Homöopathie international: Die Reviews / die Statements / die Maßnahmen

 

Teil I:         Übersicht über die veröffentlichen Reviews / Metaanalysen zur Homöopathie (seit 1991)

Teil II:        Stellungnahmen von wissenschaftlichen Organisationen und staatlichen Stellen zur Homöopathie

Teil III:       Gesundheitspolitische / staatliche Maßnahmen zur Homöopathie im Gesundheitswesen (seit 2016)

  

Stand: 9. November 2018  Homöopathie international: Die Reviews / die Statements / die Maßnahmen weiterlesen

Spiegel-Beilage vom 10.11.2018: War wohl nichts

Aus dem heute erschienenen SPIEGEL fällt einem eine Beilage entgegen, ein Heftchen namens „wohl – Das Gesundheitsmagazin“, das viermal jährlich in dieser Form unter die Leute gebracht wird. Ab der Seite 6 findet sich ein Artikel mit dem Namen „Sanfte Fördermittel“, der mich zunächst verwundert an die Kreditanstalt für Wiederaufbau denken ließ… Aber nein. Es handelt sich um einen Propagandaartikel pro Homöopathie, und zwar einen, der richtig dick aufträgt. Spiegel-Beilage vom 10.11.2018: War wohl nichts weiterlesen

Gibt es „mehrere Medizinen“? Alternativ, komplementär, integrativ…

bunt
So schön bunt hier… scheinbare Vielfalt.

Was soll das ganze Gerede von alternativer, komplementärer und auch integrativer Medizin eigentlich? Gibt es mehrere Medizinen? Oder soll hier verschleiert, verunklart, sollen Begriffe in- und übereinandergeschoben werden, um Grenzziehungen zu verwischen? Grenzziehungen zwischen Medizin und Nicht-Medizin?

Setzen wir die Definiton von „Medizin“ im heutigen Sinne vornean: Medizin ist das, was nachweislich spezifisch wirkt und was wegen der Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit und Schwere unerwünschter Wirkungen abschätzen zu können, auch verantwortlich beim individuellen Patienten zur Behandlung eingesetzt werden kann. Kurz: Medizin ist, was bei Anwendung mit hinreichender Wahrscheinlichkeit (was im Einzelfall abzuwägen ist) ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis der Behandlung, mithin einen Nutzen für den Patienten verspricht. Was ziemlich genau den Kerngedanken der evidenzbasierten Medizin entspricht.

Und das schöne Wort  „Alternativmedizin“?  Was soll denn zu der gegebenen Definition von „Medizin“ eigentlich „alternativ“ sein? Gibt es eine „Alternative“ zu Mitteln und Methoden, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis aufweisen und hinreichend wahrscheinlich  vorhersehbare Wirkungen erzielt werden können? Ersichtlich doch nicht! Bleibt nur die Deutung, dass „Alternative Medizin“ der Gegenpol zum Medizinbegriff gemeint sein soll, also etwas, das eben nicht nachweislich wirkt? Das doch wohl auch nicht. Damit ist der Begriff der Alternativmedizin schon als sinnloser Leerbegriff, als manipulatives Wortgeklingel, entlarvt. (Prof. Edzard Ernst hat folgerichtig sein letztes Buch mit „SCAM – So called Alternative Medicine“ betitelt.

Nehmen wir die „komplementäre Medizin“. Hier kommt es auf einen anderen Punkt an. Niemand wird bestreiten, dass es viele evidenzbasierte Begleitbehandlungen gibt, die nicht der primären Therapie dienen, sondern etwa der Linderung von Therapiebeschwerden, der reinen Schmerzbekämpfung, der Wundheilung und was es an sekundären, den Patienten quälenden Begleiterscheinungen von Krankheit und Behandlung sonst noch so gibt. Dafür wäre aber eher der Terminus „komplementäre Behandlung“ sinnvoll. Es geht auch bei den evidenzbasierten komplementären Behandlungen um den oben ausgeführten Kernbegriff der „Medizin“. Diesen Rahmen hat Prof. Edzard Ernst in seinem Buch „Praxis Naturheilverfahren: Evidenzbasierte Komplementärmedizin“ abgesteckt.

