Die EU, Spanien und der DZVhÄ

Bekanntlich ist die spanische Regierung dabei, auf dem Markt der Pseudomedizin so manchen Standplatz zu kündigen und ein Großreinemachen in Angriff zu nehmen. Die Homöopathie nimmt dabei – das wollen wir neidlos anerkennen – einen prominenten Spitzenplatz ein.

Und so hat im Nachgang zur offiziellen Mitteilung der spanischen Regierung an die EU-Kommission, dass sie gedenke, die Marktzugangs- und Werberegelungen für Homöopathie zu ändern, ein spanischer EU-Abgeordneter einige Fragen an die Kommission gerichtet, offenbar um auszuloten, ob Aussicht besteht, dass die EU ihrerseits die Regeln (Richtlinie 2001/83/EG) möglicherweise verschärft. 

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Bullshitschleuder pro Homöopathie?!?

Schon mal vom BPH gehört? Der „Bundesverband Patienten für Homöopathie e.V“. Gibts schon lange, dümpelte aber meines Wissens seit Äonen so vor sich hin, auch auf dem Webauftritt tat sich praktisch nichts.
Offenbar hat sich jemand aus der homöopathischen Szene gefunden, der sich darangemacht hat, den Laden mal wieder zu beatmen. Dabei wird mächtig auf die Tube gedrückt. Anlässlich der bayerischen Landtagswahl wurde ordentlich gelärmt für den gesetzlichen Zuckerschutz. Vor kurzem wurde mal wieder das Geraune um das Review des australischen NHMRC aufgewärmt (Einzelheiten in meinem Blog, Suchwort NHMRC), wo Herr Tournier, Chef des Homeopathy Research Institute, angebliches Insiderwissen zum „Stand der Dinge“ von sich gab, von dem in Australien nichts bekannt ist… Naja.

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WO SIND WIR HIER EIGENTLICH?!?

Die Debatte über Homöopathie in Apotheken hat seit kurzer Zeit aufgrund eines bemerkenswerten Vorganges zusätzlich Fahrt aufgenommen:  Apothekerin Iris Hundertmark aus Weilheim in Oberbayern hat viel Zuspruch für ihre Entscheidung erfahren, in ihrem Betrieb keine Homöopathika mehr vorzuhalten und aktiv zu vertreiben. Diese Entscheidung ist selbstredend eine persönlich verantwortete und steht ihr im Rahmen ihrer Betriebsfreiheit fraglos zu, zumal sie die Belieferung rezeptierter Homöopathika weiterhin garantiert. Aber siehe da  – in nicht geringem Ausmaß (jedoch für den erfahrenen Kritiker nicht unerwartet) war sie persönlich gefärbten, unsachlichen und von Unkenntnis über die Homöopathie strotzenden Anwürfen von vielen Seiten, vorrangig gar der Kollegenschaft, ausgesetzt. Der Grad von Irrationalität, mit dem die Homöopathie in Deutschland vielfach „verteidigt“ wird, zeigt sich in diesem Vorgang einmal mehr mit bestürzender Deutlichkeit. „WO SIND WIR HIER EIGENTLICH?!?“ weiterlesen

Was erlaube Homöopathen?

Zum 20. Jahrestag der legendären Münchner Pressekonferenz vom Meister des gepflegten Wutausbruchs Giovanni Trappatoni sei diese leicht abgewandelte Einleitung eines durchaus ernstgemeinten Artikels einmal gestattet – unpassend ist sie auf keinen Fall. Passend ist rein zufällig in unserem Zusammenhang auch ein anderes 20-jähriges Jubiläum, das mit dem Wort „Retracted“ in enger Verbindung steht.

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Münsteraner Memorandum Homöopathie – und ein Echo.

Evidenzbasierte Medizin

Ein überfälliges Thema für die Ärzteschaft

Am 9. März 2018 hat der „Münsteraner Kreis“ sein zweites Grundsatzpapier, das „Münsteraner Memorandum Homöopathie“ , veröffentlicht. Es stellt einen Appell an den im Mai d.J. stattfindenden 121. Deutschen Ärztetag dar, im Rahmen der dort anstehenden Diskussion über die Weiterbildungsregelungen der Ärzteschaft zu einer ersatzlosen Streichung der „Zusatzbezeichnung Homöopathie“ zu kommen.

