Irrungen, Wirrungen

Nein, keine Literatur-Leistungskurs-Aufgabe zu Theodor Fontane wartet hier. Schön wärs…

Dass die Vertreter der Homöopathie-Lobby den Kritikern mit dem Vorwurf eines „Wissenschaftsdogmatismus“ begegnen und ihre Positionen mit einem vorgeblichen Anspruch auf „Wissenschaftspluralismus“ legitimieren wollen, ist nicht neu. Wobei „Wissenschaftspluralismus“ nicht mehr nur den Anspruch enthält, „mehrere Medizinen“ als „pluralistisch“ anzuerkennen, sondern darüber hinaus auch noch den, „mehreren Wissenschaften“ eine gleichberechtigte Existenz zuzusprechen. Irrungen, Wirrungen weiterlesen

Von toten Pferden und falschen Perspektiven

Könnt ihr euch, liebe Leserinnen und Leser, vorstellen, dass man es manchmal einfach leid ist, immer wieder, entweder zum zighundertsten Mal auf die gleichen oder aber auf wieder neue unhaltbare Fantastereien der homöopathischen Szene einzugehen? Nicht nur auf diesem Blog.Ergebnis: Keinerlei vernünftiger Diskurs in Sicht.

Manchmal ist einem kaum noch bewusst (sollte es aber sein), dass man in Sachen Homöopathie speziell und Pseudomedizin allgemein eigentlich ein totes Pferd bekämpft und versucht, die Reiter  vom Ableben ihres Transportmittels zu überzeugen. Sie simulieren aber lieber weiter vollen Galopp und wiehern dann eben selbst, notfalls keilen sie auch selbst aus. Von toten Pferden und falschen Perspektiven weiterlesen

Das haben wir jetzt davon!

Antifa

Liebe Leser und auch oft Mitstreiter, das haben wir jetzt davon.

Und damit nicht genug:

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Da mich gar nichts mehr wundert, sei hierzu nur so viel gesagt:

Leute, die Demokratie und Meinungsfreiheit für sich selbst bis zum Anschlag in Anspruch nehmen, beklagen den Untergang der Demokratie, wenn jemand anderer Ansicht (nicht Meinung!) ist als sie und dies öffentlich bekundet. Unterstellen diesen anderen ohne jeden erkennbaren Anhalt, dass sie etwa Angehörige der „Antifa“ seien (was für ein hochgradiger Blödsinn, das ist nicht mal mehr lächerlich) oder zu von der Pharmaindustrie gesponserten „Autismusgruppen“ gehören würden.

Tolzin führt unter http://www.impfkritik.de/pressespiegel/2017031701.html aus:

„Angebliche Antifa-Mitglieder und Autismus-Gruppen machen mobil und bedrohen offen jedes Kino, das VAXXED auf sein Programm setzt. Ihr Hauptwerkzeug sind die sozialen Medien und deren Anonymität. Da wird z. B. ein Kinobetreiber wenig subtil gefragt, ob er wirklich einen Polizeieinsatz riskieren wolle, wenn er es wagt, VAXXED zu zeigen. Oder ein angebliche Autist, der es für Diskriminierung hält, Autismus als Krankheit zu bezeichnen, droht damit, die Bewertung des Kinos herunterzustufen und auch alle seine Kumpels zu mobilisieren.

Dass Kinos es mit der Angst zu tun bekommen, wenn sie Negativ-Werbung oder gar Randale befürchten müssen ist natürlich verständlich. […]

Für Buschmedia, einer mutigen kleinen Produktionsfirma, die VAXXED in Deutschland vermarkten will, droht das Projekt durch den Ausfall der Kinovermarktung nun zu einem Verlustgeschäft zu werden. Ob die Deutschland-Tour von Andrew Wakefield wirklich stattfinden kann, ist offen. Der Aufwand für die Kino-Akquise hat sich für vervielfacht, Geschäftspartner haben sich zurückgezogen.“

Aha. Das also ist Zensur und Bedrohung. In der Tat, nicht jeder Wakefield-Gegner schlägt gegenüber den in aller Regel doch sehr naiven und uninformierten Kinos immer den angemessensten Ton an. Ich vermeide dies, wie ihr wisst, und ich bin sicher, ihr auch. Wenn aber ein Kino trotz Information darüber, was es zu tun im Begriff ist, an der Vorführung festhält, dann braucht es sich auch nicht zu wundern. dass es Leute gibt, die es dann nicht mehr hoch bewerten und es womöglich auch nicht mehr besuchen – inklusive Information von Freunden und Bekannten. Ursprünglich schlechte Bewertungen des Hannoverschen Kinos wurden übrigens nach oben korrigiert, als der Film abgesetzt wurde.

