa zu machen.

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Nachtrag, Dezember 2017:

Dass die Reformbemühungen weiterhin in homöopathischen Dosen stehenbleiben und lediglich Spiegelfechterei auf nicht einmal hohem Niveau beitrieben wird, zeigt dieser Anschlussbeitrag zu den Plänen zu „einheitlichen Ausbildungsvoraussetzungen“ für Heilpraktiker.


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