Leider zeigt die Erfahrung aber, dass der Begriff der „komplementären Medizin“ in aller Regel dazu dient, eben nicht evidenzbasierte Dinge in den Kontext der evidenzbasierten Medizin einzuschmuggeln – nach dem Motto, kann ja nicht schaden – und wenn es dem Patienten nachher besser geht, machen wir eine „Versorgungs- oder Beobachtungsstudie“ und schreiben uns die Besserung auf unsere Fahnen. Wobei häufig durchaus nicht stört, dass ohne Vergleichsgruppe niemand auf der Welt sagen kann, ob die Mittelchen der alternativen Fraktion auch nur ein Jota zu Besserung beigetragen haben, wenn sie „komplementär“ zur wissenschaftsbasierten Standardbehandlung verabreicht wurden. Wobei das auch mit der Vergleichsgruppe immer so eine Sache ist, bei ungleichen Rahmenbedingungen, aufgrund subjektiver Befindenseinschätzung und was dergleichen mehr Faktoren sind, Beispiel siehe hier ). Beobachtungsstudien sind eben keine Wirksamkeitsstudien, per defintionem nicht. Wieder nur ein Mäntelchen aus Begriffen und Worten, in diesem Falle auch noch mit dem Ziel, von Trittbrettfahrerei zu profitieren? In hohem Maße: Ja. Wenn eine Methode nicht außerhalb ihrer „komplementären“ Anwendung ihre wissenschaftliche Validität belegt hat, steht sie stark im Verdacht, per Trittbrettfahrerei profitieren zu wollen.

Und „integrative Medizin“? Offenbar, obwohl schon immer gängig, das neue Mode-Buzzword der pseudomedizinischen Fraktion. Ganz offensichtlich aber ein Leerbegriff, der das Problem sogar noch weiter steigert. Medizin ist Medizin, sie ist pragmatisch und „integriert“ alles, was nach strenger Prüfung zur Behandlung von kranken Menschen dient, in ihren Kanon. Es ist ihr dabei  völlig gleichgültig, woher oder von wem das Mittel oder die Methode stammt. Sicher die Hälfte der heutigen Pharmazeutika hat ihren Ursprung in Natur- und Pflanzenheilkunde. Manche Methoden der Medizin sind aus früherer Zeit überkommen, wurden aber geprüft, für geeignet befunden und weiter verbessert. (Ein Beispiel: William Withering, 1741 – 1799, sah die Anwendung von Digitalis als herzentlastendes Mittel tatsächlich bei einer „kräuterkundigen“ alten Frau. Er beobachtete und forschte dazu ganze zwanzig Jahre lang, bevor er sich sicher genug fühlte, seine Erkenntnisse zu veröffentlichen. Auf dieser Entdeckung beruhen heute noch Grundtherapien in der Kardiologie – nachdem sich die Richtigkeit von Witherings Thesen bestätigt hatte, wurden sie in den Kanon der Medizin „integriert“.)  Andere Mittel und Methoden wurden geprüft und als ungeeignet verworfen. Die Medizin „integriert“ ständig, das ist der Kern medizinischen Fortschritts und jeder Wissenschaft, die diesen Namen verdient. Welchen Inhalt soll angesichts dessen ein besonderer Begriff „integrative Medizin“ haben? Offen sein für Beliebigkeit und Try-and-Error-Medizin?

Ich gebe zu, dass man diese drei Begriffe durchaus sinnvoll definieren, voneinander abgrenzen und gemeinsam in gleicher Bedeutung nutzen kann. Allein, das geschieht ja nicht. All diese viel gebrauchten Begriffe sind vielfach nur gefälschte Eintrittskarten für das Gebiet der anerkannt wissenschaftsbasierten Medizin. Sie dienen der unklaren Grenzziehung zwischen Medizin und Nicht-Medizin, letztlich zwischen Wissenschaft und Nicht- oder Pseudowissenschaft. Sie sind leere Worthülsen, die gleichwohl ihren Dienst im täglichen Sprachgebrauch tun. Man sollte sich nicht täuschen lassen und für eine klare Grenzziehung eintreten.