Ich habe bisher keinen einzigen Beleg dafür gesehen, dass es wirklich angedrohte Gewalt gegen Sachen oder Personen bei den Kinos gegeben hat. Die Hannoversche Allgemeine hatte über „Drohungen gegen das Personal“ berichtet, ist aber jede Konkretisierung schuldig geblieben. Anfragen wurden nicht beantwortet.

Ich fände es auch völlig daneben, wenn so etwas geschähe. Ich verkneife mir andererseits aber auch, mal aus einigen mir zugegangenen freundlichen Mitteilungen zu zitieren, die teilweise deutlich über das hinausgehen, was Herr Tolzin als Drohungen zu qualifizieren beliebt.

Ob ich wohl damit durchdringen kann, wenn ich die empörte Fraktion der Faktenbefreiten darauf hinweise, dass Demokratie genau aus dem öffentlichen Diskurs freier Bürger besteht?  Und dass es deshalb höchst legitim ist, ja, dringend erforderlich, einem gemeingefährlichen Mist wie Propaganda à la Wakefield / VAXXED entgegenzutreten – wenn es offizielle Stellen ebensowenig tun wie die Presse? Die letztere versagt offenbar auf breiter Front, obwohl ein Blick über den Ärmelkanal genügen würde, um zu erkennen, was eine angemessene Rolle der Presse wäre!

Impfung ist zur Glaubenssache geworden! In der Tat, leider viel zu sehr! Aber wodurch? Durch Proteste von Skeptikern gegen „impfkritische“ Desinformation? Nein!  Durch die Umtriebe der sogenannten Impfkritiker jeglicher Couleur, Wakefield und Tolzin eingeschlossen!

Meinungsfreiheit? Dazu reicht dieses Bildzitat des großartigen XKCD völlig aus:

Meinungsfreiheit

Dass Kinos mit einem Griff ins Klo auch die Zuschauergunst riskieren, ist Unternehmerrisiko. Lässt sich üblicherweise durch Risikomanagement, d.h. in diesem Fall durch schlichte Vorabinformation (beispielsweise mittels der leider wenig bekannten Internet-Suchmaschine Google), vermeiden. Auch mein Mitleid mit dem Verleih (nicht Produktionsfirma) Buschmedia hält sich aus gleichen Gründen in Grenzen. Zumal auf deren Facebookseite auch noch Rechtfertigungsarien gepostet werden…

Leute, bei funktionierenden Unternehmen gibt es ein Controlling. Das bedeutet, läuft eine Investition aus dem Ruder, zieht man die Reißleine, um den Schaden zu minimieren und geht nicht mit dem Kopf durch die Wand. Schon mal davon gehört?

So, das musste schon noch sein am heutigen Abend. Trotz allem wünsche ich ein schönes Wochenende!

PS   Mein absolutes Lieblingskino in meiner Stadt, ein wirkliches Filmkunsttheater mit sagenhaftem Programm, das einzige, das ich überhaupt ab und zu noch mal besuche, hat VAXXED mit der üblichen Propaganda für den 5. April angekündigt. Das hat mich echt mitgenommen. Auch dort habe ich mit den bekannten Informationen freundlich, aber bestimmt interveniert. Käme es nicht zu einer Absetzung – ich überlege ernsthaft, ob ich in diesem Fall auf weitere Besuche dort verzichten würde.

Ich undemokratischer Antifa-Zensor, ich.

Bildnachweise:
1,2:  Screenshots

3:     Bilder und Originaltext: © 2014 by Randall Munroe; übersetzter Text © 2014 Anatol Stefanowitsch.  (http://www.sprachlog.de/2014/04/19/xkcd-meinungsfreiheit/)

Für Impfgegner!

kennedy
Link dazu

Auch an anderen Stellen veröffentlicht:
Robert Kennedy jr. und Robert de Niro loben 100.000 Dollar für den aus, der die Unschädlichkeit von thiomersalhaltigen Impfstoffen bei Kindern und Schwangeren nachweist.

