Evidenzbasierte Medizin und Homöopathie (I) – Die “reine Empirie”

Wir beginnen mit einem Zitat (es werden noch mehr folgen):

“Ich möchte an dieser Stelle nur darauf hinweisen, dass die durchweg wissenschaftlich ausgebildeten Verfaser “positiver” homöopathischer Studien ein grundsätzlich taugliches wissenschaftliches Werkzeug unter Ausnutzung dessen Schwachstellen diskreditieren. Ein aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu akzeptierendes Verhalten.”

So der stets auf den Punkt zielende Excanwahn auf seinem Bullshit-Blog. Genau darum soll es in diesem Beitrag gehen. Durchaus nicht ohne konkreten Anlass: „Evidenzbasierte Medizin und Homöopathie (I) – Die “reine Empirie”“ weiterlesen

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Hightech-Medizin und homöopathische Sandkastenspiele (2)

Heute mal ein Video zum Thema – unter 4 min

Es ist mal wieder an der Zeit, die Entfernungen zu dokumentieren, die die Homöopathie vom wissenschaftlichen Fortschritt in der Medizin trennen. Sonst glaubt hinterher tatsächlich noch einer, Verdunstungsrückstände von Wasser, in dem irgendwann mal Reste irgendeiner Ursubstanz enthalten waren, hätten eine medizinische Wirkung.

Wisst ihr, was das Problem der Proteinfaltung ist?

Proteine sind organische Makromoleküle, also winzige, aber als solche doch ziemlich große Dinger, die aus der Verkettung von Aminosäuren bestehen und von Peptiden (selbst so eine Art Mini-Proteine) zusammengehalten werden. Gibts überall in den organischen Lebewesen. Sie sind so eine Art Schweizer Messer der biologischen Funktionen. Zum Einstieg sei das heute anstelle eines Bildes oben verlinkte Kurzvideo sehr empfohlen.

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Das Heu im Nadelhaufen?

Vernebelt

In jüngster Zeit sind mir wieder Studien bzw. gar zusammenfassende Arbeiten aus dem homöopathischen Universum zu Augen gekommen, die unverdrossen das Lied der Wirksamkeit, ja gar der evidenzbasierten Homöopathie singen. Business as usual, ja. Aber irgendwann…

Gleich zu Beginn die ketzerische Frage: Wozu machen Homöopathen eigentlich ihre Studien? Scheren sie sich um deren wissenschaftliche Bewertung? Nehmen sie zur Kenntnis, dass ihre “Ergebnisse” keinerlei Auswirkungen auf die medizinische Praxis außerhalb des homöopathischen Universums haben? Ja, ziehen sie überhaupt selbst Konsequenzen aus den Ergebnissen ihrer eigenen Studien und Reviews?

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Homöopathie – was für einen Diskurs führen wir eigentlich?

Dumme Frage? Keineswegs.

Die wissenschaftsbasierte Homöopathiekritik des Informationsnetzwerk Homöopathie und seines Umfeldes hat in den letzten Jahren in nie dagewesenem Umfang die Argumente dargelegt, die die Homöopathie nach dem Urteil der Mehrheit der weltweiten Wissenschaft als eine medizinisch irrelevante Scheintherapie qualifizieren. Dabei wurden zwei Ziele verfolgt: Aufklärung der über Jahrzehnte hinweg des- und fehlinformierten Öffentlichkeit über den wirklichen medizinisch-wissenschaftlichen Stellenwert der Homöopathie und Kritik an den verfestigten Strukturen, die die Homöopathie seit Jahrzehnten derart begünstigen, ja privilegieren, dass sie bislang ihre Position im öffentlichen Gesundheitswesen unangefochten erhalten konnte. „Homöopathie – was für einen Diskurs führen wir eigentlich?“ weiterlesen

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Von der Neugier zur Langeweile – Prof. Paul Glasziou zum NHRMC-Review

Reviews – Looking behind the Doors

Der größte Hoax, den Homöopathen (bis auf die Homöopathie selbst) jemals losgetreten haben, ist wohl das jahrelange Schmierentheater um den angeblich unterdrückten “ersten Bericht” des australischen NHMRC, der dem offiziellen Bericht von 2015 vorausgegangen und in der Tonne gelandet sei, weil er angeblich positiv für die Homöopathie ausgefallen war. Nachdem der NHMRC den “First Draft” vor einem Jahr dann veröffentlichte, um dem Unsinn ein Ende zu machen, gab es zunächst weltweit groteske Fehldeutungen und Jubel in der homöopathischen Szene (drastische Demonstrationen des confirmation bias), bis das Ganze dann nach und nach sozusagen verdunstete. „Von der Neugier zur Langeweile – Prof. Paul Glasziou zum NHRMC-Review“ weiterlesen

