Neue Richtlinien für die Heilpraktikerprüfung: Spiegelfechterei!

Das Bundesministerium für Gesundheit hat im Bundesanzeiger vom 22.12.2017 die neuen „Leitlinien zur Überprüfung von Heilpraktikeranwärterinnen und -anwärtern“ vom 7. Dezember 2017 bekannt gegeben. Die Leitlinien treten am 22. März 2018 in Kraft.

Naja. Damit ist der Auftrag, der im Zusammenhang mit der Miniänderung durch das 3. Pflegestärkungsgesetz ergangen ist, der Form nach erfüllt. Und jetzt? Ist so ziemlich das eingetreten, was an dieser Stelle dazu prognostiziert worden ist. Neue Richtlinien für die Heilpraktikerprüfung: Spiegelfechterei! weiterlesen

Ärzte und Homöopathie – eine Reputation?

Ein viel gebrauchtes Argument der homöopathischen Fraktion ist, dass die Methode ja von approbierten Ärzten auch in nicht unerheblichem Umfang angewendet werde. Woraus man bitte doch auf die Seriosität der Homöopathie schließen möge, denn die Ärzte als akademisch-wissenschaftlich ausgebildete Fachleute würden das doch niemals tun, wenn sie nicht zutiefst von ihrer Richtigkeit und Evidenz überzeugt wären.

Gewisse Zweifel an dieser Konklusion hatte ich ja schon immer. Insofern fand ich es interessant, dass bei der Studiendatenbank PubMed eine Publikation eingestellt wurde, die sich genau mit diesem Thema befasst: „Beliefs, endorsement and application of homeopathy disclosed: a survey among ambulatory care physicians“, also „Glaube, Befürwortung und Anwendung der Homöopathie: Eine Umfrage unter Ärzten im ambulanten Bereich“.

Und was steht da so drin?

Befragt wurden alle Ärzte, die im Jahr 2015 im Schweizer Kanton Zürich ambulant tätig waren (n = 4072). Es ging um folgende Fragestellungen:

  • Zusammenhang der Verordnung von Homöopathie mit medizinischen Fachgebieten;
  • Welche Absichten mit den Verordnungen verfolgt wurden;
  • Inwieweit ergaben sich Übereinstimmungen mit bestimmten Einstellungen;
  • Ansichten zur Homöopathie einschließlich Erklärungsmodelle,
  • Bewertung der Evidenzbasis der Homöopathie;
  • Annahme der Eignung von Homöopathie bei bestimmten Indikationen,
  • Erstattungsfähigkeit der homöopathischen Behandlung durch die gesetzlichen Krankenkassen?

Die Teilnahmequote betrug 38%, das Durchschnittsalter 54 Jahre. 61 % der Befragten waren männlich. Bei 40 % handelte es sich um internistische Allgemeinärzte.

23% der Befragten verordneten Homöopathie mindestens einmal jährlich. Schwerpunktmäßig waren an medizinischen Fachgebieten besonders an den Verschreibungen die Bereiche Allgemeinmedizin (keine Spezialisierung), Pädiatrie und Gynäkologie/Geburtshilfe beteiligt.

Von den Verordnungen waren nur 50 % eindeutig dazu bestimmt, spezifische homöopathische Wirkungen hervorzurufen, nur 27 % der Verschreibenden hielten sich strikt an die homöopathische Verschreibungslehre (was ist das?) und nur 23 % glaubten, dass es wissenschaftliche Beweise für eine Wirksamkeit der Homöopathie gibt. Die Sicht auf die Homöopathie als Placebo-Methode fand die stärkste Zustimmung unter den Verordnern (!) und auch den Nichtanwendern (63% bzw. 74% Zustimmung). Eine Erstattung homöopathischer Heilmittel durch die gesetzliche Krankenversicherung wurde von 61% aller Befragten abgelehnt (was immerhin im Hinblick auf die momentane Gesetzeslage in der Schweiz bemerkenswert ist).

Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass medizinische Fachgebiete die Homöopathie mit deutlich unterschiedlicher Häufigkeit anwenden und nur die Hälfte der Verordnungen dazu bestimmt war, homöopathie-spezifische Wirkungen erzielen zu wollen. Darüber hinaus erkennt die Mehrheit der Verordner (!) an, dass die Wirksamkeit der Homöopathie nicht bewiesen ist und misst ihren traditionellen Prinzipien wenig Bedeutung bei.

Bestimmte medizinische Spezialgebiete (wen wundert es, dass es sich dabei um Pädiatrie und Gynäkologie/Geburtshilfe handelt?) und die damit verbundenen Anforderungen der Patienten, aber auch die Offenheit der Ärzte gegenüber Placeboeingriffen können bei homöopathischen Verschreibungen eine Rolle spielen. Die ärztliche Fortbildung sollte daher nicht nur die Evidenzgrundlage der Homöopathie, sondern auch ethische Dilemmata mit Placebo-Interventionen thematisieren.

Man darf hiernach sicher festhalten, dass von einem Rückhalt der Homöopathie in der Ärzteschaft zumindest bei dieser Untersuchung keine Rede sein kann. Allerdings gibt es trotz dieses irgendwie ermutigenden Ergebnisses immer noch zuviel davon. Beispielsweise konzentriert in der Mitgliederschaft des Deutschen Zentralvereins homöopatischer Ärzte, was die Ärztekammern in die Lage versetzen könnte, Fortbildungen sehr gezielt anzubieten…

 

„High dilution research“ – Forschung oder Verirrung?

Das Informationsnetzwerk Homöopathie hat vor kurzem die Frage erreicht, weshalb bei diesem keine Auseinandersetzung mit der Forschung zu ultrahohen Verdünnungen, dem sogenannten high dilution research, stattfinde. Das ist die Forschungsrichtung, die -soweit sie in Bezug auf Homöopathie stattfindet- in weit höherem Maße im „Nichts“ forscht als jeder Astrophysiker und in der Vorstellung lebt, irgendein Nachweis irgendeines auffälligen Verhaltens von hochverdünnten Lösungen sei per se der ultimative Nachweis der Richtigkeit von Hahnemanns Lehre.

Dass dem keineswegs so ist und weshalb sich eine Auseinandersetzung mit ihr im Rahmen von Homöopathiekritik nicht lohnt, hat Dr. Norbert Aust in einer Antwort begründet, die er auf seinem Blog veröffentlicht hat.

Der Blogbeitrag von Dr. Aust sei jedem am Homöopathieproblem Interessierten sehr zur Lektüre empfohlen. Kurz gesagt, wird dort dargelegt, dass selbst irgendwelche Ergebnisse, auch ohne diese zu qualifizieren, letzten Endes ohne Bedeutung für die zentrale Frage sind, ob Homöopathie wirkt oder nicht. „High dilution research“ – Forschung oder Verirrung? weiterlesen

Heilpraktiker, Homöopathie & Co. – Politik als Kunst des Notwendigen

Immer dieser Wissenschaftskram!

In meinen aktuellen Beiträgen zur Heilpraktikerdiskussion auf Die Erde ist keine Scheibe habe ich die Notwendigkeit betont, Gesundheitspolitik und Aufklärung auf rationaler, will heißen, wissenschaftlich fundierter Basis zu betreiben und die vielfach offene Geringschätzung von Wissenschaftlichkeit und Rationalität als unvertretbar zurückzuweisen.

In mancher Reaktion musste ich zu meinem Bedauern und auch zu meinem Erschrecken feststellen, dass die darin liegende Botschaft, trotz deutlicher Gegenüberstellung der Positionen, offenbar nicht recht angekommen ist. Nicht die argumentativen Defizite der alternativmedizinischen Seite werden erkannt, ganz im Gegenteil werden „Argumente“ von der kritischen Seite eingefordert, was die Situation einigermaßen auf den Kopf stellt. Dies, obwohl diese kritischen Argumente seit langem -und aktuell nochmals präzisiert und wiederholt– offenliegen und darauf warten, in einem sinnvollen faktenbasierten Diskurs betrachtet zu werden. Allein- dies geschieht nicht. Heilpraktiker, Homöopathie & Co. – Politik als Kunst des Notwendigen weiterlesen

Interview mit einem Homöopathen (3 und Schluss)