Dumm, perfide oder beides? Die klassische dumm-hinterlistige Forderung, etwas Nichtvorhandenes zu beweisen. Wieder mal wird eine Schleimspur gelegt, die zu einer Win-Win-Situation für die Impfgegner führen soll. Wie soll man die Nichtschädlichkeit beweisen, wenn eh klar ist, dass medizinstatistische Daten diese Herrschaften nicht beeindrucken werden? Und dann auch noch der Spezialfall von thiomersalhaltigen Impfungen (gibt es fast nicht mehr) bei Schwangeren und Kindern? Wie soll das denn gehen?

Was die Herrschaften oder vielleicht auch nur ihre Hintermänner wissen: Gar nicht. Sie werden, wenn jemand so verrückt ist, hierauf einzugehen, sich der Methode Lanka bedienen: Mit nichts zufrieden sein. Was ja aufgrund der Fragestellung, die nach dem Beweis von etwas Nichtvorhandenem fragt, auch naheliegt. Oder es legt überhaupt niemand etwas vor, weil man sich nicht auch noch intellektuell selbst beleidigen will..

Folge in beiden Fällen: Es wird messerscharf gefolgert, dass niemand die Unschädlichkeit von thiomersalhaltigen Impfungen bei Schwangeren und Kindern belegen kann. Und daraus wird triumphal abgeleitet, dass thiomersalhaltige Impfungen bei Schwangeren und Kleinkindern schädlich sind.

So.

Hiermit lobe ich demjenigen, der mir den wissenschaftlichen Beweis dafür erbringt, dass Robert Kennedy jr. und Robert de Niro keine Idioten sind, 100 Euro und einen Bund Bio-Knoblauch aus. Und wehe, keiner gewinnt die Auslobung hier! Dann steht nämlich klar fest, dass Robert Kennedy jr. und Robert de Niro ….

Genau.

 

 

Bildnachweis: Screenshot Buzzfeed

 

Innehalten

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Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

wir alle stehen unter dem Eindruck der gestrigen Ereignisse, nicht nur derer in Berlin. Es ist momentan nicht die Zeit, so zu tun, als könne man weitermachen wie bisher. Deshalb an dieser Stelle heute auch kein neuer Fachbeitrag.

Ich habe die gestrige Nacht in den sozialen Medien mitverfolgt, wo sich viel ehrliche Empathie sammelte. Aber: Noch viel mehr häuften sich Vorverurteilungen, heraussprudelnde Vorurteile, pure Dummheiten und noch viel, viel mehr. Dies, ohne dass überhaupt verlässliche Informationen zu Tat- und Tätereinzelheiten verfügbar waren. Den Vorreiter machte dabei einmal mehr eine Partei, deren Namen ich hier gar nicht aussprechen möchte. Vieles davon hat mich traurig gemacht, einiges auch wirklich entsetzt. Ich sehe hier große Teile der Bevölkerung auf einem sehr, sehr verhängnisvollen Weg, nämlich dem, der von Terroristen gewollten Verunsicherung im Volk und der damit einhergehenden politischen Radikalisierung massiv Vorschub zu leisten.

Und damit ist es gar nicht so weit zu dem Anliegen dieses Blogs hier: Der plädiert nämlich -unter der Flagge eines speziellen Themas, der Pseudomedizin- auch dafür, sich nicht von gefühlten Wahrheiten mitreißen zu lassen, sondern auch unter Dauerfeuer zwei Dinge zu bewahren: Vernunft und Fairness. Was im übrigen kein Plädoyer für unreflektiertes „Gutmenschentum“, sondern für rationale Überlegung und Problemlösung sein soll. Niemand kann so tun, als gebe es keine Probleme.

Ich erlaube mir abschließend einen Hinweis auf den Kommentar von Michael Schmidt-Salomon bei der Giordano-Bruno-Stiftung.

Ergänzung, 18.14 Uhr: Wer noch tiefere Denkanstöße sucht, sei auf diesen Beitrag auf den NachDenkSeiten hingewiesen.

Bleiben wir wachsam. Bleiben wir engagiert. Nehmen wir Fakten zur Kenntnis und nutzen wir unsere Fähigkeiten dazu, diese von Propaganda zu unterscheiden. Bleiben wir auf der Seite von Ratio und Empathie, ohne uns davon abhalten zu lassen, Notwendiges zu fordern und zu tun.