Ein wohlüberlegter Schritt, will mir scheinen. Da es ja -entgegen dem voraussehbaren „Verständnis“ mancher – nicht um eine Abschaffung, ein Verbot der Homöopathie oder um eine „Einschränkung von Therapiefreiheit und Patientenautonomie“ geht und von der Politik jedenfalls ein kurzfristiges Handeln nicht zu erwarten ist, sollte zumindest die der wissenschaftlichen Medizin verpflichtete Ärzteschaft endlich einsehen, dass ihr Selbstverständnis mit dem Festhalten an einer unwirksamen Scheintherapie längst nicht mehr vereinbar ist. Ganz sicher nicht auch noch mit der Privilegierung durch eine „ärztliche Zusatzbezeichnung“, die dem Patienten ja nicht nur eine besondere Qualifikation der Ärztin / des Arztes vermittelt, sondern auch die Validität und Seriosität der Methode mehr als suggeriert.

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Ärzte und Homöopathie – eine Reputation?

Ein viel gebrauchtes Argument der homöopathischen Fraktion ist, dass die Methode ja von approbierten Ärzten auch in nicht unerheblichem Umfang angewendet werde. Woraus man bitte doch auf die Seriosität der Homöopathie schließen möge, denn die Ärzte als akademisch-wissenschaftlich ausgebildete Fachleute würden das doch niemals tun, wenn sie nicht zutiefst von ihrer Richtigkeit und Evidenz überzeugt wären.

Gewisse Zweifel an dieser Konklusion hatte ich ja schon immer. Insofern fand ich es interessant, dass bei der Studiendatenbank PubMed eine Publikation eingestellt wurde, die sich genau mit diesem Thema befasst: „Beliefs, endorsement and application of homeopathy disclosed: a survey among ambulatory care physicians“, also „Glaube, Befürwortung und Anwendung der Homöopathie: Eine Umfrage unter Ärzten im ambulanten Bereich“.

Und was steht da so drin?

Befragt wurden alle Ärzte, die im Jahr 2015 im Schweizer Kanton Zürich ambulant tätig waren (n = 4072). Es ging um folgende Fragestellungen:

  • Zusammenhang der Verordnung von Homöopathie mit medizinischen Fachgebieten;
  • Welche Absichten mit den Verordnungen verfolgt wurden;
  • Inwieweit ergaben sich Übereinstimmungen mit bestimmten Einstellungen;
  • Ansichten zur Homöopathie einschließlich Erklärungsmodelle,
  • Bewertung der Evidenzbasis der Homöopathie;
  • Annahme der Eignung von Homöopathie bei bestimmten Indikationen,
  • Erstattungsfähigkeit der homöopathischen Behandlung durch die gesetzlichen Krankenkassen?

Die Teilnahmequote betrug 38%, das Durchschnittsalter 54 Jahre. 61 % der Befragten waren männlich. Bei 40 % handelte es sich um internistische Allgemeinärzte.

23% der Befragten verordneten Homöopathie mindestens einmal jährlich. Schwerpunktmäßig waren an medizinischen Fachgebieten besonders an den Verschreibungen die Bereiche Allgemeinmedizin (keine Spezialisierung), Pädiatrie und Gynäkologie/Geburtshilfe beteiligt.

Von den Verordnungen waren nur 50 % eindeutig dazu bestimmt, spezifische homöopathische Wirkungen hervorzurufen, nur 27 % der Verschreibenden hielten sich strikt an die homöopathische Verschreibungslehre (was ist das?) und nur 23 % glaubten, dass es wissenschaftliche Beweise für eine Wirksamkeit der Homöopathie gibt. Die Sicht auf die Homöopathie als Placebo-Methode fand die stärkste Zustimmung unter den Verordnern (!) und auch den Nichtanwendern (63% bzw. 74% Zustimmung). Eine Erstattung homöopathischer Heilmittel durch die gesetzliche Krankenversicherung wurde von 61% aller Befragten abgelehnt (was immerhin im Hinblick auf die momentane Gesetzeslage in der Schweiz bemerkenswert ist).

Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass medizinische Fachgebiete die Homöopathie mit deutlich unterschiedlicher Häufigkeit anwenden und nur die Hälfte der Verordnungen dazu bestimmt war, homöopathie-spezifische Wirkungen erzielen zu wollen. Darüber hinaus erkennt die Mehrheit der Verordner (!) an, dass die Wirksamkeit der Homöopathie nicht bewiesen ist und misst ihren traditionellen Prinzipien wenig Bedeutung bei.

Bestimmte medizinische Spezialgebiete (wen wundert es, dass es sich dabei um Pädiatrie und Gynäkologie/Geburtshilfe handelt?) und die damit verbundenen Anforderungen der Patienten, aber auch die Offenheit der Ärzte gegenüber Placeboeingriffen können bei homöopathischen Verschreibungen eine Rolle spielen. Die ärztliche Fortbildung sollte daher nicht nur die Evidenzgrundlage der Homöopathie, sondern auch ethische Dilemmata mit Placebo-Interventionen thematisieren.