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Hochpotenzen, Ratten und eine Menge Unsinn

Aufmerksame Leser dieses Blogs werden sich noch an den Namen Oleg Epstein erinnern können. Richtig, das ist der “Pharmaunternehmer” aus Russland, der mit verschwurbelten Bezeichnungen irgendwelche ominösen “Hochpotenzen” bevorzugt in den USA zum Patent einreicht, daraus Fantasiemittelchen produziert und die passenden Studien mit ein paar Kumpels aus der wissenschaftlichen Szene gleich auch noch selbst verfasst. Den ursprünglichen Artikel dazu hatte ich mit “Fake – Homöopathie – Fake” betitelt. „Hochpotenzen, Ratten und eine Menge Unsinn“ weiterlesen

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Evidenzkriterien und Schwalben – Nachschlag zur Akupunktur

Kürzlich hatte ich hier aus gegebenem Anlass dargelegt, dass die Beurteilung der Evidenzlage (nicht nur) für Akupunktur sich aus der Gesamtschau der vorliegenden Erkenntnisse ergibt und nicht aus Cherrypicking und / oder irgendwelchen Einzelarbeiten. Auf Twitter hat sich zum Beitrag hier und da eine Diskussion entsponnen, die leider einmal mehr zutage gefördert hat, dass man teils einfach vor Wände zu reden scheint.

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Gibt es “mehrere Medizinen”? Alternativ, komplementär, integrativ…

Was soll das ganze Gerede von alternativer, komplementärer und auch integrativer Medizin eigentlich? Gibt es mehrere Medizinen? Oder soll hier verschleiert, verunklart, sollen Begriffe in- und übereinandergeschoben werden, um Grenzziehungen zu verwischen? Grenzziehungen zwischen Medizin und Nicht-Medizin?

Setzen wir die Definiton von “Medizin” im heutigen Sinne vornean: Medizin ist das, was nachweislich (belegbar) spezifisch wirkt und was wegen der Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit der Wirksamkeit und des Auftretens von unerwünschten Wirkungen zuverlässig abschätzen zu können, auch verantwortlich beim individuellen Patienten zur Behandlung eingesetzt werden kann. Was ziemlich genau den Kerngedanken der evidenzbasierten Medizin entspricht.

Und das Wort  “Alternativmedizin”?  Was soll denn zu der gegebenen Definition von “Medizin” eigentlich “alternativ” sein? Gibt es eine “Alternative” zu Mitteln und Methoden, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ein positives Verhältnis zwischen spezifischem Nutzen und Risiken aufweisen und hinreichend wahrscheinlich  vorhersehbare Wirkungen erzielt werden können? Ersichtlich doch nicht! Bleibt nur die Deutung, dass “Alternative Medizin” der Gegenpol zum Medizinbegriff sein soll, also etwas, das eben nicht nachweislich wirkt? Das doch wohl auch nicht. Damit ist der Begriff der Alternativmedizin schon als sinnloser Leerbegriff, als manipulatives Wortgeklingel, entlarvt. (Prof. Edzard Ernst hat folgerichtig sein letztes Buch mit “SCAM – So called Alternative Medicine” betitelt.

Nehmen wir die “komplementäre Medizin”. Hier kommt es auf einen anderen Punkt an. Niemand wird bestreiten, dass es viele evidenzbasierte Begleitbehandlungen gibt, die nicht der primären Therapie dienen, sondern etwa der Linderung von Therapiebeschwerden, der Schmerzbekämpfung, der Wundheilung und was es an sekundären, den Patienten quälenden Begleiterscheinungen von Krankheit und Behandlung sonst noch so gibt. Dafür wäre aber eher der Terminus “komplementäre Behandlung” sinnvoll. Es geht auch bei den evidenzbasierten komplementären Behandlungen um den oben ausgeführten Kernbegriff der “Medizin”. Diesen Rahmen hat Prof. Edzard Ernst in seinem Buch “Praxis Naturheilverfahren: Evidenzbasierte Komplementärmedizin” abgesteckt.