Derzeit jedenfalls sehe ich nur einen Gebrauch für all diese schönen Worte: Zusammengefasst in dem Kurzwort CAM – gebraucht von kritischen Köpfen als Bezeichnung für das, was gern eine medizinwissenschaftliche Reputation hätte, aber eben keine hat.

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„Es wird übrigens für die Wissenschaften eine immer massivere Herausforderung, überzeugend die Grenze zu Nichtwissenschaft oder auch zu Pseudowissenschaft zu ziehen. Diese Frage gehört zu denjenigen, die mich am allermeisten interessieren.“ – Prof. Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, im WELT-Interview am 16.03.2014.

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Ein Musterbeispiel dafür, wie mit dem Etikett der „integrativen Medizin“ Schindluder getrieben wird, ist aktuell auf dem Blog von Prof. Edzard Ernst erschienen. Die Originalstudie findet sich hier.  Bezeichnend, dass gleich die Studie selbst im Titel mit „complementary and integrative“ protzt, ohne im Verlaufe der Arbeit irgendwie deutlich zu machen, wo man die Grenzziehung sieht oder ob nun doch eigentlich das Gleiche (was?) gemeint ist.

Zudem bringt mich die Absicht der Landesregierung Baden-Württemberg, an der medizinischen Fakultät in Tübingen einen „Lehrstuhl für Naturheilkunde und integrative Medizin“ einzurichten, zusätzlich ins Grübeln. Die Stimmen der üblichen Verdächtigen aus der alternativkomplementärintegrativen Szene jedenfalls haben sich natürlich sofort wieder einigermaßen lautstark bemerkbar gemacht und reklamieren ihr Interesse… und nutzen die fehlende Grenzziehung zwischen den Begriffen.


Bildnachweis:  Eigenes Bild

Verbraucherschutz-Zitrone für Homöopathie!

Wem ist der Begriff „shonky“ geläufig? Er gehört in Australien und Neuseeland zur Umgangssprache und bedeutet so viel wie unehrlich, unzuverlässig, auf hinterhältige Weise, schäbig – oder alles zusammen. Das australische Verbraucherschutzportal „Choice“ verleiht seit 2008 für schlechte, unsinnige und manchmal gefährliche Produkte die „Shonkys of the Year“ – in Form einer symbolischen Zitrone.

In diesem Jahr gehört zu den neun Ausgezeichneten auch ein homöopathisches Produkt. Homöopathisches Melatonin, angepriesen zur Vermeidung vorübergehender Schlafstörungen und leichter nervöser Spannungen. Hergestellt und vertrieben von Pharmacare, nach eigenen Angaben das größte australische Unternehmen für Gesundheit, Fitness und Konsumgüter mit riesigem, auch internationalem Vertriebsnetz. Zu den 23 von Pharmacare geführten Marken gehört auch „Bioglan“ die Vertriebsmarke des Melatonin-Homöopathikums. Verbraucherschutz-Zitrone für Homöopathie! weiterlesen

WO SIND WIR HIER EIGENTLICH?!?

Die Debatte über Homöopathie in Apotheken hat seit kurzer Zeit aufgrund eines bemerkenswerten Vorganges zusätzlich Fahrt aufgenommen:  Apothekerin Iris Hundertmark aus Weilheim in Oberbayern hat viel Zuspruch für ihre Entscheidung erfahren, in ihrem Betrieb keine Homöopathika mehr vorzuhalten und aktiv zu vertreiben. Diese Entscheidung ist selbstredend eine persönlich verantwortete und steht ihr im Rahmen ihrer Betriebsfreiheit fraglos zu, zumal sie die Belieferung rezeptierter Homöopathika weiterhin garantiert. Aber siehe da  – in nicht geringem Ausmaß (jedoch für den erfahrenen Kritiker nicht unerwartet) war sie persönlich gefärbten, unsachlichen und von Unkenntnis über die Homöopathie strotzenden Anwürfen von vielen Seiten, vorrangig gar der Kollegenschaft, ausgesetzt. Der Grad von Irrationalität, mit dem die Homöopathie in Deutschland vielfach „verteidigt“ wird, zeigt sich in diesem Vorgang einmal mehr mit bestürzender Deutlichkeit. WO SIND WIR HIER EIGENTLICH?!? weiterlesen

„Eingeimpft“: Kein Impfgegner-, eher ein Katastrophenfilm.