Man darf hiernach sicher festhalten, dass von einem Rückhalt der Homöopathie in der Ärzteschaft zumindest bei dieser Untersuchung keine Rede sein kann. Allerdings gibt es trotz dieses irgendwie ermutigenden Ergebnisses immer noch zuviel davon. Beispielsweise konzentriert in der Mitgliederschaft des Deutschen Zentralvereins homöopatischer Ärzte, was die Ärztekammern in die Lage versetzen könnte, Fortbildungen sehr gezielt anzubieten…

 

Homöopathie unter Ockhams Rasiermesser

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William Ockham, offensichtlich nach der Rasur. (Titelbild der „Logica“)

Ein wenig Wissenschaftstheorie – keine Angst!

Wissen Sie, lieber Leser, was man unter „Ockhams Rasiermesser“ versteht? Nein, liegt nicht im British Museum. Es ist ein auf William Ockham (1288–1347) einem Philosophen und Naturforscher der späten Scholastik, zurückgehender Begriff, der als einer der wenigen aus so früher Zeit auch heute noch wissenschaftstheoretisch Bedeutung hat. Ockhams Rasiermesser hat sich sehr darin bewährt, pseudowissenschaftliche Streu vom wissenschaftlich interessanten Weizen zu unterscheiden. Nun ja, mit ihrer Pflicht zur Tonsur war das Wissen über ordentliche Rasiermesser zweifellos auch schon in mittelalterlichen klerikalen Kreisen weit verbreitet.

Es wird auch das Prinzip der „Sparsamkeit statt Vielfalt“ genannt. Einer der zugrunde liegenden Gedanken ist, dass die Hinzunahme immer neuer Hypothesen und Variablen eine Theorie immer schwerer verifizierbar macht und diese im Endeffekt im Nebel der Nicht-Verifizierbarkeit entschwindet. Was diejenigen, die eine Behauptung aufstellen, in eine komfortable Situation bringt: Sie versuchen mit dem Hinweis, eine Widerlegung sei ja nicht gelungen, ihre eigene positive Beweispflicht umzukehren. Kommt das jemand bekannt vor?

Ockhams Prinzip kommt in zwei Sätzen zum Ausdruck:

  • Von mehreren möglichen Erklärungen für den gleichen  Sachverhalt ist die einfachste Theorie bis zum expliziten Beweis des Gegenteils allen anderen vorzuziehen.
  • Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt kausal-logisch folgt.

Achtung, Benutzerhinweis: Ockhams Rasiermesser ist kein Kriterium für die Richtigkeit einer Theorie oder Hypothese im Sinne heutiger Wissenschaftlichkeit. Sie ist aber ein sehr wirkungsvolles Instrument,  um auf den Schlüssigkeitsgehalt, die Konsistenz, einer solchen zurückzuschließen, eine der Methoden, um Bullshit von Diskutablem zu unterscheiden, und hat sich dabei außerordentlich bewährt. Die Wissenschaftsgemeinde betrachtet neue Theorien, die offensichtlich allzuviel Nebenannahmen und Variablen anführen, mit äußerstem Misstrauen. Zu Recht.

 

Bitte entspannt sitzenbleiben, wir schreiten zur Rasur!

Die Homöopathie erscheint auf den ersten Blick so schön „ganzheitlich“, so „einfach“, so geschlossen. Einem Test mit Ockhams Rasiermesser hält sie aber nicht stand. Warum?

Es liegt an den Variablen, der Subjektivität und Unverbindlichkeit der Arzneimittelprüfung und der darauf beruhenden Repertorien, der Verzeichnisse, die die Symptombilder und die angeblich dazu gehörenden homöopathischen Mittel enthalten. Sie sind die „undichte Stelle“ der Homöopathie, an der schon die früheste Kritik der Methode ansetzte, als man Hahnemanns Konzepte von der gestörten „geistartigen Lebenskraft“ noch für immerhin diskutabel hielt.

Hahnemann hatte sein schönes Gedankengebäude, vom Similieprinzip bis zur Potenzierung, dogmatisch, auf wenigen Hypothesen beruhend. Man hätte also annehmen können, dass es dem Prinzip der Einfachheit durchaus genügte. Was die Hypothesen betrifft. Aber das waren ja nur die Hypothesen, das noch leere Gefäß, dass mit den Variablen gefüllt werden musste, mit denen überhaupt erst eine Relevanz für die Praxis der „einzig wahren Heilkunst“ gegeben war.