Leider zeigt die Erfahrung aber, dass der Begriff der “komplementären Medizin” in aller Regel vielmehr dazu dient, eben nicht evidenzbasierte Dinge in den Kontext der evidenzbasierten Medizin einzuschmuggeln – nach dem Motto, kann ja nicht schaden – und wenn es dem Patienten nachher besser geht, machen wir eine “Versorgungs- oder Beobachtungsstudie” und schreiben uns die Besserung auf unsere Fahnen. Wobei häufig durchaus nicht stört, dass ohne Vergleichsgruppe niemand auf der Welt sagen kann, ob die Mittelchen der alternativen Fraktion auch nur ein Jota zu Besserung beigetragen haben, wenn sie “komplementär” zur wissenschaftsbasierten Standardbehandlung verabreicht wurden. Wobei das auch mit der Vergleichsgruppe in Beobachtungsstudien immer so eine Sache ist, bei unvergleichbaren Gruppen,  aufgrund rein subjektiver Befindenseinschätzung und was dergleichen mehr Faktoren sind, Beispiel siehe hier. Beobachtungs- bzw. Verlaufsstudien sind eben keine Wirksamkeitsstudien, per definitionem nicht. Wieder nur ein Mäntelchen aus Begriffen und Worten, in diesem Falle auch noch mit dem Ziel, von Trittbrettfahrerei zu profitieren? In hohem Maße: Ja. Wenn eine Methode nicht außerhalb ihrer “komplementären” Anwendung ihre wissenschaftliche Validität belegt hat, steht sie stark im Verdacht, per Trittbrettfahrerei profitieren zu wollen.

Und “integrative Medizin”? Offenbar, obwohl schon immer gängig, das neue Mode-Buzzword der pseudomedizinischen Fraktion. Ganz offensichtlich aber ein Leerbegriff, der das Problem sogar noch weiter steigert. Die “alternativ-komplementäre” Szene hat realisiert, dass sowohl  “alternativ” als auch “komplementär” irgendwie inzwischen als Begriffe “verbrannt” sind, zudem das Odium in sich tragen, keine “wirkliche” Medizin zu sein. Das eine ist “anders”, das andere “nur zusätzlich”. Damit will man sich nicht zufrieden geben. Und so wärmt man mit dem so freundlich-entgegenkommend klingenden Begriff des “Integrativen” wieder die überholte These vom “Besten aus beiden Welten” auf, das von der Evidenzbasierten Medizin in den Bereich des pseudo-epistemologischen Wortgeklingels verwiesen worden ist. Solche Umbenennungsstrategien der Szene gibt es seit jeher.

Jedoch: Medizin ist Medizin, sie ist pragmatisch und “integriert” alles, was nach strenger Prüfung der Behandlung von kranken Menschen dient, in ihren Kanon. Es ist ihr dabei  völlig gleichgültig, woher oder von wem das Mittel oder die Methode stammt. Sicher die Hälfte der heutigen Pharmazeutika hat ihren Ursprung in Natur- und Pflanzenheilkunde. Manche Methoden der Medizin sind aus früherer Zeit überkommen, wurden aber geprüft, für geeignet befunden und weiter verbessert. (Ein Beispiel: William Withering, 1741 – 1799, sah die Anwendung von Digitalis als herzentlastendes Mittel tatsächlich bei einer “kräuterkundigen” alten Frau. Er beobachtete und forschte dazu ganze zwanzig Jahre lang, bevor er sich sicher genug fühlte, seine Erkenntnisse zu veröffentlichen. Auf dieser Entdeckung beruhen heute noch Grundtherapien in der Kardiologie – nachdem sich die Richtigkeit von Witherings Thesen bestätigt hatte, wurden sie in den Kanon der Medizin “integriert”.)  Andere Mittel und Methoden wurden geprüft und als ungeeignet verworfen. Die Medizin “integriert” ständig, das ist der Kern medizinischen Fortschritts und jeder Wissenschaft, die diesen Namen verdient. Welchen Inhalt soll angesichts dessen ein besonderer Begriff “integrative Medizin” haben? Offen sein für Beliebigkeit und Try-and-Error-Medizin? Zudem am Rockzipfel der wissenschaftlichen Medizin?