Danke. Und allen Lesern wünsche ich trotz allem schon jetzt ein friedliches Weihnachtsfest und ausreichend Gelegenheit, aus diesem Anlass die Bindungen zu Familie und Freunden zu vertiefen oder gar neu zu knüpfen.

Bildnachweis: gemeinfrei

Deutsches Ärzteblatt zum Heilpraktikerproblem

 

Mal wieder nur ganz kurz, mit Dank an das Ärzteblatt:

Deutlichste Worte zum Thema Duldung von „Heilpraktikern“ im Sinne meiner Beiträge auf diesem Blog:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/183771/Heilpraktiker-Kosmetische-Aenderungen

und eine fundierte Lesermeinung dazu:

http://www.aerzteblatt.de/forum/119041

Dem ist nicht das Geringste hinzuzufügen. Außer, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, wenn die gesamte organisierte Ärzteschaft auf der Grundlage der beschriebenen Fakten und Argumente geschlossen Druck auf die Politik ausüben würde. Unter Inkaufnahme der Verärgerung der Schwurbel- und Experimentalfraktion. Das müsste doch möglich sein! Und ist dringend nötig, denn inzwischen hüllt man sich in dieser Sache mal wieder allseits in beredtes Schweigen. Dieses Schweigen ist allerdings weder Gold noch Silber.

 

Och nee… Schon wieder Heilpraktiker(reformen)…

jonglieren
Fröhliches Paragrafenjonglieren

Neues von der Heilpraktikerreformfront. Wie das Ärzteblatt berichtet, ist man in Berlin offenbar dabei, einen gewaltigen Anlauf zu einer grundlegenden Reform des Heilpraktikerwesens zu nehmen (zum Thema in diesem Blog siehe hier, hier und auch noch hier.

Worauf dürfen sich nun Skeptiker und Kritiker freuen, die in den letzten Wochen vielfach fundierte Kritik am Heilpraktikerwesen, diesem Wurmfortsatz am öffentlichen Gesundheitswesen, geäußert haben? Nun, ich zitiere das Ärzteblatt

„Die Gesundheitsämter können die Erlaubnis versagen, „wenn sich aus einer Überprü­fung der Kenntnisse und Fähigkeiten des Antragstellers ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für die Volksgesundheit bedeuten wür­de“, heißt es in den Leitlinien. Gemäß Änderungsanträgen von Union und SPD soll künf­tig eine Erlaubnis auch dann versagt werden können, wenn die Überprüfung ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für jeden einzelnen Pa­tienten bedeuten würde.“

Aha. Soso. Darum geht’s. Ich erlaube mir mal, das als belangloses Wortgeklingel abzutun. Doch halt: Der juristische Instinkt in mir spürt: Hier stimmt doch was nicht…

Rein sprachlogisch: Wie soll denn festgestellt werden, dass jemand für jeden einzelnen Patienten, den er in Zukunft haben wird, eine Gefahr darstellt? Das ist doch kompletter Unsinn. Ungefähr der umgekehrte Fall des alten Problems, wie man feststellt, warum eine bestimmte Einrichtung einen gewaltigen Besucherschwund aufweist: Gar nicht, denn die Leute, die weg sind, kann man ja nicht mehr fragen. Und: Es liegt ja auf der Hand, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Wohlfühl-Patienten erscheinen werden, die entweder gar keine oder eine selbstlimitierende, harmlose Erkrankung haben und denen ein paar Globuli oder eine Pendelsitzung, meinetwegen auch eine anthroposophische Kräutermischung, sicher nicht gefährlich werden. Damit könnte dieser Ausschlussgrund niemals wirklich zum Tragen kommen.

Damit ist die geplante „Neuregelung“ schon mal eine unnötige und unwirksame Leerformel. Vermutlich schielt der Bund mit einem Auge darauf, dass die Länder per Durchführungsbestimmung dieses schöne Produkt intensiven gesetzgeberischen Nachdenkens schon noch irgendwie mit Inhalt füllen werden. Nur: Siehe den vorhergehenden Absatz. Der Unterschied zwischen Leerlauf und Stillstand besteht lediglich im Energieverbrauch, für die Fortbewegung ist er unwesentlich.