Das Impfthema hatte seit jeher auf diesem Blog breiten Raum, ich erinnere an die Beiträge zu Wakefields „Vaxxed“ im ersten Halbjahr 2017. Dass noch einmal eine umfangreiche Befassung mit einem Kinofilm zum Impfthema anstehen würde, hätte ich nicht gedacht – die Arbeit mit dem anthroposophischen Vaxxed-Abklatsch „A Man Made Epidemic“ hatte mir Jan Oude-Aost auf dem Blog „diaphanoskopie“ freundlicherweise abgenommen.

Aber: Aktuelles ist zu betrachten. Zu David Sievekings Buch und Film „eingeimpft – Familie mit Nebenwirkungen“ ist schon sehr viel gesagt worden. Die Presse sieht beides ziemlich einhellig als das an, was man in meiner Heimat als „Schuss in den Ofen“ bezeichnet. Sieveking und seine Berater haben sich offensichtlich gewaltig überhoben mit der Idee, ein gesundheitlich relevantes Thema wie das Impfen als Aufhänger für die bei ihm übliche autobiografische Story zu verwenden. „Eingeimpft“: Kein Impfgegner-, eher ein Katastrophenfilm. weiterlesen

Homöopathie, Gentechnik und das Vorsorgeprinzip nach EuGH™

Die Homöopathie muss vor den Europäischen Gerichtshof (EuGH). Jedenfalls nach den Maßstäben, die dieser gerade erst in Sachen Grüne Gentechnik für die Frage angelegt hat, ob und wie das „Vorsorgeprinzip“ in Anbetracht möglicher Risiken angewandt werden muss (d.h. der Staat zu Regulierungen verpflichtet werden kann).

Der EuGH hat sich dabei zu einer Art „bedingungslosem Vorsorgeprinzip“ in Sinne von Verbraucher- und Umweltschutz bekannt. So reagieren beispielsweise Bündnis 90/Die Grünen so auf das Urteil, unter der Überschrift „ES GILT DAS BEDINGUNGSLOSE VORSORGEPRINZIP – EUROPAWEIT!“:

„Sie (die EU-Kommission) muss endlich den Prozess für eine überfällige politische Entscheidung in die Hand nehmen, die keinesfalls außer Acht lassen darf: Dass sich einmal in die Natur entlassene Gentechnik-Pflanzen – erst recht ohne gentechnikrechtliche Auflagen zu Risikobewertung und Freisetzung – unkontrolliert in unsere Ökosysteme und über Ländergrenzen hinweg ausbreiten und nie mehr zurückgeholt werden können.“

Nun werde ich hier keine Gentechnik-Diskussion beginnen (der Titel ist natürlich reines Clickbaiting™), obwohl ich dazu eine dezidierte Meinung habe. Denn das ist nicht mein, nicht unser Thema. Mir geht es vielmehr um die Maßstäbe, die der EuGH und alle die, die diesen Urteilsspruch bejubeln, an das Vorsorgeprinzip und an Regulierungserfordernisse anlegen und die Frage, ob sie das wohl auch für andere ähnlich einzustufende „Risiken“ so sehen. Homöopathie, Gentechnik und das Vorsorgeprinzip nach EuGH™ weiterlesen

Irrungen, Wirrungen

Nein, keine Literatur-Leistungskurs-Aufgabe zu Theodor Fontane wartet hier. Schön wärs…

Dass die Vertreter der Homöopathie-Lobby den Kritikern mit dem Vorwurf eines „Wissenschaftsdogmatismus“ begegnen und ihre Positionen mit einem vorgeblichen Anspruch auf „Wissenschaftspluralismus“ legitimieren wollen, ist nicht neu. Wobei „Wissenschaftspluralismus“ nicht mehr nur den Anspruch enthält, „mehrere Medizinen“ als „pluralistisch“ anzuerkennen, sondern darüber hinaus auch noch den, „mehreren Wissenschaften“ eine gleichberechtigte Existenz zuzusprechen. Irrungen, Wirrungen weiterlesen