Liebe Leserinnen und Leser,

zunächst darf ich um Entschuldigung für die ziemlich lange Zeitspanne bitten, die seit dem Erscheinen des vorigen Teils unserer Betrachtung verstrichen ist. Ich weiß auch nicht, wo die Zeit geblieben ist… Aber unser Thema hier ist ja in der Zwischenzeit nicht durch die Streichung des Binnenkonsens und die Rücknahme der Erstattungsfähigkeit der Homöopathie obsolet geworden, obwohl -der Interessierte hat es zweifellos registriert- eine gewisse Bewegung in der Sache zu verzeichnen ist. Eine gewisse. Ein wenig. Ein kleines bisschen…

Nun aber zum Abschluss der Besprechung von Dr. Behnkes Interview mit sich selbst. Interview mit einem Homöopathen (3 und Schluss) weiterlesen

Interview mit einem Homöopathen (2)

Liebe Leserinnen und Leser,
ich bitte vorab noch einmal um Verständnis, dass die Beiträge zu Dr. Behnkes Interview außergewöhnlich lang ausfallen (werden). Meine Lebensfreude wird dadurch auch nur bedingt positiv beeinflusst. Ich wäre aber nicht zufrieden damit, eine derart breit ausgeführte und argumentativ verflochtene Homöopathie-Propaganda  kurz abzutun. Was durchaus eine Alternative wäre, es reicht natürlich der Satz „Wo nichts ist, kann nichts wirken und darüber kann man auch keine sinnvollen Interviews geben“.  Völlig richtig und legitim. Will ich aber nicht.

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In den nachfolgenden Passagen des Interviews mit Dr. Behnke wird es wiederholt um Fragen der Studienlage zur Homöopathie zum wissenschaftlichen Nachweis ihrer Wirksamkeit und auch zur Wissenschaftsproblematik allgemein gehen. Ein detailliertes Eingehen hierauf würde den Rahmen dieser Besprechung endgültig sprengen, ich werde insofern nur anekdotisch kommentieren. Meine Bewunderung an alle, die sich mit der Studienlage immer wieder detailliert auseinandersetzen  – was ich auch tue, aber so etwas ist nicht in ein, zwei Stunden machbar. Interview mit einem Homöopathen (2) weiterlesen

Interview mit einem Homöopathen (1)

Nein, es soll hier nicht um den schon vieldiskutierten Beitrag von Frau Bajic in der ZEIT gehen, in dem sie auf etwas eigenartige Weise ihre eigene Profession nicht gerade verteidigt. Es geht um ein Interview mit Dr. Jens Behnke, bei der Carstens-Stiftung zuständig für „Homöopathie in Forschung und Lehre“, auf heilpraxisnet.de.  Als Teil einer dort erscheinenden Reihe zur Homöopathie, dessen einleitenden Beitrag ich in diesem Blog auch gewürdigt habe.

Da das Behnke-Interview sehr umfangreich ist und von daher den Anscheinsbeweis der vielen Worte in Anspruch nimmt, erfordert es auch eine umfangreichere Auseinandersetzung. Versuchen wir es. Interview mit einem Homöopathen (1) weiterlesen

Difficile est satiram non scribere (Juvenal)

Gute Nerven? Dann lest den hier verlinkten Bericht von Joseph Kuhn bei den scienceblogs über eine Podiumsdiskussion im Rahmen einer erneuten Ringvorlesung zur Homöopathie an der LMU München.

Wir wollen uns gar nicht erst darüber aufregen, dass ungeachtet der auch vom INH angestoßenen kritischen Diskussion zum Wintersemester 2016 die LMU  -auch diesmal unter der Regie des Haunerschen Kinderspitals, anscheinend einer Außenstelle der Homöopathie-Lobby – wiederum diese Veranstaltung geschehen lässt. Viel wichtiger erscheint mir, dass der Bericht von Joseph Kuhn ein bezeichnendes, ja grelles Schlaglicht auf die homöopathische Position wirft, wie sie von den großen Proponenten vertreten wird. Wer noch Illusionen gehabt haben sollte, der lese: Difficile est satiram non scribere (Juvenal) weiterlesen