Wie soll vor einem solchen Hintergrund eine rechtssichere, einem verwaltungsgerichtlichen Verfahren standhaltende „Prüfung“ stattfinden? Eine derart unsinnig-verquaste Regelung wird eher dazu führen, dass die Prüfenden, da ihnen die Kriterien entgleiten, mit Aussicht auf unfruchtbare Widerspruchs- und Rechtsmittelverfahren eher mal Fünfe gerade sein lassen als bisher. Und das wäre schlimm, sehr schlimm.

Fazit: Ich gehe mal -in dubio pro legislator- davon aus, dass das nicht alles sein kann, was den Fraktionen zur „Reform“ des Heilpraktikerwesens einfällt. Das hier ist allerdings schon mal eine klassische Nullnummer.

Ich stelle fest: Keinen Schritt vor, einen halben zur Seite.

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Den Begleitchor zu den aktuellen „Reformbestrebungen“ gibt unter anderem der Verband klassischer Homöopathen Deutschlands e.V. (VKHD), der übrigens unter dem Motto „ganz Homöopathie – ganz Heilpraktiker“ steht und damit einmal mehr beweist, dass Homöopathie und Heilpraktiker symbiotisch zusammen gehören. Klar, ist doch die Homöopathie schon deshalb im Schatzkästlein der Heilpraktiker und als Aushängeschild unverzichtbar, weil sie -zu Unrecht- vergleichsweise am Wenigsten im Ruf einer halbseidenen esoterischen Methode steht.

Die aktuelle Pressemitteilung des VKHD ist betitelt mit „Viele Gesetze regeln den Heilpraktikerberuf  – Heilpraktiker bereichern das Gesundheitswesen und unterliegen strengen gesetzlichen Regelungen“. Klar, man möchte der letztlich doch beunruhigenden Erkenntnis entgegenwirken, dass der Heilpraktikerstand mehr oder weniger ungeregelt vor sich hinwerkelt. Was finden wir hier außer den üblichen Beteuerungen zur Wichtigkeit, ja Unverzichtbarkeit und Seriosität des Heilpraktikerstandes?

„Das Behandlungsspektrum von Heilpraktikern wird zum Beispiel durch den sogenannten Arztvorbehalt eingeschränkt, wie es u.a. im Infektionsschutz-,  Arzneimittel-,  Zahnheilkunde- und Betäubungsmittelgesetz geregelt ist. So darf ein Heilpraktiker beispielsweise weder Zahnheilkunde ausüben noch bestimmte übertragbare Erkrankungen behandeln oder rezeptpflichtige Arzneien verordnen.

Heilpraktiker müssen sich auch an die Vorgaben des Patientenrechtegesetzes, des Medizinprodukterechts und Arzneimittel- sowie des Infektionsschutz- und Heilmittelwerbegesetzes halten. Der öffentliche Auftritt eines Heilpraktikers wird darüber hinaus noch durch das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) geregelt. Zudem gelten auch für sie dieselben Haftungs-, Sorgfalts-, Aufklärungs-, Dokumentations- und Fortbildungspflichten wie für Ärzte. Neben der Schweigepflicht müssen Heilpraktiker auch die berufsgenossenschaftlichen Vorschriften, die gängigen Anforderungen an Hygiene (RKI-Hygienerichtlinie) und an Biologische Arbeitsstoffe (TRBA 250) einhalten.“

Ah ja. Wie mir scheint, eher eine quantitative Aufzählung. Dazu sei die Bemerkung erlaubt, dass sich Otto Normalstaatsbürger noch einer weitaus größeren Menge an zu beachtenden Regelungen gegenübersieht, vom Strafgesetzbuch bis zur örtlichen Lärmschutzregelung. Auch der Bäckermeister, der Kfz-Mechaniker, der Maurerpolier sehen sich einer vergleichbaren Regelungsfülle gegenüber. Aber: All das sind Rahmen- und Ordnungsregeln. Nicht mehr. Wo aber finde ich hier das Gebot, dass die Heilpraktiker ausschließlich im Rahmen wissenschaftlicher Standards „behandeln“ dürfen? Wo finde ich eine Positiv- oder Negativliste zugelassener bzw. ausgeschlossener Mittel und Methoden? Wo finde ich etwas zum „Heilen“ oder zur „Praxis“? Zudem wage ich zu bezweifeln, ob all diese aufgezählten Einzelaspekte tatsächlich praktische Bedeutung für den Heilpraktiker entfalten. Gerade der Aspekt der Haftungs-, Sorgfalts-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten würde für sich einer eingehenden Betrachtung bedürfen. Und Fortbildungspflicht? Es gibt ja nicht einmal eine Ausbildungspflicht, geschweige denn Ausbildungsinhalte, an die eine Fortbildung anknüpfen könnte! Die Beliebigkeitsfortbildung, wie sie die Heilpraktikerschulen anbieten, soll doch wohl nicht mit der Pflichtfortbildung der Ärzteschaft gleichgesetzt werden…

