Dissonanzen

Ende September kündigte das Bundesgesundheitsministerium an, dass es die sogenannten Wahltarife in der GKV für Homöopathie und teils andere „komplementäre Medizin“ abzuschaffen gedenke. Ob man dies als winzigen Schritt zur überfälligen Verbannung der Homöopathie aus der GKV werten kann, mag offenbleiben – es ist so oder so eine Marginalie. Betroffen sind keine 600 Versicherten bundesweit. Es geht dabei um Tarife aus grauer Vorzeit, als noch eine „Zusatzversicherung“ neben dem GKV-Regeltarif für solche Dinge möglich war. Mit dem 3. GKV-Versorgungsstrukturgesetz wurde das ab dem 1.1.2012 (weitestgehend) überflüssig, denn ab diesem Zeitpunkt war der Weg für die Kassen frei, per Satzungsleistung generell die Erstattung von Homöopathie anzubieten. Was bekanntlich auf breiter Front geschah. Dass nun die Wahltarife den Weg alles Irdischen gehen sollen, kann man eigentlich als ordentliche Routinearbeit des BMG verbuchen.

Selbst bei Homöopathiekritikern geriet diese kleine Episode eher in Vergessenheit – bis nun so etwas wie ein böses Erwachen folgte. Dissonanzen weiterlesen

Gibt es „mehrere Medizinen“? Alternativ, komplementär, integrativ…

bunt
So schön bunt hier… scheinbare Vielfalt.

Was soll das ganze Gerede von alternativer, komplementärer und auch integrativer Medizin eigentlich? Gibt es mehrere Medizinen? Oder soll hier verschleiert, verunklart, sollen Begriffe in- und übereinandergeschoben werden, um Grenzziehungen zu verwischen? Grenzziehungen zwischen Medizin und Nicht-Medizin?

Setzen wir die Definiton von „Medizin“ im heutigen Sinne vornean: Medizin ist das, was nachweislich spezifisch wirkt und was wegen der Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit und Schwere unerwünschter Wirkungen abschätzen zu können, auch verantwortlich beim individuellen Patienten zur Behandlung eingesetzt werden kann. Kurz: Medizin ist, was bei Anwendung mit hinreichender Wahrscheinlichkeit (was im Einzelfall abzuwägen ist) ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis der Behandlung, mithin einen Nutzen für den Patienten verspricht. Was ziemlich genau den Kerngedanken der evidenzbasierten Medizin entspricht.

Und das schöne Wort  „Alternativmedizin“?  Was soll denn zu der gegebenen Definition von „Medizin“ eigentlich „alternativ“ sein? Gibt es eine „Alternative“ zu Mitteln und Methoden, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis aufweisen und hinreichend wahrscheinlich  vorhersehbare Wirkungen erzielt werden können? Ersichtlich doch nicht! Bleibt nur die Deutung, dass „Alternative Medizin“ der Gegenpol zum Medizinbegriff gemeint sein soll, also etwas, das eben nicht nachweislich wirkt? Das doch wohl auch nicht. Damit ist der Begriff der Alternativmedizin schon als sinnloser Leerbegriff, als manipulatives Wortgeklingel, entlarvt. (Prof. Edzard Ernst hat folgerichtig sein letztes Buch mit „SCAM – So called Alternative Medicine“ betitelt.

Nehmen wir die „komplementäre Medizin“. Hier kommt es auf einen anderen Punkt an. Niemand wird bestreiten, dass es viele evidenzbasierte Begleitbehandlungen gibt, die nicht der primären Therapie dienen, sondern etwa der Linderung von Therapiebeschwerden, der reinen Schmerzbekämpfung, der Wundheilung und was es an sekundären, den Patienten quälenden Begleiterscheinungen von Krankheit und Behandlung sonst noch so gibt. Dafür wäre aber eher der Terminus „komplementäre Behandlung“ sinnvoll. Es geht auch bei den evidenzbasierten komplementären Behandlungen um den oben ausgeführten Kernbegriff der „Medizin“. Diesen Rahmen hat Prof. Edzard Ernst in seinem Buch „Praxis Naturheilverfahren: Evidenzbasierte Komplementärmedizin“ abgesteckt.

Leider zeigt die Erfahrung aber, dass der Begriff der „komplementären Medizin“ in aller Regel dazu dient, eben nicht evidenzbasierte Dinge in den Kontext der evidenzbasierten Medizin einzuschmuggeln – nach dem Motto, kann ja nicht schaden – und wenn es dem Patienten nachher besser geht, machen wir eine „Versorgungs- oder Beobachtungsstudie“ und schreiben uns die Besserung auf unsere Fahnen. Wobei häufig durchaus nicht stört, dass ohne Vergleichsgruppe niemand auf der Welt sagen kann, ob die Mittelchen der alternativen Fraktion auch nur ein Jota zu Besserung beigetragen haben, wenn sie „komplementär“ zur wissenschaftsbasierten Standardbehandlung verabreicht wurden. Wobei das auch mit der Vergleichsgruppe immer so eine Sache ist, bei ungleichen Rahmenbedingungen, aufgrund subjektiver Befindenseinschätzung und was dergleichen mehr Faktoren sind, Beispiel siehe hier ). Beobachtungsstudien sind eben keine Wirksamkeitsstudien, per defintionem nicht. Wieder nur ein Mäntelchen aus Begriffen und Worten, in diesem Falle auch noch mit dem Ziel, von Trittbrettfahrerei zu profitieren? In hohem Maße: Ja. Wenn eine Methode nicht außerhalb ihrer „komplementären“ Anwendung ihre wissenschaftliche Validität belegt hat, steht sie stark im Verdacht, per Trittbrettfahrerei profitieren zu wollen.