Hahnemann und seine Jünger begannen dann damit, alle möglichen und unmöglichen Stoffe im Rahmen von Arzneimittelprüfungen am Gesunden zu „testen“. Schon dieser „Blindflug“ nach dem Motto „Masse statt Klasse“ bzw. „Irgendwas wird schon rauskommen“ fällt Ockhams Rasiermesser zum Opfer. Diese Vorgehensweise infiziert nämlich das schöne Gedankengebäude der Homöopathie mit dem Virus der Beliebigkeit, man könnte auch sagen, der Grenzenlosigkeit. Denn es geht ja erst einmal davon aus, dass unendliche viele Prüfstoffe mehr oder weniger unendlich viele Symptombilder ergeben können.

Ja, und das tun sie auch. Das kommt dann in den immer dicker werdenden Repertorien zum Ausdruck. Die werden nicht nur deshalb immer dicker, weil sich die Homöopathen nach wie vor mangels Kriterien auf jeden neuen Stoff stürzen, dessen sie habhaft werden können (Plutonium, Berliner Mauer, Weltraum-Vakuum), sondern auch daher, dass die Symptombeschreibungen bei den Arzneimittelprüfungen völlig unspezifisch sind. So tauchen z.B. „leichte Magenbeschwerden“ zusammen mit „Träumen von Feen“ auf, bei einem anderen „Träumen von Feen“ zusammen mit andauerndem Kopfschmerz, bei einem dritten der andauernde Kopfschmerz zusammen mit einem deutlichen Unwohlsein bei schlechtem Wetter. Da werden dann Symptomsammlungen in den Repertorien kombiniert und differenziert, was das Zeug hält. Und es wird immer mehr. Eine Flut von Variablen, geradezu ein Meer. Potenziell unendlich. Wo bleibt hier die Begrenzung der Variablen, die in klaren, logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt -in diesem Fall Diagnose und Therapie am homöopathischen Patienten- logisch folgt? Von Widersprüchlichkeiten ganz abgesehen.

Es kommt aber noch schöner. Prokop (Der moderne Okkultismus, Voltmedia / Urban & Fischer, 2006) weist darauf hin, welche Unlogik der Tatsache innewohnt, dass man auch schon das eine oder andere homöopathische Mittel „aufgegeben“ hat, obwohl dieses doch erst durch Ergebnisse der Arzneimittelprüfung mit angeblich klarer Symptomatik in die Repertorien gelangt ist!?! Genau wie die anderen, die man belassen hat! Wie kann das sein? Haben sie keine Wirkung gezeigt? Sind bei erneuten Arzneimittelprüfungen andere Symptome herausgekommen? Na, das wären ja dann schöne Beweise gegen das ganze Konzept der Homöopathie… Das ultimative Rasiermesser, sozusagen.

 

Wie war das noch mit dem Ausspruch Einsteins über die Unendlichkeit?

Die einzigen, die mit potenziell unendlichen Variablen in der Wissenschaft arbeiten, sind meines Wissens die Astrophysiker. Aber die sind sehr vorsichtig mit ihren Aussagen, so lange nur mathematische Modelle ohne Bestätigung durch wiederholte Beobachtung vorliegen. Im Gegensatz zu den Homöopathen, die kein Problem damit haben, ihre „Heilkunst“ potenziell ins Unendliche ausdehnen.

Nach Einstein gibt es nur zwei potenziell unendliche Phänomene. Eins davon ist das Universum. Zudem sind wir heute schon weiter als Einstein. Wir wissen, dass beide Phänomene sich trotz ihrer potenziellen Unendlichkeit immer weiter ausdehnen.

 

 

Bildnachweis:

1: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=457963

Die Inkonsistenz der Homöopathie – Epilog

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Nun mag man ja sagen, gut und schön, einleuchtende Beispiele, aber was spricht denn grundsätzlich gegen den Versuch, eine alte Hypothese mit neuzeitlichen Kenntnissen beweisen zu wollen?