Potemkinsche Dörfer. Kulisse, die das Eigentliche verdeckt, nämlich die unter dem Begriff der „Therapiefreiheit“ weitestgehende Beliebigkeit bei der Ausübung der „Heilkunde“ durch nicht wissenschaftlich ausgebildete Menschen.

 

Bildnachweis:  dreamstime_xs_35303352

Homöopathie im Viehstall – kann nicht wahr sein…

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Nicht verraten: Ich wandere aus…

Heute komme ich zu einem Thema, das mich besonders bewegt: Der Propagierung von „Homöopathie in der Tierzucht“ als vorgebliche Lösung der inzwischen breit problematisierten Methode des großflächigen Einsatzes von Antibiotika bei der Nutztierhaltung.

Homöopathische „Behandlung“ von Tieren habe ich schon an anderer Stelle dieses Blogs  ganz klar als Tierquälerei gebrandmarkt. Die nötigen Informationen hält auch das Informationsnetzwerk Homöopathie bereit. Mit dem heutigen Thema ist aber noch einmal eine ganz andere Qualität erreicht. Zudem wird deutlich, dass allen Ernstes die Homöopathiegläubigkeit bis in die Amtsstuben der für Landwirtschaft und Viehzucht zuständigen Kammern und Behörden vorgedrungen ist – respektive unentschuldbare Unwissenheit sich dort eingenistet hat. Da die dortigen Rauchwarner auf diese Form heißer Luft offenbar nicht anschlagen, heute dazu ein paar klare Worte.

Wo ist das Problem?

Die heutigen Haltungsbedingungen in der Intensivviehzucht führen aus verschiedenen Gründen (vor allem durch die Standhaltung mit geringem Platzangebot, aber auch durch hygienische Mängel, die nicht so leicht zu beheben sind, und anderes) zu einer hohen Infektionsdichte im Viehbestand. Kann man sich leicht vorstellen. Inzwischen ist die vorbeugende Behandlung mit Antibiotika -auf gut deutsch, die Aufrechterhaltung eines Mindestwirkpegels im Körper der Tiere- das „Mittel der Wahl“. Folgen: Antibiotikaführendes Schlachtfleisch, alle mit dauernden Antibiotikagaben verbundenen Nebenwirkungen (z.B. Pilzinfekte) beim Tier, Antibiotikapegel unakzeptabler Größe in Abwässern, Resistenzentwicklung, hohe Kosten und anderes. Nicht wünschenswert, eine echte Fehlentwicklung, zweifellos. Das hat man, nachdem sich dieser Zustand über lange Zeit hin unter den Augen der Viehzüchter und der verantwortlichen Kammern und Behörden entwickelt hat, immerhin bemerkt.

Ja, und was ist jetzt mit Homöopathie?

Allerorten wird nun nach dem Stein der Weisen gesucht, der ja bekanntlich nicht nur Gold aus beliebigen Grundstoffen erzeugen, sondern auch jede Krankheit heilen konnte. Wegen der Geschichte mit den Amtsstuben der zuständigen Kammern und Behörden (siehe oben) tut sich nun plötzlich ein El Dorado (nie für möglich gehaltenes Goldland) für die Propagandisten der schonenden und sanften Tiertherapie mit Homöopathika auf. Zu erkennen beispielsweise an den von den Zuständigen organisierten Fortbildungsveranstaltungen für die interessierte Landwirtschaftsbranche (z.B. hier). Kein Einzelfall. Dort bekommen Leute eine Plattform, die schon länger versuchen, die Nutztierhaltung mit Zuckerkügelchen zu sabotieren.