Sicherlich könnte man diese drei Begriffe durchaus sinnvoll definieren, voneinander abgrenzen und in sinnvoller Bedeutung nutzen. Allein, das geschieht ja nicht – und das geht wohl auch nicht mehr. Längst haben sie ihre bewusst verunklarende Bedeutungszuschreibung. All diese viel gebrauchten Begriffe sind vielfach nur gefälschte Eintrittskarten für das Gebiet der anerkannt wissenschaftsbasierten Medizin. Sie dienen der unklaren Grenzziehung zwischen Medizin und Nicht-Medizin, letztlich zwischen Wissenschaft und Nicht- oder Pseudowissenschaft. Sie sind leere Worthülsen, die gleichwohl ihren Dienst im täglichen Sprachgebrauch tun. Man sollte sich nicht täuschen lassen und für eine klare Grenzziehung eintreten.

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„Es wird übrigens für die Wissenschaften eine immer massivere Herausforderung, überzeugend die Grenze zu Nichtwissenschaft oder auch zu Pseudowissenschaft zu ziehen. Diese Frage gehört zu denjenigen, die mich am allermeisten interessieren.“ – Prof. Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, im WELT-Interview am 16.03.2014.

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Ein Musterbeispiel dafür, wie mit dem Etikett der “integrativen Medizin” Schindluder getrieben wird, ist auf dem Blog von Prof. Edzard Ernst zu finden. Die Originalstudie findet sich hier.  Bezeichnend, dass gleich die Studie selbst im Titel mit “complementary and integrative” protzt, ohne im Verlaufe der Arbeit irgendwie deutlich zu machen, wo man die Grenzziehung sieht oder ob nun doch eigentlich das Gleiche (was?) gemeint ist.

Zudem bringt mich der Beschluss der Landesregierung Baden-Württemberg, an der medizinischen Fakultät in Tübingen einen “Lehrstuhl für Naturheilkunde und integrative Medizin” einzurichten, zusätzlich ins Grübeln. Die Stimmen der üblichen Verdächtigen aus der alternativkomplementärintegrativen Szene jedenfalls haben sich natürlich sofort wieder einigermaßen lautstark bemerkbar gemacht und reklamieren ihr Interesse… und nutzen die fehlende Grenzziehung zwischen den Begriffen.


Nachtrag, 31.10.2020:

Nach anfänglichem Trubel um den Tübinger Lehrstuhl hört man – fast zwei Jahre später – praktisch nichts mehr davon.

Auch Bayern ist längst auf den “integrativen” Zug aufgesprungen, eigentlich schon 2018, als der Landtag einen Grundsatzbeschluss zur Verankerung von “Naturheilkunde” in der Hochschullandschaft gefasst hatte. Zufällig kurz nach dem Beschluss der Landesregierung BW. Dass es nicht lange dauern würde, bis dieser stets falsch gebrauchte Begriff der Naturheilkunde mit “integrativ” und “komplementär” konnotiert wurde, war völlig klar. Und so wird – in gewisser Weise folgerichtig – derzeit im bayerischen Gesundheitsministerium an der Einrichtung einer Abteilung für „Gesundheitsnetzwerke, medizinische Rehabilitation, Kur- und Heilbäder und Integrative Medizin“ gewerkelt. Dass in diesem Zusammenhang auch die Homöopathie wieder auftaucht, wird nur denjenigen wundern, der sich mit dem Konglomerat von Lobbyismus, politischer Naivität und Geschäftsinteressen auf dem Gebiet dessen, was gern mit “integrativer Medizin” so wohltönend umschrieben wird, nicht auskennt.


Nachtrag, Februar 2021:

Die neue Fachabteilung im Bayerischen Gesundheitsministerium ist natürlich inzwischen installiert. Natürlich. Außerdem auch gleich ein neuer Gesundheitsminister. Herr Holetschek ist nicht gerade als Feind der Homöopathie bekannt, schon aber als jemand, dem der Unterschied zwischen Naturheilkunde und Homöopathie nicht klar zu sein scheint.


Zum Weiterlesen:

David Gorski schreibt bei Sciencebasedmedicine ausführlich zum Thema.

Ein ausgezeichneter, ganz aktueller Beitrag (Oktober 2020) findet sich auf der Webseite “Office for Science and Society” der kanadischen McGill-University: “Beware the Trojan Horse of Integrative Medicine“.

Zum Thema auch auf diesem Blog: Dissonanzen



Bildnachweis:  Eigenes Bild

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