Anschläge auf Samuel Hahnemann

Nun, es spricht dann Grundsätzliches dagegen, wenn die „Beweise“ oder „Weiterentwicklungen“ die zu beweisende Hypothese in sich und in ihrem Zusammenhang zerstören. Hahnemanns homöopathische Lehre ist ein relativ schlüssiges, wenn auch auf falschen Prämissen beruhendes Gedankengebäude. Es macht insofern nur Sinn, von Homöopathie zu sprechen, wenn die Schlüssigkeit -die Konsistenz- dieses Gebäudes nicht aufgebrochen und ganz oder teilweise in Frage gestellt wird. Genau dazu führen aber alle Versuche von „Beweisen“ einzelner Theorieteile und „Weiterentwicklungen“ nach den Grundsätzen freien Künstlertums. Dies sind nämlich nur untaugliche Versuche, Hahnemanns Hypothese mit einzelnen Bedeutungsinhalten zu unterfüttern, die er selbst ohne Zweifel entrüstet zurückgewiesen hätte. Nicht etwa die Ausbildung einer sich konsistenten Weiterentwicklung.

„Forschung“ als Rosinenpickerei

Nehmen wir doch die -sämtlich gescheiterten oder unbewiesen gebliebenen – Versuche, ein „Wassergedächtnis“ nachzuweisen, in Verdünnungen oberhalb 10^23 „Nanopartikel“ zu finden, elektromagnetische „Schwingungen“ zwischen zwei benachbarten potenzierten Lösungen zu detektieren, womöglich unter Anrufung der Quantentheorie, und manches mehr. Denkt man einmal über diese Ansätze nach, kommt man zu dem Ergebnis, dass sie eigentlich Angriffe auf Hahnemanns Homöopathie darstellen. Es wird ja geradezu angestrebt, beispielsweise durch Nachweisversuche materieller Wirkungen die gedankliche Grundlage Hahnemanns, die Regulierung der geistigen Lebenskraft mit ebenso geistartigen Kräften im homöopathischen Mittel, zu widerlegen. Von einer wissenschaftlichen Beweisführung zugunsten von Hahnemanns Hypothesen sind diese Versuche meilenweit entfernt. Hier wird doch nicht versucht, im wissenschaftlichen Sinne eine Theorie durch Falsifizierung und Erkenntnisgewinn weiterzuentwickeln – vielmehr wird an die Grundlagen von Hahnemanns Gedanken die Axt angelegt. Damit hat doch das ganze Gebäude mit der Bezeichnung „Homöopathie“ gar keine Existenzberechtigung mehr. Was für ein Irrweg! „Forschung“ als Rosinenpickerei auf Kosten des Kuchens. Eher Widerlegung als Bestätigung.

Samuel, die machen alles kaputt!

Auf einem niedrigeren Niveau finden wir das Gleiche bei den Komplexmittelverfechtern, bei den Selbstbehandlern, bei den komplementären Homöopathen, bei den Tierhomöopathen – alle brechen, wie gezeigt wurde, mit wesentlichen Teilen der Hahnemannschen Systematik, und verwandeln sie damit in eine Abbruchbaustelle. Sie nutzen Hahnemanns Homöopathie nur noch als Folie für ihre Fantastereien – und merken es wohl nicht einmal.

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Steht noch, aber…

An die Stelle einer wissenschaftlichen Weiterentwicklung durch das Erkennen von Irrtümern und deren Ersetzen durch neuere Erkenntnisse tritt eine Beliebigkeit, die mich an die Nutzung des Colosseums durch die römische Bevölkerung der Spätantike als Steinbruch erinnert. Jede Bruchbude wurde stolz als Weiterentwicklung des Colosseums verkauft, aber mit dem Colosseum selbst war nichts mehr anzufangen…

Die Statik reicht einfach nicht

Letzten Endes ist auch das -und hier schließt sich der Kreis- ein Beleg dafür, dass die Homöopathie als Theoriegebäude eben nicht entwicklungsfähig ist, denn ihre Grundannahmen und deren untrennbarer Zusammenhang erweisen sich nicht als trag- oder ausbaufähig. Beweisversuche, wie sie die Homöopathie-Lobby seit geraumer Zeit unternimmt, zielen im Grunde darauf ab, einzelne Teile des Gebäudes dadurch zu stützen, indem man andere preisgibt – und damit das ganze Haus unbrauchbar macht. Nur mal angenommen, es würden tatsächlich physiologisch wirksame Bestandteile in potenzierten Lösungen nachgewiesen – wo bleibt dann das Konzept der Regulierung der geistigen Lebenskraft durch immaterielle Wirkungen? Können das Simile-Prinzip, die Arzneimittelfindung und die Potenzierung weiter erhalten bleiben? Muss die Berufung auf Hahnemann womöglich ganz aufgegeben werden? Oder landet man womöglich im Ergebnis schlicht nur bei einer leichten Modifizierung der modernen Pharmakologie? Das wäre ein Ding…

Ach ja, bevor wir es vergessen: Homöopathie wirkt nicht. Egal ob mit oder ohne „Forschung“ und „Weiterentwicklung“.