Scheint auch niemanden zu interessieren, dass vor kurzer Zeit erst ein Milchbauer wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz verurteilt worden ist, weil er ein akut krankes Tier mit wirkungslosem Homöopathiezeugs misshandelt hat. Das arme Kälbchen hatte eine Kniegelenksentzündung, eine Allerweltssache für jeden guten Tierarzt, es ist durch die Zuckerkügelchen allen Ernstes daran gestorben.

Bekanntlich ist ja bei der Homöopathie das Nicht-Scheiternkönnen im System eingebaut. Diesmal könnte es aber ganz anders kommen, und das sage ich nicht aus Häme gegenüber den verhinderten Tortenverzierern.

Dass die Homöopathie  -einschließlich Tierhomöopathie- von vornherein eine unwirksame Methode ist, brauche ich in diesem Blog nicht mehr besonders zu betonen. Wer’s noch nicht mitgekriegt hat, ist herzlich zum Stöbern und Lesen in den Artikeln hier eingeladen (ein Überblick hier). Dass homöopathische Prophylaxe zur Gruppe des größtmöglichen Unsinns gehört und Hahnemann den Atem verschlagen hätte, habe ich auch schon dargelegt, beispielsweise hier und hier. Dieser Aberwitz, auch noch kombiniert, soll nun für das Problem der Überantibiotisierung im Viehstall herhalten…

Was wird geschehen, wenn das wirklich durchgezogen wird? Ganz einfach, eine Häufung von Infektionsfällen bis hin zu veritablen Stallseuchen, die womöglich auch noch in der Keulung von Beständen enden könnten (je nach Infektionsart und -umfang). Was sonst? Es entfällt ja jeder Schutz – durch eine unwissenschaftliche Hokuspokusmethode, die mit viel Geld und ebensoviel Lobbymacht viele, allzuviele Hirne besetzt hält. Die kritische Masse, bei der sich das Gefühl, etwas zu wissen, in einer Gruppe verselbständigt, ist längst überschritten.

Hinzu kommt die Gefahr, Fleisch von erkrankten Tieren auf dem Teller des Verbrauchers wiederzufinden. Sowohl bei einer Umstellung der Prophylaxe auf Homöopathika als auch bei der homöopathischen Behandlung akut erkrankter Tiere besteht selbst bei einem Verschwinden der Symptome ein hohes Risiko bakterieller Belastung der Tiere. Kommen diese in die Schlachtung oder werden sie wieder in den Milchkreislauf eingegliedert, dann viel Vergnügen. Auch der Verbraucherschutz spielt also beim heutigen Thema eine sehr große Rolle.

Ich kann deshalb, als kleiner Blogschreiber, nur alle warnen, die es angeht: Dieser haarstäubende, hinverbrannte „Weg“, das Antibiotikaproblem im Stall zu lösen, kann durchaus in wirtschaftlichen und auch ökologischen Katastrophenlagen enden. Und es wäre nicht mehr als recht und billig, wenn die qua Amt Verantwortlichen, die sich heute auf ihrer Verwaltung des Unheils (z.B. in Form der Organisation von „Fortbildungsveranstaltungen“) ausruhen statt ihre wirklichen Aufgaben wahrzunehmen, sich dann wirklich verantworten müssten.

Wie gesagt – keine Häme. Sondern Sorge. Obwohl diese Sache -konsequent durchgezogen- durchaus zum endgültigen Desaster für die Homöopathie werden könnte. Mir wäre es trotzdem lieber, wenn sich Leute, die etwas von der Sache verstehen, zusammensetzen und Alternativen entwickeln, die natürlich als erstes die bisherigen Formen der Intensivtierhaltung in den Blick nehmen müssten. Und die Großökonomen, die den Euro im Auge haben, seien nochmals gewarnt: Homöopathika im Stall können im Endeffekt wesentlich teurer kommen als Änderungen bei der Intensivtierhaltung. Was zudem passieren kann, wenn der Verbraucher das Vertrauen in die Fleisch- und die Milchwirtschaft verliert, dazu braucht man sich nur einmal die damalige „BSE-Panik“ in Erinnerung rufen.

Übrigens schreibe ich diesen Artikel nicht nur als Homöopathiegegner, sondern auch als Tierfreund und Beinahe-Vegetarier.

DCF 1.0
Homöopathie für meine Freunde? Is Quatsch ne, weisste selbst…

Bildnachweis: Eigene Bilder