Und „integrative Medizin“? Offenbar, obwohl schon immer gängig, das neue Mode-Buzzword der pseudomedizinischen Fraktion. Ganz offensichtlich aber ein Leerbegriff, der das Problem sogar noch weiter steigert. Medizin ist Medizin, sie ist pragmatisch und „integriert“ alles, was nach strenger Prüfung zur Behandlung von kranken Menschen dient, in ihren Kanon. Es ist ihr dabei  völlig gleichgültig, woher oder von wem das Mittel oder die Methode stammt. Sicher die Hälfte der heutigen Pharmazeutika hat ihren Ursprung in Natur- und Pflanzenheilkunde. Manche Methoden der Medizin sind aus früherer Zeit überkommen, wurden aber geprüft, für geeignet befunden und weiter verbessert. (Ein Beispiel: William Withering, 1741 – 1799, sah die Anwendung von Digitalis als herzentlastendes Mittel tatsächlich bei einer „kräuterkundigen“ alten Frau. Er beobachtete und forschte dazu ganze zwanzig Jahre lang, bevor er sich sicher genug fühlte, seine Erkenntnisse zu veröffentlichen. Auf dieser Entdeckung beruhen heute noch Grundtherapien in der Kardiologie – nachdem sich die Richtigkeit von Witherings Thesen bestätigt hatte, wurden sie in den Kanon der Medizin „integriert“.)  Andere Mittel und Methoden wurden geprüft und als ungeeignet verworfen. Die Medizin „integriert“ ständig, das ist der Kern medizinischen Fortschritts und jeder Wissenschaft, die diesen Namen verdient. Welchen Inhalt soll angesichts dessen ein besonderer Begriff „integrative Medizin“ haben? Offen sein für Beliebigkeit und Try-and-Error-Medizin?

Ich gebe zu, dass man diese drei Begriffe durchaus sinnvoll definieren, voneinander abgrenzen und gemeinsam in gleicher Bedeutung nutzen kann. Allein, das geschieht ja nicht. All diese viel gebrauchten Begriffe sind vielfach nur gefälschte Eintrittskarten für das Gebiet der anerkannt wissenschaftsbasierten Medizin. Sie dienen der unklaren Grenzziehung zwischen Medizin und Nicht-Medizin, letztlich zwischen Wissenschaft und Nicht- oder Pseudowissenschaft. Sie sind leere Worthülsen, die gleichwohl ihren Dienst im täglichen Sprachgebrauch tun. Man sollte sich nicht täuschen lassen und für eine klare Grenzziehung eintreten.

Derzeit jedenfalls sehe ich nur einen Gebrauch für all diese schönen Worte: Zusammengefasst in dem Kurzwort CAM – gebraucht von kritischen Köpfen als Bezeichnung für das, was gern eine medizinwissenschaftliche Reputation hätte, aber eben keine hat.

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„Es wird übrigens für die Wissenschaften eine immer massivere Herausforderung, überzeugend die Grenze zu Nichtwissenschaft oder auch zu Pseudowissenschaft zu ziehen. Diese Frage gehört zu denjenigen, die mich am allermeisten interessieren.“ – Prof. Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, im WELT-Interview am 16.03.2014.

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Ein Musterbeispiel dafür, wie mit dem Etikett der „integrativen Medizin“ Schindluder getrieben wird, ist aktuell auf dem Blog von Prof. Edzard Ernst erschienen. Die Originalstudie findet sich hier.  Bezeichnend, dass gleich die Studie selbst im Titel mit „complementary and integrative“ protzt, ohne im Verlaufe der Arbeit irgendwie deutlich zu machen, wo man die Grenzziehung sieht oder ob nun doch eigentlich das Gleiche (was?) gemeint ist.

Zudem bringt mich die Absicht der Landesregierung Baden-Württemberg, an der medizinischen Fakultät in Tübingen einen „Lehrstuhl für Naturheilkunde und integrative Medizin“ einzurichten, zusätzlich ins Grübeln. Die Stimmen der üblichen Verdächtigen aus der alternativkomplementärintegrativen Szene jedenfalls haben sich natürlich sofort wieder einigermaßen lautstark bemerkbar gemacht und reklamieren ihr Interesse… und nutzen die fehlende Grenzziehung zwischen den Begriffen.


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